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Jüdische Rundschau · 1932-01-12 · Heft 3 (12.1.1932) · page 2

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
XXXVII (1932)
Issue
Heft 3 (12.1.1932)
Date
1932-01-12
Page
– (sequence 2)
Language
German
Belongs to
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Seite 12 JÜDISCHE RUNDSCHAU Nr. 3, 12.1.1932 ״Nicht proklamieren, sondern verwirklichen!“ BiaUki Rede In Berlin ״Das Jahrhundert der Emanzipation hat das Judentum im Westen aus gelebtem Leben in eine Wissenschaft, eine Archlo» logie verwandelt״ — das war die Anklage, die Bialik in seiner großen Rede am 7. Januar In Berlin gegen das West• judentum erhob. Unsere Aufgabe, so sagte er, ist, den Weg zu den wirklichen Lebensquellen zurückzufinden; können wir das nicht, dann nützt uns weder das Reden über jüdische ®inge, noch das Proklamieren politischer Programme. Bialik trandte sich an das Berliner Auditorium mit Anspielungen aus der jüdischen Geschichte Berlins. Berlin hat vor hundert Jahren als ein Zentrum der jüdischen Kultur und später der jüdischen Wissenschaft einen hervorragenden Platz eingenommen. Aber alle diese Bemühungen sind durch die Preisgabe der hebräischen Sprache in Wahrheit zunichte geworden. Denn die hebräische Sprache ist das geistige Lebenselement des Judentums. Alles, was wir an geistigem Erbe besitzen, ist im hebräischen Schrifttum niedergelegt. Zwar haben auch andere Sprachen eine Rolle gespielt, sogar in der Bibel sind einige wichtige Teile in aramäischer Sprache verfaßt, der Talmud ist ein Gemisch von Hebräisch und Aramäisch, auch sonst haben Juden in verschiedenen Sprachen wertvolle Werke geschaffen, aber immer wieder wurde dieses Gut gesammelt in der hebräischen Sprache und dadurch dem geistigen Bestand der Nation einverleibt. Erst nach der Emanzipation geschah das große Unglück, daß man nur in fremden Sprachen schrieb und auf diese Weise eine eiserne Wand zwischen dem Volk und seinem Genius errichtete. Die folgende Epoche ist dadurch charakterisiert, daß nicht die unmittelbare schöpferische Arbeit im Mittelpunkt steht, sondern die Erforschung der Gegenstände, die bis dahin von Juden geschaffen worden sind. Man produzierte Abhandlungen über Sachen, aber nicht Sachen selbst. Auf diese Weise ist das jüdische Volk ohne die Segnung des Heiligen Geistes geblieben. Während im Osten, wo der größte Tdl der Juden unter viel schwereren Bedingungen lebte, die hebräische Sprache sich erhalten hat und eine neue Literatur entstanden ist, hat der Westen keinen einzigen hebräischen Dichter hervorgebracht Es gibt ein jüdisches Wort, das besagt: Ein Geschlecht, das nicht singt, ist ein totes Geschlecht, es hat keine Gegenwart und keine Zukunft. Die Juden haben nicht gesungen, nicht gedichtet, keine neue Hagada und keine neue Halacha geschaffen, sie haben nur über Literatur geschrieben; sie haben auch Geschichte geschrieben, aber nicht Geschichte gemacht. Auch vom Zionismus gilt es, daß die Zionisten sehr viel über Dinge sprechen, ab«■ sehr wenig Dinge machen. Der Zionismus hat ein Programm proklamiert, aber die meisten begnügen sich mit der Proklamation und denken nicht daran, daß sie selbst und kein anderer zur Verwirklichung berufen sind. AB« bleibt in Allgemeinheiten. Das Wörtchen »Man“ untergräbt jedes Gefühl der Verpflichtung. ״Man“ muß nach Palästina gehen, ״man“ muß das Land aufbauen, »man“ muß Qeki geben, »man“ muß Hebriisch lernen, »man“ muß die Kinder jüdisch erziehen. Alles ist für ״man“, für irgend jemand, aber nicht für einen selbst Jeder weiß, wie klein das Häuflein von Menschen ist, das es auf sich genommen hat, mit seinem eigenen Körper und mit seinen Händen den Zionismus zu verwirklichen. Der Prozeß des Schaffens vollzieht sich unmittelbar, aus dem gesunden Instinkt und dem schöpferischen Drang, ohne daß man darüber redet. Wenn man darüber zu roden beginnt, ist dies bereits das erste Anzeichen einer pathologischen Erscheinung. Reden und nicht Verwirklichen, das ist die Krankheit unserer Zeit auf allen Gebieten, dagegen gilt es ein Heilmittel zu finden. Aber auch das Erlernen der hebräischen Sprache genügt nicht. Ein solches Programm erschöpft sich, und es ent* steht die Frage, wenn man die Sprache beherrscht, was geredet werden soll. Es gibt in Polen und Litauen heute ein großes hebräisches Schulwerk und seine Leistung ist imponierend. Aber wenn man die Wahrheit sagen will, muß man zugeben, daß diese Schulen nicht vermocht haben, die Menschen in der hebräischen Welt wirklich geistig zu verwurzeln. Sie sind befriedigt, wenn sie hebräisch reden können, das Reden ist Selbstzweck geworden, statt ein Mittel zum Zweck zu sein, ein Mittel des Geistes. Wir dürfen uns nicht verhehlen, daß gerade die schöpferischen Kräfte zum Teil nur an der Peripherie des zionistischen Lagers stehen. Nicht daß sie keine Zionisten wären — ist es ja nicht ihre Sache als Politiker oder Organi* satoren aufzrttreten —, aber viel wesentlicher ist, daß wir, daß die zionistische Welt sie fast unbeachtet läßt, nicht den innigen Kontakt mit ihnen hat, ja nicht einmal in den offiziehen zionistischen Institutionen und Budgets wird der hebräischen Literatur der ihr gebührende Platz eingeräumt. Der hebräische Schriftsteller hat vielfach nicht die bescheidenste Lebensmöglichkeit und muß zähneknirschend sich einen Platz in anderen Literaturen suchen. Es muß ein großer Versuch gemacht werden, unsere eigenen Kultursch^tze wieder zu heben und den Heiligen Geist wieder zu beschwören, der aus unserem Leben vertrieben wurde. Die Juden in der Zerstreuung haben nur einen Ort der Sammlung, nämlich die hebräische Literatur. Diese Aufgabe ist heute erleichtert, weil Erez-I srael als Zentrum bereits da ist, aber Erez-I srael allein kann die Arbeit nicht leisten. Wenn wir uns auf ein solches Werk konzentrieren, so werden die Ergebnisse fruchtbarer sein als die jetzt be* trlebene Agitation für proklamierte Programme. Bialika Rede stand unter dem Paradox, daß sie ihrem Wesen nach auch nichts anderes sein konnte als eine Rede ״über“ Dinge und nicht die Dinge selbst, die allein, wie Bialik erkennt, befreien und erlösen. Dieser Widerspruch wird bei Bialik freilich etwas gemildert, weil sein dichterischer Genius alle seine Worte beseelt und auch dort, wo er mahnt und — ״proklamiert“, durch die Fülle von Assoziationen, von Gleichnissen, von wunderbaren Bildern und verblüffenden Zitaten aus dem jüdischen Schrifttum dichterisch mitschafft. Dennoch, bei Anerkennung der Richtigkeit dessen, was Bialik sagte, blieb etwas Unbefriedigendes zurück, weil nicht genug fühlbar war, worauf es nun eigentlich ankotnmt und wie all diese Fragen im Zusammenhang mit den Problemen des wirklichen Lebens gelöst werden sollen. Bialik selbst sagte, daß er viele Vorträge halten müßte, um seine Gedanken wirklich zu entwickeln, und es ist zu bedauern, daß die ursprünglich