Mannheim
Compact Memory

Jüdische Rundschau · 1931-11-24 · Heft 91 (24.11.1931) · page 2

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jüdische Rundschau
Volume
XXXVI (1931)
Issue
Heft 91 (24.11.1931)
Date
1931-11-24
Page
– (sequence 2)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
97% known words query
IRI
…/2651273-2653252-2653338--22692-2680948
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

4 entity mentions

Seite 538 JÜDISCHE RUNDSCHAU Nr. ©1, 24. XI. 1931 absichtigt - sehr leicht Mißverständnisse möglieh sind. Die arabischen Fellachen, die infolge der allgemeinen Agrarkrise und des Steuerdrucks in einer genug erbärmlichen Lage sind, sehen in der öffentlichen Ausbietung eine Möglichkeit, von der Regierung Boden und womöglich noch Geldunterstützung zu erhalten. Es heißt sogar Beweise lassen sich für solche Behauptungen immer schwer erbringen — daß die Beamten, die mit der Vorarbeit der Registrierung betraut sind, die Bewerber eher ermuntern als ab schrecken. Plötzlich schießen wie Pilze die Personen aus dem Boden, die in irgendeiner Weise mit einem vielleicht schon vor Jahrzehnten in jüdischen Besitz übergegangenen Grundstück verbunden gewesen sein wollen. Da nach den von der Jewish Agency in mehreren Denkschriften erbrachten Daten und Beweisen die Zahl der durch jüdische Landkaufe landlos gewordenen und nicht anderwärts ange- .siedelten Fellachen und Pächter nur ganz geringfügig sein kann, ist anzunehmen, daß der größte Teil der jetzt von den Arabern angcmeldeten Ansprüche bei gewissenhaffer juristischer Prüfung sich als unfundiert erweisen wird. Trotzdem ist diese Art. der Durchführung der Registrierung eine große Gefahr. Sie ist es aus zwei Gründen. Erstens wird die Veröffentiiehung der angemeldeten Ansprüche einen Eindruck machen, der dürch eine etwa folgende Verminderung der Ziffer nicht wieder ganz ausgelöscht wird. Wenn auch nicht alle Ansprüche sich juristisch haltbar erweisen werden, moralisch können sie wirken, indem die Meinung entsteht, die jüdische Arbeit habe wirklich viele Hunderte von Fellachen verdrängt und geschädigt. Noch größer aber ist die zweite Gefahr, die auf der Hand liegt: Durch diese Enquete erweckt die Regierung in den Fellachen Hoffnungen, die sie in keinem Falle wird befriedigen können. Ohne die Dinge genau zu verstehen, glauben diese bemitleidenswerten Existenzen, daß durch die Eintragung in das Register sich ihnen eine Aussicht auf Geschenke der Regierung und auf ein besseres Leben eröffnet. Die Enttäuschung, die sich nachher einstellen wird, werden die Fellachen nicht ruhig hinehmen wollen. Und dann können sich leicht Elemente finden, die den Aerger auf die Juden ableiten. Statt durch ihre generöse Aktion zur Verbesserung der Beziehungen zwischen Juden und Arabern beizutragen, statt den Arabern das Gefühl, sie würden durch jüdische Einwanderung verdrängt, zu nehmen, riskiert die Regiert!ng, daß ein solches Gefühl in ihnen geradezu erst erzeugt wird. Und der Entwicklungsplan selbst? Man wird nach der jetzt angewandten Methode, schon weil man nicht alle Bewerber abweisen kann, genug Araber finden, für die die Regierung zu sorgen hat. Das Geld der Anleihe ist aber vorläufig nicht da, und es ist fraglich, wann es verfügbar sein wird. Anderes Geld hat die Regierung nicht. Was also wird geschehen? Man spricht nicht darüber, der einmal eingeschlagene Weg der bürokratisehen Vorbereitung geht seinen Fortgang, das weitere überläßt man der Zukunft. Nur von einer Sache ist nicht die Rede, von der von Strickland empfohlenen Unterstützung einer jüdischen Siedlungsbank. Man wird plötzlich vor soviel den Vorrang besitzenden arabischen Ansprüchen stehen, daß