Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XXXVI (1931)
- Issue
- Heft 101-102 (30.12.1931)
- Date
- 1931-12-30
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 580 JÜDISCHE RUNDSCHAU Nr. 101/102, 30. XE 1031 prahlerischen Phrase lauert. In seinen Reden in Osteuropa, von wo er jetzt kommt, hat er seinem Schrecken über die Zerstörung der kulturellen Struktur des Ostjudentums erpchütternd Ausdruck gegeben, in seinem letzten Oedicht fand er strafende Worte für die geistfremde Selbstgefälligkeit des Parteigetriebes, seine Mission ist eine Forderung, der Ruf: Geht hin und lernt! Eine strenge und unerbittliehe Forderung, ohne deren Erfüllung aber eine jüdische Wiedergeburt ebenso unmöglich ist wie ohne die Selbsthingabc jüdischer junger Menschen im Aufbau des Jüdisehen Nationalheims in Zion. Die Forderung Bialiks ist die der Wiedereinreihung in die Kontinuität, des Anschlusses an die Geschichte, für die unser Sinn heute offener sein dürfte als früher. Dies ist unmöglich ohne die Wiedererlangung der hebräischen Sprache. In dieser Hinsicht sind freilich gewisse Fortschritte unverkennbar. Bei uns in Deutschland lernt ein großer Teil der Jugend ernst hebräisch. Moses Calvary, der jetzt, nach langer Abwesenheit in Palästina, Deutsch- Iand besuchte, äußerte sich überrascht über das Ausmaß der hebräischen Sprachbcwegung, die er hier vorfand. Interessant auch, daß in der letzten ״C.-V.-Zeitung“ eine jüdische Dame mißbilligend erwähnt, daß jüdische Schülerinnen in den Pausen miteinander hebräisch sprechen. (Nebenbei; Gegen das Hebräisch-Sprechen von Juden werden Deutsch völkische, denen das in den meisten Fällen Respekt einflößt, wohl viel weniger einzuwenden haben als gegen das Fungieren von Juden auf wichtigen Posten im Gebiet der deutschen Sprache; will die Dame auch dies zwecks Vermeidung von Antisemitismus abschaffen?) — Zu gleicher Zeit erhielt ich den Brief eines Freundes aus Amerika, der berichtet, wie groß dort, besonders dank dem umfangreichen hebraistischen Erziehungswerk, bereits die Zahl der hebräisch-sprechenden jungen Leute aus amerikanisch (nicht ostjüdisch eingewanderten) jüdischen Kreisen ist; es sei dort, z. B. im Mittleren Westen, viel leichter, sich hebräisch mit Juden zu unterhalten als deutsch. Wir sehen also, die hebräische Bewegung ist in allen Ländern im Vormarsch. (Palästina bedarf hier wohl nicht erst der Erwähnung, dort ist Hebräisch selbstverständlich.) Aber vielfach fehlt auch bei deuten, die die Sprache beherrschen oder lernen, die innere Orientierung. Denn die Sprache allein genügt nicht, um das Volk lebendig zu erhalten, es bedarf auch des Inhalts, der Richtung, des Zieles. Hier ist Bialik unermüdlicher Wegbereiter. Er hat die Gärten der Haggada neu erschlossen, er hat den Wert der Halacha als innerer Haitung entdeckt, er versucht in Palästina in neuer Weise dem Lebet! der Woche einen geistigen Rhythmus zu geben durch die Einrichtung der Sabbat-Freude, des ״Oneg- Schabbath*‘, der nach seiner Absicht nur ein Anfang zu viel Umfassenderem sein soll. Er Ist ein Feind eines lußerlieheil NationaljsmuSi Ufer ihn M MatioaalisjnttS dfe tatiere Verbundenheit mit dem Volk ünd seinen ewigen Werten, die vor einseitiger Selbstüberhebung schützen und in den Bereich allgemein gültiger Menschheitswerte hineinragen. Bialik hat in seinem Verlag ״Dwir“ eine große Zahl wertvoller hebräischer Bücher herausgebracht, für das arme hebräische moderne Schrifttum eine gewaltige Kulturleistung. Freilich sind die ״fetten Jahre“ dieser