Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XXXVI (1931)
- Issue
- Heft 101-102 (30.12.1931)
- Date
- 1931-12-30
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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Nr. 101/102, 30. XU 1931 JÜDISCHE RUNDSCHAU Seite 587 Neue hebräische Dichtung Wir nehmen heute die in früheren Jahrgängen der Jüdischen Rundschau” begonnene periodische Besprechung von Werken der modernen hebräischen Literatur unter besonderer Berücksichtigung der Neuerscheinungen Palästinas wieder auf. Die Jüdische Rundschauwird sich auch weiter bemühen, die Erzeugnisse unserer hebräischen Literatur durch sachkundige und ernste kritische Betrachtungen dem deutschlesenden jüdischen Publikum nahezubringen. Im vergangenen Jahre sind Veröffentlichungen dieser Art u. a. in Nr. 29 und 42143 der Jüdischen Rundschau״, in diesem Jahre bisher in Nr. 8, Nr. 23/26 und Nr. 71 der ״Jüdischen Rundschau״ erschienen. David Schimonowitz Die Wiedereroberung der eigenen Landschaft war lange Zeit und ist noch heute Forderung und Ideal palästinensischer Kunst. Das junge Palästina will sich im Spiegel seiner Literatur, seines Theaters, seiner Malerei wiederfinden. Dies Verlangen entspringt aber nicht nur einer tieferen Erkenntnis des Fundamentalmangels aller Oaluthliteratur, sondern auch einem übersteigerten Selbstgefühl und Geltungsdrang, ja teilweise dem naiven Glauben an die Wirkung künstlerisch verklcideter zionistischer Propaganda. In früheren Jahren kam der Dichter dabei in nicht geringe Verlegenheit: dieses neue Leben, das sich ungeduldig konterfeit sehen wollte, hatte sich selbst noch kaum stabilisiert und war jedenfalls schon rein quantitativ viel zu dünn gesät, um mehr als persönlicher Memoirenaufzeichnung Stoff zu geben. All diese Erzählungen ״aus dem Leben des neuen Palästinas“ der ersten Kolonisationsjahrzehnte haben kaum mehr, als kulturhistorischen Mikroskopiewert erreicht. Freilich bestrickt auch den feinsinnigeren Leser häufig die palästinensische Landschaft an sich und das neue Leben in ihr. Wir alle sind geneigt, in unserer ersten Berührung mit dem Neuartigen, Exotischen dieser Natur und dieses Lebens einen anderen als den rein künstlerischen Maßstab an Werke solcher Art zu legen: wir sind befangen. Und so erscheint häufig das in der Gehobcnheit und Erwartung erster Lektüre Hochgeschätzte späte]■ bei ruhigerer Ueberlegmng und wiederholter Betrachtung weniger wertvoll. Es fällt eben schwer, das dem Herzen Nahe mit jener Objektivität zu beurteilen, die erst eine gewisse zeitliche Distanz zur Reife bringen kann. Dieses Gefühl möglicher Ueberschätzung besteht bei dem dichterischen Werk jenes Mannes nicht, der in nunmehr dreißigjähriger poetischer Laufbahn sich den ■wohlverdienten Ruhm des ersten großen Dichters des neu-palästinensischen Genres erworben hat: David Schimonowitz. Er ist, gleich Jakob Steinberg, heute ein 45jähriger, stammt aus dem Gouvernement Minsk (Bobruisk), lebte noch vor dem Krieg einige Zeit als Arbeiter und Schomer in Palästina. 