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Jüdische Rundschau · 1932-01-26 · Heft 7 (26.1.1932) · page 2

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
XXXVII (1932)
Issue
Heft 7 (26.1.1932)
Date
1932-01-26
Page
– (sequence 2)
Language
German
Belongs to
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Seite 33 JÜDISCHE RUNDSCHAU Nr. 7, 26,I.1932 der Welt. So erklären sich, meint er, viele der Abnormitäten dieser Zeit, und diese Feststellung trifft zweifellos zu. Nur genügt nicht ihre apologetische Hervorhebung, sondern man müßte auch untersuchen, weicher Art im speziellen Falle Palästinas diese ״nationalistischen Hoffnungen“ der beteiligten Völker waren, wer sie geweckt und aufgestachelt hat, was daran chimärisch und was wirkliche Kraft eines nicht rückgängig zu machenden historischen Prozesses war. Und ob wirklich die Art und Weise, wie England sich damals mit diesen realen Kräften auseinandersetzte, der großen Aufgabe entsprach. Aber Bentwich berichtet nur den äußeren Gang der Ereignisse. Hier freilich ist seine zusammenfassende runi״e Dar- Stellung von großem Reiz. Wir besitzen in deutscher Sprache eine vorzügliche Darstellung dieser zehn Jahre Palästina-Geschichte in Hans Kohns ,,Nationalismus und Imperialismus im Vorderen Orient“; um $0 interessanter ist es, bei Bentwich manches Detail mehr unter englischer Beleuchtung zu sehen. Auch für den Kenner dieses Kapitels der Zeitgeschichte bringt Bentwichs Buch so manche vergessene oder nicht immer beachtete Episode ins Bewußtsein, ln großen Umrissen und ohne auf Einzelheiten einzugehen, behandelt er die Ereignisse aus der Zeit vor Bestätigung des Mandats, dann die Periode Herbert Samuels, die drei Jahre Lord Plumcrs und schließlich die große ״Klagemauer-Krisc“ und ihre Folgen. Die Agitation gegen die Politik des Jüdischen Nationklheirns, die in England unmittelbar nach dem Kriege einsetzte und so mächtige Träger wie Lord Northclifie hatte, erreichte ihren Höhepunkt im Jahre 1922, wo schließlich die Palästinafrage auch in beiden Häusern des Parlaments von den Gegnern der Regierungspolitik aufgerollt wurde. Die Araberfrage tritt bereits 1921 mit aller Klarheit in den Vordergrund, vor allem aber sind die Engländer ungehalten, daß man sofortige volle Einlösung der Kriegsversprechen erwartet. Bentwich beschreibt nun die allmähliche Entstehung der Atmosphäre des Mißtrauens und der Verärgerung, wobei er häufig eine unbekannte Macht, die Macht irgendeines Zufalls, eines Mißverständnisses, einer Ungeschicklichkeit, als eigentliche Ursache von Ereignissen anführt, die dann in ihrer weiteren Abwicklung nicht mehr aufzulialten sind. Durch ein derartiges ״Mißverständnis‘‘ wurde z. B. 1922 Lord Northcliffe in einem Panzerauto aus Ludd nach Jerusalem gebracht, wodurch sofort bei ihm der Eindruck entstand, das ehemals friedlich-idyllische Palästina sei durch den Zionismus in ein Kriegslager verwandelt worden. Dem Besuch Northcliffes mißt der Verfasser anscheinend besondere Bedeutung zu und widmet ihm mehr Raum als anderen ähnlichen Episoden. Durch die bekannten Unruhen der Jahre 1920 und 1921 waren die Juden, die ja zahlreiche Blutopfer zu beklagen hatten, sehr erbittert und ihre Stimmung machte sich hemmungslos Luft, wobei auch Uebertreibungen nicht fehlten. Dies förderte, wie B. etwas müde feststellt, die Festigung eines ״Skeptizismus in bezug auf den Zionismus“ bei den Beamten. Die gleiche Erscheinung finden wir dann verstärkt acht Jahre später, nach den 1929er Unruhen, wo die — begreifliche, aber darum doch politischunkluge — scharfe Angriffssteüung der Juden gegen die Palästina-Verwaltung und deren hauptsächlichste Figuren diese endgültig