Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XXXVII (1932)
- Issue
- Heft 6 (22.1.1932)
- Date
- 1932-01-22
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 6, 22. T. 1932 JÜDISCHE RUNDSCHAU Seite 27 Herr (xüiermann Von Alfred Döblin. [N*Mn,«k w!»t.o] Dm nachstehende Betrachtung Alfred Dublins ist der Geterd-Ver- Sammlung im Lagenhaus gewidmet, über welche die ״Jäd. Rundschau" m ihrer Nummer vom IS. Januar berichtet hat. Red. Wer Herr Gütermann ist, werden Sie gleich erfahren. Er steht in Ostasien, in der Gegend des Flusses Amur, auf dem Boden Biro-Bidjans, eines sibirischen Landes, hat eine Flinte auf dem Rücken und bewacht das Land, wenn auch nicht seiner Väter, so doch (hofft. er) seiner Söhne. Er ist ein Ostjude, ein alleröstlichster Jude, östlicher geht es schon gar nicht. Er hat die Flinte auf dem Rücken, im Süden in der Nähe ziehen die Japaner kriegerisch durch die Mandschurei, aber er wird sich wehren. Denn wie die Griechen des Xenophon sich durch Kleinasien schlugen, bis sie ״Meer, Meer!“ rufen konnten, sp hat sein Volk sieh zwei Jahrtausende durch alle Länder schlagen müssen, bis es —- hierher kam. Denkt er. Oder besser: hören wir über ihn. Ich berichte, nämlich von einer Versammlung, die die Gesellschaft ״Geserd“ für jüdische Ansiedlung ira sibirisch-sowjetrussischen Biro-Bidjan dieser Tage in Berlin abhielt. Der Saal war dicht voll. Was kein Zeichen für die besondere Anziehungskraft gerade dieser Gesellschaft ist, sondern (sagen wir mal) für die politische Situation. Am vollsten aber wurde der Saal durch sogenannte ״Ordner“. Sie waren auch das Hörens- und Sehenswerteste dieses Abends. Es war eine Freischar jüngerer, kräftiger Männer. Man muß diese jungen Leute gesehen und gehört haben, um an die Zukunft(slosigkeit) ihres Planes zu glauben. Sagen wir genauer: ist eine Sache so beschaffen, daß sie solche Saalwächter braucht, so ist sie schon verloren. Zu Beginn der Versammlung stand ein weißhaariger Rabbiner auf und rief in den Saal, ob eine Diskussion stattfinde. Das war eine Frage. Da man vorsichtig war, ließ man keine Diskussion zu. Fm Raum selbst wurden zunächst die Gänge geräumt. Gänge dienen nämlich dem freiwilligen oder unfreiwilligen Verkehr. Dann stand die Wacht in der Kleiststraße fest. Wehe der Stimme, die sich gegen eine These der Werber auf dem Podium erhob. Wer schlau war, saß von vornherein an der Wand. Durch die Stuhlreihen konnten die Wächter schwer durch. Aber es gab Fäustedrohen, ״Schnauzehalfen!‘1 in dem schönen Gebäude, und wir merkten alle erschauernd: hier weiß man wenigstens, was man will, hier gibt es bald Kloppe, — der (Un)-Freiheitshauch weht auch hier mächtig durch die Welt. Die Werber oben behaupten unterdessen: Das jüdische Schicksal, — zu wandern, zu sitzen, zu wandern — sei eine fabelhaft glatte ökonomische Sache. Jedes Volk hat seine eigene Händler- und Mittelschicht, da braucht es keine fremde. Die Juden müssen sich bloß wo ansiedeln (Wo? Die Stimme fragt frei nach Schubert: ״immer wo?