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Jüdische Rundschau · 1932-01-15 · Heft 4 (15.1.1932) · page 3

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
XXXVII (1932)
Issue
Heft 4 (15.1.1932)
Date
1932-01-15
Page
– (sequence 3)
Language
German
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Nr. 4, 15.11932 JÜDISCHE RUNDSCHAU Seite 17 Auch das dritte Geschlecht des Zionismus wird aber nur mit größter Hingabe und eigener Arbeit seiner Auf• gäbe gerecht werden können. Nicht auf Hilfe von außen darf das Werk abgestellt werden. Wir haben das immer gewußt und haben um diese Erkenntnis einen langen Kampf innerhalb der zionistischen Bewegung geführt, die die entscheidende Tat von der Mandatarmacht erwartete. Heute ist es auch den Unbelehrbarsten klar geworden, daß an ein uns günstiges ״Kolonisationsregime“ nicht zu denken ist. Für eine Verständigung mit den Arabern gibt es zurzeit keine guten Aussichten. Es darf nicht zweifelhaft sein, daß alles getan werden muß, um auf die englische Regierung einzuwirken und sie zur Förderung unseres Werkes zu veranlassen; in jedem Fall muß von uns in systematischer Arbeit versucht werden, einen modus vivendi mit den palästinensischen Arabern herbeizuführen. Aber wir sind heute — wie in Wahrheit immer — entscheidend auf die eigene Kraft angewiesen. Wir haben Juden zu Zio nisten zu machen und die Kräfte der Judenheit für die Verwirklichung des Zionismus zu mobilisieren. Ohne geistige Führung werden wir unserer Sache nicht zu einem guten Fortgang verhelfen. Als es vor einigen Jahren eine Art von zionistischer Erfüllungsstimmung gab, die Vorstellung der Verwirklichung der Idee in kurzer Zeit, da brauchte man sich, so schien es, nicht mehr um Idee oder Ideologie zu kümmern. Palästina wartet auf uns, so hieß es, und gibt es vielleicht auch Rückschläge, so werden ganz schnell nicht nur Tausende, sondern Zehn- und Hunderttausende den Weg in das Land finden. Wäre es so gewesen, so hätte Erez Israel in der Tat das Betriebskapital einer großen idealistischen, kämpfenden, geistigen Bewegung getrost in kurzer Zeit verbrauchen können. Gewiß hat Palästina Platz für sehr viele Juden, aber die Alijah wird in der nächsten Zeit klein sein. Im Mittelpunkt unserer Tätigkeit muß also eine Erziehungsarbeit stehen, die den Zionisten die Kraft gibt, für Jahre hindurch unermüdlich und mit gleicher Hingabe ihre Pflicht zu tun. In der jüdischen Welt stecken riesenhafte ungehobene Kräfte. Trotz der Weltkrise, von der die Juden überall, in manchen Ländern sogar in besonderem Maße, be.- troffen sind, gibt es viele Juden, die über große materielle Mittel verfügen. Amerika hat versagt, weil es dort niemals eine verantwortliche zionistische Schicht gegeben hat, die mit Erfolg als zionistischer Erzieher der zweiten amerikanisierten Generation hätte auftreten können. Sonst hätten auch während der gegenwärtigen Krise die Millionen amerikanischer Juden, die dauernd ungeheure Mittel für lokale Zwecke ausgeben, den Erfordernissen Palästinas mindestens in dem gleichen Ausmaß wie die erheblich schlechter gestellten europäischen Juden genügen können. Die Frage unseres Werdens und Wachsens ist ausschließlich eine frage der zionistisehen Intensität Hilfe kann uns In diesem ^’Augen»',, blick weder von guten Freunden auf der anderen Seite der Agency noch von kühlen Betrachtern der allgemeinen Ent- Wicklung kommen. Wir haben die Möglichkeit, auch gegen alle diejenigen Zionisten, deren ganze Tätigkeit in politisierender Dialektik besteht Tausende von Juden mit ihren Mitteln nach Palästina zu bringen. Ebenso möglich ist es, den Keren Hajessod als dauerndes starkes Finanz- Instrument zu erhalten. Nach Palästina können so viele Juden gehen wie wir zu bringen imstande sind. Es darf nicht sein, daß die zionistische Welt sich auch in Zukunft durch ein Braunhemdentum, dessen Geist überall spürbar ist über die wahre Situation betrügen läßt. Man versucht den Zionisten