Mannheim
Compact Memory

Jüdische Rundschau · 1931-10-20 · Heft 81 (20.10.1931) · page 3

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jüdische Rundschau
Volume
XXXVI (1931)
Issue
Heft 81 (20.10.1931)
Date
1931-10-20
Page
– (sequence 3)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
95% known words query
IRI
…/2651273-2653252-2653328--22633-2680879
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

4 entity mentions

Nr. 81, 20.X. 1931 JÜDISCHE RUNDSCHAU Seite 489 Die revisionistische Anstritts - Bewegung Wie die revisionistische Presse mitteiH, haben die Revisionisten Oesterreichs und der Bukowina die Teilnahme an den zionistischen Landeskonferenzen abgelehnt und sich damit außerhalb dieser Landesverbände gestellt. ״Die Zugehörigkeit zur Zionistischen Weltorganisation“, so heißt es weiter, ״wird durch den Austritt aus den Landesverbänden nicht bcrührt״. Das Landeskomitee der tschechoslowakischen Zionisten hatte sich am 11. Oktober mit einer Reihe von revisionistischen Anträgen zu befassen. Die Revisionisten verlangten dort eine etwa paritätische Beteiligung an sämtlichen Kommissionen, sowie separate Subventionen des Landesverbandes für ihre Einrichtungen, gleichzeitig propagieren sie auch dort den Austritt aus den Landesverbänden. Die Anträge der Revisionisten wurden abgelehnt, die weiteren Konsequenzen sind noch nicht bekannt. Das offizielle Organ der Zionistischen Exekutive, ,,H a 0 ־!am“, schreibt über die Beschlüsse, die die Revisionisten in Calais gefaßt haben, u. a.: ״Die Revisionistische Union wird also nach Durchführung dieser Beschlüsse eine von der Zionistischen Organisation völlig getrennte und unabhängige Organisation sein, deren Mitglieder ,das Programm der Union annehmen, die hieraus entstehenden Pflichten erfüllen und sich der Disziplin der Union unterwerfen‘ müssen. Es wird zwar nicht ausdrücklich ausgesprochen, aber es wird offenbar als feststehend betrachtet, daß die schekelzahlenden Mitglieder dieser Revisionistischen Union in allen Fällen, in denen die Disziplin gegenüber der Zionistischen Organisation und der Revisionistischen Union in Konflikt geraten könnten, der Diszipiin der Revisionistischen Union die Priortät zu geben haben. / ... Daß diese Revisionistische Union die selbständige, mit der Politik der Zionistischen Organisation und der Jewish Agency konkurrierende und sie gegebenenfalls auch durchkreuzende politische Betätigung fortzusetzen und auszudehnen entschlossen ist, braucht.wohl kaum erwähnt zu werden. ... Es erübrigt sich in diesem Augenblick, auf weitere Einzelheiten ein zugehen. Es ist klar, daß diese Beschlüsse tief in das Orgariisationsgefiige der Zionistischen Organisation eingreifen und auch politisch für diese nicht gleichgültig sein können. Und es ist selbstverständlich, daß nicht davon die Rede sein kann, daß die Revisionisten ihre organisatorischen Beziehungen zur Zionistischen Organisation einseitig festlegen können. Die Instanzen der Zionistischen Organisation werden wohl verpflichtet sein, alles zu tun, um die Einheit der Organisation, die Disziplin in ihren Reihen und ihre Kompetenz in der Leitung der zionistischen Politik zu wahren.