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Jüdische Rundschau · 1931-11-24 · Heft 91 (24.11.1931) · page 3

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
XXXVI (1931)
Issue
Heft 91 (24.11.1931)
Date
1931-11-24
Page
– (sequence 3)
Language
German
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Nr, 91, 24. XI. 1931 JÜDISCHE RUNDSCHAU Seite 539 Zur Frage der Sicherheit in Palästina Anläßlich der Mordaffaire Stahl Sohar Die furchtbare Untat, die an dem jungen Paare Sohar — Stahl nicht weit von Te!-Awiw verübt wurde und uns alle mit Entsetzen und Trauer erfüllt, gibt Anlaß, die Frage der Sicherheit an Leib und Leben in Palästina aufzurollen. Fines ist klar: Das Verbrechen besagt nichts ü b e r d i e Beziehungen der Araber zuden Juden. Sexualverbrechen dieser Art kommen nicht nur in Ländern mit einer zum Teil noch stark nomadisierenden Bevölkerung, sondern auch in Europa vor. Es ist wahrhaft tragisch, daß die Unüberlegtheit zweier Menschen, sich allein auf eine Wanderung in menschenleeres und unübersichtliches Gelände zu begeben — was man auch in zivilisierteren Gegenden als Palästina vermeidet —, zu so fürchterlichen Folgen geführt hat. Aber cs wäre falsch, aus einem unmenschlichen Verbrechen Schlüsse rassenmäßiger oder gar politischer Art zu ziehen. Mit politisch-nationalen Gegensätzen oder mit Judenfeindschaft haben derartige Verbrechen in der Regel nicht das geringste zu tun. Die Araber sind bekannt als ein leicht erregbares und zu Gewalttätigkeiten neigendes Volk, und die Chronik der von Arabern auch in Palästina untere inander verübten Gewaltvcrbrechen ist wahrlich nicht klein. Dem Nichtaraber, insbesondere dem einer höheren Kultursthirhf gegenüber, sind die Araber gerade in Palästina in der Regel sehr zurückhaltend, ja respektvoll, und lassen ihn in Frieden. Und man kann sagen, daß die Juden sich i n Palästina weit sicherer fühlen als das etwa die Juden gewisser Teile Europas von sich sagen können, wo blutige IJeberfälle gegen Juden inmitten der Großstadt, Plünderungen jüdischer Viertel, Schändungen jüdischer Gräber usw־. zu Alltäglichkeiten geworden sind und sich der ausgesprochenen Billigung und Förderung immer zahlreicher «׳erdender Kreise, sogar unter den Intellektuellen, erfreuen. Andererseits ist oft auf die Gefahr hingewiesen worden, die sich aus der Tatsache des Zusammentreffens mit Menschen einer ganz anders gearteten sexualmoralischen Tradition und eines verhaltenen und darum um so wilderen Trieblebens ergibt Unvorsichtigkeiten durch einsame Spaziergänge haben schon mehrmals üble Folgen gehabt, und der jetzt aufgedeckte furchtbare Fall sollte in dieser Hinsicht wenigstens von bleibender warnender Wirkung sein. Ebenso klar aber ist ein anderes: Das Versagen der palästinensischen Polizei, das hier nicht zum ersten Male zutage getreten ist. Von dem Freispruch gegen die Mörder von Mozah wegen mangelnden Beweises geht eine Kette von unaufgeklärt gebliebenen Gewalttaten gegen Juden bis zu dem Fall von Jadschur und jetzt dem Mord von Herzliah. Daß es möglich ist, der oft zur Begründung angeführten Schwierigkeit Herr zu werden, verläßliches Beweismaterial innerhalb einer halbnomadisierenden Bevölkerung zusammenzutragen, für die zugegebenermaßen Lüge ein Argument und ein Meineid kein Verbrechen ist, beweist die Aufklärung dieses letzten Verbrechens durch freiwillige jüdische, polizeilich keineswegs geschulte Kräfte. Wir wissen, daß die palästinensische Polizei immqr bereit ist, die weitestgehenden