Mannheim
Compact Memory

Jüdische Rundschau · 1931-11-17 · Heft 89 (17.11.1931) · page 2

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jüdische Rundschau
Volume
XXXVI (1931)
Issue
Heft 89 (17.11.1931)
Date
1931-11-17
Page
– (sequence 2)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
97% known words query
IRI
…/2651273-2653252-2653336--22680-2680934
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions (1 not found in this text)

Seite 528 JÜDISCHE RUNDSCHAU Nr. 89. 17. XL 1981 Zu M. j. Bcrflyczcwshi’s 10. Todestag Am 18. d. Mts. fährt sich mm zehnten Male der Todestag von Micha Josef bin Gorion (Berdyczewski). Den deutschen Juden ist bin Gorion vor allem durch seine großen mehrbändigen Sammelwerke ״Der Born Judas״ (im Inselverlag) und ״Sagen der Juden״ (im Verlag Ratten &Loening) bekannt Aber mit dem Namen Berdyczewski ist eine ganze Epoche nicht nur der hebräischen Literaturgeschichte, sondern der jüdischen Geisiesgeschickte des letzten halben Jahrhunderts verknüpft.. Berdyczewski, der selbst in streng orthodtxer Weise in der Je1ch:wah erzogen wurde uni der erst als erwachsener Mensch sich weltliche Bildung ane'gmn konnte, begann ah rabbinischer Schriftsteller und hat alle Phasen des Schrifttums durch'aufen, in seinem Leben den geistigen Gestaltwandel des Judentums dieser Epoche geradezu verkörpernd■ Er übte eine außerordentliche Wirkung auf die junge nationale Bewegung durch seine Parole der ״Umwertung aller Werte“ im Judentum. Berdyczewski war der stärkste Verneiner des Galuth, das für ihn nicht ein äußerer Zustand, sondern ein innerer seelischer Zustanl war. Das Judentum hatte durch seine einseitige Zuwendung zur Geistigkeit, durch die Anerkennung der Herrschaft der Geschichte über die Gegenwart, seine Kraft zum Leben verloren; daher komme es darauf an, die menschlichen Gehalte des Lebens für das jüdische Volk wieder zu erneuern, das Mensch-Sein über das Jude •Sein zu erheben, das Volk in der Wirklichkeit zu verankern. Diese Anschauung Berdyczewskis , der damals in Berlin e;nen Kreis der ״Jungen“ um sich sammelte, hat zu einer berühmten Kontroverse mit Achad Haam geführt Der spätere bin Gorion ging freilich dann auch in der Auffassung des Judentums andere Wege. Er führte in Berlin ein stilles Forscherleben, das auf die Ergründung des historischen Judentums und se'ner Literatur eingestellt war■ Die Frucht dieser Arbeit sind die Werke, die zum großen Teil in deutscher Sprache erschienen sind. Ein wichtiger Teil der Werke Berdyszewskis ist für deutsche Leser noch nicht zugänglich, obwohl sich darunter Arbeiten befinden, die für die geistige Prägung des Judentums unserer Zeit ungemein bezeichnend sind. Wir glauben, den Gedenktag nicht besser begehen zu können, als indem wir Berdyczewski selbst mit einer Geschichte zu Wort kommen lassen, die in der hebräischen Literatur zu großem Ruhm gelangte. Sie wird uns von Emanuel bin Gorion, dem Sohne des Verewigten, in deutscher Uebersetzung zur Verfügung gestellt und hier zum ersten Mal deutsch veröffentlicht. Die rote Kuh Erzählung von M. j. bin Oorion (Berdyczewski). Uebersetzt von R, R. Vor nicht allzulanger Zelt trug sich in einer kleinen Stadt der Ukraine eine Geschichte zu, deren Gegenstand eine rote Kuli ist, man möchte fast sagen: jene rote Kuli, die uns aus der Bibel bekannt ist. Ich muß gestehen, die Geschichte ist grausenerregend. Eine Zeitlang dachte ich, die Begebenheit mit Schweigen zu übergehen, nun aber soll sie dennoch aufgehoben und niedergeschrieben werden. Unser Geschlecht stirbt bald dahin, und die, die nach uns kommen, werden kaum noch wissen und glauben, wie die Väter gelebt haben. Also sollen sie es in Büchern verzeichnet finden. Sie werden viel Licht sehen und daran ihre Freude haben, aber auch Schatten und Finsternis werden ihnen begegnen. Sie werden sehen, daß wir wohl Juden waren, das heißt: Träger einer hohen Ueberlieferung, aber auch Menschen von