1911—14 studierte er an deutschen Universitäten, die Kriegszeit brachte er in Rußland zu und kam erst 1920 zu dauerndem Aufenthalt nach Palästina zurück. Seine Werke erscheinen seit 1925 in 6 Bänden gesammelt im Verlag ״Dwir“ (Tel-Awiw). Bis jetzt liegen davon vier Bände vor, und zwar zwei Bände ״Gedichte“ (1925), ein Band ״Idyllen“ (1925) und ein Band ״Poeme“ (1930). Schimonowitz ist das große poetische Genie des neuen Jischuws. Seine. Größe liegt , in der breiten episch-lyrischen Darstellung des neuen Palästinas. Seine Leinwand hat großes Format, sein Pinsel einen sicheren, festen Strich. Seine Gemälde sind sonnig, klar und inhaltlich bezaubernd. Sein Rhythmus ist beflügelnd, mitreißend. Auch das längste Poem, die in rührendes Detail übergehende Schilderung packt von der ersten Zeile und versetzt den Leser in die Sphäre eines zarten, kosenden Lyrismus. Seine Muse ist nicht wortkarg, im׳Ausdruck nie gesucht, aber auch nicht geschwätzig, nicht Ungeduld erzeugend. Sie ist von improvisationsnaher Leichtigkeit, voll Grazie und Anmut, ohne an Tiefe zu verlieren; sie ist zugleich von fesselndem Liebreiz und jener männlichen Herbheit, ohne die der wahre Dichter nicht denkbar ist. Ihre Phantasie ist hochfahrend, in die Fernen schweifend, ohne auch nur einen Augenblick die kristallklare, plastische Darstellung zu verlassen. Ihre Themen sind einprägsam und unvergeßlich. Sie erzählt von der Welt Palästinas, seinem Meere, seinem Himmel, seiner Wüste, seinen Bergen und Ebenen und von seinen neuen Menschen. Die jüdischen Typen erscheinen fein voneinander differenziert und doch geeint im Zauberkreis der werdenden Gemeinschaft. Die liebe enge palästinensische Provinz weitet sich nicht zum mikrokosmischcn Bild eines jüdischen Universums. Absr gerade das Fehlen national-ideologischer Ueberspanntheiten, großsprecherischer prophetisch-messianischer Gesichte ist wohltuend, ln dieser Beschränkung liegt das Gesunde des Schimonowitzschen Patriotismus, der sich an das zu halten weiß, was ist. Wir fühlen, daß wir der Natürlichkeit und» Naivität dieses großen Kindes auch dann folgen würden, wenn wir ihm nicht zustimmen könnten. Die Reinheit und Bescheidenheit dieses Herzens besiegt alles und alle. Dabei scheint das Lied seines eigenen Lebens alles andere als sonnig und sieghaft zu sein. Aber das Wertvolle und Inatemhaltende seiner Poesie liegt gerade darin, daß eine leichtbeflügelte Phantasie ihre Bilder auf den dunkleren Untergrund persönlicher Nachdenklichkeit, Verzagtheit, ja Verzweiflung malt. Nur so ist der Tiefenglanz seiner Bilder erklärbar. Schimonowitz hat ein starkes und eigentümliches Verhältnis zur Natur. Er begnügt sich nicht mit ihrer räumlich-realistisehen Schilderung. Sie ist nicht nur für ihn, sondern sie ist auch geworden. Und manchmal scheint es, daß dies ihr Werden seine Phantasie stärker beflügelt als ihr Sein. Er mythologisiert die Natur. Aber diese Mythologisierung geschieht nicht auf dem Wege der Anwendung fertiger Schabtonen aus der Welt der Völkermythen, vielmehr schafft sich dieser Dichter seine eigene phantastische Mythenwelt. Seine Tiere versetzt er mit Leidenschaft in ihre paradiesische Urwelt zurück, die ihm zugleich Symbol prähistorischer Freiheit ist. In einem großen Poem (״Im Schlangenhaus“; erschienen 1928 in der literarischen Sammelschrift ״Knesset!!