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Jüdische Rundschau · 1931-12-18 · Heft 98 (18.12.1931) · page 3

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
XXXVI (1931)
Issue
Heft 98 (18.12.1931)
Date
1931-12-18
Page
– (sequence 3)
Language
German
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Nr. 98, 18. XII. 1931 JÜDISCHE RUNDSCHAU Seite 575 Bücherschau Sdimarja Levin erzählt sein Lehen ״Kindheit im Exil." Deutsche Uebertragung von Martha F 1 e i s c h m a n 11, (Ernst Rowohlt Verlag, Berlin־ W 50.) Wenn Schmarja Levin sein Leben zu erzählen anfängt, wer wollte da nicht zuhören? ״Kindheit im Exil“ heißt das merkwürdige Buch, das in Amerika und England schon Tausende von Lesern fand. ״Exil“? da stock ich schon . . . Götter im Exil; Heiden im Exil; Schmarja Ha-Levi, Sohn des Samuel Chaiin Ha-Levi aus Swislowitz — der ist im Golus aufgewachsen. Das Golus lebt in diesem Buche: in einer Farbigkeit und Fülle wie wir sie noch nicht sahen. Denn fast zum ersten Male seit den jüdischen Volksbüchern des 17. Jahrhunderts — der Zenne Renne, dem Maasse-Buch — ersteht hier wieder bei aller Buntheit und Dichtheit der Gegenwartsbilder eine Ahnung von der Doppelwelt, in der das Kind des Golus lebt, dem Miteinarider und Nebeneinander von Tag und Ewigkeit — einst und jetzt — Swislowitz und Erez Israel. Der Schuljunge träumt einmal, wie sich das Rote Meer spaltet: das Wasser steigt gleich zwei Mauern in die Höhe, in der Mitte ist ein breiter Sandweg mit Millionen glatter Kieselsteine wie an den Ufern der Sisla. Auf diesem Pfade schreiten die Juden in Feiertagsgewändern . . . unter ihnen erkennt er seiden Großvater, den Raw der Stadt und manche andre vertraute Gestalten. Und es kommt ihm nicht in den Sinn, daß sein Großvater mit dem Zug durchs Rote Meer nichts zu schaffen hat . . . Der Aufruf der Peßach-Haggada w׳ird hier zum Leben: hier fühlt Einer, er sei, er selbst, mit aus Aegypten in die Freiheit gezogen.. . Das ist der Grundgedanke dieser Kindheit. Wie kann sich diese Doppelwelt in einem Kinderherzen aufbauen? Denn es ist ja zum Glück durchaus kein Stubenhocker und Musterknabe, der dies große Erlebnis an sich erfährt. Die Wälder rings um seine Heimat mit ihren Bucheckern und Haselnüssen, die Felder mit dem reifenden Getreide, die beiden Flüsse, die der Schuljugend von Swislowitz Gelegenheit zum Schwimmen im Sommer und zum Eisläufen im Winter bieten: alles spricht zu diesem kraftvollen, helläugigen Kinde mit Nähe und Verbundenheit. Und dennoch ist Morgen und Abend, Tag und Nacht eingebettet und dicht umhegt durch die Formensprache der jüdischen Sitte ... so eng, daß das Gebot zum Leben wird. In der Zenne Renne, dem Volksbuch der alten Zeit, an das wir hier ständig erinnert werden, heißt es, Tag und Nacht habe Gott der Herr nur für seine Juden erschaffen: die Nacht zum Lernen, ״denn da ist es schön ruhig, da kann man gut lernen . . .“ So weiß auch das Kind in Swislowitz, daß die beiden Flüsse, deren sich das Städtchen rühmt, ihren jüdischen Beruf haben: Scheidungen kann man nur an fließendem Wasser aussprechen, weshalb die Juden aus Lapitz und Cholui und andern verlorenen, flußlosen Orten dorthin kommen müssen; und Taschlich machen . . . da geht man an die Swisla und ״schleudert seine Sünden hinein in dem beruhigenden Bewußtsein, daß sie zum fernen Dnjepr und von dort zum Schwarzen Meer getragen werden . . . * ln dieser erfüllten Kindheit gibt es zwei Großmächte, die über die Kinderseele herrschen: Haus und Schule. Auf gut jüdisch gesprochen: Familie und Cheder. Denn die