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Jüdische Rundschau · 1931-11-03 · Heft 85 (3.11.1931) · page 2

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
XXXVI (1931)
Issue
Heft 85 (3.11.1931)
Date
1931-11-03
Page
– (sequence 2)
Language
German
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Seite 508 JÜDISCHE RUNDSCHAU Nr. 85, 3. XL 1931 wachsenden Generation an vertrau( ist, sind nicht weniger "׳ichtice, aufhauende und segenbringenck Pionier«, ab die Pioniere unseres Acker- und (!artenbaus. Diese Pionierarbeit darf unter keinen Umständen unterschätzt werden. Die furchtbare Not der (ie״c11 warf, der drückende Zwang des Geldmangels mag ג onihergeheml manche Kürzungen notwendig machen, aber das Volk mufi wissen, daß solche Maßnahmen von der Leitung mit schwerem Herzen und tief empfundenem Schmerz ergriffen werden und daß es ihr heißester Wunsch ist. solrhc Malinahmt'it auf ein Mindestmaß zu beschränken. Möge sich das jüdische Volk zur Erfüllung seiner Pflicht auf raffen! Das hebräische Schuhverk in Erez-Israel ist keine Parteifrage. Zionisten sämtlicher Parteien und Schattierungen wie auch Jewish Agency-Kreise dürften in der Erkenntnis der Be• deirtung des Schulwesens vollständig einig sein und wir glauben, sie sind es auch tatsächlich. Das Band, das Erez-Israel mit der hebräischen Sprache verbindet, ist wahrlich zu stark, zu fest und zu heilig, als daß es durch Parteidifferenzen gelockert und gelöst werden dürfte. Es ist einer der tiefsten Eindrücke, die das jüdische Palästina jetzt auf jeden Besucher macht eines der größten Wunder der Welt. Wie heller Glockenton dringt die lebendige hebräische Sprache in jedes Herz, jeden Juden an seine Pflicht mahnend und ins Gedächtnis rufend, was er der Vergangenheit dankt und was er der ,Zukunft schuldet. All das haben wir unserem hebräischen Scluilwerk zu verdanken. Land und Sprache sind untrennbar verbunden. Kolonie und Seli ule sind gleich wichtige Aufbaiiclementc. Unsere unabweisliche Pflicht ist es, für die Rettung und Förderung dieser beiden hochbedeutenden Faktoren mit ungebrochener Kraft alles einzusetzen. Die Krise im Wcltmisrachi Austritt des holländischen und schweizer Misrachi? Wir erhalten folgende Mitteilung: Der Hauptvorstand des holländischen Misrachi hat in seiner Sitzung vom 29. Oktober mit fünf gegen zwei Stimmen beschlossen, der holländischen Landsmannschaft einen Vorschlag zum Austritt des holländischen Misrachi aus dem Wcltmisrachi zu unterbreiten. Zürich, 1. November. (J. T. A.) Die Führer der Misraclü-Landesorganisation für die Sch w ei 7. versammelten sich in der fetzten Woche in Zürich zu einer dringenden Sitzung, um zu den Ereignissen im Welt-Misrachi Stellung zu nehmen. Die Sitzung, die lediglich orientierenden Charakter hatte, brachte ein einmütiges Bekenntnis zum Standpunkt des deutschen Misrachi. Es wurde beschlossen, zunächst in den einzelnen Misrachi-Gruppen der Schweiz eine Stellungnahme zum Konflikt lierbeizuführen, um dann noch im Laufe dieses Jahres einen Delegiertentag ein- 711herufen, der die endgültige Entscheid u 11 g bringen soll. In der über die Sitzung hcrausgegebeueu Mitteilung heißt es weiter: Wenn auch das Ergebnis des kommenden Delegiertentages nicht mit Sicherheit vorausgesagt werden kann, sa kann man doch heute schon konstatieren, daß die Neigung besteht, dem Beispiel des deutschen Misrachi zu felgen und aus der jetzigen Misrachi-Weltorgaiiisation auszutreten. Auf alle Fälle wurde jetzt schon beschlossen, keine Beiträge fürden Misrachi - Fonds zu leisten, sondern die Beiträge einem