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Jüdische Rundschau · 1932-01-29 · Heft 8 (29.1.1932) · page 2

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
XXXVII (1932)
Issue
Heft 8 (29.1.1932)
Date
1932-01-29
Page
– (sequence 2)
Language
German
Belongs to
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Seite 36 Nr. 8, 29.11932 gegen England ist offenbar ein neuer Beweis ihrer lieber- Iegenheit auf dem Gebiete der realen, Politik. Jabotinskys Programm-Rede bringt dann weiter die Forderung von ״Tozereth Haare z“, die hiermit überflüssigerweisc in einen parteipolitischen Zusammenhang gebracht wird. Wenn sie aber nunmehr als ״politische“ Losung gebraucht wird, gerät der Revisionismus in die verdächtige Nachbarschaft eines bisher stürmisch abgelehnten Hauptgedankens des Weizmannschen Systems: War es nicht Weizmann. der immer wieder proklamierte, daß auch eine erfolgreiche Politik vor allem die Verstärkung der wirtschaftlichen Position im Auge haben müsse? Und haben nicht die Erzengel des ״politischen“ Zionismus diese Auffassung mit ihren vor Entrüstung flammenden Schwertern als ״Verzicht“ auf die politische Methode bekämpft? Es muß offenbar etwas geschehen, um die Folgerung zu vermeiden, daß hier geradezu eine Kapitulation vor dem System Weizmanns stattgefunden hat. Da trifft es sich gut, daß am Schluß der Rede Jabotinskys 15״ Millionen Streichhölzer“ auf flammen — die 15 Millionen jüdischer Herzen nämlich, die durch Englands Verrat in Brand gesetzt sind. Das Bild ist nicht restlos geglückt, wenn man bedenkt, daß Streichhölzer nicht allzu lange zu brennen pflegen. Die Flamme des Zionismus wird bleiben, denn sie wird — Gott sei Dank — von anderen Stoffen genährt. Jabotinskys Feuerzauber beleuchtet in voller Schärfe die Leere und Ratlosigkeit, in die der Revisionismus als politischer Gedanke geraten ist. Er hat geradezu eine Schwenkung zu einer antipolitischen — nämlich auf praktische Politik jenseits der Propaganda verzichtenden — Haltung vorgenommen. Aber es genügt nicht, dieses Ergebnis zu konstatieren. Es muß auch geprüft werden, wie es zu diesem Ergebnis kommen konnte, da die Verzweiflung an England, die ihm zugrunde liegt, keineswegs auf die Kreise der revisionistischen Organisatlon beschränkt ist. Damit rückt das politische Problem, von dem wir ausgingen, in den Mittelpunkt der Betrachtung. Die Enttäuschung über England wäre weniger groß, wenn nicht große Teile der Bewegung, deren deutlichste Repräsentanten die Revisionisten sind, seit der Balfour-Deklaration die kühnsten Hoffnungen auf England gesetzt hätten. Ebensowenig, wie sie sich um die objektiven Bedingungen Palästinas — Beschaffenheit des Landes und Vorhandensein von Einwohnern — kümtnerten, achteten sie auf die objektiven Bedingungen der englischen Politik und auch auf den objektiven Inhalt der maßgebenden politischen Dokumente. Wunschträume wurden als rechtliche Ansprüche behandelt. Immer wieder belebte und steigerte man die Erwartungen. Jede andere Form des jüdischen Lebens in Palästina als der - Jitfengiaät ‘wurde-'als/ minderwertig••... und: ntaadats widrigdiffamiert. Es hat wenig Sinn, darüber zu streiten, ob wir auf Grund des Mandates den Judenstaat gehabt hätten, wenn, wie im Jahre 1019 ein Führer der politischen Opposition meinte, jährlich 500000 Juden oder wenn auch nur, wie die auch damals gegen den Extremistnus sich verteidigende ״gemäßigte Richtung“ meinte, jährlich 50 000 Juden nach Palästina gekommen wären. Weder die eine noch die andere Zahl hat sich als zutreffend erwiesen, und so bleibt nichts übrig, als festzustellen, daß im Mandat der Judenstaat nicht versprochen ist Eter Text der Dokumente enthält nichts davon, die autoritativen Instanzen des Völkerbundes haben sie nieraals in diesem Sinne ausgelegt, einiges