Maßnahmen zu ergreifen und, daß sie auch fast regelmäßig einen Erfolg erzielt, wenn ihr aus irgendwelchen Gründen an der Aufdeckung eines Verbrechens viel gelegen ist. Im Falle des unglücklichen Paares Sohar Stahl aber scheint überhaupt nicht viel Effektives seitens der Polizei geschehen zu sein. Wenn wir jetzt lesen, daß sogar die geringe Belohnung von 20 Pfund, die auch erst Wochen nach dem Verschwänden des Paares ausgeschrieben wurde, nicht etw׳a von der Polizei, sondern von der Jcwish Agency zur Verfügung gestellt werden mußte; wenn wir weiter erfahren, daß die Polizei noch vor wenigen Wochen erklärte, zur Ueberzeugung gekommen zu sein, es liege keine Gewalttat vor, sondern das junge Paar habe offenbar heimlich das Land verlassen; wenn sich zum Schlüsse ergibt, daß es den endlich einsetzenden Nachforschungen privater jüdischer Kräfte in verhältnismäßig sehr kurzer Zeit gelang, Spuren zu finden und zu einem Beweis zu verdichten, daß aber auch die dazu erforderliche Aussetzung einer Belohnung von 200 Pfund wiederum von jüdischer Seite geschehen mußte: so fragt man sich mit Erstaunen, wo denn eigentlich in diesem Falle die Polizei überhaupt geblieben ist. Man beginnt zu begreifen, daß in weiten Kreisen der palästinensischen Judenheit die Meinung entsteht, daß es der palästinensischen Polizei nicht der Mühe wert sei, den erforderlichen Eifer aufzuwenden, um Kapifalverbrechen gegen Juden aufzuklären. Wenn der Eindruck, der heute in jüdischen Kreisen in Palästina herrscht, daß Verbrechen an Juden unerforscht bleiben, bei den Arabern zur Ueberzeugung von der Schutzlosigkeit der Juden werden sollte, dann besteht allerdings die Gefahr einer ganz schweren Belastung der Beziehungen der beiden Völker zueinander. Man hat ziemlich viel von der jüngst vorgenommenen Reorganisation der palästinensischen Polizei hergemacht. Wir können nur feststellen, daß sie den Beweis ihrer Effektivität zumindest in den Juden betreffenden Fällen noch schuldig geblieben ist Wir müssen darum verlangen, daß die palästinensische Polizei so organisiert und auch in ihrem personellen Bestände so aufgebaut wird, daß sie ihrer Aufgäbe, Verbrechen zu verhüten und geschehene Gewalttaten aufzudecken, unter allen Umständen und allen Teilen der Bevölkerung gegenüber gerecht wird. Ein zweites muß verlangt werden: Daß das Verbrechen, das an den beiden unglücklichen jungen Leuten verübt wurde, schwerste Sühne finde. Auch nach arabischem Rechtsgefühl bleibt eine Vergewaltigung eine Vergewaltigung und ein Mord ein Mord, und die Uebeltäter wußten ganz genau, daß sie ein todeswürdiges Verbrechen begingen, als sie das harmlose Spaziergängerpaar in so bestialischer Weise ver-!richteten. Nichts könnte den Beziehungen zwischen Arabern und Juden, ja darüber hinaus zwischen Arabern und Europäern mehr schaden, als wenn in einem solchen Falle unangebrachte Milde geübt würde. Ein Verbrechen wie das, das wir hier beklagen, wird solange nichts gegen die Sicherheit in Palästina besaget!, als dem ganzen Lande zum Bewußtsein gebracht wird, daß die Behörden entschlossen und imstande sind, derartige Untaten unter allen Umständen aufzuklären und gegen die Täter mit der ganzen Schärfe des Gesetzes vorzugehen. __ Julius Berger. Dr. Josef L u r j e, der seit dem Rücktritt von Dr. Berkson als Direktor des Unterrichts-Departments der Jewish Agency in Palästina fungierte, ist jetzt von diesem Amt zurückgetreten. In aller Kurze Harry Herbert Trusted , früher Oberstaatsanwalt In den