aus führenden Mitgliedern der Opposition bestehenden Komitee hi Jerusalem zur Verfügurig zu stellen. * Zum Präsidenten des polnischen Misrachi an Stelle Färbsteins wurde der frühere Deputierte Rabbi Brodt aus Toniaszow-Masowieck, zum Vorsitzenden des Parteirates der frühere Senator Rabbi Rubinstein (Wilna) gewählt. Farbstein wurde zum Ehrenpräsidenten des polnischen Misrachi gewählt. General Srnuts in Berlin. Dieser Tage weilte General Smuts, der ehemalige südafrikanische Ministerpräsident, in privater Mission einige Tage in Berlin. General Smuts ist bekanntlich ein warmer Freund des Zionismus, den er bereits während des Krieges als Mitglied des Kriegskabinetts gefördert hat. Nach der Entsendung der Shaw-Kommission gehörte Smuts neben Balfour und Lloyd George zu den drei Unterzeichnern des Briefes in der ״Times“, in welchem die Regierung wegen ihrer Palästinapolitik interpelliert und striktes Festhalten an der BaIfour-Deklaration gefordert wurde. Der Vorsitzende der Z.V.f. D., Herr Kurt Blumen fei d, benützte den Berliner Aufenthalt von Srnuts, um mit ihm in Verbindung zu treten. General Smuts versicherte Herrn Blumenfeld seines unveränderten Interesses am Zionismus und seiner wärmsten freundschat'tliclien Gefühle für das Gelingen der zionistischen Sache. Hi״ erklärte auch, daß er mit Herrn Sokolow und der Leitung der Jewish Agency in Kontakt ist und stets seine Kräfte, soweit dies möglich ist, in den Dienst des zionistischen Werkes stellte. Der Prozeß Helldorf. Die Verhandlung gegen den Grafen 1 lelldorf und Genossen wegen der Anführerscliaft bei den Kurfürstciidainm-Krawallen am 12. September ist noch nicht zu Ende. Wiewohl es kaum zweifelhaft erscheinen kann, daII es sich um eine mit Wissen der obersten Sturiii-Abteilungs-Leitung in Berlin unteruomiuenc Aktion gehandelt hat, ist bisher noch manche•(; unaufgehellt. Man hat cs bei den Mitgliedern der Sturmabteilungen mit disziplinierten gehorsamen Soldaten einer Partei /u tun, die vor Gericht zu schweigen verstehen. Daß Helldorf von der geplanten Aktion gewußt hat, scheint sicher zu sein. Daß er sie nicht verhindert hat, beweist die Tatsache, daß die Krawalle stattgefunden haben. Im übrigen muß zunächst die weitere Beweisführung abg«wartet werden. Wir werden zu dem Prozeß nach seinem Ende noch Stellung nehmen. Jüdischer Genossenschaftsgedanke. Die unter Führung eines Komitees, bestellend ans Gustav Benario, Willy Drevfus, Georg Karcski, Wilhelm Kkemann, Heinrich Stahl und Oscar Wassermann, gegründete Gesellschaft zur Förderung des (jenossenschaftsgcdankens unter den Juden in Deutschland, Itielf am 20. Oktober einen Ausspracheabend ab. Der Vorsitzende der Jüdischen Gemeinde Berlin, Wilhelm K I e e m a 11 n , gab eine Geschichte des Genossenschaftswesens und kam zum Schlüsse, daß die heutige Not den Gedanken des genossenschaftlichen Zusammenschlusses ganz besonders nahe läge. Hier ist ein Gebiet, auf dein sich der Gedanke der jüdischen Solidarität am ehesten betätigen sollte. Sozial-wissenschaftliebe Vorkehrungen machen Wohlfahrtsarbeit überflüssig. Nach einem weiteren Referat von Dr. Silbert entspann sich «ine angeregte Aussprache, an der u. a. auch Prof. Georg Bernhard über die groß!' Bedeutung eines jüdischen genossenschaftlichen Zusammenschlusses fruchtbare Gedanken entwickelte. Er verwies darauf, daß diese Genossenschaften besonders dem ostjüdischen Elemente, das durch die wirtschaftliche Entwicklung besonders schwer getroffen sei, unter die Arme greifen könnte. Die jüdischen Genossenschaften müßten sich zu einer Zentralgcriossenschaft