Familie in Swislowitz —■ die trägt nur ganz entfernte Aehnlichkeit mit jenem verkümmerten, krisenhaft bedrängten Gebilde, das wir Großstadtjuden Familie nennen: noch der Mann sieht sie als eine stattliche Allee von Bäumen, Vater, Mutter, Großeitern . . . und eng um sie geschart alle Verwandten, Vetter Gerschom, Muhme Feige und wie sie alle heißen — Verwandte ״bis ins hundertste Geschlecht“ . . . Das heiß ich noch eine Familie! Mitten inne aber ״Anfang des Lebens und Pulsschlag des Seins“ steht die Mutter. Und diese Frauengestalt — Elke Mendels Tochter — erglüht in so zarten und leuchtenden Farben, daß nicht nur das Herz des Sohnes, sondern auch der Griffel des Künstlers dies Bild entworfen zu haben scheint. Hier steht eine jüdische Frau und spricht zu uns — vertraut, als hätten wir immer mit ihr gelebt. Sie trägt keinen Heiligenschein — und das ist gut. Wir sehen sie wie sie ist: leidenschaftlich, ungestüm — und unendlich gütig. Wie sie im Städtchen herumgeht als eine ״Doktorin“, von jedem herbeigerufen, dem es irgendwo weh tut und niemals um einen Rat verlegen: an jene geheimnisvolle Frau ״Em“ mag man dabei denken — die Frau, die nur unter ihrem Mutternamen weiter lebt und von der schon der Talmud eine Reihe hygienischer Vorschriften herleitet. Wie sie dem Kinde, aus ihrer eignen Kraftquelle, der Zenne Renne schöpfend, die erste lebendige Kunde von den Gestalten der Bibel vermittelt; und wie sie selbst bei den Nichtjuden des Städtchens so geliebt wird, daß, als sie erkrankt ist, alle Glocken läuten ״wir gehen zur Kirche, für Elke zu beten!“ — Hier spricht eine Frau für viele ihrer namenlosen Schwestern; als eine der sprechendsten Ausprägungen der viel verkannten ״Jüdin des Ghetto“ in all ihrer Tapferkeit, Lebendigkeit, Menschlichkeit. Daß uns Schmarja Levin diese Gestalt erhalten hat, das ist ein ganz besonderes Verdienst seines reichen Buches. Aber das milde Reich der Mutter ist bald zu Ende. Das Kind kommt ins Cheder; und mit dem Honig auf den Blättern des ersten Siddur, der den Kleinen anlocken soll, beginnt der schlimmste Kampf dieser Kindheit. Noch heut ergrimmt der Mann, wenn er von den abscheulichen Quälereien des ersten Lehrers, Mottje der Bohne, berichtet; man kennt diese entsetzliche Welt des Cheders aus allen Ghettobüchern. Und man atmet auf mit dem Kleinen, da er in das Cheder mesukan — die höhere Schule — eintritt und in Juda Ortzer das Ideal eines Lehrers findet. Jetzt beginnt auch der Cheder für den begabten Schüler mehr und mehr zum ״Debattierklub“ zu werden — Kraft und Schwäche einer jeden jüdischen Schule — und voll Ergriffenheit erleben wir mit dem Schüler den Augenblick, da der Lehrer, der seine beste Kraft der Er- Ziehung weiht, sich das große Wort zu eigen machen darf, das Gott der Herr zu einem von unsern Weisen sagte ״Meine Kinder haben mich besiegt!“ Nachdenkliche Worte fallen dabei ab wie Früchte von einem Baum im Herbst: über die verschiedene Wirkung des Bibel- und des Talmud-Unterrichtes auf den kindlichen Geist; und über die Verwandtschaft dieser klassischen Erziehung mit jener andern, die das Ideal des klassischen Altertums vor der jungen Seele aufstellt — Wert und Gefahr zugleich. * Um Haus und Schule nun gruppiert sich das ganze vielfähige Leben der kleinen Stadt: so viel Köpfe, so viel Originale ... Da ist Tscherne die Witwe — eine Gestalt wie aus einem Rubensschen Gemälde; und Bentsche der Komödiant — Charlie Chaplin im Ghetto; und Lasar der Badediener; und Ascher Pakesch der Einfältigste von allen. Und gerade dem wird das Glück zuteil, den Propheten Elia zu Gesicht zu bekommen . . . Aber das muß man selbst lesen. Inmitten dieses bunten Menschenknaueis vollzieht sieb nun die Entwicklung des Chederknäbleins zum Barmizwah. Und der Tag erscheint, da der Lehrer selbst bekennt ״Ich kann dich nichts mehr lehren . . .