Fleisch und Blut, mit allem Furchtbaren, was Fleisch und Blut sein heißt. Es lebte da in der Stadt ein Mann, der eben zum rituellen Schächter ordiniert worden war, und der bald ein Amt für diesen Dienst erhalten sollte. Aber irgendein Fehl ward an ihm erfunden, und er durfte nimmer Schächter in Israel sein. Statt nun, wie es in solchen Fällen üblich war, Kleinkinderlehrer zu werden oder Vorleser und Vorbeter im Bethaus oder ein einfacher Nichtstuer, der vom Winde lebt, wählte der Mann ein Handwerk, das zwar dem Beruf, für den er ausgebildet war, nahe kam, das aber an Ansehen und Bedeutung diesem in keiner Weise gleich war. Aus einem Schächter, der darüber zu wachen hat, daß das Schlachten sich nach allen Gesetzen des Ritus vollziehe, und der also eine geistliche Person ist, wurde er Metzger und eröffnete einen Fleischerladen. Er ließ die Lehre Lehre sein, kümmerte sich nicht um Bücher und Gesetze, die haarklein darlegen, wie das Schlachten vor sich zu gehen bat, und wurde zum rohen Fleischhauer, der geschlachteten Tieren das Fell abzog, die Rind- und Schafteue an Haken ftängte und das Fleisch pfund- und halbpfundweise verkaufte... Una dazu wurde er noch von den lockersten einer. Zwar kümmerten sich seit jeher die Schlächter nicht viel um Dinge der Frömmigkeit und des Gesetzes. War auch das Fleisch vom Schächter aus als den Juden zum Genuß nicht ganz erlaubt erklärt, die Metzger verkauften es dennoch und steckten den Gewinn ein, ohne viel Worte zu machen. Denn die Bauern hatten ihre Schweine und kauften anderes Fleisch nur selten, und wurde ein Rind nach dem Schlachten als verboten für die Juden erklärt, so war der Schaden groß. Deshalb schauten auch die Fleischhauer gern durch die Finger; hatten sie auch im Jenseits ihre Strafe zu gewärtigen, so lebten sie vorläufig hienieden einen guten Tag. Aber überhaupt hat man von einem Fleischer keine zahmen Gemütsregungen zu erwarten. Wer ein Stück Vieh, und sei es auch geschlachtet, mit dem Beil entzweihauen kann, wer ein Vorder- und ein Hinterbein ohne viel Federlesens abhackt, dem können Dinge wie Religion nicht viel anhaben. Man bedenke: gestern noch lebte das Schaf oder die Ziege und weidete auf der Wiese, und nun hängt es da an der Wand mit dem Kopf nach unten; das Blut der Tiere aber, welches die Seele ist, das klebt an den Fingern der Schlächter. Sie sind die Grausamen, die das Vieh fesseln und binden und es zum Schlachten baeit machen. Der Schächter, der mit dem Messer dem Tiere die Kehle durchschneidet, bleibt der fromme Diener des Gesetzes und verrichtet nur ein Gebot der Religion. Aber die Metzger, das sind die Herz losen, die Rohlinge, die Faustkämpfer, und kommt es in Israel zu Schlägereien, so sind sie die ersten im Hauen und Prügeln. Die Sache hat ja auch ihre gute Seite. Wenn Ueberfälle auf Juden geschehen, so sind es meist nur die Fleischhauer, die in die Schranken treten und so das andere Volk beschützen. Sie brüsten sich daher nicht mit Unrecht als die eigentlichen Starken und Helden. Sie sind aber auch noch in anderer Hinsicht Helden . . . Denn oft gilt es sein Leben in Gefahr setzen, wenn ein Ochse ergattert werden soll. Die Thora heißt nicht umsonst den Dieb einen größeren Verbrecher als den Mörder. Denn der Dieb hat Furcht vor Menschen und keine Furcht vor Gott, der Mörder kefint weder die eine noch die andere Furcht, stellt also den Menschen nicht höher als Gott Im jüdischen Metzger haben wir, wem! wir genau hinsehen, beide Typen vereinigt. Diese Helden nämlich entführen des öfteren einen Ochsen oder eine Kuh, die einem anderen gehören, und sind dabei immer darauf bedacht, daß es heimlich geschehe, daß der Besitzer nichts merke, ja, am liebsten lassen sie es durch Nichtberufsgenossen tun. Nennt dies meinetwegen einen einfachen Diebstahl — es gehört mit zura Metzgerhandwerk. Ein Rind nämlich, das man um Geld gekauft hat, das kommt dem Schlächter, wenn man die Kosten der Schlachtung