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Jüdische Rundschau · 1931-11-03 · Heft 85 (3.11.1931) · page 3

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
XXXVI (1931)
Issue
Heft 85 (3.11.1931)
Date
1931-11-03
Page
– (sequence 3)
Language
German
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Nr. 85, 3. XL 1931 JÜDISCHE RUNDSCHAU Seite 309 Ist der wirtschaftliche Anreiz zur Investierung von Kapital nicht groß genug, so müssen den Kreditgeber Vorteile anderer Art locken, wenn, er trotzdem zur Hrrganc von Geld bewogen werden soll. Der Kreditnehmer trmß also diejenige Politik wählen, die ihm den von ihm erstrebten Anleihemarkt öffnet. Alle großen Finanzoperationen waren immer von politisehen Aktionen begleitet oder es gingen ihnen solche voraus. In dem Augenblick, in dem ein Staat sein Anlciltebeditrfnis auf dem ״inneren Markt“‘ nicht mehr befriedigen kann, gerät er ins Schlepptau einer fremden Politik. Allerdings ist die Bindüng zwischen Gläubiger und Schuldner wechselseitig, ela das Interesse des Gläubigers an dem Schicksal des Schuldners seine politische Preisgabe an eine dritte Macht verhindert. Tritt die Jewish Agency 11u!1 als Kreditnehmer auf den freutden Märkten auf, so ist sie diesen ungeschriebenen Gesetzen der Gläubiger-Schuldner-Konstellation noch mehr unterworfen als jeder Staat, weil sie schwächer ist als jeder Staat. Gleichgültig, ob England, ob der französische Markt oder der Völkerbund als Kreditgeber in Funktion treten würden, gleichgültig, ob die Jewish Agency seihst oder jüdische Wirtschaftsgruppen die Kreditnehmer sein würden, immer müßte sich unsere politische Situation grundlegend ändern. Wir bitten wohl mit dem Interesse des Gläubigers an unserem Schicksal zu rechnen, aber wir könnten uns in unserer Außenpolitik seinen Einflüssen nicht entziehen. Das gilt insbesondere auch dann, wenn unsere ohnehin bereits bestehende Abhängigkeit von England durch steigende finanzielle Inanspruchnahme des britisch«! Schatzes und Geldmarkt« zu einer erdrückenden würde. Augenblicklich ist eine solche Entwicklung angesichts der kritischen Wirtschaftslage Großbritanniens allerdings unwahrscheinlich. Denn weder der englische Schatz noch die englischen Banken kommen für absehbare Zeit als Geldgeber' in Betracht. Trotzdem ist es bei günstiger Lösung insbesondere des Wäimingsprobiemes nicht ausgeschlossen, daß gerade die in der Colonial Dcvclopment Äd 1929 vorgesehenen Mittel, die an und für sich schon gering sind, nicht weiter gekürzt werden, da sic zur Förderung des britischen Handels bestimmt sind. Ob aber die .,Colonial Development Ad 1929“, die Arlosoroff in seinem bekannten Kongreß-Referat zitiert hat, auf , uns angewandt werden kann, ist sehr zweifelhaft. Der Mechanismiis, der den Weg zu diesen Mitteln erschließt, ist zudem ziemlich kompliziert. Aber vor allem bestehen rechtliche Schwierigkeiten auf Grund des Art. 18 des Palästina- Mandats. Denn da das Gesetz die Kreditgewährung an öffentliehe Hand, Einzelpersonen oder Körperschaften in Kolonien, Mandatsgebieten und Protektoraten in Anlehnung an die alten ,.Colonial Stock Acts“ von 1877 und 1900 nur gestattet, wenn der Handel und die Industrie Großbritanniens dadurch gefördert werden, so ist dadurch der Grundsatz der wirfschaftlich en Gleichberechtigung der Mitglieds- Staaten des Völkerbundes*) und infolge des Sondervertrages der U. S. A. mit der Mandatarmacht erschüttert. Wir werden uns also nach anderen Kreditgebern Umsehen müssen, wenn wir Erfolg haben wollen. Die Frage, ob eine Anleihe in Frankreich und den Vereinigten Staaten, beim Völkerbund oder als jüdische N a t i o n a I a 111 e i h e zu placieren ist, verdient ernsthafte Untersuchung. An dieser Stelle können