Mannheim
Compact Memory

Jüdische Rundschau · 1931-10-23 · Heft 82 (23.10.1931) · page 2

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jüdische Rundschau
Volume
XXXVI (1931)
Issue
Heft 82 (23.10.1931)
Date
1931-10-23
Page
– (sequence 2)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/2651273-2653252-2653329--22637-2680884
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

Seite 402 JÜDISCHE RUNDSCHAU Nf. 83, 23. X. 1031 Theodor Her/1 beschieden. Bei Schnitzler finden wir viele von den Motiven, die Her/I zum Zionismus brachten. Er schaute in die tieferen Schichten der jüdischen Seele. Er verachtete und verspottete assimilatorische Kriecherei. Er analysierte in der feinsten Weise alle verschlungenen Wege des jüdischen Seelenlebens und vermochte dieser Erkenntnis Wort und Gestalt zu verleihen wie vielleicht kein anderer Zeitgenosse. Er lehnte es mehrmals ab, über die ״Judenfrage“ zu sprechen oder zu schreiben. Denn er war so sehr Dichter, daß ihm Theorisieren nicht lag. Auch der Gedanke — so sagte er selbst — wurde bei ihm nur darstellbar durch die Gestalt, ln seiner Phantasie nahm die Diskussion sofort die Form lebendiger Menschen an, und nicht nur verschiedene Personen stehen streitend gegeneinander, sondern auch im einzelnen Charakter mischen sich die Widersprüche wie in allen menschlichen Wesen. Auch der wirklieh lebende Jude (im Gegensatz zum ״abstrakten“ Juden einer theoretischen Betrachtung) ist eben auch kein ausgeklügelt Buch, sondern ein Mensch mit seinem Widerspruch. Schnitzler wußte zu sehr von der Doppelseitigkeit aller Dinge, er war ein viel zu feiner Beobachter, zu großer Skeptiker und Ironiker, um selbst einen Zugang zur Welt der Tat zu finden. Aktive Politik lag ihm fern. So ist es durchaus verständlich, daß er nicht 1m politischen Sinn Zionist wurde. Und doch wurde, wie erst kürzlich an dieser Stelle (in Nr. 65) ausgeführt wurde, sein vor etwa 25 Jahren erschienener Roman ,,Der Weg ins Freie“ geradezu zu einer Fibel des Zionismus. Denn selten hat die Darstellung einer jüdischen Welt so eindringlich an den Leser die Anforderung gestellt, nun auch das Erfahrene und Geschaute zu Ende zu denken, für sich selbst einen ״Weg ins Freie“ aus dem von Schnitzler gespiegelten Chaos der Judenfrage zu suchen. Schnitzler hat häufig auch in seinen anderen Werken jüdische Gestalten auftreten lassen. Er durchschaute die Brüchigkeit des jüdisch-bürgerlichen Milieus, dem er selbst angehörte. Seine Schilderung ist oft genug Anklage, wenn auch die große verstehende Güte verzeihend darüber streicht. Oft wird gar nicht ausdrücklich erwähnt, daß es sich um jüdische Gestalten handelt, manchmal ist es — wie in der berühmten Novelle ״Fräulein Else“ — in kleinen, der Aufmerksamkeit leicht entschlüpfenden Nebenbemerkungen angedeutet. Auch die Gegenspieler des Juden wurden von Schnitzler dargestellt, vor allem im ״Weg ins Freie“ und im ״Professor Bernhardt“, wo wir verschiedenen Typen des Antisemitismus begegnen, aber auch den Typus des freisinnigen, liberalen Altösterreichers und jenes sympathischen Wiener Menschen, der zwar ein bißchen Antisemitismus in sich spürt, aber aus einer Menschlichkeit des Herzens und gewissermaßen Gefühlsschlatnperei ihn nicht zu einer wirklichen Macht in sich werden läßt. Erst vor wenigen Wochen wurde in einigen Zeitungen Amerikas ein apokryphes Interview mit Schnitzler über den Antisemitismus veröffentlicht, worin ihm die Worte in den Mund gelegt werden, er begrüße den Antisemitismus, weil er den Juden das Selbstbewußtsein