Tätigkeit jetzt vorüber, aber es ist genug des Bleibenden geschaffen, und auch für den Verlegerund das hebräische Buch werden wieder — wenn auch vielleicht in materiell bescheideneren Formen — bessere Zeiten kommen, wenn nur das Bedürfnis da ist. Bialiks Reise nach Europa ist vielfach als Propagandareise für das hebräische Buch aufgefaßt worden. Mag sein, daß sie das auch ist; aber das ist nicht alles, darf nicht alles sein. Bialik kann heute, in einem unvergleichlichen psycfiologischen Moment unseres Volkslebens, mehr geben, muß mehr geben, denn er ist ein Helfer und Führer, wie wir wenige besitzen. Es wäre zu banal, Bialik jetzt in Deutschland willkommen zu heißen. Die Zeit ist ernst, das jüdische Herz pocht und das Ohr ist offen. Möge er uns helfen, den Weg zur jüdischen Erfülltheit zu finden und zu jenem Glauben an uns selbst, der die Bürgschaft des Lebens ist. Unterwegs, 27. Dezember 1931. Robert Weltsch. ♦ Empfangs abend tür Bialik Bialik wird in der nächsten Zeit auf der Durchreise einige Tage in Berlin weilen. Die Berliner Zionistische Vereinigting und die Ortsgruppe Berlin des Brit Iwrit Olamith werden ihm zu Ehren am Donnerstag, dem 7. Januar, abends 20,30 Uhr einen Empfangsabend in den Räumen der Loge, Kleiststr. 10, veranstalten. Karten für diesen Empfangsabend sind nur im Vorverkauf im Büro der Berliner Zionistischen Vereinigung, Meinekestr. 10 (J 1 Bismarck 7165) erhältlich. Oie Volkszählung ln Jerusalem Jerusalem, 26. Dezember. (J. T. A.) Die offiziellen Ziffern der letzten palästinensischen Volkszählung betreffend Jerusalem sind noch nicht bekanntgegeben worden. Aus zuverlässiger Quelle wird der JTA. über das Ergebnis der Volkszählung in Jerusalem folgendes mitgeteilt: Die Gesamtbevölkerung der Stadt Jerusalem macht 00 526 Seelen aus, davon sind 51300 Juden, 19 850 Moslems und rund 19000 Christen. Der Zuwachs der jüdischen Bevölkerung gegenüber der Volkszählung im Jahre 1922 betrifft rund 17500 Seelen, der Zuwachs der Moslem-Bevölkerung seit 1922 beträgt 6500, der der Christliehen Bevölkerung etwas weniger als 4500 Seelen. Die Christ- Hclie Bevölkerung, die 1922 mit 14 699 Seelen an zweiter Stelle rangierte (Moslems gab es damals 13 413), ist jetzt an die dritte Stelle gerückt. Die jüdische Bevölkerung Jerusalems ist um 12450 Seelen größer als Moslems und Christen zusammengenommen. Im Jahre 1922 betrug die absolute Majorität der Juden nur 5S59 Seelen. Die Gesamtziffer der jüdischen Bevölkerung Jerusalems schließt nicht einige Stadtviertel ein, die der Jerusalemer Stadtgemeinde nicht unterstehen. Unter Ein- Schluß der Bevölkerung dieser neuen Stadtviertel erhöht sich die Zahl der lerusaleimer Juden auf rund 60000. Erneuertes Judentum? Auseinandersetzung mit Karl lieblich Von Gustav Krojanker. Jn Stuttgart (im Zonenverlag) ist ein sehr interessantes und merkwürdiges Buch erschienen; es stammt von (dem als Dichter nicht unbekannten) Karl Lieblich und heißt ״Wir jungen Juden“. Es ist mehr als ein Buch; es ist ein geistiges und politisches Programm, das in drei Vorträgen zu einer neuen Gestaltung jüdischen Lebens aufruft. Tatsächlich ist auch schon im Anschluß daran ein ״Bund für neues Judentum“ gegründet worden, dessen kurzgefaßte Leit- Sätze einen Extrakt aus diesen Vorträgen darstellen. Ich weiß nicht, ob dieser Bund über einen kleinen Stuttgarter Kreis schon hinausgekommen ist oder jemals kommen wird. Ich zweifle daran, aber gleichviel: hier leben Gedanken, die mit dem zionistischen Gedankenkreis verwandt sind und mit