auf die Seite der Araber trieb, was sich dann vor der Shaw-Kommission so verhängnisvoll rächte. Manchmal hatte die Verwaltung gute Absichten, aber es kam anders, als man dachte; z. B. nei der Aufteilung der Beisan* Böden, wo man als bestimmt angenommen hatte, daß ein beträchtlicher Teil für jüdische Siedlung übrigbleiben wird, aber als die Verteilung angefangen hatte, kamen so viele Ansprüche zutage und es wurde so freigebig verfahren, daß zum Schluß — wieder jene unbekannte Geisterhand l — nichts mehr da war. (NB. Uebrlgens ein wichtiger Präzedenzfall für den ״Landentwicklungsplan“!) Bentwich, der alles objektiv sieht, findet auch hier eine gute Seite: Wenigstens werden die Araber darüber beruhigt, daß man sie nicht von ihrem Boden vertreiben will; und ein Teil der Böden kam schließlich später doch, wenn auch auf etwas kostspieligerem Wege, in jüdische Hände. Man könnte auch dieses, von Bentwich im Tone der Resignation vorgetragene Argument gelten lassen, wenn die Regierung selbst es wenigstens wirkungsvoll und eindeutig vertreten hätte; aber man hat den Honig, der aus dieser Blüte zu saugen war, ungenützt verderben lassen und der arabischen Agitation, daß die Juden die Araber von ihren Böden zu verdrängen beabsichtigen, keine Schranken entgegengesetzt. Die Regierung war eben, in diesen wie in den meisten Dingen, die nicht sie selbst direkt betrafen, apathisch und uninteressiert (sowie man später, und gerade In letzter Zeit wieder, die Agitation wegen der Heiligen Stätten sich fast unwidersprochen entfalten läßt). Herbert Samuel bemühte sich, durch konstitutionelle Einrichtungen die Bevölkerung mit dem englischen Mandat auszusöhnen. Sein Versuch mißlingt, doch wird unter seiner Herrschaft die Ruhe im Lande gesichert, trotz der Aufstände im benachbarten Syrien und Aegypten. Lord P1 u m e r, so meint Bentwich, hätte die leidige Verfassungsfrage gelöst, wenn er nicht während der letzten neun Monate seiner Amtsführung krank gewesen wäre. Nur bei einer Teilnahme von Volksvertretern an der Gesetzgebung werde der heutige Mißstand beseitigt werden, daß die Gesetze und Verordnungen, ausschließlich von Engländern nach englischen Rechtsbegriffen gemacht, der Bevölkerung oft nicht einmal recht verständlich sind. In diesem Zusammenhang sei auch eine kleine Episode erwähnt: Als 1921 nach den Unruhen ein Regiment aus Irland nach Palästina kam, sagte dessen Kommandant, General Tudor: ״Nachdem man mich aus Irland abberief, um das irische Verlangen nach Selbstbestimmung zu befriedigen, habe ich in Palästina eine Abteilung zu befehligen, die erforderlich ist, um die Forderung der Palästinenser nach Selbstbestimmung zu unterdrücken.“ Dieser Ausspruch illustriert wohl ziemlich gut die in hohen englischen Beamtenkreisen herrschende Einstellung zum Palästfnaproblem. Daß sic von zionistischer Seite in ihrer Tragweite niemals riehtig gewürdigt wurde und daß man mit dem Kopf durch diese Wand rennen zu können glaubte, gehört auf ein anderes Blatt. Es kann an dieser Stelle natürlich die Materie eines solchen Buches nicht erschöpfend besprochen werden. Die Linie der britischen Politik, die auch bei Bentwich zum Ausdruck kommt, ist unseren Lesern bekannt. Sie beruht auf einer konsequenten Betonung des Grundsatzes der zweiseitigen Verpflichtung einerseits gegenüber dem Jüdischen Nationalheim, andererseits gegenüber der arabischen Bevölkerung. Wiederholt wird klargestellt, daß von der Einrichtung einer jüdischen Regierung oder eines jüdischen Staatswesens keine Rede sein könne, andererseits aber könne auch den Arabern nicht das Recht gegeben werden, die Entwicklung des Jüdischen Nationalheims im Rahmen der Aufnahmefähigkeit des