wiedergegeben habe. Schnitzler hat dieses Interview dementiert und dabei seinem Bedauern Ausdruck gegeben, daß gewisse Journalisten so wenig Respekt vor einer geistigen Persönlichkeit haben, um mit angeblichen oder entstellten Aeußerungen aus Sensationslust in dieser Weise umzuspringen. Was immer uns auch von Schnitzlers jüdischer Haltung trennen mag, wir liebten ihn, er war unserem Herzen nahe, wir fanden bei ihm viele unserer unausgesprochenen inneren Konflikte fcrheHt, und wir haben viel von״ Ihm gelernt, wofür wir ihm dankbar sind. ,f Ein seltsames Schicksal fügte es, daß des Dichters Leben dort von dem schwersten persönlichen Kummer heimgesucht wurde, wo es sich von jüdischer Tradition entfernte; seine Ehe zerbrach ihm, seine einzige, über alles geliebte, zauberhaft-schöne Tochter entfloh durch Freitod aus einer sie nicht befriedigenden Mischehe. Ein nie-abreißendes Glück hingegen gewährte die Vorsehung Schnitzler: eine in keiner Periode seines Lebens je sich unterbrechende Schaffenslust und Schaffenskraft. Das Gesamtwerk des Dichters ist überaus reich und vielfältig. Und es ist erstaunlich viel Ausgereiftes und über aller Diskussion stehendes Wertvolles darunter. Erst vor wenigen Tagen erschien ein neues Buch von ihm, die Novelle ״Flucht in die Finsternis“ (bei S. Fischer Verlag, wie alle seine Werke), ein echt Schnitzlerisches kleines Meisterwerk. Er ist bis zuletzt er selbst geblieben. Viel wird in diesen Tagen über Schnitzler gesprochen werden, man wird ihn preisen und feiern. Er ging dahin als anerkannte Größe der Weltliteratur. Aber nicht nur ein großer Dichter, nicht nur ein unwiederbringliches Stück Oesterreich ging mit ihm dahin, sondern auch ein unwiederbringliches Stück müde gewordenen, weichen, vergeistigten Judentums, das abgelöst wird von dem härteren Atem einer ihr eigenes Schick- «al zimmernden Generation. D. L. Presseschau Der Parlamentarische Korrespondent des ״J e w i s h C h ronie! e“, dessen Berichte freilich nicht seriös sind, berichtet in der letzten Nummer seines Blattes, daß sich in arabischen Kreisen in London eine Stimmung bemerkbar mache zugunsten einer Beilegung der Gegnerschaft gegenüber den Juden. Mehrere sehr einflußreiche Araber, schreibt das Blatt, erklären in inoffiziellen Gesprächen ihre Verständigungsbereitschaft, obwohl sie niemals wagen können, dies offen zu bekennen. Die Rede Arlosoroffsseinich tauf unfruchtbaren Boden gefallen. Der Korrespondent erzählt weiter, im Unterhaus sei ein Vorschlag gemacht worden, ein gemeinsames pro-zionistisches und pro-arabisches Palästina-Komitee einzusetzen. Man meint, daß durch gemeinsame Aussprachen die Erbitterung gemildert werden könnte, so daß die Bahn für eine Verständigütig in Palästina frei würde. Der Korrespondent bezweifelt freilich selbst die Durchführbarkeit dieses Planes. * ״T he N e a r East and 1 n d i a“ bringt in seiner letzten Nummer Berichte über die Entwicklung der finanziellen Verhältnisse in Palästina, worin hervorgehoben wird, daß auf Grund der durch den P f u n d - St u r z geschaffenen Sachläge eine Vorzugsstellung britischer Waren erzeugt wurde. Politische Animositäten, heißt es weiter, wurden vergessen, und alles beeilt sich, britische Waren zu kaufen. Zum ersten Male seit vielen Jahren wurde z. B. Zucker in Eng- Find bestellt. Führende Bank- und Wirtschaftskreise in Palästina seien der Meinung, daß sich die geschäftlichen Chancen stark zugunsten britischer und palästinensischer Erzeugnisse gewandelt habe. — Der Bericht bespricht weiter die Vorgänge