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Jüdische Rundschau · 1931-11-13 · Heft 88 (13.11.1931) · page 4

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
XXXVI (1931)
Issue
Heft 88 (13.11.1931)
Date
1931-11-13
Page
– (sequence 4)
Language
German
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Louis D. Brandeis 75 Jahre Am 13. November 1031 vollendet Louis Dembitz B ra n d e i s, Richter am Obersten Gerichtshof der Vereinigten Staaten, einer der prominentesten Führer der amerikanischen Judenheit und Vorkämpfer der Idee des Jüdischen Nationalheims in Palästina, sein 75. Lebensjahr. Brandeis wurde arn 13. November 1856 in Louisville im Staate Kentucky geboren, studierte Rechts- Wissenschaft und war bis 101G als ein sehr gerühmter Anwalt in Boston tätig. 1916 wurde er von Wilson zum Richter am Obersten Gerichtshof in Washington ernannt. Brandeis gewann Wilson für die Idee des jüdischen Nationalheims in Pa'ästina und für die Zustimmung zu einer Politik im Sinne der Balfour- Deklaration. Brandeis setzte sich für die demokratische Organisierung des amerikanischen Judentums als des stärksten jüdisehen Machtfaktors ein, um die Berücksichtigung jüdischer Forderungen bei der Friedenskonferenz durchzusetzen. Schon 1915 hatte er sich an die Spitze der Bewegung zur Schaffung eines demokratischen amerikanisch-jüdischen Kongresses gestellt. Der Kongreß selbst trat nach Kriegsende zusammen. Die von Brandeis geführte Bewegung hat viel dazu beigetragen, die politische Bedeutung des amerikanischen Judentums deutlich hervortreten zu lassen und die englische Regierung in ihrer Absicht, die Schaffung eines jüdischen Nationalheims zu proklamieren, zu bestärken. Brandeis hat an den Vorbereitungen zur Balfour-Deklaration und ihrer Formulierung auch direkt mitgearbeitet. Die Pittsburger Landeskonferenz der amerikanischen Zionisten im Jahre 1918 wählte Brandeis zum Ehrenvo-sitzcnden der Landesorganisation. Im Juli 1920 prä* sidierte Brandeis der Londoner Jahreskonferenz der zionistischen Qe&amtorganisation. Dort begannen die bekannten inneren Kontroversen, die zur Demission von Brandeis geführt haben. Seit damals lebt Brandeis abseits vom zionistischen Parteileben, trotzdem 1931 seine Gruppe wieder zur Macht in der amerikanischen Organisation zurückkehrte. י Nahum Sokolow, Präsident der zionistischen Weliorganisation und der Jewish Agencv, übergibt der Jüdischen Telegraphen-Agentur eine Würdigung der Persön'ichkeit von Louis Bräudeii, worin es u. a. heißt: Brandeis ist nicht ein ״Mann der Massen", dennoch ist er in einem höheren Sinne ein Liebüng der Massen. Von allen jenen, die in zionistischen Dingen der Gegenwart führend waren, ist er dem Menschen in der ״jüdischen Gasse“ am wenigsten vertraut: der einfache Mann weiß aber, daß Brandeis ein Mann der großen Leistung ist, ein Aristokrat des Geistes, der den Marktplatz meidet. Dabei gibt es doch keinen, der Louis Brandeis an demokratischer Konsequenz übertrifft. Ich hatte den Vorzug, vom Beginn seiner zionistischen Wirksamkeit mit ihm verbunden zu sein. Et paßte sich der ihm eigentlich fremden Atmosphäre sehr bald an, und gleich begann sein Genius sich zu entfalten. In praktischer zionistischer Arbeit und auf politischem Gebiete hat er gleich wichtige Arbeit geleistet: nicht immer stimmte sein Tun mit der Ansicht der einen oder der anderen Partei überein, aber was er tat, tat er mit Grazie. Er wußte uns durch seinen feinen Intellekt