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Jüdische Rundschau · 1931-10-30 · Heft 84 (30.10.1931) · page 3

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
XXXVI (1931)
Issue
Heft 84 (30.10.1931)
Date
1931-10-30
Page
– (sequence 3)
Language
German
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Nr. 84, 30.X. 1931 JÜDISCHE RUNDSCHAU Sette 503 Ueber den Wert von Berichtigungen Zur Propaganda der füdisctaen Kommunisten lm Ausland Von H. Berger. 1. Die Oktobernummer der Mitteilungsblätter der deutschen ״Oeserd״ enthält einen längeren Artikel von Viktor Fink, der zu dem ״Mißbrauch“, den ״Zionisten und Sozialdemokraten״ mit seinen Artikeln in sowjetrussischen Zeitschriften und mit seinem Buch ״Jewrei w tajge“ (Juden im Urwald) treiben, in etwas aufgeregtem Ton Steilung nimmt. In der Tat sind die Mitteilungen, die Fink in seinen Berichten (״Birobidschan״ ,״Ssowetskoje Stro'itelstwo“ März 193□ und ״Jewrei w tajge“,. Aloskau 1930, Verlag ״Federacja“) über die Tätigkeit der Sowjet-, Komset- und Geserdorgane in Birobidschan in den Jahren 1928 und 1929 gemacht hat, geradezu erschütternd. Er selbst kommt dort zu dem Schluß, daß ״der Zufall den Aufbau in Birobidschan leitete“, er selbst erklärt: ״Früher glaubte ich, daß der Plan der Atisiediung ung'ück'.ich aufgestellt wurde; in Wirklichkeit hat man es sich aber noch leichter gemacht: es gab überhaupt keinen Plan“. (Jevvrel w tajge“, S. 223.) Kein Mensch ist daran interessiert, mit diesen Berichten ״Mißbrauch“ zu treiben. Es genügt aber, diese Berichte zu lesen, um zu erfahren, welches Maß von bürokratischer Verantwörtuiigslosigkeit, Willkür und Unfähigkeit dieses Werk regierte; ein Maß, das das größte Werk — und die Produktivierung der Juden in Rußland ist ein großes Werk — zum Scheitern bringen kann. An sich war eine Aeußerung des Herrn Fink schon seit Monaten fällig. Nach dem Aufsehen, das seine Berichte in Europa und Amerika erregten und erregen mußten, war es mehr als selbstverständlich, daß Herr Fink entweder selbst den Ver• such unternehmen wird, diesen Eindruck seiner Berichte zu verwischen oder von höherer Stelle dazu veranlaßt werden wird. Leider können die neuen Erklärungen des Herrn Fink keinesfalls befriedigen. Zum zentralen Punkt wird überhaupt mit keinem Wort Stellung genommen. Es handelt sich hier um folgendes: Im Sommer 1929 weilte in Birobidschan eine Expertenkonimission der amerikanischen Gesellschaft zur Förderung der jüdisehen Kolonisation in Rußland ״!kor“. Zu gleicher Zeit hielt sich dort Viktor Fink auf, der nach eigener Aussage einen Teil von Birobidschan mit den Mitgliedern der Kommission gemeinsam bereiste. Als Ergebnis dieser Expedition sind zwei Berichte in die Oeffentlichkeit gekommen: der ״Baricht fun der amerikaner Ikor-expertn-komissie“ (״Ikor“, New York 1930) und die obenerwähnten Berichte von Fink, die in russischer Sprache in Moskau erschienen sind und aus diesem Grunde im Auslande eine sehr geringe Verbreitung fanden. Nun enthält der ״Ikor“- Bericht, der für die jüdisch - amerikanische Oeffentlichkeit bestimmt war, abgesehen von zwei oder drei versteckten und dunklen Andeutungen über ״anfängliche Schwierigkeiten“, kein Wort über die Zustände und ״Heldentaten", die Fink in seinen