Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XXXVI (1931)
- Issue
- Heft 81 (20.10.1931)
- Date
- 1931-10-20
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 488 JÜDISCHE RUNDSCHAU Nr. 81, 30. X. 1031 nichts reproduzieren, ist er ganz Stimmungsmensch, ist ihm Kunst Bestätigung der Sinne. Mit 70 Jahren lodert in ihm noch die Flamme der Begeisterung, ist er der unruhvoll Hinundhergepeitschte, nie Rastende, Suchende und Fragende, dessen siecher Körper keinen Kompromiß seiner Persönlichkeit gelten läßt. Man hat ihn viel bekämpft und nicht beachtet. Als er mit Neuem hervortrat, hat man ihn nicht verstanden und abgelelmt. Die besten Jahre seines Lebens hat er abseits vom Strome des Kunstbetriebes in Zurückgezogenheit verbracht. Er war nie einer von denen, die sich nach außen hin bemerkbar machten. Immer mehr verschloß er sich in seine Welt, wurde ein Menschenverachfer und Eigenbrödler, ein Einsamer, dem die Menschen da draußen nichts bedeuten, der nur für sich schuf, darbte, hungerte, aber niemals durch Nachgeben oder Einlenken etwas dazu tat, wodurch er seine Lage hätte verbessern können. Mit geradezu fantischer Energie und Verbissenheit gab er sich seiner Kunst hin, auf die Stunde hoffend, da man ihn doch erkennen werde. Sein Leben war immer ein Flieiien vor den anderen und ein Sich-fliichten in seine eigene Welt. Der Knabe wird als Lehrling in ein Berliner Konfektionsgeschäft gesteckt; 1878 flieht er aus Berlin, um Künstler zu werden, kommt nach Düsseldorf, flüchtet nach Belgien, da ihn der deutsche Kunstbetrieb abschreckt, findet dort zwar Anregungen, aber keine Unterstützung, verläßt bald wieder den Lehrer und geht nach Paris, wo er den damals noch wenig beachteten Impressionismus erlebt und malt dort seine ersten Straßenbilder und Nachtstimmungen. Nach kurzem Aufenthalt zieht er sich aufs Land zurück, in dem kleinen flämischen Dorfe Volluvet findet er sich selbst. Es entstehen seine ersten großen Freilicht-Landschaften, die ersten Werke des reifen, wissenden Künstlers, die ersten Zeugen eines seiner Zeit weit vorauseilenden Genies, die ihm zunächst das Gelächtcr der Kollegen einbringen, er kommt mit seinen Bildern nach Berlin, um sie dem Kunstgewaltigen Menzel zu zeigen, der sie aber rundweg ablehnt, und geht nach München, wo er mehr Verständnis zu finden hofft. Aber auch dort erregt er Befremden und so kehrt er denn nach Berlin zurück. Seine erste Ausstellung bei Gurlitt 1880 löst einen Sturm des Spottes aus. Ein junger Revolutionär will den konservativen Kunst- Betrieb stören! Man ereifert sich über ihn. Seine mutigen Bilder werden als kecke Herausforderung angesehen. Diese Bilder, in denen Ury als Erster das moderne Berlin, das Leben in den Straßen und Kaffeehäusern, das Hasten der Menschen und Wagen, das Leuchten der Bogenlampen, den Dunst und Raucli des betäubenden Nachtverkehrs und das ganze nervöse Brodeln der Großstadt in aufdringlich überzeugender, aber für die damalige Zeit brutal wirkender Weise zu malen wagte, brachten zwar .seinen Namen in aller Munde, lockten aber keinen Käufer an und überließen den gar zu mutigen und selbstbewußten Künstler der bittersten Not. Er flüchtet aus dem aufregenden Getriebe. An den stillen Seen des Grunewalds und in der Mark findet sein Farbengefühl neue Anregung, er entdeckt hier Schönheiten, die bis dahin noch keiner gefunden hatte. Er malt den Sonnenuntergang und den