“). Und da hat Rußland Biro- Bidjan gegeben. Sie verstehen, Xenophons Reise ist zu Ende. Das Meer, der Pazifische Ozean, ist da. Herr Gütermann kann den Mantel ausziehen. Man fragt sich schon verwundert: wenn das so einfach Ist, und das Land da ist reich wie Klondike, — Gold und was alles —, warum beuten es die Russen nicht selbst aus? Warum haben sie es bloß nicht schon längst ausgebeutet? Es soll die^Fruchtbarkeit, Erzergiebigkeit und Gesundheit in Reinkulfür sein. Wärum', fragl die saaläititHch uhzuSsSige Sämtee, wohnt da bis jetzt kaum jemand, nicht mal die Japaner haben ein ganz kleines Schlitzäuglein auf das Goldländli geworfen. Und von den zweieinhalb Millionen russischer Juden sind bis jetzt nur fünftausend da, angeblich bloß wegen der Holzhäuser, wo es doch in Rußland soviel Holz gibt. Das soll nichts gegen die Sache sagen, nur eine saalamtlich verbotene Ungewißheit ausdrücken. Vielleicht wird doch manches deutlicher, wenn man debattiert, als wenn man droht und brüllt. Man hat unter dem cäsarischen Joch der Ordner geduckt dagesessen und fragt, wo sie nicht mehr da sind: wenn das so einfach ist, warum erfahren wir es erst jetzt? Da waren die Juden dauernd selbst Händler, haben sich immer mit der Wirtschaft befaßt, — und haben nicht gemerkt, was mit ihnen los ist? Wie ist das nur zu verstehen? Es gibt erstaunliche Sachen in der Natur. Sie sitzen mitten in der Wirtschaft, sie haben auch kluge Köpfe und sie — merken nichts und lassen sich.zu Hunderttausenden abschlachten im Mittelalter und vorher und nachher, — und es wäre alles so leicht gewesen, — bloß ansiedeln, bloß ansiedeln! Erstaunlich! Die Weltgeschichte ist überraschend. Wären doch die Herren da oben früher gekommen. Es wäre manches vermieden worden. Oder ist das mit dem Ansiedeln nicht doch schon mal vorgekommen in der Weltgeschichte? Mir fällt dunkel das Wort Zionismus ein. Da soll es sogar eine Balfour-Deklaration gegeben haben und, richtig, in Palästina sollen hundert- oder zweihnnderttausend Juden, auf eine Null kommt׳« nicht an, siedeln. Wie war’s denn eigentlich damals mit dem Siedeln! Ein Mann namens Theodor Herzl (was man so alles weiß —, und das war also schon da), der stand nach dem Dreyfus- Prozeß in Paris auf und schrieb eine Broschüre: ״Der Juden- Staat“, ich glaube, so hieß sie. Und da das Elend groß war, wollten viele siedeln, und erst verfiel man auf Uganda. Achten Sie auf, meine Damen und Herren. Hier ist das Wort ״Uganda“ gefallen. Es ist fernsüdlich. Herr Gütermann steht fernöstlich. Aber warum ist aus dem warmen Uganda nichts geworden? Erinnerungen sind gut, auch wenn sie nur dunkel sind. Afrika mußte sich mit Chamberlain und Cecil Rhodes begnügen, Herr Gütermann optierte — für Zion. Siehe da. Es war der Baseler Kongreß. Ich erinnere mich noch an die Zeit. Es siegte nicht der Landhunger, es siegte — eine Idee. ״Was?“ schimpft das Podium unter dem Schutz der Saalwache, ich phantasiere jetzt still für mich, man darf auch nicht zu laut phantasieren, ich bitte das Papier, möglichst leise zu rascheln, die Herren sind so empfindlich, — ״was, Sie kommen mit Ideen? Man hat inzwischen einiges gelernt. Sie wissen noch nicht, daß ,Idee‘ ein Fremdwort ist, und übersetzt ,Rückständigkeif heißt? Alles, was rückständig ist, kommt mit Ideen. Ein kluger Mann hat Geld oder Land und arbeitet damit.“ Ich stammele: ״O Gott, bin ich dumm. Geld habe ich wenig, Land habe ich gar nicht. Ist das nicht Kapitalismus, was Sie da äußern?“ So bescheiden ich geflüstert habe, das Podium müssen Sie jetzt hören, wie das tobt: ״Was? Kapitalismus? Wir, Herr? Wenn Sie jetzt nicht bloß phantasiert hätten, lebten Sie nicht mehr. Wir gehen von der reinen Oekonomie aus, aber —״ ״Warum stocken Sie, Herr Podium? Ich bin doch keine Saalwache. Von mir aus können Sie ewig leben.