Leewards-Inseln, wurde zum Chef des Justizdepartements der Palästina-Regierung und zum Oberstaatsanwalt in Palästina an Stelle von Norman Bentwich, der In Pension geschickt wurde, ernannt. Trusted ist 43 Jahre alt. Der neue High Commissioner, General Waue hop c, ist am 20. November in Jerusalem eingetroffen und wurde von den obersten Beamten einschließlich des Militär-Kommandanten, des obersten Richters und des britischen Vertreters in Amman unter Assistenz einer Kompanie mit militärischen Ehren empfangen. General Wauchope begab sich sofort nach dem neuen Regierungsgebäude, wo er in Anwesenheit der obersten Beamten, des diplomatischen Korps und der religiösen Würdenträger den Amtseid ablegte. In einer vom holländischen Keren Hajessod in der A m - sterdamer Konzerthalle veranstalteten Massenkundgebung, in der Dr. I E. V i s s e r, Ehrenpräsident des holländischen Keren Hajessod, den Vorsitz führte, hielt Dr. Chaini Weizmann, von der Riesenversammlung mit Enthusiasnvus begrüßt, eine Rede über ״Die Zukunft des jüdischeu Volkes“. Es sprachen noch der Präsident der Zionistisehen Vereinigung Hollands F. Bernstein, Senator Henri Polak und Dr. Adolf Friedemann. Baron Henri de Rothschild, der bekannte lranzüsische Dramatiker und Begründer des Pigalle-Thcatcrs, ist zu einem kurzen Besuch in Jerusalem eingetroffen. Henri de Rothschild ist ein Neffe des Barons Edmund de Rothschild. Die Vorgänge im Vorderen Orient Syrien-Mandat, Felsals Thron, Kalifat«frage Die ״Times“ veröffentlicht in ihrer Nummer vom 211 November einen sehr ausführlichen Bericht über die Situation in Syrien. Ausgehend von der Feststellung, daß es nunmehr prizipiell entschieden sei, daß das französische Mandat für Syrien d e m n ä c h s t d 11 r c 11 eine n Vertrag zwischen Frankreich und Syrien ahgeändert oder ersetzt werden soll, weist der Verfasser darauf hin, daß der christliche Libanon hei dieser Gelegenheit vielleicht von den stark moslemischen Gebieten, die vor 11 Jahren zum Gebiet des Libanon zugeschlagen wurden, befreit werden wird, so daß ein homogeneres Gebilde entstände, das Frankreich gegenüber verläßlicher wäre als der jetzige Libanon mit seiner starken moslemischen Minorität. Was Syrien selbst betrifft, so bestehe ein Gegensatz zwischen Republikanern und Monarchisten. In Frankreich dürfte die Auffassung vorhanden sein, daß ein König ein besserer Vertragspartner wäre als der Präsident einer Republik. Bei dieser Gelegenheit wird erwähnt, daß als Kandidat vor allem der jetzige König von Irak, Feisal, in Betracht kommt. Die ״Jüdische Rundschau“ hat bereits über diese Projekte berichtet. Feisal, der 1918 an der Spitze einer siegreichen Armee als Befreier Syriens in Damaskus einzog und später sich auch zum König von Syrien ausrufen ließ, wurde bekanntlich von den Franzosen im Juli 1920 von dort vertrieben, dann von den Engländern zum König von Irak eingesetzt. Die ״Times“ berichtet nun, man spreche darüber, daß König Feisal aut den Thron des Irak zugunsten seines ältesten Bruders A1 i verzichten und den syrischen Thron artnehmen solle. Früher war die Rede davon, daß Ali König von Syrien werden, solle. Die ״Times“ bezweifelt jedoch, daß Feisal sich auf diesen Tausch einlassen wird, zumal er jetzt vom Irak-Mandat befreit wird, während in Syrien das Mandat noch einige Zeit erhalten bleiben dürfte. Die syrischen Anhänger der Feisal-Lösung weisen jedoch darauf hin, daß auch das Ende des französischen Mandates über Syrien nicht weit entfernt sein kann. In der ״Vossischen Zeitung“ vorn 21. November berichtet Dr. Wilhelm Feldmann aus Stambul über die Kalifatsfrage. Er weist darauf hin, daß die Absetzung des letzten osmanischen Kalifen Abdul Medschid, der jetzt in Nizza sitzt und sich soeben mit dem reichen indischen Königshaus von Heiderabad verschwägert hat, von der Nationaler- Sammlung in Angora nicht nach den religiösen Vorschriften durchgeführt wurde, sodaß in den Augen der indischen Mohammedaner Abdul Medschid bis heute der rechtmäßige Kalif sei. Da die Türkei kein Kalifat mehr anerkennen wird, für die indischen Moslems aber aus religiösen Gründen der alte Kalif noch besteht, so liege das Schwergewicht der Frage jetzt bei den Arabern. Ernste politische Bedeutung könnte aber die Frage nur dann erhalten, wenn ein arabischer Gegenkalif aufgesteilf wird. Diese Informationen sind insofern interessant, als bekanntlich am 7. Dezember in J e r 11 - salem die vom Mufti einberufene moslemische Konferenz unter Teilnahme der Inder stattfinden soll, die sich auch mit der heiklen Kalifatsfrage befassen dürfte. Ans den Gemeinden Dortmund. Die Repräsentantenvcrsammlung der Jüdischen Gemeinde beschloß am 19. November, die Gemeinde nunmehr ״Jüdische Religionsgemeinde“ zu nennen. Damit soll die Verengerung des Aufgabenkreises der Gemeinde zum Ausdruck gebracht «׳erden. Die Ausländer, die bisher dem Gesetz gemäß gleichberechtigt waren, sollen nunmehr einer fünfjährigen Karenzzeit unterworfen werden. Uebergangsbestimmungen sorgen dafür, daß die bisher gewählten liberalen Repräsentanten noch möglichst lange im Amt bleiben, so daß 6 Jahre lang die liberale Mehrheit jedenfalls gesichert ist. Alle Anträge der Jüdischen Volkspartei wurden niedergestimmt. Die Verhandlungen werden demnächst fortgesetzt. Die Diffamierung der Ostjuden ist offenbar der Dank für den liberal-ostjüdischen Wahlkompromiß vom 12, Januar 1930, in welchem die Ostjüdische Vereinigung, allerdings gegen den Willen der Mehrheit der Ostjuden und gegen die Zionisten, den Liberalen zum Sieg verhalt. Berdyczewskl-Feiern. Anläßlich des zehnten Todestages von Micha Josef Berdyczewski (Bin Gorion) fand im Beth. Am in Berlin eine Feier statt, zu der sich die hebräische Gemeinde eingefunden hatte. Dr. Rawidowicz und Dr. Woislawski gaben in Referaten, die vom Geiste der Verehrung und des tiefen Verständnisses erfüllt w׳aren, ein Bild des Wirkens Berdyczewskis für die hebräische Literatur und für die Erforschung des Judentums. Die Figur des großen hebräischen Schriftstellers und jüdischen Forschers, aber auch des reinen Menschen und unbedingten Wahrheitskämpfers, trat in deutlichen Umrissen vor das Bewußtsein der Zuhörer. — Einige Tage später versammelte sich eine Gruppe hebräischer Schriftsteller am Grabe Berdyczewskis in Weißensee, um dort einige Minuten in stummer gemeinsamer Trauer zu verweilen und so den Toten zu ehren. Es war gewiß im Sinne des Verstorbenen, daß hier von Ansprachen abgesehen wurde. Die Familie Bin Gorion bereitet anläßlieh des zehnjährigen Todestages eine Gedenkschrift vor, die u. a. einen Aufsatz Horodetzkys über Berdyczewski-Genealogie, den wundervollen Aufsatz Moritz Heimanns über Berdyczewski, sowie eine Bibliographie enthalten wird. Frauenarbeit Leipzig. In diesem Notwinter haben sich auf Veranlassung von Hadassah Chamizer die vier jüdischen Frauenverbände, welche regelmäßig öffentliche Vorträge veranstalten (Jüdischer Frauenbund, Verband Jüdischer Frauen für Palästina-Arbeit, Schwesternbund der Leipzig-Loge und