andere für eine ernsthafte Auslegung wichtiges Material spricht nicht gerade für diese Auffassung. Revisionisten haben freilich durch Zitate aus — sicher damals ehrlich gemeinten — Versammlungsreden und Artikeln der Kriegs- und ersten Nachkriegszeit beweisen wollen, daß der Judenstaat in der Balfour-Deklaration und im Mandat versprochen worden sei. Durch diese Art von Propaganda hat man nichts anderes provoziert als den Gegenbeweis durch den Text der Urkunden, und es gehört die Naivität eines Redakteurs aus Shanghai dazu, eine Auseinandersetzung, die mit diesem Ergebnis endet, als zionistischen Erfolg in die Welt zu posaunen. Aber man hat mit dieser Methode immerhin erreicht, daß große Teile des jüdischen Volkes diesem Irrlicht der angeblichen englischen Versprechungen vertrauten und sich schließlich auf keine Weise mehr von diesem Glauben abbringen lassen wollten. Die Niederläge Weizmanns auf dem letzten Kongreß war der letzte Beweis dafür, daß große Teile der Organisation von Wahrheit und Klarheit über die wirklichen rechtlichen und politischen Bedingungen n i c h t s w i s s e n, die Warnungen vor dem trügerischen Glanz nicht hören wollten. Die politische Aufgabe des Zionismus konnte niemals darin bestehen, diesem Irrlicht nachzujagen. Wer ihm folgte, mußte in den Sumpf des völligen politischen Nihilismus —- der Verneinung aller Möglichkeiten — geraten, in dem der Revisionismus jetzt stecken geblieben ist Die Aufgabe der zionistischen Politik konnte niemals darin bestehen, sich in Kämpfen um ein imaginäres Kolonisations-Regime zu zerreiben. Sie hatte vielmehr eine vorhandene reale, prozionistische Richtung der englischen Politik zu stützen, die seit 1917 von einer dem Zionismus Ungünstigen Auffassung des Palästinaproblems bedrängt wurde. Die ״prozionistische Schule“ suchte nach einigen Jahren der Erfahrung den Inhalt der Balfour-Deklaration durch die Konzeption des Weißbuches von 1922 zu retten. Sie beruhte stets darauf, daß das zionistische Ziel unter Berücksichtigung der arabischen Rechte erreicht werden solle und könne, ln den ersten Jahren fand diese Anschauung ihren Ausdruck in der negativen Folgerung, daß die Regierung nicht einseitig ihre Macht den Juden zur Verfügung zu stellen, diesen aber volle Aktionsfreiheit zu ge¬ JÜDISCHE RUNDSCHAU währen habe. Neuerdings bestimmt die von der Mandatskommission geschaffene Lehre von der ״doppelten Verpflichtung“ gegenüber Juden und Arabern die Haltung dieser prozionistischen Schule der englischen Politik. Seit 1920 gab es weder in Genf, noch in London Politiker von ernsthaftem Gewicht, die sich auf anderer Basis für den Zionismus eingesetzt hätten. Die Sondersitzung der Mandatskommission und die letzte große Palästina-Debatte im Unterhaus sind die letzten und eindrucksvollsten Beweise. Der Grund ist einfach: Auch die Freunde des Zionismus — aufrichtige, verständnisvolle und tätige Freunde -— kommen nicht ohne eine zu praktischen Kon- Sequenzen führende Würdigung des arabischen Problems aus, und sie entnehmen die Möglichkeit eines Eintretens für den Zionismus gerade aus der Möglichkeit einer positiven Antwort auf die arabische Frage. Heute hat eine starke Unruhe über die künftige englische Politik auch d i e Zionisten ergriffen, die sich über ihren möglichen Inhalt nicht der großen Täuschung hingegeben haben. Denn seit dem Herbst 1929 besteht die akute Gefahr, daß die ״prozionistische Schule“ ihren bestimmenden Einfluß verliert. Shaw-Bericht und Weißbuch waren die ersten großen Einbruchsstellen, und auch nach dem MacDonald-Brief ist der ״Near East“ der Meinung, daß die ״gute, alte Plumer-Zeit“ nicht wiederkehren werde. Die ״antizionistische Schule“ hat deutliche Fortschritte gemacht. Ihre eigene Energie, vielleicht ein gewisses Gewicht der von ihr vertretenen