Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XXXVI (1931)
- Issue
- Heft 98 (18.12.1931)
- Date
- 1931-12-18
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Heute: Bücherschau Einzelnummei 0,25 Goldmark JÜDISCHE RUNDSCHAU Erscheint jeden Dienstag 11.Freitag. Bezugspreis bet der Expedition monatlich 2,— Goldmark, vierteljährlich 5,75 Goldmark. Auslawtaabt-innoniPnta werden m clei Währung der einzelnen Länder berechnet. Anzeigenpreis; *י eesp. Nonparoillo/eik* 0,50 G.-M. Stellengesuche 0,25 G.-M. 1■,«■■■■-—1-w»t J .■■■■■■ . 11■ Nummer 98 | Berlin, 18. XII. 1931 Redaktion, Verlag und Anzeigen Verwaltung: Jüdische RundschauG.m. b.H., Berlin W15, Meinekcstr.10. Telephon: J 1 Bismarck 7165-70. Anzeigenschluß: Dienstag und Freitag nachmi tf ags 4Uhr Redaktionsschluß Sonntag und Mittwoch nachmittag. P o 1 א s c h eck- Konten: Berlin 17392, F •sei V 9355־ Belgrad 68032, Brüssel 39433, Budapest 59693, Danzig 1973, Haag 140 470, Prag 59410, Riga 4155, Strasshurg 164 30, Warschau 190708, Wien 156030 Bank Konten; Darm.slädtet ־ und Nattonalhank, Depositen Kasse Berlin, Kurfürstendarmn 52: Kumänische Kreditbank, Cernauti (Rumänien); Angle Palestine Co. m Haifa, )ertisalem, Fei Aviv. Der Uonismill erstrebt für das jüdische Voll( die Schaffung einer öffentlich rechtlich gesicherten Heimstätte in Palästina. ״Baseler Programm.*‘ Eine Brüdie Ober Wir Zionisten empfinden oft in unserer Arbeit die Sehnsucht nach blutvollem jüdischen Volkstum, das unseren (iedanken und mehr abstrakten Erkenntnissen den Hauch des pulsu-remlen Lehens einbläst. Wir greifen daher dankbar zu einem Dokument, das uns jüdisches Volksleben und damit den Sinn unseres Zionismus neu fühlen läßt; von ihm ein paar Worte. Schmarja L e v i n s Buch ״Kindheit im Exil“ ist das schönste (Jeschenk, das uns dieser Erzieher und Lehrer von Tausenden von Zionisten gemacht hat. Dieses Buch ist der Schlüssel zu seiner Persönlichkeit, aber darüber hinaus der Schlüssel zu einer jüdischen Epoche. ״Ich komme aus Mesopotamien“ sagt Schmarja Levin oft in der Rede und im Gesprach; er will uns fühlen lassen, daß er und eigentlich jeder echte Jude alle Jahrtausende der Geschichte in sich trägt, daß wir durch die Erinnerung leben, daß die Vergangenheit in die Gegenwart hineinragt und uns den Mut zum Leben und zur Gestaltung unserer Zukunft gibt, Schmarjah Levin erzählt die Geschichte seiner Kindheit, und eine ganze Welt wird lebendig. Wir erleben sie mit. Auch andere haben über das östliche Judentum geschrieben, das t atsächliche ist vielen von uns bekannt, aber in Schmarja Lcvins Geschichte schwingt ein neuer, noch nie gehörter Ton. Es ist nicht meine Sache, das Buch literarisch zu würdigen, das geschieht von anderer Seite; ich möchte nur unsere Freunde darauf aufmerksam machen, was dies Buch zioms tisch bedeutet. Schmarja Levin ist eigentlich gar kein Epiker; die einzelnen Kapitel sind Gesänge, in denen in einem selbst in der deutschen Uebersetzung noch fühlbaren Rhythmus einige (iriind Stimmungen festgehalten werden, für die die Tatsachen nur Illustration sind. Eine geheimnisvolle Bewegung zittert durch alle Erlebnisse. Gewiß, es ist Swislowitz, es sind die Juden eines kleinen Städtchens in einer ganz bestimmten Zeit, es ist jüdischer Osten, und es ist nichts versäumt, um das Kolorit der Zeit und der Landschaft festzuhalten. Was uns aber zwingt, dieses Buch von der ersten bis zur letzten Seite miterlebend und mitschwingend