Herbst. Der Realist wird zum Lyriker, zum Stirnmungsmaler, der die Musik der Natur erlauscht, in Andacht vor ihr versinkt, in Farbensymphonien schwelgt und seiner Palette eine immer stärkere Glut zu entlocken versucht. Er greift zu *einem neuert Malmittel, dem Pastell, und wird auch hier Bahnbrecher. Ein Stipendium ermöglicht ihm eine Reise nach Italien. Ury lernt den Süden mit seiner intensiven Sonne kennen. Je stiller es uin ihn ist, je weniger er mit den Mensehen in Berührung kommt, desto freier und ungehemmter entwickelt sich sein Schaffen. Mit einer Leidenschaft ohne gleichen malt er die Sonne wie es keiner sonst gewagt hätte. Wie ein Träumer zieht er durch die Lande und entdeckt überall verborgene, Schönheiten, ln Holstein, auf Rügen, in Mecklenburg, Thüringen und in der Mark malt er diese wunderbaren Pastelle, lauter Ausschnitte stiller Winkel ohne jede Staffage. Er ist ein wirklicher Entdecker, denn so wie er hat noch keiner die Landschaft angesehen und sic wiederzugeben gewagt. Er lauscht der Stimme der Natur und gibt den Schwingungen seiner übervollen Seele immer neuen Ausdruck. Seine Bilder gewinnen eine Kraft der Farbe und zugleich eine Zartheit seelischen Ausdruckes, die sie beispiellos machen und ihnen Einzigkeitswert geben, ln den kommenden Jahren verläßt er nur selten sein Berliner Heim. Wenn er aber einmal auf kurze Zeit hinausfährt, bringt er jedesmal eine reiche Ernte neuer Eindrücke mit, eine Fülle von Werken, die uns als besondere Offenbarungen erscheinen wollen. So besucht er Holland und malt dort Landschaften, die so sehr von allem Herkömmlichen abweichen, daß wir ein neues Holland zu sehen meinen. Seine Pariser und Londoner Bilder geben die typische Atmosphäre der Städte. Wer hat seit Turner den Londoner Nebel so gemalt, wer hat überhaupt Städtephysiognomien so erfaßt? Neben den reinen Landschaftsbildern entstehen auch viele Blumenstückc von unendlicher Feinheit, denen der Duft der taufrischen Blüten anzuheften scheint. In seinem Atelier türmen sich Berge von Bildern, denn niemand achtet sie und kennt den einsamen Meister, niemand merkt, daß sich hier echtes Künstlertum in ungeahntem Reichtum entfaltet. Dieser Reichtum beschränkt sich aber nicht nur auf die Werke des sinncsfrohen Malers, sondern zeigt sich auch in dem grüblerisch Schweren, das ihn immer wieder aus der Ekstase des Farbenrausches reißt und zu sozialphilosophischen Problemen gewaltiger Monumentalgemälde führt. Ury ist eben nicht nur Maler mit dem Pinsel, sondern Gestalter von Menschheitsfragen. Bereits 1881 beginnt er mit den ersten Skizzen zu dem erst 15 Jahre später entstandenen Gemälde ״Jerusalem“. Zunächst will er nur das Historische geben, aber Je länger er sich mit dem Thema beschäftigt, desto mehr wächst es ins allgemein Menschliche. Das jüdische Schicksal des Ausgestoßenseins hat er an sich selber erlebt. Dieses Verkanntsein, in Armut und Verlassenheit sich Krampfende und doch nicht Nachgeben, gestählt im Selbstbewußtsein und starken Hoffen auf eine bessere Zukunft formt er in diesen Gestalten zum Kunstwerk, ln schneller Folge reihen sich nun andere Monumentalbilder an diesen ersten Versuch. Der Widerspruch, der sich gegen das in Berlin ausgestellte Bild erhebt, treibt seine Kraft immer aufs neue an. Im folgenden Jahre bereits malt er den ״J e r e in i a s“, die auf der umdüsterten Erdenkugei wie ein Wurm in Jammer und Verzweiflung