Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XXXVI (1931)
- Issue
- Heft 83 (27.10.1931)
- Date
- 1931-10-27
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 408 JÜDISCHE RUNDSCHAU Nr. 83, 27. X. 1931 Verfassungs-Kampfes, da die immer mehr im Sinne eines modernen Nationalismus sich entwickelnde griechische Bevölkerung unter Berufung auf das Selb&tbestimmimgsrecht die Vereinigung (Zyperns mit Griechenland förderte; wenn aber, auf Grund der Machtverhältnissc, diese Forderung undurchführbar war, dann verlangten dir Griechen wenigstens die Einführung eines demokratischen Parlaments. Die cypriotische Denkschrift vom Sommer 1029, die zugleich mit der ablehnenden Antwort Lord Passficids in der englischen Presse veröffentlicht wurde, hat seinerzeit zu ausführlichen Kommentaren in Palästina Anlaß gegeben. Sogar linksstehende palästinensisch-jüdische Zeitungen, die sonst mit dem nationalen Freiheitsstreben der Völker sympathisieren, hohen hervor, mit welcher Entschiedenheit Lord Passfield die Forderungen der griechischen Natio- «allsten Cyperns zurückgewiesen hat, während er in Palästina sich den Arabern gegenüber nachgiebiger zeige. Die gegenwärtig«!! Unruhen beweisen jedoch, daß einmal erwachte nationale Wünsche sich nicht auf die Dauer unterdrücken lassen. Als der englische Gouverneur Sir Ronald Störrs, ein guter Bekannter Palästinas, ehemaliger Gouverneur von Jerusalem, den neuen Zolltarif, den die griechisehen Mitglieder des Gesetzgebenden Rates abgelehnt hatten, im Verordmmgswcge in Kraft setzte, demissionierten sämtliche griechischen Mitglieder des Gesetzgebenden Rates, und dies gab das Zeichen zum Aufstand Die Berichte der englischen Zeitungen zeigen manche auffallende Achnlichkeit mit den Palästina-Unruhen von 1929. Vor allem kam auch dieser Aufstand der englischen Regierung völlig unerwartet, obwohl, wie jetzt zugegeben wird, seit Wochen die griechischen Agitatoren, sogar solche in sehr hoher Stellung, z. B. der Erzbischof (vgl. die Stellung des Mufti in Palästina) am Werke gewesen sind. Audi in englischen Kreisen Aegyptens war man, wie die Berichte naiv melden, völlig ״überrascht“. Das Land war von Militär völlig entblößt und die Polizei bekam — genau wie damals in Palästina — den Befehl, so lange als möglich nicht zu feuern, tun das Volk nicht noch mehr zu reizen, da die Regierung sich zu schwach fühlte. Ein wesentlicher Unterschied gegenüber den Palästina-Unruhen besteht freilich darin, daß die Unruhen in Cypem steh direkt und offen gegen England wandten. Die türkische Minorität, die den Engländern ihr System des Widerstandes gegen die griechischen Parlamentswünsche unter Berufung auf dem Schutz der Minorität erleichterte, wurde — soweit aus den vorliegenden Nachrichten zu ersehen ist — verschont Es kam zu keinen ״Pogromen“. Um so heftiger war aber der Angriff auf die sich offenbar völlig sicher fühlenden Engländer. Es wird geschildert, wie das Regierungsgebäude in Nicosia, der Hauptstadt Cyperns, in Brand gesteckt wurde, ohne daß jemand es hindern oder auch nur einen Löschversuch wagen konnte. Sir Ronald Storrs, so heißt es weiter, konnte nur mit größter Mühe durch einen Nebenausgang entkommen. Seine wertvolle Kunstsammlung ist völlig vernichtet Die Autos des Gouverneurs, des Kolonialsekretärs, des Polizeikommandanten und anderer Offiziere wurden umgestürzt und verbrannt Kriegsschiffe wurden nach Cypern beordert Durch Flugzeug (wieder wie damals in Palästina) wurden die ersten Truppen aus Aegypten berufen. Da es jedoch in