und die Steuer, die an den Stadtfiskus abzuführen ist, hinzurechnet, soundsoviel teuerer als eins, das man von ungefähr erlangt hat. Solch ein Bulle irrte im Felde umher, und da faßten ihn zwei Männer an den Hörnern und brachten ihn zum Metzger. Oder, fünfzig Ochsen weideten auf der Wiese — macht es da viel aus, wenn einer von ihnen abhanden kommt? Ist eine Herde von neunundvierzig Stück Vieh etwa klein? Fs gilt aber noch zu bedenken, wieviel Schaden dem Fleischer mitunter nach der Schlachtung erwächst! Es geschieht nicht selten, daß der Schächter einen Fehlgriff macht und das Fleisch für die Juden unbrauchbar wird; gar oft stellt es sich heraus. daß die Lunge des Tiers nicht so ist, wie sie hätte sein sollen — es gibt achtzehn Befunde, die verboten sind —, was fängt inan mit einem solchen Stück Vieh an? Fleisch, das drei Tage ohne Wasser liegt, darf gleichfalls nicht gegessen werden; im Sommer verdirbt es außerdem sehr bald. Wie könnte da der Schlächter bestehen, sagt es selbst, wenn nicht ab und zu solch ein rettender Zufall käme? Und sagt ihr, dies sei verboten und für einen Juden unschicklich, so laßt euch noch etwas anderes gesagt sein: was ist denn das ganze Händlertum und Krämertum andres als ein fortgesetzter Betrug? Der ganze Unterschied ist nur der. daß die Händler und Krämer aus Bürgerhäusern kommen una im Hauptbethaus der Stadt ihren Stammplatz haben, während die Metzger zusammen mit dem niederen Volk in der unansehnlichen Betstube an Feiertagen Gottes Wort vernehmen. Wenn die Bürger nach dem Gottesdienst einen Schnaps nehmen, so verrichten sie damit Gottes Gebot; die Schlächter aber, die dasselbe tun, werden einfach Säufer genannt. Ich will sie beileibe nicht verhimmeln, aber ich würde sie niemals für Bösewichter ausgeben, hätte sich nicht die Geschichte zugetragen, die zu erzählen ich mich hier anschicke. Bösewichter! Wer wagt es, das schlimme Wort in den Mund zu nehmen? Die Menschen wollen leben, und allerlei^ Triebe wohnen ihnen inne, welche, weiß Gott, nicht mit Seide umspönnen sind. Und nun zu unserer Geschichte! Es gab in der Stadt einen Bürger mit Namen Rüben. Das war ein unscheinbarer Mann, der sich durch nichts von den andern unterschied, und sein Name wäre nie in den Mund der Leute gekommen, wenn er nicht immer ganz besonders schöne Kühe gehabt hätte. Wer es sich unter den Bürgern leisten konnte» der hatte eine müdtgebende Kuh im Hause und brauchte die Much nicht anderswo zu kaufen■ Aber die schönste Kuh io Orte» die hatte allemal Ruhen; er verstand sieb gut auf das Vieh und hatte darin auch größeres Glück. Er wußte seine Kühe zu halten und zu pflegen, und sie gediehen bei ihm prächtig. Im Gegensatz zu den meisten Juden, die es für unpassend ansehen, sich mit dem Vieh abzugeben, genierte er sich garnicht, seine Kuh zu betreuen, wenn sie von der Weide in den Hof kam- Er mengte für sie die Kleie und holte das Wasser; der Stall war immer sauber, und er war in allem stets darauf bedacht, daß ja seiner Kuli nichts Böses widerfahre. Wenn auch die Juden in dem Orte echte Städter waren, die keinen Zusammenhang mit der Natur hatten, so war doch die milchspendende Kuh des Bürgers und die Ziege des armen Mannes etwas, was jedem ein wenig ans Herz gewachsen war. Man kannte die Kühe und Ziegen und unterschied sie nach ihren Besitzern; man musterte sie, wenn sie von der Weide kamen, und jeder gab seiner Meinung Ausdruck über den Wert der einzelnen Tiere. Es war etwas wie Liebe zwischen den Menschen und den vierfüßigen Hausgenossen, und die Kuh und die Ziege galten gleichermaßen als Freunde. Warum sollte es denn nicht so sein? Audi das Tier hat seine Gefühle, es kennt Hunger und Sättigung, Liebe zur Brut und Sehnsucht nach Liebe.. Nehmt euch nur ins Haus eine Ziege oder ein Schaf, und ihr werdet die Seele des Tieres ernennen• Zu der Zeit nun hatte Rüben eine rotbraune holländische Kuh von ganz außerordentlicher Schönheit. Ein