einzureden, daß zehntausend von England bewilligte Zertifikate ebensoviel Chaluzim bedeuten würden, während man weiß, daß die Zahl der Chaluzim in Wahrheit von den Machtmitteln und Mitteln abhängt über die wir verfügen. * Die Judenheit wird den zionistischen Weg gehen müssen. Es gibt für sie keine andere Möglichkeit Unsere Aufgabe besteht darin, den Prozeß der Entwicklung zu beschleunigen und die Erkenntnis von der Unabwendbarkeit der zionistischen Lösung überzeugend zu verbreiten, solange die Judenheit noch die volle Antwort auf unseren Ruf zu geben vermag. Palästina wird uns aufnehmen, soweit wir imstande sind, uns dort eine Existenz zu schaffen; wir können dort und im ganzen Vorderen Orient eine jüdische Welt aüfbauen, die von Hunderttausenden zu Millionen Juden anwächst. Die Zeit mit ihrer ganzen Schwere und ihrem furchtbaren Druck macht Juden reif zu einer radikalen zionistischen Entscheidung. Wir können ihnen zeigen, daß es jetzt wahrlich nicht mehr darauf ankommt, zu wissen, was die anderen von uns denken, um danach unseren Standpunkt und unsere Verteidigung zu bestimmen — mit ungeheurer Klarheit können heute alle wissen, wie die* Welt zu ihnen steht —, sondern daß es einzig wichtig ist zu wissen, was wir selbst von uns denken, wie wir zu uns, zu unserer Vergangenheit und zu unserer Zukunft stehen und wie wir in den kommenden zehn, zwanzig und dreißig Jahren der einen großen Aufgäbe gewachsen sein werden. * Dem dritten zionistischen Geschlecht stehen Einsichten zur Seite, um dem eigenen Leben die entscheidende zionistische Wendung zu geben und um der Judenheit einen schweren, aber hell erleuchteten Weg zu weisen. Der Zionismus kann sich jetzt nich־: weniger als in früherer Zeit gegen die Strömungen des allgemeinen Lebens ebenso gut behaupten ־wie er sich gegenüber den neuen Assimilationstendenzen der Juden durehzusetzen vermag. Man denke nicht, daß die äußeren Bedingungen, unter denen der Zionis־׳ mus sejn Werk fortzusetzen hat, von überragender Bedeutung für die größere oder geringere Sicherheit in der zionistischen Selbstbehauptung sind oder überhaupt sein können. Das zionistische Kraftgefühl des Einzelnen längt heute wie immer von gläubigem Vertrauen ab, dessen Quell ein seit alten Zeiten vorhandenes ständig erneuertes noch immer wirksames tiefstes Bedürfnis des jüdischen Menschen nach voller Freiheit des jüdischen Lebens ist. Alle auftauchenden Zweifel auf der Ebene der politischen Erkenntnis sind völlig nur dann zu beseitigen, wenn eine tiefere Schicht des Wesens von ihnen nie berührt wird. So ist es aber bei allen werdenden Dingen in der Welt; in der Entwicklung des Lebendigen gibt es keine mathematische Evidenz, und neben allen Begründungen, die wir entwickelt haben und die sich im jüdischen Leben durchsetzen, steht als stärkstes Argument des Zionismus der in seiner Wahrhaftigkeit gefühlte Glaube von der Erforderlichkeit des Zionismus für das jüdische Volk und für das eigene Leben. Zionistischpolitische Debatte (Fortsetzung von Seite 1) ln der Debatte sagte Leonard Stein der frühere politische Sekretär und jetzige Ehrenanwalt der Jewish Agency: Ich war einer von denen, die von Anfang an glaubten, <Jaß in Palästina nichts ohne die volie Zusammenarbeit zwischen England und den Juden geschehen kann. Ich muß heute offen gestehen, daß ich in den letzten 18 Monaten zum ersten Male die britische Politik in Palästina nicht mit vollem Herzen verteidigen konnte. Obwohl viel übertriebene Kritik laut geworden ist, ist doch ein Körnchen Wahrheit in der Feststellung, daß wir nicht das Maß von Unterstützung seitens der Regierung gehabt haben, das wir beanspruchen konnten. Das Mandat gebraucht das Wort ״erleichtern“, und dieses Wort meint, was es besagt. Zwar ist es richtig, daß wir von der Regierung anfangs "kaum mehr erwarten konnten als die Einrichtung eines zivilisierten Staatswesens und öffentliche Sicherheit. Aber bei aller Anerkennung des hier Geleisteten