Berichten so bewegt und so meisterhaft geschildert hat. Es wäre zwar naheliegend, aber falsch, eine Erklärung darin zu suchen, daß die amerikanischen Wissenschaftler etwa der russischen und der jüdischen Sprache nicht mächtig waren und sich deshalb mit den Siedlern nicht direkt verständigen konnten. Mindestens vier Mitglieder der Delegation, die Herren Prof. Kuntz, Agr. Brown, Leon Talmi und Dr. Elias Wattenberg beherrschen zweifellos die jiddische, möglicherweise auch die russische Sprache. Aber auch diejenige Erklärung des Herrn Fink, die sozusagen den Kernpunkt seines Artikels bildet, kann nicht befriedigen. Herr Fink behauptet, daß die von ihm geschilderten Zustände nur in den Jahren 1928 und 1929 in Birobidschan herrschten. Jetzt ist nach der Aussage von Fink in Birobidschan und überall in den jüdischen Produktivierungszentren in Ruß• (and alles in Ordnung. Wir behaupten, daß diese Angabe den Talsachen nicht entspricht, daß vielmehr fast alle Anklagen, die Fink 1929 gegen die Kolouisationsbehörden in Birobidschan erheben mußte, auch 1931 und nichtnurin Birobidschan erhoben werden können und müssen. Es ist sicherlich nicht ohne weiteres leicht, Vergleiche zwischen der Situation in Birobidschan 1928—1929 und der Situation in den verschiedensten Produktivierungszentren der Sowjet-Union 1931 anzustellen. In den Berichten von Fink haben wir nicht mir klare Angaben und Feststellungen, sondern noch viel mehr Schilderungen und Stimmungsbilder eines talentvollen Feuilletonisten; in der jüdisch-kommunistischen Presse Rußlands im Jahre 1931 finden wir dagegen hauptsächlich trockene Tatsachenberichte und Resolutionen. Es ist trotzdem durchaus möglich, die Schilderungen Finks auf einige wenige Punkte zu bringen. Bei der Konfrontierung dieser Punkte mit dem ״Emes“ vom letzten Jahre ergibt sich dann folgendes Bild. Fink behauptet, daß die Ueberwanderer, als sie nach Birobidschan kamen, keine Quartiere und überhaupt nichts vorfanden, daß die verantwortlichen Stellen keine Ahnung hatten, was sie mit den Ueberwanderero anfangen sollten, daß das einzige, was die Siedler seitens der Behörden erwartet hat, Rat- und Konflosigkeit war. Der Artikel von F. Sprach ״Mobilisiert alle Kräfte, um die Ueberwanderung zum Abschluß zu bringen“ (״Der Eines“ vom 17. 5. 1931) enthalt Auszüge aus dem Protokoll der erweiterten Beratung der Ges erd der Krim vom 3. 5. 1931. Dort heißt es, daß die lokalen Stellen die Aufnahme der Ueberwanderer nicht vorbereitet hatten. ״Sie waren absolut un* vorbereitet, haben es unterlassen, die lokalen Organisationen für die Aufnahme zu mobilisieren, haben weder auf den Durch* gangsstationen noch auf den Parzellen selbst Quartiere vor* bereitet.“ ״Sie unter'icßen es, aus lokalen Mitteln für die Be* friedigung der minimalsten Bedürfnisse der Ueberwanderer Sorge zu tragen“ und zeigteii ein Bild ״absoluter Kopflosigkeit beim Eintreffen der ersten Gruppen“ usw. Fink zeichnet ein unglaubliches Bild von den Zuständen in den Durchgangsbaracken. Am 10. August 1931 muß Lewin folgendes Telegramm nach Moskau richten: ״ln Irbit sind 318 Menschen eingetroffen, die noch nicht untergebracht sind. Sie bewohnen alle einen Raum, der von Wanzen und Schwaben wimmelt. Keine Bettwäsche, keine Bedienung, häufig Diebstähle, sehr schlechte Versorgung. Diese Arbeitergruppe erhält faktisch nichts. Mit Seife, Schuhen und Kleidung wurden sie nicht versorgt . . .