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Jüdische Rundschau · 1931-10-23 · Heft 82 (23.10.1931) · page 3

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
XXXVI (1931)
Issue
Heft 82 (23.10.1931)
Date
1931-10-23
Page
– (sequence 3)
Language
German
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Nr. B3, 23. X. 1931 JÜDISCHE RUNDSCHAU Seite 493 Vom Anderssein der Juden Abtage de« C.*V. an Brunners Assimilations-Parole Wir haben uns in der ״Jüdischen Rundschau“ bereits öfter mit Konstantin Brunner aus.inandergesetzt, der in unserer Zeit der bedeutendste und fanatischste Apostel der Juden- Assimilation geworden ist. Brunner hat vor kurzem (im Verlag Gustav Kiepenheuer, Berlin) ein Büchlein erscheinen lassen ״Höre Israel und höre Nicht-Israe 1“, das den Untertitel ״Die Hexen“ trägt Es ist eine neue leidenschaftliehe Streitschrift gegen den Judenhaß. Brunner demonstriert am Beispiel des Hexenglaubens das Wesen des Aberglaubens, wie er in den Massen des Volkes noch heute gegen die Juden besteht. Die Schrift liest sich gut und enthält viel Qpistreiches und Zutreffendes; freilich ist es zweifelhaft, ob die vom ״Hexenglauben“ Ergriffenen sich durch diese Darlegungen eines besseren überzeugen lassen. Brunner bleibt aber bei seiner Bekämpfung des Aberglaubens nicht stehen. Er ist der Meinung, daß man vor allem dasjenige beseitigen muß, was die U rsache des Aberglaubens bildet, nämlich das Anderssein der Juden. Diesen Gedanken, dem sein früheres Buch ״Von den Pflichten der Juden und den Pfliehten des Staates“ (besprochen in Nr. 62 der ״J. R.“ 1930 von Dr. Krojanker) gewidmet ist, hat Brunner in einem Artikel der ״Preußischen Monatshefte“ (August-Heft) wieder ausgeführt Brunner geht bekanntlich so weit, zu fordern, daß die Juden den Namen Juden ablegen und sich höchstens ״die von jüdischer Abstammung“ nennen. Er appelliert in seinem Aufsatz besonders an den Central-Verein, diese aktive Assimiiationstlligkeit energisch in die Hand zu nehmen. Es braucht an dieser Stelle nicht betont zu werden, welche tragische Selbsttäuschung in Brunners Propaganda steckt Brunner zeigt aber auch, daß er selbst von einer Art Hexcnglauben besessen ist Die antisemitische Propaganda, die sein schriftstellerisches Temperament so außerordentlich erregt hat vermochte gleichzeitig so sehr Macht über ihn zu gewinnen, daß er nicht durch stolze Selbstbehauptung, sondern nur durch Selbstvernichtung mit ihr fertig zu werden vermag. interessant ist aber, was die Kreise des C. - V., die eine Zeitlang sich mit Brunner zu identifizieren und (vielleicht wegen seiner Zionistenfeindschaft?) in ihm den ihnen mangelnden geistigen Führer zu sehen schienen, darauf zu antworten haben, ln der letzten Nummer der ״C.-V. -Zeitung“ ist eine offenbar parteioffiziöse Aenßerung des C.-V. aus der Feder von Dr. Eva Reichmann-Jungmann erschienen, die eine klare und deutliche Absage an Konstantin Brunner enthält Der Artikel von Frau Dr. Reichmann ist vor allem darum bemerkenswert, weil in ihm manche Bekenntnisse enthalten sind, die wir von C.-V.