geplante große Aktion mit einer Reihe von Vor* trägen Bialiks in Deutschland, von der wir uns so viel versprechen haben, aus technischen Gründen diesmal unterbleiben mußte und Bialiks Besuch in Deutschland sich auf diese eine öffentliche Veranstaltung beschränkte, bei der er gewiasermaßen nur eine allgemeine Einleitung, aber nicht die ״Dinge selbst“ geben konnte. Mit aller Bescheidenheit müssen wir huch Bialiks harte Beurteilung des Westjudentums in einigen Punkten etwas anfechten. Wir erkennen natürlich die große Bedeutung des Ostjudentums, in dem sich die Kontinuität der Tradition fortgesetzt und in der neuen hebräischen Literatur die wertvollste Blüte getrieben hat. Aber wenn man sagt, daß die Juden des Westens nur ״Geschichte geschrieben und nicht Oeschichte gemacht“ haben, so ist dies nur bedingt richtig. Juden des Westens waren es, die gerade in dieser letzten jüdischen Periode Geschichte gemacht haben. * Der Bialik-Abend wurde eingeleitet durch Begrüßungsansprachen von Kurt Blumenfeld, der den Vorsitz führte und in hebräischer und deutscher Sprache die nationale Bedeutung des Gastes würdigte, von Dr. Rawidowicznamens des hebräischen Weltverbandes, Dr. Salli Hirsch namens der Berliner Zionistischen Vereinigung und Dr. Pin es namens des hebräischen Beth Waad in Berlin. Nach Bialiks Rede forderte Dr. Soloweitschik die Anwesenden auf, sich an der ״Aktion für das hebräische Buch“ zu beteiligen. Es wurden eine große Anzahl von Mitgliedsanmeldungen zu der von den palästinensischen Verlagen ״Dwir“, ״Stybel“ und ״Omanuth“ gegründeten hebräischen Buchgemeinschaft abgegeben. Das G-V.-Kind in der Schule ״Habe ich den Antisemitismus nicht vielleicht selbst verschuldet?“ (Unteiprimanerin Käthe Liehtenberg-Hannover in der C.-V.- Zeitung vom 23.12. 1931.) Aber bestimmt hat ihn Käthe verschuldet! Sk kann es in allen Antisemiten-Fibeln nachlesen: Sie ist andauernd aus dem Rahmen gefallen; zuerst damals, als sie Christus gekreuzigt hat, dann hat sie Brunnenvergiftung betrieben und Ritualmorde begangen. Das war noch in den Unter- Massen; inzwischen ist sie reifer geworden und zu so jugendlich-dämonischen Untaten nicht mehr fähig. Jetzt trägt sie nur noch zu viel Schmuck, ist in Stabhochsprung zu schlecht und In Latein zu gut. Sie fällt eben immer unangenehm auf. Aber natürlich würde sie sich trotzdem gut helfen können, wenn sie nur jeweils die von Juden im Stabhochsprung vollbrachten Rekordleistungen ebenso auswendig wüßte wie zahlenmäßige Unterlage über ihr erfreuliches Versagen im Lateinischen. Wenn nur alle Juden Immer die Statistik gut genug im Kopf hätten, dann würde Hitler bald nichts mehr zu lachen haben. Dieser Spott mag grausam Mingen. Aber so ähnlich malt sich die Welt wirklich in manchen jüdischen Köpfen. Vor mir Hegen zwei erschütternde Nummern der ״C.-V.-Zeitung“ (die vom 25. 12. 1931 und vom 1. 1. 1932): sie befassen sich in der Hauptsache mit dem Problem des jüdischen Kindes in der Schule. Es ist zum Weinen. Es beginnt mit einem Kapitel aus dem Roman eines christlichen Autors: das enthält die fanze Tragik des jüdischen Kindes in dieser Zeit und dürfte berall da vollgültig sein, wo jüdische Kinder vereinzelt einer kompakten Majorität verhetzter Klassengenossen ausgeliefert sind. Aber dann kommen Juden zu Wort: Kinder, Mütter, Lehrer, und da stellt sich heraus, daß es halb so wild ist. Es gibt nämlich auch, man denke, gerechte Lehrer; Be* schwerden helfen manchmal, und