solches Tier hatten die Leute im Ort noch niemals gesehen. Wie eine Königin schritt sie der Herde voran, wenn sie von der Weide kam, und es war, als wenn die andern Kühe auch ihrerseits der vornehmen Schwester Ehrfurcht zollten. Sie war auch i>1 der Tat von edlem Blut, und der Bau ihres Körpers, ihr herrliches Fell und die prallen Euter zeugten von guter Herkunft. Hundertfünfzig Rubel bot man dem Rüben für dieses Tier, und der Preis der Kühe war sonst siebzig, und, wenn es hochkam, achtzig Rubel. Wie Rüben zu der Kuh gekommen, wo er doch nicht reich war, wußte niemand, aber man wunderte sich nicht darüber, da sein Glück in dieser Hinsicht bekannt war. Und Rüben war auch selig über den Besitz dieser Kuh wie ein Vater, dem es gelungen ist, den begabtesten Jüngling als Bräutigam für seine Tochter zu gewinnen. Er strahlte vor Freude, wenn man das Tier vor ihm lobte und seine Vorzüge bewunderte. Es waren auch allerlei Geschichten im Umlauf über die sonderbare rote Kuh, die Ruber! gehörte; man erzählte sich Wunder von ihr, so, wie von einem Wunderrabbi. Sie sollte täglich vier Eimer Milch geben; von der Butter allein, die man aus der Milch gewann, sollte Rüben — er hatte eine Frau und dreizehn Kinder zu ernähren — drei Rubel in der Woche verdienen. Außerdem warf sie alljährlich ein herrliches KaJb, das mit fünfzehn Rubeln verkauft und nicht zu teuer bezahlt wurde. Die ganze Stadt war stolz auf die schöne Kuh, und die paar alten Weiber, die durch ihr ״böses Auge״ berühmt waren und gerne die Euter der Milchspenderin verschlossen hätten, konnte» ihr keinen Schaden tun- Ja, wann Gott ein Wesen schafft, das vollkommen ist und das alle, die es sehen, erfreut, so ist dem Satan die Gewalt darüber genommen. Aber ach! Nichts hilft gegen das zornwütige Schicksal. Auch an dieser prächtigen Kuh sollte sich dieses bewahrheiten; an dieser Kuh, die die Lebensquelle für eine ganze Familie und die Ergötzung einer ganzen Stadt war! Wäre sie in ihrem schönsten Alter plötzlich eingegangen, oder wäre sie von einer Seuche liinweggerafft worden, es hätte die Menschen betrübt, aber sic wären mit der Zeit darüber hinweggekommen. Auch junge, blühende Menschenleben fallen oft dem Tode zum Opfer. Ein schönes Haus, das zu errichten viel Mühe gekostet hat, wird ein Raub der Flammen; ein ganzes Land wird von einem Feind überfallen und zerstört. Wer kann den Lauf der Dinge aufhalten, wer kann der Vorsehung wehren? — Öder, wäre es Rüben in plötzlichem Irrsinn eingefallen, die Kuli zu schlachten und das schöne Fleisch als Speise zu verwerten, dann hätte man zwar den Kopf über ihn geschüttelt, aber schließlich sind solche Dinge nichts Unnatürliches, und sie werden überwunden. Was aber an der Kuh des Rüben geschehen ist, das war nichts anderes als ein Mord, ein grausamer und furchtbarer Mord, und sie fiel, wie ein Wanderer fällt, dem man im Walde aufgelauert hat. Das war ein Geschehnis, das außerhalb aller Natur stand, und kein Mensch hätte es für möglich gehalten, daß 80 etwas in Israel vorfallen könnte. Es war ein schlimmes Jahr, und das Fleisch wurde teuer. Es gab wenig Verdienst, und selbst die Schlichter, denen es doch gewöhnlich leidlich gut geht, hatten es schwer. Es kam auch zu Zank und Streit io der Stadt, und cs fügte sich, daß Rüben, der sonst ein friedliebender Mann war, diesmal in den Kampf eingriff und sich zu der Partei schlug, die gegen die Metzger war. Zwar sollen diese Vorgänge nicht als Entschuldigung dienen für die gräßliche Tat, die gleich darauf geschah; ich unterbreite nur dies alles dem Leser, damit er es weiß. Ich habe hier kein Urteil zu fällen, ich habe nur alles getreu zu berichten. Mögen andre kommen und ihre Meinung sagen. Der Würfel war gefallen, und es reifte unter den Metzern der Beschluß, Rüben seine Kuh wegzunehraen- Gierige licke folgten dem Tier, wenn es von der Weide kam, und dieses ahnte sein Schicksal nicht. Im Hause des gewesenen Schächters, der