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Jüdische Rundschau · 1931-12-18 · Heft 98 (18.12.1931) · page 2

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
XXXVI (1931)
Issue
Heft 98 (18.12.1931)
Date
1931-12-18
Page
– (sequence 2)
Language
German
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Seite 574 JÜDISCHE RUNDSCHAU Nr. 98, 18. XU. 1931 Zeit liegt, auf uns als seine Erzeuger wartend. Wir sollen und wollen erkennen, daß ebenso wie sich die Umwanddüng der palästinensischen Judenheit einst in eine europäische vollzog, so heute ein neuer Anfang auf uns wartet, der über das Ghetto und sein Nachspiel hinweg zu einer neuen Vereinigung des Judentums aufruft: Einheitwerden als Gesamtheit in einer in längerer Entwicklung anzustrebenden Verbundenheit! Einheitlich auch innerlich in der Form, daß wiederum der einzelne Jude sich als verantwortlicher Angehöriger des Gesaintjudentunis fühlt. Diesen Weg müssen wir nicht nur um unserer selbst willen, sondern auch urn der Welt willen gehen, der wir nur als jüdische Gesamtheit einen heute noch nicht forniulierbaren geistigen Dienst erweisen können, den eine andere Gruppe nicht leisten kann, weil dieser Dienst aus der uns von der Bibel her eigentümlichen Grundlage unseres Seins und aus dem uns eigentümlichen Schicksal erwächst. Von so universaler Betrachtung des Judentums und seiner Aufgabe blicke ich auf Palästina zurück. Nicht mehr auf den Gegenpol des Galuth, sondern auf einen Punkt innerhalb des Ganzen, der aber geschichtlich der zentrale Punkt ist. Die Heilige Stadt nicht mehr im religiösen, aber in einem unser ganzes Leben umspannenden Sinn, das Symbol der Einheit unserer Vergangenheit und unserer Gegenwart und das Symbol und die wirkende Mitte in der Einheit der Teile, die sich über die Welt breiten, und noch mehr als das, die wirkende Mitte unserer seelischen Erinnerungen. Das ist nicht im romantischen Sinne gemeint, nicht so, als ob wir die Harfen von den Strömen Babels an den Jordan zurückbringen sollen, damit ein wiedergefundener Ton von dort durch die Welt geht. Ich sehe nicht nur mit lachendem Auge auf das hin, was an junger Kraft in den Boden Palästinas versenkt wird. Ich sehe nicht nur Glück und Fleiß und Tugend emporwachsen. Auf unabsehbare lange Zeit dürfte das kleine Land das Land unserer schwersten Sorgen und Kümmernisse bleiben. Aber was uns aus der Sorge um Jerusalem erwächst, gibt uns mehr, als wir dem alten Lande geben. Denn es gibt keine geschichtliche und keine gegenwärtige und keine zukünftige Einheit des Judentums ohne die vereinheitende Mitte Jerusalem. Und es gibt keinen Juden, der imstande wäre, jüdisch-universal zu denken, ohne daß er in der seelischen Verbundenheit mit Jerusalem den letzten Grund dazu fände. Sein Judentum wird sich in dem neuen Abschnitt der Weltgeschichte, dem wir schmerzlich fühlbar entgegengehen, nach der Alternative entscheiden: Einheit oder Zersplitterung. Einheit im Sinne lebendigen organischen Einsseins, das von der Blutbahn seelischer und geistiger Kräfte einheitlieh durchflossen wird. Die eine ihrer Quellen, am tiefsten in den Erdboden zurückreichend, fließt aus dem Boden Jerusalems. Und so geht es bei unserem Einstehen für die materielle und geistige Wiedergeburt nicht nur um Palästina, sondern um die Ganzheit des Judentums und um jeden einzelnen Juden — um uns selbst. Der 1000- Familien -Sledlangsplan Jerusalem, 14. Dezember. (J. T. A.) Der Plan der Jewish Agency, tausend Familien auf dem Lande in Palästina Fiber den Rahmen der normalen Arbeit hinaus anzusiedeln, ist bereits soweit vorgeschritten, daß ein Uebercinkommcn über die Auswahl der Siedler getroffen werden konnte. Das Uebereinkommen wurde von Julius Simon, Mohl und Dr. Hexter im Namen der Palestine Economic Corporation und der Palestine Plantation Company und von Harzfeld, Kaplan und Rentez im Namen der Arbeiterschaft unterzeichnet. 