Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XXXVI (1931)
- Issue
- Heft 86 (6.11.1931)
- Date
- 1931-11-06
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 94% known words query
- IRI
…/2651273-2653252-2653333--22662-2680913- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Seite 513 JÜDISCHE RUNDSCHAU Nr. 86, 6. XL 1031 Zur Spaltung im Wcltmisradii Eine Erklärung Dr. WoHiberg* Der Austritt des deutschen Misrachi aus der Misrachi- Weltorganisation hat der Zentrale des Wcitmisrachi und der Leitung des polnischeif Misrachi ru Erklärungen Anlaß gegeben, die eine scharte Kritik des Schrittes des deutschen Misrachi enthalten. Der holländische und der schweizerische Misrachi haben ihre Solidarität mit dem deutschen Misrachi ausgedrückt und auch ihrerseits Schritte rum Austritt aus dem Wcltmisrachi• unternommen. Zu der nun entstandenen Kontroverse iührte der Führer des deutschen Misrachi, Herr Dr. Oskar Wolfsbcrg, in einem Gespräch mit dem J. T. A.•Vertreter folgendes ans: Das Ausscheiden des deutschen Misrachi aus dem Welt* misrachi bedeutet eine Konsequenz, die keinen Kenner der Auseinandersetzungen im letzten Lustrum, besonders aber seit 1 3'י Jahren, in Erstaunen setzen kann. Wenn in unserer Kritik die Mißwirtschaft und die U n z u i ii n g 1 i c h k e i t des M e r k a s Olami unterstrichen war, so geschah es, weil konkrete Ursachen doch am ehesten einleuchteii. Doch war das Hoffnungslose unserer Situation innerhalb der Föderation, daß die mit dem Merkas gegen uns stehende Mehrheit keine zufällige, sondern daß das Bündnis zahlenmäßig entscheidender Landsmannschaltcn mit dem Merkas durch Gemeinsamkeit der Anschauungen und Interessen begründet war, die keine Aussicht auf S\stemwec.hsel eröffnetc. Die traurige innere und äußere Lage des Misrachi, verschuldet durch das herrsehende System, das sinkende Ansehen, das auch die Idee mit in ihren Sturz verstrickte, weckten in uns und in maßgebenden Männern die Pllicht, selbständig aufzutreten und eigene Wege zu gellen. Unser Vorgehen hat, wie bekannt geworden ist, in 11cfreundeten Landsmannschaften Beifall gefunden. Das Ausscheiden des deutschen Misrachi ist kein Sondcrfall: Holland und die Schweiz, werden wahrscheinlich folgen. — Es liegt mir daran, daß unsere Aktion, so wenig sic eine spezifisch ,,deutsche'1 Angelegenheit ist, nicht etwa als eine ,,westliche“ im Gegensatz zum Osten aufgefaßt wird. Höchstens cm• piriSclwufäIJig ist sie im Westen entstanden. Aber an ihr wirken eine Reihe Menschen mit, die im Osten beheimatet sind und ihre Denkweise nie umgeschaltet haben. Auch ich würde, wenn hier grundsätzlich der Gegensatz. von östlicher und westlicher ״Mentalität, nicht: also das Problem einwandfreier und verantwortungsbewußter Organisationsfiihrung und Politik, zur Debatte stünde, mich für dc.11 Osten entschieden haben. Mit Nachdruck muß ich mich gegen falsche Internetationen wenden, die in Holland (F. Bernstein) und England (Jewish Chronicle, jedenfalls teilweise) von Zionisten versucht Worden sind. Der Austritt ist nicht erfolgt, weil wir die KongreBpolitlk und die Wcizmann-feindlicnc Haltung des Merkas und der Mehrheit des Misrachi ablehnen. Dieser Gegensatz hätte innerhalb der Partei ausgekämpft und durch Opposition beantwortet werden können. (Während cs übrigens in Deutschland keine Meinungsverschiedenheit über das Versagen der misrachistischen Führung, ihre Mißwirtschaft usw. gibt, wenn auch über die gebotenen Konsequenzen abweichend«: Auffassungen vorhanden sind, so ist kongreßpolitisch eine Differenzierung vorhanden. Auch unter den Gegnern der Weizmannschen Politik sind entschiedene Betör- Wörter des Austritts des deutschen Misrachi.) Ob bei solchen Unterstellungen nicht umgekehrt gewisse Wünsche zionistischer Strömungen sich zu erkennen geben, die die innermisrachistischc Diskussion ztr Unrecht in die allgemeine zionistische hineinzerren? Wir sind entschlossen, unseren Anhängern das Recht der eigenen Ueberzeugung nicht zu rauben, -.