Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XXXVI (1931)
- Issue
- Heft 90 (20.11.1931)
- Date
- 1931-11-20
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 90. 20. XL 1931 JÜDISCHE RUNDSCHAU Seit» 533 Palästina und Cxaluth Umschau über irmerzionisffsche Diskussionen Die Frage nach den äußeren und inneren Beziehun* gen zwischen Palästina und Oaluth beschäftigt in der letzten Zeit wieder das zionistische Denken und gibt Anlaß zu Diskussionen in Versammlungen und Presse. Es ist keine neue Frage, die hier zur Debatte steht; seit Beginn da־ zionistischen Bewegung hat sie eine Rolle gespielt, vor allem, nachdem man eingeselicn hatte, daß Herzls revolutionärer Plan einer sofortigen Umsiedlung von Millionen Juden nach Palästina undurchführbar ist, so daß sich dir Frage erhob: Wenn Palästina nicht das Zufluchtsland für alle Juden sein kann, welche Bedeutung hat es dann für das Judentum und die Judenfrage, und was soll mit den übrigen Juden geschehen? Eine ideologische Lösung, die in der Folge stillschweigend fast allgemein rezipiert wurde, bot nur die Lehre Äthad Haams, die jüdische Gemeinschaft Palästinas müsse als das die Diaspora befruchtende ״geistige Zentrum“ vorgcstellt werden. Der Ausblick aut das fernliegendc, damals unerreichbar scheinende Palästina konnte aber die Zionisten, die den ungestümen Betätigungsdrang einer jungen nationalen Bewegung in sich fühlten, nicht" befriedigen; es erhob sich der Ruf nach der sogenannten ״Ocgenwartsarbeit“, deren Pro* gramm zum erstenmal in umfassender Weise auf dem V. Kongreß (1901) entwickelt wurde. Seit jener Zeit ist das Problem der Beziehung zwischen dieser Gegen wartsarbeit bzw. Diaspora-Arbcit und dem ״reinen“ Zionismus, der lediglich auf Palästina gerichtet wir, niemals völlig geklärt worden. Am deutlichsten zeigten sich und zeigen sich diese Konflikte in der Landespolitik und Gemeindepolitik der Zionisten i!1 den verschiedenen Ländern. Immer mehr trat bei dieser Politik der Gedanke des Aufbaus eines starken, widerstandsfähigen, materiell und geistig produktiven Judentums in den Oaluthlindern in den Vordergrund. Der ursprüngliche zionistische Kernsatz der ״Negation des Gallith“ wurde stillschweigend oder offen aufgegeben. Dies fana seinen Ausdruck in dem ״Krakauer Programm“ der österreichischen und dem ״Helsingforscr Programm“ der russischen Zionisten, durch die die Landespolitik otli ic II ins zionistische Programm aafgcnoimnen wurde (Juli bzw. Dezember 1906. wir feiern also jetzt das 25jährige Jubiläum dieser Ereignisse). In der Folge lehlte es nicht an I ntercssenkonflikten zwischen zionistischer Oaluth- und Palästinaarbeit; manche meinten 7. B., daß durch einen Verzicht auf die Galtiihpolitik eine Unterstützung der bisherigen Antizionisten für Palästina zu erlangen wäre. (Dr. Ignatz Zollschan 1919), andere lehnten die Landespolitik grutidsätzlich ab (Brandeis). Die Zionistische Organisation entf ernte sich so weit vom Gedanken der ״Negation des Galuth“, daß sie glaubte, auf keine jüdische Position des Galuth verrichten zu dürfen. Dementsprechend formulierte sie ihre Forderungen nach dem Weltkrieg im ״Kopenhagener Manifest“. Andererseits aber waren die jeweiligen Anschauungen über die Aufnahmefähigkeit Palästinas für die Einschätzung des Oaluth maßgebend. Seit der Balfour-Deklaration sprach man