zu bezaubern. Seine Art ist die eines feierlichen Ernstes, Gefühlsduselei ist ihm fremd; er meidet Redekünste, gedankliche Ausschweifungen, nachlässige Schhißfolgerungen. ist sein überlegenes Urteil nicht immer einer Sache günstig, so ist es doch ehrlich gemeint und letzten Endes in einer individueilen Art idealistisch. Brandeis besitzt die Anziehungskraft eines Menschen mit großer geistiger Erfahrung. Es ist ein Glanz um ihn. Ich kannte ihn als 50jährigen erfolgreichen und horimngesehenen Bostoner Anwalt.' Als ich ihn vor zwei Jahren wieder in Washington traf, hatte er noch seinen früheren Charm und ein gut Teil seines jugendlichen Feuers. In ihm sind impui* sive Energie mit ruhiger Zähigkeit, kämpferischer Geist mit zarter Güte vereint. All das stellt er in den Dienst seines Volkes und Zions. Das Vertrauen in die zionistische Bewegung, die Hingabe und Einfühlungskraft für die Idee, die Brandeis m}t 75 »ähren hat. sollen die Jüngeren anfeuern. Mögen seinen Lebensabend die Harmonien der Zionsliebe umtönen. Die Convention der amerikanischen Zionisten New York, 10. November. (J. T. A.) Am 8. November wurde in Atlantic City die 34. Jahres-Convention der Zionistisclien Organisation Amerikas durch Richter Julian W. Mack bei Anwesenheit von etwa 500 Delegierten aus allen Teilen der Vereinigten Staaten eröffnet. Trotz des Friedens- Paktes, der zwischen der Mack-Szold-Gruppe und der Lipsky- Gruppe vor etwa einem Monat geschlossen wurde, herrschte bei Beginn der Konvention noch vollkommene U n■ gewißheit darüber, wem die Führerschaft des amerikani• sehen Zionismus anvertraut werden wird. Das Mitglied der Exekutive der Jewish Agency׳, Emanuel Neuraan, verlas einen Brief von Senator Borah, Vorsitzendem des außenpolitischen Komitees im Senat der Vereinigten Staaten, in welchem Borah sich energisch für die Begründung eines Pro Palästina-Komitees in Amerika einsetzt und seine Bereitschaft erklärt, sich in einem solchen Komitee zu betätigen. Neuman berichtete auch über seine in Washington abgehaltenen Konferenzen mit PersBnlichkeiten der Regierung, der Wissenschaft und der Wirtschaft, die das Ziel hatten, in den Vereinigten Staaten ein Pro Palästina-Komitee nach den Grundlinien der in Deutschland, Frankreich und anderen europäischen Ländern bestehenden Komitees zu begründen. Eine ״vielsagende“ Kritik Die Selbstbiographie Schmarja Levins, dessen erster Band ״Kindheit im Exil“ vor einigen Wochen im Verlag Ernst Rowohlt in deutscher Sprache erschienen ist, fand auch In deutscher Sprache eine freundliche Aufnahme und merkliches Interesse In weiten jüdischen und nichtjüdischen Kreisen. Wir haben schon einmal darauf hingewiesen, welch außerordentliche Würdigung der englischen Ausgabe des Buches zuteil geworden ist. Man sah darin nicht nur ein menschliches und zeitgeschichtliches Dokument ersten Ranges, sondern auch ein literarisches Werk von großer Gemütstiefe und Eindringlichkeit der Schilderung. Es ist sonst nicht unsere Gewohnheit, uns mit fremden Kritiken über Bücher zu beschäftigen. Jeder Kritiker hat das freie Recht auf seine Ansicht. Aber die Kritik des Buches von Schmarja Levin, die im ״Berliner ßörsen-Courier“ vor einiger Zeit erschienen ist, ist vom jüdischen Standpunkt interessant. Der Autor, der mit tm. zeichnet, reagiert offenbar die Gefühle des Juden ab, der sich ärgert, an seine Verwandtschaft erinnert zu werden. So schreibt er: . ,Kindheit im Exil׳ ist ein zeitfremdes Buch. Es