zusammengeballte Prophetengestalt. Als ein Gegenstück hierzu entsteht das Triptychon ״Der Mensch“, Symbole der versehiedenen Altersstufen vom schwärmenden Jüngling, dem auf seine eigene Kraft vertrauenden und den Himmelsmächten trotzenden Mann zum ermatteten und lebensmüden Greis. Das Thema variiert in ״Adam und Eva“ und der ״Sintflut“, dem problematischsten, aber auch dramatischsten Werke, das wie ein Verzweiflungsschrei wirkt. Die Bibel beschäftigt den Künstler unausgesetzt. Die Gestalt Moses’ versucht er in verschiedener! Varianten darzustellen. 1007 malt er den Moses mit den Gesetztafeln, drei Jahre später ״Moses beschwört die Finsternis“, und 1028 entsteht das letzte und wohl vollendetste biblische Gemälde, ״Der sterbende Moses“, der noch einmal in das Land der Verheißung blickt. Wunderbar die Atmosphäre der Versöhnung, das Ineinanderübergehen von Mensch und Natur, das Gelöstsein aller Kontraste, die, eingetaucht in das milde Licht des schwindenden Tages, von den letzten Sonnenstrahlen vergoldet werden. Ury findet hier in dem Alterswerk sozusagen die Verbindung der in ihm sich früher bekämpfenden, ihn zu immer neuen Versuchen antreibenden, niemals zur Ruhe kommen lassenden Problematik: Es ist die Vereinigung des Epikers und Lyrikers, des Gedanklichen und Erlebten. Menschen- Schicksal und Naturerleben waren die beiden Pole, zwischen denen er sich in unsagbarem Selbstkampf sein Leben lang zermürbte. Der scheinbar Glückliche, in der Natur Schwelgende war immer ein Zweifler und Grübler. Urys Kunst ist in allen ihren Aeußerungcn ein Sehnsuchtsschrei nach unerreichten Hoffnungen. Es ist die Tragik dieses Künstlers, daß er nie die Früchte seines Schaffens ernten konnte, daß selbst die späte Anerkennung, die besonders das letzte Jahrzehnt seit der großen Jubiläumsausstellung zu seinem 60. Geburtstag brachte, ihm, den inzwischen Verbitterten, nicht die Ruhe und Ausgeglichenheit des Alters brachte, daß er zwar Glück spenden, aber niemals selbst empfinden konnte. Er bat mit der Welt gekämpft, noch mehr aber mit sich, sich selber nie genügend, immer wieder neu beginnend, suchend und fragend. Man betrachte nur die Reihe der Selbstbildnisse, die uns die verschiedenstcn Stimmungsgrade eines Menschen, den wir oft nicht als denselben wiederzuerkennen vermögen, zeigen. Er hat sich sehr oft selbst gemalt, in guten und schlechten Tagen, als hoffnungsfrohen, selbstbewußten und stolzen Menschen, jung und eitel, traurig und niedergeschlagen, krank und verzagt und schließlich in den bedeutendsten Dokumenten des Selbstbekennens als Greis. Hier gibt er sein Letztes und Größtes. Er sieht sich im Spiegel und erschrickt vor seinen eigenen Zügen. Kaum, daß er sich selbst erkennt, verdichtet sich das visionär Erschaute zum allgemein Menschlichen. Der sterbende Moses und die letzten Selbstbildnisse sind die Antwort auf die Frage nach der Problematik seiner Kunst. Der Mensch und Künstler Ury, der zeitlebens gerungen und gehadert, der von einem unruhvoilen Temperament getrieben, das Leben, das ihn so oft hart angepackt und zurückgestoßen, in all seinen Erscheinungen einfangen wollte, der nach seinen Schönheiten gelechzt und sie gepriesen und gesegnet hat, der mit kritischem Blick die Menschen beobachtet, sie in ihrem Jagen, tollen Treiben und wilden Hasten darstellte und der über die Alltagserscheinungen hinaus, über das, was sich nur unseren Augen darbietet, die