Cypern keinen geeigneten Landungsplatz für so große Flugzeuge gibt flogen sie zunächst nach Ramie und von hier reisten die Soldaten sofort nach Nicosia weiter, wo sie gerade zu recht eintrafen, um dem Mob, der die Verwaltungsbüros stürmen wollte, entgegenzutreten. Es wird berichtet, daß die cypriotischen Gemeinden in Kairo, Alexandiien und Port Said beschlossen haben, den Aufständischen finanzielle und moralische Hilfe zukommen za lassen und junge Cyprioten in Aegypten sich zur Abreise rüsten, um an dem Befreiungskampf ihres Vaterlandes teilrunehmen. Der griechischc Primeminister Venizelos hat sein Bedauern über die Unruhen ausgesprochen und betont, daß durch solche Methoden die nationalen Forderungen der Griechen in Cypem nicht erfüllt werden können. Die griechische Presse jedoch steht der Bewegung mit Sympathie gegenüber. England hat die Anfiibrer des Aufstandes verhaften lassen, darunter auch den Bischof von Limasol, wo nach dessen Verhaftung eine Demonstiration stattfand, die nur mit Unterstützung des Militärs unterdrückt werden konnte. Was England weiter tun wird, muß man abwarten. Es ist anzunehmen, daß die Ereignisse der letzten Monate, die Englands Prestige so stark ins Wanken gebracht haben, den Ausbruch der Unruhen beschleunigt haben. England ist bekanrrtlich in seinen Herrschaftsmethoden elastisch und undogmatisch; trotzdem wird der Fall Cypern vielleicht noch manches zur richtigen Erkenntnis auch des Palästina- Problems beitragen können. Antisemitismus * Chronik Der Prozeß gegen die Anführer der Rösch Haschanah- Unruhen auf dem Kurfürstendamm, Graf He Udorf und Genassen, begann am 26. Oktober vor dem Schöffengericht Charlottenburg. Die Verhandlung, die jetzt Landgerichtsdirektor Brenn hausen leitet, dürfte sechs Tage in Anspruch nehmen. Das aufsehenerregende Urteil des Landgerichts O!atz, über das wir seinerzeit berichtet haben, wodurch die unbegründete Verleumdung von Juden im nationalsozialistischen Interesse für erlaubt erklärt wurde, weil dies ״zu der Wahrung berechtigter Interessen einer antisemitischen Partei“ gehöre, ist nunmehr vom Oberlandesgericht in Breslau aufgehoben und die Angelegenheit zur neuerlichen Verhandlung an das Landgericht in Schweidnitz verwiesen worden. Die Zeitschrift ״Akademia“ bringt in ihrer Nummer vom 15. Oktober die interessante Nachricht, daß unter den schwerverletzten Opfern der Unruhen vom Kurfürstendanim am 12. September der ״als Schützer und Pfleger des Andenkens unseres lieben Kartelibruders Schlageter bekannte Kartellbrude.r Dr. Derichsweiler" sich befand, der von Nationalsozialisten niedergeschlagen wurde. Es scheint also, daß in diesem Falte der berühmte ״Augenschein" etwas getrogen hat. Das Nürnberger Schwurgericht fällte im Prozeß gegen den Redakteur des ״Stürmer“, Karl Holz, wegen Beschimpfung der jüdischen Religionsgesellschaft ein frei sprechendes Urteil mit der Begründung, daß gewisse Stellen im Talmud den sittlichen Anschauungen widersprechen und daß auch Beschuldigungen unsittlicher Handlutigsweisc seitens der jüdischen Gemeinschaft keineswegs als Beleidigung der jüdischen ״Religionsgesellschaft“ zu betrachten seien, da es sich hier nicht um Angelegenheiten der Religion handle. Es bedarf keiner besonderen Betonung, welche 0ת• geheuerlichkeit dieses Urteil darstellt. Die beiden High Commtssioners Lond 011.21. Oktober. (J. T. A.) Der frühere High ComtDissioner für Palästina, Sir John Chancellor, und der neuernannte High Commissiöner, General Sir Arthur Orenfeil Wauthope, haben sich in einer Sitzung der Palestine Archcological Society getroffen, die veranstaltet wurde, damit sich die Mitglieder der Society von dem 78jährigen Archäologen Sir F 1 i n d e r s P c t r i c verabschieden, der sich nach Palästina zur Fortführung der Ausgrabungen begibt. Im Verlauf der Sitzung ergriff Sir Arthur Wauchope das Wort und führte aus, er stehe Palästina als ein rechter Neuling gegenüber. 