ist eine Fehlspekulation, daß der emanzipierte deutsehe Jude die gleiche Sentimentalität für polnische Verhältnisse im vorigen Jahrhundert aufbrächte, wie seine Glaubensgenossen in England und Amerika. Für solche Zeitlupenaufnahmen ist weder die Person des Verfassers noch das Thema interessant genug . . ." Aber es waren nicht die ״Glaubensgenossen“ in England und Amerika, sondern waschechte arische Christen, die dort in den angesehensten Zeitungen und Zeitschriften das Buch priesen, das eine den meisten bisher unbekannte Welt enthüllt, uninteressant ist dieses Thema vielleicht nur für Menschen, die instinktiv jene Welt, aus der sie stammen, lieber im Dunkel lassen möchten. Wie heißt es 60 schön: Wozu soll ״der emanzipierte deutsche Jude“ soviel ״Sentimentalität“ aufbringefl... Im Sdiatten des Goldes Zant Film ״David Gold«״ Von Eleasar Lubrany. Natürlich kann der Film, der gegenwärtig im Mozartsaal läuft, auch ״David Golder“ heißen. Aber nicht unbedingt- Denn er hätte ebensogut Luden Duval oder Horst Falkenhayn heißen können. Sowohl das Sujet als auch die Charaktere dieses Films sind nicht nur ausgesprochen jüdisch, sondern meistens ausgesprochen nichtjüaisen. Die Mentalität der Menschen, die Schicksale, die über sie hereinbrechen, sind mitnlchten jüdisch. Aber das liegt schließlich weniger am Regisseur Duvjvier, als an der Verfasserin des Romans, Irene Nemirovsky. Sie hätte es wissen müssen. Und etwas vom Epos des Gold raffenden Juden, der dennoch nicht ״glücklich“ wird, hat ihr wohl auch vorgeschwebt. Aber zur klaren Formung dieses Wurfes reichte das Können nicht. Oder das Wissen. So bekamen wir denn einen erschütternden, menschlich echten Film zu sehen. Aber als jüdisch berührt er uns kaum. Vor unseren Augen rollt sich die Geschichte eines Mannes ab, der robust ist, zielbewußt und über Leichen (wörtlich! Ueber die Leiche eines seiner nächsten Verwandten) zu schreiten vermag. Er beherrscht die Börse, ist mächtiger Faktor des Weltkapitalismus. Alles besitzt er, alle Welt drängt sich ihm auf, Massen umschmeicheln ihn. Nur eines bleibt ihm fremd, entwindet sich ihm immer- Seine Allernächsten, Weib und Kind. Und wenn er, zu Tode gehetzt, krank und Sonnabend, den 19. Dezember 1931 bei Kroll iiuiiiiiiiiiumiiiiiittiiiiumniuniuHiHiiiniiiiitmiiitiiiiiiiiiiiiiiiuiimimti Chanukah - Fest der Kinder 6. Dezember1931, Brüdervereinahaue 11mn1itNS1m11nn11nn111m1mn«H11n1n1Hn1t11n1n1n1111umn1n1tnnn11i1 Zwei große Veranstaltungen im Zeichen doiKKL-JubilSums äbgerackert, sich im Schoße seiner Familie m Biarritz einige Tage Ruhe gönnen will, findet er, daß eben diese seine Allernächsten sein Haus in ein ״Maison garni“ verwandelt hatten. In diesem seinem öffentlichen Haus lassen sichs aller- Hand internationale Schmarotzer Wohlergehen und besorgen ihm für sein Geld alles: Vergnügungen, Rummel, aristokratisches Milieu. Sogar eine Nachkommenschaft besorgen sie für ihn. Zwar nicht billig, aber gründlich. Ein derartiges Malheur ist menschlich, folglich auch jüdisch, und es läßt sich ohne besondere Mühe vorstellen, daß auch einer jüdischen Frau so etwas zustoßen kann. Aber, wie gesagt, typischjüdisch ist es nicht. David Golder kommt also in Biarritz an und findet alle seine Räume mit Fremden, mit Hochstaplern besetzt. Er ist zwar erstaunt, murrt aber nicht. Er bescheidet sich und nimmt Vorlieb mit der Wäschekammer. Ist das jüdisch? Mitnichten. Unser patriarchaler Familiensinnist noch um einige Grade