״.•.riWir.habeji Juis die Aufgabe geteilt, der Jdge; des, ihoratreuen ZionismüsGn Wort und Tat, Tn ‘G'esiiirt11־ng.'ünä; Leben in Treue zu dienen und durch Haltung und Leistung die zionistischc und nichtzionistischc jüdische Welt zur Hochachtung vor der nationalreligiösen Bewegung zu zwingen. Der Aufbau Ercz-Israels und die Wiedergeburt unserer Nation in diesem Geiste ist unser heißersehntes ZieL Der Beschluß des Merkas Olami und die gleichgerichtete Forderung des polnischen Misrachi, in Deutschland unserer selbständigen unabhängigen Organisation, die schon in diesem Monat sich konstituieren wird, einen Misrachi entgegen zustellen, der im Verband des Weltmisrachi sein, wird, kann uns in unserer Tendenz nicht irre machen. Jerusalem und Warschau, wo Rabbi Fischman gegenwärtig weilt, arbeiten nach vereinbarter Taktik. Die Absicht dieser Stellen ist entweder ernst: dann bedeutet sie zwar einen Widerstand; aber sie kann unser Vorhaben nicht aufhalten. Oder sie ist taktischer Natur: Abwehr und Geste; dann ist sie gewiß kein Hindernis aut unserem Weg. Endlich sei zum Ausdruck gebracht, daß wir, die wir nur aus einer Zwangslage heraus voll Schmerz den Wcltmisradii verlassen haben, die Wiedervereinigung mit ihm vollziehen werden, wenn die von uns geforderte Neuordnung der Dinge in der Weltorganisation durchgeführt sein wird. Stephen IVise und Gandhi Bei einem von den Freunden Gandhis in New York veranstalteten Diner hielt Dr. Stephen Wise eine Ansprache, in der er auf das von Gandhi dem ״Jewish Chronicle“ erteilte Interview (s. ״Jüdische Rundschau“ Nr. 77) Bezug nahm. Dr. Wisc betonte, daß die Judenschaft diese Bernerkungen Gandhis leider bedauern müsse. Wenn Gandhi den Zionisten zum Vorwurf mache, daß sie sich auf die britischen Bajonette stützen, so müsse man daran erinnern, daß die britischen Bajonette es waren, die die Araber Palästinas und der Nachbarländer von der türkischen Herrschaft befreit haben. Die Juden bedurften keiner Bajonette, bis zu den arabischen Massakers vom August 1020. Der jüdische Anspruch auf das Land ist uralt und Juden gehen nach Palästina nicht, um dort Wunden zu schlagen, sondern um das Land Wirtschaft-!ich, kulturell und geistig zu heben. Gandhis Rat, ein geistiges Jerusalem an die Stelle des weltlichen zu setzen, könnte auch anderen Völkern, z. B. dem indischen Volk, gegeben werden. Palästina bedeutet sehr vielen Juden genau dasselbe, was Indien für Gandhi bedeutet Ein solches Unternehmen wie der Wiederaufbau des jüdischen Lebens in Palästina müßte normalerweise den Segen eines Mannes wie Gandhi und aller freiheitsliebenden Menschen haben. Vor einigen Tagen hatten übrigens die Herren Soko- 'low und Brodetsky in London eine Unterredung mit Gandhi, in der die Grundgedanken des Zionismus dargelegt wurden. Es ist nur bedauerlich, daß durch die unseriöse Veröffentlichung des ״Jewish Chronicle“ die Oeffentlichkeit verworrenc Eindrücke von Gandhis Haltung bekommet! mußte. Jerusalem, 3. November. (J. T. A.) Während einer in Tel-Awiw abgehaltenen revisionistischen Kundgebung gegen die Teilnahme der Juden an der palästinensischen Volkszählung wurden der Führer der revisionistischen Jugend- Organisationen in Palästina, Akhi Mayer, und