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Jüdische Rundschau · 1931-11-10 · Heft 87 (10.11.1931) · page 3

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
XXXVI (1931)
Issue
Heft 87 (10.11.1931)
Date
1931-11-10
Page
– (sequence 3)
Language
German
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Nr. 87, 10. XL 1031 JÜDISCHE RUNDSCHAU Seite 510 üraue Theorie und grüne Wirklichkeit Von Helene Hanna Thon, Jerusalem■ Wiederholt wurden in den letzte» Monaten die Vertreter der palästinensischen und ausländischen jüdischen Presse zu Konferenzen mit den Repräsentanten unserer nationalen In- Statute eingeladen. Von ganz besonderer Bedeutung ist es dabei, wenn man diese Pressekonferenzen gelegentlich dadurch beleben und bereichern kann, daß man den Pressevertretern — wie dies bei der Veranstaltung des Keren Hajessod In Nahalal (über die wir bereits berichtet haben. -״- Red. ״J. R.“) gesebah — die lebendige Anschauung des Geschaffenen vermittelt. Durch eine solche ad oculus-Demonstration erhalten trockene Ziffern und Tatsachen, die — in einer Bürostube gegeben -- der Gefahr einer rein theoretischen Wertung ausgesetzt sind, einen ganz neuen Sinn, der in manchen Fällen die Kritik entwaffnet. Das wurde manchem Beobachter gerade hei der letzten Pressekonferenz der Exekutive klar, in der Dr- Senator die in jetziger Zeit recht undankbare ■ Aufgabe hatte, den Stand der Finanzen der Jewisli Agency zu erläutern. So erregte es z. B, manche Gemüter, als er erwähnte, daß bei der' Abtragung der Schulden der Exekutive der hohe Posten von E 184 010 auf die Bezahlung der Ländereien entfällt, die unter dem Druck der Verhältnisse der Keren Hajessod von der American Zion Commonwealth erwerben mußte, und daß hierfür in den nächsten Jahren noch weitere £ 114310 zu bezahlen sind. Erhält man diese Zahl im Verein mit vielen anderen Zahlen in einem Finanzbericht, so kann es scheinen, als ob liier die Zionistische Organisation in eine für sie viel zu hohe und vielleicht wertlose Ausgabe hineingeraten ist. Hält man aber eine solche Ziffer mit den Eindrücken zusammen, die einem auf einer Fahrt durch das Land vermittelt wurden, so ergibt sich ein ganz anderes Vorhältnis pj ihr: Fährt man durch das weite Land, das sich in wenigen Wochen wieder ganz mit Grün bedecken wird und sieht kurz hinter Dschenin bis Fast nach Haifa und nach Nazareth zur Rechten und zur Linken allenthalben jüdische Ortschaften, jüdische Felder und Herden, so kommt es einem zum Bewußtsein, von welcher Bedeutung cs ist, daß dieses fanze prächtige Land des Emek Jesrcel eine zusammenängende Fläche jüdischen Landes geworden ist• Man versteht dann, wie verhängnisvoll es gewesen ־wäre, wenn das wertvolle Gebiet, der American Zion Commonwealth vielleicht unwiederbringlich der jüdischen Kolonisation im Emek verloren gegangen und ein erheblicher Betrag jüdischen Volksvermögen» in Nichts zerronnen wäre- Aehnlich verhält es sich mit anderen Fakten und Ziffern: Hören wir z. B. aus dem Muodc des Herrn Dr. Berkson eine — wenn auch maßvolle — Kritik am Vorgehen der Exekutive, die bei den soeben vorgenommenen Budgetkürzungen vom Prinzip der Proportionalität abgegangen ist und das Budget für־ das Schulwesen in stärkerem Maße gekürzt hat als das für die landwirtschaftliche Kolonisation, so erscheint einem die Berechtigung dieses Vorgehens zweifelhaft- Ist inan aber ins Land Iiinausgefahren, hat die Kette jüdischer Siedlungen gesehen und die Reden gehört, welche die Genossen Saslawsky, Lawi und Baratz aus Nahalal, Aja Cbarod und Dagania im Kreise der Nahalalcr Kolonistcnfamilicn vor den Journalisten hielten und in denen sie lebendige Bilder der Emckbesiedlung