natürlich nur einige Voraussef/ungen geprüft werden. Eine jüdische Nationalanleibe muß von vornherein daran scheitern, daß cs unmöglich ist, ihr die Form einer Staatsanleihe zu geben und ihr Zugang zu den Weltbörscu 7.u verschaffen. Dazu fehlt uns das wirtschaftliche Fundament des Staates. Eine Anleihe aber, die eine ״getarnte Sammlung“ ist, ist ein schlechteres Finanzierungsinstrument als eine Sammlung und würde als Folge nur die Fonds verdrängen, statt sie zu ergänzen. Anders steht cs mit einer französischen oder amer i k a n i s c b e n Anleihe. Sie wäre unter schweren Bedingungen vielleicht zu erhalten, wenn die wirtschaftlichen und politischen ,Vorbereitungen getroffen worden sind. Aber sie wären ein hochpolitischer Akt, da sie eine Abhängigkeit der Jewish Agency von einer dritten Macht resp. fremdem Kapital zur Folge hätten und daher die Beziehungen zu England schwer erschüttern würden. Fis ist nicht anzt>nehmen, daß ein solcher Schritt im Einverständnis mit der Mandatarmacht erfolgen könnte oder von ihr nicht hintertrieben werden würde. Wegen seiner politischen Bedenklichkeit ist dieser Weg kaum gangbar. Dagegen würde eine Völkerbund sanlcihc bei dem Mandatar keinen Widerstand finden, und auch seitens des Völkerbundes, zu dessen spezifischen Aufgaben nach den vom Finanzkomitee aufgestellten Grundsätzen in erster Linie ,.Flüchtlingsanleihen“ gehören, könnten prinzipielle Einwendüngen nicht erhoben werden. Um eine solche Anleihe zu erlangen, wäre aber aktive Hilfe von seiten Englands notwendig, sei es lediglich diplomatische, sei es die Bereitschaft, als Garant zu bürgen, und diese Unterstützung ist es, die unsere Politik in London der Jewish Agency erkämpfen muß. Da das Projekt nicht neu ist, — leider ist von Weizmatius Versuchen, cs vorwärts zu treiben, und den Gründen des Schriterns Näheres nicht bekannt. — so wissen wir immerhin, daß die Schwierigkeiten, soweit sie finanzieller Natur waren, kleiner nicht geworden sein können. Um so intensiver wird es diesmal betrieben werden müssen. Der Völkerbund als solcher tritt bei den sogenannten Volkerbundsanleihen nicht selbst als Geldgeber auf. Bei der österreichischen Völkerbiiiidsauleihe von 1023 wurde der Weg der Garantie durch acht Regierungen, der Emission durch eine Reihe von Banken (nicht die betreffenden Staatsbanken) gewählt, bei der griechischen Flüchtlingsanleihc von 1021 autorisierte der Rat die griechische Regierung gegen entsprechende Pfänder (Monopole, Zölle usvv.) eine Anleihe von 12 50(1000 £ aufzunehmen, während die Emission durch Speyer K Co., N'cw York. Hambro’s Bank, London, und die griechische Nationalbank erfolgte. Dafier müssen sich die diplomatischen Vorbereitungen auf alle in Betracht kommenden Garanten resp. Geldmärkte erstrecken. In Genf haben sie sich erst in dem Stadium zu konzentrieren, in dem das Finanzkomitee des Völkerbundes hereits die finanztechnischen Probleme prüft. Wenn wir berücksiehtigcn, daß der Anteihebetrag wesentlich kleiner als der der österreichischen (5S5000000 Goldkronen) aber auch als der oben schon genannte der griechischen wäre, so sind auch bei der gegenwärtigen schlechten Lage der Geldmärkte die Vorarbeiten um ein Beträchtliches weniger umfangreich. Sind die Hauptschwierigkeiten überwunden, die darin liegen, daß die Jewish Agency cs weder mit der österreichischen, noch mit der griechischen Regierung, was ihre Ankiliefähigkeit an betrifft, insbesondere durch das Fehlen sicherer laufender Einnahmen, aufne.hmen kann, und infolgedessen die Gewinuung von Garanten schwieriger sein muß, so dürfte kein entscheidendes Hindernis mehr entstehen. Wie die Dinge heute aber liegen, hat jede Anleihe- Verhandlung davon auszugehen, daß die Pfänder, die die Jewish