zu begleiten, das ist der überwältigende Eindruck von der überzeitlichen Geltung dieses Seeientums, der Zeillosigkeit dieser jüdischen-Menschen. Bei der Wahrhaftigkeit der ■Darstellung fühlt nun* j daß der Jude in Swislowitz noch vor einem halben lahrhundert gleichzeitig ein• Zeitgenosse des Propheten ,Elia, des Auszugs aus 'Aegypten, Hamans utnd 'Mörderfiats «st, daß Beschlüsse der Moslem - Konferenz Boykott jüdischer Produkte. — Protest gegen Klagemauer- Entscheid. Jerusalem, 15. Dezember. (J. T. A.) Die in Jerusalem tagende Islam-Konferenz ermächtigte ihren Präsidenten, den Großmufti von Jerusalem Hadsch Emin el Husseini, beim Völkerhund gegen den Beschluß der internationalen Klagcmauer-Kommission Protest einzulegen. Der Großmufti wurde ferner ermächtigt, alle moslemischen Herrscher und Notabein dahin zu informieren, daß die Konferenz den gegenwärtigen Status der Heiligen Plätze des Islam unter den Mandatsbestimmungen mit Entrüstung betrachtet. Schließlich proklamierte die Konferenz den Boykott aller Waren palästinensisch-jüdischer Provenienz in allen moslemischen Ländern. Dieser Boykott soll ״ein Mittel sein, die Omar-Moschee vor jüdischem Zugriff zu schützen“. ״Wenn es den Juden in Palästina geiingt“, heißt es in der betreffenden Resolution weiter, ״ihre Industrie zu entwickeln, so werden sie in der Lage sein, Immer mehr Boden zu erwerben; es könnte dann soweit kommen, daß auch die Moschee vor ihrem Zugriff nicht sicher ist.“ (Man muß berücksichtigen, daß außer dem Jemen kein einziges Land offiziell vertreten war, so daß die Boykottparole keine weittragende Kraft hat. Trotzdem wird man ihre propagandistischen Möglichkeiten nicht unterschätzen dürfen. — A. d. R.) Weiter wurde folgende Resolution angenommen: Der Zionismus bedeutet ipso facto einen Angriff auf das moslemische Wohl und hat sich als den moslemischen Interessen schädlich erwiesen. Direkt oder indirekt verdrängt er die Mosiems aus der Kontrolle ihres Landes und ihrer Heiligen Stätten. Der Annahme der Resolution ging eine Aussprache voraus, in der mehrere Delegierte England wegen seiner Orient- Politik angriffen. Einer der syrischen Delegierten, R i a d h Bey, erklärte, England habe die Juden nach Palästina gebracht und sei deshalb für die den Islam bedrohende jüdische Position in Palästina verantwortlich. Mit seinen imperialistisehen Zwecken dienenden Mandaten und seiner ganzen Kolonialpolitik habe England Unruhe in den Orient gebracht. Der indische Moslemführer Schaukat Ali trat Riadh Bey scharf entgegen und erklärte: Wir Moslems sind Gegner der jüdischen Invasion in Palästina, aber wir müssen freundschaftliche Beziehungen zu England unterhalten. Der Kongreß trat in die Erörterung der Verfassung eines a 1 Iw eit 1 i c h en Moslem-Verbandes ein. Dabei ergaben sich einschneidende Meinungsversc friedenh eiten zwischen der Gruppe des Mufti und der Gruppe Schaukat Ali. Der Mufti wünscht, daß der jetzige Teilnehmerkreis des Islam-Kongresses den Kern für alle weiteren Kongresse bilden soll. Schaukat Ali widersprach diesem Plan. Bei einer Abstimmung zeigte sich, daß der Mufti die Mehrheit auf der Konferenz hat. Für die geplante Moslem-Universität sind bisher als Höchstbeträge von einer arabischen Bank 100 Pfund, von einem Moslem in Jaffa 50 Pfund gespendet worden. Die Moskauer ״Iswestia“ vom 10. Dezember beschäftigt sich in einem längeren Aufsatz mit dem Islam-Kongreß in Jerusalem. Die Zeitung erblickt