mit ihrem ganzen Wagemut, ihrer Aufopfcrung und ihrem unermüdlichen Streben gaben, so erhält auch;dieses Verhältnis zwischen den Zahlen für Aruüedlzug und für ■*Fräehpg ein anderes Gesicht. Man versteht dann, daß das, was hier im Emek und in anderen landwirtschaftlichen Sied- Jungen des Landes vom Keren Hajessod geleistet wurde, mehr als irgendein anderer Zweig unserer Arbeit eine Erfüllung unseres zionistischen Ideals verheißt. Ferner: Lesen wir einfach im Bericht des Herrn Jaffc, daß der Keren Hajessod in den cif Jahren seines Bestehens £ 1440 000 für landwirtschaftliche Kolonisation ausgegeben hat, so wird sich mancher fragen, ob diese Summe nicht zu gewaltig ist für die Schaffung einer Reihe von Siedlungen, die, wie die Redner in Nahalal zugaben, sich nach einem Jahrzehnt noch kaum ohne Zuschüsse erhalten können. Wer aber Herrn Jaffes Bericht vor dem Hintergründe einer sich ständig hoher entwickelnden, großen jüdischen Bauernsiedlung, auf einem Boden, der noch vor einem Jahrzehnt tödliches Sumpf- Fand war, hörte, für den erhält auch diese Zahl neues Leben. Relativität der Richtigkeit oder Unrichtigkeit von Ziffern und Behauptungen in unserem Aufbauwerk ist vielleicht niemals zuvor so klar zutage getreten wie bei einem Vergleich der Ziffern und Daten, wie sie uns von unseren offiziellen Vertretern in unseren Büros und wie sie von den Vertretern des schaffenden Lebens im Emek gegeben wurden. Gewiß waren die landwirtschaftlichen Ratgeber im Recht, als sie die Milch- Wirtschaft 1m Emek für unrentabel erklärten, weil man das Viehfutter kaufen müsse; ab aber die Kolonisten es nach langen Versuchen erreicht hatten, durch Anbau von Klee und Luzerne den größten Teil des benötigten Futters selbst zu erzeugen, hatten jene plötzlich unrecht. Ab die Sachverstandigen den Boden von Ain Charod afs vollständig ungeeignet für die Orangenkultur erklärten, war das vollständig beredttigt — nur konnte niemand wissen, daß es den Kolonisten Jla5* langen ״und kostspieligen Experimenten mit Orangen schließlich gelingen würde, auf diesem Boden gute Grapefruits zu erzielen. Ebenso war es mit den Voraussagen über die Unmoghcnkeit des Milchabsatzes — wer konnte vor zehn Jahren wissen, daß es dank Kühl- und Sterilisierräumen möglich werden würde, alltäglich die Milch aus dem Emek in Jerusalem und Tel-Awiw zu verkaufen? Ebenso war es mit den Prophezeiungen über Bananen und anderes. Der Zionismus bedeutet wenig ab ein rein wirtschaftliches, nach Anlage und Rentabilität zu berechnendes Unternehmen. Er bedeutet unendlich viel als Aeußerung der moralischen Kraft un Judentum, das sich selbst immer wieder neu erzeugt das den künftigen Geschlechtern wieder einen Sammtungspunkt gegeben hat, an dem sie ihre besten Kräfte, ihren höchsten Willen zur Erhaltung und Höherentwicklung einsetzen können. Das aber ist das unvergleichliche Verdienst des Keren Hajessod: durch seine Schaffung der Emek- Siedlungen, durch seinen Glauben am die Kraft des jüdischen Siedlers, alle Schwierigkeiten schließlich zu überwinden, bat er diejenigen Kräfte im palästinensischen Jischub freigemacht, die uns in höherem Maße als alles andere eine Erfüllung unseres zionistischen Ideab verheißen. Es ist gut in einer Zeit, io der unsere Finanzberichte so trübe klingen and in der auch unsere politischen Berichte unsere Unruhe nicht ganz zerstreuen können, in einer Zeit, die andererseits unseren zionistischen Ideahsinus auf die Formei nüchterner Sachlichkeit zu bringen sucht, sich klarzumachen, daß der Weg des Keren Hajessod zur Stärkung unserer besten moralischen Volkskräfte und damit zu einem geistigen Wiederaufbau unserer Volksheimat führt. In ürodzisk, Kreis