auf der arabischen Konferenz in Nablus und teilt mit, daß eine neue arabische Partei unter dem Namen ״ArahischcNationalpartei“ gegründet wurde, die unter Führung der Nashashibi-uruppe stellt und gegen die Husseini-Gruppe scharfe Opposition mache, Die neue Partei will auch ein bestimmtes Maß von Zusammenarbeit mit der britischen, Regierung bewerkstelligen, z. B. im Landentwickiungsplan. Die Presse der arabischen Opposition hat heftige Angriffe gegen die arabische Konferenz in Nablus gerichtet und sie zum Teil lächerlich zu machen gesucht. — ״The Near East and India“ nimmt in seinem Leitartikel zu diesem Teil des Berichtes seines Jerusalemer Korrespondenten Stellung und bemerkt dazu, daß diese Entwicklung aufmerksame Beobachtung verdiene, ob nun die Stellung des Mufti durch sie erns lieh erschüttert wird oder nicht. Palästina werde sich allmählich auf eine realistische Basis einstdlen, und die Araber werden schließlich und endlich nicht weniger als die Juden begreifen, daß es nutzlos ist, gegen die Logik der Tatsachen und des geiunden Menschenverstandes anzukämpfen. Prager Brief Neuwahl des Präsidenten der jüdischen Gemeinde — Nachklänge des Horäkprozesses — Sitzung des zion. Landeskomitees Von unserem Berichterstatter. hl, Prag, 19. Oktober 1931. Durch das Ableben des Abg. Dr. Ludwig Singer ist u. a. auch die Stelle des Präsidenten der Prager Jüdischen Gemeinde verwaist. Nach langen interfraktionellen Verhandlungen konnte heute endlich diese Wahl vorgenommen werden. Anspruch auf diese Stelle erhoben die tschechischen Assimilanten, die, obgleich die drittstärkste Partei in der Prager Kultusgemeinderepräsentanz, eine andere Möglichkeit der Wahl als eine ״Beleidigung der tschechischen Öeffentlichkeit“ erklärten. Diese hat natürlich ein herzlich geringes Interesse an den Vorgängen innerhalb der Jüdischen Gemeinde, trotz einigen Hetzartikeln in den nationalistischen Boulevardblättern, die offensichtlich, von den tschecho-jüdischen Assimilanten inspiriert sind. Die Zionisten und Demokraten erklärten, keinem Terror weichen und insbesondere nichtjüdiscben Faktoren keinerlei Einfluß auf die Geschäftsführung der Jüdischen Gemeinde einrfiumen zu wollen. Zum Präsidenten der Gemeinde wurde daraufhin mit den Stimmen der Zionisten, Demokraten und eines Orthodoxen Dr. Gottlieb Stein, der der demokratischen Gruppe angehört, gewählt (19; 9). Bei dieser Wahl kam es zu einer Spaltung der orthodoxen Gruppe, die wahrscheinlich einen dauernden Charakter haben wird. Zwei Mitglieder dieser Fraktion, die auch sonst mit den antizionistischen Tschechojuden sympathisieren, stimmten gegen Dr. Stein. Nach der Wahl ,verließen die Tschecho juden zum Proteste den Saal. Zum ersten Stellvertreter wurde der ZionistArthurKä uders gewählt. Der Horäk-Prozeß, über den in der ״J. R.“ ausführlich berichtet wurde, hat in der tschechoslowakischen Öeffentlichkeit ein breites Echo gefunden. Nicht nur die jüdische Presse, auch die bedeutendsten niehtjüdischen Zeitungen haben sich eingehend mit d^m Freispruchsverdikt der Prager Geschworenen befaßt.. Die ״nationalen“ Blatter äußern durchwegs ihre Befriedigung mit dem Ausgange des Prozesses, dagegen wenden sich die sozialistischen Zeitungen mit aller Schärfe gegen die Haltung der Prager Geschworenen. Sie verweisen darauf, daß durch dieFreispfechungHordkseinFreibrieffür alle künftigen Pogro miste n geschrieben wurde und daß insbesondere jener Teil der tschechischen. OeffepÄchkeit, der so gerne die Opfer der unbarmherzigin habsburgisehen Militärjustfz, betrauert