Frauengruppe des Ccnfral-Vereins deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens) zu einer Vortragsgemeinschaft zusammengetan, in «׳elcher als erste Rednerin Frau Anitta Müller-Colien über ״Zweifel und Zuversicht, Zeitbetrachtung und Zeituntersudiung“ sprach. Nach wundervollen Worten über die Kultur des Verstehens brachte sie einen Aufruf zu echtem, wirklich gelebtem Judentum. Die Wirkung des Vortrages war eine tiefe, sowohl durch den Gedankenreichtum als insbesondere auch dadurch, daß Judentum bei Frau Anitta Müller-Cohen nichts Zufälliges und auch nichts verstandesmäßig Erarbeitetes ist, auch nicht Parteisache, sondern tiefste Wesenheit, und daß sie durch die Macht ihrer jüdischen Persönlichkeit auch im Fernststehenden, in dem noch ein Funke von Jüdischkeit glüht, diesen Funken zur Flamme an zu fachen versteht. — Am nächsten Abend sprach sie dann in einer internen Veranstaltung der Wizo über die jüdische Frau in Palästina und in der Galuth. Ein dritter Abend war der nationaljüdischen Jugend mit dem Thema ״Gewolltes und Erreichtes in sozialer Arbeit“ gewidmet, wobei sie aus der reichen Fülle ihrer Tätigkeit und ihrer Pläne, sowie ihrer vielen Erlebnisse mit vollen Händen spendete. So wertvoll diese Vorträge für uns waren, so war doch noch wichtiger die interne Arbeit, die Frau Anitta Müller-Cohen hier für die zionistische Sache entfaltete. Eine große Zahl neuer Wi/.o-Mitglieder, eine merkliche Belebung des Interesses und eine Menge von Anregungen, die noch eine ganze Zeit nach ihrer Abreise die zionistischen Diskussionen erfüllten, das waren die sichtbaren Ergebnisse ihrer Anwesenheit in Leipzig. Wir Leipziger Juden wollen ihr auch an dieser Stelle innigsten Dank für ihre aufopferungsvolle Tätigkeit und ihr liebevolles Eingehen auf unsere Probleme aussprechen. H. Ch. Hamburg. Das neue Semester des Verbandes jüdischer Frauen für Palästina-Arbeit hat mit einer überaus regen Tätigkeit auf allen Gebieten begonnen. Noch «׳ährend der Feiertage, zu Simchatli Thora, machten wir nach Muster der tschechoslowakischen Föderation — eine Anregung, die unsere erste Vorsitzende u. a. von Basel mitbrachte — eine Markenaktion für die Säuglingsheime der Wizo und verschickten über 5000 Briefe, insbesondere auch an die jüdischen Familien in die kleinen Orte in Hamburgs Umgegend, so daß wir die Gewißheit hatten, daß, abgesehen von dem guten pekuniären Erfolg, jeder |ude Hamburgs und Umgegend einmal Zweck, Ziel und Aufgäbe der Wizo kennen gelernt hat. Wir haben vier regelmäßige Arbeitsgemeinschaften, die alle gut besucht sind. Vom vorigen fahr wurde fortgesetzt die Arbeitsgemeinschaft Rabb. Dr. Ho 17 er ״Erziehung des jüdischen Kindes“ und Dr. Schereschewsky ״Dinimkurs“. Diese beiden Kurse finden gemeinsam mit der Misrachi-Frauengruppe statt. Ferner eröffneten wir neu einen geschichtlichen Arbeitskursus unter Leitung von Dr. Blöde, der mit der Zeit der Vertreibung der Juden aus Spanien begann, und einen rein zionistischen Kursus von Dr. B11 chholz, gemeinsam mit dem K. J. V.: ״Was ist uns Herzls Judenstaat und die Mcnorah?“ Für unsere links der Alster wohnenden Mitglieder haben wir einen Sondergeschichtskursus, der seit vielen Jahren floriert. Auch unsere Tfenachmittage, bei denen Handarbeiten für den N.