Posen, kam es aus Anlaß des Jahrmarkts zu einem Pogrom gegen die jüdischen Handle r. Laut dem polizeilichen Protokoll wurden 162 Markthändler, in der großen Mehrzahl Juden, bei den Kämpfen mehr oder weniger schwer verletzt, Die Vorgänge im Misrachi Kundgebung des Hauptbüro* Wir haben bereits in Nr. 84 berichtet, daß das Zentralbüro des Misrachi in Jerusalem sich in einer Erklärung gegen die Kundgebung des deutschen Misrachi anläßlich seines Austrittes aus dem Weit-Misrachi gewandt hat. Diese Erklärung des Hauptbüros liegt uns nunmehr int hebräischen Wortlaut vor. Zunächst beruft sich der Merkas auf eine angeblich«. Aeußerung von Dr. Aron Ba rt h in Danzig 1928, worin dieser dem bisherigen Merkas das Vertrauen ausgcdrüc.kl haben soll. Da dieses Zitat von Dr. Barth, wie uns mitgcteilt wird, bestritten wird, wollen wir auf diesen nebensächlichen Punkt nicht ein gehen. Die Erklärung des Welt-Misrachi fahrt dann fort: 2. ״Unrichtig ist die Beschuldigung, daß die Mehrheit des Weltmisrachi die Ohren vor den berechtigten Förderungen des deutschen Misrachi verschlossen hat. Bei verschiedenen Konfcrettzen des Misrachi wurde dem deutschen Misrachi ein Vertreter im Merkas angeboten, der die finanziellen und Wirtschaftliehen Angelegenheiten mit besonderen Rechten leiten sollte, aber kein einziges Mal ist man diesem Vorschlag nachgckommen. Bei der letzten Weltkonferenz des Misrachi in Basel wird« im Permanenz-Ausschuß mit Stimmenmehrheit ein Merkas ge• wählt, der von den Delegierten des deutschen Misrachi vor geschlagen wurde, aber am nächsten Tage haben die Gewählten sich geweigert, die Verantwortung zu übernehmen. 3. Besonders schmerzlich ist der Absatz in der Kundgebung des deutschen Misrachi, worin es heißt, daß die Weltkonferenz in Base! eine fast unveränderte Leitung gewählt hat, welche durchaus das bisherige Regime fortsetzt. Alle Teilnehmer an der Misrachi-Konfcrenz in Basel und überhaupt der Misrachi- Bewegung wissen, daß gewaltige Veränderungen im Merkas Oiami vor sich gegangen sind, darunter auch solche, denen nicht die ganze Bewegung zugestimmt hat, die aber doch um des Friedens willen beschlossen wurden. Und wenn wir annehmen, daß nach der Meinung des deutschen Misrachi diese Verändernngen nicht ausreic.hen, dann hätten die Vertreter des deutsehen Misrachi dies auf der Weltkonferniz sagen müssen, aber faktisch hat Dr. Barth vor der Wahl des gegenwärtigen Mer■ kas erklärt, daß der deutsche Misrachi keine Schwierigkeiten in den Weg des neuen Merkas legen wird und ihn nach Möglichkeit unterstützen wird. Besonders erstaunlich und schmerzlich ist der Satz, daß ״die gegenwärtige Leitung das bisherige Rcgime fortsetzt“. Darin liegt eine Entstellung der Wahrheit. Unserc deutschen Freunde, mit deren Teilnahme bet der Weltkonterenz in Basel die Beschlüsse bezüglich einer völligen Re- Organisation der finanziellen und wirtschaftlichen Arbeit angcnommen wurden, wissen, daß der Merkas diese Beschlüsse durchführt trotz allen damit verbundenen Schwierigkeiten, und der Merkas vermochte in kurzer Zeit grundlegende Aenderungen in allen Zweigen dieser Tätigkeit einzuführen. Es ist bedauerlich, daß man vor diesen Tatsachen die Augen verschließt und daß unsere Freunde in Deutschland sich in ihrer Kundgebung unrichtiger Nachrichten bedienen. 4. Der Merkas Oiami hat niemals die Mängel, die in unserer Arbeit vorhanden waren, vertuscht. Aber der Merkas und die ganze Bewegung werden niemals diesen übereilten Schritt der Trennung billigen, die mehr zu schaden geeignet ist als zu verbessern und aufzubauen und der mit übermäßiger Eile und vielleicht auch unter dem Einfluß gewisser Elemente außerhalb unserer Organisation vollzogen ■wurde. 