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Jüdische Rundschau · 1931-12-04 · Heft 94 (4.12.1931) · page 4

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
XXXVI (1931)
Issue
Heft 94 (4.12.1931)
Date
1931-12-04
Page
– (sequence 4)
Language
German
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Seite 554 JODISCHI RUNDSCHAU Nr. 04, 4. XII. 1051 Zum ״Kulturtag“ des C״V. Der ״Centralverein deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens“ veranstaltete am 20. November im Brudervereimbaus in Berlin eine Reihe von Darbietungen, denen er den Namen ״Kultur-Tag“ gab. Das Wort ist etwas prätentiös, denn es handelte sich offenbar im wesentlichen um eine Werbe- Veranstaltung, und wer mit der Erwartung, Einblick in ein eigenartiges iiikI intensives Kulturleben zu gewinnen, hinkam, mußte überrascht sein, eine Art kommerzieller Ausstellung vorzufmden, in der auf verschiedenen Verkaufsständen allerhand Waren feilgeboten wurden. Die Tagung selbst bestand aus drei Veranstaltungen, die im wesentlichen apologetischen Charakter hatten. Wenn man das Wort Kultur beiseite läßt, so konnten die Vorträge und Reden auch demjenigen, der nicht auf dem Boden der C.-V.-Ideologie steht, manches lnteressante bieten. Was in den verschiedenen Reden über die Situation der Juden gesagt wurde, könnte, obwohl es sich meist nur um Symptome handelte, manchen Zuhörer nachdenklich machen und ihn auch zu der Erkenntnis bringen, daß mit Mitteln, die nur Symptome kurieren wollen und vor dem Wesen des Uebels die Augen zudrücken, nicht viel auszurichten ist. Die Diskussion des Vormittags war der Frage ״Selbstachtung oder Selbstverhöhnung, der Jude als Typ 1 in Film, auf der Bühne und im Kabarett“ gewidmet Unter dem Vorsitz von Dr. Friedrich Brodnitz sprach eine Reihe von Rednern, darunter Julius Ba b, der Filmregisseur Heinz Gold b erg, Fritz Engel vom ״Berliner Tageblatt“, der Filmkritiker Dr, Rudolf Arnheim, Redakteur Dr. Wollenberg•, ferner wurden Zu- Schriften von Georg Herr mann und Fritz Grün bäum verlesen. Sämtliche Genannten betonten in verschiedenen Ab* Stufungen, daß die Freiheit der Kunst gewahrt werden müsse und der Jude für sich keine Sonderstellung beanspruche. Uebermäßige Empfindlichkeit sei nicht am Platze, denn auch Figuren anderer Groppen werden karikiert und auch die Parodie habe ihre künstlerische Berechtigung. Wogegen aber Front gemacht werden muß, ist die billige Spekulation auf die rohen Instinkte eines künstlerisch uninteressierten Publikutns, zu dessen Belustigung man jüdische Typen und angebliehe jüdische Eigenarten dem Spott und der Verachtung preisgibt, um mit solchen Darbietungen Geschäfte zu machen. Die Gefahr ist besonders groß beim Film, der in die kleinsten Dörfer dringt. Ein Redner berechnete, daß 500 Millionen Zuschauer in einem Jahr in Deutschland Filmvorführungen sehen können. Man erfuhr auch ganz interessante Einzelheiten aus den Kulissen des Ateliers, etwa wenn ein Direktor bei Besprechung eines Manuskripts dem jüdischen Autor sagt, es müßten ״noch einige komische Figuren, z. B. Juden“, eingefügt werden. Leider geben sich jüdische Autoren, Regisseure und Schauspieler zu derartigen Zwecken her. Ja manche dieser Juden gehen so weit, sogar an Stellen, wo es völlig deplaciert ist, jüdischen Tonfall und jüdische Gesten anzuwenaen — wofür ein Redner ein charakteristisches Beispiel aus dem ״Wiener K011greß־״Film anführte, wo man sogar den Fürsten Metternich jiideln läßt. Auf der anderen Seite war es recht interessant, vor» Heinz Goldberg zu hören, welche Schwierigkeilen ihm bei der Herstellung des Dreyfus-Filins gemacht wurden. Oft konnte man heraushören, wie schwer es manchen Herren der älteren Generation, die ihr ganzes Leben in deutsch-kultureller Tätigkeit verbracht