Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XXXVI (1931)
- Issue
- Heft 88 (13.11.1931)
- Date
- 1931-11-13
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. SS, 13. XL!931 JÜDISCHE RUNDSCHAU Seite 523 ״Die Nacht der langen Messer" Die Ueberschrift ist nicht der Titel eines Kolportageromanes, sondern die in den beteiligten Kreisen landläufige Bezeichnung einer Aktion, die in der Nacht der Machtübernähme durch die Nationalsozialisten in Deutschland zur Ausführung gelangen soll. Mit langen Messern bewaffnet, •will man Rache nehmen an allen Feinden, die das Herannahen des Dritten Reiches zu hindern oder zu stören versucht haben. Wann, wo und bei wem dieser Plan aufgetaucht ist, kann man nicht feststellen. Ebensowenig, wie man fcstzustellen vermag, wann der Plan gefaßt wurde, am jüdischen Neujahrsfest auf den Kur־ fürstendamm zu gehen und dort den ״satten Juden" einen Denkzettel zu überreichen. Die Führer haben sicherlich keine Parole in der Richtung der ״langen Messer" ausgegeben. Sie ist tnög• licherweise in einer Nacht der weißen Mäuse in irgendeiner Kaschemme entstanden und trat den Weg an von Mund zu Mund. Natürlich ist, werden viele Leute sagen, dieser Plan lächerlieh. Selbstverständlich ist es heller Wahnsinn, anzunehmen, daß man eine Bartholomäus-Nacht plane. Man soll lieber derartige Gerüchte nicht einmal wiederholen, meinen Uebcrschlaue. Wozu denn Panik erzeugen und den Teufel an die Wand malen? Diese Stimmen haben zweifellos vom Standpunkte der gesunden Logik und normaler Gehirne recht. Aber kann man ohne weiteres annehmen, daß auf Seiten vieler verhetzter, aufgeputschtcr Mitläufer und Rowdics der nationalsozialistischen Partei gcsunde Logik und normal funktionierende Gehirne vorhanden sind? Wenn man vor den Krawallen auf dem Kurfürstendamm geschrieben hätte, es bestehe ein im übrigen nicht genau substanziierter Plan, auf die Prunkstraße Berlins zu ziehen und dort gegen friedliche Menschen Exzesse zu verüben, so hätten sich natürlich sofort Menschen gesunder Logik gefunden, die die Existenz eines derartigen Planes al*wenig wahrscheinlich bezeichnet hätten. Und trotzdem hat es, man beschönige die Tatsache nicht, einen Pogrom gegen die Juden auf dem Kurfürstendamm gegeben. Man soll davon reden. Besser man macht sich lächerlich und zerrt derartige aus dumpfen Gehirnen schwelende Absichten ans Tageslicht, als daß man später fragt: ״Wie ist denn das möglich gewesen, wie konnte denn so etwas Vorkommen?" Man rede davon, damit diejenigen, die hinterher ihre Hände in Unschuld waschen und sagen, sie hätten nichts gewußt, einer derartigen Ausrede beraubt werden. Man schreibe davon in aller Oeffentlichkeit, daß Proskriptionslisten kursieren, auf Grund welcher die Aktion in der ״Nacht der langen Messer“ durchgeführt werden soll. Man nehme den geistigen Führern des Nationalsozialismus, den Kulturphilosophen und Theoretikern der Partei die Möglichkeit, nachdem Entsetzliches geschehen ist, psychologische Erklärungen abzugeben, die die Scheußlichkeiten mit Ausdrücken wie ״begreifliche Reaktion des nationalen Lebenswillens“ entschuldigen. Wenn man von der Existenz eines Planes der Iangmesserigen Nacht erzählt, so findet man bei den meisten Zuhörern ein mitleidig« Lächeln. Sie halten den Erzähler für gehirnweich. Sie hätten recht, wenn die bisherigen Spuren nicht schrecken würden. Hat man jedoch den letzten Jahrgang der Nürnberger Nazi-Zeitung ״Der Stürmer* eine Stunde lang durchblättert, hat man in eine Sammlung von Ausschnitten der Hakenkreuzler-Presse über Juden und Judenfrage Einblick genommen — dann hält man alles für möglich und wahrscheinlich. Auch den teuflischen Plan einer ״Nacht der langen Messer“. Pressebesprechung Im C.