Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XXXVII (1932)
- Issue
- Heft 6 (22.1.1932)
- Date
- 1932-01-22
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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Seite 28 JÜDISCHE RUNDSCHAU Nr. 6, 22.1 1932 Christentum und völkische Bewegung Eine Aficher Umschau Der nachfolgende kurte Umweh auf einige neuere Schriften zu diesem Thema erhebt keinen Anspruch auf Vollständigkeit; wir werden demnächst noch auf einige weitere Erscheinungen aus diesem Gedankenkreis zu sprechen kommen. Mit dem Anwachsen des neuen deutschen Nationalismus und seinem Eindringen in die intellektuellen und geistigen Schichten des Volkes wird die Erkenntnis und Erörterung seines eigentlichen Wesens immer dringucher und aktueller. Wenn man in diesen Kreisen etwas herumhört, so bekommt man einen Eindruck von dem tiefen Ernst dieser Situation; der Nationalismus hat die Herzen fest und ausschließlich in seiner Macht, sein Gebot gilt absolut und unbedingt, und man liest und hört es immer wieder: Es ist eine schwere und böse Zeit, aber ״voll keimender und treibender Kräfte“, die Geister sind wach und cs ist eine Lust zu leben. Der Dichter Paul Ernst schrieb zu Weihnachten: ״Ich halte die heutige verzweifelte Lage unseres Volkes für ein Glück. Es kann sich heute erneuern; Anzeichen sprechen dafür, daß es das wird.“ Manche betrachten den Nationalsozialismus, der uns, die wir vor allem seine antijüdische Fratze sehen, oft als Rückfall in tiefe Barbarei anmutet, als ״den seit־ der Reformation gewaltigsten Ansatz zu einer deutschen Wiedergeburt“ (Hans Grimm); und selbst wenn die sorgfältigste Analyse keine er• kenntnismäßige Bestätigung solcher Wertung ergebe, wird man mit der Macht eines solchen Glaubens als einer Realität zu rechnen haben. Millionen Menschen sind heute von diesem Glauben erfaßt, und es ist die entscheidende Schicksalsfrage, ob eine Läuterung dieses Nationalismus erfolgen, ob er eine wirklich ״erneuernde“ Macht wird, oder ob das bekannte Wort Grillparzers, wonach der Nationalismus eine Vorstufe der Bestialität ist, sich bewahrheiten soll. Es liegt auf der Hand, daß hierbei die entscheidende Auseinandersetzung die zwischen Nationalismus und Religion ist. (Das Problem besteht in besonderer Weise auch im Judentum, wo es geradezu ein Hauptmotiv der geschiehtliehen Dialektik ist; auch in moderner Zeit ist es weder vom Liberalismus, der das völkische Moment ausschalten wollte, noch vom offiziellen Zionismus, der die Tiefe des Problems nicht durchschaute, bewältigt worden. Aber dies steht hier nicht zur Erörterung.) Jeder Nationalismus ist iin Grunde selbst eine Art ״Religion“; er anerkennt keine übergeordnete Macht und kein höherers Gesetz, die Nation ist ihm das ״Absolute“. Wenn er aber nicht (wie manche seiner Ideologen in Deutschland befürworten) Heidentum werden will, sondern im Bereich des Christentums bleibt, ist der Zusammenstoß unausbleiblich. Denn für eine ״Religion der Liebe und des Glaubens an einen persönlichen Gott, der Vater aller Menschen ist“ kann es eine Hypostasierung der ״Rasse“ im modern-völkischen Sinn nicht geben. Was die katholische Kirche betrifft, so ist ihre Beziehung zum Nationalismus ein geistesgeschichtlich hoch bedeutsames Thema (vgl. die Stellung des Vatikans zur ״Action frangaise“, zum italienischen Faschismus, die Enzyclica ״Quas Primas“ vom Dezember 1925); die geistigen Führer des deutsehen Katholizismus sieben in scharfem Gegensatz zum National- Sozialismus. Beim Protestantismus, dem die große Mehrheit der Völkischen angehören, ist die Haltung nicht so eindeutig. Informierend berichtet hierüber der Artikel ״V ö 1 * kische Bewegung und Christentum“ im letzten Band der eben