ist mein Vertrauen durch das Versagen der Regierung im August 1929 erschüttert worden. Trotzdem sehe ich keinen anderen Weg als Zusammenarbeitmit England. Wir stehen und fallen mit dem Ausmaß dieser Zusammenarbeit. Freilich ist Zusammenarbeit eine zweiseitige Sache, und so berechtigt auch unsere Beschwerden sein mögen, wir werden nicht weiterkommen, wenn wir sie immer wieder aufzählen und uns manchmal zu einem Verhalten bloßer Nörgelei verleiten lassen, statt zwischen wichtigen und unwichtigen Dingen zu unterscheiden. Col. Kisch sagte: Ich stimme mit Stein darin überein, daß es praktisch gar keinen anderen Weg für uns gibt als immer wieder zu versuchen, die Regierung zur Ausführung ihrer Ver- Pachtungen zu veranlassen. Wir können nicht von anderen Alternativen sprechen, denn esgibtkeine. Statt immer wieder bloß zu ״schreien", müssen wlrunsere Bewegung auf bauen. Ich glaube aber auch, daß der Hauptgrund für dje Schwierigkeiten, die* wir mit der Regierung haben, das arabische Problem ist. Wir haben es mit 800OW) Arabern zu tun, die eine Realität sind. Es kommt vor allem darauf an, das Lebensniveau dieser Araber zu heben, denn für uns kommen sie in dreifacher Beziehung in Frage: als Nachbarn, als Konkurrenten und als Absatzmarkt. Die nachbarliehe Beziehung ist eine Vorbedingung der Sicherheit; solange wir eine völlig ungebildete Masse vor uns haben, kann keine Polizei uns schützen. Was die Konkurrenz betrifft, so bildet die Bedürfnislosigkeit der Araber und die daraus folgenden niedrigen Löhne eine Bedrohung unseres Arbeitsmarktes. Und schließlich wollen wir den Absatz für unsere Industrie; wir haben Strumpf- und Schuhfabriken, aber 500000 Araber gehen noch barfuß. Wir haben also das größte Interesse an einer Politik, die die Araber auf eine höhere Stufe bringt. Ueber die Resolutionen der Konferenz und über die Wahl Dr. Weizmanns, der der Tagung aus Gesundheit«- runden nicht beiwohnen konnte, zum Präsidenten der E. Z. F. aben wir bereits berichtet. Die Sokolow-Campagne in Amerika New York, 10. Januar. (J. T. A.) Am 7. Januar abends fand im Hotel Astor zu Ehren des Präsidenten der Jewish Agency, Nahum Sokolow, ein Empfang statt, dem über 3000 Personen beiwohnten. Mehr als 1000 Personen mußten wegen Raummangels umkehren. Sokolow hielt eine Ansprache an die Versammlung, in der er an die amerikanische Judenheit appellierte, das Aufbauwerk in Palästina aus seiner gegenwärtigen katastrophalen Situation zu retten. Die Worte Sokolows machten tiefsten Eindruck auf die Versammlung. Es folgte eine Ansprache von Dr. Nahum G o 1 d m a n n , der von den Versammelten stürmisch akklamiert wurde. In der Versammlung wurde ein Telegramm des englischen Kolonienministers Cunliff e- Lister an Nahum Sokolow verlesen, in welchem es heißt: Großbritannien wird die Baifour-Deklaratkra dem Buchstaben wie dem Geiste nach erfüllen. Die englische Politik in Palästina ist eine konstante. Der Abend war ein glücklicher Auftakt zur gegenwärtigen Keren Hajessod-Aktion in Amerika, die unter der Leitung von Sokolow, Felix Warburg, Julian Mack, Emanuel Neuman, Stephen Wise und Jacob de Haas steht. Ira Edison-Hotel wurde das 30jährige Bestehen des J ü d i - sehen Nationalfonds durch ein Festbankett gefeiert, an dem SK) Personen teilnahmen. Sokolow, Stephen Wise, Lipsky, Emanuel Neuman, Rabbi Meir Berlin, Robert Szold u. a. m. Jeder der 800 Teilnehmer zahlte für das Gedeck 25 Dollar, so daß an diesem Abend 200 000 Dollar für den Jüdischen Nationalfonds gesammelt wurden. Dieser Betrag wird zum Ankauf von 800 Dunam Boden in Palästina verwendet werden. Jerusalem-Rechawia. Aus dem Rechenschaftsbericht des Wgads der Gartenvorstadt Rechawia (Jerusalem) für 1931 übermittelt uns die Palestine Land Development Co. London-Jerusalem, die den Boden für dieses jüdische Viertel vom Griechisehen Patriarchen in Jerusalem erworben hat, folgende Einzelbeiten: Die ersten drei Häuser in Rechawia wurden im Jahre 1924 