“ ״Von der Oekonomie aus beeinflussen wir dann den ganzen Menschen•‘4 ״Das ist sehr nett von Ihnen. Sind Sie gewaltige Expertmentatoren!“ ״Und damit beseitigen wir auch den ganzen faulen Zauber von Ideen, den die Juden mit sich schleppen. Von uns aus können sie übrigens beten, soviel sie wollen.“ ״Sie sind, wie gesagt, sehr nett. Wenn die Leute aber nicht wollen, zu Experimenten gehören doch immer zwei, seien Sie mir nicht böse, Sie mögen zweihundert Jahre leben, dreihundert, wenn sie nicht wollen, verzeihen Sie mir, es besteht die Möglichkeit, daß sie nicht wollen, viele nicht, sehr viele nicht, aus bloßer Hartleibigkeit, aus Bocksbeinigkeit. Herr Gütermann wollte vor fünfzig Jahren auch nicht nach Uganda, heute steht er fernöstlich, warten wir ab, wie lange er da steht, an solchem großen Ozean zieht es sehr, die Leute sind im ganzen kolossal schwerfällig, sie haben eine lange Geschichte. Bitte um Entschuldigung.“ ״Die Oekonomie wälzt alles um.“ ״Gebe Gott. Vor einem Jahrhundert hat Napoleon gesagt, die Politik mache es. Heute sagen Sie: die Wirtschaft Wer schützt davor, daß in hundert Jahren einer noch was anderes sagt?“ ״Die Zeit geht über alle hinweg. Die Not, erbarmungslose Not, wird Lehren geben.“ ״Ich hoffe, Herr Podium. Eigentlich, warum soll ich es leugnen, bin ich hoffnungslos. Die Juden, sehen Sie, sind zwei Jahrtausende lang mit jeder Not fertig geworden, warum soll jetzt plötzlich die Not mit ihnen fertig werden? Warum? Was hat sich geändert? Was heißt eigentlich Not? Ja, das interessiert mich, Herr Podium, was verstehen Sie eigentlich unter Not? Fragen Sie einmal Leute, die so zwei Jahrtausende lang jede, durchaus jede nur erdenkliche Not, einschließlich Verachtung und Tod, freiwillig und unfreiwillig auf sich genommen haben, was Not heißt. Fragen Sie! Aber Sie wollen nicht fragen: Ich will Ihnen sagen: vielleicht sind ihnen andere Dinge wichtiger gewesen als — keine Not. Sie haben schon recht mit der Wirtschaft, der Oekonomie, und daß da vieles zu ändern ist, und Ihre Absicht ist sehr, sehr zu loben. Aber es muß eine menschenmögliche Oekonomie sein, verstehen Sie, vor allem das, besonders in diesem Fall. Was meinen Sie?“ Wir kommen nicht zusammen. Sie lernen nicht einmal bei dem Thema ״jüdisches Schicksal“ einiges hinzu. Hier entsteht die Eingottreligion, das Christentum nimmt seinen Ausgang, das Volk ohne Land und Staat lebt zwei Jahrtausende in seiner Religion, die ihm Land und Staat ist, man läßt sich verjagen, verachten, verbrennen — und da glaubt man, sturzweise den Uebergang auf Land und Staat und unter Negierung alles dessen, was sich Geist und Idee nennt, ja unter Verachtung alles Ideellen betreiben zu können. Es sind bestimmt viele Dinge hier nötig, besonders auch wirtschaftlicher Art. Vernünftige Dinge sind aber nur vorsichtig und nur durch Freiwilligkeit zu erreichen. Oekonomie ist gut. Es gibt auch dumme Oekonomie. Zuerst beseitige man Jedenfalls die Saalwächter. Presseschaii Die Wirtschaftslage in Palästina In der Wochenschrift ״Boustenai“ vom 6. Januar widmet Mosche Smilansky, einer der führenden Pflanzungskolo■ nisten Palästinas, einen bemerkenswerten Artikel der gegenwärtigen Wirtschaftslage im Lande und insbesondere der Lage dir Landwirtschaft. Die Parole ״Boden und Einwanderung“, die der Zionismus immer ausgegeben hat, gilt auch heute, aber man muß ihr einen anderen Sinn unterlegen, als