für die Juden, für das im Mandat begründete Nationalheim, niemals Mittel vorhanden sein werden. Vielleicht sehen wir zu schwarz. Aber es ist begreiflich, daß diese Art der Behandlung des Landentwicklungsproblems auf jüdischer Seite Mißtrauen erweckt. Dazu kommt noch das Verhalten der Behörden in anderen Angelegenheiten, die das jüdische Interesse berühren. So z. B. wird die Registrierung der sogenannten illegalen Einwanderer, für die bekanntlich eine Amnestie ausgesprochen wurde, mit weit weniger Liberalität betrieben als die der landlosen Araber. Mehrfache uns zugekommene Berichte aus Palästina beweisen, daß man bei diesen Registrierungen häufig große Schwierigkeiten macht, so daß die Berechtigten, die ohnedies eingeschüchtert sind, in vielen Fällen von der Amnestie gar keinen Gebrauch machen. Man hat jetzt die Frist zur Eintragung bis 15. Dezember verlängert und wir hoffen, daß cs der Exekutive der Jewish Agency gelingen wird, die Schikanen zu beseitigen und den Sinn der Verordnung wiederherzustellen. Aber auch hier bleibt eine Bitterkeit zurück, die die Erfüllung des oft ausgesprochenen Wunsches, das Vertrauensverhältnis zwischen Jewish Agency und Regierungsorganen wieder heraistellen, wesentlich erschwert. Auch die Verweigerung der von der jewish Agency angeforderten 1720 Clialuz-Zertifikate durch die Regierung hat zu Beschwerden Anlaß gegeben. Dr. Arlosoroff hat der Presse eine Erklärung übergeben, worin er scharf dagegen Stellung nimmt, daß nur etwa 150 Zertifikate für Chaluzim zur Verfügung stehen, deren Verteilung ein unlösbares Problem für die Jewish Agency ist. Das Versprechen des MacDonald-Briefes über die Verwendung jüdischer Arbeiter bei Regierungsarbeiten, auf die die Zertifikat-Anforderung der Jewish Agency in der Hauptsache basiert war, ist bis heute unerfüllt geblieben. Die Vorstellungen der Exekutive in London und Jerusalem waren erfolglos. In Anbetracht dieser Vorgänge kann man verstehen, daß sich in manchen jüdischen Kreisen Palästinas ein Widerstand gegen die Volkszählung bemerkbar macht. Es soll hier die Frage unerörtert bleiben, ob die Art und Weise, wie die revisionistische Jugendorganisation einen Boykott der Volkszählung inszenieren wollte, geschickt oder ungeschickt war; dies sind schließlich Kindereien. Aber ebenso falsch wäre es, zu verkennen, daß stimmungsmäßig diese Sache eine ernste Seite hat. Nicht nur die revisionistische Jugend, auch andere befürchten, daß die Volkszählung überraschende Ergebnisse haben wird. Die Araber wünschen aus politischen Gründen eine möglichst hohe arabische Bevölkerungsziffer herausznbckommen, um den Eindruck zu erwecken, daß das Land dicht bevölkert ist. Die Dorfältesten und sonstigen arabischen Beamten, die diese Zählung vornehmen, werden die Angaben nicht immer auf ihre Wahrheit prüfen können oder wollen. So kann sehr leicht eine Ziffer herauskommen, die den wirklichen Sachverhalt um viele Tausende übersteigt. Dem gegenüber sind die jüdischen Angaben leicht kontrollierbar, ganz abgesehen davon, daß die Juden keine falschen Angaben machen werden. Es ist nicht angenehm, das Gefühl zu haben, daß man einer solchen Situation machtlos ausgeliefert ist. Mitten in diese Vorgänge, die die gefährlichen Wolken des Mißtrauens am politischen Horizont aufsteigen lassen, kommt General Wauchope nach Palästina. Er hat Instruktionen vom Primeminister. Das Problem, das vor ihm steht, ist in den elf Jahren britischer Zivilverwaltung nicht leichter geworden. Die Augen der Juden der ganzen Welt sind erwartungsvoll auf ihn gerichtet. Er kann eine Periode der Palästinapolitik zum Abschluß bringen und eine neue eröffnen. Wenn er das will, dann wird es an Hilfe