Landes zu verhindern. Wie diese Grundsätze ausgeführt wurden, wie sehr die Politik Englands hin und her schwankte, von den Arabern der zionistischen Sympathie und von den Juden der proarabischen Sympathie bezichtigt wurde, ist oft erörtert worden. Bentwich ist auch hierbei in seinem Urteil sehr zurückhaltend. Er betrachtet es nicht als seine Aufgabe, zu kritisieren, sondern die Entwicklung zu schildern. Dabei kennzeichnet er auch treffend den in vielen Kreisen beider palästinensischer Völker vorhandenen Mangel an Verständnis für das Wesen einer geordneten Verwaltung und Rechtsprechung und die sich hieraus und aus der politischen Ueberspannung der Atmosphäre für die Beamten ergebenden Schwierigkeiten. Auch im Anschluß an das Weißbuch von 1930 begnügt sich der Verfasser, die Kritik za zitieren, die damals in englischen Kreisen lauf geworden ist, ohne selbst eine persönliche Analyse der Dokumente zu geben. Obwohl jedoch, so führt er aus, die letzten zwei Jahre von besondere heftigen politischen Kämpfen überschattet sind, wäre es falsch zu übersehen, daß In derselben Zeit Palästina sich unaufhaltsam weiter entwickelt, Wirtschaft* lieh festigt und auch ständig einen Strom von Einwanderern aufnimmt. Die Erzählung des Buches gelangt bis zum letzten Baseler Kongreß. Auffallenderweise wird nirgends dje tatsächliche Entwicklung des Jüdischen Nationalheims und die dadurch bewirkte ökonomische Umwandlung Palästinas zusammenfassend geschildert (wie dies sogar Prof. Toynbee in seiner Geschichte der islamischen Welt durch Einschaltung eines eigenen von L. Stein stammenden Abschnittes getan hat); ebensowenig bekommen wir freilich einen Einblick über Art und Stadien der arabischen Nationalbewegung. Die Erfahrung von 14 Jahren britischer Herrschaft in Palästina, so schließt der Autor seine Darstellung, zeigt, daß England durch geduldige Staatskunst und durch Erziehung einen!)!nationalen, sich seihst verwaltenden Staat aufzubauen hat. Diese Vision dürfe man nie aus dem Auge verlieren. Was aber aus Palästina werden wird, wenn — vielleicht nach einer Generation — das Mandat endet, das könne man nicht voraussehen. Das 7״. Dominion“ wäre nur möglich, wenn die beiden Völker des Landes sich einigen. Andere meinen, Palästina solle ein unabhängiger, mit Großbritannien verbündeter Staat sein, gleichzeitig aber Mitglied einer arabischen Föderation, wobei die Tatsache des Jüdischen Nationalheims akzeptiert wird. Demgegenüber meint der Autor, daß der internationale Charakter des Landes immer mehr ausgebildet werden müsse. Jerusalem sei durch seine Geschichte und Geographie viel mehr als Genf und Haag geeignet, das Zentrum des Völkerbundes zu sein. Der verstorbene Sir Marc Sykes, einer der Väter der Balfour-Deklaration, habe vorgeschlagen, daß eine internationale Polizei, die den Frieden der Welt sichert, ihr Hauptquartier in Palästina haben soll, weil Palästina das Zentrum der Welt sei. ln diesem Sinne müsse Palästina nicht nur wie bisher das Symbol des allgemeinen Friedens und der Brüderlichkeit sein, sondern auch konkret ein Zentrum derjenigen Organisationen, welche für jene Ideale der Humanität kämpfen, die ursprünglich von Palästina verkündet wurden. In seinem zweiten Teil enthält das Buch einen kurzen Abriß der wichtigsten Verwaltungsgrundsätze Palästinas und Transjordaniens, sowie eine Charakteristik des Regierungs- und Verwaltungsapparates. Unnötig zu sagen, daß es reich fst an feinen Bemerkungen und treffenden Schlaglichtem. Wenn wir eingangs bedauerten, daß das Buch nicht das gibt, was wir von einem solchen Autor zu erwarten uns berechtigt glauben, so soll doch nicht verkannt werden, welchen Eigenwert gerade ein mit so