“ (״Ernes“, 11. 8. 1931.) In einem Bericht aus der Fachschule in V/oroscl1:lo\v«k (Donbass) heißt es über die neuangekommenen jüdischen Schüler: ״Die Burschen lagen in den Baracken ohne Bettstellen, Bett- und Leibwäsche. Niemand kümmerte sich um sie, niemand sah sie an. Es kam sogar vor, daß verschiedene Burschen einen Handel mit Zucker und Seife begannen, ln der Fachschule entwickelt sich stark der jüdische Chauvinismus und der Antisemitismus usw.“ (״Emes“, 11. 8. 1931.) Wir wissen nicht, welche Eigenschaften eine Baracke aufweisen muß, um von Herrn Fink als ״kurzfristiger, beschleunigter Kursus zur Vorbereitung ins Irrenhaus“ (״Jewrei w ta jge“, S. 232) bezeichnet zu werden- und sind daher in den geschilderten Fällen durchaus bereit, nach Wahl des Herrn Fink auf eines der beiden Eigenschaftsworte zu ver* zichten. Fink beschwert sich über die Auswahl der Ueberwanderer; aus Rogatschow sandte man nach Birobidschan eine ganze Sen* düng von Invaliden, Lahme, Blinde, Taubstumme, Epileptiker, aus uman eine Gruppe erwerbsunfähiger Greise, aus Smolensk einen Geisteskranken, aus Minsk und Odessa Diebe, aus Bobruisk Straßenmädchen (S. 237/238). ״Der Emes“ vom 6. 5.1931 berichtet ans Blucherdorf (Krim): ,״ . . das beweist erneut die Beziehung der lokalen Geserd-Arbeiter, die physisch Kranke, Berufsbettler und Diebe senden . . .“ Uebrlgens möchten wir eine bescheidene Anfrage stellen: läßt es sich im Zeichen der Planwirtschaft absolut nicht einrichien, daß die Ueberwanderer noch in ihren Wohnorten ärztlich untersucht werden, statt ihren Haushalt aufzulösen und eine weite Reise (bis nach Birobidschan sind immerhin etwa 9000 km) zu machen, um dann als ״untaugliche“ auf Staatskosten zurückgeschickt zu werden, wie es so häufig geschieht? (s. z. B. ״Emes“ vom 29. 4. 1931, ״Die diesjährige Einwanderung nach, Birobidschan“). Fink erzählt, daß in sehr vielen Fällen Arbeiter und Handwerker durch unwahre und unerfüllbare Versprechungen verleitet wurden, ihre Arbeitsstellen, auf denen sie ein erträgliches Auskommen hatten, aufzugeben und nach den Kolonisationsebieten zu gehen, die doch eigentlich für die Deklassierten estimmt sind. Am 8. April 1931 depeschiert man aus Simferopol an den ״Emos“: ״Warnet die Ueberwanderer nach den Sowchosi. Im Krimer Sowchos ״Tajgali“ ist eine Gruppe von Gewerk- Schaftsmitgliedern eingetroffen, die auf Grund einer schriftlichen Garantie der■ ukrainischen Geserd-Zcntraie an die Geserd in Schitomir, daß sie in Tajgali einen Monatslohn von 80 Rubel erhalten werden, ihre Arbeitsstellen verließen. Als Ergebnis erschien hier eine Abordnung der Grupne und verlangt, das Versprochene zu erfüllen; sonst fährt die ganze Gruppe zurück. Man muß der Sache auf den Grund gehen und die notwendigen Maßnahmen ergreifen. Warnet alle Ueberwanderer, die nach dem Sowchos gehen wollen, daß man hier nicht 83, sondern 40—80 Rubel monatlich verdienen kann (״Emes“ vom 10. 4. 1931). Achnliches oder noch Schlimmeres berichtet der ״Emes“ am 29. 