und Mitarbeit der Juden gewiß nicht fehlen. L. S. Der antisemitische Terror Die Stimmung in den polnischen Kleinstädten Die Nachrichten und Zeitungsmeldungen aus Polen lassen erkennen, daß die Lage besonders in vielen Klein- Städten noch sehr unruhig ist. Die jüdische Bevölkerung lebt in dauernder Angst und Erregung und man muß sich nur die Einzelheiten eines solchen Lebens vergegenwärtigen, um zu verstehen, wie unerträglich und menschlich qualvoll es ist. Es ist unmöglich, alle antisemitischen Vorfälle aufzuzählen. Besonders brutale Akte werden in den letzten Tagen aus Loyicz, Sochaczow, wo am 18. November u. a. der jüdische Friedhof verwüstet, 63 Grabsteine umgeworfen und zum großen Teil vollständig zertrümmert wurden, Brok am Bug, Fanianiz bei Lodz, Lida (Kreis Wilna), Trok (Kreis Wilna) usw. gemeldet. In der letzten Sitzung des Warschauer Stadtrates sollt«; als erster Punkt der Tagesordnung eine Anfrage der jüdischen Stadträte betreffend die antisemitischen Unruhen in Warschau zur Behandlung gelangen. Die nationaldemokratischen Stadtratsmitglieder hinderten die Verlesung der Interpellation durch Tumulte und Geschrei. Schließlich verließen sie den Sitzungssaal, so daß wegen Beschlußunfähigkeit die Sitzung aufgehoben werden nrußte. Die Warschauer Jüdische Gemeinde hielt eine Protestsitzung ab und faßte eine scharfe Protestresolution. Der Präsiden t des amerikanischpolnischen Good Will-Committee (Komitee für verständnisvolle Zusammenarbeit der polnischen Regierung mit den amerikanischen Juden zugunsten Polens). Dr, Tenenbaum, teilte dem polnischen Gesandten in Washington mit, daß er zum Protest gegen die antisemitischen Unruhen in Polen von seinem Amt zurücktritt. Schalom Asch ״Landlose Araber“ und Landentwicklongsplan Zur Auffrischung des Gedächtnisses unserer Leser geben wir nachstehend die einschlägige Stelle des MacDonald- Briefes wieder, die sich auf die im Leitartikel der heutigen Nummer behandelte Frage der ,,landlosen Araber" bezieht. Im § 7 des Briefes heißt es am Schluß: ״. . . Die Verpflichtung, jüdische Einwanderung zu erleichtern und geschlossene Ansiedlung von Juden auf dem Lande zu fördern, bleibt eine positive Verpflichtung des Mandats, und sie kann erfüllt werden, ohne die Rechte und Lage anderer Teile der Bevölkerung Palästinas zu beeinträchtigen.“ Sodann heißt es in §§ 8 und 9: 8)״) Wir können nun übergehen zu der Behauptung, daß das Mandat in einer den jüdischen Interessen in den wichtigen Angelegenheiten von Ansiedlung und Einwanderung höchst schädlichen Weise neu interpretiert worden ist. Man hat gesagt, daß die Politik des Weißbuches der Einwanderung einen Riegel vorschieben und geschlossene Ansiedlung der Juden auf dem Lande, die eine primäre Aufgabe des Mandats ist, suspendieren, wenn nicht völlig unmöglich machen würde. Zur Unterstützung dieser Behauptung wurde besonders Nachdruck gelegt auf den Passus in dem Weißbuch, der sich mit den Staatsländereien beschäftigt, und in dem gesagt worden ist, ״es würde nicht möglich sein, solche Landstrecken für jüdische Siedlung zur Verfügung zu stellen im Hinblick darauf, daß sie gegenwärtig von arabischen Bearbeitern besetzt sind", und im Hinblick darauf, ״daß es wichtig ist, zusätzliebes Land verfügbar zu machen, auf dem man die jetzt landlosen arabischen Bauern seßhaft machen kann". (9) Dieser Satz muß im Licht der Gesamtpoiitik beurteilt werden. Es ist wünschenswert, klarzumachen, daß die landlosen Araber, auf die sich dieser Passus beziehen sollte, solche Araber sind, bei denen gezeigt werden kann, daß sie von den von ihnen okkupierten Ländereien infolge des Ueberganges der Böden in jüdischen Besitz verdrängt wurden und die weder