zusammenschließen. »Juda verrecke" Wilhelm Stapels Antwort Wir haben bereits in der vorigen Nummer erwähnt, daß Wilhelm Stapel, der Herausgeber der Zeitschrift ״Deutschrs Volkstum“, auf die in der ״Jüdischen Rundschau“ nach den Kurfürstcndamm-Krawallen an die Intellektuellen in der deutschen nationalen Bewegung gerichteten Appell geantwortet hat. Wir halte״ es ffir richtig, diese Antwort in ihrem vollen Wortlaut unseren Lesern zur Kenntnis zu bringen. Herr Stapel veröffentlicht im Oktober-Heft seiner Zeitschrift die folgende Notiz: Die ״wahren Schaidtgen" de« Kurtöntendamm ־ Getümmel* Zu dem Spektakel, dm sich am jüdischen Neujahrsfest auf dem nicht, gut beleumundeten Kurffirstendamm im Berliner Westen ereignete. richtet die ,Jüdische Rundschau’ (Nr.?2 oom. 15. Sr.ptbr.) ,.rin W ort, an die Intellektuellen in der deutschen nationalen Bewegung", an ,,die Jiildnngs-Antisemiten, wie sic von Thomas M a n n in einem Brief genormt worden sind". Die .Jüdische Rundschau ‘ fragt, wir wollen, antworten. ״Begreift ihr nicht, welche abgrundtiefe Gemeinheit in diesem firohlrn Juda ׳׳-.׳ r. lieg*?" Antwort: Begreift, ihr nicht, irr ich nnr abgrundtiefere t.ieineinheit in der beschimpfenden Zunutiung der .hnfen an uns Deutsche liegt, daß wir dir. Trihutsklauerei. ertragen :׳/-׳"י(‘ Jener Schrei ixt der primitive Kehrei eines gepeinigten Volkes. Pure entehrende Zumutung un uns aber tritt, in überlegten Beden und in den Aufsätzen gebildeter Mensehen, zutage״ Begreift ihr nicht, was fi 1 uns vorgeht, wenn nach unserer Genfer Niederlage, die ,J'ranhfortet Zeitung" schreibt: ,JJer Zollunion, dir anfänglich, her. manchen auf S\׳mpathirn gestoßen nar, weint keiner, der nieht direkt beteiligt war. eine Träne noch." Nun. dm deutsche Volk war ״direkt, bereiligi". Und die ..V maische Zeitung‘‘ sehreiht unbewegt, mitten in den allgemeinen Schmerz hinein : ,JJie Gruft. ist geschlossen, in der die. deutsch-österreichische Zollunion hrigcsctzl wurde, diese Früh gehurt, die nicht recht khensfähig warJawohl, die. (',ruft. ist. neod, lassen, und um unsere Trauer herum stehen die Juden mit kühler Befriedigung. H"׳;s ist nun die größere seelische .,Gemeinheit“? . frk ׳.red:. wie man darau f nach Advokatenart argumentiert, aber das fiiehtign muß auch auf die Gefahr hin gesagt werden, daß der andere sich strömht, es zu h e g r e, i f e, rt.) ..Werdet ihr, die ihr bisher nie rin klares Wortder Absage, an diese famose l.asung gerichtet habt, nunmehr einsrhen, daß mein nicht gleichzeitig v/une.hme Artikel schreiben und derartige Roheittexzes.se stillschweigend hinnehmen kann'?“ Antwort: Werdet, ihr, die ihr nie ein klaren Wort der Absage an die, welche uns entehren, gerichtet habt, einsrhen, daß man nicht gleichzeitig sieh moralisch entrüsten kann über primitive seelische Entlastungen unseres Volltes und rerhitlenufe, aufreizende. ..vornehme" Kränkungen, die eure Leute den Deutschen zufügen, gntheißen? .Entspricht diese Art von Verhalten (Stillschweigen) eurer1 Vor- Stellungen von deutscher Würde.?" Entspricht es euren Vorstellungen von irgendeiner Würde überhaupt, daß ein Deutscher sein Volk um eines Znriutmhrnehfs willen öffentlich sollte moralisch schulmeistern, während ihr nicht von den Kränkungen, die eure Lento uns zufügen, nbrüekt? . Affin stelle sieh vor, daß an irgendeinem anderen Ort Deut s ׳׳ h e. van einer großen Veherzahl einem anderen Volke, zugehöriger Mensehen mit einem antideutschen Rufe von der abgründigen Roheit, dieses Juda verrecke' empfangen würden, sog er ohne alle. TätlichheitertDtu brauchen wir uns nicht erst ״vorzosteUcn", sondern, 'viele von uns haben cs e. riebt. Vorm und in Kriege mit Amerika sind wüstere Dinge, drüben gegen Deutsche verübt worden. Wer.' den Deutschen in, Polen angetan wird, ist. weit schlimmer uh nur (jenehrci. Vrid in unseren Grenzen erklingt tausendfältig der Ruf ״Biller, verrecke.