200 Fainilien werden schon jetzt als Vollsiedler auf dem Lande untergebracht. Gleiclizeitg wird an den Bau von 500 bis 600 Wohnhäusern für weitere Siedlungswillige geschritten. Internationale des Hakenkreuzes Ein bezeichnender Vorfall ereignete sich am 9. Dezember in der rumänischen Kammer. Der ״Altmeister“ des rumänisehen Antisemitismus, Prof. C u z a, hielt eine seiner hetzerischen Reden gegen die Juden. Er bezeichnete dabei den Völkerbund als eine ״J u d e n 1 i g a“ und schloß seine Rede mit einer Apotheose Hitlers, dessen Programm für die rumänischen Antisemiten vorbildlich sei. Cuza gab die teierliehe Erklärung ab, daß niemand in der Welt die innige Zusammenarbeit zwischen den rumänischen Antisemiten lind Hitler verhindern werde. — An dein Kongreß der christlichen Studenten Rumäniens in Sibiu (Hermannstadt) nahm auch eine Delegation nationalsozialistischer Studenten aus Deutschland teil, deren Führer, Karl Motz, die rumänischen Studenten aufforderte, sicli an den Nationalsozialisten in Deutschland ein Beispiel zu nehmen. Es ist oft von antisemitischer Seite behauptet und dann in jüdischen Blättern wiederholt worden, daß eine [nternationale des Antisemitismus existiere. Cuzas Erklärungen lassen den Schluß zu, daß sich Hitler nicht mit den antisemitischen Erfolgen in Deutschland begnügt, sondern Wert darauf legt, daß die antisemitischen Aktionen in der ganzen Welt im Geiste seines Judenprogrammes durchgeführt werden. In dieser Hinsicht findet er gelehrige Schüler. Josef Popper ist am 20. Dezember zehn Jahre tot. Mit ihm ist eine patriarchalische Gestalt des jüdischen Humanismus dahingegangen, einer der großen Europäer jüdischen Blutes, die die Krönung der Epoche der Aufklärung waren. Josef Popper (Lynkeus) war ein großer Physiker, Ingenieur und Erfinder. Was ihn aber vor allem charakterisiert, ist sein soziales Ethos. Entgegen allen heroischen Verherrlichungen des Massenmordes setzt Popper das Prinzip der Ehrfurcht vor dem Menschenleben. Unablässig beschäftigte ihn der Gedanke, eine Lösung der sozialen und politischen Nöte zu finden. Seine Bemühungen gipfelten in dem berühmten Werke ״Die allgemeine Nährpflicht“, die er der ״allgemeinen Wehr- Pflicht“ entgegensetzte. Poppers soziales Programm, aus echt jüdischem Geiste geboren, ist gerade heute in der Zeit der völlig unlösbaren Arbeitslasenkrise von einer verblüffenden Aktualität. Vielleicht wird mail sich an seinem zehnten Todestag seiner erinnern, ln Poppers Geburtsstadt Kolin (Böhmen) wird am 20. Dezember eine Gedenktafel mit seinem Bildnis enthüllt werden, Popper war nicht Zionist, aber einer der edelsten Juden der vorzionistischen Zeit, der auch in seinen Greisenjahren lebhaftes Interesse am Palästinawerke nahm und seine große Bibliothek der Nationalbibliothek in Jerusalem vermachte. Wir Zionisten bewahren ihm ein verehrendes Andenken. ״Imperare necesse est.. /״ Unsere Auseinandersetzung mit Wilhelm Stapel Wir haben in der ״Jüdischen Rundschau“ Nr. 84 vom 30. Oktober d. J. in einer Betrachtung über den National- Sozialismus daraut hingewiesen, daß sich in dieser Bewegung heute verschiedene Strömungen mischen, da - - offenbar unter dem Eindruck ihres politischen Massenerfolges — intellektuelle Kreise der deutschen Jugend sich parteimäßig mit dem Nationalsozialismus verbunden haben. Wir sagten, daß mit diesen Kreisen, die nicht einfach mit dein Radau- Heldentum identifiziert werden dürfen, eine ernste Auseinandersetzung von unserer Seite erstrebt werden müsse. Im Verlauf dieses Artikels mußten wir dann auf die Antwort hinweisen, die Wilhelm Stapel, Herausgeber der Zeitschritt ״Deutsches Volkstum“, uns auf unsere Frage, wie denn die Intellektuellen in der nationalen Bewegung über die Kurfürstendamm-Krawalle denken, gegeben hat. Wir haben die ״Die wahren Schuldigen“ übcrschriebcnc Notiz von Stapel, itt der er unseren Fragen eine Reihe von Gegenfragen, betreffend das jüdische Verhalten, entgegensetzte, so verstanden, daß er damit sagen will, die Juden seien ״die wahren Schuldigen“ auch dieser Unruhen, weil die Stellungnahme verschiedener liberaler Zeitungen, die Herr Stapel einfach mit Judentum identifiziert, nicht in seinem Sinne gewesen sei. Stapels Antwort schien uns aber so charakteristisch zu sein, daß wir sie bereits in der darauffolgenden Nummer 85 vom 3. November im vollen Wortlaut zur Kenntnis unserer Leser brachten. Nun veröffentlicht Stapel im Dezemberheft seiner Zeitschritt ״Deutsches Volkstum“ eine Glosse, die überschrieben ist ״Die Antwort der Jüdischen Rundschau“. Seine Glosse zerfällt in zwei Teile. Im ersten Teil wirft er uns vor, daß sich unsere Behandlung der Kurfürstendamm- Krawalle nur auf jüdische Schilderungen stützte und daß unser Appell an die intellektuellen Antisemiten, von den Brutalitäten jener Ueberfälle abzurücken, den Zweck haben konnte, derartige verurteilende Aeußerungen rechtsstehender Persönlichkeiten im Plaidoyer der Gerichtsverhandlung gegen die Angeklagten auszunützen. Die Gefragten seien nicht sicher gewesen, ob ״die Frage in rein ethischem Interesse gestellt war und daß die Antwort nicht agitatorisch ausgenutzt würde“, Stapels Gegenfragen in seinem Oktoberheft hätten den Zweck gehabt, zu einer ״tiefer dringenden Aussprache anzuregen“. Nach dem Leitartikel in Nr. 84 (also zufällig gerade jenem Artikel, wo wir selbst die Notwendigkeit einer ernsten Auseinandersetzung mit den denkenden Kreisen des Nationalismus befürwortet haben) sei es aber nun ״erwiesen“, daß uns an einer redlichen Auseinandersetzung nichts liege. Unsere Darstellung von Stapels Antwort sei eine Fälschung, denn Stapel habe nicht das gemeint, was wir verstanden haben. Er sagt nicht ״Mißdeutung“, er sagt ״Fälschung“, und fügt hinzu: ״D e r w i r k I i c 11 e Inhalt in einer Antwort wird den Lesern der ״Jüdisehen Rundschau“ verschwiegen.“ Nun sei jede Diskussiorismögliclikeit von uns zerbrochen worden. ״Mögen die Leser der ״Jüdischen Rundschau“ die Liige, die ihre Zeitung über mich verbreitet, glauben — was kümmert das mich? Imperare necesse est, disputare non“. So weit wäre alles noch verständlich. Nun folgt aber der zweite Absatz, worin Stapel sagt, seine Antwort sei geschrieben gewesen, bevor er Nummer 85 der ״Jüdischen Rundschau“ in Händen gehabt hat, in der seine Bemerkung vollinhaltlich abgedruckt ist. Er veröffentlicht aber dennoch die bereits geschriebene Antwort, ״da sie für die Gegenseite aufschlußreich ist, auch in ihren nunmehr überholten Teilen“. Wir haben dazu folgendes zu bemerken: Stapel muß schon aus unserem Artikel in Nr. 84, noch mehr aber aus der Veröffentlichung in Nr. 85 entnommen haben, daß wir eine ehrliche Diskussion führen wollen und uns nichts ferner liegt, als die Stellungnahme der Gegenseite zu verbergen oder