orient-politischen Meinungen, haben gewirkt, und eine gewisse Unter- Stützung erhielt sie durch den Prozeß der immer stärkeren Entfremdung zwischen dem Jischuw und der Beamtenschaft, sowie durch den Mangel eines verbindlichen Planes für die Behandlung des arabischen Problems auf zionistischer Seite. Das Weißbuch von 1930 kündigte die Gefahr an, daß nicht mehr die Gleichwertigkeit der jüdischen und arabischen Verpflichtung des Mandats, sondern der Vorrang der arabischen Verpflichtung, verbunden mit planmäßiger Beschränkung der jüdisehen Möglichkeiten, zum leitenden Prinzip der englischen Palästina-Politik gemacht werden sollte. Auch in dieser dunklen Situation sind Haßgesänge gegen England von zweifelhaftem Wert. Vielleicht können wir auch heute noch das Vordringen der von der Militär- Verwaltung bis zu Passfield führenden Strömung erschweren, wenn wir uns entschließen, dem Sumpf der Irrlichter den Rücken zu kehren, unnötige Konflikte mit der Regierung nach Möglichkeit zu vermeiden und dem arabischen Problem nicht mehr auszuweichen, sondern bei jeder Ge- Iegenheit unseren Willen und unsere Fähigkeit zu einer Lösung zu zeigen. Die blinden Ausbrüche der Leidenschaft können nur die uns schädliche Richtung verstärkeri, indem sie ihr zu allem anderen noch das Argument der ״England-Feindlichkeit“ des Zionismus liefern. Sie verkennen ..aber auch die seblck&akomßige Verbundenheit,־ die den Zionismus — mit oder ohne seinen Willen, mit oder ohne gegenseitige Liebe — auf seinem Wege nach Palästina mit England zusammengeführt hat. Der Versuch, diese von der Geschichte gesetzte Bedingung abzulehnen, führt zu den nicht ernstzunehmenden Andeutungen über einen ״neuen Mandatar“, zu einer sinnlosen Propaganda des bürgerlichen Ungehorsams, zum Ersatz der Politik durch Donquichoterie. Die britische Politik als eine gegebene Tatsache unseres politischen Aktionsfeldes anzuerkennen, bedeutet immerhin die Möglichkeit, eine Politik des Jüdischen Nationalheims auch in Zukunft weiterzuführen. Sie wird freilich von England nicht das Heil und die Erlösung erwarten dürfen; aber wir haben noch immer die Möglichkeit und daher die Pflicht, to inake tbe best of it. Und innerhalb der uns hier gebotenen Chance wird es von unserer Leistung und unserem Wollen abhängen, ob wir das begonnene Werk zum Erfolg führen. Schieberand Monstreprozesse In den nächsten Tagen werden in Berlin einige große sögenannte Wirtsehaf tsprozesse vor dem Landgericht zur Verhandlung gelangen. Neben evangelischen Heimstätten-Gc- Seilschaften, christlichen Bankverwaltungen und Vorständen rein niditjüdischer Beamteninstitute, werden sieh auch einige jüdische Direktoren der Schultheiß-Patzenhofer-Gesell• schaft, Katzenellenbogen und Konsorten, sowie jüdische Bankiers wegen Devisenschiebungen zu verantworten haben. Schon jetzt wird in der antisemitischen Presse darauf hingewiesen, daß ״die Juden“ durch ihre faulen geschäftlichen Manipulationen und Schiebungen den Ruf der deutschen Wirtschaft im Auslände irreparabel geschädigt haben. Diese Presse unterläßt es geflissentlich, darauf hinzuweisen, daß neben den jüdisehen Angeklagten eine große Anzahl von Ariern der gleichen Delikte wie die jüdischen Geschäftsleute angeklagt sind. Es muß nicht darauf hingewiesen werden, daß es barer Unsinn ist, allen Ernstes eine Gesamt Verantwortung der jüdischen Gemeinschaft für Verfehlungen einzelner jüdischer Bank- und Geschäftsleute zu konstruieren. Jede Gemeinschaft und noch mehr jeder Stand haben ihre spezifischen Gesetzesübertreter. Es ist klar, daß sich bei den Juden, die vornehmlich im Handel und Geldgeschäft tätig sind, verhältnismäßig mehr Verstöße gegen Bestimmungen des Aktienrechtes und der Devisenverordnung finden werden als unter Getreidebauern und Viehzüchtern. Andererseits