“ Da aber winken schon von ferne die Flammenzeichen einer neuen Zeit. Russische Umwälzung, jüdische Revolte, wie sie ihm Perez Smolenskin verkörpert ... am Horizont erscheint der Chederjunge als der künftige Abgeordnete der Stadt Wilna. Morgenröte einer neuen Zeit: für die Juden wie für die Russen. Davon werden uns — mit Ungeduld erwartet — die folgenden Bände dieser Lebensgeschichte erzählen. * Die Uebersetzung ... sollte es bei einer hoffentlich recht bald erforderlichen Neuauflage nicht möglich sein, sie an manchen Stellen zu ändern? Gewiß, sie ist flüssig und ״in einer gebildeten Sprache“ geschrieben. Allzu gebildet, wie mir scheint. Denn sie überträgt die volkstümliche Urspriinglichkeit ins Land des Papiers. Wer wird glauben, daß Tscherne die Witwe, eine der saftigsten und blutvollsten Figuren des Städtchens, wenn sie ihr althergebrachtes Recht des Unterbrechens der Thoravorlesung ausübt und sich mit ihrer ganzen Breite am Almemor aufpflanzt, gerufen hat: ״Ich inhibiere die Vorlesung!“ Solche Schönheitsfehler sind leicht auszumerzen. Denn dies Buch, so scheint mir, ist aus dem Stoffe, aus dem jüdische Volksbücher gemacht werden müssen . . . Hätten wir viele seinesgleichen! Bertha Badt-Strauß. Max Brods neuer Roman ״Stefan Rott oder das Jahr der Entscheidung". (Paul Zsolnay Verlag, Wien.) Wenn wir uns liier mit Max Brods neuem Roman ,,Stefan Rott oder das Jahr der Entscheidung“ beschäftigen, so ist zunächst eine Bemerkung darüber erforderlich, inwieweit ein solches Buch als jüdische Angelegenheit zu werten ist. In dem vorliegenden Falle glauben wir drei jüdische Aspekte zu sehen: den Dichter selbst, das Milieu der Handlung und schließlich das Problem, um das es geht. Der Dichter: Max Brod ist nicht nur ein deutscher Schriftsteller jüdischer Abstammung, sondern ein bewußt jüdischer Dichter, in dessen Gedankenwelt das Judentum seit Jahren eine zentrale Rolle spielt und der sich nach schwerem inneren Ringen für den Zionismus entschieden hat. Er hat die zionistische Gedankenwelt um viele tiefe Einblicke und geistvolle Apercus insbesondere auf dem Gebiet der Literaturdeutung bereichert und schließlich sein philosophisches Hauptwerk ״Heidentum, Christentum, Judentum“ vollständig der Klärung der Stellung des Judentums in der geistigen Welt gewidmet. Bekannt sind die wichtigen jüdischen Episoden seiner früheren Bücher, z. B. ״Ticho Brahes Weg zu Gott“, sein Palästina-Roman ״Zauberreich der Liebe“ und schließlich der jüdisch-historische Roman ״Reubeni, Fürst der Juden“. Weniger bekannt ist vielleicht die Tatsache, daß Brod auch in die aktive jüdische Politik eingegriffen hat, in der Revolutionszeit als Vizepräsident des Jüdischen Nationairats und auch bei anderen Gelegenheiten, — freilich ist ihm die Politik selbst zum Problem geworden, wovon man einen Abklang noch im ״Stefan Rott“ finden wird. Das Milieu: In dem Vorkriegs-Prag, wo Stefan Rott lebt, bildet das Judentum einen so ausschlaggebenden, nicht wegzudenkenden Bestandteil der Atmosphäre, daß es auch noch dort, wo — wie im Stefan Rott —־ keine jüdischen Gestalten auftreten, unmittelbar fühlbar wird. Wir haben vor einiger Zeit einen Aufsatz des christlichen Kunstphilosophen Wilhelm Hausenstein über Prag (aus der ״Neuen Rundschau“) zitiert, worin die eigentümliche