betonter Besonnenheit sachlich geschriebenes Buch für jeden besitzt, der das Palästina von heute verstehen will. Und nun noch ein Wort über das oben erwähnte Buch von Horace Samuel. Dies gehört gewissermaßen in den ״inoffiziellen Teil“, aber, wie dies häufig der Fall ist, wirft das ungezwungene, draufgängerisch und ohne Anspruch auf Objektivität geschriebene Feuilleton oft ein Blitzlicht auf Dinge, die man ״über dem Strich“ diskret verschweigt. Horace Samuel, der bis zu seinem Abgang aus Palästina 1928 einer der führenden Advokaten des Landes war, schildert das soziale Leben und die gesellschaftliche Eigenart einzelner Gruppen und Kreise und erzählt ausführlich RechtsfäUe aus seiner Praxis. Durch diesen Einfall, juristische Erfahrungen im Rahmen eines politischen Buches wiederzugeber., gewinnt das Buch an Leben* dlgkelt, zugleich jedoch wird dem Leser bewußt, daß das Buch als politische Quelle nur sehr bedingt gelten kann. Denn auch die politischen Dinge sind vielfach mit advokatorischer Einseitigkeit dargestellt. Wie dem aber auch sei, diese Schilderung eines Mannes, der jahrelang im Leben und in der Gesellschaft Palästinas eine Rolle spielte, die maßgebenden Persönlichkeiten kennenlernte und in viele Kreise Einblick gewann, ist von illustrativem Wert. Fn mancher Beziehung spiegelt sich darin die psychologische Entwicklung des palästinensischen Judentums in diesen 15 Jahren. Von grenzenloser Begeisterung für England gelangte man im Verlaufe einer Kette von Enttäuschungen, die sich auch im persönlichen Leben jedes Einzelnen aus wirkten, durch Ereignisse, die teils von Uebelwollenden verschuldet, teils aber automatisch aus der Verkettung der Dinge entstanden waren, zu einer immer schärferen Spannung. Die Wegräumung dieser angehäuften Belastungen und die Aufklärung der vielen Mißverständnisse ist oft als das Gebot der Stunde hingestellt worden. Wie schwierig diese Aufgabe ist, empfindet man bei dem Buche von Samuel, das in gewisser Hinsicht die Kehrseite der Dar- Stellung von Bentwich zeigt. Man kann nicht bezweifeln, daß Horace Samuels heftiger, an manchen Stellen maßloser Angriff auf die Palästina-Regierung ein Ausdruck der wirkliehen Stimmung eines großen Teiles des Jischuw ist. Dies ist eine Illustration zu Bentwichs Stoßseufzer, wie schwer es sei, in diesem Lande zu regieren; aber zugleich ergibt sich daraus die Aufgabe einer zionistischen ״Innenpolitik“, die bisher vernachlissigt wurde. Robert Weltsch. Dr. Klee Ober lebenspendende Diaspora Keren Hafestod •Abend in Leipzig Aus Leipzig wird uns berichtet: Am 10. Januar fand in Leipzig ein Keren Hajessod-Abend statt, bei dem ursprünglich das Mitglied der Exekutive Berl Locker und Rechtsanwalt Dr. Klee sprechen sollten. Leider mußte Berl Locker krankheitshalber absagen, aber er hat unserer Ver- Sammlung ein ausführliches Schreiben übermittelt, in dem er die politische Situation des Palästina-Aufbaus darlegt und über die Arbeit der Exekutive in London und Palästina berichtet. Nach einleitenden Worten des Vorsitzenden der hiesigen Zionistischen Organisation, Dr. Fritz Loebenstcin, ergriff Dr. Kontorszczyk, der in vorbildlicher Weise hier die K. H.-Arbeit leitet, das Wort, um in zündender hebräischer An- Sprache die Juden an ihre Pflicht zu mahnen. In gleich dringlicher Weise stellte Dr. Lehrfreund zum Schluß des Abends den Versammelten die unbedingte K. H.