4. aus Birobidschan: ״ln vielen Orten hat man für Birobidschan ,goldene Berge‘ versprochen. Manche IJeberwanderer sind erstaunt zu erfahren, daß ihnen schwere körperliche Arbeit bevorsteht. Einige Geserd-Arbeiter und Werbeagenten schildern Bilder, von ,Fisch und Fleisch, Milch und Honig1.“ Aus Krementschug kommt am 6. 5. 1931 ein Tatsachen- und Stimmungsbcricht, der im Auszug gar nicht wiedergegeben werden kann — so was muß man im Original lesen. Das ganze hört sich wie eine Komödie von Gogol an, der ja ungefähr in dieser Gegend beheimatet war. Nur eins möchten wir nicht vorenthalten: eine Zeitlang, nachdem ein großer Teil der Ueber- Wanderer (alles Menschen, die in Arbeit standen) bereits wiederkam, traf ein Telegramm von den in der Krim Verbliebenen ein; es hieß, daß es doch nicht so schlimm sei. Die Krementschugcr Geserd hat es 14 Tage lang nicht gewagt, dieses Telegramm in der Presse zu veröffentlichen — wahrscheinlich wußten die Herren zu genau, wie die Bevölkerung, die doch allmählich die Gescrd-Methoden kennengelernt hat, derartige Telegramme einschätzt. Es gibt aber einen Fall, der noch erstaunlicher ist. Dieselbe Nummer des ״Emes“ (vom 6. 5. 1931) enthält einen Bericht aus Blucherdorf (bereits oben teilweise zitiert), in dem folgendes zu lesen ist: Anfang März 1931, vor der Ankunft neuer Ueberwanderer, erschien im Dorfe der Komerd-Agronom Dawidow, der ״statt eine breite Aufklärungsarbeit in bezug auf die Aufnahme der Ueberwanderer zu führen, auf einer der Dorfversammlungen vorgeschlagen hat, ,den Ueberwanderern die Wahrheit nicht zu erzählen*. Nachdem er eine schöne Resolution in die Tasche steckte, reiste er in Frieden nacn anderen Siedlungen ab, um dort seine ,breite Aufklärungsarbeit‘ in bezug auf die diesjährige Ueberwanderung zu führen“. Man sieht: die Herren sind diese Art von ״breiter Aufklärungsarbeit“ so gewohnt, daß sie sie auch in Fällen betreiben, in denen sie absolut zwecklos ist. Es liegt ja auf der Hand, daß die neuen Siedler selbst für den Fall, daß die alten Siedler den Rat des Komset-Agronomen befolgten, die Wahrheit je nach ihrer Intelligenz in 24 Stunden oder in acht Tagen erfuhren. Aber offenbar geht es bei den Herren von der Geserd und vom Komerd nichts anders. Und da Lügen bekanntlich die Ei״en- Schaft-haben, im Quadrat der Entfernung zu wachsen, stelle man sich einmal vor: wenn so an Ort und Stelle gearbeitet wird, wenn so in Rußland gearbeitet wird, — was erzäh’cn die Herren von der Geserd und von allen verwandten Organisationen ihren durch Wirtschafts not geduldig und gläubig gewordenen Zuhörern in Litauen und in Deutschland, von Südafrika und Argentinien gar nicht zu sprechen!? 3. Die Offenbarungen von Frau ReginaRuben im ״Roten Aufbau“ vom November 1930 dürften in interessierten Kreisen noch in allgemeiner Erinnerung sein. Nachdem N. Gergel in der ״Jüd. Rundschau“ den offenbaren Unsinn und die Zahlenakrobatik dieses Artikels nachgewiesen hat, war das Ruben-Svstem natürlich nicht mehr zu halten. Immerhin ging man mit diesem Artikel, der ja nicht etwa in einem x-bcliebigen Skandal- oder Käseblättchen, sondern in einer als ״theoretisch“ geltenden Monatsschrift erschien, fast ein ganzes Jahr hausieren. Eine kürzlich in Berlin veranstaltete öffentliche Auseinander- Setzung zwischen jüdischen Kommunisten und zionistischen Sozialisten (vgl. den Bericht in Nr. 83 der ״J. R.