abgeschlossenen, von Gunkel und Zscharnack herausgegebenen Enzyclopädie ״Die Religion in Geschichte und Gegenwart“ (Verlag J. C. B. Mohr, Tübingen), dem auch das obige Zitat entnommen ist. Der Verfasser des Artikels, Prof. Weinei (Jena), der selbst auf nationalem Boden steht und auch gelegentlich von den ״individualistisch-zersetzenden Tendenzen“ des ״emanzipierten Judentums“ (Junges Deutschland) spricht, wendet sielt scharf gegen den Versuch, das Christentum ״in völkischen oder staatlichen Dienst zu zwingen“, ebenso gegen ״den Antisemitismus des Hasses und der Gewalttat“ und gegen ״die Verherrlichung des Krieges und die Ueberordnung von Rasse und Volkstum über Wahrheit und Liebe“, Er fügt hinzu: ״Unwahr ist die parteiische Verherrlichung des eigenen Volkstums und die sittliche Aechtung anderer Rassen“. Aber ״das Christentum verwirft die völkische Bewegung nicht, sondern läßt sich von ihr gerne aufrufen, mehr als bisher und bewußter als je Volkstum und Rasse rein erhalten und veredeln zu helfen“, besonders im Kampfe gegen die ״internationale Welle volkstumzerstörender und entsittlichender Mächte“. Bekannt ist, daß eine große Zahl evangelischer Pfarrer nationalsozialistische Parteigänger und Agitatoren sind. Für sie verschmilzt das Christentum vollständig mit dem Nationalismus, wobei sichtlich der Nationalismus das Uebergeordnete ist. Eine Blütenlese von Aussprüchen solcher Pfarrer findet man in einem Aufsatz von Pfarrer Heinz Kappes in der eindrucksvollen Sammelschrift ״Reich Gottes, Marxismus, Nationalsozialismus“ (״Ein Bekenntnis religiöser Sozialisten“, herausgegeben von Georg Wünsch, Verlag J. C. B. Mohr, Tübingen. — Der wichtigste Beitrag stammt von Leonhard Ragaz). Der Aufsatz von Kappes heißt ״Der theologische Kampf der religiösen Sozialisten gegen das nationalsozialistische Christentum“; er stellt fest, daß der Nationalsozialismus wie der Marxismus ״nach einer eigenen Theologie hindrängen“. Die Auseinandersetzung ist darum besonders interessant, weil beide Richtungen, die sich hier gegenüberstehen, sich im Grunde aus derselben Quelle herleiten, nämlich von der sogenannten ״dialektischen Theologie" (ähnlich wie Konservatismus und Marxismus beide auf Hegel zurückgehen). Die Zitate, die Kappes von Pfarrern anführt, sind z. T. geradezu blasphemischer Natur; so z. B. erklärt ein Pfarrer: ״Tn Adolf Hitler sehen wir die Kräfte wieder aufbrechen, die einst dem Heiland gegeben wurden . . .“ Nicht immer ist die nationalsozialistische Theologie aber so primitiv. Viel wesentlicher ist diejenige Riehtung, die darauf abzielt, die religiöse und politische Sphäre vollkommen voneinander zu trennen. Man beruft sich dabei auf Luther, welcher ״säuberlich zwischen Staat und Gottesreich geschieden habe“, in beiden Gebieten, so sagt man, herrschen vollkommen unterschiedliche Gesetzmäßigkeiten; so gewinnt man die Freiheit für Staatsabsolutismus, Terror, Rassenhaß usw. für die ״politische“ Sphäre und ״rettet“ die ״Gnadenmacht des Christentums für die rein persönliche Sphäre des einzelnen Menschen“. In viel tieferer Weise tritt Alfred de Quervain (״Die theologischen Voraussetzungen der Politik“, Furche-Verlag Berlin), mit dem eine eigene Auseinandersetzung noch erfolgen soll, als Theologe für Bejahung der Eigensphäre des Politischen ein, wobei er sich, freilieh mit Vorbehalten, mit Carl Schmitt berührt, der von der anderen Seite her die Autonomie der Politik als der ״Freund- Feind-Beziehung“ in einer sehr klärenden Abhandlung verteidigt (״Der Begriff des Politischen“, Verlag Duncker & Humblot, München). Aber Quervain fügt hinzu: ״Wir sind aber heute in Gefahr, diese (sc, politischen) Gegensätze ins Metaphysische zu projizieren. Es kann für den Christen keine totale Mobilisation (dies der Titel eines Aufsatzes des nationalistischen Schriftstellers Ernst Jünger — A. d. R.) geben.