“) hat er bei dem nächtlichen Besuch eines großstädtischen Tiergartens den Versuch einer Umdeutung des biblischen Mythos vom Baum des Lebens und der Erkenntnis versucht. Er bewahrt sich der Ueberlicferung gegenüber die volle Freiheit der Umdeutung, ja schöpferischen Neugestaltung. Diese Freiheit rettet er sich auch sonst gegenüber biblischen Stoffen, die er vielfach in dramatischen Poemen behandelt. Er ist der Poet, in dessen sprachbildnerischem Vermögen es steht, in einem dramatischen Schäferspiel aus der Zeit Salomos etwa die handelnden Personen, darunter Salomo und seine Jugendfreundin Sulamith, im Stile des Hohenliedes sprechen zu lassen, ohne daß neben dem wörtlichen Zitat aus diesem Liede das von ihm selbst Geprägte an Bildkrait und Wortmacht, an Natumähe und Liebreiz allzuviel verliert. Das könnte wie Blasphemie klingen, wer aber sein dramatisches Poem ״Ahawath Schlomo“ (erschienen 1930 in drei Heften der ״Achduth Haawoda“) daraufhin untersucht, wird eines anderen belehrt. Nicht wenilllllllllllllllllllllimilllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllin EMPFANGSABEND zu Ehren von Ch. N. Bialik Donnerstag, den 7. Januar 1932, 8': Uhr abend# Im Logenhaus, KleiststraBe 10 BERLINER ZIONISTISCHE VEREINIGUNG "ברית עברית עולמית" בית־־עם עברי (Einziger Abend) Kerten zu RM. 2.— inkl. Teegedeck nur im Vorverkauf Im Büro der BZV., Melnekestr. 10 (Tel.: J1 Bismarck 7165) IllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllillllllllllllllllllllllllllillllllilUllllllllllllllllllllllin ger unabhängig und eigenwillig erscheint seine u!«deutende Kraft in den beiden biblischen Poemen: ״Sternenanbeter“ (die Terach-Abraham-Legende) und ״Hiobs Frau“. Um nur aus dem zuletzt genannten einen Begriff von dieser modernen, freilich nicht immer von aufklärerisch-rationalistischer Tendenz freien Um- und Eortdic|1J1u1g zu gebeit: Hiobs Frau, ihm Zeit seines Lebens eine .treue, ergebene Gefährtin, empfindet seihe demütige Haltung angesichts der ihm ungerecht auferlegten Qual als menschenunwürdig, ja verächtlich. Als ihm durch die göttliche Gnade seine Gesundheit und all sein Besitz zurückgegeben wird, verlaßt sie ihn, tief enttäuscht und in ihrem Innerst-Menschlichen verletzt, und wandert einsam in die Wüste. Wer an Modernisierung von Bibelstoffen Geschmack findet, wird bei Schimonowitz manches Interessante finden. Die romantische Altertumssehnsucht des Dichters hat sich in seiner leibhaftigen Wiederverbindung mit dem Orient eine Art Kompensation geschaffen. Es ist sicher kein Zufall, daß Orientund Altertum gerade in einem hebräischen Dichter zu solcher Wiedervermählung gelangen. Wäre nicht ״Orient“ und ״Ursprung“ auch im Lateinischen wurzelgleich, wäre man versucht, im hebräischen Zeitraumbegriif ״kedem“ (Osten“ und ״Vorzeit“), der im Endlichen das ist, was ״olam“ (״Weltraum“ und ״Ewigkeit“) im Unendlichen bedeutet, den tieferen psychologischen Grund für die Örient-Urwelt-Romantik Schimonowitz’ zu suchen. Wie der Urwald für Tier und Pflanze, so wird ihm der Orient zum Symbol der wiedererlangten Freiheit jenes Volkes, dessen Urzqit dem Orient zugehört. Dariu liegt wohl auch das versteckte nationale Pathos, das von seiner Poesie ausgeht. Schimonowitz’ Idyllen gehören zu dem Schönsten und künstlerisch Reifsten, das die neuhebräische Poesie hervorgebracht hat. Tschernichowskys Vorgang ist unverkennbar. Sie entrollen ein überraschend verklärtes und mit Feinsinn abgetöntes