“ Nachrichten der Levante י Messe Tel-Awiw 1932 Eine gemeinsame Sitzung der Vertreter der Jewish Agency, des Keren Hajessod, Keren Kajemeth und der Munizipalität Tel Awiw, die zusammen mit dem Vertreter der Ausstellung und Levante-Messe stattgefunden hat, behandelte die Frage der Organisierung einer Massen-T ouristen-Bewegütig nach, Palästina zur Zeit der Messe. Die Sitzung, an der die Herren Ussischkin, Dizengoff, Leib Jaffe und andere teilgenommen haben, hat beschlossen, die nötigen Schritte zu unternehmen, um die nötige Organisation zu schaffen. Die Möglichkeit der Berufung einer Reihe von wirfscbaftlicherc Konferenzen und Beratungen mit Be- Miigung von Delegationen jüdischer Industriellen und, Finanz- ■ mariner verschiedener Länder vvjra Jetzt von den zuständigen Stellen erwogen. In den letsrten Jahren ist das Interesse für Investierungsmöglichkeiten in Palästina stark gewachsen, die durch die wirtschaftlichen Unsicherheiten in anderen Ländern in den letzten Jahren eher gestärkt als gehindert wurden. Für Besucher der Levante-Messe werden von verschiedenen Schiffahrtsgesellschaften Reiseermäßigungen gewährt•, und zwar vom Lloyd Triestino, Sitmar Line, Servici Maritime Roumain. Diesbezügliche Verhandlungen werden auch mit Messageries Maritimes, Prince Line u. a. geführt. Es wird erwartet, daß die Eisenbahndirektionen verschiedener Länder Europas und des Nahen Osten den Besuchern und Ausstellern der Levante-Messe Tel-Awiw 1032 Fahrpreisermäßigungen auf ihren Bahnen gewähren werden. Der Direktor der Mischar w’Taasia, Herr S. Jaffe, ist zwecks Propaganda der Levante- Messe nach Italien und Frankreich gereist; es besteht die Aussicht, daß in der Levante-Messe Frankreich und Italien ' mit großen nationalen Pavillons vertreten sein werden. Zu demselben Zwecke begab sich der Generalsekretär der Jaffa- Tel-Awiw-Handelskammer, Herr I. Katz, nach Belgien.. Herr Julius Berger (Berlin W 15, Sächsische Str. 1) wurde zum Generalvertreter der Levante-Messe Tel-Awiw 1932 für Deutschland ernannt. Auf Intervention der Exekutive der Zionistischen Orgaitisation ft u m ä n i e n s hat das rumänische Eisenbahnministerium verfügt, daß Besuchern der im Frühjahr 1932 in Tel-Awiw stattfindenden Levantemesse eine 5O"0ige Fahrpreisermäßigung auf den rumänischen Staatsbahnen bewilligt werde. Vertagung des Helldorf •Prozesses. Der Prozeß gegen die Rädelsführer der antisemitischen Unruhen am Kurfürstendämm, Helldorf und Genossen, ist neuerlich vertagt worden, und zwar auf den 26. Okt. Mit dem Verfahren gegen Helldorf und Ernst wurde das Verfahren gegen eine Reihe anderer Personen, die nachträglich festgenommen wurden, verbunden. Wir haben bereits mehrmals zu den Vorgängen, die zu einer immer erneuten Vertagung des Prozesses geführt haben, insbesondere auch zu der Ablehnung der Richter, an dieser Stelle Stellung genommen. Seltsam muß es nur anmute י, daß man ein Verfahren, welches im Grunde mit dem ersten Prozeß identisch ist, da es sich uni dieselben Straftaten handelt, und das mir darum abgetrennt verhandelt wird, we'1! man der Angeklagten erst nachträglich habhaft werden konnte, jetzt immer wieder hinausschiebt. Es scheint beinahe, daß die Kritik, die von nationalistischer Seite an dem ersten Urteil geübt wurde, die Justizbehörden etwas bedenklich gemacht hat. Die Oeffentiichkeit hat jedenfalls einen etwas peinlichen Eindruck, zumal es ja bekannt ist, daß ein allzu langer Zeitablauf zwischen Taten und gerichtlicher Aburteilung, besonders wo es sich um gesinnungsmäßig motivierte Taten handelt, auf die Stimmung nicht ohne Einfluß bleibt. Wir sind gewiß nicht rachsüchtig und haben es nicht eilig, die Herren Helldorf und Genossen bestraft zu sehen. Aber wir haben ein Interesse daran, daß brutale Gewalttaten gegen die jüdische Bevölkerung in den Augen der ganzen