1111 Kriege habe er vier Jahre in Mesopotamien verbracht und dort Gelegenheit gehabt, die archäologische Arbeit zu beobachten. Er hoffe, während seiner Amtstätigkeit in Palästina Sir Flinders Petrie in seiner Arbeit unterstützen zu können. Auch Chancellor wich in seiner Ansprache jeder politischen Erörterung aus, sprach nur über die archäologische Arbeit In Palästina und bedauerte cs, daß Petrie nicht Gelegenheit gegeben sei, an den von amerikanischen Universitäten in Jerusalem geführten Ausgrabungsarheiten teilziinehmen. Als letzter Redner wünschte General Lord Ailenby Petrie besten Erfolg zu seinen Arbeiten. Zeitschriften - Schau Im Oktober-Heft des ״Kunst wart“' befaßt sich Karl Meger 1 e ausführlich mit Palästina und dem Zi o* nismus. Er wirft zunächst die Frage auf, was die Juden 11 eilte nach dem Lande ihrer Väter treibt. ״Vielleicht ist: die Grundkraft jene Ueberzeugung, daß kein Mann ohne Vaterland gedeihen kann. Wir finden alle Züge und Probleme wieder, die mit dem Zusammen- und Gegeneinanderleben der Völker und Einzelnen, der Nationen und Kulturen, der Zivilisationen und Wirtschaften, der Mehrheiten und Minderheiten auftreten. Von der bescheidenen und primitiven Sehnsucht, auf der Vätererde zu leben und zu sterben, bis zu dem fanatischen Wunsch, Volk, Nation, Staat, Herrschaft zu werden, sind alje Nuancen vertreten. Nationalismus und Internationalismus, Sozialismus und Kapitalismus, rationalisierte Gesellschaft und pairiarchatische Gemeinschaften, Kollektiv und individueller Unternehmer, Urvätcrglaube und Aufklärung, ausgelaugte Weltanschauung wohnen dicht nebeneinander. Treibt die einen die Hoffnung, Land und Glauben, Glanz und Macht der Urväter wiederherzustellen, so die anderen die Sehnsucht, als Einzelner und als Volk von vorn anfangen zu können, aber nicht beim Primitiven, sondern in der Form, mit den Mitteln und den Erfahrangen der Völker und Gesellschaften des 20. Jahrhunderts. Kann hier der Welt das Muster einer Volkwerdung, einer Rückkehr zum Boden, zum Glauben, das Paradigma eines soziologisch vollkommenen und ausbalancierten Volkes und Staates vorgeführt werden?" Der Verfasser gibt dann eine kurze Uebersicht über die Geschichte des Zionismus und tritt gleich ein in seine Kritik, wobei er darauf hinweist, daß der wünsch vieler Zionisten, Palästina ohne Gewalt zu erwerben, tiefe Probleme aufwirft, da Politik ohne Gewalt nicht möglich sei und schließlich auch der Zionismus seine Stellung dem Weltkrieg verdanke und sich auf die englische Macht stütze. Der Zionismus konnte keine andere Politik machen, als sich auf England stützen. Aber heute ist diese Stütze nicht mehr so zuverlässig, da England ״zwischen seinem zionistischen und seinem arabischen Alliierten wählen sollte und nicht konnte“ und daher eine schwankende Politik mache. Der Verfasser charakterisiert dann den scharfen Gegensa17. zw Ischen Juden und Arabern, wobei nach seiner Meinung es hart auf hart gebt, ״um Ich oder Du, um die Herrschaft über den Boden, den keines der beiden Völker entbehren kann“. Wenn er im folgenden behauptet, ״daß nach der englischen amtlichen Denkschrift 