ausgeprägter als bei den Südländern. Und genau so selbstverständlich wie der Fischkopf, den das Familienober* haupt am Freitagabend vorgesetzt bekommt, ist auch das Anrecht des Vaters auf die schönste, auf die ruhigste Stube. Zumindest dort, wo besagter Vater noch Brotgeber ist. Müde, einsam, angeekelt wandelt David Golder durch die luxuriösen Räume, unter den fremden Schmarotzern. Nur eine Freude hat er —- seine Tochter Joyce. Aber auch diese läßt sich von ihrem Vater für jede Zärtlichkeit einen hohen Scheck unterzeichnen. Auch sie ist eben dem Luxus und der Eitelkeit verfallen. David Golder ist — auch für seine Allernächsten — nur eine Melkkuh, eine Geldmaschine. Diese Tatsache greift ihm ans Herz, er bricht zusammen- Die Wäschekammer, in der er keuchend im Bette liegt, ist ruhig, beinahe hermetisch abgeschlossen. Nein, nicht ganz hermetisch. Denn immer wieder kommt seine Frau Chawke, pardon, Gloria. Nicht Trost bringt sie ihm, noch Zärtlichkeit. Geld will sie haben und Sicherheit. Denn er kann ״schon morgen“ (dies sagt sie ihm wörtlich!) abkratzen. Aber ansonsten ist es still in der Kammer. Da läßt es sich gut nachdenken. Zusammenhängen nachgehen. Einsicht bekommen. Da wird so manches klar, von vielem fallen die Masken. Auch von ihm selber. Und nun ist er nicht mehr der mächtige David Golder, der Beherrscher der Börsen. Nein, jetzt ist er nur noch ein armer Mann, der um ein Fünkchen Liebe bettfit. Aber dieses ist für ihn nirgends zu haben. Denn auch seine Tochter kümmert sich um den sterbenden Vater nicht. (Jüdisch? Mitnichten.) Sie hat wichtigeres zu tun. Sie feiert ein Weekend mit ihrem Liebhaber. In seiner schwersten Stunde übrigens erfährt er, daß seine vermeintliche Tochter, eben diese Joyce, die seine einzige Freude ist, nicht von ihm gezeugt ist. 'Das besorgte ein anderer für ihn, ein Schmarotzer, der sich seit Jahren in seinem Hause aufhält. Das gibt ihm den letzten Stoß. Er will hinüber. Will endlich erlöst sein von diesem Jammertal. Aber noch kann er nicht sterben• Er erholt sich und stürzt sich wieder ins Meer des Goldes, auf daß er für Joyce sorgen kann. Zu diesem Behufe fährt er nach Baku und erzwingt einen lebenslänglichen Vertrag mit den Sowjets. Auf der Rückfahrt erlischt er. Heimatlos, einsam. Dem Regisseur Duvivier ist ein großer, packender Griff geglückt. Im Menschlichen ist er Meister, unübertroffen. Aber überall, wo er fremde Milieus zu schildern hat, wirkt er kitschig. Und falsch. So das jüdische, so das russische Milieu. Nach dem Auffassungsvermögen des kleinen Moritz. Pardon, in diesem Falle eher Maurice. Denn unser Moritz ist viel heller ... Und doch sehe man sich diesen Film an. Schon um Harry Baur, des Hauptdarstellers willen. Um der Regie, der Photographie willen. Um des Ergreifenden dieses Filmwerks. Denn es ist ein Meisterwerk. Am Jüdischen aber schießts vorbei... Vorträge Die Freie Jüdische Volkshochschule hat die vorzügliche Idee, über wichtige Fragen der jüdischen Gegenwart kontradiktorische Abende zu veranstalten, in diesem Jahre wieder aufgenommen. Welchen Widerhall dieser Gedanke beim Publikum findet, zeigte sich wieder in der außerordentlichen Beteiligung. Der Gartensaal der Loge war so überfüllt, daß auch der Referent keinen Platz mehr fand und vom Vorraum aus den Diskussionen folgen mußte. Es ist daher zu bedauern, daß die Volkshochschule, wenn sie schon einen so erfreulichen Zustrom vom Publikum hat, nicht einen größeren Saal, zumindest