Agency stellen kann, hauptsächlich, wie erörtert, Immobiliamfändrr sind, während eine L mnahinenverpfändung der F:önas teils ihrer Unsicherheit, teils ihrer Geringfähigkeit wegen, nicht, zweckgerecht erscheint. Wir müssen also ein neues San R 0 m o erstreben, dieses Mal aber ein tinan- *) Siehe ausführliche Erörterungen des Rechtsproblemes in Ernst Marcus ״Palästina — ein werdender Staat‘•‘ Seite 100. Der Verfasser bekämpft dort die seines Erachtens zu enge Interpretatiön des Art. 18 seitens der Mandatskommission. ziellos, wobei uns zustatten kommt, daß das Mandat, damals erst von den Hauptmächten beschlossen, heute als eine Ver• pflichtung aller Völkerbundsmitglicder längst besteht und eine Angelegenheit von internationaler Bedeutung ist. Freilich, auch dies San Remo hängt wie das politische von der Opferwilligkeit ab, mit der das jüdische Volk hinter uns stellt. Sie mußte nicht mehr durch Deklarationen erhärtet, sondern auch bewiesen werden, von dem Jischuw durch Zusatnmenfassung seiner gesamten Finanzkraft, von der Diaspora dadurch, daß das jüdische Volk eine Quote der Anleihe als jüdische Nation,״iLinleihe übernimmt und die Verzinsung der Gesamtanleihe sicherstellt. Ein Auf bau plan für mindestens drei Jahre muß für die Kredit-Gewährung die notwendigen Voraussetzungen festlegen. Wenn der Völkerbund uns hilft, unsere Finanzkrise unter Einsatz von verhältnismäßig geringen Mitteln zu überwinden, so wird er sowohl der Wichtigkeit der für alle Nationen bestehenden jüdischen Frage wie der Aufgabe Rechnung getragen haben, das Palästinaproblem einer gesunden Lösung entgegeuzuführen. Dies ist nur dadurch zu erreichen, daß das Palästinamandat und die darin enthaltene Balfourdeklaration mit ruhiger und unbeirrbarer Sicherheit erfüllt werden. ״Psychoanalyse eines Volkes“ Das ״Wiesbadner Tagblatt“ berichtet in sauer Ausgabe vom 23. Oktober über einen Vortrag S h in a r y a L e v i n s in Wiesbaden folgendermaßen: ״Augustinus sagte einmal: Ich fürchte den Leser eines Ruches. Er meinte damit den Leser der Bibel. Sie enthält die Weisheit von Jahrtausenden, man schöpft sie nicht aus, sie wächst mit einem in jedem Lebensalter• Der Dichter und Philosoph S h m a r y a L e v i 11 ist aus der Bibel geworden. Mit der Versonnenheit des Russen, der Intuition des Dichters und der Inbrunst des Mystikers schöpft er aus diesem uncrschöpfliciicti Quell. Shmarya Levin sprach gestern im Katli. Gesellenhaus über das Thema ״Die Psychoanalyse eines Volkes“. Es war ein Genuß, ihn sprechen zu hören. Wie sich im Munde dieses religiös inbrünstigen Menschen die Gedanken auch in der ihm fremden Sprache runden, wie in der Form des Lehrgespräches Wissen und Träumen, Wirklichkeit und Hoffnung, Humor und Philosophie zum Ganzen runden, war ein Erlebnis. Der Leitgedanke seines Vortrages war: der Traum eines Volkes ist seine Wirklichkeit. Es ist der Sinn der Geschichte, den Nachweis dafür zu liefern• Wie das geistige Leben des Menschen nicht bloß aus zwei Etagen, dem Bewußtsein und Unbewußtsein besteht, sondern aus einem Wolkenkratzer bewußter und vielen Kellergcwölbeti unbewußter und verdrängter Erlebnisse besteht, wie die Konflikte im persönliehen Leben aus dem Zusammentreffen der beiden Reihen entstehen, nicht anders ist es in der Geschichte eines ganzen Volkes. Zwischen dem Friedhof seiner Vergangenheit und den Träumen seiner Zukunft lebt cs seine Gegenwart und seine Konflikte. Und nicht nur das Volk. Auch der Einzelne im Volke. Es gibt gar keinen Einzelnen•, der Mensch ist ein histarisches Produkt. Wie im biologischen Geschehen, im Einzelwesen, im raschen Tempo die ganze Entwicklungsgeschichte seiner Natur sich wiederholt, so in der Einzeldarstellung des Einzelnen in raschem Tempo die