haben, wird, der für sie neuen Erkenntnis der Isolierung des Juden ins Auge tu sehen. Aber es Ist berechtigt, wenn man den jüdischen Schauspielern und Künstlern vorhält, sie mußten sich als Juden fühlen und auch nicht um materieller Interessen willen sich zu Handlungen hergeben, die das Judentum herabsetzen und gefährden. So manches wäre uns wahrscheinlich erspart geblieben, wenn diese Devise,!ich in erster Linie als Jude zu fühlen und die Verantwortung vor dem Juden* tum zu empfinden, schon früher ausgegeben worden wäre, tmd nicht nur für Schauspieler und wenn sie wirklich mit dem ganzen Ernst, der ihr innewohnt, aufgefaßt würde, und nicht nur als gelegentliche Parole zur Bekämpfung von Auswüchsen, vor deren Wirkungen man Angst zu bekommen beginnt. Die Nachmittags-Veranstaltung brachte eine Diskussion von Frau Dr. Edelheim, die der Redaktion der C.-V.-Zeitung angehört, und der Schriftstellerin Ilse Reicke über ״Mode und Antisemitismus“. Es wurden im Plauderton die Wirkungen von •Mode und äußerem Gebaren auf den Antisemitismus besprochen, wobei betont wurde, daß die antisemitischen Angriffe, die in dieser Beziehung erhoben werden, auf falschen Verallgemeinerungen beruhen. Beide Rednerinnen meinen, durch fortgesetzte Aulklärungsarbeit könne man diesem Uebel begegnen. Immerhin wurden auch bei dieser Gelegenheit bedenkliche Einzelheiten berichtet, so 7. B. über das Martyrium jüdischer Schulkinder in verschiedenen kleineren Städten, wenn man aber dazu nichts anderes zu sagen hat, als daß die Scheidung zwischen Juden und Nichtjuden künstlich aufgerichtet wurde und von beiden Seiten wieder beseitigt werden müsse, dann ist das Ergebnis einer solchen Ausspräche recht armselig und angesichts der Schwere der wirkliehen Zeitprobleme deprimierend. Der Abend-Veranstaltung hatte man den Titel ״Wir jüdischen Deutschen“ gegeben. Neben verschiedenen künstlerischen Aufführungen sprachen der Vorsitzende des C.-V., Justizrat Brodnitz und Prof. Georg Bernhard. Prof. Bernhard wandte sich dagegen, sich denen aufdrängen zu wollen, die den Juden keinen Platz im Deutschtum zubilligen. Es habe keinen Sinn, hier Beteuerungen der Solidarität zu machen, denn ״zum Zusammengehen gehören zwei“. Redner besprach auch die Leistungen der Juden für Deutschland, aber was die Juden schaffen, geben sie als Juden. Wir wollen uns zu unserem Anderssein bekennen, und wenn man uns angreift, werden wir uns zu wehren wissen. Prof. Bernhard wandte sich gegen den innerjüdischen Parteistreit und befürwortete einheitliches Vorgehen. Die Mahnung zur Einigkeit, die Prof. Bernhard aussprach, ist gewiß das Gebot der Stunde. Wir begrüßen es, daß viele Juden, die früher anders redeten, heute — vielleicht aus nicht ganz freier Wahl — ein starkes Bekenntnis zum Judentum anlegcn. Für Zionisten, die Pinskers geniale ״Auto- Emanzipation“ (ersch. 1882) als erstes Lehrbuch haben, ist auch die heutige Lage der Juden weder Zufall noch Bosheit. W i r sind stets zur jüdischen Kooperation bereit gewesen. In Zeiten der Not, wie es die heutige Ist, pflegen künstlich« Parteischranken und Illusionen zu zerfallen, das Leben ist stärker. Aber Judentum kann nicht etwas rein Negative* sein. Es ist nur lebensfähig mit einer positiven Aufgabe und einem Zukunft s glauben. Jüdische Handeisstatistik in Palästina. Die Statistische Abteiluag der Exekutive der Jewish Agency führt zurwif eine statistische Erhebung über de» jüdischen Handel in Palästina durch. In Te!