ehemals geistlichen Person, versammelte sich die Bande zu geheimen Besprechungen, und Tag und Stunde wurden bestimmt, ao den® das Vorhaben ausgeführt werden ■söUfe-• , Jf., ■ ־׳U Es war Sabbatausgang im Spätsommer. An Vorabend saßen noch Rüben una seine Hausgenossen vor der Hütte und freuten sich ihrer Kuh- Die Kleinen streichelten ihr Fell, die Großen lobten ihre Tüehtlgekit; die älteste Tochter stellte ihr das Futter und das Wasser zurecht Plötzlich stieß die Kuh einen Ton aus, der erschütternd klang und sich wie ein furchtbarer Seufzer anhörte. Dje Menschen erschraken und wußten nicht, wie ihnen geschah. Trübsinn kam über sie, als sie des Winters gedachten, der vor der Tür stand, und wo man Holz zum' Heizen und warme Kleider zum Anziehen haben mußte. Es war Mitternacht. Die Einwohner der Stadt schliefen schon alle, in keinem Fenster war auch nur ein Schimmer von Licht zu sehen. Die Menschen lagen In ihren Betten, verfolgt von bösen Träumen, und drohend stand vor ihnen der kommende Werkeltag. Und es durchschritt ein Mensch die Finsternis und schlich sich leise׳ bis zum Stall Rubens, wo die rote Kuh lagerte. Die Tür war nicht verschlossen, und die Kuli war mit einem dicken Strick, der um eins ihrer Beine geschlungen war, an einen Pfahl gebunden. Behend durchscnnitt der Dieb mit einem scharfen Messer den Strick, faßte die Kuh an den Hörnern und führte sie durch einen schmalen Pfad; das Tier folgte verwundert. So gelangten die beiden, der Mensch und die Kreatur, vor die Tür eines Kellers, wo die übrigen Genossen versammelt waren. Zwei von ihnen kamen heraus, befühlten die Kuh und streichelten ihr Fell; sie aber schien unwillig und erschrocken. Und nun stießen sie die Kuh die Stufen hinunter bis zum Keller, und das Tier begann zu ahnen, was kommen sollte, und ein wildes Geheul drang aus seiner Kehle. Sieben Mann erhoben sich vom Boden des Kellers und schritten auf die Kuh zu. Sie waren wie Bauern gekleidet und mit Stricken gegürtet. Ihre Gesichter waren erhitzt, denn ein jeder hatte schon einige Schluck zu sich genommen, um sich Mut anzutrinken. Eine Laterne, die an der Decke hing, gab fahles Licht, und die Höhle wirkte wie ein Grab. Und die Bösewichter betasteten und beklopften die Kuh. Sie gingen ans Werk. Der Stärkste versuchte die Kuh auf die Erde zu werfen, sie aber stemmte sich mit den Füßen gegen den Boden, als wären ihre Beine Eisenstäbe. Sie wehrte sich mit den Hörnern gegen ihre Feinde und wollte sie aufspießen, aber sie stieß gegen die Wand des Kellers, und die Mauer schien zu wanken. Da kroch ein Mann unter den Bauch des Tieres, warf einen Strick gegen ihre Hinterbeine und band dann rasch die beiden Enden zusammen. Ein zweiter machte es danach mit den Vorderfüßen. Nun stürzten sie sich mit vereinten Kräften gegen das Tier, und es gelang ihnen, die Kuh umzuschmeißen. Sie heulte und brüllte immer lauter, suchte die Fesseln zu zerreiße», und die Menschen kämpften mit ihr, von einem seltsamen Rachegeist geschwellt, den sie nicht kannten seit gestern und ehegeäem. Ein heftiger Wind erhob sich draußen, und ein Regen begann auf aas Dach des Kellers zu prasseln. Von den Stirne» der Schlichter rann der Schweiß i» erbsengroße» Tropfen. Wie Fremde kamen sie sich gegenseitig vor; sie hatten ihre Jacken abgeworfen und die Aermel der Hemden bis zum Ellenbogen aufgekrempelt; sie waren wie zur Schlacht gerüstet. Was war in sie gefahren? Irgend etwas Verhaltenes suchte sich einen Ausgang. Nur einer von den Fleischhauern, der, welcher vormals Schächter gewesen war, hielt sich abseits vom Kamp! Er stand in einer Ecke, schärfte das Schlachtmeser, das er aus der Scheide gezogen hatte, und prüfte in aller Ruhe die Schneide am Nagel. Inzwischen war es den andern geglückt, die Kuli zu überwältigen, und zwei von ihnen hielten ihren Kopf fest. 111 diesem Augenblick sprang der Schächter herzu

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.