״‘, ohne daß er euer Mißfallen erregt. Man. muß das einzelne im Zvsammenhnng des Gesamigeschekens sehen. bi. Nachdem alle gefühlsmäßigen Reaktionen, die in einem jüdischen Leser nach Kenntnisnahme dieser Antwort entstehen müssen, unterdrückt sind, fragt man sieh, was dazu noch zu sagen wäre. Jede Bemerkung ist dadurch erschwert, daß uns von vornherein gesagt wird, wir könnten ׳zwar ״nach Advokatenart argumentieren“, aber das Richtige bleibe richtig, auch wenn wir uns ״sträuben, es zu begreifen“. Nun liegt es 1111 s fern, unserm Gegner ״Advokatenart“ zu unterstellen, sondern wir nehmen seine Worte als ehrlich und offen, und gerade darum sind sie für uns besonders lehrreich. Di« Krawalle auf dein Kurfiirstendamm, über deren Organisation und Einzelheiten man jetzt vor Gericht Näheres erfährt, sind für Stapel ״der primitive Schrei eines gepeinigten Volkes“, fiir das er nicht das geringste Wort der Mißbiüigung findet; sein Gefühl verbietet ihm in solchem Fall eine ״moralische Scliulnidsterung“ seines Volkes, ja er macht einen solchen Akt natürlicher Ritterlichkeit abhängig von den! Verhalten anderer, das ihm Analogien zu seiner Situation zu bieten scheint. Es ist überhaupt seltsam, daß Stapel in einer V'eise, die gewöhnlich als ״jüdisch“ gilt, auf Fragen mit Gegenf r ה g e n 3 ntworf e t. Aber da wir annelimen, daß Stapel ehrlich spricht und da wir wissen, daß wir ihn nicht überzeugen können, da ja der Instinkt und nicht das Argument gilt, können wir nur feststellen: Welche Verwirrung der Regriffe und Verdunkelung der wirklichen Sachverhalte liegt darin, wenn z. B. Stapel die Juden für die ״Tributsklaverei“ verantwortlich macht, unter der sie genau so leiden wie die Deutschen, ja wenn er die Beurteilung einer praktiseh-politischeu Frage wie der Zollunion zu einer Angelegenheit des Judentums stempelt. Wir sind nicht die Verteidiger der von Stapel genannten Zeitungen, mit denen wir auch in j ii d i - scheu Fragen gewiß nicht übcreinstimmeii. Aber mau kann doch der beste deutsche Patriot und Nationalist sein, den Zusammenschluß aller Deutschen herbeisehnen, und dennoch bd nüchterner Analyse der Weltlage zu der Meinung gelang־«!, daß ein in falscher Weise eingeleiteter Schritt der Sache, der man dienen will, eher schadet als nützt. Das hat doch nichts mit Gesinnung zu tim und ist keine Frage des nationalen Empfindens. Wenn wir dies sagen, predigen wir keineswegs Weisheit für andere. Würde Herr Stapel 7. B. die zionistischen Diskussionen verfolgen, was wir ihm natürlich nicht zurnuten können, so würde er entdecken, daß wir Juden auch dort, wo es sich um unsere eigensten Angelegenheiten handelt, /.wischen dem geheiligten Ideal und der in der Realität wurzelnde.n praktischen Politik zu scheiden wissen und häufig eine Politik verurteilen, die dem Scheine nach weitgehenden nationalen Idealen dient, in Wirklichkeit uns in unseren praktischen momentanen Aufgaben zurückwirft- Wir können uns natürlich hier nicht auf das (jebiet dieser Erörterung begeben, aber — so fragen wir uns fassungslos wie ist es mög!icl1, daß jemand diese Dinge auf eine Stufe stellt mit Vorf;il|Mi, wie den Ev/esscn auf dem Kurftirstenriamni? Jiidiseher Nationalismus entstand aus der Kritik, der Verneinung des empirischen Judentums, und Nationalismus war nach unserer Auffassung stets verbunden mit Selbstkritik, ja mit ״moralischer Schulmeisterung'‘ des eigenen Volkes. Wir erblicken darin keine Demütigung, sondern das Gegenteil. Stapel ist besessen von seiner Idee, eines angeblichen jüdischen ״Antigermanismus", den er in Parallele setzt zum Antisemithmus; in weit höherem Maße als Juden überall Antisemit»׳.