-Awiw wurden 2100 Engros- und Detail-Unternehmungen und Restaurants aufgenommen. Der Umfang des inländischen Geschäftes, zu dem auch Geschäftsabschlüsse zwischen den verschiedenen Kaufleuten des Landes (zwischen Grossisten und Detaillisten ugw.) gefrören, betrug im Jahre annähernd 3 Millionen Pfund. In Jerusalem wurden 800 Geschäfte mit einem gemeinsamen jährlichen Umsatz von an* nähernd 1 560 000 Pfund verzeichnet. Aus der Statistik geht hervor, daß 50 bis 60 ״/# der verkauften Nahrungsmittel im Lande produziert werden. Das Märchen Tel ״ Awlw Samstag an» Strand —- Eiskaffee und FUehe — EnglSnder und Jemeniten - Kultur und Kamele Von unserem palästinensischen Korrespondenten. AQ, Tel-Awiw, Im November. Samstag Nachmittag. Tel-Awiw. Vom Strand, der sich wie ein weißer Streifen von den getürmten Eckhäusern Jaffas bis zutn Jarkon hinunterzieht, ist l«aum etwas zu sehen. Von einem Ende zum andern deckt ihn eine riesige Menschenmenge. Man liegt auf den Segeltuchstühlen, sitzt im Sand, dringt sich vor der Veranda aer Polizei, wo das Stadtorchester mit Einbruch der Dunkelheit seine Blechmusik erklingen läßt, schiebt sich langsam und geduldig mit Frau, Kind und Kinderwagen am Wasser entlang, hin und zurück- Tel-Awiw macht seinen Schabbath-Spaziergang. Man wundert sich; wieviel Hunderttausende faßt diese Stadt? Zwei, drei, vier, eine halbe Million? Und man besinnt sich mit Mühe, daß es nur einige Zehntausend« sind und vor wenigen Jahrzehnten nur ein paar Tausende waren. Dieses Tel-Awiw ist eben ein seltsames Produkt. Weit hinten in der Nähe des Jarkon, der immer noch \\ie vor der Gründung der Stadt ungenutzt ins Meer fließt und über den hier am Strande auch beute noch keine Brücke führt, versandet das Menschengewimmel. Es wird still, ein paar einsame Spaziergänger, und dort im *eichten Wasser in den Schaumwellen eine einzelne Gestalt. Sie hat nichts mit dem ruhigen Müßiggäugertum de* Schabbath ein paar Minuten weiter zu tun, sie macht ihre Arbeit, eine Arbeit, dje wohl seit Jahrtausenden auf dieselbe Art gemacht worden ist. Es ist ein Fischer, der da bis an die Hüften im Wasser steht. Um den Oberkörper einen zerschlissenen Kittel, die Beine bloß, auf den! Kopf ein längliches Tuch als Turban. Im Sand liegt ein aus Stroh geflochtener Korb, in den die Fische kommen, wenn — mit Gottes Hilfe — sich welche fangen. In der Hand hat er ein Netz, das ausgebreitet kreisrund ist und gerade wie eine Tischplatte. Rundum trägt es Eisenringe, die es beschweren und im Wasser zusammenziehen. Das ist alles. Das Netz wird genau geordnet, damit es sich nicht verknote, mit immer demselben geübten Schwung im seichten Wasser in einem Kreis ausgeworfen, nach ein paar Sekunden wieder zusammengezogen, an Land gebracht, ausgebreitet geprüft. Fast immer bringt es Wasserpflanzen mit, Tang, Algen, manchmal auch einen Fisch- Oft ist er nicht größer als ein Daumen, bei einem besonderen Oliicksfalf lang und dick wie ein Kinderarm. Ob groß oder klein, er wandert ja den Korb, der Fischer geht ein paar Schritte weiter, das Netz wird geordnet, ausgeworfen, es beginnt alles von neuem- An manchen Tagen kann man die stillen Gestalten der Fischer in Abständen voneinander, wie Säulen im Wasser stehen sehen, jeder mit seinem Netz in der Hand, seinem Korb hinter lieh, geduldig und naß Fjscbchen auf Fisehchen einsammelnd. Es ist um Sonnenuntergang, die vielen kleinen Restaurants am Ufersteg beginnen sieh zu füllen, fn dem neuen große» Cafe gegenüber der Badeanstalt sitzt man vor Eisgetränken in den Korbstühlen. Der endlose Strom der Spaziergänger beginnt zurückrufluten, Männer, Frauen, Kinder, Kinderwagen. Die Bevölkerung der ״ersten jüdischen Stadt“ — und hat doch heute etwas von Levante. Neben den! Hebräischen klingen ungezählte andere Sprachen; jene Jemenitenfamilie, deren zahlreiche Mitglieder schon nach europäischem Muster gekleidet sind, spricht arabisch, jene zwei jungen Sefardinnen französisch, der kaukasische Jude mit der Pelzmütze russisch, die zwei jungen Araber fm europäischen Kostüm und Fez, die auf einen Bummel au* Jaffa