denen sich auseinanderzusetzen zum Teil sogar eine innerzionistische Diskussion bedeutet. I. Lieblich ist leidenschaftlicher Nationaliude, ebenso leidenschaftlich bejaht er das Galuth. Sein Buch ist nicht zufällig Simon Dubnow gewidmet. Nur entstammt diese Galuth-Bejahung bei ihm einer eigenen Philosophie, wie er überhaupt seine jüdische Position in allen Punkten aus einem geschlossenen System allgemeinster Weltbetrachtung herauswachsen läßt. Es ist in ihren Grundzügen eine Philosophie, die Ja sagt zu allem, was ist. Immer wieder kehrt hei ihm der Gedanke von der menschlichen Weisheit, die darin besteht, zu sein, wie die Bäume sind, und sich dem Fluß alles Werdens vertrauend hinzugeben. In solcher Haltung haben wir nach ihm auch das Schicksal unserer Zerstreuung hinzunehmen: als ein ״Gürtelvolk, dem Mörtel vergleichbar, der gürtelförmig ein noch unfertiges Haus umzieht, bindend lind noch nicht völlig und niemals völlig gebunden“. Und er setzt diesem Gürtelvotk kein anderes Ziel als dies: zu sein, was es ist; er nennt das — mit anderer Fassung eines auch uns geläufigen Ausdrucks — ״Selbstverwirkiichung“, weil wir damit die Idee verwirklichen, die sich für ihn aus unserer Geschichte ergibt. Er wendet sich damit also ebenso gegen die Tarnung |udisehen Wesens durch die Assimilation wie gegen die Verengung jüdischer Wirklichkeit, die ihm der Zionismus bedeutet. Selbst- Verwirklichung ist die bewußte und freudige Bejahung eines historisch gegebenen Schicksals, und er vertraut dabei auf jene prästabilierte Harmonie, die auch dies zum allgemeinen Besten wendet. Es muß hier gleich angemerkt werden, daß er in der Darstellung dieses Gedankens inkonsequent und unklar wird. ״Gürtelvolk“: dieser Ausdruck entspricht noch der reinen Linie seines Gedankens; das ist ein analytisches Urteil, das feststellt, was ist. Aber ״M ö r t e I v o I k“ — wie es an anderer Stelle heißt —: das ist schon eine Zielsetzung, das ist ein Missionsgedanke, der dem liberalen äußerst verwandt ist. Aber Lieblich betont diesen Gedanken nicht, er führt ihn nicht weiter aus; er würde auch seiner Idee des einfachen Hingegebenseins an die Wirklichkeit widersprechen. Man hat den Eindruck, daß er ihm nur mitunterläuft. Denn der Begriff ״Mörtelvolk" kommt auf eine Art jüdischer Weltnützlichkeit heraus, die er auch an einer kurzen Stelle inkonsequent umreißt. Aber was er da sagt, ist nicht nur sachlich mehr als anfechtbar, ■weil er hier ganz einfach Blühen und Niedergehen von Ländern von den jüdischen Wanderungsbewegungen abhängig macht, sondern es ist vor allem im Rahmen seiner eigenen Philosophie ganz unzulässig. Denn hier legt er doch plötzlich einen von ihn!?trftt abgclehnicn Maßstab an; .einen kleinen mensch* liehen fragwürdigen Nützlichkeitsmaßstab, von dem es nur ein ganz kleiner Schritt bis zur Aufstellung irgendeines praktischen willensziels ist, das sich vermißt, der göttlichen Ordnung seine eigenen Gesetze vorzuschreiben. Hier wird das Gebäude schon wacklig. Lieblich muß wohl selbst gefühlt haben, wohin seine philosophische Grundlage letzten Endes führt. Denn diese äußerste Lebensbejahung, die das Gegebene nimmt, wie die Bäume Luft, Regen und Sonne nehmen und Gott die Sorge um das Wozu ihres Blühens und Welkens in Weisheit überlassen — dieser Gedanke führt durch die merkwürdige EHalektik des Denkprozesses genau zu seinem Gegenteil. Sich nämlich einfach dem Fluß alles W'erdens vertrauensvoll hinzugeben und dabei der kleinen Ziel- Setzung des menschlichen Verstandes verächtlich