5. Der Merkas Oiami des Misrachi sieht in diesem Schritt des deutschen Misrachi eine Zerstörung der Front des organisieden orthodoxen Judentums und fordert alle Mitglieder des Misrachi in Deutschland auf, die Einheit der Bewegung autrechtzuerhalten und sieh uro den Merkas Oiami ra scharen, denn nur durch Einigkeit und durch Zusammenfassung der Kräfte können wir in dieser Zeit der Not die Bewegung retten und sie einer besseren Zukunft entgegenführen.“ Das Zentralbüro des Deutschen Misrachi nimmt zu obiger Erklärung nur kurz Stellung und geht auf sic nur so weit ein, als eine Berichtigung geboten ist. Zu erneuter politischer Diskussion gibt die Kundgebung keinen Anlaß. Zu Punkt 3 schreibt Dr. A. Barth: ״Die Erklärung, die mir aus der Baseler Tagung in den Mund gelegt wird, ist absolut erfunden. Ich habe nichts derartiges gesagt. Die Erklärungen, die wir in Basel abgegeben haben, wurden von uns (Dr. wolfsberg, Lazarus Barth und mir) vollkommen einheitlich abgegeben und zwar dahin, daß durch die gefaßten Beschlüsse an sich bereits entsprechend unserer bindenden Instruktion die Notwendigkeit des Austrittes gegeben sei und daß wir nur mit Rücksicht auf die starke Verantwortung diese Konsequenz nicht von uns aus ziehen, sondern die Entscheidung der LandeszentraJe überlassen wollten. Wenn man sich bemühen will, eine Aeußerung zu finden, die getan wurde und die auch nur einen Berührungspunkt mit der mir zu Unrecht in den Mund gelegten hat, so ist es die, daß auch nach dem Austritt der deutsche Misrachi sich bemühen würde, seine Arbeiten positiv auf zu fassen, d. h. nicht einen Kampf gegen den anderen Misrachi zu führen, sondern neben ihm seinen Weg zu gehen. Das entspricht auch dem, was jetzt bei Gelegenheit des Austritts wieder erklärt worden ist.“ Der deutsche Misrachi schreibt ferner: ״Die Unterstellung, das Ausscheiden aus dem Weltmisrachi sei vielleicht auch unter dem Einfluß gewisser Elemente außerhalb unserer Organisation (sc. d. Misrachi) vollzogen worden, muß als eine Verdächtigung mit aller Energie zurückgewiesen werden.“ ** Wir glauben, daß nunmehr beide Parteien zu Wort gekommen sind und können Einzelheiten betreffenden Zuschriften in dieser Sache nicht mehr Raum geben. Wir gefallen Herrn Otto Heller nicht. — In der koramunistischen ״Neuen Mont agszeitung“ vom 9. d. M. veröffentlicht Otto Heller unter der Ueberschrift ״Jüdische Nationalsozialisten“ einen geistreich sein sollenden Artikel, in dem er einen Artikel der ״Jüdischen Rundschau“ verdreht, um zu zeigen, daß ״Hakenkreuz und Hakenstern“, wie er sich ausdrückt, d. H. Nationalsozialisten und Zionisten, gemeinsame Sache machen. Das in richtigem Literaten-Kauderwelsch gchaltene Geschwätz verdient kaum eine ernsthafte Erwähnung. Es ist nur belustigend, zu beobachten, wie der Stil derartiger Schreibereien ganz und gar den Sumpfblüten des liberalbourgeoisen Zeitalters entlehnt ist. Das ideale Vorbild ist hier offenbar der ״Schmock“, diese Figur der kapitalistischen Welt. Man muß freilich den Kommunismus davor schützen, damit identifiziert zu werden. Die Tatsache, daß wir im Kampfe gegen den Antisemitismus der Nationalsozialisten stehen, kann uns nicht bindern, anzuerkennen, daß innerhalb der deutschen nationalen Bewegung sich auch ernstzunchmende Elemente befinden, die neue Wege suchen; ebensowenig wie uns das Gemauschcl des Herrn Otto Heller verhindern kann, anzuerkennen, daß der Kommunismus eine ernstzunehmende Bewegung ist und eine seriöse Literatur besitzt, im übrigen haben wir gar nichts dagegen, daß unsere Stellungnahme Herrn Otto Heller nicht gefällt. Wir müssen in Zeiten der Gefahr oft genug aus