öeffentlichkeit als das charakterisiert werden was sie sincL und daß man sie nicht durch politische Färbung verwischt. Es handelt sich darum, allen Bürgern das Gefühl zu geben, daß wir in einem geordneten Rechtsstaat leben und auch die Juden nicht vogelfrei sind. Das ״Berliner Tageblatt“ knüpft an die Nachricht von der Vertagung des Prozesses folgende Bemerkung: ״Es soll hier nicht behauptet werden, daß nicht immer triftige Gründe für die Vertagungen Vorgelegen hätten. Aber: wenn man die 34 Radaumacher vom Kurfürstendämm im Schnellgerichtsverfahren aburteilen konnte, ist es immerhin seltsam, daß man sich mit den Führern dieser Krawalle so viel Zelt läßt.“ Nach den Festen (Von unserem palästinensischen Korrespondenten.) AG. Tel-Awiw, 6. Oktober. Der lange Festmonat, der das neue Jahr in Palästina einleitet, ist vorüber. Er gibt den von der Sommerhitze erschöpften Menschen eine willkommene Gelegenheit, vor dein Beginn der Winterarbeit noch eine Periode der Ruhe zu genießen. Man nutzt die Zeit für Fahrten durchs Land, für Besuche, für Konferenzen. Jeder pflegt sich für diese Tage ein Programm zu machen. Die jüdischen Feste im neuen Palästina haben eine eigene Note, die anderen Volksfesten, jedenfalls in Europa, fast immer fehlt: nämlich die absolut friedliche Grundstimmung, das zivil«• sierte Benehmen aller Teilnehmer, die Geduld, die alle an den Tag legen. Es wird niemals bei einem solchen Feste, wo z. B. in Tel-Awiw Tausende und Abertausende sich in den Straßen drängen, eine Prügelei entstehen. Es wird niemandem einfallen, eine Frau, die in einer solchen Festnacht spät und allein spazieren geht, zu belästigen. Es wird nicht einmal geschehen — oder nur ganz selten — daß man einen Betrunkenen über die Straße torkeln sieht. (Uebrigens ist dieser Betrunkene fast immer ein Angehöriger der englischen Truppen!) Auf den ersten Blick erscheint alles ein wirres und sehr geräuschvolles Durcheinander. Auf den Plätzen, wo beim Höhepunkt des Festes u!1weigerlich sich eine tanzende und singende Menge einfindet, herrscht oft ein geradezu beängstigender Tumult. Aber wenn man näher zusieht, so herrscht eine sehr formlose, aber doch wirksame Disziplin. Es sind meistens eine Menge Kinder dabei — nicht einmal immer in Begleitung — aber fast nie wird eines getreten oder gar verletzt. Man nimmt trotz aller Nonchalance und Lustigkeit Rücksicht. Man zankt sich gelegentlich untereinander, aber man verträgt sich auch bald und ׳— man prügelt sich nie. Will man wissen, woher diese gute Laune und die hundertprozentige Sicherheit kommt, so findet man einen Hauptgrund: es wird nicht getrunken. Zwar kann man jetzt, was früher nicht der Fall war, überall in den Restaurants und Cafes Bier und Spirituosen haben. Und es ist nicht zu bezweifeln, daß unter dan Einfluß der Engländer der Bierkonsum stark gestiegen ist. Aber wenn wirklich etwas im Uebermaß genossen wird, so ist es der berühmte ״Gasos“ (Limonade). Dagegen kommt es eben nicht vor, daß sich der Jude ״betrinkt“. Dies alles findet man im Lande einfach selbstverständlich. Und auch das ist ein gutes Zeichen. Aber in diesen charakteristischen Kleinigkeiten liegt vielleicht mehr ״Zivilisation“ verborgen als in vielen Reden, Zeitungen und Versammlungen, über die viel gesprochen wird. Hier kommt ein altes Erbe der Juden zum Vorschein. Und das sei auch einmal als eine Charakteristik des ״Neuen Palästina“ erwähnt Die Tätigkeit Schaakat Alis Schaukat Ali, der bekannte Führer der indischen Moslems, entfaltet in