zu spotten — das ist eine Lebensbejahung, die — zu Ende gedacht — die äußerste Lebensverneinung, die Willenlosigkeit, das Nirwana bedeutet. So entsteht eine sonderbare Terminologie, mit der die Wirklichkeit, wie sie sich uns darstellt, einfach umgekehrt wird: nach Lieblich ist der Zionismus ״klüglich erdacht“, d. h. lebensfeindlich, die Hinnahme des gegebenen Zustandes aber ״weise erahnt“, d. h. lebensnahe. Und so kann auch eine beinahe heitere Wendung entstehen wie jene, wonach ״der palästinensische Frieden . . . Ebbe und Tod", die Diaspora aber, in der der größte Teil unseres Volkes sich auflöst und vergeht, Kampf und Leben bedeutet. Diese ganze Umkehrung entsteht ganz folgerichtig aus einer Art von Lebensbejahung, die in Wahrheit Lebensverneinung ist. ir. Was Lieblich unabhängig von dieser philosophischen Grundlegung gegen den Zionismus einzuwenden hat, ist schon beachtlicher. Der Zionismus ist ihm ein zu enges Bett für den gewaltigen Quell jüdischen Volksempfindens, worüber sich reden ließe. Nur darf er nicht so tun, als wäre dies Bett von einigen klugen Leuten künstlich gegraben worden und hätte so die natürliche Sturmflut in eine dürftige Rinne abgeleitet. Das Gegenteil Ist richtig. Der Zionismus ist erst der Sturm für eine träge Flut geworden, und das Bett, das Palästina heißt, hat kein kluger Mann erfunden, sondern das Volk selbst hat diesen Weg und keinen anderen gefordert. Es war nicht ״jahrzehntelange Selbsteinsage״, sondern eine Selbsteinsage von Jahrtausenden. Daß gerade Palästina das Fanal wurde, das die jüdischen Massen zu beleben vermochte, beweist im Gegenteil, wie wenig der Zionismus ״klüglich erdacht“, wie sehr er dem Strom lebendigen Seins entsprungen war. Deshalb könnte es trotzdem sein, daß das Bett zu eng eworden ist Und hier rührt Lieblich an eine brennende rage unserer Bewegung. Auch er erkennt die Bedeutung des Zionismus für die Erneuerung jüdischen Empfindens an. Aber er stellt die Behauptung auf, ״daß das Ziel des Zionismus längst erreicht, im wesen schon seit der Besitzergreifung von 1917 erreicht und verwirklicht ist, daß höchstens noch Veränderungen, Verbesserungen, Vergünstigungen dem Grade nach möglich sind, daß die ganze Bewegung nur noch von der Wahnvorstellung, als schwebte das Ziel noch in weiter Ferne, Leben und Antrieb erhält״. Das ist ein sehr ernster, in anderer Form auch bei uns schon diskutierter Gedanke. Denn wenn z. B. Scho!em in der Zeitschrift ״Scheifotenu“ schreibt, daß der Zionismus einen Strom neuen jüdischen Lebens in allen Teilen der Welt erweckt und dadurch die Existenz des Judentums wieder für einige Generationen verbürgt, daß er aber nach dieser Tat der Neubelebung keine Kraft mehr zur Erfüllung seiner eigentlichen buchstäblichen Aufgabe gehabt habe (zitiert nach der ״J.R.“), so ist das zumindest ein ähnlicher Gedanke, wie ihn andere in anderen Wendungen auch schon ausgesprochen haben. Lieblich weiß offenbar nicht, daiß er mit seinem Satz in eine Diskussion mündet, die innerhalb des Zionismus schon seit langem im Gange ist Der Zionismus nämlich als eine sich lebendig entwickelnde Bewegung ist von der absoluten Galuth-Negation, von der er in seinem Anfang naturgemäß ausgehen mußte, längst abgekommen; von Jahr zu Jahr haben sich in ihm die Stimmen gemehrt, die dem Galuth einen immer breiteren Raum Im zionistischen Denken zuweisen. Und tatsächlich setzt auch die zionistische Theorie dieser Meinung kein Hindernis, sie setzt ihr nur eine Grenze an jenem Punkt, wo Palästina einfach als