-F. angefertigt werden und aktuelle zionistische Themata zur Sprache kommen, haben ein zahlreiches Stammpublikum. Anläßlich der Anwesenheit von Frau Anitta Müller-Colien hatten wir einen Tee in einem Privathaus, wo sie über das Thema ״Palästinaliebe und Palästinapflicht“ referierte. Auf diesen Vortrag hin hatten wir eine Anzahl neuer Mitglieder zu verzeichnen. Wir versprechen uns sehr viel von einem diese Woche stattfindenden groß angelegten kontradiktorischen Abend ״Jugcndbündc und Elternhaus“ unter Leitung von Rabb. Dr. Holzer, bei dem außer ihm eine Mutter für und eine Mutter gegen die Jugendbünde und eine Jugendliche sprechen sollen. Um unserer Pflicht gegen den N.-F. zu genügen, hatten wir einen Teenaclimittag, in dem auf einen guten Vortrag von Grete Kupferberg hin wir zehn Dunamquoten verteilen konnten. Wir planen einen Fibelkursus, damit die Mütter neu eingeschulter Kinder ihnen bei ihren Schularbeiten in Hebräisch helfen können, einen Zyklus von drei Vorträgen von Dr. Stiebei über Rassefragen und mehrere Film-Werbe-Nachmittage in kleinem Kreise. Die Hamburger Misrachi-Frauengruppe hat trotz der kurzen Zeit ihres Bestehens schöne Erfolge zu verzeichnen. Insbesondere seit der Anwesenheit von Frau Anitta Müller- Cohen, die am 8. November vor ca. 600 Menschen über das Thema ״Wollen und Wirklichkeit in Erez-Israel“ sprach. Sie schilderte an Hand der vielen Enttäuschungen und Kata- Strophen des modernen Menschen, des Sclieiterns vieler Frauenideale und insbesondere an der schwierigen Stellung und den schlechten Zukunftsaussichten der jüdischen Frau die Notwendigkeit des Zusammenschlusses aller Elemente, die positiv zum Aufbau Ercz-lsraels eingestellt sind und dort ein religiöses Geschlecht erziehen wollen. Der tiefe Widerhall, den die rhetorisch wie inhaltlich gleich bedeutende Rede hervorrief, wurde noch verstärkt durch eine Aussprache bei einem größeren Privattee im Kreise gesetzestreuer Frauen und Mädchen. Hier gelang es der Ueberzeugungskraft von Frau Müller-Cohen, fast alle Anwesende zu Mitgliedern der Misrachi-Frauengruppe zu machen. Die Misrachi-Frauengruppe hat ferner einen jüdischliterarischen Kursus, einen jüdischen Liederkreis und eine Arbeitsgemeinschaft mit sozial-ethischen Themen. Um unsere Mitglieder zu internen Aussprachen zu veranlassen, haben wir 14tägig Tees mit einem kurzen Referat, an diese schließt sich dann in gemütlichem Beisammensein eine rege Aussprache über die Probleme der Misrachi-Faucngruppe an. Einen guten pekuniären Erfolg brachte uns ein Konzert von Frau Engel- Lundt, die in einem Privathaus zu unseren Gunsten hebräische Lieder sang. Wir haben uns der Berliner Misrachi-Frauengruppe angeschlossen und mit der Wizo-üruppe Hamburg ein freundschaftliches Abkommen getroffen. Hedwig Möller. Briete an die Redaktion Kiel, den 20. November 1931 An die Redaktion der Jüdischen Rundschau Berlin In Nr. 89 der J. R. berichten Sie über die Affäre. J a w n e e 1 i in Palästina und Sie stellten wohl mit Recht fest, daß es unangebracht ist, daraus eine Haupt- und Staatsaktion zu machen. Wenn Sie aber kritisch Stellung nehmen, hätten Sie — wollen Sie nicht der einseitigen Parteinahme geriehen werden — die naheliegende Frage aufwerfen müssen: Wie kommt es, daß die palästinensische Arbeiterschaft einem Manne eine Führerstellung einräumt, der nach Ihrer Mitteihmg überaus aufgeregt ist, zur Hysterie neigt und dessen häufige Ausbrüche ״auf Konferenzen und Kongressen niemals ernst genommen wurden“. Liegt darin nicht eine erhebliche Schuld der Arbeiterschaft, daß sie einen mit Temperament anscheinend überladenen Menschen als ihren Vertrauensmann entsendet? Ihr ergebener iTiannenwald

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