London, wo er gegenwärtig an der Round Table- Konferenz feilnimmt, eine lebhafte antizionistische Tätigkeit. Miß Farqerson, die Präsidentin der Londoner ״Nationalen Liga“, die auch die antizionistische Demonstration in der Albert Ffali am 2 November, dem Jahrestag der Baifour-Dekiaratiori, vorbereitet, berichtet hierüber in einem Brief an den Mufti von Jerusalem, abgedruckt in dessen Organ ״Al Dschamia el Arabla“, Schaukat Ali hat in London bisher *einen Vortrag in der Royal Asiatin Society gehalten, ■ferner mit verschiedenen Mitgliedern beider Häuser des Parlaments konferiert, insbesondere mit Lord Lloyd, dem früheren High Commission er von Aegypten, und mit der Redaktion der konservativen ״Morning Post“. Die Schreiberin erklärt, auch die Propaganda gegen die Tote Meer-Ko 11 Zession habe Fortschritte gemacht, und cs bestehe Hoffnung, daß diese Konzession annulliert werde. Schaukat Ali und andere moslemische Delegierte der inclisehen Round Table-Konferenz veröffentlichen in London eine Erklärung, in der die Meldungen, wonach die Führer der indisehen Moslems die Initiative zur Errichtung des Kalifats in Jerusalem mit dem früheren türkischen Sultan Abdul Mehmed an der Spitze ergriffen haben, dementiert werden. Wir haben gleich nach der Verbreitung dieser Nachrichten unsere Zweifel geäußert, da ja die Unmöglichkeit einer solchen Aktion auf der Hand liegt, Trotzdem ist aber die Oefahr der Pläne Schaukat Alis, Jerusalem - auch ohne ״Kalifat" - zum islamischen Zentrum zu machen, keineswegs zu unterschätzen. __ Die Agudah macht Politik. Wie von der Agudas Jisroel mitgeteilt wird, hat der Sekretär der Londoner Agudah, Herr Goodman, den früheren High Comniissioner, Sir John C haueellor, in London besucht und ihm den besonderen Dank der orthodoxen Judenheit ausgesprochen. Chancellor soll darauf freundlich geantwortet haben, er habe sich immer gefreut, die Arbeit der Orthodoxie in Palästina unterstützen zu können. Es ist immerhin Interessant zu hören, daß die Agudah von der Amtsführung Chancellors, in dessen Amtszeit bekanntlieh auch die Kämpfe um die Klagemauer fallen, so begeistert war, daß sie ihm dies durch eine spezielle Adresse zum Ausdruck zu bringen sich bemüßigt fühlte. — Weiter wird von der Agudah mitgeteilt, daß Dr. Pinchas Kohn und Herr Sally Guggenheim den jugoslawischen Außenminister Marinkowic, der im Völkerbundsrat Berichterstatter über Mandatsfragen war, in Genf besucht haben und mit ihm die Lage in Palästina erörterten. In der Unterredung dürfte» wohl nichts Belangvolles vorgefallen sein, aber #1 ist ganz wichtig, daß die jüdische Öeffentlichkeit erfährt, daß solche Besprechungen stattfinden. ..11111111...11111111111111111 Helfen Sie uns bei der Speisung Bedürftiger durch Hachbarhilfe. Lassen Sie in Ihrem Hause oder dardb Abholen bei Ihnen Kindern oder Erwachsenen eine warme Mahlzeit täglich zukommen. Die Nachbarhilfe der Jüdischen Gemeinde ist so organisiert, daß wir Ihnen von uns geprüfte Pfleglinge empfehlen können, Geben Sie uns durch Postkarte Ihre Bereitwilligkeit zur Nachbarhilfe. Sagen Sie uns, ob Sic täglich oder wie oft Bedürftige beköstigen wollen. Sagen Sie uns, ob Sie die regelmäßige Lieferung eines Nahrungsmittelpaketes übernehmen wollen. Wohlfahrtsamt der Jüdischen Gemeinde zu Berlin Berlin C i, RosenstraBe B. Aus der Berliner Gemeinde Eine Interpellation der Liberalen Für den 22. Oktober, 8 Uhr abends, wurde eine außerordentliche Sitzung der Repräsentanten-Versammlung der ßerliner Jüdischen Gemeinde im Sitzungssaal Oranienburger Str. 29, anberaumt. Den einzigen Punkt der Tagesordnung bildet folgende Interpellation der liberalen Fraktion an den Gemeinde- Vorstand: ״Sind dem Gemeindevorstand die Aeußerungcn des Herrn Kares ki in der zionistischen Kundgebung am 8. Oktober 1931 bekannt und welche Schritte gedenkt er daraufhin zu unternehmen?