eine jüdische Siedlung neben anderen erscheint. Die zionistische Theorie verlangt die Sonderstellung Pa- Västinas, die sie im Empfinden der jüdischen Massen auch tatsächlich hat. Das muß auch Lieblich zugeben, nur daß er diesen Tatbestand als eine ״Wahnvorstellung“ bezeichnet, während wir meinen, daß es gerade auf diesen ״Wahn“ ankommt. Was nämlich einem nach irgendwelchen Gesichtspunkten wertenden Betrachter als Wahn erscheinen mag, ist subjektiv für die vom Wahn Befangenen eine Idee, also ein Willensimpuls. Und solange der Impuls ״Zion“ in jüdischen Massen lebt und sie deshalb belebt — solange nimmt Palästina eine einzigartige, nicht wegzudenkende Stellung unter den Juden- Siedlungen ein. Und deshalb darf man auch nicht das, was dort noch an ״Veränderungen, Verbesserungen, Vergönstigundeutend sie im Rahmen des Menschheitsprozesses auch immer sein mögen, ist für das Leben unseres Volkstums von ungeheurer Bedeutung — solange es noch bei diesen Veränderungen fühlt, daß hier seine Sache gespielt wird. Wieweit das der Fall ist und ob es immer der Fall sein wird — das steht nicht bei Lieblich und auch nicht bei uns. Denn es ist nicht ״künstlich erdacht“, also auch nicht künstlich abzubtasen und durch keine Kunst über seine Zeit hinaus zu verlängern. Es steht also nur zur Debatte, ob die Erhaltung dieses Willensimpulses, die Palästina heißt, für jemand, der das jüdische Volk und seine Zukunft will, wünsehenswert ist. Es ist verständlich, wenn Assimilamten sie nicht wünschen; es ist unverständlich, wenn ein Ieidenschaftlieber Nationaljude in die gleiche Kerbe haut. Er kann dem Zionismus vorwerfen, daß er über seiner zentralen Aufgabe die Diaspora vernachlässigt und kann sich der zionistischen als für solche Zwecke noch immer besten Kräfte bedienen, um sie in seinem Sinne den Diaspora-Aufgaben nutzbar zu machen. Und er wird dabei niemals auf Widerstand stoßen, denn keine Theorie verhindert den Zionisten, auch hier alles za tun, was einer Erneuerung und Belebung unseres Volksgedankens dient. Aber unmöglich kann ein National Jude es als sein Ziel ansehen, überhaupt einen Gedanken zum Erliegen zu bringen, dessen Schwinden uns der stärksten Kraft berauben würde, über die das Judentum gegenwärtig noch verfügt. III. Denn was will er an seine Stelle setzen? Eine abgeleitete Philosophie! Hier begeht Lieblich seinen entscheiden-, den Irrtum. Denn ganz unabhängig von der Frage, ob seine Deutung der jüdischen Geschichtsidee richtig ist — wer wollte darüber endgültig befinden! —, dies Eine steht fest: daß sie nicht fähig ist, das Leben einer Gemeinschaft entscheidend zu bestimmen. Lieblich verwechselt die Idee, die das Leben aktiv gestaltet, mit der Idee, die der nachträgliche Betr achter aus einem abgeschlossenen Leben herausliest. Zwischen beiden besteht eine tiefe lebensnotwendige lnkongruenz. Niemals noch hat ein Mensch öder eine Gemeinschaff bewußt der Idee nachgelebt, die der philosophierende Historiker hinterher in ihrem Leben verwirklicht findet. Im Gegenteil: was der Mensch subjektiv will und was er ״objektiv“ erreicht — das sind immer zwei ganz verschiedene Dinge; es liegt in der Natur des lebensprozesses. Lieblich nun betrachtet das Judentum schon wie tot; er übersieht es von hoher Warte als gleichsam abgeschlossen, konstruiert sich daraus seine ״Idee“ und mutet diesem Judentum jetzt das Paradoxon zu, nicht dem aktuellen Willensantrieb seines historischen Augenblicks, sondern jener ewigen Idee zu leben, mit der, wäre es schon tot, es ein