sie bisher hatte. Die Parole ״Boden“ braucht heute nicht zu bedeuten ״Bodenkauf‘( Wer Boden kaufen will, kann heute soviel haben, als er wünscht. Wir haben aber noch gewaltige Bodenreserven in jüdischen Händen, die unbesiedelt daliegen. Wenn sie nicht besiedelt werden, dann ist die Gefahr, daß sie in Zukunft uns strittig gemacht werden, und noch schwerer werden neue Bodenkäufe sein, weil man nicht mit Unrecht darauf hinweisen wird, daß wir weite Bodenstrecken brachhegen lassen. Nicht auf Bodenkauf kommt es also heute an, sondern auf die Bewahrung des bereits gekauften Bodens durch Besiedlung. Auch der Begriff ״Einwanderung“ bedarf einer neuen Interpretation. Wir haben heute im Lande auch eine Reserve an Menschen, und solange wir diesen nicht Boden unter den Füßen geschaffen haben, wird man uns keine neuen Einwanderungserlaubnisse geben. Die Parole Einwanderung bedeutet* also heute: Sicherung unserer schwankenden Positionen zwecks Ermöglichung neuer Einwanderung. Die Lage der Landwirtschaft — so schreibt Smilansky ־— ist heute eine sehr prekäre. Der Körnerbau und die trockenen Pflanzungen gewähren ihren Besitzern kaum den Lebensunterhalt. Aber auch der Pflanzungsbau befindet sich in einer Krise. Die Besitzer der neuen Pflanzungen, die jetzt zum erstenmal Früchte gaben, finden für diese Früchte keine Abnehmer. Aber auch die Besitzer alter Pflanzungen mit Qualitätsfrüchten leiden sehr unter den überaus niedrigen Preisen, die jetzt im Ausland gezahlt werden. Die bisher verkauften eine halbe Million Kisten haben dem Lande einen Verlust von mehreren hunderttausend Pfund gebracht. Zur Rettung der Pflanzer, die sonst einer schweren Erschütterung entgegengehen, bedarf es der Gründüng eines starken Finanzinstituts, das den Pflanzern hilft, sich den neuen Bedürfnissen des Marktes anzupassen. Smilansky fordert, daß die Einwanderung von mittelständischen Elementen, der keine gesetzlichen Hindernisse entgegenstehen und die auch den heutigen Bedürfnissen Palästinas entspricht, organisiert wird. Dadurch wird man viele wirtschaftliche Positionen stärken können und auch neue Arbeitsplätze schaffen. Denn ohne neue Unterneh- Bungen in Stadt und Land gehen wir in Palästina einer wachsenden Arbeitslosigkeit entgegen. Smilansky schätzt allein in den Pflanzungskolonien die Zahl der Arbeitslosen oder ungenügend beschäftigten jüdischen Arbeiter auf 2000. Es sei die höchste Zeit, daß diesen Zuständen das Augenmerk der verantwortlichen Instanzen zugewandt wird. Von der Wizo-Föderation in Jugoslawien wird uns berichtet: Mitte Dezember besuchte Frau Dr. Martha Hofmann als Delegierte der Londoner Wizo-Zentrale zehn Städte Jugoslawiens, um dort die zionistische Frauenarbeit in propagandistischer und organisatorischer Hinsicht zu fördern. Diese Absicht gelang in außerordentlichem Maße. Nebst sehr stark besuchten öffentlichen Vorträgen fanden überall auch interne Arbeitsbesprechungen statt, wobei die Delegierte praktische und kulturelle Anleitungen für die Gruppen hinteriieß. An mehreren Orten gelang die Neugründung oder Reorganisierung von Frauen- und Mädchengruppen. Ein Ragout fln: Mischehe In Frankreich Ein katholischer Geistlicher — weißer Kopf, violette Soutane, schöner Tenor —, der einen kleinen Raphae!, den Sohn der Jüdin Sarah lewy und des Katholiken Henri, in Ermange- Iung von Weihwasser mit einem Rest von ... Tee aus seiner Teetassc tauft; eine