gekommen sind, englisch, die dahinter kommende Familie aus Marokko spaniolisch. Nur die Kinder, ob sie nun aus Jemen, dem Kaukasus, Paris oder New York stammen, spielen unweigerlich hebräisch mitefn* ander, Was auch die Eltern untereinander sprechen mögen. Sonderbar, daß Tel-Awiw in der Woche einen viel einheit* licheren, viel hebräischeren Charakter trägt als am Schabbath; vielleicht weil sich i«1 diesen wenigen Nachmittagsstunden alles hier zusammendrängt, was in der Woche in den verschiedenen Stadtvierteln und Arbeitsstätten voneinander getrennt ist. Bei den Kindern kann man genau studieren, wie der ״Palästinensische Schmelztjegel“ arbeitet . . . Die Sonne geht unter; am Wasser, wo es still geworden ist, hebt sich die Silhouette eines Esels ab. Er steht da, so geduldig, so nachdenklich, so klug und in sein Schicksal ergeben, wie es nur ein Esel kann. Neben ihm kniet die Gestalt eines Mannes im Sande. Das Gesicht nach der Riehtung von Mekka gewandt, gibt er sich, unbekümmert um die oben vorbeiströmende Menge, seinen Gebetsühungen hin, kniet, richtet sich auf, berührt mit der Stirn den Boden. Als er fertig ist, nimmt er dem Esel seinen Korb ab, kommt den Steg hin* auf und fängt an, vor den Eisgetränken seine eben gefangenen Fische feilzubieten, dem Engländer vor seinen! Bier, der geschminkten Dame am Nebenfach. Schließlich weist ihn der Kellner hinaus, das Cafe soll doch europäischen Anstrich haben; das ist nicht leicht, in dieser Ecke am Mitte|meer... Vielleicht ist es auch gar nicht nötig? Der Fischer schüttelt erstaunt den Kopf und gehorcht. Unten wartet geduldig der Esel. Beobachtet man Tel-Awiw am Abend, so tut man gut daran, sich zu erinnern, daß man in einer Stadt ist von einigen vierzigtausend Einwohnern, in einem nur halb entwickelten Kolonisationslande, in einer Ecke der Mittelmeerkäste; man bekommt dann die richtige Perspektive. Der ״Europäer“ in der Stadt pflegt darüber zu klagen, daß es hier zu wenig ״Anregung“ gäbe. Er träumt von den Hauptstädten des Kontinents, von einer Aufführung hier und einem Konzert dort. Vielleicht hat er recht. Aber vielleicht gehört er auch zu jenen, die auch in Berlin und New York darüber jammern, daß ״nichts los ist“ und daß man ״nirgends hinzugehen hat“. Schließlich sind die Veranstaltungen nicht für jene dünne Schicht da, die alle Jahre ihre Europareise macht. Und wenn man sich einmal vor eine der Anschlagsäulen stellt Und sie eingehender prüft, sie noch Zusammenhalt mit der Tageschronik der Zeitungen, so ist man verblüfft, verblüfft zumindest über die Quantität des Gebotenen. Tel-Awiw hat zwei Tonfilme, das heißt, vier, manchmal sechs Vorstellungen am Tag. Dazu einen Stummfilm, im Sommer kommt von jeder Sorte noch ein freiljchtetablisseinent hinzu. Dazu kommen: zwei Theatertnjppen, eine Kleinkunstbühne, ein Symphonieorchester, das jede Woche einmal Konzerte gibt, Gastspiele von auswärtigen Künstlern, Sängern, Pianisten, Oeigern, Tänzern. Es gibt Zeiten, wo einem vor der An* häufung von ״Kunst“ etwas bange ist. Es gibt freilich ein gutes Abwehrmittel: man bleibt zu Hause und schließt zur Vorsicht die Fenster vor den von überallher eindriugenden Klingen der Grammophone, die dje Straßen unentgeltlich mit Opernarien, chassidiscnen Gesängen, Jazz und Hawaigjtarren versorgen. Man soll aber nicht denken, daß mit diesen Konzerten, Theatern, Kinos usw. das Programm erschöpft wäre. Wir wollen auch nicht von dem immer noch blühenden Ver* sammiungsfanatismus sprechen. Schließlich kann jeder hingehen oder wegbleiben, und das ist gut so. Aber es gibt ein anderes und große» Kapitel: das sind die wissenschaftlichen Vorträge, Ein Teil davon ~ das laßt sich nicht leugnen — schmeckt auch etwas nach Politik. Nur so ist es zu erklären, daß die einzelnen