Vermischung nationaler Elemente in dieser Stadt dargestellt und die große Rolle des Judentums dabei beleuchtet wird. Man muß bedenken, daß im Vorkriegs- Prag das sogenannte Deutschtum ganz isoliert von der großen Mehrheit der Bevölkerung, die tschechisch war, lebte und daß die Juden sich fast vollständig zu diesem Deutschtum zählten und ihm die regsten Elemente stellten. In diesem eigenartigen deutsch-jüdischen Ghetto konnte man oft den seltsamen Fall beobachten, daß auch Christen sich dem jüdischen intellektuellen Milieu assimilierten, wenn auch der Großteil der deutschen Nichtjuden, z. B. die von der deutsch-böhmischen Provinz nach Prag gekommenen Studenten, radikal antisemitisch und völkisch war, als Protest gegen die Usurpation des Deutschtums durch die Prager Juden, die ihrerseits wieder verwundert waren, daß man ihnen für die ״Erhaltung der deutschen Kultur im tschechischen Gebiet“ nicht dankbar war. Während des Krieges hat Siegmund Kaznelson ein Satnmelbuch ״Das jüdische Prag“ herausgegeben, das über die Verflochtenheit der Juden mit Prag viel Material enthält. Das Prager Deutschtum hat der deutschen Literatur sehr viele bekannte Namen gestellt; sie sind alle, mit einer — freilich sehr wichtigen — Ausnahme (Rilke) Juden. Das bürgerliche Milieu, das Max Brod in seinem ״Stefan Rott“ vorführt, und in dem z. B. auch der von ihm mehrfach erwähnte ״Prager Schmock“ seinen Platz hat, hat also in einem besonderen Sinne auch mit Judentum etwas zu tun. Und nun das Problem: Hier sind wir eigentlich schon unmittelbar bei dein Buche selbst. Max Brods Werke sind dadurch ausgezeichnet, daß sie primär Ideendichtungen sind. Die Gestalten, so sehr sie auch zu fesseln vermögen, treten in der Aufmerksamkeit des Lesers zurück vor den bewegenden Gedanken. Seit ״Judentum, Heidentum, Christentum“ ist es im Grunde immer dasselbe, was Max Brod beschäftigt: die alte Frage, auf die es keine Antwort gibt und die doch als Frage bestehen bleibt und als Frage ihren großen erzieherischen und formenden Wert durch die Jahrtausende behält. In einem bekannten jüdischen Volkslied heißt sie die ״alte Kasche“. Wie ist menschliche Freiheit, wie ist das Böse, die Sünde möglich, wo doch Gott allmächtig und allwissend ist? Will Gott das Böse? Kann der Mensch zum Kommen der Erlösung beitragen oder ist sie göttliche Gnade, unabhängig vom Tun der Menschen? — Das Paradox des ״Glaubens“ ist nicht auflösbar. Das Wort Gottes ergeht an die Welt, die Anrede, auf die der einzelne Mensch durch sein Leben (und das Volk durch seine Geschichte) die ״unsagbare“ Antwort zu geben hat, — eine Antwort, die also in die Sphäre des Lebens und nicht des begrifflichen Denkens gehört, nicht mit den Mitteln der ratio formulierbar ist, um deren logische Bewilligung sicli aber seit Jahrtausenden die Menschen bemühen. Diese metaphysischen und religiösen Gedanken durchziehen alle Werke Brods, sie verdichten sich ihm in dem Problem der Notwendigkeit der Sünde zum Bestand der Welt. Wie ist es möglich, mit dieser Einsicht von der Vergeblichkeit allen Mtihens' um das Gute als Mensch zu leben? Es war Brods Königin Esther, der er die Worte in den Mund legte: ״Es ist unmöglich, Mensch zu sein — aber es bleibt uns nichts anderes übrig.