wie im Vorjahre den großen Saal des Logenhauses, genommen hat. Ebenso ist es, um nun zur Sache selbst zu kommen, bedauerlich, daß die ausgezeichnete Gelegenheit, jüdische Fragen, die heute jeden Juden zutiefst erregen, in tiefer und zugleich volkstümlicher Weise zu erörtern, diesmal nicht besser wahrgenommen wurde. Das Thema des Abends war ״Die Bekämpfung des Antisemitismus“, Redner waren Rabb. Dr. F. Gold mann (Leipzig) und Dr. Jacob Klatzkin. Dr. Goldmann verzichtete zunächst auf eine ideologische Begründung seines Standpunktes und beschäftigte sich mit Fragen der praktischen Abwehrpolitik, Dr. Klatzkin suchte den hierdurch entstandenen Mangel zu korrigieren und den Gegensatz der beiden Diskussionspartner auf seinen ideologischen Kern zurückzuführen. Aber auch seine, zum Teil geistreich-witzige Art der Behandlung war nicht recht befriedigend. Im Gegensatz zu Dr. Goldmann meint Dr. Klatzkin, daß es ein Mittel zur Bekämpfung des Antisemitismus gar nicht gibt, sondern daß es darauf ankommt, das Judentum für seinen Existenzkampf stark und selbstbewußt zu machen; die innere jüdische Aufgabe müsse daher jeder nach außen gerichteten Politik vorgehen. Dr. Goldmann betonte, daß für ihn die Judenfrage lediglich eine religiöse Angelegenheit sei, begrüßte jedoch Klatzkins Ablehnung eines aggressiven Nationalismus und seine Auffassung des jüdischen Nationalismus als eine Vorstufe des Internationalismus. Auf "dieser Basis, meinte Dr. Goldmann, könne in der Praxis ein Zusammengehen zwischen C.-V. und Jüdisch-nationalen möglich sein. — tm Anschluß an den Abend geht uns aus unserem Leserkreis eine Zuschrift zu, die wir nach• stehend wiedergeben: ״im Gegensatz zu den drei ersten Abenden des vorigen Winters kann die Veranstaltung vom 9. November nicht als voll geglückt bezeichnet werden. Die Diskussion zerflatterte, da sie nicht straff gebunden, offenbar überhaupt nicht disponiert ■war. So geht das nicht. Der ausgezeichnete Gedanke der Volkshochschule und das für eine Debatte sehr geeignete Thema durften nicht entwertet werden. Es war keine Stoffeinteilung da. Beide Redner hatten manchen guten Moment, aber sie machten auch viele Fehler: Goldmann sprach eröffnend viel zu lang, auch zu pastoral und theoretisch. Klatzkin gelang es nicht, den Charakter einer Diskussion zu wahren. Es waren nicht Korreferate zu halten, sondern kurze Wechselreden zu führen, Hieb und Abwehr mußten schnell folgen, tatsächliche Irrtümer waren sofort zu berichtigen, Einwürfe aufzufangen — ein elegantes Ballspiel des Geistes, doch ohne dialektische Spielerkunststückchen. — Hoffentlich wird der 5. Abend (Goslar - Woyda über Sabbat und Sonntag) besser vorbereitet.“ K. Jüdische Gegenwartsabende und Zeitaussprachen. Die Einladung, die unser Gg. Rabbiner Emil Bernhard-Cohn jüngst durch Anschläge in den Synagogen, Anstalten und Verwaltungshäusern der Jüdischen Gemeinde, sowie an vielen öffentlichen Stellen des Berliner Zentrums zu seinen ״Jüdischen Gegenwart8ab(!(1den und Zeitaussprachen“ ergehen ließ, führte -am Montag, dem 26. Oktober, zu einer ersteh Zusammenkunft im Lehrervereinshaus, am Alexanderplatz, wo de!* Einladende über das Thema ״Warutn müssen wir uns mit unserer Zeit auseinandersetzen?