der Redakteur der revisionistischen Tageszeitung ״Haam“, Jevin, sowie sieben andere Teilnehmer an der Kundgebung von der Polizei verhaftet. Zwei der Verhafteten wurden gegen eine Kaution von je 20 Pfund frei gelassen, während Akhi Mayer, Jevin und die übrigen Verhafteten laut Anordnung des Polizeirichters weitere vier ,Tage in Haft behalten werden sollen. In aller Kurze Der 2. November, der Jahrestag der Balfour-Dckiaration, der sonst in Palästina durch arabische Streiks und Manifestationen gekennzeichnet war, tot in diesem Jahre vollkommen ruhig verlaufen. ln einer Sitzung der Arabischen I: xe k 111 i v e wurde vorige Woche ein ausführliches Programm zur Unterstützung der arabischen Wirtschaftsunteriichmungen und zum Boykott aller jüdischen Produkte Palästinas heschlossen. Auch Importwaren sollen soweit als möglich bovkottiert werden. Zur Förderung der arabischen Produktion soll eine Ausstellung arabischer Produkte in Palästina veranstaltet werden. Gemäß den Vorschlägen der ()'Donnel-Sparkominissioii sollen, wie verlautet, 50 ältere und 250 jüngere R e gier 11 n׳g s - beamte in Palästina a b g c b a u t werden. Der bisher unaufgeklärte Ueherfall, der sich i!n April d. J. hei der jüdischen Kolonie Jadschur an der Straße nach Haifa ereignete und dem drei jüdische Arbeiter nun Opfer fielen, bat nun nachträglich noch ein Opfer gefordert: F?reina llalpcrin, die hei der Schießerei c r h c b 1 i e 11 verletzt wurde, warf sich vor einigen Tagen vor einen fahrenden Zug 11 ruf wurde getötet. Sie hatte hei dem Ueherfall einen schweren Nervencliock erlitten, von dem sic sich nicht mehr erholt hat. Sie verfiel in eine schwere Gemiitsdepression, die sie mm zum Selbstmord trieb. Das Begräbnis fand in Haifa unter großer Beteiligung der Arbeiterschaft statt. Unter den Kandidaten fiir einen der holten Jusli/posten in der neuen Regierung wird auch Sir Boyd M e r r i m a 11 genannt, der konservative Abgeordnete, «leer bekanntlich als Rechtsvertreter der Jewish Agency vor der Shaw-Kommission fungiert hat. Professor Dr. Franz O p ין c n 1! e i m c r wird sich ein halbes Jahr in Palästina aufhaltcn und wird an der Universität und außerhalb derselben Vorlesungen mit dem Titel ״Gegen Kapitalismus und Kommunismus“ halfen; dies ist: auch der Titel seines neuen Werkes, das demnächst in Buchform erscheint. — Oppenheimer hat der Bibliothek der Hebräischer! Universität 2000 Bände, den Hauptteil seiner großen Wissenschaftliehen Sammlung, geschenkt. Bei der Inaugurations-Feier der Hebräischen Universität Jerusalem für das kommende Wintersemester sprach der Vorsitzende der geisteswissenschaftlichen Fakuliät, Prof. Klein, sein Bedauern über die geringe Zahl der gegenvvärtig die Universität besuchenden Studeiit c 11 aus. Die meisten dieser Studenten leben unter matcricll sehr schwierigen Bedingungen, und es ist ein Verein zu ihrer Unterstützung gegründet worden, der jedoch nicht viel leisten konnte. Den Eröffnungsvortrag des Semesters hielt der ncuernannte außerordentliche Professor der Zoologie, Dr. F. Bodenheimer, über die Umbildung dgr Arten vom modernen Gesichtspunkt. Auf der Jahresversammlung der Londoner Orient-Mission hielt der Erzbischof von Canterburv eine Rede über seine Palästina-Reise, worin er feststellt, daß seit dem Jahre 1190 11. Chr. kein Inhaber seines Amtes das Heilige Land betreten hat. Trotz der anfänglichen Proteste des Vatikans gegen seine Reise habe er, da er sich von kirchliehen Handlungen am Heiligen Grabe fernhielt, eine iierzliehe Aufnahme beim lateinischen Patriarchen gefunden. Im weiteren Verlauf seiner Rede wes der