Bild des neuen palästinensischen Lebens. Sie sind voll Licht und Frohmut, voll Humor und Geistesblitz. Aus ihnen spricht eine Volkstümlichkeit, die ihren Dichter, wäre unsere Literatur ins tiefere Bewußtsein der Gemeinschaft gedrungen, zum ausgesprochenen Liebling des Volkes und besonders der Jugend hätten machen müssen. Seine ״Jardenith“ sind ״Karmith“ (beide aus dem romantischen Liebesieben des palästinensischen Wächters der Vorkriegszeit), sein ״Wettstreit zwischen Judäa und Galiläa“, seine ״Sefader Legenden“ aus der Sphäre der Sefader Kabbalisten des 16. Jahrhunderts sind Perlen epischer Dichtung, Manche Oertlichkeiten des Landes sind durch ihn zu ewigem Ruhme gelangt, oder sollten es wenigstens sein: niemand dürfte heute am Eukalyptushain von Chederah vorbeikommen, ohne Schimonowitz’ wundersame Idylle 1״ m Wald von Chedera“ still auf den Lippen zu haben. Es ist die besondere Kunst dieses Mannes, in wenigen Strichen Charakter und Herkunft, Schicksal und Lebensgewohnheit seiner Gestalten in all ihrer oft minutiösen Besonderheit zu zeichnen, Die schönste und inhaltlich umfassendste Idylle ist das ״Jubiläum der Fuhrleut c“. Eine ältere jüdische Pflanzungskolonie wird uns in silberner Sommermondnacht an jenem denkwürdigen Tage vorgeführt, an dem die Zahl der von den jüdischen Pflanzungsbauern gegen frühere Gepiiogenheit - als Fuhrleute eingestellten Chaluzim die stattliehe Höhe von fünfzig erreicht bat. Zum frohen Feste erscheint die ganze Kolonie und ihre Nachbarschaft. Das bunt zusammengewürfelte Palästina mit seinem interessanten jüdischen Stämmegemisch erscheint hier in dichterischer Verklärung. Zum Vergleich in Stimmung und Herzlichkeit läßt sich etwa Gottfried Kellers ״Fähnlein der sieben Aufrechten“ lieranziehen. Alter und neuer Jischuw, Sefardcn, Aschkenasen und Jemeniten, Chaluzim aus aller Herren Länder in all ihren landsmamischaftüchen und stadtmannschaftlichen Arten und Abarten (bis hin zu der Gruppe der Chaluzim aus Deutschland, die das Lachen nicht kennen) werden mit bewtmderungswürdigem Takt zumeist von der humorvollen Seite ihrer Eigenfümlichkeit gezeichnet. Hier zeigt sich das überlegene Talent Schimonowitz’, ohne psychologische Wühlarbeit, sondern mit leichter Grazie all die kleinen, aber auch größeren Schwächen dieser Bevölkerungsschichten, Stände und Geschlechter in all ihren kulturellen und sozialen Verästelungen und Verbiegungen in zwei, drei Zeilen ins rechte Licht zu setzen. Dabei läßt die stillvergnügte Abgeklärtheit des hinter diesen Gestalten stehenden Bildners, seine weise zurückhaltende Verteilung von Licht und leichtem Schatten völlig vergessen, daß hier eine Genrekunst entstanden ist, die dem Leben selbst vorauseilt. Nur die jugendlich-stürmische Kraft eines wahren Künstlers kann in dieser Weise der Geburt eines gehobenen Lebensstiles nachhelfen. Und das scheint, wenn nicht die Absicht, so doch die Wirkung dieser Poesie. Denn diese Chaluztänze, diese Reden und Gegenreden, Toaste und Diskussionen, dieses bunte Bild einer lebensfrohen Jugend und eines mit seiner_Lebensleistung eben nicht unzufriedenen Alters werden nicht in platt-realistischer Seichtigkeit und Trostlosigkeit dargestellt, sondern in der eigenartig entrückten Sphäre einer von altjüdisch em oder besser