-V. Am 9. d. Mlud der C.-V. die Vertreter der jüdischen Presse zu einer Aussprache ein. Die Aussprache wurde von Dr. Alfred Wiener geleitet, es referierten Dr. Hans Reich mann über ״Der C.-V. im Kam pf gegen den Judenhaß“, Dr. Hans Lazarus berichtete über die Rechtsschutzarbeit des C.-V., Dr. Alfred H i r 6 c h b e r g sprach über die Zustände im Reiche. Am Schluß richtete der Vorsitzende des C.-V., Dr. Brodniiz, einen Appell an die Presse, zur Beruhigung der jüdischen Bevölkerung beizutragen. Die Ausspräche soll in den nächsten Tagen fortgesetzt werden, worauf sich Gelegenheit zu einer Würdigung dieser Verhandlungen ergeben wird. der Weltgeschichte“, und zwar gerade auch aus Teilen, die nicht explizite vom Judentum handeln. So bespricht Hegel bei der Darstellung des indischen Kastengedanken- und Rechtswesens eine Reihe von Bräuchen, die int Judentum in ähnlieber Weise vorhanden sind, ohne aber diese Parallelen zu erwähnen, und sagt schließlich: ״Das Leben des Menschen, sagt man, soll ein beständiger Gottesdienst sein- Man sieht, wie hohl dergleichen allgemeine Sätze sind, wenn man die konkreten Gestalten betrachtet, die sie annehmen können.“!Dieses Urteil, das er auch über die Juden *hätte fällen können, gilt hier den arischen Indern, und ist darum kaum weniger scharf. für die Behandlung des Judentums in jenen Vorlesungen, die uns allein die reife Meinung Hegels lehren können, bleibt vor allem die Uebereinstimmung mit der Jugendschrift insofern bezeichnend, als nicht Israel, sondern Hellas als Vorweit des Christentums gilt. Damit stellt sich Hegel, und nun ganz bewußt, in die Tradition der Heidenchristen ein, während die übliche christliche Theologie und Philosophie im allgemeinen gleichsam ״iudenchristlich“ ist- Im einzelnen ist zu sagen, daß der Philosoph die Theorie Eduard Meyers vorwegnimmt, nach der das Judentum in seiner traditionellen Form ein Geschöpf des Perserreiches gewesen ist. Er sagt ganz dasselbe: erst Cyrus habe den jüdischen Fanatismus gezähmt, dadurch dessen natürliche Reaktion, den gegeneinander wütenden Individualismus ausgerottet und so die jüdische Gemeinschaftsbildung ermöglicht, ln dem Kapitel über ״Die Israeliten“ seihst finden sich viele der einst geäußerten Gedanken über die Ausschließlichkeit, die Intoleranz, den ״harten Dienst“ der Jugendschrift, wenn auch im allgemeinen der hämische Ton vermieden ist, Nur einmal bricht eine offenbar instinktive Abneigung wieder, wenn auch recht geistreich, durch: über die zehn Plagen beißt es: ״Von ihnen haben die Aegypter neun nachmachen können, nur eine war dem Mose eigentümlich: Läuse hervorzubringen “ Die Angäbe, die übrigens in dieser Form nicht mit der biblischen Erzählung übereinstimmt, die ja nur von der ״Kinnim“-PIage an nichts mehr von den Wundern der ägyptischen Zauberer erzählt, ist später öfter wiederholt worden, ohne daß man Hegel als Quelle genannt hätte! Einen erheblichen Fortschritt über die Position der Jugendschrift hinaus bedeutet es nun aber, wenn die Bestimmung der ״Erhabenheit“ Gottes - nicht mehr die seiner Tyrannei — zur Bestimmung des Menschen als ״sittlichen Wesens" — nicht mehr als stummen Knechtes י־= führt. Damit ist zwar im Der österreichische Delegiertentag Von unserem w. st. Korrespondenten. Wien, im November 