-Pflicht vor Augen. Den Hauptteil des Abends bildete ein ausführliches Referat von Dr. Klee, der in tiefschürfender Weise das Problem der jüdischen Diaspora erörterte. Er zeigte an dem Beispiel der hellenistischen, der spanisch-arabischen und der babylonischen Diaspora, wie verschieden sich das jüdische Leben daselbst je nach dem Grade des Zusammenhangs mit Erez Israel gestaltete. Wenn wir heute an der Arbeit sind, mit all unsem Kräften das normale Volkstum in Erez Israel wieder aufzubauen, mit unserer hebräischen Volkssprache als Grundlage, so müssen wir ebenso wissen — schloß der Redner —, daß nur aus einer lebendigen Diaspora heraus, die in engem Konnex mit Erez Israel und in persönlicher, sprachlicher und kultureller Verbindung mit der Jüdischen Heimstätte steht, der Aufbau möglieh ist. Die temperamentvollen Worte, mit dem ganzen, dem Redner eigenen Schwung vorgetragen, hielten die Zuhörerschaft, der diese Art der Behandlung des Themas neu war, 1y* Stunden lang in Spannung, lösten großen Beifall aus und!unterließen .einen nachhaltigen Eindruck! Hope - Simpson und die zionistische Ziel-Frage Wir haben in Nr. 99/100 v. J. der ״Jüdischen Rundschau“ den Hauptteil eines Interviews wiedergegeben, das Sir John Hope-Simpson, gegenwärtig in Shanghai, dem Chefredakteur des dortigen zionistischen Organs ״Israel׳» Messenger“, N. E. B. E z r a , gewährt hat. An dieses Interview knüpfte sich nachher noch ein Briefwechsel, der in dem jetzt hier eingetroffenen Januarheft derselben Zeitschrift abgedruckt ist. Im Gegensatz zu dem vorhergehenden Interview behandelt dieser Briefwechsel nicht die praktischen Fragen der Palästina-Siedlung, sondern die Frage des politischen Zieles der jüdischen Arbeit in Palästina. Simpson hatte, wie aus dem Brief Ezras hervorgeht, in der Unterredung, bei der Ezra von dem ״Recht des jüdischen Volkes, in Palästina ein jüdisches Gemeinwesen zu gründen“, gesprochen hat, seiner Meinung Ausdruck gegeben, die Balfour-Deklaration enthalte nicht das Versprechen, eine jüdische Regierung in Palästina zu schaffen, und hiervon könne niemals ein britischer Staatsmann gesprochen haben. Demgegenüber führt nun Herr Ezra in seinem Briefe die bekannten Aussprüche Lord Cecils, Wilsons und verschiedener Zeitungen aus den Jahren 1918—20 an, worin davon die Rede war, daß Palästina ״den Juden zurückgegeben“ werden solle. Die Antwort, die Simpson auf diesen Brief erteilte, ist so charakteristisch, daß wir sie hier im Wortlaut folgen lassen: ״Zur Frage der Schaffung eines jüdischen Staates in Palästina mit jüdischer Mehrheit kann ich Ihnen nur wiederholen, was ich in unserem Gespräch sagte, daß ich nämlich nicht sehe, wie eine solche Politik durch die Bestimmungen des Mandats gerechtfertigt werden kann, wo mit aller Klarheit festgesetzt ist, daß die Lage (position) der Araber nicht verschlechtert werden dürfe. Wenn auch darüber die Meinungen verschieden sein können, so glaube ich, wenn es das eigentliche Ziel der zionistischen Bewegung ist, die Araber von Palästina über den Jordan zu drängen, um für den jüdischen Staat Platz zu schaffen, so müßte dies offen und autoritativ erklärt werden, damit sich auch der Völkerbund darüber ebenso klar und autoritativ aussprechen kann, der dem britischen Volke das Mandat gegeben hat.“ Herr Ezra schreibt in seiner Antwort u. a.: ״Es ist nicht die Rede davon, die Araber aus ihrer jetzigen Lage und von ihren Rechten zu verdrängen, um das jüdische Gemeinwesen zu schaffen. Die Araber stehen unter dem sicheren Schutze ihrer Klausel von den ,bürgerlichen und religiösen Rechten‘, und solange nicht die deutliche und kategorische Bestimmung im Mandat, die oben erwähnt (d. h. ,Wiedererrientüng der Nationalen Heimstätte‘) wurde, vom Völkerbund offiziell zurückgezogen wird, wird das jüdische Volk auch weiterhin seine Heimat in der Weise aufbauen, daß ,die Entwicklung Palästinas zu einem jüdischen Gemeinwesen gesichert wird‘, eine Politik, welcher die britischen Beamten im Jahre 1916 ihre vollständige Zustimmung gaben.