altvorderischem Geist getränkten Romantik, Schimonowitz gibt bewußt kulturell vertieftes, an eine hohe Kulturtradition anknüpfendes Leben und könnte so gewiß zu einem Volkserzieher ersten Ranges werden, wenn ... ja wenn diese Literatur wahres Gemeinschaftsgut wäre und nicht bloß ein Zweig jüdischer Produktion, für dessen Konsum der kleine Kreis speziell Interessierter und das überfallsbereite Kommando der Kritiker den fast ausschließlichen Absatzmarkt bildet. Manche dieser Idyllen, die auch in kleinen Sonderheftchen erschienen sind (in der Sammlung ״Diwre Sofritn“), werden zwar in den Schulen gelesen, aber die Barbarei des hebräischen Sprach- ־ und Literaturlehrers l|fit sie, die nun einmal, wie fast alle neuhebräische Poesie, ln aschkenasischer Betonung erdacht sind, vom• Schüler in der ״richtigen“ (d. h. sefardischen) Betonung lesen und erwürgt damit ihre Seele, den Rhythmus eines klassisehen Hexameters. . . . ln den letzten Jahren hat sich Schimonowitz dem besonderen Gebiet der S ati r c zugewandt. Sie wählt die Form der gereimten Tierfabel mit ihrem etwas philiströsen Einschlag. Seit den Augustunruhen hat sie zugleich einen stark politischen Einschlag. Die .gatirenserie ist noch nicht abgeschlossen. Aber nach den bisherigen Proben hat der Dichter den Vergleich mit den großen Fabeldichtern picht zu scheuen. Die Zeitumstände haben es mit sich gebracht, daß auch das palästinensische Leserpublikum, wie jedes andere, heute für die politische Satire ein hellhörigeres Ohr besitzt, wie für jede andere fiterarische Gattung. Nicht unerwähnt darf auch bleiben, daß Schimonowitz die neuhebräische Uebersetzungsliteratur bereichert hat. Die von ihm bevorzugten Dichter der Weltliteratur sind charakteristischerweise Puschkin, Lermontow, Heine. Auch die Uebersetzung einiger Tolstoierzählungen verdanken wir ihm. Schade, daß die von ihm übersetzte ״Versunkene Glocke“ noch bis heute nicht im Druck erschienen ist. Es ist kein Zufall, daß er von Heine gerade dessen ״Harzreise“ übersetzt hat. ln ihm selbst steckt ein Wandertrieb sondergleichen. Seine vielen großen und kleinen Reisepoeme deuten weniger auf innere Ruhelosigkeit, die ihn in die Fernen treibt, als vielmehr auf die grenzenlose Erlebnisfreudigkeit und das fast unersättliche Impressionsbedürfnis des Dichters. Besonders die Seefahrt hat es ihm angetan. Man muß es beinahe als ein Glück bezeichnen, daß Palästina am asiatischen Gestade des Mittelländischen Meeres liegt und so unseren Dichtern bei der Verherrlichung dieses Meeres mit all seinen wundersamen Ufern und Inseln, seinen Wolken und Wellen, Häfen und Völkerrassen einen hochpoetischen und unerschöpflichen Stoff gibt. Schimonowitz׳ Mittelmeerfahrten wirken entflammend auf seine Phantasie und auch seine sonstigen poetischen und manchmal bloß im Traume erlebten Reiseskizzen gehören zu dem Schönsten, was die neuhebräische Poesie auf diesem Gebiete besitzt. Der großartigen Schilderung der Wüste ist nur Bialiks Wüstenpoem vergleichbar. In diesen Reiseliederserien (״Von Meer zu Meer“, ״Wanderungen“, ״Wolken“, ״Winternachtstraum“) erhebt sich der Flug seiner Muse in ätherische Sphären und erreicht schwindelnde Höhepunkte, in denen die Gesetze der Erdenschwere aufgehoben scheinen und dem menschlichen Bewußtsein