Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XXXVII (1932)
- Issue
- Heft 3 (12.1.1932)
- Date
- 1932-01-12
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 3, 12.11932 JÜDISCHE RUNDSCHAU Seite 13 Die Zionisten Berlins rninieren sich Großer Erfolg der zionistischen Stadtkonferenz Die zionistische Stadtkonferenz am 10. Januar kann ein Merkstein in der Geschichte des Berliner Zionismus werden. So viel zionistischen Arbeitswillen, so viel Elan und Enthusiasmus haben wir schon lange nicht erlebt wie auf dieser Tagung, die endlich einmal nicht der Polemik, sondern der konkreten praktischen Arbeit galt. Besonders erfreulich war es, daß man so viele neue Gesichter sah. Eine neue Generation ist herangewachsen und sie nimmt ihren Platz im zionistischen Leben ein. Wenn man mit so viel Liebe und Interesse über technische und organisatorische Details spricht, dann zeigt man, daß man von aer Idee, der all dies gilt, ganz erfaßt ist. Denn die Durchsetzung einer Idee bedarf nun einmal der Kleinarbeit, und in dieser muß stets die Jugend das Hauptkontingent stellen. Eine Zeitlang glaubte man im Zionismus (wie in anderen Bewegungen), mit Parteibeamten auszukommen. Diese Meinung ist heute von allen aufgegeben. Auch wenn das Wachstum des zionistisehen Lagers die Mitwirkung von beamteten Funktionären unentbehrlich macht, der Hauptteil der wirklichen lebendigen Arbeit und Propaganda wird immer von der Masse der Bewegung selbst geleistet werden müssen. Diese Einsicht beherrschte die Berliner Stadtkonferenz; Verpflichtung zu zionistisrhem Einsatz war für alle Anwesenden eine Selbstverständlichkeit. Die Konferenz war von 120 Delegierten beschickt, und zirka 300 Gäste waren bei der Konferenz erschienen. Es war ein in Berlin seit langen Jahren nicht gesehenes Bild. Jede Gruppe, jede Partei kam zu dieser Stadtkonferenz, nicht um eine innerzionistische Diskussion zu führen, nicht um eine selbstgefällige Darstellung der Arbeit im eigenen Verband zu geben, sondern ein gemeinsamer zionistischer Wille beherrschte die Anwesenden, ln dieser Richtung ging auch die ungeheuer angeregte und vielseitige Diskussion. Nur durch eine ganz kurze Mittagspause unterbrochen, beteiligten sich alle Delegierten und Gäste von 10 Uhr morens bis 8 Uhr abends an der Tagung. Alle Disussionsredner betonten den Willen, zu einer stärkeren, aktiveren, systematischeren Arbeit zu kommen. Jeder Redner lieferte hierfür Beiträge und gab praktische Ratschläge. Es ab eine Fülle von Anregungen und gerade die Vielseitigkeit er Vorschläge rundete das Bild. Es war eine große Freude, zu sehen, wie nacheinander von allen Gruppen und Parfeien Vertreter von dem Gesamtwillen der Konferenz erfaßt waren, um der Tagung zu einem gelungenen Abschluß zu verhelfen. Am Vorabend der Stadtkonferenz fand am 9. Januar eine öffentliche Versammlung im großen Saal des Logenhauses statt. Zum Bedauern aller Berliner Zionisten mußte Berl Locker infolge Krankheit absagen. Dr. S. Kanowitz sprang als Redner ein. Schon lange vor Beginn der Versatnm- Jung war der Saal überfüllt. Ueber 700 Personen saßen und standen dicht gedrängt, ein guter Auftakt für die Eröffnung der Konferenz. Dr. Schön eröffnete die Tagung, legte kurz die Ziele der Stadtkonferenz dar und ließ ein herzliches Begrüßungsschreiben von Locker verlesen. Dr. Kanowitz verstand es, in präzisen Formulierungen und in treffender Charakteristik das Schicksal der Judenheit darzustellen. — Nach dem