- mus wittern (eine jüdische Ucberempfindlichkcit, die der Zionismtjs zu überwinden strebt), wittert Stapels Kreis überall ״Antigermanismus“, und zu welchen Konstruktionen er gelangt, zeigt die vorstehende Notiz- Uns ist nicht bekannt, daß in Deutschland von Juden ״Hitler verrecke“ geraten wird. Wir wollen auch nicht darüber streiten, ob die in Kriegszeiten an Deutschen verübten Unbilden oder die in Friedenszeiten gegen die — wegen ihrer Schwäche überall sich als Sündenbock darbietende — jüdische Minderheit verübten Exzesse schlimmer sind. Aber selbst gesetzt den fall, daß Stapel recht hat: ist ein am eigenen Leib erlittenes Unrecht ein Freibrief dafür, nun an anderen Unrecht zu tun? Oder sollte nicht der, der den Jammer dieser Lage kennengelernt hat, darauf bedacht sein, seinerseits ähnliche Gemeinheiten zu vermeiden? Anleihepolitik der Jewish Agency Von Dr. Ernst Marcus. Angesichts der wachsenden Schwierigkeiten, denen die Arbeit der Fonds gegenwärtig sowohl in Europa wie in Amerika begegnet, ohne daß in naher Zukunft ein Umschwung zu erwarten ist, haben wir nicht mehr die Möglichkeit, mit der seit langer Zeit bereits als notwendig erkannten Neuorientierung unserer Finanzpolitik noch lange zu warfen. Es gibt kein wichtigeres Problem für die Jewish Agency als die schnelle Beseitigung der Schuldenwirtschaft, in die wir geraten sind, und den IJebergang von der Ausfüllung des von Monat zu Monat sich neu ergebenden Einnabmedefizits durch entsprechend teuere kurzfristige Kredite zu einer Finanzierung auf lange Sicht. Freilich, der Augenblick1, in dem uns die Not zwingt, ungeachtet aller Schwierigkeiten, die bisher mißlungenen Versuche, größere langfristige Kredite zu bekommen, mit Energie wieder aufzunehmen, ist der denkbar ungünstigste. Er ist es gewiß vom rein wirtschaftlichen Standpunkte aus. Denn die Kreditmarkte der Welt sind, erheblich geschrumpft und außerdem durch Inanspruchnahme von allen Seiten stark angespannt, und die Position der Jewish Agency als Kreditnehmer ist sowohl was Einkünfte wie was Vermögenswerte anbetrifft, schwächer geworden. Aber auch die politische Lage bietet für eine Kreditaufnahine schlechte Voraussetzungen, da die Geldgeber nichts mehr scheuen als eine langfristige Kapitalsanlage in einem politisch nicht vollständig befriedeten Gebiet. Wir müssen also unvorzüglich die Maßnahmen treffen, die geeignet sind. Kreditaktionen politisch u n d wirtschaftlich vorzubereiten. Dazu ist äußerste Aktivität unserer Außen- und Finanzpolitik erforderlieh. Denn jede Verzögerung ernster Inangriffnahme des Ge- Samtproblems verschlechtert unsere Chancen- Nur von schnellem Vorgehen ist überhaupt ein Erfolg zu erwarten. linterziehen wir die Wege einer gründlichen Prüfung, so entdecken wir, daß es mehrere gibt, aber keinen hindernisfreien. Die Hindernisse sind dabei so verteilt, daß wahrsc.heinlieh verschiedene Wege gleichzeitig eingeschlagen werden müßten, wenn einer zum Erfolge führen soll. Grundsätzliche Klarheit darüber, daß auf politische I Vorbereitung der Anleiheaktion der Hauptwert gelegt werden muß, welches immer die Wege sein mögen, ist aber unerläßlich. Dam selbst wenn sich unser Etat gänzlich unter Abdeckung aller