im Kongreß eine imperialistisctie Machination im Vorderen Orient, zitiert eine Anzahl von türkischen Pressestimmen, bezeichnet Schaukat Ali die Jahrtausende die Zerstörung des Tempels Vergangenheit und zugleich 1111mittelbarste Gegenwart ist. Jede Nacht ertönt der Tikun Chazoth, die Wehklage um den Untergang des Heiligtums, aus dem Munde des Vaters, und Millionen leben in der Er- Wartung, daß jeden Tag der Erlöser für Zion kommen wird. Erez-Israel ist die stärkste Wirklichkeit dieser Welt, die von den Helden und Propheten der Vergangenheit sichtbar begleitet wird und die den Kampf mit ihren längst gestorbenen Feinden als persönliche gegenwärtige Erlebnisse auskämpft. Mit der Schnarre — dem Oragger — in der Hand schlägt ein Volk seinen uralten Feind immer aufs neue in die Flucht, und an jedem Sederabend erwartet jeder wirklich den Propheten Elia. Alle sind Zeitgenossen aller Zeiten unserer Geschichte, und wir fühlen, daß diese jüdische Welt und diese Darstellung keine papierne Angelegenheit ist. Wir erleben teilnehmend eine jüdische Wirklichkeit, in der das Leben aus ewigen Quellen gespeist wird. Dieses Buch, in dem vom Zionismus nicht die Rede ist, wird als wichtiges Dokument des Zionismus seinen Platz behalten. Wer dieses Buch verstanden hat, der kennt die wichtigste Grundlage unserer zionistischen Bewegung. Diese Juden von Swislowitz, die einmal die Zeitgenossen unserer Vorväter in Erez Israel waren, sie werden die Juden von 1880, sie werden Zeitgenossen ihrer Zeitgeschichte, Gcmessen an ihnen empfinden wir den gewaltigen Gestaltwandel des Judentums des letzten halben Jahrhunderts. Wir fühlen, cs gibt nicht mehr Erhaltung und Fortsetzung, es gibt nur die Alternative: Auflösung des geschlossenen, innerlich starken und in äußerer Knechtschaft doch freien Lebens oder Wiedergeburt durch den gestaltenden Willen des jüdischen Volkes. Schmarja Levin kommt aus Mesopotamien, weil er aus dem Swislowitz seiner Kindheit kommt, und wenn wir wissen wollen, warum wir heute die Renaissance unseres Judentums in Erez Israel herbeiführen müssen, dann sollen wir uns in die Erzählung des großen Rhapsoden Schmarja versenken. Aus diesen schlichten und tiefen Klängen erfahren wir viel vor! den Geheimnissen ■1er Vergangenheit und von der Dürftigkeit der Gegenwart, und wir werden aufs neue auf den Weg getührr, den das jüdische Volk als einzigen gehen mulL *':׳■ ■■־ fc׳ u'V { |ן ן u fn ,״n fe i d. als Agenten des englischen Imperialismus, betrachtet die Teilnehmer des Kongresses als unfreiwillige Handlanger in den Konkurrenzstreitigketten zwischen England und Frankreich und hält die Manifestation des Islam in Jerusalem für ein Glied in der Kette der kapitalistischen Maßnahmen gegen Sowjet -Rußland. Aus allen diesen Gründen beurteilt die ״Iswestia“ den Islam-Kongreß als eine kämpterische Maßnahme der Weltreaktion und läßt durchblicken, daß sie die Rückwirkungen des Islam-Kongresses aut die Mohammedaner in Sowjet-Rußland mit allem Nachdruck bekämpfen werde. Der Nabob von Rhopal teilt der ,,Times“ mit, daß die in dein offiziellen Pressebericht des Jerusalemer Moslem-Kongrosses enthaltene Mitteilung, er habe an den Kongreß eine Begrüßung geschickt, unrichtig ist. ln aller Kürze Ministerpräsident Rarnsay MacDonald empfing den Präsidenten Sokolow, um sich mit ihm Uber Palästina zu unterhalten. Die Unterhaltung war sehr eingehend und trug einen freundschaftlichen Charakter. Am 23. Dezember tritt