scheint es uns nicht überflüssig, darauf hinzuweisen, daß von den diesmal unter Anklage stehenden Juden die meisten entweder aus dem Judentum ausgetreten sind oder mit ihm g#r keine Beziehungen mehr unterhalten. Wir erwähnen das, nicht um die jüdische Gemeinschaft zu entschuldigen, sondern um den Tatbestand klarzustellen. Die berühmte englische Schauspielerin Sybif Thorndike wird Anfang April mehrere Gastspiele in Palästina absolvieren, besonders in der Rolle der ״Heiligen Johanna“ von Shaw, die sie als erste kreiert hat Zur Tragödie von Soroca Die Reiterung tcMle§t de» Tarbuih-Lyzeum Die Erschießung der sechs Juden an der rumänischrussischen Grenze bei Soroca wurde bekanntlich von den rumänischen Militärbehörden damit motiviert, daß die sechs Juden ״kommunistische Spione“ gewesen seien, die im Begriffe waren, über den Dnjestr nach Rußland zu entfliehen. Nach den von jüdischer Seite an gestellten eingehenden Erhebungen stimmt diese Darstellung nicht. Der jüdische Abgeordnete von Bessarabien, Dr. Landau, der persönlich an Ort und Stelle Untersuchungen vornahm, hat um eine Audienz beim König angesucht, um diesen persönlich zu informieren. Inzwischen wird aber von den Militärbehörden, denen sich jetzt die Regierung offiziell unterworfen hat, alles getan, um ihrer These von der kommunistischen Verschwörung Nachdruck zu verleihen. Da die eine der Getöteten, Selda Pferdmann, in dem offiziellen Communique fälschlich als ״Lehrerin am Tarbuth-Lyzeum“ in Soroca bezeichnet wurde, erhob sich in der antisemitischen Presse eine scharfe Hetze gegen diese Schule, die als ein Herd kommunistischer Propaganda hinosteilt wurde. Nunmehr hat, wie aus Bukarest gemeldet wird, iese Hetze ihre Früchte getragen: Die Regierung hat die behördliche Schließung des Tarbuth-Lyzeums an geordnet. Die Exekutive der Zionistischen Organisation Rumäniens ist bemüht, durch Intervention bei allen zuständigen Zentralbehörden, Innenministerium, Unterrichtsministerium und Minderheitenamt, die Wiedereröffnung des hebräischen Lyzeums in Soroca, das aus zwei Anstalten, einem Knaben- und einem Mädchen-Gymnasium, besteht, zu erwirken. Dem Abgeordneten Dr. Max Diamant wurde von Unterstaatssekretär Ottescu mitgeteilt, daß Ministerpräsident Jorga persönlich auf Grund eines ihm vom Kriegsminister Amza Stefanescu vorgelegten Berichts, der sich auf Erhebungen der Militärbehörden von Soroca stützt, die Schließung des Tarbuth-Lyzeums von Soroca verfügt hat. Abgeordneter Dr. Max Diamant und Dr. A. Mibaschan haben bei Minister Rudolf Brandsch, Leiter des Unterstaatssekretariats für die Minderheiten, und bei Minister C. V. Cristi, dem Leiter des erst kürzlich geschaffenen Referats für Bessarabien im Ministerpräsidium, in der Angelegenheit dieser Schulschließung interveniert. Es ist wohl nicht leicht, eine grausamere Ironie auszudenken als die Schließung einer hebräischen Schule an der russischen Grenze wegen des Verdachtes kommunistischer Sympathien, ln Sowjetrußland haben die Kommunisten alle hebräischen Schulen vernichtet und führen einen erbitterten Kampf gegen die ״konterrevolutionäre“ hebräische Sprache. In dem Nachbarstaat aber wird der Kampf gegen das hebräische Schulwesen mit der Motivierung geführt, es sei ״kommunistisch" und der Sympathien für Rußland verdächtig. So wird wie so häufig in der jüdischen Geschichte dieselbe Sache zum Ausgangspunkt entgegengesetzter Beschuldigungen genommen, je nach dem Standort des Gegners, der die jüdische Gemeinschaft treffen will. Die jüdische Öffentlichkeit der ganzen Welt verfolgt mit größter Anteilnähme die Vorgänge in dem kleinen bessarabischen Grenz- Städtchen, wo jüdisches Blut geflossen ist. Wir hoffen, daß die rumänischen Behörden bei näherer Untersuchung genügend Gerechtigkeitsgefühl haben werden, um die jetzt