-Scite zwar in den letzten Jahren mehrfach (z. B, von Dr. Holländer) gehört haben, aber noch nicht mit solcher Klarheit. Es ist eine offene Stellungnahme gegen die Assitnilat ion. Wir hoffen, die Verfasserin in ihren Kreisen nicht zu sehr zu kompromittieren, wenn wir erklären, daß manche Teile Ihres Aufsatzes auch von unserer Seite Zu- Stimmung finden können; es bleibt noch Immer des Trennenden genug, und wir sind weit entfernt davon, Frau Dr, Reichmann als Nationaljüdin in Anspruch zu nehmen, obwohl sie darauf gefaßt sein kann, daß dieser Ehrentitel ihr Von extrem-ässhmflatorlsther Seite in feindlicher; Absicht entgegengeschleudert werden wird. Frau Dr. Reichmann erklärt, wenn die einzige Möglichkeit zur Beseitigung des Judenhasses, wie Brunner meint, Aufgabe des Anders-Seins wäre, ״wenn das so wäre, ganz so mathematisch scharf, dann, auch dann würden wir unser And ers-Sein nicht auf geben wollen.“ Und darin heißt es in Sperrdruck: ״Auch um das Erlöschen des Judenhasses, um unsere Erlösung von unserer Judennot zu erringen, wäre uns der Preis zu hoch, der da gefordert wird: denn er bedeutet nichts anderes als unseren Untergang als Juden.“ Und weiter: ״. . . wir fühlen naturhaft und — mag es so sein — naiv den Wunsch und die Aufgabe, uns am Leben zu erhalten, und deshalb lehnen wir Brunners Forderung, die Selbstmord bedeutet, ab! Als jüdische Menschen wollen wir am!.eben bleiben. Nicht nur als Anhänger der jüdischen Religion, so stark wir sie auch als inhalt unserer Gemeinschaft empfinden ... wir kennen auch Jüdisches außerhalb der Religion, was wir bewahren wollen.“ Und nun kommt die vom Standpunkt der Schreiberin begreiflicherweise für notwendig erachtete Distanzierung vom Zionismus und Nationaljudentum; man muß auch hier anerkennen, daß dies in einer sehr noblen Form geschieht Frau Dr. Reichmann schreibt: ״... Es ist schwer, davon zu sprechen, das schwerste vielleicht, was uns aufgegeben werden kann. Weil überall das Erfüllte und Gedachte, und sei es noch so echt, an die Schranken der fertigen Begriffe stößt, die mehrdeutig und mißverständlich sind und die eine Wand aufrichten zwischen unserem Unmittelbarsten und seiner allgemeinen Bedeutung. So und nur so durch die Unzulänglichkeit der Worte ist es ja zu verstehen, daß Brunner immer wieder latenten Zionismus und jüdischen Nationalismus Witter t, wo das .Mindestjudentum seiner Forderung auch nur um einen Fußbreit überschritten wird.... Man ist nicht jüdisch-völkisch, weil man sein deutsch-jüdisches Sein, sein Eins- und doch Anderssein inmitten der deutschen Umwelt als etwas Lebenswertes empfindet; weil man zu dieser wundersamen, gedrückten und erhobenen, tausendfach vernichteten und immer wieder auferstandenen Schicksalsgemein s ch a f t sich bekennt...." Die Abgrenzung, die hier vorgenomnieu wird, ist sozusagen eine interne Angelegenheit des C.-V. Wenn wir uns trotzdem dazu äußern, so geschieht es vor allem aus dem Grande, um von unserer Seite unsere Zustimmung zum ersten Teil dieser Bemerkungen ausnrsprechen, nämlich zu dem Gedanken, daß auf das Judentum die ״fertigen Begriffe“ nicht anwendbar sind. Das Judentum ist eine Kategorie sui generis, ein Spezialfall der Weltgeschichte, eine Gemeinschaft, auf die nur mit Vorbehalt die sonst üblichen Bezeichnungen anzuwenden sind. Eine Komponente des Zionismus (nicht die einzige) war freilich das Streben nach ,;Normalisierung“ des jüdischen Volkslebens, und aus der Erkenntnis, daß eine Lösung der Judenfrage nur durch großzügige moderne politische Mittel möglich ist, gelangte der Zionismus auch zur Anwendung einer politisc' en Terminolorie, die immerhin demjenigen, was ausgedrückt werden soll, noch am nächsten kommt Wenn aber Frau Dr. Reichmann sich heute vor