Erzbischof darauf hin, daß die wachsende S p a n n u 11 g zwischen Juden und Arabern eine furchtbare Schwierigkeit für die Vcrwaltungstätigkeit der Mandatarmacht darstellt. Von dem englisehea Keren H.ijessod wurde «in weiterer Betrag von £ 1700 für den Aufbau der Siedlung* Ramath David im Emek (früher Sarona-Hascharon) überwiesen. Die Siedlung führt den Namen Lloyd Georges, Julius Simon und Dr. Hexter gaben ihre Zustimmung zu dem zwischen der Hypothekenbank der Palestine Economic Corporation und einer Arbeitergruppe geschlossenen Vertrag betreffend den Bau der ersten 113 Häuser im neuen Arbeiterviertel zu Haifa, Laut dem Vertrag muß der Bau dieser Häuser binnen neun Monaten beendet sein. Emir Abdullah von Transjordanieu beabsichtigt, in der nächsten Zeit eine Pilgerfahrt nach Mekka zu unternehmen. Abdullah ist bekanntlich ein Sohn des chemaligen König Hussein, der 1925 von Ibn Saud aus Mekka vertrieben wurde. Obwohl versichert wird, daß die Pilgerfahrt einen rein religiösen Charakter trägt, ist diese Reise doch auch politisch nicht ganz uninteressant. Bei den Wahlen zum schweizerischen Nationalrat (Pariament) wurden zwei jüdische Sozialdemokraten, Rechtsanwalt Dr. David Farbstein־Zürich und *Rechtsanwalt Dicker- Genf wiedergewählt. Für den Kandidaten einer antisemitischen Gruppe in Genf wurden mir wenige Stimmen abgegeben. (Dr. Farbstein ist Präsident der Schweizer Liga für das arbeitende Palästina.) Anläßlicli des ersten Jahrestages des Todes des palästinensischen Architekten Prof. Alexander Baerwald, des Erbauers des Haifaer Technikums, der auch ein großer Musikliebhaber und talentierter Cellist war, fand im Saal des Haifaer Technikums ein Gedächtnisabend statt, auf weichem das Jerusalemer Streichquartett, bei dessen Aufführungen der Verstorbene sehr häufig mitwirkte, ein Mozart-Konzert gab. Industriellen •Verband und Exekutive Auf Einladung des jüdischen Industriellen- Verbandes Palästinas fand eine Konferenz der Vertretcr des Verbandes mit dem Mitglied der Jewish Agency- Exekutive, Dr. Ariosoroff, unter dem Vorsitz von Herrn Sclienkar, in Tel-Awiw statt. Mehrere Redner des Industriellen-Verbandcs formulierten ihre Fordeningen an die Zionistische Exekutive, insbesondere Hilfe bei der Er- Schließung neuer Märkte zur Vergrößerung des Exportes, bei der Propaganda für inländische Produktion, bei Verhandlungen mit der Regierung über Zollfragen usw. Es wurde betont, daß die Industrie heute schon etwa ein Drittel des ganzen Jischuw ernährt. Obwohl die Industrie für die Steigerung der Aufnahmefähigkeit des Landes die größte Bedeutung hat, sei ihr bisher nur eine geringe Unterstützung seitens der Jewish Agency zuteil geworden. Die Verkürzung des Budgetpostens für Industrie bei der Exekutive habe eine ungünstige psychologische Wirkung hervorgerufen. Der Industriellen-Verband äußerte auch den Wunsch nach ständigen Zusammenkünften mit Vertretern der Exekutive. Dr. Ariosoroff versicherte in seiner Antwort, er sei gern bereit, jedem Wunsche des Industriellen- Verbandes nach einer Besprechung schwebender Fragen nachzukommen. Das politische Department der Exekutive werde stets den Interessen der Industrie zur Verfügung stellen. Der Budgetposten fiir Industrie sei bisher nicht gekürzt worden, doch müsse über seine Verwendung der Industriellen- Verband mit dem zuständigen Ressort der Exekutive verhandeln. Im weiteren Verlauf der Besprechung wurde auch die Frage der beabsichtigten Handelsdelegation nach England berührt. Die ganze Besprechung verlief, wie die palästinensischen Blätter hcrvorhebeti. in dem Geiste gegenseitigen Verständnisses. Helldorf«Proze6 