‘' referierte. Der Redner ging von der Notwendigkeit aus, daß es nicht genüge, in den Synagogen von oben herab die Dinge der Zeit zu behandeln, auch nicht, die Fragen einfach sensationell aufzurollen, sondern man müsse mit den Menschen und vor allem auch mit den Menschen des jüdischen Proletariats zur Aussprache kommen. Er behandelte dann die Zeitvorstellungen, das Zeitgefühl und das Lebensgefühl der Epoche und ließ daraus das ganze Bild der Zeit mit ihrem Tempo, ihrem Wechsel und ihrem Relativismus erstehen. Dann warf er die Probleme auf, die er an diesen Abenden behandeln wolle, — das Problem der Generationen, der Eh«, der Gesellschaftsordnung, des Krieges, der Todesstrafe, Zivilisation und Luxus —, und umriß kurz seine Aufgabe, die nicht darin bestehen sollte, nur diese Fragen aufzurollen, sondern eben vom Judentum her, das heißt von einem nicht relativen, sondern absoluten Standpunkte aus Antwort zu geben. — Der ganze Abend gestaltete sich zu einer eindrucksvollen Kundgebung. Nicht nur, daß der Saal dreifach überfüllt war und zahlreiche Besucher vor der Tür umkehren mußten, setzte nach dem Vortrag eine hochinteressante Diskussion ein, an der sich zahlreiche Besucher, vor allem junge Menschen, beteiligten, kommunistische Parteifunktionäre ebenso wie einfache Menschen aus dem Proletariat, so daß die Absicht des Referenten, die er mit diesen Zeitaussprachen hatte, fürs erste voll erfüllt wurde und man mit Spannung dem nächsten Abend, wo über das Problem der Generationen gesprochen werden soll, entgegensehen kann. Hertha Freund. Samuel Lewin-Abend (Logenhaus, am 28. Oktober). In dieser Zeit des gesteigerten Antisemitismus, der geballten Anfeind ttn׳—'n hat sich wieder einmal trostvoll erwiesen, daß es ira Reiche des Geistes eine Gemeinsamkeit gibt, die alle künstlieh aufgetürmten Hindernisse überwindet. Zwei Angehörige der deutschen Kultur, Rudolf Rocker und Maria von Faber du Faur (sie stammt mütterlicherseits aus der Familie des großen Geschichtsschreibers von Ranke) stellen sich in den Dienst der jüdischen Kunst, vertiefen sich in sie, feiern sie. Nicht anders kann man die einleitenden Worte Rudolf Rockers empfinden, mit denen er das Schaffen Samuel Lewins erläuterte. Ehe Rezitatorin Maria von Faber du Faur hat sich der nicht leichten Aufgabe, aus dem Buch ״Gesichte“ Prolog und Epilog zu sprechen, in jeder Weise geschmackvoll und voll künstlerischen Taktes entledigt Auch in dem neuen Roman Lewins ״Michael Swjessdow (Der Jude singt)“ zeigte sich ihre reife Kunst, und besonders der Schluß, in dem sie das ״Echod 1“ mit metallener Stimme hinwarf, erschütterte die zahlreich erschienenen Hörer im Tiefsten. — Der Oich'er berührt in seinem neuen Buch ewig-lebendige Probleme der jüdischen Vergangenheit und Gegenwart Er e- •’’+ jn schlichter und doch packenden Weise das Leben eines kleinen ostjüdischen Jungen, der, zum Handwerker bestimmt, ausbricht aus der kleinen Welt des Elternhauses, des Heimat- Städtchens, weil der Dämon der Musik ihn ruft, weil eine gewaltige Stimme in ihm wohnt, die ihn zu den Höhen des Ruhms führt, nachdem ein ,.kleines Hindernis“, sein Judentum, beseitigt ist. Gönner hatten ihn gegen seinen Willen in schweren Rausch versetzt und dann taufen lassen, um den Aufstieg zu ermö״:,״hen. Wie dieses Geschehnis sein weiteres Leben überschattet, diese Schi'derung bildet den Kern des Romans, dem man baldige Veröffentlichung und verdienten Erfolg wünscht. — Der Dichter las zum Schluß in der Ursprache und erntete großen Beifall. M. M. In verschiedenen Städten Palästinas fanden Wahlen zu dem demnächst stattfindenden arabischen Jugendkonereß statt

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