anderen Boden, auf dem sie seßhaft werden konnten, noch eine andere gleiche Beschäftigung finden konnten. Die Anzahl dieser so disiozierten Araber muß sorgfältig festgestellt werden. Den landlosen Arabern dieser Kategorie gegenüber fühlt die Regierung sich verpflichtet, ihre Ansiedlung auf dem Lande zu fördern. Die Anerkennung dieser Verpflichtung ist keineswegs eine Abweichung von den weiter gesteckten Zielen der Landentwicklung, welche die Regierung als das durchgreifende Mittel für die Förderung der Errichtung eines Nationalheimes für die Juden ansieht.“ _ Gründung der Unabhängigen Misrachi' Organisation in Deutschland Sonntag, den 22. d. M., fand in Berlin unter überaus starker Beteiligung der Dclegiertentag des deutschen Misrachi statt, der über die Frage des Austrittes aus der Misrachi-Welforganisafion zu entscheiden hatte. Die Verhandlanger gestalteten sich sehr bewegt und waren von starker innerer Anteilnahme getragen. Es wurde beschlossen, in Deutschiand eine Unabhängige Misrachi- Organisation zu begründen. In einer Reihe von Resolutionen, deren Wortlaut wir in der nächsten Nummer veröffentlichen werden, spricht der Delegiertentag des deutschen Misrachi sein Bedauern über diese Entwicklung der Dinge aus und betont, daß er an dem ideologischen Programm des Misrachi unverbrüchlich festhält. Mit Befriedigung wird festgestellt, daß die deutsche Landesorganisation Misrachi einig ist in dem Willen zur Aufrechterhaltung einer einheitlichen Landes- Organisation. Die Gründung eines neuen Weftverbandes oder die Spaltung anderer Landesverbände sei nicht beabsichtigt. Zum Vorsitzenden wurde Dr. Wolfsb e r g wiedergewählt, Vorsitzender des Zentralkomitees ist Dr. Aron B a r t ii. ״Die beste Widerlegung des Antisemitismus.“ Wie wir bereits kurz berichtet haben, veranstaltete anläßlich seiner Gesamtvorstandssiizung am 11. Oktober in Leipzig der ״Jü - dische Frauenbund (eine nifchtzionistfsche Organisation) eine Aussprache über die Bekämpfung des Antisemitismus, zu der er eine Reihe nichtjüdischer Frauen geladen hatte. Aus dieser Debatte erfahren wir jetzt noch nachstehende interessante Details: Frau Lenka von Koerber ermahnte die Juden zur Geschlossenheit und beklagte ihre Zerklüftung; vor allem sei es unverständlich, daß es immer noch Juden gebe, die den Zionismus bekämpften. Die beste Widerlegung des Antisemitismus sei die jüdische Leistung, wie sie sich im Aufbau Palästinas offenbare, den Rednerin mit eigenen Augen wahrgenommen und bewundert habe. — Der ״Jüdische Frauenbund" sollte diesen bedeutsamen Hinweis nicht in die Winde schlagen.; hat eine Erklärung veröffentlicht, in der es u. a. heißt: ״Ich fühle den schmerzlichen Zorn des gesamten jüdischen Volkes über die Taten einer politischen Partei mit, aber auch in der leidenschaftlichen Empörung muß man gerecht bleiben: Keineswegs darf man das ganze polnische Volk für die barbarischen Taten eines einzelnen Elements dieses Volkes verantwortlich machen. Während der vergangenen traurigen Tage hörte man tief ergreifende menschliche Stimmen seitens der verantworilichen und von Sorgen bedrückten Kreise der polnischen Gesellschaft; diese Stimmen erwecken in uns die Hoffnung, daß trotz der Anstrengungen des Gegners, die menschlichen Beziehungen, die sich in den letzten Jahren zwischen Christen und Juden zu spinnen begonnen haben — Beziehungen, die für Polen eine Lebensnotwendigkeit sind — zu zerstören, es auf die Dauer dennoch nicht gelingen wird, die beiden Völker, die die Geschichte in einem Land vereinigt und unter ein Schicksal gestellt hat, durch künstlich aufgerichtete Mauern voneinander getrennt zu halten.