das ist doch furchtbar anständig, nicht wahr? Schon hier würgt es einen förmlich: bei dieser Vornehmtuerei im Verdroschenwerden, bei dieser süßmilden Gerechtigkeit unter Ohrfeigen, bei dieser Verkrampfung, in deren Rahmen bezeichnenderweise nur der christliche Mitarbeiter die Wahrheit sagen kann. Und dann bei allen der gleiche Refrain: wir sind doch selber schuld, wir fallen doch auf. Und wenn sie dagegen nun ״Eingliederung“ fordern, so meinen sie nicht etwa Eingliederung, die selbstverständlich wäre, sondern sie meinen Auslöschung, Tarnung, Anähnelung im Affensinn. Weil ״sportliche und turnerische Leistungen... heute von der Jugend meistens höher eingeschätzt (werden) als geistige..deshalb also, nicht etwa weil man selbst so denkt und will, hat der Jude zu springen. Auch dürfen jüdische Kinder ״durch ihr Betragen nicht Anlaß zu Tadel geben, nicht durch Protzigkeit und Ueberheblichkeit, durch Mangel an Zurückhaltung“. Protzigkeit ist unanständig; man sollte sie Kindern auch dann abgewöhnen, wenn es keinen Antisemitismus gäbe. Aber Ueberheblichkeit und Mangel an Zurückhaltung — hier stock’ ich schon; wo fängt das an? Vielleicht schon mit einer Handbewegung, die für Nichtjuden ungewöhnlich ist; vielleicht schon mit einem Annäherungsversuch, der nur dem jüdischen Kinde als mangelnde Zurückhaltung ausgelegt wird. Was also soll dies unglückliche Wesen, das sich nach den Lehren der ״C.-V.- Zeitung“ richten wollte, eigentlich tun? Zunächst einmal: nie unbefangen einfach da sein, dann wäre es schon erledigt. Sondern: mitmachen, was gemacht wird, und widerstrebte es der Art des Kindes noch so sehr; im Mitmachen aber Zurückhaltung üben, mit Takt äffisch sein. Es ist nicht auszudenken, was für eine Generation da herangezüchtet werden muß: voller Minderwertigkeitskomplexe, voller Unsicherheit, voller Angst. Menschen, die immer nur schielen, daß sie auch exakt das treffen, was anderen natürlich ist, was andere für richtig halten. Bemitleidcnswerte, im Kern gebrochene Existenzen. Tatsächlich ist auch nicht einer von an den Schreibern auf die Idee verfallen, daß es, zunächst einmal ganz unabhängig von der Frage des Antisemitismus, doch ln erster Linie jetzt darauf ankommt, das jüdische Kind vor seelischem Schaden zu bewahren. Gewiß, Leid kann man ihm nicht ersparen, aber man kann ihm dies Leid sinnvoll machen, man kann ihm Rückgrat geben. Es muß wissen, was es heißt, Jude zu sein, und es muß von diesem Judesein mit Stolz erfüllt werden. Dann wird alles erträglich. Ein Kind schreibt, man müßte sich mehr mit jüdischen Dingen beschäftigen. Und was meint es damit? Es hätte bei passender Gelegenheit sofort wissen müssen, wieviel Juden im Weltkrieg waren; das sei das einzige Mittel, einem entsprechenden Angriff zu begegnen, darin stimme es ganz mit Suse überein. Gut, das ist kindlich. Aber wenn die Redaktion auch mit Suse übereinstimmt und diese kindliche Weisheit fett mit den Worten »Beschäftigt Euch mehr mit jüdischen Fragen“ überschreibt, dann ist das kindisch und sollte selbst dem C.-V. zu weit gehen. Sonst findet sich in allen Zuschriften kein Wort von dieser einzigen wirklichen Hilfe für das jüdische Kind, von einem fundierten aufrechten Judentum nämlich. Doch, es findet sich, und das stammt natürlich wieder von einem Nichtjuden. Ein christlicher Lehrer, Dr. Müller-Claudius, bei anderen Gelegenheiten vom C.