zu entstellen. Wir haben ohne jede Aufforderung Stapels und ohne zu ahnen, daß er die indirekte Darstellung in Nr. 84 als ״Fälschung“ bezeichnen würde, seine Bemerkung im vollen Wortlaut abgedruckt, ein — wie wir wohl sagen können — seltener Fall bei heutigen Pressediskussionen, wo die Presse aller Parteirichtungen nur die eigene Meinung abzudrucken pflegt, den Gegner aber nicht zu Worte kommen läßt, Als das Dezemberheft des ״Deutschen Volkstum“ erschien, hatte Stapel beide Nummern der ״Jüdischen Rundschau“ vor sich. Aus pädagogischen Gründen, weil es für uns ״aufschlußreich“ sein kann, veröffentlicht er trotzdem die aut einer zugegebenerweise irrigen Meinung aufgebauten Bemerkungen des ersten Teiles, wo er uns als bewußte Fälscher bezeichnet. Wir sind weit entfernt von ״Moralismen“, die uns Stapel zuschreibt. Aber hier reicht unser Verständnis für die Form einer Auseinandersetzung nicht aus. Es sei denn, daß man von vornherein von der Verworfenheit des Diskussionsgegners so überzeugt ist, daß ihm gegenüber nichts schlecht und unfair genug ist. Wollte Stapel den Lesern des ״Deutschen Volkstums“ zeigen, wie unanständig Juden sich benehmen könnten, obwohl sie sich zufällig in diesem Falle nicht so benommen haben? ln der Erinnerung seiner Leser bleibt: Jude Fälscher. Semper aliquid haeret.... Imperare necesse est? Das ist der Geist von Versailles! Das ist die Haltung des Mächtigen, der den Ohnmächtigen nicht anhört und das Schwert des Brennus aut die Wage wirft. W i r wünschen nicht, daß der unselige Geist von Versailles die Welt regiert und zwischen Völkern ausschlaggebend sei; wir lehnen ihn ab, wer immer der gerade im Einzelfalle Mächtige und Hybride sei. Doppelte Buchführung in moralischen Dingen muß sich rächen. Oft scheint es, daß Stapel und seine Gruppe, die das Amt von geistigen Führern verwalten, Gefangene der in ihren Mitteln nicht wählerischen politischen Bewegung sind, der sie sich angcschlossen haben, Im übrigen betrachten wir die an die Kurfürstendamm- Krawalle angeschlossene Diskussion mit Wilhelm Stapel als beendet. Aber wir glauben, daß noch Gelegenheit sein wird, init Wortführern des deutschen Nationalismus über die von ihnen unverstandene, ganz schablonenhaft aufgefaßte Judenfrage manches ernste Wort zu sprechen. Auch tiefe Gegensät'ze können geklärt werden. Aber vorher muß man sich über die erkenntnisstörenden Affekte klar sein. Aus diesem Grande haben wir uns mit der letzten Aeußerung von Stapel beschäftigt, weil auch wir sie für ״aufschlußreich“ halten. Die Revision der Kurfürstendamm-Prozesse. Am 17. d. M. begann die Berufungsverhandlung gegen die Teilnehmer an den Ausschreitungen des 12. September auf dem Kurfürstendarnm. Nunmehr stehen alle Angeklagten, die aus dem ersten Prozeß und die aus dem Helldorf-Verfahren, gemeinsam vor den Schranken des Gerichtes. Gegen das Urteil im Helldorf-Prozeß haben sowohl Verteidiger wie auch Staatsanwalt Berufung eingelegt. Die Berufung der Verteidigung ist erst nachträglich eingegangen, da sie infolge einer Nachlässigkeit der Helldorfschen Verteidiger nicht zeitgereeht beantragt wurde. Trotzdem hat die Strafkammer den Angeklagten die Wiedereinsetzung in den vorigen Stand gewährt. Diesen Sachverhalt hat der sozialdemokratische Abgeordnete Kuttncr zum Anlaß genommen, um itn Preußischen Landtag an den Justizminister eine kleine Anfrage zu richten. Klassenkampf in Palästina Die palästinensische Tageszeitung ״Dawar“ veröffentlicht ein Geheimzirkular, das die Leitung des palästine nsisehen Kolonisten Verbundes an alle Kolonisten verschickt hat. Darin heißt es: ״Die Kolonisten müssen bei der Vergebung von Arbeit diejenigen Elemente bevorzugen, die nicht in der Arbeiterorganisation (Histadruth) organisiert sind. In allen Kolonien gibt es eine Gruppe von Arbeitern des Brith Trumpeidor, der Jemeniten, der Kolonistensöhne. Aus ihnen kann ein den Kolonisten freundliches Arbeitermaterial gebildet werden, wodurch gleichzeitig der Einfluß der __ Histadruth geschwächt w׳erden wird.