Referat folgte die Darbietung von ״Barak“, die trotz größter Ueberfüllung des Saales in atemloser Spannung und mit starkem Beifall aufgenommen wurde. Die neue Form dieser Propaganda zeigte sich wiederum von starker Wirkung. Es wäre zu wünschen, daß dieses Beispiel Nachahmung in der zionistischen Welt finden möge. Die Beratungen am Sonntag wurden durch Dr. Schön eröffnet. Dr. Schon drückte noch einmal das Bedauern der Konferenz über die Erkrankung von Herrn Locker aus. Herr Locker hatte der Konferenz ein ausführliches Schreiben geschickt, in dem die gegenwärtige zionistische Situation geschildert und das zur Verlesung gebracht wurde. Der Vorsitzende der Zionistischen Vereinigung für Deutschland, Kurt Blumenfeld, begrüßte die Konferenz und betonte, wie stark das Interesse der Leitung der Z. V. f. D. an der zionistischen Arbeit in Berlin sei. Dr. Werner Bloch hielt dann das Hauptreferat der Konferenz. Ausgehend von der zionistischen Situation nach dem Baseler Kongreß und von der Erschütterung der europäischen Welt zeigte der Referent die Notwendigkeit der Konzentration der Kräfte. Gerade in der Großstadt bilde die zionistische Arbeit ein besonderes Problem. Weder in New York noch in Warschau noch in irgendeiner anderen Großstadt sei die wirkliche Erfassung der Juden für die zionistische Bewegung gelungen. Es stehe hier ein organisatorisches Problem ersten Ranges vor uns. Kompliziert wurde die Sache noch für Berlin, weil diese Stadt geistiger Anregung unzählige Ablenkungsmöglichkeiten gäbe, und weil die besten zionistisehen Kräfte für die Arbeit der Zionistischen Vereinigung für Deutschland absorbiert würden. Nach einigen grundsätzliehen Bemerkungen zu dem Problem der Bürokratie im Parteiwesen appellierte der Referent an die Teilnehmer der Konferenz, daß jeder Teilnehmer sich selbst als verantwörtlicher Arbeiter empfinden möge. An Hand genau vorbereiteten Tatsachenmaterials über die zionistischen Verbände, Parteien und Fonds und nach Analysierung dieses Tatbestandes kam der Referent zu einem präzisierten Vorschlag für einen organisatorischen Neuaufbau der zionistisehen Tätigkeit in Berlin. In später Nachmittagsstunde hatte die Tagung die Freude, den Präsidenten des Aktions-Comites, Leo Motzkin, in ihrer Mitte zu begrüßen, der in einer von jugendlichem Feuer beseelten Ansprache die Versammlung zu verstärkter zionistischer Arbeit aufrief. Kurt Blumenfeld sprach ehrende Worte für das Andenken an Walter Meklenburg. Bei der ersten größeren Zusammenkunft Berliner Zionisten müsse gesagt werden, einen wie bedeutenden Verlust die zionistische Bewegung in Deutschland durch den Tod dieses jungen Gesinnungsgenossen erlitten hat. In seinem Schlußwort betonte Dr. Bloch, daß ein wirklicher Fortschritt nur dann erreicht werden kann, wenn alle Delegierten von dieser Tagung in ihre Gruppen und Verbände zurückkehren, um den Geist der Konferenz in alle Teile der Organisation zu tragen. Um den organisatorischen Neuaufbau durchzuführen, wählte die Stadtkonferenz eine Arbeitskommission, die gemeinsam mit dem Hauptvorstand der B. Z.V. an die Arbeit gehen soll. In die Kommission wurden entsandt: Frau Battsek, H. Gerling, Dr. Pines, M. Tischler, Dr. k. Ra bau «ad ein Vertreter der ztonlstlscfien Jugend. Eine gelungene Konferenz, ein gutes Vorzeichen für die weitere Arbeit! UHt1nHS>tUlllHHHIUHlBSIIIWlllI»MUMIIt>WHttlMIMIHHm1IIWHWIWIWlIWtm1llBWHIMIHWHIWHtH>WHWIIIUIIIIWHIIIItMIHIIHlHlllllHIHIlMlllUlnwm11nUnl>WnuWtWUIlm1OTIIHIM1rMHIIWUtWIIMIMBI1m1HHIHIHHm1BIWmwnmWIWHIIIIMIHIH1m1WMlnBni