“ ״Es bleibt uns nichts anderes übrig“ — auf diesem ״Dennoch“ steht die Welt. Hier wandelt sich Brods Pessimismus in einen Optimismus: Trotz aller Vergeblichkeit stets von neuem versuchen. Der Mensch hat Teil an zwei Welten, der göttlichen und der irdischen. Er ist ausgestattet mit zwei Trieben, dem guten und dem bösen Trieb. Der eine zieht hinan, der andere zieht hinab. Gibt es eine Ueberwindung des bösen Triebes, gibt cs ״Reinheit“, gibt es eine Rechtfertigung durch die guten Werke, durch das sittliche Leben, oder aber nur die demutvolle Ergebung? Alle diese ewigen Fragen, von denen sich noch viele Varianten und Einzelfragen abzweigen lassen, erfüllen die Diskussionen, die der Gymnasiast Stefan Rott mit seinem Religionslehrer Pater Werder, mit seinem sozialistisehen Schul I re und Anton, und schließlich -- mit sich selbst führt. Alle diese Gespräche und Gedanken empfindet man im Grunde als Brods eigenes Räsonnement, auch in seiner dialogischen Form, bei der Max Brod eben gespalten ist und die Rolle beider Gesprächspartner spielt, Und darum ist cs nicht verwunderlich, wenn man das Gefühl hat, der Dichter wolle sagen: in ihren positiven Forderungen (nicht in ihrer Ablehnung des anderen) haben beide rech t. Wie kann ein armes Menschengehirn diesen Konflikten standhalfen? Wie kann es sich entscheiden, Partei ergreifen, das eine oder das andere ebenso Wichtige, als ebenso wesentlich Erkannte preisgeben? Brods Ausweg ist: der Mensch muß beides können. Das Entweder-Oder, wie es in den radikalen Gestalten rechts und links sich darstellt, weicht einem Sowohl-Alsauch. Diesen Ausweg nennt Rott die ״Querköpfigkeit" oder ,,Zweigeleisigkeit“, deren Wesen er bei Plato gelernt haben will. Der Mensch besteht aus vielen Schichten, er hat Anteil an verschiedcnen Welten und demgemäß kann aut der einen Ebene eine andere Art des Verhaltens vorgeschrieben sein als auf der zweiten. Es ist unerträglich, in einer Zeit, wo die Mehrheit der Menschen sich ״in Verarinungs- und Hungerkrämpfen windet“, unter Berufung auf das göttliche Weltregiment jeden eigenen Rettungsversuch auszuschalten. Es ist aber ebenso unmöglich, in materialistisch ableitbaren sozialen Zuständen das einzige Uebel der Welt zu sehen und nicht die tiete metaphysische Not der Menschenseele als eine schlechthinige Gegebenheit anzuerkennen. Beides umschließen, das ist das Geheimnis der Lösung. Stefan will ״den Glauben an die Hilfe und den Glauben an das Nicht-Helfen-Können“ vereinen. ״Verehren und helfen, beide Reiche gesondert nebeneinander in ihr Recht, in ihre zwei Heimstätten einweisen, damit sie einander nicht mehr bekämpfen.“ Wo jeder Zug auf seinem Geleise fährt, gibt es bei Zweigleisigkeit keinen Zusammenstoß mehr, zumindest bei richtiger Weichenstellung. Ein Pazifismus in der Welt des Geistes, ewiger Friede der dicht beieinander wohnenden Gedanken durch Schiedsspruch, der jeder der beiden Mächte sein Bereich zuweist und die Grenzüberschreitung verbietet! Ob hier nicht doch das Schwere etwas vereinfacht wird? Sollte die Auflösung des Paradoxes, unter dem die Menschheit jahrtausendelang leidet, im Grunde nur eine Art Ei des Columbus gewesen sein? So flach meint es Brod wohl nicht. Er will nicht ausgleichen, wo es keinen Ausgleich gibt, sondern nur Richtungen weisen, den Menschen in ihren grausamen innerer. Kämpfen helfen, indem er im Dunkel ein Lämpchen entzündet. Denn daß ״die Grenzen der beiden Reiche oft kaum kenntlich“ sind, weiß er. Aber Schwierigkeit ist nicht Unmöglichkeit. Der Dichter will zum Kampf gegen das ״unedle Unglück“, das im Gegensatz zum ״edlen Unglück“ (s. ״Heidentum, Christentum, Judentum“) durch menschlichen Eingriff abwendbar ist, aufrufen, das soziale Gewissen aufrütteln gegen jede Art theologischen Fatalismus, und doch zugleich nicht jede religiöse Regung als ״Reaktion“ abtun lassen, sondern die Eigengesetzlichkeit