“ In einem zweiten Zirkular wird mitgeteilt, daß am 13. November eine Delegation des Kolonistenverbandes beim stellvertretenden Gouverneur des Süddistrikts, Crosbie, vorgesprochen hat und ihm die Arbeitslage in den Kolonien während der Orangen-Pflücksaison auseinandersetzte. Auf besonderen Wunsch des Gouverneurs gab der Führer der Delegation, Mosche Smilansky, eine eingehende Schilderung des Zwischenfalles in Chederali, sowie der Gewalttaten in Petach Tikwah und Ness Ziona. Smilansky erläuterte dem Gouverneur die Tendenzen der Histadruth zur Beherrschung des Arbeitsmarktes und versicherte ihm, daß in den alten Kolonien trotz der Pressionen und Drohungen nicht hundertprozentige jüdische Arbeit beschäftigt werden wird. Er wandte sich auch dagegen, daß den Kolonisten die durch die Gewalttaten der Arbeiter notwendig gewordenen Polizeispesen aufgerechnet werden. Die ״Jüdische Rundschau“ hat sich oft mit dem Problem der jüdischen Arbeit beschäftigt und noch in der letzten Nummer brachten wir darüber einen Bericht unseres Korrespondenten, wo bereits auf die neue Aktivität des Kolonistenverbandes hingewiesen wird. Wir sind weit entfernt davon, die Schwierigkeiten des Problems zu übersehen oder es einseitig nur unter dem Gesichtspunkt eines Schlagwortes zu betrachten. Aber die Zirkulare des Kolonistenverbandes enthüllen eine Mentalität, die schwere Kritik herausfordert. Statt den Versuch zu machen, sich mit der organisierten Arbeiterschaft zu verständigen, greift der Kolonistenverband zu dem heute in der ganzen Welt modernen und beliebten Mittel, die Gewerkschaft der Arbeiter zerschlagen zu wollen. Er rechnet dabei mit der Hilfe von Elementen, die keineswegs für das jüdische Arbeiterelement charakteristisch sind und offenkundig nur vorgeschoben werden, um die wahren Zwecke zu verschleiern. Unter den Kolonisten sind Persönlichkeiten, deren zionistische Verdienste und nationale Gesinnung nicht angezweifelt werden können. Verstehen sie, die einst selbst als Chaluzim ins Land kamen, nicht, daß das Jüdische Nationalheitn ohne den jüdischen Arbeiter nicht aufgebaut werden kann, und daß es den jiidisehen Arbeiter nicht geben kann ohne den Rückhalt seiner Organisation? Alle Mittel moralischen Druckes auf die Pflanzer sind in dieser Sache vergeblich geblieben. Und doch muß eine Lösung gefunden werden. Es geht hier um eine Frage von größter Tragweite für das Jüdische Nationalheim und für die zionistische Bewegung. Daher muß alles geschehen, um zumindest die untragbare Verschärfung des Kampfes, die jetzt eingerissen ist, wieder aus der Welt zu schaffen. Emil Ludwig als Jude Wir haben in Nr. 92 den Hauptteil eines uns aus Straßbürg übersandter. Briefes von Emil Ludwig veröffentlicht, in welchem der Schriftsteller seine Beziehungen zum Judentum klarstellte. Im Verfolg der Polemik, die Esriel Carlebach itn ״israelitischen Familienblatt“ führte, hat nun Emil Ludwig in einem weiteren Briete nochmals seine Stellungnahme dargelegt. Er habe geglaubt, so schreibt Ludwig, daß durch sein wiederholtes Bekenntnis in verschiedenen Publikationen