Sokolow an Bord der ״Majestic“ die Reise nach New York an. Die Exekutive der English Zionist Federation hat einmütig beschlossen, der demnächst statt findenden Jahreskonferenz vor- Zuschlägen, Dr. Chaim W e i z m a n n zum Präsidenten der English Zionist Federation zu wählen. Am 15. Dezember, gegen 10 Uhr morgens, traten die L e h ־ rerder Jewish Agency-Schulen in Palästina in einen eintägigen Protest-Streik ein zum Protest gegen die Nichtauszahlung der Lehrergehälter für die Monate Juni und Juli. Etwa 100 Lehrer begaben sich zum Büro der Jewish Agency in Jerusalem und erzwangen die Unterbrechung der Arbeiten für eine Stunde. Das Palästina-Amt der Zionistischen Organisation Amerikas gibt bekannt, daß sich über 150 amerikanische Juden, in der Hauptsache Angehörige des Mittelstandes mit einem durchschnittlichen Kapitalbesitz von 8000 Dollar, zur lieber- Siedlung nach Palästina registriert haben. SONNABEND, 19. XII. 1931, KROLL JUBILÄUMS-BALL DES KEREN KAJEMETH LEJISRAEL KONZERT-EINLAGE; IRENE EISINGER, STAATSOPER AM FLÜGEL: ARPAD SANDOR Das Orchester Erwerbsloser Künstler unter Leitung von WOLFF - FERRARI Tausend schöne Tombola - Gewinne ZeitgemaBer Eintrittspreis: M 3.- / Kein Weinzwang WIE JEDES JAHR DER REPRÄSENTATIVE ABEND DER ZIONISTEN BERLINS Ccaluih und Palästina Von Professor Dr. Eugen Tä übler, Heidelberg, Wir geben nachstehend an <ler Hand des Stenogramms eine gekür:te Fassung des bedeutsamen Vortrages wieder, den Prof. Täubler auf der Jewish Agency-Versammlung in Mannheim gehalten hat. Ans Raummangel sind wir genötigt, gewisse Partien des Vortrages nur in gedrängter Inhaltsangabe za bringen. Red. Prof. Täubler geht zunächst von der Tatsache aus, daß immer und noch heute alle J» den ein gewisses Gefühl der Verbundenheit mit Palästina und Jerusalem in sich spüren. Wir müssen uns dabei dreier Feststellungen bewußt werden: 1. Die Erscheinung als Ganzes ist eine solche des Gefühl s. Sie gehört dem Einzelnen und Allen an, auch wenn keine Organisationen, Bewegungen und Handlungen bestehen, die diesem Gefühl dienstbar sind und es wirksam machen. 2. Es haben nicht immer, aber dann und wann Bewegungen, Organisationen und Handlungen bestanden, die diesem Gefühl Ausdruck und Wirkung geben und 3. haben wir mit Schärte ins Auge zu fassen, daß die besonders starken Wirkungen des Gefühls in Bewegung, Organisation und Handlung niemals nur aus innerjüdischer Entwickltmg erwachsen sind, sondern aus dem Zusammenwirken innerjüdischer und weltpolitischer Entwicklung. Der Redner sucht nun zunächst den ideellen Gefühls- Zusammenhang mit Palästina seiner Entstehung und seinen Wurzeln nach zu analysieren. Es ist auf der einen Seite die Erinnerung an den ehemaligen Besitz, die noch gesteigert wird durch den idealisierten Gegensatz zur Diaspora, auf der anderen Seite aber die geschichtliche W c - se ns prägung, die wir dem Boden Palästinas verdanken. Das Zusammenhangsgefühl beginnt mit einem Empfinden, das sein Genüge daran hat, Gefühl m bleiben, steigert sich aber dann zu entwickelteren Formen einer romantischen Hingabe, zu einem Traum der Wiederherstellung von etwas Gewesenem und schließlich zu messianischen Hoffnungen. ״Es ist unserem rationalen Sinn nicht ohne weiteres zugänglich, was das bedeutet, daß ein niedergetretenes Volk sich ein Ideal als eine geschichtlich zu erwartende T atsache gesfaltet. Das Erfiilltscin von einem solchen Ideal ist zu werten als realer Besitz, als