Jüdin, die mit Hilfe ihres jüdischen Freundes eins Kirchengiocke stiftet und den Bischof bei der Einweihungsfeier mit ~ — ״Karpfen auf jüdische Art“ bewirtet: Wo kann man solche Märchen aus Tausend und Einer Nacht erleben? . . . Wenn nicht auf dem Monde, dann in Frankreich, wenn nicht im wirklich,en Frankreich, dann in den Büchern der Sarah Lewy, in denen berufene Kritiker ״Dokumente von künstlerischer und kultureller Bedeutung“ er- •blicken. (Sarah Lewy, ״Henri und Sarah“ E. Reiß Verlag Berlin). Haben sie recht mit diesen .,tiefen Blicken“? so frage» wir. Man erinnert sich des ersten Buches dieser in Frankreich und alsbald auch in Deutschland vielgelesenen Schriftstellerin, das seinen Sensationserfolg wohl nicht zum mindesten seinem verblüffenden Titel verdankte. ״O mon Goye!“ hieß cs im Französischen; die rasch erfolgende deutsche Uebersetzung nannte es noch offenherziger ״Geliebter! O mon Goye!“ — Denn der Inhalt war, wie Sarah Lewy jetzt selbst sagt, ein nicht ganz diskretes Bekenntnis: eine junge jüdische Witwe wird, ehe sie sichs versieht, die Geliebte eines ״reizenden Goye“, läßt sich von ihm heiraten, als er sie zur uneheliehen Mama gemacht hat. und bekommt einen Sohn, der nicht nur unvorschriftsntäßig beschnitten, sondern auch, wie ob« erwähnt, gleich unvorschriftsmäßig getauft wird. Halb Satlre — etwas dünne Satire: halb erotischer Roman — was die Kritik in den höchsten Tönen pries. Verlockt von diesen preisenden Reden — und vielleicht von manch andern Pr eiseri! — erzählt nun die gleiche Sarah, jetzt Weib des Katholiken Henri, die Geschichte ihrer Ehe und ihres Kampfes um ihre Einordnung in das Leben ihres Mannes, das sich bisher nur zum Teil in Paris, wo er sie traf, aber im Grunde doch auf dein alten Familiengut abgespielt hat, wo die tiefen Wurzeln seiner Kraft liegen, wo jeder ihn kennt und von Kindesbeinen an gekannt hat. Scharf beobachtet ist das Widerstreben der Großstadtjüdin und die heimliche Sehnsucht der innerlich Heimatlosen, die in ihrem Glauben niemals daheim war und von ihren Glaubensgenossen nicht viel mehr kennt, als Geldleute und Witzereißer. Scharf gesehen auch der Kampf um die Seele ihres Kindes, das sich nach dem viel bewunderten Vorbild des Vaters bildet, beim Schweineschlachten ungerührt zuguckt und mit Wonne Tiere tötet oder auf die Wilderer mit dem Förster Jagd macht. Konflikte sind da, sind scharf und lebendig gesehen. Die Lösung aber ist .... Teewasser, wie das Ingredienz bei der Taufe des kleinen Raphael. Die Stolze, die Verführte, die Liebende kehrt nach einem sehr harmlosen Ausfluge nach Paris mit Sohn und Jugendfreund in die Arme ihres Henri zurück, spendet das Brillantenarmband des Freundes für die Kirche und ist vollkommen glücklich, wenn diesmal sie den etwas widerstrebenden Mann ״verführt“ hat und wenn sie den mürrischen Judenhaß der Dörfler und Dienstleute als ״Gutsherrin“ überwunden hat. Krönung ihres Lebens: ein Wirtshaus will sie an der Loire gründen für die Armen von St Felia'en; das soll heißen ״Zur zerlassenen Buttersauce. Leitung: Sarah Lewv.“ Und mit solchem Leben — nur deshalb muß hier darüber gesprochen werden! — meint sie ״die schönste Hoffnung ihrer Brüder zu verwirklichen, die ohne Vaterland über die zum NiederJaiien doch — vorläufig — Jüdin bleibt; und darauf offenbar besonders stolz ist. ״Mach Schabbes davon!