und feiert, sich durch sein unverhohlenes Eintreten für Horäk das Recht verwirkt habe, eben jenes System anzuklagen. Gegen das Urteil der Prager Geschworene« wurde beim Obersten Gerichtshof die Nichtigkeitsbeschwerde eingebracht. * Sonntag, den 11. d. M., fand in Prag die Sitzung des zionistischen Landeskomitees statt. Von revisionistischer Seite lagen zu dieser Sitzung einige Anträge vor, von deren Annahme sie ihr Weiterverbleiben im Landesverbände abhängig gemacht hatte. Als die Anträge mit großer Mehrheit abgelehnt wurden, erklärten die Revisionisten, daß sie sich nicht mehr an den Zionistentagen beteiligen werden, was einem Austritte aus dem Landesverbände gleichkommt. Diese Austrittserklärung wurde jedoch von ihnen schon nach ganz kurzer Zeit, noch während der Tagung, zurückgezogen. Ein Antrag der Linken, von der Londoner Exekutive Maßnahmen wegen der Beschlüsse von Calais zu fordern, wurde von der Tagung abgelehnt, nachdem die Revisionisten die Erklärung abgegeben hatten, daß es sich bei diesen Beschlüssen nur um einen Vorschlag der revisionistischen Exekutive handle, über den noch keine endgültige Ent- Scheidung gefällt wurde. — Im Verlaufe der Tagung kam es auch anläßlich der Debatte über die B i! d u n g e i n e s T e r r i ־ torialverbandes, der neben den im Landesverbände organisierten Gruppen ~~ allgemeine und radikale Zionisten, soziale Zionisten und Revisionisten — auch Poale Zion und Misrachi umfassen soll, zu einer längeren Aussprache über Landespolitik. Die Sprecher der Linken vertraten den Standpunkt, daß aus dem Kompetenzkreise des Territorialverbandes die Landespolitik ausgeschaltet werden müsse, während die Mehrheit den Standpunkt vertritt, daß auch weiteriiin eine autoritative Instanz — momentan ist dies die politische Reichskommission des Landesverbandes — bestehen muß, die bindende Richtlinien für die landespolitische Haltung der Zionisten zu erteilen habe. Sie ist darum gegen die Schaffung eines Territorialverbandes, der jene Institution überflüssig machen würde, ohne ihre Funktionen zu übernehmen. Die Diskussion über diesen Punkt wird ihre Fortsetzung auf dem kommenden Zionistentag finden, der im Januar in P r o ß n it z (Mähren) stattfinden wird. Kleine Nachrichten Das agudistische Organ in Jerusalem ״Kol Jisroel“ fordert die orthodoxen agudistischen Juden Palästinas auf, bei der Volkszählung als Umgangssprache nicht hebräisch, sondern jiddisch anzugeben. 15 revisionistische Mitglieder der Assefath Niweharitn (die bekanntlich bei der vorigen Session einen Exodus arrangiert haben) fordern die Einberufung einer Voll- Versammlung, um gegen die Volkszählung in Palästina Stellung zu nehmen. Die zionistischen Arbeiterparteien Poale Zion und Zeire Zion (Hitachduth) in Amerika haben auf der in 'Philadelphia abgehaltenen Convention beschlossen, sich zu einer Einheit» partei zusammenzu^chließen. An der Grenze zwischen Transjordanien und Nedschd kam es durch U eberfälle der Wahabiten zu blutigen Zusammenstößen, wobei 209 Kamele geraubt wurden. ״Solches geschieht“, schreibt der arabische Korrespondent des ägyptischen ,Mokkatam‘, ״zu einer Zeit, wo so viel über die Einheit der arabischen Länder geredet wird.