“ Der Rostocker Theologe Helmuth Schreiner (״Der Nationalsozialismus vor der Gottesfrage“, Wichem-Verlag, Berlin-Spandau), bejaht die Zielsetzung des Nationalsozialismus, stellt ihm aber die Frage: Illusion oder Evangelium? Vom Standpunkt des gläubigen Christentums muß die Vergottung der Nation abgefeimt und die politische Bewegung mit ihr« Führerautokratie usw. in ihre Grenzen verwiesen werden. Schreiners Broschüre ist eine sehr respektable Auseinander- Setzung mit der nationalsozialistischen Theologie. Er wendet sich gegen die ״Religion des Blutes“, diese ״Ersatzreligion, deren Widerspruch zum christlichen Glauben unüberbrückbar“ ist, obwohl er andererseits selbst den Kampf um Reinheit der Rasse als ״Qottesbefehl“ gelten läßt. Aber erst müsse man den Primat des Gehorsams gegen Gott anerkennen. ״Kein moderner Jude — so schreibt Schreiner — könnte die Zer- Setzung der nationalsozialistischen Bewegung von innen her so gut vorbereiten, wie es Rosenberg mit seinem Mythus von der germanischen Seele tut.“ Und — ״der Typus Rosenberg siegt“. Nach Untersuchungen über das Verhältnis des Evangeliums zur völkischen Weltanschauung stellt Schreiner fest, cs gebe ״seit kurzem eine ganze Anzahl Versuche, zu zeigen, daß Nationalsozialismus und Christentum untrennbar zusammengehören. Sie sind fast alle ein Verrat am Evangelium.“ Und der Autor fügt hinzu: ״Kaum einer wagt ein deutliches Nein zu jenen Strömungen innerhalb der Bewegung, welche die politische Gestaltung der Dämonie des Rasseglaubens preisgegeben.“ Die erwähnte These von der Zusammengehörigkeit von Christentum und Nationalsozialismus wird besonders in dem Kreise Wilhelm Stapels vertreten. Man wendet sich dort scharf gegen den ״Ersatz des Religiösen durch das Nationalistische“ (vgl. Megerle, ״Die Heiligung des neuen Reiches“ im Oktoberheft 1931 des ״Deutschen Volkstums“), worin man eine liberalistische Erbschaft sieht; man bejaht das Religiöse, zugleich aber postuliert man ״die Heiligung des Reiches“, das man bauen will. Hier wird von Gogarten und seiner Lehre von der Autorität der geheiligten Ordnungen gesagt, er liefere im Kampf um die politisch-ethische Existenz ״vorzügliche Waffen“. Die Theologie wird also unversehens doch in den Dienst des Nationalismus gestellt. Charakteristisch ist auch ein Aufsatz im neuen Januarheft derselben Zeitschrift, wo bei der Besprechung des italienischen Faschismus die Unterlegenheit jeder Art Nationalismus gegenüber dem deutschen betont wird. Auch der Faschismus, der noch am besten wegkommt, habe gegenüber dem deutschen Nationalismus den Nachteil, daß sich bei ihm ״die Begegnung mit der Theologie, die heute dem deutschen Nationalismus das Gepräge gibt“, rieht vollzogen hat. Stapel selbst hat mit seiner scharfen Dialektik dieses Thema in ״Sechs Kapitel über Christentum und Nationalsozialismus“ (Hanseatische Verlagsanstalt Hamburg) behandelt, ursprünglich ein vor einem theologischen Auditorium gehaltener Vortrag, der den Theologen Wege zu der wünschenswerten ״Christianisierung“ des Nationalsozialismus weist, die nur von der dogmatischen Position aus möglich sei. Die Trennung zwischen der Sphäre der Religion und der Politik wird hier radikal vollzogen und zugleich die Stellung Jesu innerhalb des jüdischen Volkes mit einer großartigen Sophistik zur Stütze der nationalistischen Position herangezogen. Jesus, so heißt es, respektierte den ״Nomos“ des jüdischen Volkes, aber wie das jüdische, hat jedes echte Volk seinen ״Nomos“, die heilige Tradition seiner Einrichtungen und Gebräuche, seines Rechtsbewußtseins und seiner Sittlichkeit. Dieses Reich des ״Nomos“ ist streng zu scheiden von dem der Religion, daher ist z. B. auch der Marxismus mit seinem säkularisierten, irdisch vorgestellten ״Gottesreich“ zu verwerfen. Die ״Erlösung“ der durch Sünde gefallenen Welt ist nicht durch den ״Nomos“, nicht durch Sittlichkeit möglich, sondern nur durch die Gnade Gottes. Der Nation darf keine religiöse Verehrung zuteil werden; aber da das Göttliche so ganz außerhalb der menschlichen Sphäre liegt, bleibt im Bereich der ״Sittlichkeit“ eben doch die ״nationale“ Sittlichkeit die höchste Norm. Die Zeiten der liberalen Oeisteshaltung, die den Wahrheits-. anspruch anderer Ueberzeugungen neben der eigenen respektierte, scheinen — zunächst wenigstens, und für die deutsche Welt, für die Nation Herders und Lessings — vorbei zu sein. Nathans Geschichte von den drei Ringen verstaubt im Archiv, Der Andere ist nicht nur Gegner, gegen den man eigene Interessen verteidigt, sondern, wenn er von der Norm abweicht, dann ist er der Böse schlechthin, der ״Antichrist“, die teuflische Macht, die im Namen Gottes vernichtet werden muß. In dem letzten Buch Hans Blühers ״Die Erhebung Israels gegen die christlichen Güter“ (Hanseatische Verlagsbuchhanalung Hamburg), worin das Judentum als die aas christliche Abendland bedrohende Höllenmacht mit allem Grausen der Wolfsschlucht ״enthüllt“ wird, ist ein Kapitel bezeichnenderweise überschrieben: ״Frankreich als antichristliche Sendungsmacht“. Frankreich ist also nicht etwa nur der Staat, der in scharfem politischen Gegensatz zu Deutschland steht, sondern die schlechthin verworfene Macht, der Antichrist, mit dem ein Ausgleich undenkbar ist, demgegenüber, wie der Stapel-Kreis es immer wieder ausdrückt, nur der Herrschaftsanspruch der deutschen Nation proklamiert werden kann. Bei einer solchen Verbindung von Politik und Theologie, die hier vor allem dem Judentum — aber nicht ihm allein — egenüber praktiziert wird, hat jedes Denken ein Ende. Ob as wirklich das letzte Wort des neuen deutschen Nationalismus ist? Das Zeitalter der Religionskriege (auch zwischen Katholizismus und Protestantismus, deren Gegensatz sich bei dieser Geisteshaltung immer mehr zuspitzen muß), scheint wiederkehren zu wollen. Die Berlin« Staatsoper hat für nächste Woche eine Neueinstudierung von Meyerbeers ״Hugenotten“ angekündigt. Wir wagen zu prophezeien, daß dieses geniale Werk eines Juden — vorausgesetzt das Vorhandensein der gerade hier unentbehrlichen ״schönen Stimmen“ und der sonstigen Zulänglichkeit der von dem liebevollen Meyerbeer-Biographen Julius Kapp vorbereiteten Aufführung — der größte Theat«erfolg des Jahres sein wird. Nicht nur, wegen der unvergleichliehen Melodienfülle und der dramatischen Kraft der (seit Richard Wagners Verunglimpfung im ״Judentum in der Musik“ zu Unrecht geringgeschätzten) Musik, sondern wegen des aktuell gewordenen, dem heutigen Publikum wieder nahegehenden Stoffes. Man muß nicht gleich an eine Bartholomäus-Nacht denken (obwohl auch dieses Wort in der neudeutschen nationalistischen Literatur, z. B. bei Ernst Niekisch, auftaucht); aber die grandiose Szene der Waffenweihe mit dem fruchtbaren Wort ״Geheiligt (1) sei die Rache“, mit dem ״Gott, der die Brüder morden lehrt“, diese Dumpfheit eines irrationalen Fanatismus, der Gottes Gebot zu erfüllen glaubt, — es ist eine Atmosphäre, die noch unseren Vätern bloße ״Oper“ war und die wir heute als Wirklichkeit erleben. Vielleicht kann hier die Bühne als ״moralische Anstalt“ etwas zur Entspannung mitwirken, indem sie aufwühlend zeigt, welchem Veraerben wir entgegengehen können, wenn nicht dem Wahn einer in neuen Formen auftretenden ״Heiligung“, der mörderischen Romantisierung des Aggresslonstriebs, durch die Kraft der Besinnung und das Licht der Humanität rechtzeitig entgegengewirkt wird. W. Ein Porträt von Schmarjah Lewin. Gelegentlich der An- Wesenheit von Schmarjah Lewin in Frankfurt a. M. hat der Maler und Radierer Armin Stern eine charakteristische Radierung geschaffen, die den stärksten Eindruck von diesem markanten Kopf vermittelt. Interessenten seien darauf hingewiesen, daß sie zum Preise von M. 15,— bzw. M. 10,— zu beziehen ist durch das Büro der Frankfurter Zionistischen Vereinigung, Unterlindau 21, oder durch A. Stern, Hermannstr. 