Frauen-Arbeit Bericht Über die Tätigkeit des Verbandes Jüdischer Frauen für Palästina-Arbeit während des letzten Vierteljahres: In Frankfurt a. M., Wiesbaden, Kassel, Mainz und Eschwegc sprach Frau Recha Freier im Oktober. Sie organisierte an diesen Orten die Winterarbeit und veranstaltete Werbetees, die erheblichen Mitgliederzuwachs brachten. In Frankfurt hat sich ein sehr reges Gruppenleben entwickelt. Man versucht, durch kleine Extraveranstaltungen, Spiele usw, die Verpflichtung für das übernommene Budget zu erfüllen. Daneben hat sich eine Jugendgruppe gebildet. Auch in Wiesbaden gründete Frau Freier eine Jugendgruppe. — Die Orte Halberstadt Dessau, Dresden, Chemnitz wurden von Frau Jettka Levy-Stein besucht. An allen Orten fanden gut besuchte Veranstaltungen statt. Immer schloß sich an diese Vortragsabende eine Arbeitssitzung, in der der Plan für die Winterarbeit festgelegt wurde. Die Arbeit in diesen Orten ist außerordentlich rege. Die von Frau Levy-Stein angeregte Feier des Rausch Chaudesch als Palästinatag fand überall großen Beifall und wird in allen Gruppen durchgeführt werden. — Nürnberg, Würzburg und Fürth wurden im November von Frau Dr. Marie Mayer besucht. Iif Nürnberg und Würzburg sprach Frau Dr. Mayer in sehr gut besuchten Veranstaltungen. Auch hier.wurde die Winterarbeit und besonders die Art der Propaganda besprochen. In Fürth wurde ein Werbetee veranstaltet, bei dem eine Anzahl neuer Mitglieder geworben wurden. — Die Ortsgruppe in Z w i c k a u wurde von Frau Dr. Turnowsky besucht. Auch hier wurde in Anwesenheit von Frau Dr. T. der Plan für die Winterarbeit aufgestellt und Anregungen für praktische Arbeit gegeben. Die Palästina-Handarbeiten, die bei der Veranstaltung gezeigt wurden, fanden großen Beifall. — Die Gruppen Hamburg und Leipzig erfuhren durch den Besuch von Frau Anitta Müller-Cohen eine besondere Bereicherung. Frau Müller- Cohen sprach in Hamburg sowohl in der Wizo-Gruppe als auch in der Misrachi-Frauengruppe. Die Veranstaltungen brachten erheblichen Mitgliederzuwachs. In Leipzig sprach Frau Müller- Cohen in der Vortragsgemeinschaft, in der Wizo-Gruppe und speziell in der Jugendgruppe. Auch hier wurde eine größere Anzahl neuer Mitglieder gewonnen. — Die Ortsgruppe Beut h e n hatte Referate von Herrn Rabbiner Dr. Melchior über ״Aktuelle Jugendsorgen“, von Frau Dr. Lotte Prager-Badt aus Breslau: ״Und endlich doch in Erez-Israel“, Frau Dr. B er g- Platen aus Breslau: ״Probleme der Reifezeit“, Frau Dr. Prager-Badt: ״Nervosität oder Erziehungsfehler — von nervösen jüdischen Kindern“. — Zu Chanuldcah wurde gemeinsam mit dem Hakoah-Beuthen ein Teeabend veranstaltet, dessen Reingewinn dem Keren Kajemeth zufloß. — Stettin hatte einen Vortragsabend von Frau Käthe Baer-Freyer über Ben Schemen. — In Görlitz sprach Frau Bergei- Gronemann. Durch die Besuche in den einzelnen Orten hat die Arbeit in den Gruppen eine außerordentliche Belebung erfahren. Die Arbeitsgemeinschaften kommen regelmäßig zusammen und besprechen in kleinen Kreisen Probleme der jüdischen Gegenwart und der Aufbauarbeit. — Der Besuch einer auswärtigen Propagandistin kann nur den Zweck haben, den einzelnen Gruppen Anregung zu geben und Wege zu weisen. Die Sorge jeder einzelnen Gruppe muß es bleiben, die gegebeneu Anregungen aufzunehmen und in praktischer Arbeit zu verwerten. Nürnberg. (Frauenarbeitsgemeinschaft