politischen Parteien ihre eigenen Kurse haben. Man kann an einem Abend einen Vortrag der Arbeiter, einen des Misraehi, einen der allgemeinen Zionisten, und wenn man Glück hat, noch von dieser und jener anderen Gruppe hören, und alle über biblische Themen. Es §".. sozialen Fragen (die werden besonders häufig, gern und breit behandelt) bis zu Astronomie und Elektrotechnik, Sport und Kunstgeschichte, Säuglingspflege und Psychoanalyse, Hygiene und und und. Wer sich wirklich einmal durch all die vorträge in Tel-Awiw durchfressen könnte, der würde es sicher vor Bildung kaum aushalten. Die Quantität ist unerschöpflieh, an Vortragenden fehlt es nicht, an Organisationen, die die Vorträge arrangieren, ebensowenig־; ob die Qualität immer gut ist, das bleibe dahingestellt, und manchmal denkt man an das Heinesche Gedicht ״Die Menge tut es“. Es wäre interessant, einmal zu untersuchen, was bei all dieser Wissen- Schaft, die hier verbreitet wird, in Vorträgen, Zirkeln, Seminaren, Abendkursen, wirklich herauskommt. Aber das ist ein langwieriges und schwieriges Unternehmen. Und die Zusammenstellung alles dessen, was man an einem Abend in Tel-Awiw sehen, hören, lernen kann, ist fraglos aut den ersten Blick verblüffend . . . Es wird jetzt früher still in der Stadt am Abend. Vielleicht liegt es daran, daß es kaum eine Einwanderung gibt und die ״Alteingesessenen“ nicht mehr nächtens so viel her- Umschweifen wie die ״Neuen“. Oder es gibt weniger Geld für den Einkauf neuer Grjtnmophonplatten oder das von der Stadtverwaltung erlassene Gesetz der Nachtruhe übt seine Wirkung. Nach elf, spätestens nach zwölf merkt man wieder deutlich, daß es doch im Grunde nur eine kleine Stadt ist, friedlich, einigermaßen heiter und bescheiden. Und als ob alle Kinos und Vorträge und Grammophone der Welt ihnen nichts anhaben könnten, zieht über den leeren Asphalt eine Kamelkarawane. Sie sieht phantastisch aus und bewegt sich mit einem leisen fegenden schleppenden Geräusch. Sie hat Zuckerrohr geladen und die langen Stengel mit ihren grünen elastischen Enden bilden an den Hinterbeinen der Tiere einen zweiten künstlichen Schwanz, der jenes leise fegende schlep* pende Geräusch erzeugt, und die Schritte der breiten Hufe verdeckt. Von weitem sehen die Ti'ere aus wie riesige Plaue mit hängenden grünen Schweifen. Sehr gemächlich ziehen sie über die leeren Straßen. Sie brauchen keinem Auto auszuweichen. Von zwölf Uhr nachts bis fünf Uhr früh haben sie die Stadt für sich. Dann wird der Orient von neuem durch ein etwas verzerrtes levantiliertes und sehr lebendiges Europa verdrängt . .; Vorträge Leopold JeBner über ״Religion und Charakter“. Am 29. November veranstaltete die Jüdische Gemeinde ihre erste religiöse Feier in diesem Winterhalbjahr in der Synagoge Prinzregentenstraße. Prof. Leopold Jeßner, der ehemalige Intendant und jetzige Oberregisseur der Staatstheater, sprach über ״Religion und Charakter“. Er belegte seine Ausführungen mit Beispielen aus der eigenen, an Kämpfen und, auch jüdischen, Erfahrungen so reichen Laufbahn. Das Urgefühl aller Kunst sei im Kultischen heimisch und wenn dje wurzeln dieser Urheimat einmal absterben würden, dann hörte alle Kunst auf, denn auch der Persönlichkeitswert der Menschen wäre dahin. Nur der ethische Mensch sei ein ganzer Künstler und keine Leistung wächst, ohne daß ein Charakter dahinter steht Und ganz besonders für den Juden der heutigen Kampfzeit handle e# *ich vor allem darum, ein Charakter zu sein. Das heißt: innerlich gefestigt und vor der Welt ein Bekenner. Trotz allen Zurücksetzungen, so sagte der Redner, müssen wir däuttehen Juden weiterstreben und welterkämpfen gegen übel* wollende judenfeindliche Kritik. Aber nur, wer ein Charakter sei, der bestände in diesem Kampf. Die Not ruft. Gerade jetzt, wo der innerste Kern des Judentum« angegriffen wird, ist es Pflicht jedes Juden, sich zum Judentum zu bekennen. Prof. Jeßner schloß mit dem Appell, daß es sich lohnt, für ein Volk zu kämpfen, das Ahnen hat, die für ihr ״Höre Israel“ auf den Scheiterhaufen gestiegen sind. ,,Par Kampf der Generationen.