-V. als Kronzeuge gegen den Zionismus bemüht, bekundet in dieser Umgebung noch am ehesten Verständnis für jüdische Notwendigkeiten: nach ihm kommt cs darauf an, daß das jüdische Kind sich als Repräsentanten des jüdischen Menschen in einer anders gearteten Umwelt empfindet, er denkt sich darunter einen Typus, der ״zugleich stolz, korrekt, geschlossen, reserviert und doch bereit zu jeder Betätigung stiller Kameradschaft“ ist. Nach allen den von der ״C.-V.-Zeitung“ veröffentlichten j üd i - sehen Stimmen ist das Kind lediglich auf Vermeidung des nach fremdem Urteil Anstößigen zu dressieren; daraus aber entsteht kein stolzer, sondern ein kriecherischer, kein geschlossener, sondern nach allen Seiten offener und schwankender Typus. Die Voraussetzung für die Forderung des Dr. Claudius ist ein jüdisches Elternhaus, das den Kindern ein positives und nicht ein bloßes Abwehr-Judentum zu vermittein vermag. Aber gerade das will man nicht. An ein paar Stellen wird Klage über nationaljüdisch beeinflußte Kinder geführt: ihr Verhalten provoziere den Antisemitismus. Nun, setzen wir selbst einmal, daß Kinder mitunter das Prinzip übertreiben, was will das besagen? Dieser Antisemitismus ist doch unabhängig von jüdischem Verhalten; er ist eine deutsche Lebensnotwendigkeit, durch ihn schafft sich ein unsicheres und deshalb krampfhaft übersteigertes Nationalgefühl das Gegenbild, dessen es bedarf, um zu sich selber zu kommen. Irriger Wahn, hier etwas mit Reckturnen, Statistik und Wohlverhalten ausrichten zu wollen. Es kann hier nur eine Sorge geben, nämlich die, unsere Kinder seelisch gesund zu erhalten. Besser einmal ״Anlaß zu Tadel geben“ und ein innerlich imgebrochener Mensch bleiben, als um den Preis seines Wesens jeglichen Anstoß zu vermeiden. Verhaltungsweisen, die zu bekämpfen sind, sind ausschließlich um unser selbst willen zu bekämpfen, aber nicht unter fremdem Diktat, nicht um fremder Roheit den Vorwand zu nehmen, den sie dann woanders findet. Es ist eine schlechte Zeit für innerjüdische Polemik, Aber hier geht es nicht um die Theorie der Methode, sondern um die Seele unserer jungen Generation, die einer vergeblichen Taktik zuliebe ins Unechte verbogen und für immer verzerrt werden soll, in der ״C.-V.-Zeitung“ weist ein Autor den deutschen Nationalisten nach, wie weit entfernt sie von Goethe seien. Dieser schon vorher nicht unbekannte Gedanke dürfte trotz seines falsch verstandenen, platt-fortschrittlich gefaßten Zitats auf die Betroffenen nur geringen Eindruck üben, während das jüdische Kind doch in der Tat auch durch diese Zeitung mit geformt werden mag. Wenn also schon Goethe als Erbbesitz des jüdischen Liberalismus bemüht werden mußte, dann wäre es vielleicht ratsamer gewesen, ihn weniger gegen die Deutschen ins Feld zu führen, als aus ihm für sich selber zu lernen, wie sein Ideal der frei sich entwickelnden Persönlichkeit für jene jüdische Jugend zu verwirklichen ist, die unter dem unmenschlichen Druck dieser Zeit heranwächst. Wir ״undeutschen“ Zionisten glauben zwar nicht, mit Goethe-Zitaten, selbst mit richtig verstandenen, gegen den Antisemitismus anzukommen, aber wir glauben, daß unser Erziehungsideal, der aus der Wurzel seines Seins sich frei entwickelnde jüdische Mensch, niemandem zuliebe und niemandem zuleid, dem Persönlichkeit«- begriff Goethes näher kommt als eine Jugend, der das Gesetz ihres Werdens von außen bestimmt wird. Gustav Krojanker..