erworben. Seitdem sind im ganzen 62 Häuser gebaut worden, hiervon 28 einstöckige und 34 mehrstöckige. Im letzten Jahre allein wurden 15 Häuser gebaut und vier weitere aufgestockt. In der Siedlung wohnen heute rund 500 Menschen. Die für Straßenbau verausgabten Beträge in Rechawia belaufen sich bisher auf ca. £ 2400, von denen die Anlieger selbst ca. £ .1600 aufgebracht haben, Eine antizionisUsehe Tendenzschriit Per katholische ״Deutsche Verein vom Hei• 1 i g e n Lande“ hat als Heft 4/6 seiner Palästina-Hefte soeben ein Buch ״Judentum und Zionismus, Zur Geschichte und Psychologie einer religionspolitischen Bewegung“ von Dr Eugen Müller, Berlin-Zehlendorf, veröffentlicht (Verlag J. Pt Bachem) Wir haben in Nr. 67 der ״Jüdischen Rundschau" vorigen Jahres das erste dieser Palästina-Hefte, dessen Verfasser Dr. Valmar Gramer ist, besprochen und unserer Verwunderung Ausdruck gegeben, daß der Verein mit seinem Namen eine Broschüre deckt, die — gar nicht auf jüdischem Gebiet, sondern im Bereich der Tatsachen der allgemeinen Politik der letzten zehn Jahre die sonderbarsten, von jedem durchschnittlichen Zeitungsleser korrigierbaren Schnitzer enthält. Schon jene Broschüre war weniger als ernste Arbeit zu werten als vielmehr als eine tendenziöse Stellungnahme, die sich vor allem gegen den Zionismus richtete. In viel größerem Mafisfabc nimmt die jetzt erschienene Arbeit Von Dr. Eugen Müller diese Absichten auf. Der Autor sagt in seinem Vorwort wörtlich: ״Im übrigea sehe ich im Zionismus, um es gleich vorweg zu sagen, lediglich eine vorübergehende Zeitatrömung und ׳ lehne seine wesentlichsten Ziele aus grundsätzlichen Erwägungen ab. Ich war bemüht, die Materie imvsreingenommen und in ernster Sachlichkeit zu behandeln." (Sperrungen von uni. — Red. ״J. R,“) Mit einer naiven Offenheit, der wir auch sonst an mehreren Stellen des Buches begegnen, wird hier zunächst die Voreingenommenheit zugegeben, um Hn nächsten Satz in Abrede gestellt zu werden. Wir haben die Broschüre von Dr. Müller aufmerksam gelesen, in dem vollen Bewußtsein, daß es für einen Außenstehenden schwer ist, sich in die Materie einzuarbeiten, und mit dem Bestreben, der bona fides des Autors alle Gerechtigkeit widerfahren zu lassen. Wir wollen nicht so kleinlich sein, aus den zahlreichen in Einzelheiten unterlaufenen Irrtümem weitgehende Schlüsse zu ziehen. Der Autor hat, das muß anerkannt werden, mit großem Eifer zionistische Quellen studiert und sich in die Materie eingearbeitet. Aber er hat es keineswegs, wie er behauptet, ״unvoreingenommen“ getan, sondern die ״grundsätzliche Ablehnung“, die er zu seiner Arbeit mitbraehte, hat den natürlichen Multerboden für die Behandlung des Materials abgegeben. So ist das Buch, weit entfernt von jeder Objektivität, geradezu das typische Schulbeispiel einer T endenzschrift geworden. Worin besteht das Wesen einer Tendenzschrift? Nicht darin, daß man plumpe Unwahrheiten verbreitet, die leicht zu widerlegen sind; sondern darin, daß man mit dem Anschein der Objektivität, unter Anführung von Ziffern und Zitaten, das Material so gruppiert, daß es der eigenen vorgefaßten Tendenz entspricht. Um dies zu bewerkstelligen, muß man Zitate geschickt auswählen, Gegenbeweise weglassen, bei der Beleuchtung der Dinge einseitig verfahren und auf der Hand liegende Zusammenhänge ignorieren. Wir müssen, um den Beweis hierfür zu erbringen, uns auf einige Beispiele beschränken. 