für Palästina.) Am 12. November hielt Frau Dr. Marie Mayer aus Berlin, die frühere Vorsitzende der Nürnberger Ortsgruppe des Verbandes jüdischer Frauen für Palästina- Arbeit, einen sehr gut besuchten Vortrag in diesem Verein, betitelt: ״Das jüdische Kind und seine Umwelt“. Die Rednenn schilderte in eindrucksvollen Worten die Bedeutung und die Gefahren der äußeren Einflüsse auf die geistige und seelische Entwicklung des Kindes. Das Kind muß viel Selbstgefühl besitzen, um in sich genau zu wissen, daß Anderssein nicht schlechter sein bedeutet Zur Stärkung des Selbstgefühls müsse man vor allem das Kind mit jüdischen Inhalten füllen, ihm jüdisches Wissen geben, man soll es mit den jüdischen Formen bekannt machen, die jüdischen Feste schön und würdig begehen. Zur Veranschaulichung dieser Probleme ging die Rednerin von zwei Büchern aus: ״Ein kleiner Prophet“ von Edmond Fleg und ״Kindheit im Exil“ von Schmarja Levin. Von sehr großer Bedeutung sind auch die jüdischen Jugendbünde. Allen Eltern empfiehlt die Vortragende, die Kinder schon frühzeitig auf antisemitische Aggression vorzubereiten, den Problemen nicht aus dem Wege ni gehen und verspricht sich sehr viel davon, daß die Kinder im Leben der Eltern den lebendigen Zusammenhang mit Palästina und ihre Arbeit tür das Heilige Land sehen und spuren. An der sehr lebhaften Diskussion, die das Einverstlndnis der Hörer und ihre Freude an dem wissenschaftlich fein durchgearbeiteten Vortrag bekundeten, beteiligten sich die Ehmen Löwengart, Dr. Singer, Dr. Ascher und Herr R.-A. Dr. Feilchenfeld, der nochmals in warmen Worten die Vorzüge der jüdischen Schule für das seelische Wohlbefinden des jüdischen Kindes pries. Hamburg-Altona. (Misrachi-Frauengruppe.) Am 3. Januar 1932 hatte die Misrachi-Frauengruppe zu einer Vormittagsveranstaltung im Hause von Herrn Hugo Mainz eingeladen, zu der eine große Anzahl interessierter Damen und Herren erschienen waren. Die Referenten, Herr und Frau Univers.-Prof. Dr. Fraenkel (Kiel), verstanden es, durch ihre Ausführungen lebhaftes Interesse für wichtige Fragen des Palästinaaufbaues zu erwecken. Im Rahmen des Themas ״Er- Ziehungsprobleme und Frauenarbeit in Erez-Israel“ besprach Herr Prof. Fraenkel die verschiedenen Schultypen im Lande, insbesondere die Schulen der Jewish Agency, des Misrachi, der Arbeiterschaft und die des alten Jischuw und der Agudas Jisroel. Zum Schluß trat der Vortragende für die Uebersied- Iung gesetzestreuer Juden aus Mittel- und Westeuropa nach Palästina ein. In Ergänzung dieser Ausführungen gab Frau Prof. Fraenkel Einzelschilderungen aus dem Leben der gesetzestreuea Frau in Palästina und erwähnte besonders das Internat des Misrachi-Lehrerinnen-Seminars und die für gesetzestreue Mädchen und Frauen ins Leben gerufene Haushaltungsschule, welche beide vornehmlich von den misrachistisehen Frauen-Organisationen erhalten werden. Frau Dr. Blau dankte den Rednern. Die Misrachi-Frauengruppe konnte ein weiteres Zunehmen ihrer Mitgliederzahl feststeuen״ Der Verlag für Literatur und Politik bittet uns mitzuteilen, daß das in unserer Ausgabe vom 23. Dezember 1931 besprochene Buch von Otto Heller ״Der Untergang des Judentums“ ton ihm herausgegeben wurde und nicht, wie irrtümlich angegeben, vom Verlag für Kultur und Politik. Aus den Gemeinden Die GemeJndeflnanzen in Berlin Am 4. d. M. gab der Finanzdezernent der Gemeinde, Wilhelm G r a e t z , auf einem Gemeindeabend in den Kammersälen der Teltower