“ Die Lage an den Universitäten Am 21. November wurden gemäß der Ankündigung der Rektoren die Hochschulen in Warschau eröffnet. Auch in Krakau, Lemberg und Wilna ist der Lehrbetrieb an den Hochschulen wieder in Gang, ln der Ankündigung der Rektoren wird die Hoffnung ausgesprochen, daß die Jugend die Gesetze und Vorschriften des akademischen Lebens nun nicht übertreten wird. In Warschau kam es zu Ueberfällen auf Juden. Nationaläemokrätische Studierende verteilen Aufrufe für detf'TftitftcrtiS cläiüfti's. ■'-■־ ׳ —•■י״ Die Disziplinarkommission der sogenannten Wawelberg- Technik In Warschau hat einen jüdischen Studenten relegiert und vier Juden um ein Jahr zurückversetzt, obwohl diese fünf jüdischen Studierenden überfallen worden waren und noch an den erhaltenen Verletzungen kranken. Der Kurator der Stiftung Michael Wawelberg; der zum Christentum übergetretene Sohn des jüdischen Stifters der Hochschule, erklärte, er werde diesen Beschluß der Kornmission nicht bestätigen. Gegen 101 Studierende der Technischen Hochschule in Warschau wurden wegen Teilnahme an den antijüdischen Unruhen die Disziplinaruntersuchung eröffnet Der Senatsausschuß an der Universität Krakau hat bisher gegen Hörer, die an den letzten antisemitischen Unruhen teilgenommen haben, das Urteil gefällt: Drei Hörer wurden relegiert, acht erhielten Verweise, dreien wurde die Matrikel für ein Vierteljahr entzogen. Die antisemitischen Unruhen an der Universität Posen dauern nun schon die zweite Woche. Die nationaldemokratischen Studenten halten systematisch die jüdischen Studierenden von den Vorlesungen fern. Der Rektor wohnte zwei antisemitischen Studentenversammlungen bei. Dabei ist zu bemerken, daß an der Posener Universität im ganzen etwa 30 Juden studieren, die V, 00׳ der Gesamtzahl der Studierenden ausmachen. Die Vorfälle in Wilna Justizminister Michalowski be gab sich nach Wilna, um an Ort und Stelle eine Untersuchung über die faxe Haitung der Polizei während der antisemitischen Unruhen anzustellen. ln fast allen litauischen Städten fanden von Juden lind Christen veranstaltete Protestkundgebungen gegen die Exzesse in Wilna statt. Die litauische Regierung fördert die Bewegung aus politischen Gründen, um die polnische Verwaltung der Stadt Wilna, die bekanntlich von Litauen beansprucht wird, bloßzustellen. Es heißt, daß Litauen auch beim Völkerbund wegen der antijüdischen Exzesse in Wilna intervenieren will. An der Wiener Universität dauert der antisemitische Terror nun schon seit Wochen ununterbrochen an. Die jüdischen Studierenden halten sich der Universität fern, weil sie sich der entwürdigenden Kontrolle durch die nationalsozialistischen Stud e n t e n, die mit Zustimmung des Rektors die Pedelle in der ״Aufrechterhaltung von Ruhe und Ordnung“ unterstützen, nicht unterwerfen wollen. _ Der Vorstand der Israelitischen Kultusgemeinde Wien hat sich in einer am 18. November abgehaltenen öffentlichen Plenarsitzung mit den Vorgängen und Zuständen an der Universität und an den Hochschulen Wiens befaßt und einmütig eine scharfe Protest-Resolution angenommen, die dem Bundeskanzler Dr. Karl Buresch, dem Vizekanzler Dr. Johann Schober, dem Bundesminister Ing. Franz Winkler und dem Bundesminister für Unterricht Prot. Dr. Emerich Czermak übermittelt wurde. In einer weiteren Resolution wird die Regierung nachdrücklich darauf aufmerksam gemacht, daß die Einführung eines rassenantisemitischen Studentenrechts eine eklatante Verletzung der in der Verfassung verankerten Gleichberchtigung der Juden bedeuten würde. Die in einigen Blättern verbreiteten Nachrichten über antisemitische Unruhen an der Prager Universität haben sich als unrichtig erwiesen.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.