“ Polnische Regierung und Juden Die jüdische Not - Oie VoUaz&hluitg (Von unserem Korrespondenten.) s —g. Warschau, 20. Oktober. Wiewohl in Polen nur ein Scheinpariamentarismus vorhanden ist, bieten doch die Eröffnung der Pariamentss ession und die Debatten über die Budget vorläge eine 'Gelegenheit auch für die jüdische Bevölkerung, ihre Forderungen und Wünsche von der Sejmtribüne zu verkünden. Die Sprecher des jüdischen Klubs — Rosmarin, Rottenstreich,Sommerstein — gaben in den letzten Tagen ein trauriges Bild der jüdischen Lage im Lande. Das zirka 2Vt-Milliarden-Budget der polnischen Republik wird zum großen Teil von Ihren jüdischen Bürgern gedeckt und die unbarmherzige Steuermaschine, die trotz mehrfacher Zusagen nicht losläßt, preßt von den jüdischen Händlern und Handwerkern nunmehr den letzten Groschen aus, der schon für das trockene Brot bestimmt war. Von Verdiensten kann keine Rede mehr sein, die Kapitalien sind verzehrt, die Ziffer der aut Unterstützung angewiesenen Juden steigt täglich enorm. Die Regierung hat eine großzügige winteraktion für Arbeits- und Mittellose vorbereitet. Die Mittel hierfür werden hauptsächlich von neuen indirekten ad hoc erlassenen Steuern fließen und einen Großteil werden wiederum die Juden zahlen. Werden sie aber auch in gehörigem Maße von dieser Unterstützung genießen? Es besteht die Gefahr, daß infolge der spezifischen Verhältnisse unter den Juden nur ein Bruchteil der jüdischen Hilfsbedürftigen von der Gesamtaktion erfaßt sein wird. Die wenigsten Juden, die arbeits- und brotlos sind, sind doch offiziell registriert. Der jüdische Lumpenproietarier, der erwerbslose Handwerker, der zugrunde gegangene Kaufmann, der bankrottierte Industrielle, — sie alle sind heute genau so verarmt und unterstützungsbedürftig wie diejenigen, die als Arbeitslose in den Ausweisen figurieren. Die Regierungsaktion nimmt aber in erster Linie die offiziellen ״Arbeitslosen“, als die evidenten Opfer der Krise, in Betracht. Dazu kommt noch ein psychologisches Moment. Die Juden scheuen gewöhnlich allzu laute öffentliche Mildtätigkeit. Sie vertrauen sich lieber jüdisch e n Gemeindeuna 'Hilfsinstitutionen an. Für diese ergibt sich also jetzt ein überaus wichtiges Arbeitsfeld. Die jüdische Gesellschaft geht nun jetzt daran, die Hilfe für den kommenden Winter zu organisieren. Es müssen hierfür wiederum besondere Mittel zusammengebracht werden. Und dies ist gegenwärtig eine sehr schwierige Arbeit. Die bestehenden Hilfsorganisationen haben genug zu tun mit der Notwendigkeit, ihre stark reduzierten Budgets zu decken. Vom ״J 0 i n t“, der alle diese Organisationen und Institutionen teilweise ins Leben gerufen Und zum größten Teil unterhalten hat, ist jetzt fast kein Beistand zu erwarten. Während 1923/24 das gesamte Budget der sozialen Arbeit unter den Juden Polens mit 100#/» vom Joint gedeckt wurde, geschah dies schon im Jahre 1926 mit 56 0/o und im Jahre 1930 mit — 17 0/0. Die Waisen- und Krankenhäuser, die Emigrantenfürsorge upd die Fachschulen: allen diesen Institutionen droht eine allmähliche Liquidation. Was noch die jüdische Gesell- Schaft zu leisten imstande ist, das wird jetzt der akuten Hilfe zugüte kommen und alles übrige ist der größten Gefahr ausgesetzt. Die Regierung und die Selbstverwaltungen haben 7 0/0 im vorigen Jahre diese Institutionen gestützt, die Subventionen wurden aber größtenteils nicht ausgfizahlt und in diesem Jahre werden sie fast überhaupt nicht b_e« schlösse 11. Die Bemühungen der jüdischen Vertreter im ״B«teue«1tciitt4-'it1 derr-Stadtritei»hjd aus*icht$lo». ..... Bisher haben die jüdischen Gemeinden eine weitverzweigte soziale Tätigkeit entfaltet. Dank der zwangweisen Steuereinhebung und anderen festen Einnahmequellen war die jüdische Gemeinde imstande, vielen armen Juden Hilfe zu leisten und die meisten jüdischen Wohlfahrts- und Bildungsinstitutionen