25, Frankfurt a, M. _ VII. Reichskonfereaz des Reichsverbandes ostjfldfscher Organisationen in Deutschland Sonntag, den 17. Januar 1932, fand in Berlin in den Räumen der Eierbörse die von 71 Delegierten aus ganz Deutschland beschickte Reichskonferenz statt. Im Namen der abtretenden Exekutive eröffnete der Präsident, Herr Benzion Fett, mit einer Begrüßungsansprache die Konferenz um 11 Uhr vormittags. Zum Vorsitzenden der Konferenz wurde Herr Goldreich (Bonn), zu dessen Stellvertretern Herr Lecker (Magdebürg), Herr Ehrmann und Herr Feigenbaum (Berlin) gewählt. Zum Vorsitzenden des Permanenzausschusses Herr Dr. Köret», zu Mitgliedern des Ausschusses die Herren Dr. Silber!, Kornfeld,'Ehrmann, Hochgelehrte, Stern (Berlin), Krakowski, Konsens, Zimmerring. Nach den einleitenden Referaten der Herren Fett: ״Ueber die Lage des Reichsverbandes“ und Haarpuder: ״Rechenschaftsbericht für das abgelaufene Jahr“ hält Herr Dr. Koretz das von der ganzen Konferenz mit sehr großem Beifall aufgenommene Referat über die Lage der Ostjuden in Deutschland, insbesondere im Hinblick auf den Entwurf eines neuen Judengesetzes für die Gemeinden. Aufgabe der Konferenz sei es, eine alle Richtungen des Ostjudentums vertretende Exekutive zu wählen, die den schweren Aufgaben der Gegenwart gewachsen ist. In der folgenden, mehrere Stunden dauernden, Generalde batte ergriffen Vertreter aller Gruppen und Richtungen das Wort. Die meisten Redner betonten die Wichtigkeit eines einheitlichen Reichsverbandes, mahnten die bestehenden Verbände zur inneren Geschlossenheit und Vertretung der Interessen aller Ostjuden. Während der Generaldebatte wurde die Anregung zum innerenFrieden und zur organisatorischen Einheit der beiden bestehenden Qruppenverbände in Berlin gegeben, und von der ganzen Konferenz mit großem Applaus zur Kenntnis genommen. Spät nachts wurde die Exekutive einstimmig gewählt. Zum Präsidenten der Exekutive wurde Herr Moses Goldmann, zu deren Mitgliedern Dr. Koretz, Kornfeld, Feigenbäum, Itzkowitz, Schönhorn, Goldhammer (Berlin), ferner: Lecker (Magdeburg), Fischl (Hannover), Dym (Dresden), Fuchs (Oberhausen), Krakowski (Barmen), Holländer (Karlsruhe) gewählt. Unter den angenommenen Resolutionen ist hervorzuheben ein Protest gegen den Juden-Gesetzentwurf des Preußisehen Kultusministeriums, worin der Wunsch ausgesprochen wird, daß die preußische Judenheit an den Beschlüssen des Großen Rates des Landesverbandes vom 10. Januar 1932 festhalte. Eine weitere Resolution protestiert gegen die Aasschreitungen gegen jüdische Studenten an den polnischen Hochschulen. Ferner wurde die Exekutive beauftragt, eine intensive Kulturtätigkeit insbesondere unter der Jugend zu entfalten und Schritte zur Milderung der katastrophalen Wirtschaftslage der Ostjuden zu unternehmen. Der Name des Verbandes wurde in ״Reichsverband ostjüdischer Organisationen m Deutschland umgewandelt. Das aallooalsozlallsllsdie Jaden-Programm Bukarest, 19. Januar. (J.T.A.) Die antisemitische Presse Rumäniens wurde in den letzten Tagen um zwei neue Organe ״Svastica“ und ״Pareri studentesti“ vermehrt. In der ersten Nummer der ״Pareri studentesti“ wird ein Interview mit Karl Motz, dem Delegierten der deutschen