“ Diese Interpellation ist für die Liberalen sehr charakteristisch. In einer Zeit der schwersten Not der jüdischen Gcmeinschaft, wo wir vor einem Winter stehen, dessen Verlauf sich gar nicht vorhersehen läßt, in einer Zeit, wo durch die materielle Not die wichtigsten Institutionen der jüdischen Gemeinschaft gefährdet sind, wo cs wirklich um Existenz des Jude nt ums geht, hat man anscheinend keine wichtigeren Sorgen, als sich mit der Frage der Form Verletzung bei Reden in öffentlichen Versammlungen zu beschäftigen. Eines großen Teiles der jüdischen Bevölkerung hat sich eine gewaltige Erregung bemächtigt, nicht nur wegen der befürchteten Konsequenzen der gegenwärtigen Notlage für das Judentum, sondern auch weil diese Menschen den Eindruck haben, daß in der Gemeinde heute ein Regiment etabliert ist, das für ihre Sorgen und Gefühle nicht das geringste Verständnis aufbringt. Die Art und Weise, wie Geschäfte der Gemeinde geführt werden, die Knebelung■ der gegnerischen Meinung, die Beschränkung der Rechte der Repräsentanten-Ver- Sammlung, d. h. vor allem die brutale Unterdrückung der Minorität, dies alles wird als eine Kette dauernder Provokationen empfunden, und die Liberalen sollten sich die Frage vorlegen, ob man nicht über diese tieferen Ursachen der Erregung nachdenken müßte, bevor man sich über einzelne Entgleisungen, die vorgekommen sein können, entrüstet. Fs ist wahrhaftig ein billiges und einfaches Verfahren, sich auf das Gebiet der Formenfrage zu begeben und die Sachfrage auszuschalten. Wenn sich die große Erbitterung weiter Kreise der Gemeinde einmal auch in unzweckmäßiger oder unbeherrschter Weise Luft macht, so ist dies sicherlich zu bedauern, aber man müßte es auch zu verstehen versuchen. Wir stehen sicher hinter niemandem zurück in dem Wunsche, die Auseinander- Setzungen in■ der Gemeinde auch In der Form würdig, nihig und sachlich zu führen. Ein Abgehen von diesem Grundsatz ist.schon darum fehl am Ort, weil man damit den Liberalen die Sache zu leicht macht, sich als die Hüter des ״guten Tones“ auf- Zuspielen, obwohl auch von ihrer Seite nicht selten der Ton verletzt worden ist. ln den Kreisen des saturierten Bürgertums, das für die vorige Generation maßgebend war, ist cs vielleicht möglich, streng über die Form zu wachen; in einer Volksbewegung wird manchmal ein Redner, getragen von der Frregung des Augenblicks, auch zu heftigen Aeußerungen hingerissen. Dies sollte in einem politischen Gremium nicht Gegenstand einer Haupt- und Staatsaktion sein. Jedenfalls in der heutigen Zeit darf man die wirkliche Sachlage, nämlich den Versuch eines rücksichtslosen Majoritäts-Regimes der Liberalen und das Ueberhandgreifen liquidatorischer Tendenzen, dadurch nicht verdunkeln lassen. Der Preußische Landesverband teilt mit: Den jahrelangen Bemühungen des Preußischen Landesverbandes jüdischer uemeinden ist es gelungen, einen Erlaß des Ministeriums für Wissenschaft, Kunst und Volksbildung vom 2t. September d. J. zu erwirken, durch den die Genehmigung von 33 Lehrbüchern für den jüdischen Religionsunterricht an den höheren Schulen Preußens ausgesprochen wird. Der Erlaß mit der Liste der Bücher wird in der demnächst erscheinenden Nummer des Verwaitungsblattes des Landesverbandes zum Abdruck gelangen. Er ist außerdem im Zentralblatt für die gesamte Unterrichts- Verwaltung in Preußen auf S. 275 veröffentlicht. Ein Heim filr erwerbslose jüdische Jugendliche. Am 14. Oktober fand die Eröffnung des vom Landesausschuß Berlin der jüdischen Jugendverbände gemeinsam mit dem Jugendpflegedezernat der jüdischen Gemeinde errichteten Heimes für erwerbslose Jugendliche im Hause Auguststr. 