1931. Seit vielen Jahren schon hat die österreichische Landes- Organisation keine so eindrucksvolle Tagung gesehen, wie den am 6. und 7. ds Mts. abgehaltene 11 ordentlichen Delegiertentag, sowohl was die Zahl der Teilnehmer, als auch den Emst und das Niveau der Verhandlungen betrifft. Allerdings haben diesmal weder die Revisionisten, noch die Radikalen — d. 11. die nach Strickers Uebergang zu den Revisionisten zurückgebliebene Gruppe — teilgcnommen. Das Fernbleiben der Radikalen war im Wesentlichen durch die!Differenz in der Frage der Landespolitik verursacht, da im vergangenen Jahr durch einen ParteiratsbeSchluß die Landespolitik mit Ausnahme der Kultiisgemrincje aus dem Tätigkeitsgebiet der Landesorganisation ausgcschaltet worden war. Trotz des Fernbleibens dieser Gruppen gestaltete sich schon der Eröffnungsabend am Samstag zu einer machtvollen Kundgebung. Der große Saal der ehemaligen Exportakademie hätte den doppelten Fassungsraum besitzen müssen, um alle aufnehmen zu können, die den Eintritt in den Versammlungssaal wünschten, uni Adolf Böhms Referat über ״Die gegenwärtige Situation der Bewegung“ und Dir. V. Kellners Vortrag über ״Das Schicksal des jüdischen Geistes“ zu hören. Besonders erfreulich war das Ueberwiegen der Jugendlichen schon an diesem Abend, wie auch dann am ganzen folgenden Vcrbandlungstag. Dieser wurde durch den ausführliehen Tätigkeitsbericht des Präsidenten des Landeskoinitees Dr. Oskar Grün bäum cingeleitet, dem die österreichische Organisation in erster Reihe ihren zweifellosen Wiederaufstieg zu danken hat. Die Generaldebatte, die bei dauernd lebendigem Interesse auf hohem Niveau geführt wurde, beschäftigte sich vor allem mit der Gründung eines österreichischen Territorialverbandes, der sämtliche zionistische Gruppen umfassen soll. Für diese Zusammenfassung gibt es drei Möglichkeiten. Entweder wird durch gewisse Maßnahmen allen, auch den oppositionellen Gruppen — von Misrachi bis PoaJe-Zion •—, der Eintritt in den schon bestehenden Landesverband ermöglicht, wodurch dieser automatisch zur Territorialorganisation würde. Oder die bestehende Landesorganisation löst sich auf, es bildet sich ein Verband der Allgemeinen Zionisten, der sich dann mit den übrigen Gruppen zu einem Landesverband zusammenschließt. Drittens können die schon bestehenden Gruppen einen losen Dachverband bilden. Ehe Art der Organisierung ist darum von Wichtigkeit, weil von ihr die Bestimmung der Aufgaben abhängt, die der neue Territorlalverband zu erfüllen hätte. Bei Auflösung des jetzt bestehenden Landeskomitees etwa, müßte er dessen sämtliche Agenden übernehmen, während ein Dachverband nur einen beschränkten Wirkungskreis hätte, wie vor allem die gemeinsame Arbeit für die zionistischen Fonds und die Kultusgemeinde. Die letztere Form hat denn auch die Zu- Stimmung des Delegiertentags gefunden, um zunächst die Tragfähigkeit eines Zusammenarbeitens der sich bisher scharf befehdenden Gruppen zu erproben; bei einem günstigen Ergebnis kann dann an die Erweiterung der Agenden geschritten werden. Allerdings ist auch die lose Verknüpfung dadurch erschwert, daß ia den Reihen der Revisionisten erbitterte Kämpfe um die Ent- Scheidung über Austritt oder Verbleiben in der zionistischen Weltorganisation geführt werden, die durch die Tatsache noch eine besondere österreichische Note bekommen, daß Strickers Anhänger als geschlossene Gruppe zu den Revisionisten übergegangen sind, ihnen also jederzeit die Möglichkeit eines geineinsamen