Geschichte seines Volkes. Das, was Lcvin Traum nenn(, findet er in den markanten Gestalten des Alten Testamentes. Nur der ganz Schlechte gibt sich seelisch aus. Im guten Menschen bleibt ein Raum Jürs Träumen. Es waren geistige und rhetorische Glanzpunkte, wo dies der Dichter Levin an der. ׳geistigen Struktur Heines nachwies, der sein Leben lang den Rhein besungen, aber seine letzte Träne dem Jordan vermacht habe. Und der andere Nachweis aus der Geschichte der osteuropäischen Juden in den letzten 50 Jahren• Ihre Wirklichkeit ist zerronnen, ihr Traum ist Wirklichkeit geworden, der Traum eines Volkes ist seine Wirklichkeit.“ In aller Kürze Der vor kurzem verstorbene Morris Wohl in New York hat die Hälfte seines auf 750 000 bis eine Million Dollar geschätzten Vermögens dem Jüdischen Nationalfonds!unterlassen. Das Kapital wird aber erst in frühestens zwei Jahren realisiert werden können. Musa Kazim Pascha, der Präsident der Arabischen Exekutive, teilte in einer Kundgebung mit, daß die Exekutive im Hinblick auf die schwere Zeit beschlossen hat, am 2. November d. J., dem Jahrestag der Balfour-Deklaration, keinen Generalstreik zum Protest gegen Balfour-Deklaration und Mandat stattfinden zu lassen. Die ägyptische Presse nimmt scharf Stellung gegen den nach Jerusalem einherufenen allmoslemischen Kongreß und sein Programm. Sie erklärt, daß die ägyptisehen Moslems an moslemischen Angelegenheiten außerhalb Aegyptens nicht interessiert sind und daß nur ganz wenige der eingeladenen ägyptischen Notabein am Jerusalemer Kongreß teilnehmen werden. Hilfsverein der Deutschen Juden. Vor kurzem fand unter dem Vorsitz von Dr. James S i 111 o n eine stark besuchte Sitzung des Geschäftsführenden Ausschusses statt. Nach Glückwünschen für Dr. Simon zti seinem 80. Geburtstag und einer Dankrede des Jubilars erstattete der Generalsekretär Dr. Wischnitzer Bericht über die Arbeit seit Beginn des Jahres. In den ersten neun Monaten des Jahres 1931 sind durch den Jüdischen Bahnhofsdienst am Schlesischen Bahnhof in Berlin, der vom Hilfsverein seit zehn Jahren geleitet wird, 1 1 268 Per- Sorten gegangen, darunter (>539 Männer, 4923 Frauen und 2806 Kituier; über Neu-Bentschen gingen im gleichen Zeitraum 2945 Durchwanderer, über Hamburg rund 1800, über Bremen 1300. Für Auswandererfürsorge wurden 66 018 M. aufgewendet, mit den Aufwendungen des Jahres 1930 169 789,50 Mark. Das Waisenhilfswerk und die Unterstützungen notleidender jüdischer Studierender in Deutschland erforderten 16 849 M., mit den Aufwendungen des Jahres 1930 46 579,25 Mark. 111 Litauen fand die Grundsteinlegung des Kinderhauses in Kowno statt, für das vom Hilfsverein im ganzen 22 000 M. aufgebracht wurden, ln Polen wurden zu den .30 000 M., die im vorigen Jahre bereits bewilligt wurden, weitere 20 000 M. gewährt, um fünf Ferienkolonien für Kinder der ärmsten Schichten der Bevölkerung zu errichten. Für das Kulturwerk in Rumänien wurden für das Schuljahr 1930/31 rund 18 000 M. verwendet. Für den Ausbau eines hygienischsanitären Apparates in den neugegründeten Kolonien in Rußland wurden über SO000 M. aufgewendet. Außerdem wurden zur Linderung der Not der von einer Wasserkatastropbe nördlich von Wilna betroffenen jüdischen Gemeinden 4000 M-, sowie des durch einen Brand zerstörten alten jüdisehen Gemeindewesens in Plungiany in Litauen 2400 M. überwiesen. - Hierauf wurde von Dr. Wischnitzer der Bericht der Kommission für die Haffkine-Stiftung erstattet. Dr. Wischnitzer hat drei längere Informationsreisen unternommen, nach Litauen, Polen, Karpathorußland, Rumänien, Ungarn und der Tschechoslowakei. Die Kommission bewilligte verschiedene Subventionen an Jeschiwoth in diesen Ländern. Es zogen drei Juden ... Von E! e a s a r