Brunner und vor ihren eigenen auf dem assimilatorischen Flügel stehenden Parteigenossen dagegen verwahren muß, wegen ihres Bekenntnisses zur jüdischen ״Schicksalsgemein- Schaft“ (w i r sagen lieber ״Volksgemeinschaft“) als ״jüdischvölkisch“ (mit dem dem Worte völkisch in Deutschland anhaftenden Beigeschmack) stigmatisiert zu werden, so könnten wir Zionisten mit einem Gefühl etwas bitterer Ironie feststellen, daß uns gegenüber dieses etwas billige und etwas demagogische Spiel mit Worten und Begriffen, ״die mehrdeutig und mißverständlich sind“, erlaubt scheint oder wenigstens bis vor kurzem auch in Kreisen des C-V. erlaubt schien. Der Standpunkt von Frau Dr. Reichmann ist nicht zionistisdu Es fehlt ihm die zionistische Erkenntnis, daß das Judentum nicht nur von Verfall und Auflösung, sondern auch von sozialen Krankheiten aller Art bedroht ist, wenn es sich aus dem Zusammenbruch seiner mittelalterlichen Welt nicht in ein neues Gebäude der Sammlung und produktiven Eigenleistung hinüberrettet Das Judentum der Gegenwart ist ohne ein jüdisches Zentrum, das hundertprozentig jüdisch ist und in vielfacher Beziehung eine belebende und zusammenhaltende Funktion auf die zerstreuten Glieder der jüdischen Gemeinschaft ausübt, nicht lebensfähig. Der empirische Gegenbeweis ist heute gar nicht mehr zu erbringen, da wir behaupten (und ehrliche Nichtzionisten geben auch dies zu), daß unser heutiges Judentum einen großen Teil seiner Lebensenergie, seines Inhaltes und sogar seines Bestandes dem Zionismus verdankt Der Zionismus hat ein großartiges Feld neuer jüdischer Betatigung geschaffen, er hat Inhalte in den Mittelpunkt des Judentums gestellt, an denen sich Millionen Herzen, die weder durch die erstarrten Traditionswerte der Orthodoxie, noch durch die formalen Emanzipations-Ideale eines ehrbaren Bürgertums angezogen werden konnten, entzündeten. Dem Zionismus ist es auch zu danken, daß ganze Scharen jüdischer Jugend im Judentum verblieben sind und den Judenstolz gelernt haben. Vielleicht — wir wollen nicht unbescheiden sein — ist der Zionismus auch nicht ganz unbeteiligt an geistigen Entwicklungen, die es mit sich gebracht haben, daß man sich heute in der C.-V.-Zeitung zu einem über die Religion hinaus bestehenden Anderssein der Juden entschieden bekennen darf. Es ist doch kein Zufall, daß (worüber Frau Reichmann klagt) von Brunner und anderen jede über ein ״Mindestjudentum“ hinausgehende jüdische Haltung als ״latenter Zionismus“ bezeichnet wird. Ohne Zionismus hätten wir heute kaum noch das ״Mindestjudentum“. Ohne den Zionismus wäre das Judentum beute ein Trümmerfeld und Konstantin Brunner hätte nicht nötig, für Selbstmord zu plädieren. Frau Dr. Reichmann und die so denken wie sie, bleiben auf halbem Wege stehen. Das Wesentliche, das Entscheidende trennt sie vom Zionismus: der große Sprung wird nicht gewagt, der revolutionäre Wille ist nicht erwacht, die tragische Zuspitzung des Entweder-Oder wird nicht erkannt Darum kommt es auch nicht zu einer aufbauenden Tat für die Zukunft und darum (endet ihr Artikel so matt und enttäuschend mit dem Versprechen, die ״Aufklärungs-Arbeit“ des C-V. weiter zu betreiben, als ob damit — auch wenn diese Aufklärungsarbeit noch so nützlich . ist —- etwas prinzipiell Wichtiges für die Gestaltung des Judentums getan wäre. ...1; ........ ...... Aber wenn wir als Zionisten von dieser Aeußemng des C-V. auch nicht befriedigt sind, so ist sie uns doch symptomatisch und zeigt, daß dem deutschen Judentum, wenn es nicht den — notabene gar nicht durchführbaren — Auflösungsweg Konstantin Brunners gehen will, und mit mehr Konsequenz als der C-V. die Dinge zu Ende denkt, gar kein anderer Ausweg bleibt als Zionismus. Natb&n, der Dragoner ״Natlonaldeuhcher Juden“-Spiegel Iu der ״Weit am Montag“ schreibt H. Francke, Pastor i. R.: ״Merkwürdigen Besuch erhielt ich. Ein Blatt, das sich .Der nationaldeutsche Jude‘ nennt, gab seine Karte auf meinem Schreibtisch ab. Seine Erscheinung mutet wieeinc Maskerade an. Wie wenn Lessings Nathan in Wallensteins Lager gegangen wäre und sich bei den Holkisehen Jägern oder bei den Buttlerschen Dragonern hätte anwerben lassen und mit ihnen das frisch-fröhliche Lied der rauhen Krieger sänge: ,Wohlauf, Kameraden, aufs Pferd, aufs Pferd!' Doch nein! Dieser Nathan steigt nicht zu Pferde, sondern auf die Marketendertonne und hält von dieser Kanzel wieder eine Kapuziitade, die für das gesamte deutsche Judentum etwas Beschämendes hat. Er putzt den Forscher Einstein herunter und wirft ihm vor, daß er ,bewußt in die politische Arena herabgestiegeir' sei. Er bezichtigt ihn ,jüdisch-nationaler und pazifistischer Phrasen, die in keiner Weise von den Phrasen anderer Zionisten und Pazifisten unterscheidbar seien.‘ Ja, steigt denn der ,nationaldeutsche Jude‘ nicht selbst durch seinen Namen schon in die politische Arena und verleitet seine Anhänger, ihm dahin zu folgen? Seine Betonung des Nationaldeutschen bedeutet doch Widerspruch gegen jede internationale Tendenz, wie sie die linkspolitischen Parteien auch auf deutschem Boden zu verfechten wagen. Und daß letztere bei diesem Wagnis dem Judentum Dank schuldig wurden, weil dieses durch seine unerbittlich kritische Art tausend Trugideale zerstörte und auch uns Deutsche von einer unwahren nebulösen Romantik befreite, das sollte kein jüdisches Blatt vergessen und verkennen. Es verkennt damit zugleich die größte Tradition jüdischer Religiosität, die Hoffnung altesttamentlicher Propheten, daß einst die Völker dieser Erde ein einheitliches Reich bit• den werden, mit keinem anderen König über sich als Gott und keiner anderen Haupt- und Herrscherstadt a!s einem idealen, überirdischen Jerusalem, Symbol der letzten, ewigen Gerechtigkeit. ... Es wäre hübsch, wenn sich in solchem Urteil ei« Teil der deutschen Judenschaft mit den Alldeutschen zusammenfände. Mit ihrem Verdikt über den ,Stubengelehrten* Einstein, der mit weltfremden Fingern ganz unberufen die brenzlichen, Sachen des Zionismus und Parifismus angefaßt hat, haben sie dazu einen ganz netten Anlauf genommen. .. _. Die Orangen Saison. Die Londoner Zeitschrift ״The Near East and India“ veröffentlicht einen Bericht des englischen Empire Marketing Board über die Aussichten der kom ־ menden Jaffa-Grangen-Saison. Darin heißt es, daß man eine Ernte von 31/4 bis 3V3 Millionen Kisten Citrusfrüchten für den Export erwartet, davon 80 000 bis KM000 Grape fruit. Dagegen dürfte der Export von Zitronen nur etwa 5090 Kisten betragen. Der Beginn der Orangen-Verschiffungen ist für den 8. November angesetzt. Die historischen Beziehungen der deutschen Juden zu Palästina Der ununterbrochene Zusammenhang des jüdischen Lebens in den Ländern der Diaspora mit Palästina, der sich auf vielfältige Weise äußert, ist noch nicht in zulänglicher Weise dargestellt worden. In