ein immer zinsendes Kapital. Der Niess i a n i s rn u s ist immer Gegenwart gewesen. Er ging immer mitten durch das tägliche Leben. Er hielt die Erwartung als Gewißheit aufrecht. Er ist die größte Vision, die ,sich .ein , als einen lebendigen Besitz gestaltet hat/‘* ׳ ■ - ' ׳ Der Redner wirft dann einen ges c hichtli'dhfe'n׳ ' Rückblick auf die Aktivierungen dieses Zusammenhanges mit Palästina in bestimmten Aktionen und Bewegungen des Judentums seit dem 15. Jahrhundert, über das Pilgertum kleiner Gruppen hinweg zu den Bewegungen Reuhenis und Molchos, Josef Nassi, Sabbatai Zwi, bis zu den Bestrebungen des 1h. Jahrhunderts. Im 19. Jahrhundert erwies sich der nat i o n a 1 e Gedanke als der befruchtende Keim. Oie nationalen Bestrebungen erhielten schließlich ihre politische Grundlage in der englischen Anerkennung des Rechtes auf ein Jüdisches Nationalheim. Es erhoben sich auch politische Schwierigkeiten. Aber nun zeigte sich eine gewaltige Erscheinung, nämlich der Gedanke der jüdischen Einheit in geschichtlichem und gegenwärtigem Sinne. In der Idee der jewish Agency sieht Täubler einen über alle bis dahin vorhandenen partikulären jüdischen Zwecke hinausreichenden Gedanken, eine Vereinheitlichung der jüdischen Aktion nicht nur für Palästina, sondern für die Erhaltung des ganzen Judentums. ״Wurde in der nationaljiklischen Bewegung das Gesamtjudentum wesentlich auf Palästina hin gesehen, so wird nun in den Bestrebungen der Jewish Agency die Richtung gewendet und Palästina auf das Oesamtjudentum hin gesehen.“ Es geht um Bejahung oder Verneinung des Galuth. Hierzu führt Täubler etwa folgendes aus: Auch wenn kein ernstdenkender Zionist mehr sagen würde, es käme auf das Galuth nicht an, lebensfähig sei nur der kleine Teil eines in Palästina konzentrierten Judentums, so bleibt doch die Frage, was man im Galuth sieht. Es tragt noch genug der Schwere in sich; aber man überwindet die Schwere nicht, indem man sie gering wertet oder verneint. Gerade darin sehe ich die größte Aufgabe, den Begriff des Galuth verinnerlicht umzubilden und mit neuem Leben zu füllen: Die Verneinung umzuwandeln in die nun einmal notweadige Betrachtung und von der Betrachtung zu einer Neugestaltung unseres Seins zu gelangen, in dem Palästina und Galuth nicht mehr im Gegensatz sind, sondern sich in der Synthese einer universalen Neugestaltung des Judentums verbunden haben. Gewiß hat das Galuth seine Schwere noch nicht verloren und es ist nicht zu erwarten, vielleicht nicht einmal zu wünschen, daß es sie ganz verliert. Aber diese Schwere dringt nicht nur von außen auf uns ein, sondern sie liegt ebenso stark und noch stärker darin, daß das Judentum als Ganzes noch keine entsprechende Lebensform gefunden hat. Zersplittert lebt es das Leben der Auflösung in die kleinen Teile; seiner universalen Bedeutung und Ganzheit nicht bewußt und ebensowenig der universalen Aufgabe, die es für sich und fiir die Menschheit durch die von der Bibel ihm eigentümliche Grundlage des Seins und das ihm eigentümliche Schicksal auferlegt bekommen hat. Nicht die Beengung, sondern die Universalität ist das, was uns als Resultat und Aufgabe aus unserer Geschichte und aus den Worten unserer Propheten erwachsen ist. Es ist kaum ein Anfang gemacht, dies in seiner gestaltenden Kraft zu erfahren. Anstatt zu glauben, daß die Existenz des Judentums sich dem Abend zuneigt, sollen und wollen wir erkennen, daß etwas ganz Anderes im Schoße der