jüdischer Solidarität schweigen, wenn wir auf jüdischem Boden Erscheinungen begegnen, die wir als Symptome der Entartung empfinden. Umso angenehmer ist es, wenn sie es sind, die sich von uns dtetanzüeren. Aus der Berliner Gemeinde Sitzung der Repräsentanten 'Vertenuitltmg In der Sitzung vom 5. d. M., über die wir bereits kurz berichtet hatien, wurde ein Antrag der Jüdischen Volkspartei angenommen, wonach in Zukunft zur Anberaumung ciacr verfraulichen Sitzung ein Antrag von einem Viertel der anwesenden Mitglieder vorliegen muß. Bisher konnte auf Antrag eines einzigen Mitgliedes der Repräsentantcnvcrsammlung ein auf der Tagesordnung der öffentlichen Sitzung stehender Gegenstand in die vertrauliche Sitzung verwiesen werden. Ferner gelangte eine Vorlage des Gemeindevorstandes zur Behandlung, daß für St«u«rrück stände Verz. ugszinsenin d«r Höhe von 2 0/0 für den halben Monat, mindestens aber eine Mark bezahlt werden soll. Diesem Antrag widersprachen die Vertreter der Jüdischen Volkspnrtei nicht aus prinzipiellen Gründen, sondern weil diese schematische Vortage in sieh Härten birgt, welche durch eine noch so rücksichtsvolle Handhabung nicht ausgeglichen werden können. Da zur Beschloß- Fassung über diese Vorlage eine Zweidrittelmehrheit notwendig war und die anwesenden Volksparteiler, sowie der Ueberparteiirr Dr. Hirsch der Vorlage in der beantragte« Fassung widersprachen, wurde der Vorschlag des Vorstand«» abgeleimt. Diese Ablehnung verfolgt den Zweck, den Vorstand zur Vorläge eines besser vorbereiteten Antrages zu. veranlassen, der dann im Ausschuß gründlich durchbcraten und hierauf erst von der Repräsentanz angeuonuuen werden kann. Einen besonderen Raum in der Diskussion nahm ®in Antrag der liberalen Fraktion in Anspruch, in welcher die Ei nr ichtung von Kursen für diejenigen Gemeindemitglieder verlangt wurde, die sich an der Bearbeitung der Austritte heteiligen. Dr. London begründete den Antrag und sprach auslührlich über die wachsende Zahl מסי Austritten und Mischehen, welche die Substanz der ,jüdischen Gemeinschaft in er* schreckender Weis© mindern. An der Diskussion beteiligten sich Volksparteiler und Liberale und brachten einmütig den Wunsch zum Ausdruck, daß die Gemeinde den betrüblichen Erscheinungen der Austritte 1111 d M i schelte» größere Aufmerksamkeit zuwende, ln der Au»- spräche kam klar zum Ausdruck, daß es nicht zuletzt di« liberale Auffassung vom Judentum gewesen ist, welche eine Schwächung des Gefühles der Zugehörigkeit zur ,jüdischen Gemcinschaft zur Folge batte. Durch di« 'Einengung de« Begriffes der jüdischen Gemeinde ist auch eine Lockerung des Zusammenhanges unter den jüdischen Menschen erfolgt Es geht nicht an, in der Jüdischen Gemeind« nur «ine Kirchcnorganisation zu erblicken, wie etwa bei Protestanten und Katholiken. Judentum ist über die Konfession hinaus ein anderes Gebilde als eine Gemeinschaft rein kirchlicher Art. Der Antrag wurde angenommen und es bleibt zu wünschen, daß die Gemeinde diesem Arbeitsgebiet in Zukunft besondere Aufmerksamkeit widmet. Selma Llebermanu Die deutschen zionistischen und misradiistischen Frauem haben eine ihrer Treuesten und Besten in Selma Liebermann, der Gattin des Rabbiners Dr. Arthur Liebcrmaun, unseres verdienten Gesinnungsgenossen, dem mit seinen zum Teil im Kinne der Eltern bereits in Erez-Israd lebenden und praktisch arbeitenden Kindern unsere ganze Teilnahme gehört, verloren. Selma Liebermann konnte ihre mütterliche aufopfernde Natur früh nach dem Tode der Mutter an ihren Geschwistern erproben. Der Grtxndzug ihres Wesens, restlos sich emseteen für andere, warme und tiefe echt jüdische Herzensgute und überzeugte Frömmigkeit, völliges