“) hatte wenigstens den einen positiven Erfolg, daß Dr. Otto Heller bei dieser Gelegenheit für sich und für seine Freunde von der Rubeniade öffentlich abrückte. Er erklärte, das Kapitel Rüben sei für sie abgeschlossen und sie hätten Frau Rüben zun! Schweigen gebracht. Boshafte Menschen könnten sagen: solche Erklärungen abzugeben, nachdem man vorher monatelang diesen Artikel in der Propaganda verwertet hat, ist eine bequeme und billige Art von ״Selbstkritik“. Es kommt hier nicht auf die Wahrheitsliebe des einen oder des anderen an — wir sind überzeugt, daß samtliehe Geserd-Propagandisten, selbst in Fällen wie dem Fall Rüben, in gutem Glauben sind. Die Menschen schauen gebannt in der Richtung des neuen Mekka und werden von jedem Unsinn, der von dort kommt, so berauscht, daß sie ihn gedankenlos wiederholen. Es ist nicht die Schuld der Menschen, die es hier tun; sie sind selbst Opfer des Systems der jüdischen kommunistisehen Propaganda Im Auslande, an deren Anfang und an deren Ende die Lüge steht. Am 22. Oktober hat Herr Dr. Heller seine Erklärung abgegeben;.aber erst wenige Tage vor dieser Versammlung erschien die Oktober-Nummer des Mitteilungsblattes der deutschen Geserd. Diese Nummer enthält einen Artikel von Lifschitz aus Moskau, in dem wiederum ein Zahlenkunststück ä la Rüben vorgeführt wird. Herr Lifschitz schreibt, daß es am 1. April 193f allein in der Ukraine 350 000 — 370 030 jüdische Indu- S t r i e arbeiter gab. Diese Zahl ist absolut phantastisch, wurde doch die Zahl der jüdischen Arbeiter (nicht nur in der Industrie) im Januar 1931 für die ganze Union mit 227 000 angegeben. Das Rätsel kann gelöst werden. Wenige Zeilen später schreibt Herr Lifschitz wörtlich folgendes: ״ln den letzten fünf Jahren stieg die Zahl der jüdischen Arbeiter und Angestellten um 130000—150030 Mann. Das macht ungefähr 60״/״.“ Legt man nun diese Zahl zugrunde, um die Zahl der jüdischen Arbeiter und Angestellten in der Ukraine vor fünf Jahren zu ermittein, so bekommt man die Zahl 220000—230 000. Addiert man diese Zahl mit den 130 000—150 000, so kommt man ohne weiteres auf die erste Zahl: 330 000—370000. Ergebnis: alle jüdischen Arbeiter und Angestellten (also auch die Beamten im Staats- und Parteiapparat, int Handel und Genossenschaftswesen usw.) erscheinen als ״Industriearbeiterschaft“. Ueber die Bedeutung des Unterschiedes zwischen Arbeitern, speziell Industriearbeitern, und Angestellten gerade für die Probleme der jüdischen Produktivicrung, eines Unterschiedes, der von keinem Kommunisten verkannt wird, braucht hier nicht näher gesprachen zu werden. ln Sowjetrußland vollziehen sich im jüdischen Leben Produktivicrungsprozesse von großer Bedeutung. Diese Prozesse werden von der Sowjetregierung unterstützt, von den jüdischen Kommunisten geleitet. Die jüdischen Kommunisten entwickeln dabei ein Maß von bürokratischer ‘Unfähigkeit und Verantwortungslosigkeif, das die Erfolge dieser Produktivierungsprozesse außerordentlich erschwert. Die objektiven Schwiengketten sind, wie überall, sehr groß. Gerade wer das Pa&it i ve im jüdischen Leben in Rußland anerkennt und begrüßt, muß sich mit aller Entschiedenheit gegen ein System der jüdischkommunistischen Propaganda wenden, das die