Welt zu ergründen versuchte und Fragen an das Schicksal stellte, — ist eben der jüdische Künstler, ist das Genie, dessen Kraft in der psychologischen Veranlagung seines ererbten Blutes stärker verwurzelt ist als irgendeines anderen Künstlers. Wirklichkeit und Mystik, Erkennen und Zweifeln, Erleben und Hoffen, Zeitliches und Ueberzeitliches, das sind die׳׳ ewigen?J־rage» des Judentums, die Kämpfe unserer jahrtausendealten Seele. Es ist der Dualismus, mit dem der moderne Jude weniger fertig wird als es der alte, gläubige, fromme, gottergebene vermochte. Das ist der Dualismus im Künstler Ury, der Kampf des Optimisten und Pessimisten, das Aufjauchzen und Re$ignieren, das Unstete und das nie recht Verstandenwerden. Das ist seine Stärke und zugleich seine Schwäche, es ist aber vor allem das, was ihm seine Einzigartigkeit gibt. Weizinann und Harzbarg Der nationalsozialistische Pressedienst teilt mit: ״Wie wir aus zuverlässiger Quelle hören, ist deT berüchtigte Zfonistenführer Weizmann in Berlin ein getroffen, um gemeinsam mit den deutschen Zionistenführern Stellung zu derTagungderNationalenOppositäoninHarzburgzunehmen. Ein Zeichen, wie das Ergebnis der Harzburger Tagung bereits 24 Stunden danach die verängstigte Judenschaft in Bewegung gesetzt hat. Auf der Tagesordnung stehen die Abwehrmaßnahmen des Judentums gegen die Absichten der nationalen Opposition.‘‘ Der ״Völkische Beobachter“ druckt diese parteioffiziöse Mitteilung auf der ersten Seite unter der Ueberschrift ״Jüdische Offensive g egen H a r z b u r g" ab. Man kann sich ganz gut vorstellen, daß viele Leser der uafionalsoziatistischen Presse, deren Urteilskraft ja seit Jahren durch die Judenhetze systematisch umnebelt wird, eine solche Mitteilung ihres Organs glauben. Aber interessant wäre es, zu erfahren, ob auch die Schreiber und Verbreiter dieser Nachricht daran glauben, d. h., ob wir es hier mit bewußter Täuschung zu tun haben oder mit einer Ausgeburt einer durch Gespensterfurcht und blinden Fanatismus tollgewordenen Phantasie. Die zionistischen Ersparnis-Maßnahmen infolge der finanziellen Lage mußte die Jewish Agency in Palästina ihren Beamtenapparat weiter verklein e r n. Am 14. d. M. wurde beschlossen, 30 Beamte abzubauen. Der Gesamtstab, der 1929 noch 130 Personen umfaßte, wird damit auf 60 reduziert. Es ist ohne weiteres klar, daß diese radikalen Veränderungen nicht ohne Wirkung auf die Arbeit bleiben können. Zugleich wird durch die Verpflichtung zur Zahlung von Abfindungen ein erhebliches finanzielles Erfordernis erzeugt, so daß sich die Ersparnisse erst später auswirken werden. Bei der notwendig gewordenen Reduktion des laufenden Budgets wurde das landwirtschaftliche Budget um 10 000 Pfund gekürzt, das Budget des Technikums in Haifa um 2000 Pfund, die Abendkurse der Waadaih Hatarbuth der jüdischen Arbeiterschaft um 1200 Pfund, Immigration und Arbeit um 3000 Pfund, Kupath Cholin! um 2000 Pfund, die (andwirtschaftliche Versuchsstation um 2000 Pfund, das Handels- und Industrie-Department um 1300 Pfund. Das landwirtschaltliehe Budget soll einer Nachprüfung unterzogen werden, aus der sich vielleicht noch weitere Kürzungen ergeben werden. Die Exekutive hat, wie sie mitteilt, bei ihren Entschlüssen eine Reihe von finanziellen F.xperfen zu Rate bezogen. Die schwerste und einschneidendste Kürzung entfällt auf dasErziehungs- Department, von dem 20 000 Pfund gestrichen wurden. (Diese