86 000 (!) landlose arabische Bauernfamilien durch Land verkaufe an jüdische Siedler landlos geworden sind“, so zeigt dies, auf wie phantastischen unrichtigen Informationen selbst so ernste Artikel, wie der vorliegende zweifellos ist, aufgebaut werden. Das Problem der Fassungskraft des Landes, der Intensivierung der Wirtschaft, der Hebung der Produktivkräfte, wird von Megcrle nicht berührt. Er betont, es stehe. ״Nationalismus gegen Nationalismus, Recht gegen Recht, An- Spruch gegen Anspruch“. Und diese Situation veranlaßt ihn zu einer skeptischen Schlußbemerkung, ob der Judenheit bereits vergönnt sein werde, ״als Volk, als Nation, als Staat hier alle Prozesse völkischen Werdens und Wachsens am eigenen Leibe durchzumachcn, ein Erlebnis, das itian gerade ihr wünsehen möchte, weil sie dann erst die Nationalismen der anderen verstehen wird“. * Die ״C h e in i k 0 r - Z c i t u 11 g“ (Köthen) bring( eine Notiz über die Brom-Ausfuhr aus Palästina, der wir nachstehendes entnehmen: Die Tatsache, daß England in den ersten fünf Monaten d. J. aus Palästina 491 cwt*) Brom und Bromide eingeführt hat, gab Veranlassung' zu einer Anfrage im Unterhaus darüber, wie sich die bekannte Konzession zur Gewinnung der Kali- und Bromsalze aus dem Toten Meer entwickle. Die Antwort von Regierungsseite war sehr vorsichtig. Die Bromeinfuhr aus der Produktion der Toten Meer-Konzession wurde zugegeben, gleichzeitig aber wurde darauf hingewiesen, daß die Regierung nicht zu einer bindenden Erklärung darüber in der Lage sei, wie weit sich die Brom Produktion in Palästina in der nächsten Zeit entwickeln werde. Das Material, das von dort nach England eingeführt worden ist, sei zum Teil wieder ausgeführt worden, bedeute also für den englischeu Inlandsmarkt nur sehr wenig. Es sei auch noch keine Klarheit darüber zu schaffen, ob England in Zukunft die Bromeinfuhr aus Deutschland werde entbehren können. Diese hat 1930 1652 dz im Werte von 152 000 RM. befragen. Hierbei hat es sich allerdings nur um reines Brom gehandelt. Hinzu kam noch eine Einfuhr an Bromkalium, Bromnatrium und Bromammonium aus Deutschland im Betrage von 794 dz im Werte von 179000 RM. In der englischen Einfuhrstatistik ist beim Import aus Palästina die Einfuhr an Brom von der an Bromiden nicht getrennt. Eine kleine K a 11 p r o - duktion ist nach der Antwort der englischen Regierung bereits im Gange und gewisse Mengen liegen auch zum Abtransport bereit. Das seien aber private Mitteilungen, irgendwelche offiziellen Angaben sind noch nicht bekannt. Die Konzessionsgesellschaft selbst, die Palestine Potash Co., teilte kürzlich mit, daß das Konzessionsareal an der Küste des Toten Meeres einen Umfang von 4 qkm habe. Hiervon ist Ende 1930 ein Teilgebiet von etwa 1 qkm mit den Verdunstimgsanlagen für die Konzentration des Meerwassers ausgestattet gewesen. Es wird dann gesagt, daß die benötigten Pumpen nur rum kleineren Teil aus dem Auslande bezogen worden seien, die Mehrzahl sei im Inlande selbst fabriziert worden und hätte sich bewährt. Diese letztere Angäbe über die Herstellung der Pumpen in Palästina selbst wird bezweifelt, die Regierung selbst erklärte, sie könne nicht angeben, wo dieses Material gekauft worden sei. Ein Teil desselben stammt jedenfalls aus Deutschland. Die Tote Meer- Konzession beschäftigt zurzeit 300 Arbeiter, deren Versorgung •) 1 cwt — hundredweight 50,8 kg, 4Ql cwt 24942,8 kg. mit Süßwasser Schwierigkeiten bietet. Auch die Transportfrage ist noch nicht gelöst. Die Mandatsregierung ist im Begriff, eine