׳ Jfldische Jagend and Wirtschaftskrise Der Reichsausschuß der jüdischen Jugendverbände veranstaltete zusammen mit der Hauptstelle für jüdische Wanderfürsorge und Arbeitsnachweise, unter Förderung der Zentralwohlfahrtsstelle der deutschen Juden und des Wohlfahrtsaus- Schusses des Preußischen Landesverbandes, in der Zeit vom 25. bis 27. Dezember in Lehnitz bei Berlin eine Arbeitstagung, die von etwa 60 beruflichen und ehrenamtlichen Sozialarbeitern und Vertretern von Jugendbünden aus Berlin und aus allen Teilen des Reiches besucht wurde. Die Tagung stand unter dem Zeichen der gegenwärtigen Wirtschaftskrise. In dem einleitenden Referat über die Lage der jüdischen Jugend in Deutschland beschäftigte sich Dr. Georg L u b i n s k i mit den durch die veränderte Lage geschaffenen Wirtschaftliehen, politischen und kulturellen Lebensbedingungen des jüdischen Jugendlichen. Aus Einengung des politischen Lebensraumes und aus politischem Druck von außen suchen viele Jugendliche, die ideellen Zielsetzungen zugänglich sind, einen Ausweg durch den Anschluß an die kommunistische Bewegung. Der Anschluß an die kommunistische Bewegung führt in Deutschland, sofern er sich für die Dauer vollzieht, regelmäßig dazu, daß der Zusammenhang mit der jüdischen Gesellschaft gelöst wird. Obwohl theoretisch eine legitime Verbindung zwischen Judentum und Kommunismus möglich ist, führt das Bekenntnis zum Kornmunismus in der Praxis zum Abfall vom Judentum. Der Referent besprach dann die jüdische Argumentation gegenüber dem Kommunismus und erörterte endlich die Maßnahmen insbesondere erzieherischer Art, die dem Einzelnen einen solchen Fundus jüdischer Substanz vermitteln sollen, daß der Abfall vom Judentum erschwert oder unmöglich wird. Mit den Verhältnissen der durch die Wirtschaftskrise am schwersten betroffenen erwerbslosen Jugendlichen beschäftigte sich das Referat von Dr. Ludwig Tietz. Die Diskussion erbrachte, daß heute schon schwerste Verwahrlosungsschäden bestehen. Die Maßnahmen für erwerbslose Jugendliche wurden in drei Stufen eingeteilt: das Erwerbslosenheim, das den seelischen Mittelpunkt für den Jugendlichen an Stelle des Arbeitsplatzes darstellt und so zu einer Entlastung der Spannungen innerhalb der Familie führt; Kurse und Ersatzarbeit auf Grund des freiwilligen Arbeitsdienstes und im Rahmen der Maßnahmen zur Förderung der Vermittlungsfähigkeit; endlich für die am schwersten gef ährdeten Erwerbslosen Beschaffung von Arbeit, die unter Umständen auch durch besondere Arbeitsstätten erfolgen muß. Auch die Berufsberatung, über die Lude Zobel referierte, muß sich den Bedingungen der Krise anpassen. Es muß vor allem der Berufsverzweiflung entgegengetreten werden. — Die Intensivierung des Arbeitsnachweiswesens bildet den Gegenstand des Referats von Adler-Rudel. Frida Weinretch gab in einem Referate die gesetzlichen Bestimmungen und Verwaltungsgrundlagen der vor einiger Zeit geschaffenen Unfall- Berufsgenossenschaft der Wohlfahrtspflege. Zwischen den Referaten fanden Aussprachen über die Arbeit in den einzelnen Städten statt. Das!unterlassene Vermögen Julius Rosenwalds wird auf 300 bis 600 Millionen Dollar geschätzt. Rosenwald hat zu seinen Lebzeiten rund 55 Millionen Dollar für charitative, religiöse und erzieherische Zwecke ausgegeben. Sein Testament ist noch nicht geöffnet worden. Gemäß den Vorschlägen der O’Donnel-Spar-Komm i s s i o n wurden in Palästina 45 arabische, 22 englische und 12 jüdische Regierungsbeamte entlassen« (Raiter.)

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