“ Darauf antwortet Simpson; ״Besten Dank für Ihren Brief vom 30. November über das Jüdische Nationalheim, den ich mit lebhaftem Interesse mehrfache Weise interpretiert werden.“ Der Briefwechsel findet dann seinen Abschluß mit einer neuerlichen Darlegung von Ezra unter Anführung verschiedener Pressezitate aus der Kriegszeit, aus denen hervorgeht, daß damals England die Schaffung eines jüdischen Gemeinwesens im Auge hatte. Sir John Hope-Simpson ist heute ein Privatmann, der keinen offiziellen Einfluß auf die Palästinapolitik mehr besitzt. Es ist sicher nützlich, wenn er Einblick in die historische Vorgeschichte jedes Problems erhält, an dessen Lösung er in Palästina mitwirken sollte. Es wird ihm dadurch erleichtert werden, zu verstehen, wie es zu der heutigen Zuspitzung in Palästina gekommen ist. Ob freilich seine Meinung, man müsse die gegenwärtige Landbevölkerung Palästinas vor den übermäßigen Aspirationen der Zionisten schützen, durch die gut gemeinten Darlegungen des Herrn Ezra wesentlich erschüttert wurde, wird man eher bezweifeln müssen. So wichtig auch die Untersuchung des Wertes oder Unwertes der britischen Kriegsversprechungen sein mag, heute stehen wir in Palästina vor ganz konkreten Aufgaben und schwierigen Problemen, und man kann verschiedener Meinung darüber sein, ob durch politische Extratouren wie die Veröffentlichung des Herrn Ezra die zionistische Position und Arbeit erlelchtert oder erschwert wird. Ausgrabungen in Caesarea. Dr. Weiter, der Referent für Ausgrabungswesen beim Deutschen Archäologischen Institut, der zurzeit die Ausgrabung des alten Sichern leitet, hat von der palästinensischen Regierung die Erlaubnis erhalten, das in der Ebene am Meer gelegene Caesarea auszugraben. Dem Jerusalemer Korrespondenten des ״Berliner Tageblatt“, Dr. Adolf Reiffenberg, erklärte Dr. Weiter, daß m der Ebene die Zukunft der archäologischen Erforschung Palästinas liegt. Caesarea wurde von Herodes an der Stelle des alten Strathonturmes zu Ehren des Caesar Augustus erbaut und i. J. 12 v. Chr. eingeweiht. Hier war der Sitz der römischen Landpfleger Judäas, hier wohnte der Evangelist Philippus und der aus der Apostelgeschichte bekannte Hauptmann Cornelius. Hier war das Gefängnis des Paulus, und hier verantwortete er sich vor dem jüdischen König Agrippa und seiner Gemahlin Berenice. Lange Zeit hindurch war Caesarea der Haupthafen des Landes. Reibungen zwischen den in Caesarea lebenden Juden und der überwiegenden hellenistisch-heidnischen Bevölkerung verursachten den Ausbruch des von Josephus geschilderten jüdischen Aufstandes, der schließlich zur Zerstörung Jerusalems und des Tempels führte. Ausgrabungen an dieser Stätte, meint Dr. Weiter, können vielleicht überraschende Ergebnisse bringen. Von den Sprachen der Juden. Nach in New York aufgestellten Statistiken ist die englische Sprache nächst der jiddischen die am meisten unter den Juden verbreitete, sie hat der deutschen Sprache, die früher die jüdische Welt beherrscht hat, den Rang abgelaufen. Von den über 15 Millionen Juden in der Welt haben 8 Millionen jiddisch, 21/s Millionen englisch und 1 Million deutsch zur Muttersprache. Zieht man in Betracht, daß in englisch-sprachigen Ländern mehr als 6 Millionen Juden leben, deren Kinder später englisch als ihre Umgangssprache haben werden, 80 sei anzunehmen, daß das Englische in Zukunft die jüdische Welt beherrschen wird. Der Rückgang der deutschen Sprache unter den Juden sei auf den Verlust Elsaß-Lothringens und einer Anzahl preußischer Ostprovinzen sowie auf den Zerfall der österreichischen Monarchie zurückzuführen,

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