zu subventionieren. Nun hat die Regierung vor einigen Tagen eine Ver» ordnu ns erlassen, die Finanz Wirtschaft der j ü d i sehen Gemeinden betreffend. Diese Verordnung regelt zwar so manche Gebiete der Gemeindeadministration in gerechter Weise, darin einem langersehnten Wunsche eines großen Teiles der jüdischen Bevölkerung folgend, enthält aber andererseits Bestimmungen, die grundsätzlich und zumal im gegenwärtigen Zeitpunkte aufs entschiedenste bekämpft Werden müssen. Die erwähnte Verordnung vertie et nämlich, in die* Budgetsvorlagen der jüdischen Gemeinden solche Posten aufzunehmen, die nicht für die Befriedigung reifg i ö s e r Bedürfnisse bestimmt sind. Die Politik der A g u - d a h, welche die Kompetenz der Gemeinde nur für religiöse Dinge eingeschränkt haben wollte, hat nun weitere Früchte getragen. Die erwähnte Verordnung hat auch in den Kreisen der Agudah Beunruhigung und Unzufriedenheit hervorgerufen. Ihre Bildungsinstitutionen wird sie schon unter einem religiösen Deckmantel unterstützen können, die soziale fiilfstätigkeit wird aber stark eingeschränkt werden müssen, zu■ mal ein festgeordnetes Steuersystem wahrscheinlich die Einnahmen der jüdischen Gemeinden vermindern wird. Zu all diesen Regierungsmaßnahmen, die direkt oder in■ direkt den Juden Unrecht zufügen, gesellt sich letztens noch eine Maßnahme, die lebhaft an die Vorkriegszeit erinnert. Am 9. Dezember d. J. soll in Polen eine allgemeine Volks- Zahlung durchgeführt werden. Die diesbezüglichen Verordnungen sind bereits erschienen, die entsprechenden Formulare liegen vor. Zum Staunen aller fehlt in diesen Formularbogen die Rubrik ~ ״N a t i o 11 a! i t ä t“, während vor zehn Jahren dieselbe dort vorhanden war. Dies bedeutet einen Anschlag gegen die Juden, da doch bei allen anderen in Polen wohnenden Nationalitäten die Muttersprache fast ausnahmslos sich mit dem nationalen Bekenntnis deckt. Bei de« Juden ist es wohl anders. Sie sprechen jiddisch oder hebräisch, aber auch die Landessprache und dies in großer Zahl und die Erfahrung zeigt, daß auch bei der größten Aufklärung»- Propaganda es nicht gelingt, alle sich zum Judentum Bekennenden auf Jiddisch oder Hebräisch als Muttersprache festzulegen. Dazu kommt noch das Verhalten der Behörden, die aus bekannten Gründen bestrebt sein werden, die Juden zu schikanieren. Während das neuerstandene Polen in den ersten Jahren seiner Existenz mit der neuen Zeit und den durch den Krieg hervorgerufenen Veränderungen rechnete und in diesem Falle dem offenen Bekenntnis zur jüdischen Nation keine Hindernisse in den Weg stellte, ist jetzt die Regierung — die in so mancher Beziehung in puncto Judenpolitik das alte Oesterreich kopiert anderer Meinung und will anscheinend auf Kosten der Juden die Wirklichkeit korrigiereu. Leider befinden sich gegenwärtig die Juden in einer solchen Situation, daß viele die nicht unmittelbar ihr materielles Dasein berührende Maßnahmen gleichgültig hinnehmen. Die maßgebenden jüdischen Kreise haben aber bisher auch wenig Versfändnis und Aktivität in dieser Sache bewiesen. Man beginnt aber schon energisch zu protestieren und es wird die Forderung erhoben, die Regierung soll, ähnlich wie es in der T s c h e c h o - Slowakei der Fall war, den Juden ausnahmsweise erlauben, in dem Formularbogen außer der Rubrik ״Muttersprache“ zusät z lieh die Rubrik ״Nationalität“ auszufülle n. Denn nur in diesem Falle wird die Volkszählung, was die Juden anbelangt, richtige Angaben enthalten.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.