Kraftwagenstraße von der Konzession aus nach Jericho 21־! hauen, wo Anschluß an die Straße nach Jerusalem ist, die ja längst auf einen sehr ausgedehnten Automobilverkehr eingerichtet ist. Der Transport der gewonnenen Kalisalze erfolgt zunächst in eigenen Lastautos der Palestine Potash Co. Später, wenn die Produktion groß genug ist, soll eine Stichbahn gebaut werden, die den Anschluß an die Bahnlinie nach dem Hafen Haifa vermittelt. An irgendeinen Weitbewirb der palästinensischen Produktion von Kali- und Bromsalzen mit der deutsch-französischen Kalikonvention ist in absehbarer Zeit kaum zu denken. Franz Oppenheimers Erinnerungen (״Erlebtes, Erstrebtes, Erreichtes“. Welt-Verlag, Berlin) Franz Oppenheimers Lebenserinnerungen, die zum Teil im vorigen Jahre in der ״Vossischen Zeitung" zum Abdruck gelangt waren, sind nunmehr als Buchausgabe erschienen, und zwar in der Jüdischen Budigemeinde des Heine-Bundes, Berlin W 57, Pallasstraße 10-—11 (Jahresbeitrag 12 M. für drei Bände nach freier Auswahl), sowie in einer Parallelausgabe des Welt-Verlages. Es ist ein Buch voll Blut und Leben, das uns nicht allein die vielfältigen Schicksale eines sehr bekannte» Nationalökonomen berichtet, sondern uns auch die ganze Zeit der letzten 70, 80 Jahre in einem treffsicheren Kulturgemälde vor Augen führt. Die Vielseitigkeit dieses Lehens mündet nicht in Oberflächlichkeit, sondern schafft Stein auf Stein zum erstrebten Ziel: Aus dem Knaben, dem das Elternhaus entscheidende Grundlagen gibt, wird der Mann, der zuerst als Arzt und sozialer Helfer, spater als Schriftsteller seine Erfahrungen sammelt, um erst mit 45 Jahren als Privatdozent der National- Ökonomie in seine eigentliche Laufbahn hineinzukommen; mit fast 60 Jahren wird er erst Ordinarius an der Frankfurter Universität. Die Lebensaufgabe, die Oppenheimer sich gestellt hat, gelangt in einigen Kapiteln fast im Zusammenhänge zur Dar- Stellung, aber man fürchte nicht, daß eine abstrakte wissenschaftüche Abhandlung hier den Leser inmitten eines Unterhaltungsbuches aufgezwungen wird. 1111 Gegenteil! Das entzündend geschriebene Buch, in dem Scherze und Anekdoten, Witze und Bonmots in unerschöpflicher Fülle fast auf jeder Seite eingestreut sind, bringt auch die abstraktesten Dinge in einem so harmlosen und netten Plauderton, daß sie nicht nur allgemein verständlich, sondern auch allgemein interessant sind. So wird das schwierige Gebiet der Oppenheimerschen genossensehaftlichen Siedlung hier von ihrem Schöpfer autoritativ und eindringlich erörtert und beansprucht das Interesse auch jedes Zionisten, zumal, wie bekannt, Franz Oppenheimers Vorschläge auch in der zionistischen Bewegung eine bedeutsame Rolle gespielt haben. Dem Zionismus ist ein eigenes Kapitel gewidmet. Oppenheimer, wohl assimiliert, aber kein Assimilant, wie er sich bezeichnet, stammt von einem Vater ab, der Prediger der jüdischeu Reformgemeinde in Berlin •war. Und obwohl er mit deutscher Kultur und deutschem Wesen bis ins Innerste und Letzte verwachsen ist, ist Oppenheimer von Anbeginn stolz auf seine jüdische Abstammung und sieht auch deutlich die Zusammeiihänge, in die diese Abstammung ihn hincingestellt hat. So wird er durch den Antisemitismus und die Judennot auch hier stets zu Rat und Tat aufgerufen und als er später, noch ru Herzls Zeit, mit dem Zionismus und den Zionisten bekannt wird, da tritt er schneit in die vordersten Reihen der Bewegung, ln diesem Mann ist beispielhaft die Synthese von Judentum und Deutschtum vollzogen, nicht im Sinne