von einer Wiedergeburt des Herzischen Zionismus und nach dem Kriege rechnete man mit sofortiger Uebcrsiedlung großer jüdischer Massen. Eine jährliche Eiawanderungszahl von 30000 erschien damals als kleinmütiger Minimalistmis. Die meisten Zionisten hielten ihre eigene Uebcrsiedlung nach Palästina nur für eine Frage kurzer Zeit. Damit war der Primat Palästinas wiederhergestellt. Die Praxis aber entsprach nicht diesen Erwartungen. Obwohl Palästina ideologisch seine Vorrangsstellung im zionistischen System hatte, zwang die Not des Tages zum Selbstbehauptungskampf im Galuth, der immer mehr Kräitc absorbierte! Zionistisch-ideologisch betrachtet aber war dies nur Mittel zum Zweck, die eigentliche schöpferische Kapazität wurde lediglich Palästina zugesprochen, von dort aas sollte der belebende Strom in die linder der Diaspora dringen, und ohne diesen Strom wird das Judentum schlecht• hin verloren sein. Nur in Palästina geht der einzigartige Prozeß einer völligen Umwandlung des Volkes von Grund auf vor sich; auf dem Boden Palästinas werden die Generationen neuer junger Juden entstehen, die dem Judentum seine schöpferische Großartigkeit und damit Palästina seine zentrale Stellung geben werden. In der letzten Zeit nun beobachten wir einen starken kritischen Angriff auf diese ideologische Position. Darin spiegelt sich die Ungeduld über die langsame Entwicklung Palästinas. Der Lebenstrieb des jüdischen Volkes will sich flieht auf später vertrösten lassen. In den Reihen des nationalen, des zionistischen Judentums erhebt sich der Ruf nach intensiver jüdischer und hebräischer Kulturarbeit auch außerhalb Palästinas und unabhängig von ihm, und dabei wird nicht nur für den gegebenen Moment, sondern prinzipiell der Primat Palästinas angefochten. Palästina, so heißt es, ist gewiß ein wichtiges jüdisches Zentrum, aber es ist nicht das Zentrum. Das Judentum kann auch an anderen Orten scl.ö-ferisch sein, wi. die jüdische Geschichte beweist Wir müssen die Kräfte der nationalen Bewegung für eine Regeneration des Judentums überall, nicht nur in Palästina, einsetcen. Diese Gedanken treten uns in verschiedenen Variationen entgegen. So z. B. hat Dr. Markus Ehrenpreis, ein alter Zionist und hebräischer Kulturpionier, kürzlich in einem Berliner Vortrag seine Galuthbejahung damit begründet, daß das jüdische Volk eben kein Volk ״wie andere Völker“ sein könne, kein ״Staatsvolk“, sondern ein ״Geistvolk“. Die Parole ״nur Palästina“ müsse verschwinden, man müsse das Lcoensrecht des Galuth anerkennen. In ähnlichem Sinn hat Dr. Rawidov/icz in seinem Referate bei der hebräischen Weltkonferenz im vergangenen Sommer und seitdem mehrmals eine ,Stärkenי• der Galuthpositi1:ב:;ר gefordert, die als Zentrum jüdischen kulturellen Lebens Palästina durchaus gleichwertig und gleichberechtigt sein müssen. Am bar.:rkenswertesten ist es wohl, daß wir auch aus Palästina solche Gedanken vernehmen. Der in Palästina lebende hebräische Schriftsteller Elieser Steinmann hat im Juli, während die zionistische Aufmerksamkeit auf den Baseler Kongreß konzentriert war, in dein zionistischen Zentralorgan ״Haolara“ einen Aufsatz unter dem Titel ״Reformen“ veröffentlicht, der in der hebräischen Presse zu lebhaften Auseinandersetzungen Anlaß gab. Steinmann geht davon aus, daß Palästina ein kleines und armes Land ..