der Diskussion zwischen Zionismus und Assimilation wird auf die in der (nicht nur religiösen) Literatur aller Jahrhunderte und in den jüdischen Gebeten manifestierte Verknüpfung oft hingewiesen. Auch die tiefen _ dargestellt. Es ist übrigens auch für den Anteil der deutschen Juden an diesen Bewegungen nicht annähernd ausreichend, das Interesse auf die Zeit Sabbathai Zewi’s zu konzentrieren, man müßte schon mit der Darstellung der Erlösungshoffnungen der deutschen Juden und ihrer realistischen Einstellung auf den Rückkehrgedanken zur Zeit der Kreuzzüge, dann der Mongolen-Einfällc in Deutschland einsetzen und" von da ah den Faden durch die Jahrhunderte weiterspinnen. Eine in den verschiedenen Zeiten unterschiedlich wichtige Komponente dieses Fragenkomplexes steilen die Handelsbezie Hungen der deutschen Juden zu Palästina dar. Sie sind unter Karl dem Großen schon nachweisbar, aber sicherlich viel älter. Der Reiseverkehr zwischen Deutschland und Palästina war seither mehr als nur gelegentlieh; er hat schon in seinen ersten Anfängen eine interessante kulturelle Verknüpfung des deutschen Judentums mit Palästina zur Folge gehabt. Wir müssen uns überhaupt dessen bewußt bleiben, daß während des ganzen Mittelalters Palästina einen realen Gegenstand des politischen und kulturellen Denkens des Abendlandes bildete, daß schon die kirchlichen Ansprüche auf Beherrschung des Landes zu einer dauernden öffentlichen Propaganda führten. Die Versuche, konkrete Aktionen einzuleiten, griffen ohnehin in das Leben der Juden ein; es wurde immer wieder versucht, sie zu direkten oder indirekten Steuerleistungen für die vom Papst initiierten Expeditionen heranztiziehen, — von anderen Lingriffen ganz zu schweigen. Besondere Aufmerksamkeit verdient wiederum die ununtcrbrochene Kette der Uebcrsiediung deutscher Juden nach Palästina. Es handelt sich um Vorgänge, die manchmal, wie beispielsweise der mißglückte Versuch des unterwegs gefangen genommenen Rabbi Meir von Rothenburg, außerordentliche Publizität erlangten. Die vielen Nachrichten, die über solche Fälle vorliegen einerseits, und die Angaben über die Herkunft prominenter in Palästina lebender Juden andererseits, erweisen, daß immerfort persönliche Beziehungen zwischen jüdischen Familien und jüdischen Gemeinden in Deutschland zu Palästina bestanden haben. Zu Beginn der Neuzeit treten zwei weitere Momente der realen Verknüpfung deutscher Juden mit Palästina hinzu: Schon in der Mitte des 16. Jahrhunderts beobachtet ein deutscher nichtjüdischer Kaufmann, daß die Juden Sammlungen für den Unterhalt der Frommen in Palästina unternehmen, immer in der Hoffnung, ״daß sie aus allen Ländern in ihr Land wieder Zusammenkommen werden“. Die jüdischen Gemeinden richteten Palästina-Kassen mit besonderen Verwaltungen ein, und die Parallelen zur Arbeit unserer heutigen Fonds sind auffällig. Dieses System wurde ergänzt durch die Reisen der Sendboten aus Palästina, die alle Länder und auch Deutschland bereisten und damals jedenfalls noch freudig und gern unterstützt wurden. Die Gemeinden trugen abschnittweise die Reisekosten. Allerdings litt auch schon damals die Organisation der Sammlung durch Separat-Aktionen für allzuviel Sonderzwecke. Die Gemeinden S. _ Die Sammelzentrale hatte gleichzeitig die Funktion der Verteilung der eingehenden Gelder für die verschiedenen palästinensischen Zwecke. Der Sitz der Zentrale für Europa