und Hitler-Besudic Während der Prozeß gegen Helldorf und Genossen vor dem Charlottenburger Schöffengericht einen schleppenden Verlauf nimmt und die Zeugenein Vernehmung immer wieder bestätigt׳, daß die Aktion eine rein antisemitische war und die ״Erwerbslosigkeit“ bloß als Vorwand gedient hat, bereiten sich in Deufschland verschiedene Dinge vor, deren Entwicklung unter Umständen, die jH/t als noch nicht vorhanden erklärt werden, /וי einer 1 ierrni/iehiing der Nationalsozialisten zur Verantwortung führen wird. Wir haben sofort nach den Vorfällen am 12. Scptbr. darauf liingcw icscn.daß psychologisch eine Mitschuld an derMogliclikeit derartiger Vorkommnisse hei der Rciehsrcgierung liegt, die seit länger als einem Jahre niemals in entschiedener und klarer Weise zu in Ausdruck gebracht hat, wie sie sich zu den Nationalsozialisten stellt. Wir haben die nationalsozialistische Partei als potentielle Regierungspartei bezeichnet. Eine Woche später mußten wir, gestützt auf neue Erfahrungen, ausdrücklich die Reidisregierufig interpellieren, warum sie nicht entschieden ein Wort der Verurteilung gegenüber diesen von langer Hand vorbereiteten Exzessen gegen die jüdische Bevölkerung im Bcriiner Westen gefunden hat. Der Verlauf der weiteren politisehen Entwicklung' in Deutschland hat unsere Auffassung bis- 11er bestätigt. In verschiedenen jüdischen Kreisen wirkte die Tatsache, daß der Führer der Nationalsozialisten vom Reichs- Präsidenten empfangen, daß die nationalsozialistische Partei vom Reichskanzler Brüning in seiner zweiten Reichstagsrede sehr sanft behandelt und *daß schließlich Adolf Hitler vom einflußreichsten Rcichswchrgeneral Schleicher mit einem Frühstück traktiert wurde, konsternierend. Man stellte Fragen (z. B, in der ״C.-V.-Zeifung“), wieso es möglich sei, daß man die NationalsoziaÜsfen als vcrhandhingsfähig betrachtet, obwohl ihre Führer und ihre Presseorgane den kulturlosesten Judenhaß predigen. In dieser Fragestellung liegt eine restlose Verkettn 11 n g der j ii d i s c 11 e 11 S i 111 a t i o 11 und der wahren Verhältnisse in Deutschland. Die Rücksicht auf die Juden oder auf Judenfeindscliaft von Politikern stellt heute bei politischen Erwägtingen nicht im Vordergrund. Es ist eine bittere Erkenntnis, die mail sich doch nicht voreutlialten darf: Ein ungeheurer Teil des deutschen Volkes, vielleicht sogar dessen Mehrheit, ist nicht nur der Ucherzeugung, daß die Rolle der Juden überflüssig, sondern daß sie schädlich ist. Und weil diese Ueberzeugnng weit über die Kreise der antisemitischen Parteien in Deutschland liinausreicht, ist die Tatsache, daß Hitler und seine Gefolgschaft radikal-antisemitisch sind, nicht ausschlaggebend. Die Judenfragc ist für die Juden eine zentrale Angelegenheit, für die Nichtjuden aber nur e i n Problem neben vielen anderen. Auch Parteien, Gruppen und Persönlichkeiten, die selbst nicht als Antisemiten gelten wollen und kein antisemitisches Programtti akzeptieren, werden sich durch den Antisemitismus einer politisch mächtigen Gruppe, auch wenn sie ihn mißbilligen, nicht abhalten lassen, mit diesem Machtfaktor politische Verhandlungen zu führen. Hält man sich das alles vor Augen, so muß man sich sagen, daß der Ausgang von Prozessen gegen Nationalsozialisten unter den gegebenen Umständen irrelevant ist. Mit einer Verurteilung des Grafen Helldorf und seiner Genossen wird in den Augen der Mehrheit der deutschen Oeffentlichkeit keineswegs die nationalso/ialistische Partei ״diskreditiert“ oder außerhalb von Regierungs-Kombinationen gestellt. Es ist darum im Grunde genommcn belanglos, alle