י;, dal» das palästinensische Judentum nur einen kleinen Bruchteil des Weltjudentums ausmacht und noch für Jahrzehnte auf die materielle Hilfe des ausländischen Judentums angewiesen sein wird. Die Vergrößerung des Jischuw werde nur sehr langsam vor sich gehen, da aus Ökonomischen und psychologischen Gründen nur ein kleiner Prozentsatz der Juden, vielleicht ein Jude von Zehntausend, geneigt sein wird, nach Palästina zu übersiedel!». Trotzdem verrichte der Nationaljude, durch die zionistische Theorie des ״geistigen Zentrums“ verführt, sowohl auf eine das ganze reale Leben erfassende hebräische Geistigkeit im Galuth als auch auf volle bewußte Teilnahme an־ Leben seiner Wirts- Völker und an iurui Revolitionen. Alle Erfüllung werde in die Zukunft projiziert, bis das ״geistige Zentrum“ aufgebaut sein wird. Aber wie soll eine Gemeinschaft, die immer nur nimmt und nimmt, ״gebendes“ Zentrum werden? Ehe Folge dieser Fehlkonstruktion sei, daß Palästina nicht einmal für sich selbst, geschweige denn fürs Galuth, genügend kulturelle Werte erzeugt und kulturell von anderen Mächten (englisch und arabisch) überrannt zu werden droht Der Autor verlangt eine grundlegende Reform des zionistischen Denkens in bezug auf das Verhältnis von Palästina und Galuth. Was wir in Palästina bauen, so führt er aus, ist keineswegs ein ״geistiges“ Zentrum und überhaupt nicht das Zentrum, sondern ein Zentrum, eines von vielen, und zwar nur für Jene öden, welche ihren Wohnsitz in dieses Land verlegen wollen. \Vir dürfen nicht ״tnessianische“ Hoffnungen an diesen neuen Jischuw knüpfen. Ke jüdischen Gemeinschaften in den euromischen und amerikanischen Ländern aber sollen wieder in ihren Rang und ihre Verpflichtung zu hebräischer schöpferischer Arbeit eingesetzt werden. Wir sehen heute keineswegs einen Zusammenbruch des Galuth, sondern einen inaterieilen und geistigen Aufstieg. Ueberall gibt cs hebräische Kindergärten und Schulen, Literatur, Theater, Presse und Kulturleben; ja es gibt sogar eine aut das Galuth gerichtete ״chaluzischc“ Jugendbewegung. Aut der anderen Seite, so schließt der Autor, werde ein palästinensisches Judentum, das nicht sich krampfhaft bemühen muß, sich vor allen Teilen des Volkes hervorzutun und als ״revolutionäre“ Kraft dazustehen, menschlicher und toleranter sein können. 111 der Diskussion über Stcinmaiins Artikel hat nicht so sehr die Frage, ob seine Anschauungen richtig sind oder nicht, eine Rolle gespielt, als vielmehr die Frage, ob sic zionistisch sind oder nicht. Der ״Haoiatu“ wurde angegriffen, daß er als zionistischcs Organ derartigen ketzerischen Ansichten als Sprachrohr diene. Der hebräische Schriftsteller Bcnziou Katz hat im Haare/•‘ einen offenen Brief an die Exekutive gerichtet, in welchem er sich über die Veröffentlichung im ״Haolam“ be- Schwert. Diese Frage, so wichtig sie auch sein mag, scheint uns sekundär. Worauf cs ankommt, ist das Problem, das, wie eingangs erwähnt, von mehreren Seiten gleichzeitig aufgeroltt wird. Es handelt sich um Ansätze einer Kritik, die durchaus fruchtbar sein kann, wenn sic nicht in Uebertreibungen verfällt. An dem Artikel Steinmanns, aus dessen Worten offenbar das Ressentiment dcs_ palästinensischen Schriftstellers, der in der Enge seines Milieus keine genügende Resonanzmöglichkeit spürt, spricht, scheint uns der Fehler darin zu liegen, daß