war Venedig, — im Hinblick auf die wirtschafts- und verkelirs-geographische Lage dieser Stadt eine glückliche Wahl. Es ist nicht bekannt, ob die einzelnen Länder Landessammelzentralen hatten; für die deutschen Juden ist dies jedenfalls nicht bezeugt, während eine Nachricht darüber voruegt, daß seit dem 17. Jahrhundert in Lublin der Sitz einer polnischen Zentralstelle war. (Von Interesse angesichts der heutigen Diskussion über das Wesen der Palästina-Arbeit Ist die Tatsache, daß der Leiter der Sammelstelle zu Venedig in der Mitte des 17. Jahrhunderts der aus Hamburg stammende berühmte Rabbiner Samuel ben Abraham Aboab war, einer der entschiedensten Gegner Sabbathai Zewi’s, dessen jüngster Sohn Josef dann nach Palästina übersiedelte.) Auch diese Materie ist noch unbearbeitet. Es liegt nun der erste Versuch vor, das Material einer Einzelgemeinde darzustellen, in der Arbeit von Bernhard Brilling, ״Die frühesten Beziehungen der Juden Hamburgs zu Palästina“ (Frankfurt a. M., Buchdruckerei David Droller, Sonderabdruck aus dem Jahrbuch der Jiidisch-Litcrarischen Gesellschaft 1930). Schon die vorstehenden Bemerkungen zeigen, wie interessant und wie dankenswert eine solche Arbeit ist. Brilling gibt das Material wieder, das in den Protokoll-Büchern der Sephardischen Gemeinde zu Hamburg für die Jahre 1652 bis 1668 enthalten und von J. Cassuto in den Jahrbüchern der Jüdisch-Literarischen Gesellschaft (Jahrgänge 1908—1916) übersetzt und herausgegeben worden ist. Wie die anderen jüdischen Gemeinden, so hatte auch die Hamburger in ihrem Vorstand ein Sonderdezemat für die Palästina-Sammlungen, verwaltet von dem Gabbai de-Erez Israel. Sammelmittel waren: allgemeine Sammlungen, Beiträge aus der Gemeindekasse, Sammelbüchsen, Sondersanimlungen am Purim, Thoraspenden, Gelegenheitsspenden bei der Rrith Milah und Vermächtnisse. — Es bestand ein besonderer Hilfsverein für Palästina, der 1659 gegründet wurde. — Brilling bringt auch das Material über die Personliehkeiten, die mit der Verwaltung der Palästina-Kasse der Sephardischen Gemeinde betraut waren und über die vielen Scn’lichim aus Palästina, die Hamburg in diesen 16 Jahren besuchten. Es werden weitere Fälle berichtet, in denen die Gemeinde Juden, die die Absicht hatten, den Rest ihres Lebens in einer der heiligen Städte Palästinas zu verbringen, besondere Unterstützungen gewährte (ohnehin war ja Palästina bei den Gemeinden dadurch eine Sonderstellung eingeräumt, daß den Uebersiedelnden die Entrichtung der ortsüblichen Abzugssteuer erlassen wurde). Es ist gewiß nicht möglich, alle einzelnen Erscheinungen nur auf Grund lokalen Materials stets in die richtigen Zusammenhänge einzugliedern. Die Monographie Briliings ist jedoch ein lebhaft zu begrüßender Schritt, nunmehr an die Darstellung der historischen Beziehungen der deutschen Juden zu Palästina heranzugehen. — Sollte es in dieser schweren Gegenwart noch Menschen geben, die sich dazu hingezogen und berufen fühlen, den Blick auf unsere Vergangenheit zu werfen, so sei solchen Geschichtsbeflissenen dieses Gebiet besonders ans Herz gelegt. Georg Landauer. Laut einer Verordnung dürfen nur jene Offiziere, Beamten und Schutzleute der britischen Abteilung der palästinensisehen Polizei befördert werden oder Gehaltszuschläge bekommen, die die Kenntnis des Arabischen und Hebräischen nachweisen können.

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