Straße eine ausführliche Darstellung der Gemeindefinanzen. Er beschäftigte sich mit den Vermögens- Verhältnissen der Gemeinde und kam schließlich auch auf die Steuerverhaltnisse zu sprechen. Er führte über diesen Punkt aus, daß die Steuerkraft der Gemeinde, obwohl auch sie unter der wirtschaftlichen Entwicklung gelitten habe, im wesentlichen unbeeinträchtigt geblieben sei. Denrnifolge bestehe in keiner Weise ein Anlaß zu irgendwelchem Pessimismus. Die Verwaltung müsse sich lernhalten von oberflächlichem Optimismus, ebenso wie sie einer Schwarzmalerei mit aller Entschiedenheit entgegentrete״ Am Schlüsse seiner Ausführungen betonte Graetz die Notwendigkeit, in der gegenwärtigen Situation Parteikämpfe zu vermeiden, insbesondere auf dem Gebiete der Finanzgebarung. Diese Darlegungen des Herrn Graetz sind offenbar das Produkt von Erkenntnissen, die er mittlerweile durch größere Vertrautheit mit den Gemeindegeschäften erlangt hat. Vorher hat die Melodie der Liberalen in Angelegenheiten der Gemeindefinanzen ganz anders geklungen. Da war keine Schwarzmalerei schwarz genug. Man erinnere sich an die Begründungen bei den vorgenommenen Beamtenkündigungen und Entlassungen. Man erinnere sich an das Zischeln und Gerüchtein-die-Welt-setzen, wie heillos versumpft und verschlammt das Finanzwesen der Gemeinde durch das Regime der jüdischen Volkspartei worden sei. Nun ist das alles nicht so gemeint gewesen, und die Dinge liegen, wiewohl sie sicherlich ebensowenig erfreulich sind wie bei anderen öffentlichen Körperschäften, doch nicht so ruinös im Argen. Das Erbe, das die Liberalen angetreten haben, kann, obwohl sie es immer wieder erklärten, doch nicht so unglückselig gewesen sein, wenn plötzlieh kein Anlaß zum Pessimismus vorliegt. Die Darstellungen von Wilhelm Graetz sind nicht etwa stimmungsmäßig für das Publikum frisiert gewesen, sondern entsprechen, wie wir aus der Gemeinde erfahren, der gegenwärtig in der Verwaltung allgemein herrschenden Ansicht. Die Mahnung von Herrn Graetz, Parteikämpfe zu vermeiden, richtet sich wohl in erster Linie an seine eigene Fraktion. Denn gerade auf dem Gebiete der Finanzen hat diese außerordentlich viel Erbitterung in den Kreisen der Jüdischen Volkspartei durch ihre dauernden Vorwürfe gegen diese erregt. Ein Brief and eine Antwort Wie die ״Berliner Jüdische Zeitung“ mitteilt, ist aus Anlaß der Kurfürstendamm-Unruhen der Jüdischen Gemeinde Berlin nachstehender Brief der Gesellschaft der Freunde (Quäker), Berliner Gruppe, zugegangen: ״Liebe Brüder und Schwestern! Mit Schmerz und Scham denken wir an das Leid, das die würdelosen Vorgänge am Kurfürstendamm über Euch gebracht haben. Wir fühlen uns mitverantwortlich und mitschuldig, weil wir nicht genug getan haben, um die haßerfüllte Atmosphäre zu entgiften. Deshalb bitten wir Euch um Verzeihung für das, was Euch angetan wurde. Wir danken Euch, wenn Ihr nicht Haß mit Haß vergeltet. Wir haben Eurer in unserer heutigen Andacht gedacht: Euer Leid Ist unser Leid. Wir bitten Euch, in uns Eure Freunde zu sehen.“ Die Jüdische Gemeinde hat darauf mit folgendem Brief ge« antwortet: ״Sehr geehrte Herren! Wir bestätigen Ihr gefälliges, am 22. d. M. hier eingegangenes Schreiben und sprechen Ihnen für Ihre verständnisvolle Anteilnahme unseren verbindlichst«! Dank aus. Mit vorzüglicher Hochachtung Vorstand der Jüdischen Gemeinde.