die Frage beantwortet sei. So habe er seiii Buch ״Der Menschensohn“ mit dem Satz begonnen ״Was ich aus der Geschichte meines Stammes hier erzähle, ist aller Welt bekannt“. Emil Ludwig verweist dann weiter darauf, daß er das gleiche Bekenntnis in unzähligen Interviews und in seinem Eintreten für den Zionismus abgelegt habe. Nachdem diese Erklärung von antisemitischer Seite wiederholt öffentlich glossiert worden ist, könne man nicht wie Carlebach behaupten, es sei bisher ״dem Großteil der jüdischen üeffentlichkeit unbekannt geblieben“. Wenn freilich ein jüdisches Blatt in New York die Nachricht erfunden hat, Emil Ludwig beabsichtige, von jetzt an unter seinem Namen Cohn z.u schreiben, so habe er dies dementieren müssen, denn er könne nicht den Namen, den er seit 48 Jahren tühre und den er weltbekannt gemacht habe, plötzlich willkürlich ändern. Niemals aber habe er den Namen seines Vaters und seine jüdische Abstammung verleugnet. — In seiner Antwort auf diesen Brief erklärt sich Esriel Carlebach nunmehr befriedigt. Wohl habe er gewußt, daß Emil Ludwig zu seiner jüdischen Abstammung stehe; dies sei aber nicht ohne weiteres identisch mit dem Bekenntnis zur jüdischen Gemcinschatt der Gegenwart, Durch die letzten Briefe Ludwigs sei aber auch dieser Punkt geklärt. Wir haben uns bisher in dieser Sache eines Kommentars enthalten. Nachdem aber jetzt die Polemik abgeschlossen ist, soll nur bemerkt werden, daß nach unserer Meinung der Fall Emil Ludwig nicht nach der Schablone zu beurteilen ist. Wir haben bereits bei der Besprechung seines Memoiren- Buches ״Geschenke des Lebens“ darauf hingewiesen, daß die sehr interessante Schilderung seines Elternhauses, die der Sehriitstelkr dort gibt, das typische assimilatorisch-jüdische Milieu der liberalen Aera lebendig werden läßt. Diese Art jüdischen Bürgertums, dessen menschlichen, humanistischen Wert wir gerade als Zionisten, nachdem unser Blick unabhängiger geworden ist, anerkennen können, war ein Produkt ihrer Zeit; diese Emanzipations-Juden lebten in jüdischer Beziehung gewissermaßen in einem ״naiven“ Zustand, vor der ״kcpernikanischen Wendung“ in der Auffassung des Wesens der Judentrage. Unsere heutige Generation steht freilich ganz anderswo, aber wir machen die Erfahrung, daß die Epigonen jenes liberalen Zeitalters in unserer heutigen, ganz anders gearteten Welt gewöhnlich die Neigung zeigen, jene überholten Vorstellungen künstlich aufrechtzuerhalten und in Fiktionen, die längst durchschaut sind, weiterzuleben. Dies gilt sogar für die Mehrzahl der deutschen Juden, deren Familien damals nicht formell vom Judentum sich gelöst haben, Der Fall, daß ein Mann, der infolge der Anschau־ ungen seines Vaters in seinem dritten Lebensjahr formell vom Judentum gelöst, d, h. getauft wurde, als erwachsener Mensch den ״Weg zurück“ findet, ist immerhin ungewöhnlieh. Emil Ludwig kann seine eigene Erziehung und seinen Werdegang nicht rückgängig machen; er kann kein ״Volljude“ werden und er ist gewiß keine repräsentative Figur des Judentums. Aber er hat durch sein Bekenntnis zur jüdischen Abstammung und zur jüdischen Gemeinschaft Mut und Charakter bewiesen, die auch von uns gewürdigt werden müssen. Zugleich glauben wir, daß gerade ein so weitgereister, wettkundiger, historische Zusammenhänge überschauender Mann wie Emil Ludwig auch einen Blick für die jüdischen Zusammenhänge gewinnen mußte, und mit Genugtuung stellen wir fest, daß er zu einer Bejahung des zionistischen Lösungs- Versuches gelangt ist.

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