eines verwässerten überaten Standpunktes, sondern» in wirklich kraftvoller Art, bei •!der die ״innere Freiheit" stets unberührt bleibt. Wern er Bab. Ida Goitein I Nun ist I d a G O i 4 e i n von uns gegangen, im 84. Jahr ihres gesegneten Lebens. Nur wer sie gekannt hat, wer beobachten konnte, was diese Frau allein durch die Tatsache ihres Daseins bedeutete, kann ermesssen, was wir an ihr verloren haben. Generationen hat sie kommen und gehen sehen, und im Wandel der Zeiten, in der Zeit der Umwertung aller Werte, blieb sie immer die Gleiche, ihre Würde in sich selber tragend, ohne würdig sein zu wollen. Sie war eine strenggläubige und moderne rrau, beides vereint in einer Harmonie, die nur echten Persönlichkeiten gegeben ist. Nichts war ihr uninteressant, mit allem mußte sie sich auseinandersetzen, und sie tat es mit einem Feuergeist, der einen ihr Alter vergessen macht. Zu jeder Bewegung mußte sie ihren eigenen festen Standpunkt gewinnen, nichts, was sie nicht in sich verarbeitete. Niemand war ihr zu gering; an jedem hat sie Anteil genommen. Dabei war sie von einer rührenden Bescheidenheit; niemals kam sie auf den Gedanken, daß bei jedem Gespräche sie der Gebende und der Besucher der Empfangende war. Wenn man ihr kleines Zimmer in der Mannheimer Innenstadt betrat, so fühlte man sich geborgen. Dort herrschte eine Harmonie, die nur durch und durch echte Persönlichkeiten ausstrahlen können. Ida Goitein war eine glühende Zionistin. Jahrzehnte sind es schon her, daß sie sich unserer Bewegung angeschlosscn hat. Aber noch bis in die letzten Tage ihres Lebens, schon als sic vom Tode gezeichnet war, hat sie für den Zionismus geworben. Anläßlich ihres 80. Geburtstages ernannte die Zionistische Ortegruppe Mannheim sie zu ihrem Ehrenmitgliede. Aber was konnten Ehrungen dieser Frau bedeuten? Sie war ja der Stolz unserer Ortsgruppe, und wir ehrten nur uns selber, indem wir sie auszuzeichnen versuchten. Dem Keren Kajeraeth weihte sie bis ins hohe Alter ihre Arbeitskraft. Keinen Anlaß ließ sie forübergehen, ohne werbend für ihn aufzutreten. Durch das einzigartige Ansehen, das sie überall genoß, erreichte sie Kreise, die uns ohne sie unerreichbar geblieben wären. Wer konnte sich ihr entziehen? Jahrelang hat sie die Arbeiten des Verbandes Jüdischer Frauen für die Kulturarbeit in Palästina in Mannheim ganz allein geleitet, bis sie ihres hohen Alters wegen ihr Amt in andere Hände legen mußte. Schwere Schicksalsschläge sind Ida Goitein uteht erspart geblieben. Schon vor vielen Jahren verlor sie ihren Gatten, der Rabbiner in Karlsruhe gewesen war. Im Felde ist ihr einziger Sohn gefallen. Sie ertrug es mit echtem Gottvertrauen. An ihrer Bahre trauern ihre drei Töchter, die wir alte voll Stolz zu den Unseren zählen dürfen: Frau Rabbiner Unna, die Frau unseres Freundes Dr. Unna, eines der sechs deutschen Mi♦־ glieder des Councils der Jewish Agency, in dessen echt jüdischer Häuslichkeit sic nach Aufgabe ihrer eigenen Häuslichkeit eine neue Heimat gefunden hatte, Frau Rahel Straus, die Frau unseres guten Freundes Dr. Elias Straus, und Frau Prof. Dessau. Mit ihnen trauern alle, die das Glück hatten, dieser einzigartigen Frau im Leben zu begegnen. Arnold Hildesheimer (Mannheim). N c w York, 23. Oktober. (J. T. A.) Der jüdische Schauspieler David Ba ratz (nicht zu verwechseln mit dem Habimah- Schauspieler A. Baratz) wurde mitten auf der Bühne, wo er die Rolle des ״Buckligen“ in dem gleichnamigen Drama von Jacob Qordin darstellte, vom Herzschlag getroffen und fiel tot hm,