Einzelheiten des Helldorf-Prozesses wiederzugeben, die die antisemitische Gesinnung der Angeklagteil und ihres Kreises illustrieren oder beweisen, daß die Nationalsoziaiistcn die Exzesse planmäßig vorbereitet und organisiert haben. Auch wenn das restlos erhärtet und durch einen Urteilsspruch bestätigt sein wird, so wird das nichts an der politischen Sachlage ändern. Iraks Unabhängigkeit und die Minderheitenfrage G e n f, 3. November. (J. T. A.) Die Permanente Mandats- Kommission des Völkerbundes befaßte sich heute mit dem Jahresbericht des Mandatars für den Irak. Sir Francis Hum- 11 r y s, der britische High Commissioner für den Irak, erlärte u. a.: ״Ini Irak gibt es keine religiöse Verfolu 11 g, die Geschichte des Landes ist eine Geschichte religiöser oieranz. Moslems, Juden und Christen leben seit Jahrhundertc« freundschaftlich zusammen. Weshalb sollte man annehmen, daß eine Wendung zum schlechteren kommen könnte? Ich vertraue darauf, daß, wenn der Völkerbund jetzt Vertrauen in den guten Glauben der Irak-Regierung setzt und von ihr hinsichtlich des Schutzes der Minderheiten keine anderen Gar antien verlangt, als wie sie von souveränen und unabhängigen Staaten übernommen werden können, er dieses Vertrauen ni cht getäuscht sehen wird.“ Ein gestürzter ,Jüdischer“ Wirtsdiaftsführer. Der Krotoschiner Ludwig Katzenellenbogen, der Gewaltige des Schultheiß-Patzenhofer-Konzems, der Gatte der Künstlerin Tilla Durieux, der Mäzen Erwin Piscators, ist durch Fehlspekulationen von seinem Generaldirektorssockel gestürzt In der Rechts-Presse wird wieder einmal davon gesenrieben, daß ein ״jüdischer Wirtschaftsführer“ durch seine Machtgier und Zügellosigkeit Unglück über viele vertrauensvolle Aktionäre der von ihm geleiteten Werke gebracht hat Ludwig Kafzenellenbogen ist längst aus dem Judentum ausgetreten. Seine Kinder hat er taufen lassen. Er pflegte sich gern mit adligen Sekretären zu umgeben und war stets bcgierig, in der ״vornehmen“ Gesellschaft eine Rolle zu spielen. Mit Judentum und jüdischen Dingen hatte er persönlich nichts gemein. Ludwig Katzenellenbogen ist — seine wirtschaftliche Bedeutung, seine wirtschaftlichen Großtaten und Fehlleistungeti interessieren uns in diesem Zusammenhänge nicht — ein abgefallenes Reis des jüdischen Stammes und hat nur für das Judentum die Bedeutung, daß er in der judenfeindlichen Agitation neben anderen ähnlichen ״jüdischen“ Wirtschafteführern als Typus des, wie die Nationalsozialisten sagen, ״raffenden“ Kapitalisten genannt wurde. Das jüdische Konto hat er also gleich vielen anderen aus ähnlichen Krotoschiner oder anderen Verhältnissen hervorgegangenen jüdischen Fahnenflüchtigen schwer belastet Vom jüdischen Standpunkt aus betrachtet, ist Ludwig Katzenellenbogen eine jüdische Entartungserscheinung in dem Sinne, daß viele unsympathische- Züge in seiner öffentlichen Betätigung nicht auf sein Judentum, sondern auf den Minderwertigkeitskonipfexdes jüdischen Fahnenflüchtigen zurückzuführen sind. Sein menschlicher Weg ist der des typischen Assimilanteii und Freigelassenen, wie die Geschichte ähnliche Beispiele schon in den freigelassenen Sklaven des alten Rom zu verzeichnen hat Auf der Flucht vor Ghetto und Judentum gelangte Katzcnellenbogen in die ״vornehme“ Gesellschaft und in das Reich der Mäzene, die Richtungen und Leute bezahlen, welche ihnen ins Gesicht spucken״ Im Grunde genommen also keine tragische, sondern nur eine tragikomische Figur. Tragisch ist allein die Lage des Judentums, das auch für die Taten derartiger Abkömmlinge noch verantwortlich gemacht wird. s, n. i t »L f l!f;f ff. 1 ־־; r.;