Frage behandeln wir an anderer Stelle.) Die Exekutive erklärt, daß ohne eine solche Kürzung des Erziehungs-Budgets die Existenz einer Reihe von landwirtschaftlichen Siedlungen bedroht wäre. In aller Kürze Der Präsident der Jewish Agency, Solfofow, und Dr. Brodetsky besuchten den neuen High Commissioner für Palästina, General Arthur Grenfell Wauchope, auf dessen Einladung in seiner Londoner Wohnung. Die Unterredung dauerte über eine Stunde. Der Direktor des Landentwicklungsplanes, L. French, wurde zum Mitglied des Kabinettsrates der Palästina-Regierung, dem bisher nur der High Commissioner, der Chefsekretär, der Oberstaatsanwalt und der Schatzmeister angehörten, ernannt. Der europäische Direktor des American Joint Distribution Committee, Dr. Bernhard Kahn, begab sich am 17. d. M. mit dem Dampfer ״Bremen“ nach Amerika, um mit den Vertretern des amerikanischen Judentums über zu ergreifende Maßnahmen angesichts der gegenwärtigen Krise der Weltjudenheit zu beraten. Julius Simon, Präsident der Palestine Economic Corporation (New York), ist in Jerusalem eingetroffen und wird sich mehrere Wochen im Lande aufhalten. Wie die J. T. A. erfährt, hat sich die Exekutive der Jewish Agency in Palästina an die Palästina-Regierung mit dem Ersuchen gewandt, ihr für das am 1. Oktober 1931 beginnende und am 31. März 1932 endende Halbjahr 1720 Arbeiter- Einwanderungszertifikate zur Verfügung zu stellen. Mosche Sch ertok, ein Mitglied des Redaktionsstabes des ,,Dawar“, wurde zum politischen Sekretär der Jewish Agency in Palästina ernannt. ln der Nacht vom 18. zum 19. Oktober ist in Bukarest der hervorragende jüdische Politiker, Schriftsteller und Jurist Dr. Adolph Stern, Vorkämpfer der Emanzipation der rumänischen Juden, im 84. Lebensjahre verstorben. Er war in den letzten Jahren seines Lebens ein Freund des jüdischen Aufbauwerks in Palästina und neigte auch in der innerrumänischen Politik der nationalen jüdischen Richtung zu. Er wurde zum Ehrenpräsidenten der Jüdischen Partei gewählt. Die Kommission des Völkerbundes für Verkehr und Transit, die zu Beginn der vorigen Woche zusammengetreten war, um die Frage der Kalenderreform einer Lösung zuzuführen, hat nach einer eine Woche lang dauernden Aussprache und nach Anhörung verschiedener ״Beobachter“, u. a. der Vertreter des rabbinischen und des weltlichen Judentums, beschlossen, die Frage der Kalenderreform auf unbestimmte Zeit zu vertagen. Muza Kazitn Pascha, der Präsident der Arabischen Exekutive, fordert in der arabischen Presse die Araber auf, an der Volkszählun g teilzunehmen und sich nicht durch die zionistische Propaganda, die die Araber zum Boykott der Volks- Zahlung veranlassen will, beeinflussen zu lassen. Die Arabische Exekutive beschloß die Einsetzung eines aus politischen und wirtschaftlichen Führern der Araber bestehenden Komitees zwecks Propaganda dereinheimischenarabischen Produktion. Zugleich wurde gegen die Errichtung von Zollschranken zwischen Palästina und den arabischen Ländern Stellung genommen. Die arabische Zeitung ״Marat ei Scherk“ behauptet, daß hinter dem Beschluß der arabischen Konferenz in Nablus, keine importierten Waren zu kaufen, geheime jüdische Einflüsse (!) zu suchen seien. Die Juden wollen auf diese Weise die Araber zwingen, die in Palästina hergestellten Er- Zeugnisse der jüdischen Industrie zu kaufen. Die Jerusalemer Handel skamtner hat eine drinr' haben sich nämlich