Kulturhistoriker allerdings etikettieren dürfte. Es ist aber nicht tot, und leben kann es nicht auf Basis abgeleiteter Ewigkeitgesichtspunkte, sondern nur auf der aktueller Antriebe. Ob die Zerstreuung der geschichtliche Sinn des Judentums war, werden wir vielleicht (vielleicht) in tausend Jahren ausmachen können; daß sie keinen Lebensantrieb darstellt, steht schon heute fest. Warum war die Zerstreuung durch so lange Zeiten möglieh? Weil die Juden sie nicht wollten, weil sie ihr Vaterland tragbar gemacht hatten. Und als das ״tragbare Vaterland“ in Brüche ging, entstand ganz folgerichtig der Zionismus, und was ist (zunächst) sein sichtbarstes und stärkstes (natürlich nicht sein einziges) Ergebnis? Ehe Weiterdauer des zerstreuten Volkes um einige Generationen. Hier ist der Widerspruch zwischen der Idee, für die Juden lebten, und der Idee, die sie (vielleicht) verwirklichten. Jetzt aber kommt Lieblich, dem der Umweg der Natur zuwider ist, und deklariert: nicht, was ihr gewollt habt und wollt (das war und ist Unsinn), sondern was ihr verwirklicht habt, ist entscheidend. Jetzt seid gescheut wie ich und wollt auch gleich die Verwirklichung eures Lebenssinns. Wenn aber diese Meinung im Volk durchdrungen sollte, dann würde wieder diese merkwürdige Paradoxie alles Geschehens einsetzen, und die Juden, die plötzlich damit einverstanden sind, ein ״Gürtelvolk“ zu sein und nichts sonst, würden auf hören, ein Gürtelvolk zu sein, sie würden sich aufiösen und verschwinden unter den Völkern. Denn gegen die ungeheuren Gefahren der Assimilation in dieser Zeit — Gefahren, die auf die Dauer vielleicht überhaupt nicht überwindlich sind — ist bestimmt nicht mit einer Philosophie anzukommen, die zu dem Vorhandenen weise Ja sagt. Sie muß auch zu der Assimilation Ja sagen: sie setzt also dem natürlichen Prozeß nicht den Damm des Willens entgegen, durch den unsere Erhaltung bisher ermöglicht wurde, sondern sie gibt ihr noch die Rechtfertigung aus dem Geist. Den Rest aber, der trotzdem beharrt, läßt sie leer und ohne Glauben. ״Weisheit“ kann niemals die Haltung einer lebendigem menschlichen Gemeinschaft sein, sonders höchstens ihr spätes Ergebnis. Die Menschen sind wohl bereit, für irgendeine ganz unweise ״Wahnvorstellung“ auf den Barrikaden zu sterben, für eine Geschiehts- Philosophie aber hat noch niemand gelebt und ist noch niemand gestorben. Daraus kann man nur hinterher feinsinnige Bücher machen. Palästina-Industrie-Nachrichten. Die jüdischen Drucker von Jerusalem haben ein Drucker-Syndikat gegründet, das als Aktiengesellschaft eingetragen wurde, zwecks Ausschaltung der Konkurrenz zwischen den Mitgliedern und technischer Verbesserungen. — Die ״Hanul“ kooperative Textil-Gesellschaft Ltd., die im Juni registriert wurde, hat jetzt ihre Anlage in Djedda beendigt. Von 33 elektrischen Webstühlen sind 12 remontiert worden, zusammen mit den dazugehörigen Maschinen. Die Wasserleitung ist den Bedürfnissen der Textilfabrik angepaßt worden. — Die vier in Palästina bestehenden jüdischen Makkaroni-Fabriken sind zu einer Vereinbarung wegen Zusanaraenarbeit und Ausschaltung der Konkurrenz untereinander gelangt. — Die beiden jüdischen Kerzenfabriken sind zu einer Zusammenarbeit in allen Angelegenheiten von gemeinsamem Interesse gelangt. — Die j,Zetog“-Lederwaren־Fabrik in Tel-Aviv hat eine Gesellschaft gebildet, die ״Palestine Export-Company“ heißt und in Palästina fabrizierte Waren exportieren soll. Die Gesellschaft gibt demnächst einen illustrierten Katalog mit Preis- Uste heraus.