Austrittes offen geblieben ist Andererseits drängf die Frage des Territorialverbandes zu einer raschen Lösung, weil äuf diesem Delegiertentag zum letzten Mal die Hitachduth vertreten war, die infolge ihres Zusammenschlusses mit den Poale-Zionisten die jetzige Landesorganisation verlassen müssen. Der Sprecher der Hitachduth betonte, daß lediglich dieses Moment die Ursache für das Ausscheiden sei. E>er Präsident des Landeskomitees dankte seinerseits für die stets loyale und verständnisvolle Mitarbeit der Vertreter der Hitachduth in der Leitung. Es darf der Hoffnung Ausdruck gegeben werden, daß durch den Hinzutritt der Hitachduth die Poale-Zion noch intensiver in die allgemein zionistische Atmosphäre hineingezogen wird. Auf Grund des hebräischen Referates der eben in Wien weifenden Dichterin Elischewa über die hebräische Welforganisation wurde ferner in der Debatte und in den Resolutionen stärkere Pflege des Hebräischen in der Kulturarbeit der osterreichischen * Zionisten gefordert, sowie auch eine intensivere Förderung des Chajes-Realgymnasiums verknet, das heute zu dem einflußreichsten Faktor im jüdischen Kulturleben geworden ist. Ais besonders günstiges, rein objektives Zeichen für das Wiedererstarken des österreichischen Landesverbandes, zu dem übrigens die beispielgebende Mitarbeit der ״Wizo“ beif«tragen hat, ist die finanzielle Konsolidierung des Landesomitees zu werten; bis auf eine aus früheren Jahren stammende Grunde auch die Funktion des Gesetzes anerkannt, und es ist wenig konsequent, wenn Hegel einer, übrigens schon von Mohammed ausgesprochenen, Meinung Spinozas seine Zu- Stimmung gibt, daß Gott Moses’ Gesetzbuch ״den Juden zur Strafe, zur Zuchtrute“ gegeben habe. Geradezu tragisch wird das Mißverständnis, wenn kurz, vorher gegen die jüdische Intoleranz ein Gedanke verwandt wird, den Gabirofs ״Königskrone“ schon etwa 800 Jahre vor Hegel ausgesprochen hat und der bei Hege! lautet: ״In jeder Religion ist ... göttliche Gegenwart, ein Verhältnis der. göttlichen Liebe vorhanden.“ Bei Gabirol lautet die gleiche Meinung wie folgt: ״Du bist der Gott der Götter, und alle Geschöpfe sind Deine Zeugen . . . und alle Geschöpfe sind Deine Knechte und dienen Dir, und es tut Deiner Herrschaft keinen Abbruch, daß man auch Gott außer Dir dient, denn die Absicht aller geht auf Dich.“ Wir müssen also auch Hegel gegenüber, der sich übrigens, soweit ich sehe, zur aktuellen Frage der Judenemanzipätian nicht geäußert hat, den Kummer Hermann Cohens über Kants Mißverständnis der jüdischen Religion empfinden. Vielleicht, ja: wahrscheinlich ist Marx’ flagellantisehe Haftung in seiner Schrift ״Zur Judenfrage“ von dieser Gesamtatmosphäre der Hegelschen Philosophie nicht unbeeinflußt geblieben, mögen ihm auch die einzelnen hier zusammengetragenen Aeußerungen großenteils nicht bekannt gewesen sein. Ein Vergleich mit den Judentum-Theorien Feuerbachs und Bruno Bauers, auf die sich Marx ausdrücklich bezieht, zeigt deutlich den gemeinsamen Ursprung von Hegel, der im Grund — eingehüllt in sein System vom objektiven und absoluten Geist das alte christliche Dogma von der Rolle des Judentums im göttlichen Weltplan wiederholt. Andererseits ist erwähnenswert, daß ein Hegelianer — vermutlich Miehelet — den Zionismus des Hegelianers Moses Heß mit dem Hegelschal Satze abzutun suchte: ״Ein Volk kann nicht mehrere Stufen durchlaufen; es kann nicht zweimal in der Weltgeschichte Epoche machen “ Fragen wir uns zum Schluß, worauf trotz all dieser inhaltlichen