Zurücksteilen ihrer eigenen Person auch in schweren Zeiten hinter der Familie und zuleidi damit auch der jüdischen Sache und hinter den als elbstverständlichkeit geübten Pflichten des Gemilus Chessed blieb bis zur letzten Stunde ihrer schweren Krankheit der gleiche. Wo sie wirkte, in der ״Wizo“, im ״Jüdischen Frauenbund“, in schwerer Nachtarbeit an den Betten so vieler armer Wöchnerinnen und Kranker, überall war sie ein Mensch der Tat, der keiner Anregung oder gar äußerer Ehrenposten bedurfte, um das zu tun, was ihr innerstes Herzensbedürfnis war. Es war immer vergebens, wenn diese Organisationen Selma Liebermann Ehrenämter und Vorstandsposten an boten — an ihre Hilfsbereitschaft und an ihr völliges persönliches Sicheinsetzen aber hat niemand umsonst appelliert, ganz und gar bescheiden, restlos menschlich zuverlässig, heiter-gütig und voll zuvorkommender Herzensfreundlichkeit wie sie war. Wer das Glück hatte, in ihrem Hause und Familienkreis einen Scderabend — mit den geisttollen und schönen Erklärungen ihres Gatten — mitzuerleben, konnte sich der Atmosphäre warmer jüdischer» so ganz ungekünstelter Hausfraulichkeit ebensowenig entziehen, wie die zionistischen, misrachistischen und im Frauenbund organisierten Frauen, die sie bei gemeinsamer Arbeit trafen, der Anziehungskraft ihrer Persönlichkeit. Ihre sehr schwere Krankheit hat sie nach Art wirklicher Frommen ergeben und ohne Klage getragen, unter einer von wirklicher Seelengröße eingegebenen schonenden Täuschung ihrer Angchörigen über den Emst ihres Zustandes bis zur letzten Minute. Ihre vielen Freunde, denen sie überaus treu ergeben war und denen sie eine unerhört ehrliche und auch hier stets zuverlässige Beraterin und Heilerin war, die alle Freuden und Leiden in wirklicher Anteilnahme wie eigene miterlebte, hätten dieser liebenswerten gütigen Frau, diesem immer für andere einsatzbereiten Menschen ein längeres Leben, das für sic gleichbedeutend mit der Arbeit einer esches chajil war, gewünscht. Möge ihr Andenken wie ihre Arbeit ein Segen sein! Hans Goslar. Die Aguda and die hebräische Sprache ״Israelit" gegen ,JKol Jliroel" Vor kurzem haben wir mitgeteilt, daß ״Kol Jisroel־•, das Organ der Agudas Jisroel in Palästina, die palästinensische Orthodoxie aufgefordert hat, bei der Volkszählung nicht Hebräisch, sondern Jiddisch als ihre Umgangsspräche anzugeben. Diese Nachricht hat begreiflicherweise das größte Befremden in der ganzen jüdischen Welt hervorgerufen. Der Gedanke ist zu grotesk, daß in dem Lande der Jüdischen Heimstätte, wo — eine der größten Errungenschaften des Judentums seit 2000 Jahren —- die hebräische Sprache als Staatssprache anerkannt worden ist, jüdische Kreise sich aus parteipolitischen Motiven an einem so gewaltigen gesamtjüdischen Gut versündigen sollten. Es ist nun interessant, daß das Organ der Agudas Jisroel, ״Der Israelit“ in Frankfort a- M., sich mit aller Entschiedenheit g c ״ <• n den betreffenden Artikel von ״Kol Jisroel“ ausspricht. Fr sei, so schreibt der ״Israelit“, obwohl der Artikel nicht gezeichnet war, lediglieh die persönliche Ansicht des Verfassers, und die Exekutive der Agudas Jisroel-Weltorganisation oder deren Rabbinischer Rat seien mit den Gedankengängen des Artikels nicht einverstanden. Der ״Israelit“ findet zwar entschuldigende Worte für den Verfasser, wir stellen aber mit Genugtuung fest, daß in der Sache der Standpunkt der Agudas-Leitung ein anderer ist, und man darf wohl erwarten, daß der Standpunkt der Zentralleitung sich in einer so wichtigen Frage, auch innerhalb der palästinensischen Landesorganisation der Aguda durch- Sitzen wird.

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