Schwierigkeiten bagatellisiert, das Versagen einer keinerlei öffentlicher Kontrolle einer freien öffentlichen Meinung und Volksbewegung unterworfenen Bürokratie leugnet oder beschönigt, übertriebene Hoffnungen erweckt, und das jüdische Elend und eine jüdische Hoffnung, die Sowjetrußland bedeutet, zum Objekt von Iutelligenzprüfungsaufgaben für ein nicht sehr anspruchsvolles Publikuni und zum Gegenstand eines unsachlichen Kampfes gegen politische Gegner macht. Die Aufnahmefähigkeit Palästinas In dieser Zeit der jüdischen Waiidcruiigsnot, in der Unglücklicherweise auch die jüdische Siedlungsarbeit in Palästina ins Stocken geraten ist, so dal! Palästina keine nennenswerte Zahl von Einwanderern im Augenblick aufnehmeu kann, ist Zweifel- 103 die!•'rage der kün ftigen Einwandcr u 11 gsmög• lieh keit eil nach Palästina von aktueller Bedeutung. Ueber die Fassungskraft Palästinas ist bereits viel geschrieben worden. Zunächst war diese Literatur rein spekulativ, aber in den letzten zwei Jahren haben sich eine Reihe von Expertcti-Kotnmissioneil mit dem Studium der Landesverhältnisse befaßt und ihre Gutachten veröffentlicht. Wie meist bei Sachverständige״- Gutachten sind auch in diesem Falle die Meinungen geteilt, und es hat sich bereits eine Polemik entspannen; insbesondere haben die zionistischen Fachleute sich gegen die von Hope Simpson und anderen englischen Experten auigestellte These. Palästina biete praktisch heute kaum Platz für neue Einwanderer, gewandt. Die zionistischen Experten sprechen hier keineswegs in ihrer Eigenschaft als Zionisten, d. 11. sie gehen nicht von vorgefaßten Meinungen und politischen Gesinnungen aus, sendern sie sprechen als Kenner der Landesverhältnisse, die eben auf Grund ihres Zionismus sich mit großer Sorgfalt mit allen Einzelheiten des Landes vertraut gemacht haben, die das Land aus jahrzehntelanger Erfahrung persönlich kennen und daher auch seine Möglichkeiten besser abschätzen können als Gutachter, die nur zu einem einmaligen Besuch ins Land gekommen sind. Die Ergebnisse dieser zionistischen Fachleute sind meist nur in Memoranden, Reden und Zeitungsartikeln enthalten. Um so willkommener ist es, daß Solomon K a - plansky seine Arbeiten über die Fassungskraft Palästinas zu einer Broschüre zusammengefaßt hat, die in Berlin in der E. Laubschen Verlagsbuchhandlung unter dem Titel ״R ea 1 itäten und Möglichkeiten Palästinas“ (mit einem Vorwort von Prof. Franz Oppenheimer) erschienen ist. Die Schrift behandelt im ersten Abschnitt die Ansiedhmgskapazität Palästinas. Hier wird die Flächenausdehnung des Landes mit seiner Bevölkerungsdichte ins Verhältnis gesetzt, die Frage der anbaufähigen Fläche des Landes auf Grund exakter Daten dargestellt, und der Verfasser geht dann über zu einer Erörterung der Siedlungsmöglichkeiten bei richtiger Verwertung des Bodens und der durch die Verhältnisse gestatteten Siedlungsdichte. Er kommt zu dem Ergebnis, daß der nächste Schritt einer Ausnutzung der Möglichkeiten in der Verdoppelung der Bauernbevölkerung Palästinas besteht. Wenn man das richtige Verhältnis zwischen einer Volkswirtschaft und ihrer Agrarbasis herstellt, erkennt man, »daß .das Mandatsgebiet Palästina noch Millionen von arbeitenden Menschen aufnehmen' und eine Bevölkerung ernähren kann, die das Vier-, Fünf- und Mehrfache der jetzigen Einwohnerzahl beträgt“. Kaplansky betont, daß von jüdischer Seite das Recht jeder Bevölkerungsgruppe anerkannt wird, sich gegen Dreifaches zu schützen: ״Gegen die Herabdrückung des Lebensniveaus und Wohlstandes, gegen die Bedrohung ihres nationalen Wesens und Eigenlebens, gegen nationale Fremdherrschaft.