Widersprüche die starke Affinität der Juden an Hegel beruhtCj von der wir ausgingen, so ist ein formales, aber darum nicht weniger entscheidendes Moment hCTvorzuheben: die Dialektik selbst, die ja nicht zufällig im Wortstamme mit dem Dialog, jenem Urelement der talmuclischen Diskussion und Denkpsychologie, zusammenhängt. Schuld, die durch die Opferwiligkdt einzelner Gesinnungsgenossen in allernächster Zeit abgetragen sein wird, kann das neue Landeskomitee mit einem nach menschlicher Voraussicht ausgeglichenen Budget seine Tätigkeit aufnehmen; auch die Existenz des offiziellen Organs, der ״Stimme“, ist gesichert, ln einer besonderen Resolution wurde schließlich unter stärkstem Beifall die vorbildliche Disziplin Dr. Weizmanns anerkannt, der auch nach dein Kongreß wieder seine Kraft in den Ebenst der Bewegung gestellt hat. Die neue Leitung, an deren Spitze wieder Dr. O. G r ü 11 b a 11 in steht, wird auf die aktive Mit* arheit der österreichischen Zionisten rechnen dürfen; dieser Delegiertentag hat bewiesen, daß Oesterreich wieder eine starke Organisation besitzt. Vor dem Ende des Auto •Streiks? Jerusalem, 10. November. (J.T.A.) Der bereits mehrere Tage dauernde Autostreik macht sich im ganzen Lande sehr unangenehm fühlbar, und zwar nicht nur vor allem durch die Stockung des Personen- und namentlich des Touristenverkehrs, sondern auch durch die Stockung de» Lebensmittelsu. Warentransportes, durch die eine Preissteigerung der Nahrungsmittel und allgemeiner Gebrauchsartikel eingetreten ist. Die Mißstimmung der Ladenbesitzer und aller Geschäftsleute in ganz Palästina wegen der Unnachgiebigkeit der Regierung gegenüber den Streikenden ist eine so starke, daß man bei einer Fortdauer des Streiks mit einem allgemeinen Ilandelsgcneralstreik lechnen müßte. Dazu wird es anscheinend nicht mehr kommen, da die Regierung ein gewisses Entgegenkommen zeigen will. Die Regierung ließ dem ״Palestine Bulletin“ eine Mitteilung zugehen, daß sie den Termin der Einholung der Lizenzgebühren auf einen späteren Zeitpunkt verschiebt, ln der Redaktion des ״Palestino Bulletin“ fand darauf eine Beratung der Streikführer statt, in der eine versöhnlichere Stirnmutig zum Ausdruck kam, so daß bei einem weiteren Entgegen* kommen der Regierung mit einem Aufhören des Streikes heute oder morgen zu rechnen ist. Daß der Regierung selbst sehr an einem baldigen Aufhören des Streiks liegt, zeigt, die Tatsache, daß der Chef sekreter und stellvertretende High Commissioner, Herr Young, drei Mitglicder des Untersuchungsausschusses, nämlich den Präsidenten der Jerusalemer Handelskammer Shelley, den früheren Bürgermeister von Tel-Awiw, R okach, und den Führer der H&ifaer Autochauffeure Yaeli, zu sich gebeten hat und ihre Vermittlung in der Streikangelegenheit in Anspruch nahm. Kurz nach der Beratung der Streikführer trat die Vereinigung der Chauffeure und Autobesitzer in Jerusalem zu einer Plenarsitzung zusammen, um über das Schicksal des Streikes zu entscheiden. Dieser Beratung ging eine Konferenz mit Vertretern der arabischen und der jüdischen Handelskammern im ganzen Lande, die in Jaffa stattgefunden hat, voraus. Tagung zionistischer Gemeindevertreter Wie schon kurz mitgeteilt, fand am 8. November 1031 auf Einladung der Z. V.f. D. eine Tagung der Gemeindekomm i s s i o n der Z. V. f. D. und der Fraktion der jüdischen Volkspartei im Preußischen Landesverband statt, an der auch eine große Anzahl zionistischer Gemeindevertreter aus ganz Deutschland, insbesondere aus Preußen (Vorstandsmitglieder und Repräsentanten}Teilnahmen. Im Anschluß an ein Referat von Herrn R.