verfügten Maßnahmen, durch die die jüdische Jugend der ihr gemäßen Erziehung beraubt werden soll, so schnell als möglich rückgängig zu machen. Jedes land dar! mir seine eigenen Jaden hauen Altbekannt ist die weitläufige antisemitische Praxis, die sich im Grundsatz äußert: Haust du meine Juden, hau ich deine Juden. Es ist aber festzustellen, daß jedes Land peinlieh darauf bedacht ist, sich das Privilegium auf die eigenen Juden nicht entwinden zu lassen. Vor einigen Tagen passierte es, daß Nationalsozialisten in Königsberg jüdische Passanten polnischer Staatsbürgerschaft überfielen und mißhandelten. Wie die amtliche polnische Telegraphen- Agentur meldet, hat nun der polnische Generaikonsul beim Oberpräsidenten von Ostpreußen Beschwerde eingelegt und gefordert, daß man in Zukunft dafür Sorge trage, daß polnische Staatsangehörige in Königsberg nicht belästigt werden. In der nationalsozialistischen Presse Ostpreußens wird nun höhnisch darauf hingewiesen, daß in Polen in der letzten Zeit schwere Ausschreitungen gegen Juden vorgekommen sind und daß es darum grotesk anmutet, wenn die polnische Regierung im Auslande Juden zu schützen sich bemüht, die sie in ihrem eigenen Lande nicht genügend schützt. Daran erkennt man, daß die Nationalsozialisten sich im jüdischen Fragenkomplex sehr wenig auskennen. Vogelfrei sind mitunter die Juden eigener Staatsbürgerschaft, keineswegs aber Juden, welche Bürger fremder Staaten sind, ln Fällen, wo Juden im Auslände ungerecht behandelt und geschädigt werden, beeilen sich die Heimatregierungen mit besonderem Eifer nachzuweisen, daß sie aut der Wacht stehen und die Rechte ihrer Staatsangehörigen mit allen Mitteln wahrzunehmen bereit sind. In polnischen Zeitungen, nicht nur Regierungsblättern, sondern auch in Organen der polnischen Rechtsopposition, wird aus Anlaß der Königsberger Vorfälle die Forderung erhoben, daß die polnische Regierung i״ aßen Fällen, in denen polnische Staatsangehörige in Deutschland benachteiligt werden, zu Repressalien greifen solle, woraus hervorgeht, daß durch derartige Ausschreitungen der Nationalsozialisten für deutsche Staatsbürger im Auslande unliebsame Schikanen folgen können. Gestörte Jewish Agency-Kundgebungen. Im Krakauer ״Alten Theater“ fand eine Palästina-Kundgebung statt, an der u. a. der Direktor des Keren Hajessod in Jerusalem, Leib Jaffe, teilnahm. Während der Veranstaltung drangen nationaldemokratischeStudenten ih den Saal und störten die Kundgebung durch antisemitische Hetzrufe. Sie wurden von der Polizei entfernt. Vor den Theatereingängen sammelten sich aber nationaldemokratische Studierende in immer größerer Zahl an. Ein großes Polizeiaufgebot trieb die ,Demonstranten auseinander. —־ Letzten Sonntag-Abend blockierten mit Stöcken bewaffnete polnische Demonstranten das Haus der Jüdischen Gemeinde in Posen, in dem eine Keren Hajessod- Kundgebung stattfinden sollte, und hinderten die zur Ver- Sammlung kommenden Juden am Betreten des Gebäudes. Die Polizei tneb die Demonstranten auseinander, so daß die Ver- Sammlung stattfinden konnte. Das Wilna er Kreisgericht verurteilte. Bronislaw Szemiaszko wegen Teilnahme an den antijüdischen Ausschreitungen in Wilna zu einem Jahr Gefängnis. Dies ist der erste Fall der Verurteilung eines Nichtjuden wegen Teilnahme an dem Wilnaer Pogrom, dagegen wurden bis jetzt vier Juden Zu je t!/2 Jahren Gefängnis und einer zu einer kleineren Strafe wegen angeblicher Mißhandlung von Nichtjuden verurteilt. Rabbi Alter aus Gora Kalvarija, in der Chassidim-Welt als der ״Gerer Rebbe“ außerordentlich populär, hat in diesen Tagen mit mehreren Angehörigen seiner Familie eine Reise nach Palästina angetreten, wo er sich u. a. bemühen will, eine gemeinsame orthodoxe Front zu schaffen.

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