er in paradoxer Weise überpointiert, die Rolle und Bedeutung Paiästlnas bagatellisiert und die Leistungen des Galuth überschätzt. Gewiß ist Palästina heute weder ein geistiges Zentrum noch eine quantitativ erhebliche Judensiedluiig, aber es ist p r i n z i p i c 11 und dynamisch etwas Anderes als alle anderen Judensiedlungen, und in dieser Sonderstellung liegt sein singulärer Rang. Wenn man von den Zentren hebräischer Kultur im Galuth spricht, so wäre dem entgegenzuhaiten, daß dieses Kulturleben einerseits sehr armselig und unvollkommen ist, andererseits aber — und dies ist das wichtige — ohne die moderne jüdisch; Nationalbewegung, in deren Mittelpunkt Zion steht, nicht einmal denkbar wäre. Der Begriff ״geistiges Zentrum“ ist ja nicht rein intcllektualistisch so zu verstehen (wie es freilich Achad Haani iu seinem Referat in Minsk 1902 darstcllt), als sollte Palästina eine Reihe kultureller Institutionen, gewissermaßen Fabriken des Geistes besitzen, von denen aus die ״geistigen Produkte“ als Fertig- oder Halbfertigfabrikate nach den Galuthländern exportiert werden. In dieser Beziehung wird Palästina vielleicht noch auf lange hin wenig zu bieten haben, wenn auch die hebräische Produktion, in der Steinmann selbst drinsteht, keineswegs zu unterschätzen ist. Worauf es aber ankommt, Ist die in der Geschichte und im Gefühlsleben des Volkes wirkende Idee des geistigen Zentrums. Die ״Liebe zu Zion“, Chibbath Zion, die eine belebende und formende Kraft im Volke ist, wäre unmöglich ohne das Korrelat eines wirklichen Zion, dieses konkreten Lebens in Erez Israel, das — so unvollkommen es auch sein mag — die Keime einer volljüdischen Zukunft in sich trägt, im Gegensatz zu allen anderen jüdischen Zentren. Sogar das von Steinmann zur Herabminderung der Bedeutung Pu!sfina* herangezogene Moment der Hilfsbedürftigkeit» .der Abhängigkeit vom Ausland, ist — gesamtjüdisch gesehen — ein Element der Konsolidierung des Judentums, denn auch darin zeigt sich die zentripetale Wirkung Palästinas, das schon als gemeinsames Sorgenkind des Gesamtjudentums eine neue Bindung geschaffen und jüdische Kräfte geweckt hat, die man nie vermutet hätte. Es mag richtig sein, daß für lan-re Zeit noch jüdische Zentren in verschiedenen Ga ulhländera existieren werden, wir müssen gewiß wünschen, da ß diese jüdischen Gemeinschaften möglichst stark und möglichst jüdisch gesättigt sein sollen, aber es ist falsch zu sagen, daß Palästina nur als ״ein“ Zentrum neben diese anderen tritt (dies auch die falsche Meinung mancher nichtzionistischen Gruppen); es ist -ד nach einem bekannten Bilde — der magnetische Pol, der durch Fern• Wirkung aus dem Knäuel verworrener Eisenspäne ein einheitlich auf das Zentrum zu gerichtetes, sinnvolles Gebilde macht. Von einer anderen Seite behandelt — unabhängig von Sleinmann — ähnliche Probleme der zionistischen Ideologie Dr. Gerhard Scholem in einem sehr beachtenswerten Aufsatz in einem der letzten Hefte der Zeitschrift ״Scheifotenu“. Auch Scholem geht aus von der Bejahung des Galuth. Aber während Steinmann über die Vernachlässigung des Galuth durch den Zionismus Klage führt, stellt Scholem fest, daß die Hauptwirkung des Zionismus, trotz seiner theoretischen Negation des Galuth, gerade im Galuth lag. Der Zionismus schuf im wesentlichen eine neue Form des Galuthlebens^ er vermochte