1. Der Autor schildert die durch den Rückgang der zionistischen Einnahmen erzwungene Verkleinerung der jüdischen Arbeit in Palästina. Die Tatsachen sind ira allgemeinen richtig wiedergegeben, es werden auch an mehreren Stellen die Wirtschaftlichen Krisenerscheinungen der Welt als einer der Gründe angeführt. Aber ist es nicht ungerecht, solches Werk nach seinem Stadium in dem momentanen Weltzustand beurteilen zu wollen? Es Ist allgemein bekannt, daß man über die finatuiellen Zuy Stände viel größerer Völker und Länder, die staatlich organisiert und mit allen Zwangsbefugnissen ausgestattet sind, heute ein trauriges Bild geben könnte. Die Jewish Agency hat 10 Millionen Mark Schulden. Richtig. Aber diese Schuld wäre unter normalen Verhältnissen nichts besonders Belastendes. Die Verhältnisse sind in der ganzen Welt ungewöhnlich geworden, sogar die Bank von England konnte ihre Schulden nicht zahlen. Das jüdische Schulwerk in Palästina mußte stark verkleinert werden. Richtig. Aber auch in Deutschland und England sind viele Tausende von Lehrern entlassen worden und der Abbau der Kultur-Etats ist noch nicht beendet. Von diesem Hintergrund gesehen nehmen sich auch die Dinge in Palästina etwas anders aus. Nicht nur ein wohlwollendes, auch ein objektives Auge mußte diesen Hintergrund mitbetrachten. 2. Der Autor konstatiert die ״Unverträglichkeit der grundsätzlich verschiedenen Lebensauffassung der Araber und der eingewanderten Juden“ und ihrer Bedürfnisse. Mit offen durchscheinender Sympathie schildert er die Genügsamkeit und Rückständigkeit der arabischen Welt, die — im Gegensatz zu den hohen zivilisatorischen Ansprüchen und der Glaubenslosigkeit der Juden — noch ״voller religiöser Gläubigkeit und Innigkeit“ ist. Aber die von den Juden mitgebrachten Bedürfnisse haben die Wirtschaft und Zivilisation Palästinas gehoben und den großen Außenhandel ermöglicht. Wenn Dr. Müller an anderer Stelle schreibt, ״Erfreulicherweise ist unter den euromischen Staaten Deutschland der größte Importeur nach England“ (bis vor kurzem stand Deutschland überhaupt an erster Stelle), so sollte er bedenken, daß diese handelspolitische Tat- Sache ohne das jüdische Element in Palästina unmöglich gewesen wäre. Die Waren, die Deutschland einführte, dienten fast durchwegs jüdischen Bedürfnissen. Wenn Dr. Müller dafür ist, daß Palästina auf der Kulturstufe des Fellachentums bleibt, dann wäre auch der deutsche Import keineswegs ״erfreulich“. 3. Eine der Hauptschwierigkeiten sieht Dr. Müller in dem ״arbeits-ethischen Proble m“. Er stellt dabei a priori die Behauptung auf, daß das Judenvolk für wirkliche Arbeit nicht geeignet sei. Die Juden seien stets vorwiegend Stadtbevölkerung gewesen. Ihre Begabung liege auf dem Gebiet des Handels und Geldwesens, dazu komme noch Presse, Theater, Diplomatie und Politik. ״Auf diese jüdische Eigenschaft muß besonders hingewiesen werden, soll die ganze Untersuchung des zionistischen Problems überhaupt Sinn und Zweck haben.“ Nach manchen anderen Aeußerungen muß man schließen, daß der .Verfasser eine derartige Veranlagung keineswegs als einen Vorzug betrachtet. Dennoch scheint er aber die Fortsetzung eines so gearteten jüdischen Daseins in der Diaspora für wünschenswert zu halten; er sieht sogar in den letzten zwei Jahrzehnten eine ״außerordentliche Verbesserung in der Stellung der Juden“ in den meisten Ländern, und obwohl er z. B. ausdrücklich auf Deutschland anspielt, erwähnt er mit keinem Wort die tatsächliche Lage der Juden in Deutschland, die ihm doch bekannt sein muß. Auf der anderen Seite steht er dem grandiosen Versuch des Zionismus, zum erstenmal seit Jahrhunderten diese strukturelle Festlegung des jüdischen Volkes zu durchbrechen und einen Platz für die Entwicklung einer anders aufgebauten normal geschichteten jüdischen Gesellschaff zu erobern, völlig verständnislos gegenüber. Der Gedanke, daß das Volk nur durch Verbindung mit der Urroduktion gesunden kann, ist eines der Fundamente des ionismus. Die jüdische Arbeiterbewegung Palästinas hat die Idee der ״Arbeit“ als des Mittels zur Verbindung des jüdischen Menschen mit dem Boden (und damit zu seelischer Gesundung) geradezu religiös verklärt. Gemessen an diesem Ideal der Verwurzelung war vielen zionistischen Kritikern das wirklich bisher Erreichte häufig unzulänglich und tnangelhaft, und sie haben dieser Meinung Ausdruck gegeben. Nun kommt Dr. Müler und zitiert diese äatdstische Kritik als

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