“ Im Rahmen seiner Vortrag sierie ״Jüdische Gegenwartsabende und Zeitaussprachen“ hielt Emil Bernhard-Cohn am! 24. November seinen zweiten Vortrag, der diesmal ״d e m־ Kampf der Generationen“ galt. Von einer historischen Betrachtung ausgehend, behandelte der Redner die verschiede* nen Phasen der Jugendeinstellung im Bürgertum des IQ. Jahrhundert* bis auf unsere Zeit. Ihr Gemeinsames sei: Bewegtheit, Trotz und Unbedingtheit. Auf die heutige Situation übergehend, zeigte der Redner, wie sehr unsere Zeit mit ihrem Tempo der seelischen Haltung der jungen Generation entgegenkonimt, die zu der ältereren Generation, die noch in ihren Erinnerungen und Illusionen lebt, in ein starkes Spannungsverhiltnis gekommen ist. Die heutige Jugend bilde einen neuen Typ von Tachlismenschen, der hart, klar und illusionslos gegen Tradition und familiäre Bindung rebelliere. Der Begriff der Jugend als Wertbegriff sei oft ganz unabhängig von der Altersstufe; mancher und manches Alte sei viel ״jünger“ als die sogenannte Jugend der Jungen. Ein Beispiel ist unser Volk, das trotz mancher Alterserscheinungen in seiner Bewegtheit, seiner geistigen Opposition und seiner aufs Unbedingte gerichteten Forderung sich ewige Jugend bewahrt habe, int letzten Teile seines Vortrags befaßte sich der Redner mit der jüdischen Gegenwart. Dem Relativismus der Zeit gegenüber müsse sich die jüdische Jugend auf ihre Unbedingtneit besinnen, und fern von der Zweckhaftigkeit des allgemeinen Handelns den großen und letzten Aufgaben der Welt und des Judentums dienen. Dem Vortrag, der wieder vor überfülltem Saale stattfand, folgte eine angeregte Diskussion, an der sich besonders die Jugend beteiligte. Die nächste Veranstaltung, die am Montag, dem 21. Dezember, in der Aula der Mädchenmittelschule, Kaiserstraße, stattfinden wird, wird das Thema ״Das Problem der Geschlechter“ zum Gegenstände haben. Breslau. Der Verein für jüdische Geschichte und Literatur begann kürzlich seine Winterarbeit mit dem Vortrag des Dozenten der Hochschule für Wissenschaft des Judentums, des Bibelforschers Dr. T orczyncr. Das an sich interessante Thema: ״Vom Bibelwort zum Neuhebräisch“ verstand der Referent packend zu gestalten. Seitdem Israel Volk wurde, war Hebräisch die Sprache seiner Gedanken- und Gefühlswelt und das feste Band, das die Individuen zu einer Gemeinschaft zusammenschmiedete. Die Sprache machte im Laufe der Geschichte eine weitgehende Entwicklung durch. Das Wort gab aber weder seine eigentümliehe rhythmische Atemlänge noch seine historische und geog“ י—־,״־•- —י־ 1:-י -־-■--י -- ־ “''־־־ ' י— geengt wurde (eine Ausnahme bildeten die Jemeniten, deren Umgangssprache stets das Hebräisch blieb), so lebte es Im Gebetbuch, im Briefwechsel, vor allem aber in der Literatur fort, und formte sich immer aufs neue. Auch im Jiddisch und in manchen europäischen Sprachen gibt es interessante Neubildungen hebräischer Wörter. Die vollkommene Wiederherstellung de* Hebräisch als Kulturband und Umgangssprache kann nur mit der Wiederbelebung des Volkes geschehen. Das zerstreute und kulturell enterbte Volk mu0 sein Erbe antreten. Die Sprache gibt uns das Bewußtsein unserer Selbst, weil wjr mit und in ihr geworden sind. Das gegenwärtige Palästina mit Hebräisch afe offiziell anerkannter Sprache ist der stärkste Faktor im Werden des neuen hebräischen Wortes, — Die Hörerschaft zollte dem Redner großen Beifall* $z*

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