einen Strom neuen jüdischen Lebens in allen Teilen der Welt zu erwecken und hat dadurch die Existenz des Judentums, die durch deu Liberalismus in Frage gestellt war, wieder für einige Generationen verbürgt. Es war mit anderen Worten ein Sieg Dubnows, des Bejahcrs des Galuth, der den Zionismus historisch ein reiht neben anderen nationalen Renaissanee-Bewefungen. Die Idee der Emigration nach Palästina, der Verwirkichung des nationalen Zentrums durch unmittelbaren persönliehen Einsatz des eigenen Lebens, trat dahinter zurück. Neben der Tat der Neubelebung des Judentums, die der Zionismus tatsächlich leistete, blieb ihm, so scheine es, keine Kraft mehr zur Erfüllung seiner eigentlichen buchstäblichen Aufgaben. ״Der Hauptteil der gewaltigen Kraft, die aus dem Willen zur Erreichung eines bestimmten Zieles strömte, wurde unversehens und unwillkürlich zur Erreichung eines ganz anderen Zieles, auf gewandt.“ So sei es z. B. in Deutschland gewesen, wo der Zionismus das verfallende Judentum neu belebt hat, aber zum wirklichen ״Sprung“ in das Neue, nach Palästina, haben nur wenige angesetzt. ״Der Radika Ismus in der Forderung hat nur als Stachel für ein Tun gedient, in dem nichts mehr von Radikalismus zu finden ist.“ Die Zionisten haben sich ״unterwegs“ eingerichtet Neben diesem Hauptstrom des Zionismus, den ״Dubnowisten“, sicht Scholem den anderen mit dem ersten nur lose verbundenen Teil, der wirklich dem Aufbau Palästinas zugewandt ist und in ihm das einzige Mittel der Wiedergeburt des Volkes sieht Diese bilden nur eine kleine ״Sekte“, und die verbreitete Meinung, daß diese Bewegung eben erst am Anfang stehe und eine Massenbewegung folgen werde, erweist sich bei näherer Prüfung als Selbstbetrug. Die zionistische Bewegung, die sich in unserer Zeit entwickele, ihre großen politischen Erfolge erkämpfte, und schließlich in eine Krise geriet, ist nicht die ״Vorläuferin“ für etwas, das hinter ihr kommt, sondern sie ist die Bewegung selbst Man müsse die Gefahr erkennen, die darin liegt, daß der Zionismus, nachdem er seine Galuth-Funktion erfüllt hat, zu einer Episode unserer Geschichte herabsinkt. Das ״Siegesbewußtsein“ nach den po-!irischen Erfolgen der Kriegs-Konjunktur erweckte den Wahn, dem Ziele nahe zu sein. Im weiteren Verlauf seines Artikels, der nicht mehr direkt mit dem hier ange chnitlenen Thema zusammenhängt, führt Scholem dann aus, daß der Zionismus, in die Politik des Tages hineingezogen, sich mit falschen Mächten verbündet habe. Es komme darauf an, seine Rettung durch einen Anschluß an andere historische Kräfte, insbesondere im Bereich der sich im Vorderen Orient vollziehenden neuen Völkerkonstellafon, zu bewirken, wenn schon der ideale Zustand einer Loslösun״ von der Politik bei den gegebenen Verhältnissen undurchführbar sei. AuchStholems Artikel hat eine Diskussion hervorgerufen. Der ,.Dawar“' z. B. 113t eine lange Polemik gegen Scholem veröffentlieht, worin u. a. betont wird, daß der von Scholem geschilderte gnluthbejahende Zionismus (der zionistische ״Bemstelnismus“ iinSune des so ialictischc« ״Revisio; is aus“ Eduard Bernsteins) durch die geschichtlichen Ereignisse, die tatsächliche Vernichtung des Galuthjudentums, lümveggefcgt werden wird. Wir müssen uns auf eine referierende Wiedergabe beschränken, da insbesondere die Behandlung der von Scholem