bisherigen Schulden ausbalancieren ließe — ein auch bei Inbetrachtziehung der durch den Pfundsturz cingetrcteneu Schuldenvcrändcrung nicht erreichbares Ergebnis bester Etatisierungskünste —, blichen der finanzielle Anreiz zur Kapitalsanlagc in Bonds der Anleihe wie die Deckungsmöglichkeiten gering. Eine Anleihe von nur V 1000000*) ein kleinerer langfristiger Kredit könnte unsere Finanzlage nicht verbessern, weil unser Kreditbedarf damit nicht gedeckt, unsere Kreditfähigkeit aber ahgcschwächt würde — auf zehn Jahre wäre selbst bei besserer Finanzlage als der gegenwärtigen nur mit Anspannung aller Kräfte zu amortisieren, zu verzinsen und durch Vermögenswerte, Einkünfte »sw. mit den notwendigen Deckungen zu versehen, sofern die Jewish Agency auf sich selbst angewiesen bleibt. Und dies doch überhaupt nur, wenn die Bedingungen erträglich, d. h. Amortisierung■, Zinssatz usw. der unteren Grenze der Gcschäftsüblichkeit angepaßt sein würden. Man bedenke, daß allein der sicherlich nicht erreichbare Zinssatz von 6 50״ bei einer Million Pfund £ 50 000 pro anno, also ca. V* des gegenwärtigen Gesamtetats, erfordern würde. Bei den Völkerbundsanleihen für Ungarn, England usw. betrug der Zinssatz 6—7 <V0. Von den Staatsanleihen der letzten Zeit wurden der ungarische Kredit mit 5y'1, der englische mit 44 י verzinst. Dazu kommen noch die Kosten der Emission, evtl. Bankprovisionen usw., so daß inan zum Zinssatz noch 11 .׳ bis 2 »/* liinzuzählen muß. Die Bedingungen aber verschlechtern sich mit dem Risiko, und wenn man als Maßstab für letzteres nur von der Deckung ausgeht und unterstellt, daß die jetzigen Einkünfte der Fonds und eine hypothekarische Belastung der KKL-Böden eine ansreichende Deckung sein könnten, so kommt man für die magliehe Placierung zu bedenklichen Resultaten. Wir könnten sie, sofern rein geschäftliche Gesichtspunkte der Kreditgewährung zugrunde liegen, nicht erreichen, und das um so weniger, als eine Ausbalancierung des Etats in naher Zeit und Umwandlung der kurzfristigen in langfristige Kredite, wie die Dinge nun einmal liegen, unwahrscheinlich ist. Die finanzielle Vorbereitung der Anleiheaktion darf aber natürlich deswegen nicht als überflüssig angesehen werden. Außerdem sollte schnellstens mit einer genauen Vermöge 11 saufnähme begonnen werden, die nicht nur den Vermögensbeslaud der Jewish Agency, sondern das gesamte jüdische ״Nationalvermögen“ in Palästina zum Gegenstand haben muß. Würde es getingen, KKL, Pica und die Verwaltung der Melchett-Böden, evtl, durch Gründung einer Koiouisationsgesellschaft, die großen und mittleren Industriewerke unter Hinzuziehung der amerikanisc-.hen Palestine-lnvestment-Corporation zusammen zu fassen und auch die Banken zur Verstärkung h eran zu ziehen, so wäre das vermutlich eine Erleichterung der Aktion, bd der die Jewish Agency nicht selbst als Kreditnehmer aufzutrde® brauchte', wenn auf andere Weise die Verwendung der Kredite nach einem zentralen Plan zu sichern wäre. Wir lernen jetzt gerade in Deutschland, daß außergewöhnliche Situationen auch erfinderisch machen. Ich erinnere an die Gesamtgarantie der deutsehen Industrie usw. Ohne Schaffung der einfachsten wirtschaftlichen Vorbedingungen im Wege strengster Etatisierung und straffster Rationalisierung, ohne Heranziehung auch der letzten Hilfsmittel können, wie alle Anleiheverhandlungen der letzten Zeit zeigen, nicht einmal Staaten, große und kleine, Krcdite erlangen. *) Die Pfundentwertung führt natürlich zu einer enisprechenden Verschiebung der Ziffern!

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