-A. Dr. Köllenscher über den neuen Referentenentwurf des preußischen Judengesetzes fand eine eingehende Diskussion statt, die ia der in der vorigen Nummer der ״Jüdischen Rundschau“ wiedergegebenen Resolution gipfelte. Außerdem wurde in einer Reihe weiterer Maßnahmen beschlossen, gegen den Referentenentwurf Stellung zu nehmen und demgegenüber die Annahme des vom Preußischen Landesverband im Jahre 1928 angenommenen Entwurfs zu propagieren. Auf der Tagung wurden weitere Referate der Herren Dr. Sandler über ״Die politische Vertretung der deutschen Juden“ und Dr. Kreutzberger über ״Finanzwirtschaft• liehe und soziale Aufgaben der Gemeinden“ erstattet, an die sich ebenfalls eine ausgedehnte Diskussion schloß. Um dem großen Interesse, das insbesondere auch die Behandlung der sozialpolitischen Fragen fand, Rechnung za tragen, wurde beschlossen, falls sich eine genügende Anzahl von Teilnehmern aus dem Reiche finden sollte, eine neue Tagung im Januar 1932 abzuhalten. Lester Ury - Gedenkfeiern. Am 7. November, dem 70. Geburtstage Besser Ury s, den der Künstler durch seinen jähen Tod nicht mehr erleben konnte, veranstaltete die Berliner Sezession, deren Ehrenmitglied der Verstorbene gewesen, eine Gedächtnisfeier, die das Rostal-Quartett in Stirnmungsvoller Weise umrahmte. Eugen Spiro widmete dem Kollegen schlichte Worte des Gedenkens, Dann entwarf Adolph Donath ein Bild vom Werdegang und der Kunst Ury s. Die Feier wurde im Rundfunk übertragen. Am folgenden Tage veranstaltete die Freie Jüdische Volkshochschule eine große Feier für Lesser Ury. Der große Logensaal mit seinen Nebenräumen war überfüllt, Dr. Rudolf K a y s c r sprach einleitende Gedenkworte, mit denen er das Charakterbild des Menschen und Künstlers Lesser Ury psychologisch zu deuten versuchte. — Dann hielt der Leiter dev Kunstsammlung der Jüdischen Gemeinde, Dr. Karl Schwarz, einen Lichtbilder-Vortrag, in dem er einen umfassenden Ueberblick über das Werk des Meisters gab. Es war eine besonders würdige und ergreifende Feier, die mit Gesängen des Kurt Singerschen Chores eingeleitet und beschlossen wurde. — Es ist ein besonderes Verdienst der Kunstsammlung der Jttdisehen Gemeinde, die fast unbekannte Graph i k Lesser Urys in einer Gedächtnisausstellung zusammengestellt zu haben. Am 7. November, dem 70. Geburtstage des Künstlers, wurde diese Ausstellung durch eine Ansprache des Herrn Direktor K a reski eröffnet. Bereits früh war, wie die Zeichnungen aus den 80er Jahren zeigen, Ury ein genialer Zeichner. Die Ahstraktion auf die Schwarzweißwirkung läßt die Kraft der Farbe erkennen, die in den Gemälden gleichen Themas so stark wirkt. Es ist erstaunlich, wie er in diesen Blättern das unmittelbare Bild von der Natur zum Kunst,w׳e1׳k zu formen vermochte. Von besonderem Interesse sind auch die verschiedenen Studien zu den Monumentalgemälden, deren malerische Ausführung manchmal hinter den Entwürfen zurückbleibt. Obgleich Ury erst in späteren Jahren zur Graphik kam, ist auch hier ein reiches Oeuvre entstanden, das sein umfassendes teclinisebes Können zeigt. Man wird diese Ausstellung, die als Auftakt zu der großen Gemäldeausstellung in der Nationalgalerie gedacht ist, beachten müssen, wenn man sich einen Ueberblick über das Schaffen des Meisters machen will. — Jacob Fkhinarm hat auf Ersuchen des J. N.-F. ein neues Lied verfaßt, das ״Scharon-Lied“, zu dem S. Rosovsky die Melodie komponiert hat.