“ Von keinem dieser Gesichtspunkte ist nach Meinung des Verfassers die arabische Einwohnerschaft Palästinas bedroht. Im zweiten Abschnitt unterzieht Kaplansky den Hope Simpson-Bericht einer gründliehen Analyse. Er behandelt vor allem drei Hauptfragen: 1. die anbaufähige Fläche Palästinas, 2. die Betriebssorgen und den Bodenbedarf der Fellachen und 3. die Frage der!andlosen Araber, die in der Diskussion des Berichtes eine so große Rolle gespielt hat und deren exakte Aufklärung jetzt auf Grund der vom Landentwicklungsdirektor French geführten Untersuchung zu erwarten ist. Man kann sagen, daß Kaplanskys Broschüre in die wichtigsten Fragen der heutigen Palästinapolitik einführt, indem sie sachliche Grundlagen für alle Erörterungen bietet. Auch wer das Gefühl hat, daß der Autor in seinem Optimismus etwas zu weit gellt, wird das gebotene Material entsprechend würdigen. Es ist besonders dankenswert, daß eine deutsche sozialistische Verlagsbuchhandlung diese gewiß auch für viele nichtzionistische sorialistische Kreise interessante Arbeit herausgebracht hat. I. In aller Kürze Prof. Franz Oppenheimer ist zu längerem Aufenthalt in Palästina eingetroffen. Bei den jüdischen Gemeindewahlen in Haifa wählten von insgesamt 7695 Wäldern 3992. Die Arbeiterpartei erhielt 8 Mandate, die Sefarditn 2, Allgemeine Zionisten 3, Misrachi und Hapoel Hamisrachi 5, Frauen 2, Poale Zion 1. Wie in Palästina verlautet, soll der Landentwicklungsdirekter French zum Nachfolger des kürzlich zurückgetretenen Leiters des Landwirtschafts-Department der Paästina-Regierung, Col. Saivcr, ausersehen sein. Die Palästina-Regierung hat strenge Vorschriften über den Export mit Citri!slrüchten erlassen, die nur in bester Qualität zum Export gelangen dürfen, um nicht den Ruf der Palästina-Orangen zu schädigen. Die Registrierung der ״landlosen Araber“ in Palästina hat bereits begonnen. Wie die Blätter melden, ist ein großer. Andrang zu den Einzejchnungslisten testzustellen. Allein -im Bezirk Tulkerem wurden 690 Gesuche um Landzuteilung eingereicht Im Anglo Palestine Club in London hielt C. F. Strickfand, der seinerzeit von der Regierung als Sachverständiger für das Genossenschaftswesen nach Palästina entsandt wurde und einen wichtigen, hier mehrmals zitierten Bericht erstattet hat, einen Vortrag über den arabischen Bauern in Palästina. Strickland bezeichnete den palästinensischen Fellachen als einen intelligenteren Typ, als er ihn in anderen Ländern angetroffen hat und empfahl eine systematische Unter- Weisung in besseren landwirtschaftlichen Methoden, sowie einen Ausbau des Genossenschaftswesens unter den Arabern. Zugleich jedoch halte er cs für unerläßlich, daß die Araber auch durch eine Beschränkung des freien Boden- Verkaufs geschützt werden, solange sie gegenüber den Juden das rückständigere Dement sind.

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