“ Es ist wirklich sehr bedauerlich, daß die Gemeinde sich mit dieser leeren bürokratischen Bestätigung begnügt hat und es verabsäumt hat, die Sympathiekundgebung der Oe ff entlichkeit bekanntzugeben. Es ist für Juden und Nichtjuden doch von Interesse, daß innerhalb der von politischen Zänkereien erfüllten, zu elementaren menschlichen Bekundigungen kaum mehr fähigen Welt sich eine christliche Gruppe gefunden hat, die ein Wort einfachen selbstverständlichen Menschentums gesprochen und sich von den Taten des Hasses distanziert hat. Die Ignorierung einer solchen Kundgebung ist charakteristisch für den Geist des gegenwärtigen liberalen Regimes, der sich gerade in solchen Kleinigkeiten am besten zeigt. Duisburg. Der Vorstand der Jüdischen Gemeinde Duisburg hatte beim Preußischen Landesverband Jüdischer Gemeinden die Einberufung eines außerordentlichen Verbandstages angeregt, damit er seine Stimme erhebe zur Wahrung der Rechte der deutschen Juden. Der Preußische Landesverband lehnte die Anregung aus Ersparnisgründen ab. Darauf faßte Vorstand und Gemeindevertretung der Jüd. Gemeinde Duisbürg am 4. Januar 1932 folgenden Beschluß, der dem Landesverband übermittelt wurde: ״Die Gemeindevertretung der Jüdischen Gemeinde Duisburg hat einstimmig mit Befremden davon Kenntnis genommen, daß der Preußische Landesverband Jüdischer Gemeinden lediglich wegen seiner Finanzlage die Einberufung eines außerordentlichen Verbandstages zum Zwecke einer Protestkundgebung gegen die antisemitische Verhetzung ablehnt. Sie betrachtet es als eine der wichtigsten Aufgaben des deutschen Judentums und ein Gebot der notwendigsten Selbstverteidigung, daß die Gesamtvertretung der preußisehen Juden gegen die ständige Herabwürdigung von Juden und Judentum in würdiger und entschiedener Form Stellung nimmt und dabei das Bewußtsein eigenen durch keine Anfeindung zerstörbaren Wertes zum Ausdruck bringt.“ Hebräisches Winterlager. Wir erhalten folgende Zuschrift: Der hebräische Jugendrat in Berlin hat die ersten Tage des neuen bürgerlichen Jahres dazu benutzt, in Rüdersdorf ein hebräisches Winterlager zu veranstalten. Nur am letzten dieser drei Tage konnte ich der Veranstaltung beiwohnen und gerade noch die Vorträge über die Arbeit in der palästinensisch«! Literatur und über die ältere Geschichte des Jischuw hören, vor allem aber sehen und erleben, wie sich hier ein völlig Neues und ganz von innen heraus Lebendiges gestaltet. Die etwa 70 Teilnehmer, mit ganz wenigen Ausnahmen Jugendliche, waren mit einer Intensität, einem Eifer und einer inneren Freudigkeit bei der Sache, die jeden Freund der hebräischen und überhaupt der jüdischen Arbeit begeistern mußte. Unermüdlich und mit gespannter Aufmerksamkeit hörten sie die Vorträge an, auch als das normale Zeitmaß weit und immer weiter überschritten wurde. Besonders erfreulich, daß auch im Privatgespräch der jungen Menschen das Hebräische weit vorherrschte, auch wo es offensichtlich noch erhebliche Schwierigkeiten machte. Erfreulich auch, daß nichtjüdische Wanderbünde, die zufällig zu gleicher Zeit das Heim bevölkerten, in herzlichster Weise mit unseren Jungen und Mädchen verkehrten; ein Beweis, wie die Jugend, solange sie nicht verhetzt ist, ein starkes Gefühl für jede aufrechte und echte Bewegung hat und das Verbindende immer noch stärker als das Trennende empfindet. Der hebräische Jugendrat hat sich mit dieser Veranstaltung ein großes Verdienst erworben; hoffentlich findet er die Möglichkeit zu immer weiteren Fortschritten auf seinem schönen Wege! San,-Rat Dr. S. Lach manu.