beschwer?, daß ihre in Pfundwähmng abgeschlossenen Verträge von ausländischen Verkäufern jetzt angefochten werden, indem man die Bezahlung in Goldpfund fordert. Die jüdische Handelskammer in Haifa hat ihren Mitgliedern mitgeteilt, daß nach ihren Informationen ein weiteres Sinken des Pfundkurses nicht zu befürchten ist und hat um Mitteilung von Fällen gebeten, wo Exporteure die ursprünglich vereinbarten Preise erhöht haben. Am 2- Oktober hat ״Hit“ (Bezeichnung für die Vereinigung der drei Kooperativen ״Hamaschbü“, ״Jachin“ und ״Tenuva“ für den Export von Citrusfrüchten) die erste Sendung Grape- Fruit, die Palästina in dieser Saison verläßt — 300 Kisten — an die britischen Kooperativen verschickt. ״Hit“ soll auf Grund seiner Kontrakte 40 000 Kisten Citrusfrüchte an überseeische Kooperativen verschicken. Eine Gruppe von sieben älteren See-Scouts aus Tel- Awiw (von denen übrigens einer das erste in Tel-Awiw geborene Kind war), haben es kürzlich fertiggebracht, von Tel- Awiw nach Port Said und zurück in dem Boot ״Tel-Awiw“ zu segeln, das 6 Meter lang ist und zwei Hauptsegel sowie ein dreieckiges Zusatzsegcl besitzt. Dr. M. T. Sch nie rer, langjähriger zionistischer Mitarbeiter Theodor Herzls, Begründer und erster Präses der ältesten akademisch-jüdischen Verbindung ״Kadimah“, vollendete in diesen Tagen sein 70. Lebensjahr. Das Kriegsgericht von Radom (Polen) hat in seinem Urteil gegen Teilnehmer am Pogrom, der in Radom Mitte Juni d. J. stattfand, den Haupträdelsfiihrer zu zwei Jahren, zwei der Rädelsführer zu je 6 Monaten, zwei zu je 3 Monaten Gefängnis verurteilt. Das jüdische Rettungs-Komitee in Warschau forderte von dem Warschauer Wojwoden, der die Hilfsfonds für die Winterhilfe verwaltet, die Zuweisung von einer Million Zloty für das jüdische Hüfswerk, da nicht weniger als 10 000 Warschauer jüdische Familien bereits heute für die Speisung während des Winters registriert sind. in der ersten Sitzung der Herbst-Session des tschechoslowakischen Abgeordnetenhauses vom 14. Oktober hielt der Vorsitzende Malypetr dem verstorbenen jüdischnationalen Abgeordneten Dr. Ludwig Singer einen warmen Nachruf, wobei er hervorhob, daß Singer nach dem Umsturz die Verhandlungen leitete, die zur Anerkennung der jüdischen Nationalität in der tschechoslowakischen Republik führten. Bei den Parlamentswahlen in Lettland haben die Juden zwei Mandate verloren, und zwar werden Prof. Laserson, dem 50 Stimmen fehlten, und der Repräsentant des ״Bund“, Dr. Meise!, nicht mehr Mitglieder des Sejm sein. Auch dem zweiten Misrachi-Kandidaten fehlten nur 25 Stimmen zum Mandat. Es sind somit zwei Agudisten und ein Misrachist (Dr. Nurock) gewählt. Sir John HopeS fmpson, der Verfasser des bekannten Berichtes über Palästina, ist dieser Tage nach China ahgereist, wo er das Amt eines Generaldirektors der chinesischen Hilfskommission gegen die Hungersnot übernehmen wird. Die Hihskommission verfügt gegenwärtig über mehrere Millionen Dollar. Die englische Zeitschrift ״Saturday Review“ weist auf das Wiederaufleben des A n t i s e m i t i s m u s in ganz Europa, insbesondere in Rumänien, hin und gibt der Befürchtung Ausdruck, daß bei einer plötzlichen Verschlechterung der deutsehen Wirtschaftskrise antisemitische Unruhen in Deutschland entstehen könnten. Das Blatt erklärt, daß Lord R e a d i n g , der englische Außenminister, der selbst Jude ist, diese Frage im Auge behalten sollte.