Nationalsozlalisten auf dem Kongreß der christlichen Studenten in Sibiu, veröffentlicht. In diesem Interview empfiehlt Karr Mötz die Gründung einer Internationale des Hakenkreuzes und erklärt auf die Frage, wie die Partei Hitlers die Judenfrage in Deutschland lösen wolle, zunächst werde nur eine lokale Lösung angestrebt; sobald aber alle Völker sich zur Bereinigung der Judenfrage zusammengeschlossen haben würden, seien auch von einem Versuch einer internationalen Regelung der Frage positive Resultäte zu erwarten. In Deutschland werde man zunächst die neu eingewanderten Juden ausweisen, die Juden von der Betätigung in Presse, Schule, Armee und an wichtigen Wirtschaftsstellen ausschließen, sie aus allen öffentlichen Aemtern entfernen und ihnen keinerlei politische Rechte gewähren. Das Parlament werde unter nationalsozialistischem Regime nur beratende, nicht aber gesetzgebende Funktion haben. Jüdische Schule, Klopstockstraße 58 (1 Minute vom Bahnhof Tiergarten). Anmeldungen für Schule und Kindergarten am Montag, Mittwoch, Donnerstag und Freitag jeder Woche von 12 bis 13 Uhr bei der Schulleiterin Frau Nathan. — Kinder, die einen weiten Schulweg haben, können von den verschiedenen Sammelstellen aus regelmäßig in Begleitung von Lehrerinnen hin- und zurückfahren. Schule der Jüdischen Jugend. Soeben ist der Arbeitsplan der Schule der Jüdischen Jugend erschienen. Er enthält einen wichtigen Originalbeitrag von Martin Buber, der in grundsätzlicher und hochbedeutsamer Weise eine Antwort gibt auf die Frage: Warum gelernt werden soll. Ferner kündigt er mehrere Kurse an unter den Rubriken Zeitfragen, zur Kenntnis des Judentums, Fragen der Gesellschaft, Hebräisch-Kurse vom Elementarkursus über Literaturkurse, in denen neben Bibel auch mittelalterliche und neue Literatur gelesen wird, bis zur Einführung in die Halacha. Besonderes Interesse verdient ein Zyklus ״Geschichte der Juden im Umriß“ in acht Einzelvorträgen, an dem hervorragende Sachkenner mitwirken. Zur Er- Öffnung des Semesters findet am 30. Januar, abends 8 Uhr, in der Aula der kaufmännischen Berufsschule, NW 7, Georgenstraße 30/31, eine Versammlung der Schulgemeinde statt. Der ausführliche Arbeitsplan ist kostenlos erhältlich in allen jüdischen Buchhandlungen, an den Theaterkassen Hermann Tietz, Leipziger Straße, Alexanderplatz, Frankfurter Allee, Kaufhaus des Westens und in der Geschäftsstelle der Schule der Jüdischen Jugend, N 24, Oranienburger Str. 29 (D 2, Weidendamm 5921). _ Verbesserung der Palästina-Reisen über Marseille. Die Schiffsreise nach Palästina Ober Marseille ist wesentlich verbessert worden: Während bisher der Palästina-Dampfer 14tägig, am Miltwoch, von Marseille abging und Donnerstag früh in Palästina ankam, ist jetzt folgende Einrichtung getroffen worden: Jeden zweiten Freitag gehen ab Marseille die großen, komfortabel eingerichteten Ost- Asien-Dampfer der Messageries Maritimes (20000 tons), die am Mittwoch früh inn Pord Said ankommen. Am gleichen Tage fahren von Pord Said die Palästina-Dampfer der Messageries Maritimes ab. Die Passagiere werden kostenlos umgebootet und erreichen am Donnerstag früh Haifa bzw. Jaffa. Um diese Verbindung zu erreichen, genügt es, am Donnerstag früh von Berlin ab zu fahren, so daß die Reise nach Palästina auf genau eine Woche beschränkt ist und weder eine Notwendigkeit zur Uebemachtung in Europa, noch ein ägvptische* Visum, noch die nächtliche Eisenbahnfahrt in Aegypten notwendig ist. Der Preis für die genannte Reise ist der gleiche, wie er bisher für die direkte Route Marseille—Jaffa var, obwohl für den größten Teil der Fahrt die 20 000 tons großen Ost-Asien-Dampfer benutzt werden. Weitere Informationen erteilt: Palestine & Orient Lloyd, Vertretung Berlin.