der Begriff körperlichen Daseins schwindet. Jerusalem. Max Mayer. IjllllllllllllllllllllllllltllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllltlllllllllllllllllllirllllllllllllllllllllllllllllllllllltlllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllinilllllllllllllllllllllWIlllllllllllllllllllllllllllllllllllllinilllllllllllllllin Bücherschau Der Antisemitismus in der deutschen Republik. Von Dr. Fritz Marburg, Verlag Josef Brenner, Wien, 1931. ln vier Hauptkapiteln (geteilt auf 33 Abschnitte) und einem Schlußwort registriert Dr. Fritz Marburg die Erscheinungsformqn des Judenhasses in der Zeit seit dem Entstehen der deutschen Republik bis auf den heutigen Tag. Ohne sich in lange Schilderungen einzulassen, reiht er Tatsache an Tatsache und schafft dadurch ein erschütterndes Dokument. Soweit erfüllt diese Sammlung ihren Zweck. Wenn dies die Absicht des Verfassers war, so kann man sagen, daß er seiner Aufgabe gerecht geworden ist. Wo der Autor aber selbst spricht und nicht die von ihm aneinander gereihten Phänomene des Judennasses zu Worte kommen, da läßt dieses Buch leider erkennen, daß sich Fritz Marburg erst in den Vorzimmern des Gesamt- Problems befindet. Schon in der Einleitung stellt er die Frage, ob es ein Judenproblem oder nur ein Problem des Judenhasses gebe. Ohne es klar auszusprechen, scheint er sich der Ansicht Wilhelm Michels (ausgesprochen im Sammelheft des ״Juden“) anzuschließen, daß ״es keine Judenfrage gibt, sondern nur eine Frage des Judenhasses“. Damit beweist der Autor leider, daß er wohl Bescheid weiß in den Manifestationen des neudeutschen Radau-Antisemitismus, a|jer keine Ahnung hat vonr Wesen der Judenfrage. Wenn man auch gerechterweise zuge'ben muß, daß die Judenfrage als solche vielleicht nicht in den Rahmen der von Marburg durchgeführten Aufgabe paßte, so wäre es andererseits doch zu wünschen, daß man, auf einer tiefgründigen Kenntnis des ganzen Problemkomplexes fußend, sich an die Bewältigung auch von Teilaufgaben heranwage. Wo der Autor im Buche spricht, da kommt eine Lamentation des noch-jüdischen deutschen Assimilationsjuden heraus, der der Meinung ist, daß die Welt zugrunde geht, weil die National- Sozialisten ״raubtierhaft mittelalterlich“ sind, weil die ״deutsche Demokratie versagt“ usw, usw. Darf man an das Märchen vom verwundeten Füchslein erinnern, welches behauptete, daß die Welt untergehe, weil es dem Tode geweiht war? Liebes Füchslein, die Welt geht nicht unter. . . . Trotz Nationalsozialismus, trotz Judenhaß wird weder Deutschland zugrunde gehen, noch werden Judentum und jüdisches Volk verschwinden. Was in diesem Ringen die Existenz verlieren wird, ist der große historische Irrtum, dem sich die deutschen Juden seit den Tagen der Emanzipation hingegeben haben, nämlich daß sie durch die Hintertür der Emanzipation aus der großen Schicksalsgemein- Schaft des historischen Judentums entwichen seien. Nach wie vor besteht das Problem, wie man jüdisches Volk und Judentum mit der Welt versöhnen und in Einklang bringen soll. Wie wäre cs, wenn sich auch der jetzt zum Denken aufgescheuchte, über den Neoantisemitismus entsetzte Teil des jüdischen Volkes in Deutschland dazu entschlösse, den Weg echter Versöhnung mit Welt und Menschheit zu beschreiten? s. n.