aufgeworfenen politischen Fragen den Zusammenhang sprengen würde; es kam uns nur darauf an, zu zeigen, daß das Verhältnis von Galuth und Palästina, das Verhältnis von zionistischer Arbeit und palästiuensischem Leben in dieser Zeit einer — wenn auch nur vorübergehenden — äußeren Stagnation zu einem umkämpften Problem geworden ist. Niemand wird leugnen können, daß es hier 11m eine wichtige Frage geht, deren Klärung das zionistische Denken befruchten kann. Es sind verschiedene Nuancen und je nach Temperament und Situation auch verschiedene Postulate, die dennoch eines gemeinsam haben: Das Empfinden der Wechselwirkung zwischen Pa'ästina und Ga utli, in der sich heute bereits der Prozeß des jüdischen Lehens vollzieht. Im Grunde spricht aus all den Theorien vor allem die U 11 - Zufriedenheit mit dem Tempo und der Intensität des Aufbaus des Jüdischen Nationalheims, für die von Juden und Zionisten zu wenig getan wird. Die Existenz dieses Nationalheiius aber ist nicht wegzudenken aus dem Judentum. Und darin liegt, objektiv gesehen, eine großartige Etanpe der nationalen Bewegung, mit deren Eindringen in die jüdische Welt der Zionsgedanke seine unerschütterliche Position bereits erreicht hat. Und aus dieser geistigen Unruhe, der ideologische 1 Unbrfriedigtheit, müssen die Kräfte wachsen, die den nationalen Neubau immer fester untermauern, S. Der erste Regen Von unserem palästinensischen Korrespondenten. AG.-Tei-Aviv, den 9. November 1931 Draußen strömt cs, rieselt cs, gluckst es. Vor den Fenstern zieht das Wasser seine grauen Fäden. Das Meer ist fast versteckt in der undurchsichtigen, dampf erfüllten Atmosphäre. Neben dem Bürgersteig wälzt sich ein kleiner Gießbach. Man meint es zu sehen und zu hören, wie die Erde auf dem freien Platz da drüben, das Wasser cinsaugt. Was auch immer vom Himmel hcrunterkomuit, ist in wenigen Minuten verschwunden, eingesaugt, verbraucht. Das ist der erste Regen. Für jeden Palästinenser ist er ein Ereignis. Für den Dörfler und den Städter, für reich und arm, groß und klein. Man spricht schon Wochen vorher von diesem großen Tag. Monate hindurch hat jeder nur schwer die Hitze ertragen, hat gerechnet, wie lange diese heiße Zeit noch andauern könnte und sich getröstet: nur noch sechs Wochen, ein Monat, nur ein paar Tage. Und dann wartet man. Und wenn das köstliche Naß wirklich da ist, dann freuen sich die Großen und tanzen die Kinder auf der Straße. Nach ein paar Tagen scheint wieder die Sonne und die Welt sieht aus wie frisch gewaschen und neu bemalt. Der Staub von Häusern, Straßen und Plätzen ist fortgespült, die Bäume, befreit von der grauen Schicht, die sich seit Monaten darauf gesammelt hat, sind wieder frisch und grün. Menschen und Tiere vergessen ihre Sommerträgheit. Alles wird lebendig und unternelpnungslustig. . Wir sitzen fröhlich lächelnd und horchen auf den Regen, als Besuch aus Europa erscheint. Der sieht naß aus, enttäuscht und durchfroren. Als er unsere vergnügten Gesichter sieht und unsere Freude über die Ströme grauen Wassers, ist er einigermaßen erstaunt. Er hat eben ganz andere Begriffe über ״Schönes Wetter“. Und uns wird durch diese Reaktion erst klar, wie stark sich unsere, der Palästinenser Begriffe in diesem Punkte von den europäischen unterscheiden. Nicht die Sonnensondern die Regenfrage wird entscheidend. Für den