Lubrany. Nein, nicht über den Rhein zogen sie. Das hätten ihre Väter schon für sie besorgt. Fs kann aber auch eine andere Grenze ״eweseri sein ... sie aber zogen in den Tonfilm ein. Sie heißen: Alfred Polgar, Fritz Kortner und Max Pallenberg. Und ihr Werk heißt: ״Der brave Sünder“. Im abgcholzten, geebneten (asphaltierten fast) Tonfilmwald der europäischen Lande ward ein Rlümlcin gezüchtet, das gar anders ist. Ein exotisches Rlümlcin, ohne Farbenpracht, ohne Sonnenglut und Gott sei’s gelobt! - ohne süßliche, schelmische Melodei. Ein schlichtes Menschenwerk, ein schlichtes Menschendasein darstellend. Die Oeschichte eines braven Sünders, dessen Sündenregister das unsere weder übersteigt noch unterbietet. Das Schicksal eines Menschen aus unserer Mitte, ohne sonderliche Gnade noch Auserwähltsein. Ein leichtes wäre es für diese drei Meister, einen großen Stoff anzupacken, ihn zu meistern und das Epos eines großen Heldern draus zu schaffen. Wiewohl dieses Gebiet schon ziemlich abgegrast ist. Die Dubarrv, die Pompadour, die Schöne Helena . . . Aber immerhin bleiben ja noch die Dali Iah, die Königin von Saba und die Courts Mahler . . . Diese drei Juden aber begnügten sich mit einem düsteren Winkel und fischten da eine Gestalt auf, die - weiß Gott - nicht minder dramatisch und schicksalsvoll ist, als die besagten Dainen. Ein kleiner, armseliger Kassierer wird ins undurchdriiigliehe Geäst der hohen Finanz verwickelt, wird hineingestoßen, stolpert, fällt, richtet sich wieder auf. Und all dieses ohne eigenes Wollen, unverschuldet, sich unwürdig wähnend sowohl des Guten als des Bösen, das an ihm geschah. Und gleich hier wird unser allzu reizbarer jüdischer Instinkt regsam. Demi dieses Schicksal, dieses unfreiwillige, beinahe lästige Auserwähltsein mutet uns an wie Heimatsklänge. Und auch die Sünden dieses Heiden haben mit den unseren etwas verwamites. Wie sehen die Sünden dieses braven Mannes aus? In Erwartung des Flerrn Direktors, der inzwischen defraudiert hat, gerät der Sünder in ein Dancing, das Ihm sämtliche, im Unterbewußtsein ersehnte, Wonnen dieser Erde zuteil werden läßt. Doch wie sündigt dieser Mann? Berauscht er sich etwa an der Sünde? Stürzt er sich auf sie? Schlürft er den Lebenswein aus de in vollen Kelch? Nein, er kann nicht aus seiner Pelle (vielleicht Seele?׳') heraus. Kann nicht, sich, sein Ich, sein Gestern, sein Heute, sein Selbst in der Gartlcrobo abgeben und ein neues Blatt eigener Geschichte zu schreiben anfangen. Immer, auch in den Tanzarmen der wunderschönen Negerin, vergißt er die Mappe nicht, immer preßt er diese fest at! seine aufgewühlte Brust. Und wenn er sie auch vergißt, sic irgendwo liegen läßt, sie wird ihm nachgetragen. Unentrinnbar. Haben nicht auch wir unser« ״Mappe“? Wird nicht diese auch uns immer wieder, bis ins ־zehnte Geschlecht, nachgetragen? Nachgetragen auch denen von uns, die sie am liebsten loswerden möchten . . ,? Diese unsere so oft verdammte Mappe . . .? Oder das erschütternde Lever im Zimmer des Luxushotels. Da liegt die Negerin, ein Stück piachtvoller Erde, ein göttlicher Rronzeguß des Lebens. Neben ihr liegt der Sünder. Ist er gefallen, hat er seine ausgenörgelte Hand endlich nach den Geschenken des Lebens ausgestreckt? Kommt nun endlich die durch ein Leben voller widerlichkeiten wohlverdiente Sühne? Nein, sie kommt nicht. Angezogen, im Bratenrock und Melone, liegt er neben dem Leben. Au die Brust gepreßt und fest umklammert hält er nicht diesen Haufen lebendigen Goldes, sondern die Mappe . . . Ist das nicht einer von uns? Sehen denn unsere Sünden nicht auch so aus?