der religiösen Grundhaltung und der damit zusammen-!längenden traditionsgebundenen Werte anerkennen. So wird hier von einem jüdischen Autor, der die großen Lehrer der abendländischen Kultur von Plato zu Thomas von Aquin und Kierkegaard in die Erörterung der aktuellen Situation einzubeziehen versteht, neben der sozialen Tendenz einer Aenderung des verfahrenen Weltzustandes eine Bejahung der Tradition der geistigen Welt begründet; eine Synthese, die in einer besonderen Art im Zionismus vorhanden ist und sicher Brods eigene zionistische Einstellung beherrscht. Es sind sehr schwierige Dinge, die Max Brod in diesem Roman behandelt, und er hat vor nichts solche Angst wie vor dem Mißverständnis. Oft hat man den Eindruck, daß er gleichzeitig mit seinem Roman auch den immanenten Kommentar zu diesem Roman schreibt. Die Idee wird nicht so gestaltet, daß man sie ahnungslos erfühlt, unwissentlich von ihr erfaßt wird, während man einer Romanhandlung zu folgen glaubt, sondern die Probleme werden ausgesprochen, diskutiert, mögliehst rationalisiert. Eine Spezialität Brods ist dabei das Aufzeigen einer bestimmten ״Beziehung“, einer Ur-Situation, die sich in verschiedenen Umgebungen lind mit wechselnden Rollen materialisiert, — eine Art algebraische Formel, etwa des Heroischen, oder des Preisgegebenseins, oder der Entdeckung ״schöner Stellen“, dieselbe seelische Haltung unter ganz verschiedenen wechselnden Begleitumständen (im Gegensatz zu Kafka, wo allgemeingültige Situationen symbolhaft ausgedrückt werden ohne ,,Erklärung“). So sehr ist bei Brod die Formel das Primäre, daß er sie hinsetzt, auch wo das Beispiel nicht ganz stimmt, wie etwa die richtige (nur in dem besonderen Falle der Anwendung bei Rotts Vater nicht unbedingt überzeugende) Beobachtung, daß ״der bessere Mann oft für die schlechtere Sache kämpft" und man bei der Beurteilung beides auseinanderhalten müsse. Dies ist eine Lehre, die im politischen Leben Beachtung verdient (und von Brod selbst kürzlich an Rudolf Borchardt demonstriert wurde). Auch sonst reicht so manches aus Brods Erörterungen hinein in ideologische Diskussionen unserer Tage. Man braucht nur an die Deutung des Nationalismus zu denken, der heute in Deutschland fast alle jungen Menschen bewegt. Hier ist die Abgrenzung der legitimen Reiche des Mythos und der Ratio eines der brennendsten Bedürfnisse der Zeit. Und in der modernen ״Theologie“ des Nationalismus (Blüher, Stapel usw.) wird der Sozialismus als luciferisch, als ״jüdische“ Vermessenheit hingestellt, die eine Diesseits-Eschatologie zu postulieren wagt, ohne zu verstehen, daß das ״Reich Gottes“ nicht von dieser Welt ist, mit menschlichen Mitteln nicht erreichbar, und daß es nicht in der Macht des Menschen liegt, anders zu sein als sündig und dem Menschengesetz des Kampfes unterworfen, dabei der christlichen Heilsbotschaft gewärtig. (Ganz im Sinne Werders, der konsequenterweise auch den Krieg bejaht, nur gewissermaßen vom anderen Ufer). Wenn wir Brod recht verstehen, so kennt er selbst die Grenzen seiner ״Lösung“. Er verkündet ja, daß die Sünde nicht zu beseitigen ist, daß das sündenlos Genießenwollen, das Plato im Phädros beschreibt, das Leben zerstört. Er weiß gleichzeitig, daß das ״Böse“ alle schönen Pläne der Weltverbesserer immer wieder durchkreuzt. Das ״Reich Gottes“ können wir also auch bei reinstem Wollen! auf Erden, in der Zeit, nicht verwirklichen. Aber wir müssen auf die Annäherung daran hinstreben. Die Erreichung des Zieles wäre Aufhebung der Zeit und

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