Landwirt, besonders auf unbewässertem Boden, ist sie einer der wichtigsten Faktoren für Erfolg und Fiasko. Kommt der Frühregen zu spät, so verzögert sich die Bestellung; ist «r zu stark, so kann man tagelang nicht hinaus auf die Felder, die sich in einen unergründliehen Sumpf verwandelt haben, und die Arbeit stockt. Ein Jahr der Dürre bedeutet für den primitiven Teil der Landwirtschaft in Palästina noch heute eine der schwersten Gefahren und führt manchmal zu gewaltigen Umwälzungen. Der Beduine zieht manchmal mit seinen Herden dem Regen einfach nach. Und es ist erst einige Jahre her, als die Regierung sich genötigt sah, einen ganzen Stamm aus dem Süden nach Norden zu bringen, weil seine Weidegründe verdorrt waren und Hungersnot drohte. Mit alten und modernen Mitteln •— es bleibt immer wieder dasselbe, der Jahrtausende alte Kampf um das Wasser... Was Damaskus für den Bewohner der Wüste und der weniger gesegneten Landstriche zu einem Paradies machte, war nicht nur sein Reichtum, seine Bauten, seine Bazare, seine Fruchtgärte 1:, sondern das kalte reichliche Wasser, das durch die Stadt fließt, seine Gärten durchströmt und aus der Wüste einen Fleck des Segens und der Fruchtbarkeit hervorzaubert. Nicht umsonst malt sich der Moslem sein Paradies nach dem Vorbilde dieser Stadt als ein Garten mit Früchten, Schatten und rieselndem Wasser.., Was gebe man in Jerusalem, der trockenen, verbrannten Felsenburg, für dieses Rieseln! Freilich, heute ist die Stadt modern, aas ״alte“ Jerusalem versinkt mehr und mehr neben dem neuen. Der Tourist, der sich in einem der Hotels den Staub der Fahrt herauf erwischt, wird wenig daran finden, daß er so viel Wasser zur Verfügung hat als er wünscht. Aber dieses ,mene“ Jerusalem kämplt um sein Wasser einen fast ebenso schweren Kampf, wie das alte Es schöpft das Wasser au? seinen traditionellen Zisternen, es leitet es auf uralten Wegen aus den Teichen des Königs Salomo, es läßt seine unbemittelten Bewohner, dieses bunte Gemisch aller Völker der Levante und des Orients von Sonnenaufgang an in langen Reihen vor den städtischen Wasserzentralen anstehen, um ein paar Liter Wasser zu ergattern. Freilich hat man sich zu modernisieren gesucht; Wasser aus einer Quelle der judaisclicn Wüste hcraufgeleitet, die salomonischen Teiche wiederhergestellt, Leitungen gelegt.: organisiert. Es will noch immer nicht alles in Ordnung kommen, Sind die Regen ungenügend oder lassen sie zu lange auf sich warten, so droht die Not. Ein Fasten wird eingesetzt, u!11 Regen zu erflehen, aus Judäa rollen die langen Züge mit den Tanks herauf, um wenigstens Trinkwasser heranzubringen; die Leitungen öffnen sich nur alle drei, alle vier Tage, und für die arme Masse, die in engen Vierfein in Häusern ohne Leitung zusammengedrängt ist, reicht es nur knapp zum Trinken, von Waschen ganz zu schweigen. Eine großzügige neuartige Anläge ist nötig, um Jerusalem wirklich normal zu versorgen und solange sie fehlt, harrt die Bevölkerung ängstlich, durstig der ersten Regen. Draußen strömt es und rieselt es. Die durstige Erde nimmt das Naß auf, eine neue Zeit bricht an. Die Bestellung auf der! Feldern beginnt, in den Plantagen reifen die Orangen, das Vieh sucht frische Weideplätze, die Zisternen beginnen sich zu füllen. Nichts erscheint heiterer, als die grauen Fäden dieses ersten Regens. , . .