•1 Oder wenn er nach mühevollen Irrfahrten heimkehrt und zum Direktor ernannt wird. Schickt er da nach Champagner, rast er iin Auto zum Tattersall oder ins Kasino? Nein, erstens glaubt cr’s nicht, vermutet eine Tücke. Als es ihn! aber endlich glaubhaft genug erscheint, was tut er da? Eine ausgetrocknete Blume steckt er sich ins Knopfloch. Aber auch diese sitzt nicht und fällt sehr bald auf die Erde . . . Wie nahe erscheint er uns da, durch tausend Schicksale verwandt. Und dann die Feinde. Auch dort wo sie zufällig nicht sind, sieht er sie, wähnt sie überall. Und immer ist er sich seines - auch unbegangenen -- Verbrechens bewußt. Immer streckt er die mageren Arme aus, bereit, sie in Ketten legen zu lassen. Immer diese Bereitschaft, sieh zerknirscht auf’s Herz zu schlagen und inbrünstig zu bekennen: Ja, ich habe gesündigt . . . Sind das nicht Heimatsklänge für unsere Ohren? Spüren wir da nicht den Hauch des Bruderhaften? Auch ansonsten fühlen wir uns in diesem Tonfilm heimisch. Es wird vom ersten bis zum letzten Bild geredet . . . Pallenberg redet. Nein, er redet nicht. Er stolpert über Worte, er bestaunt ihren fremden Klang, ihren fernen Sinn. Er formt neue Worte, sinnlos und erschütternd in ihrem tieferen Sinn. Nein, er jongliert nicht mit Worten, er preßt sie sich mühsam ab, quält sie sich ab. Denn er ist immer in der Defensive, immer von einer Welt von Feinden sich umzingelt wähnend. Und nicht wissend, daß der wahre Feind, der Zögerer, der Hemmende in ihm wohnt. Daß die Mappe nichts anderes ist als seine Seele, zu der er in alle Ewigkeiten verdammt ist. Wie wir. Wie wir . . . ״Schire Simroh'* von Marcus Birnbaum (Selbstverlag, Berlin). Es ist ein Irrtum anziniehmen, daß die kantorale Literatnr nur für die Kantoren da ist: ein Werk wie die Sabbat- Rezitative von M. Birnbaum ist dem Laien ohne weiteres zugänglich, weil es Gliasonisches in exakter Notierung bietet. Jeder Mensch ist imstande, sich am Klavier diese einstimmigen Gesänge durchzuspielen — und bald wird sich die Unter- Scheidungsfähigkeit für Echtes und minder Gutes von selber einstellen; denn welcher Jude hätte nicht im Grunde seiner Seele den richtigen Instinkt dafür? Marcus Birnbaum (der drifte Kantor dieses Namens) beabsichtigt mit seinen liturgischen Kompositionen etwas sein־ Löbliches, nämlich die Belebung und Vertiefung der westjüdischen Liturgie durch Einverleibung ostjüdischer Elemente, insbesondere durch Ausgestaltung des Rezitativs. Und überall, wo er das rezitativische Melos frei und hemmungslos strömen läßt, entstehen wahre Perlen jüdischen Gesanges, die wohl geeignet scheinen, das Repertoire des westliehen Oberkantors wie das des östlichen Ghasaii zu schmücken. Liederabend Madeleine Grey. Madeleine Grey singt wieder in Berlin. Unter tosendem Beifall — jedoch vor lialblccrcm Saal. Sic überrascht uns wieder mit einem neuen Programm von phantastischer Vielseitigkeit. Es ist kaum glaublich - diese Künstlerin, die man jedes Mal, wenn man sie hört, auf dem Gipfel ihrer Meisterschaft wählt!, vervollkommnet sieb in immer höherem Grade. Sic war diesmal stimmlich besonders gut ״in Form“. Aus der espritvolleu, vividen, virtuosen üiseuse entwickelt sie sich jetzt eindeutiger zu einem großen, fast dramatisehen Stil hin: ihre eminente Technik subordiniert sie immer überlegener, mit immer leidenschaftlicherer Verve ihrer Ausdrucksidee und ihrem Gesfaltimgswilleu. Das eigentliche Programm enthielt diesmal bedauerlicherweise weder im artistisehen noch im folkloristischen Teil etwas Jüdisches, jedoch durften wir unter zahlreichen Zugaben wieder einmal ihre hinreißenden Interpretationen der ״Alten Kasche“ (in der Ravelsehen Bearbeitung) und des ״Rebbele-Gabbele“-Liedes genießen. Ein besonderes Kompliment verdient die sehr sympathische akkompagnierende Pianistin Irene Aitoff, A. j.-L.

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