“ ist die einzige jüdische Antwort auf dies Buch- Mag das geistvoll finden wer will — es hat eine merkwürdig gute Presse gehabt — ein unbefangener Jude kann das nur geschmacklos finden; und nicht witzig f" . . " stiftete Glocke Sie ruft Das Judentum hat nicht viel an Ihnen verloren. Und.... die Kunst auch nicht. Dr. B. Badt-Strauß. ״General Boulangers Glück und Ende“. Unter diesem Titel ist im Verlage von Walter Rothschild, verfaßt von Rechtsanwalt Bruno Weil in Berlin, ein Zeitgemälde aus dem ersten Jahr• zehnt der französischen dritten Republik, als Buch erschienen, das in Deutschland außerordentlich aktuell ist. Es behandelt die Woge des Chauvinismus in Frankreich, die alles über• schwemmte, den Krieg mit Deutschland provozierte, den Fremdenhaß propagierte, und für den kommende!! Fall Dreyfus das Terrain vorbereitete. Boulanger war der große Demagoge, der Abgott der Frauen und der Jugend, dessen Bildnis in allen Stuben des patriotischen Frankreich hing, dessen Abzeichen jedermann im Knopfloch trug, der über die Hälfte aller Wahlstimmen von Paris bekam und der mit einem einzigen Griff am Hebel der Macht sich vom begeisterten Volk in einer Nacht sich ins Elysee hätte tragen lassen können. Er vermochte es nicht und wurde in wenigen Monaten aus dem Volksliebling und Agitator ein kleinbürgerlicher Cunctator, ein Mann der stets verpaßten Gelegenheiten, ein — Staatsverbrecher. Allmählich packte die Republik zu, der Volksheld floh ins Ausland, und wurde durch seinen Fall der beste Pfeiler der jungen, unbeliebten, farblosen Republik, die in ihrer ersten Zeit als Führer lediglich Monarchisten hatte. Zwar gehörte der Judenhaß nicht zum offiziellen Programm dieses französischen Nationalisten-Führers und er lehnte es sogar energisch ab, dieses dankbare Wahlmittel als solches zu gebrauchen, allein er ließ es zu, daß seine zahllosen Unterführer und monarchistischen Geldgftber derartige Stimulantien benutzten. Sechzehn Jahre nach dem verlorenen Kriege konnte sich erst die französische Republik ihrer Gegner erwehren, so daß Boulanger eine Episode blieb, die nur jetzt, durch die Aehnlichkeit der Ereignisse, in unseren Tagen aus der geschichtlichen Vergessenheit gezogen worden ist. Mannheim. Dr. Otto Simon. Ein kurzer Führer durch das Wirtschaftsleben Palästinas ist die letzte Nummer des ״Palestine & 'Near East Economic Magazine“. Im Vorwort dieser Nummer heißt es: ״Die Lage Palästinas bietet Möglichkeiten, die in der ganzen Welt zunehmende Beachtung finden. Die verhältnismäßige Stabilität seines Aufstiegs und die Sicherheit seiner ökonomischen Grundlagen, die sich auch in der jetzigen Weltkrise bewährt haben, haben ihren Eindruck auch auf den außenstehenden Beobachter nicht verfehlt. Es geht in Palästina ein ungeheurer Aufbau vonstatten — und auch derjenige, der das Gefühlsmoment abzieht und nur nach ökonomischen Werten urteilt, muß 1 alästina im Verhältnis zu vielen anderen Ländern als em_Zentrum ökonomischer Tatkraft mit großer Zukunft werten.“ Der ruhrer behandelt in besonderen Kapiteln die folgenden Gebiete: Bevölkerung, Landwirtschaft, Industrie, Handel, Bank- und Kreditvvesen, Touristenverkehr, Transport, Post- und Telegraphenwesen, Genossenschaftsbewegung, die Gewerkschaften, die Bodenfrage und Regierungsfinanzen. Statistiken sind nach dem neuesten Stand übersichtlich zusammengestellt. Das Material wird einen Teil des ״Palestine Directory and Handbook“ bilden, das in kurzem erscheinen wird.