14/15 statt. Dr. l.ubinski erklärte die Aufgaben des Heimes und die Methoden der beabsichtigten Arbeit. Meldungen von jugendlichen Erwerbslosen und Helfern sind entweder an das Heim oder an den Reichsausschuß der jüdischen Jugendverbände (Berlin- Charlottenburg 2, Kantstr. 158) zu richten. Dr. Werner Bloch in Skandinavien. Unser Stockholmer H. R.-Korrespondent schreibt uns: Dr. Werner Bloch hat soeben eine Vortragstournee in Skandinavien abgeschlossen, die ihn in die Städte Oslo, Trondjem, Göteborg, Stockholm, Malmö und Kopenhagen führte. Ueberall, wo Dr. Bloch sprach (teils über den Basler Kongreß, teils über ״das Verhältnis der jiidisclien Jugend zur zionistischen Bewegung“) wurden seine Ausführungen mit größtem Interesse aufgenommen. Hier in Stockholm, wo Bloch als Redner schon längst bekannt und geschätz; ist, war er gleichzeitig bei der Gründung der Zionistischeu Vereinigung (mit Hugo Valentin als Vorsitzendem) zugegen. In seinem Vortrag, zu welchem der ״Jüdische Jugend- Verein“ Bloch geladen hat, sprach dieser über ״das Verhältnis der jüdischen Jugend zur zionistischen Bewegung“ und verstand — wie immer durch seine temperamentvollen, von ehrliclister Gesinnung getragenen Ausführungen — die Zuhörer niiizurdßen. Nur leider war die Jugend an diesem Abend sehr spärlich vertreten. Doppelt bedauerlich für jeden, der es versäumte, Biochs Worte, die er über die Verflachung der neuen Generation sagte, zu hören. Antisemitische Legenden. Obwohl jetzt unzweifelhaft feststeht, daß der ehemalige ungarische Pionier-Offizier M a - tu sc 11 ka die Eisenbahnattentaie in Jüterbog, Via Torbagy usw. ganz allein vollführt hat, und daß Matuschka, ein che-, maliges Mitglied des Heijas-Detaciiements, an den Judenmorden und Raubzügen dieses Detachements in der Zeit des weißen Terrors teilgenommen hat, fährt die antisemitische Presse fort, Legenden über die Mitschuld der Juden an diesen Attentaten in die Weit zu setzen. Ohne den Schatten' eines Beweises dafür anzufiihren, erzählt die antisemitische Presse Oesterreichs, Sylvester Matuschka hätte gestanden, einem jüdischen Komplizen in der Gestalt des Dr. Gustav Bergmann, Assistenten Albert Einsteins, ehabt zu haben. Dr. Bergmann hat sich entschlossen, gegen ie antisemitischen Zeitungen, die die obige Behauptung aufgestellt haben, Verleumd ungsklagc zu erheben. Die deutsche Ausgabe des ״Dawar“, der Zeitschrift der palästinensischen Arbeiterorganisation, teilt in ihrer eben erschienenen Nummer mit, daß sie aus finanziellen Gründen gezwungen ist, ihr Erscheinen einzustellcn. Die deutsche Ausgabe des ״Dawar“ bestand ungefähr zwei Jahre lang und hat durch Informationen über die Tätigkeit der palästinensischen Arbeiterschaft vielen dcutschspreehendcn Lesern gute Dienste geleistet. Die englische Ausgabe des ״Dawar , die gleichfalls aus materiellen Gründen eine Zeitfang onterbrochen war, ist kürzlich wieder erschienen. P ä; L 't- I >i־f : i '1 :.־ ־. f 1־*■• ר|!1 *) m «

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.