Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XXXVI (1931)
- Issue
- Heft 78 (9.10.1931)
- Date
- 1931-10-09
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 78, P, X.!931 Seite 473 Der Revisionismus am Scheidewege Die zionistische Öffentlichkeit hat seit dem IctzÄn Kongreß mit einer bemerkenswerten kuhc und Gelassenheit die Diskussion verfolgt, die sich i 111 revisionistischen Lager über die Frage der Zugehörigkeit der Revisionisten zur Zioiiistischen Organisation enisponnen hat. Tun doch die Revisionisten so, als ob diese Frage lediglich von ihnen abhinge und aß ob die Zionistische Organisation jede Lösung, zu der die Revisionisten sich entschließen, dankbar hinzunchmen hätte. Aber die zionistische Weit schwieg dazu. Jeder hat Verständnis dafür, daß eine Partei, die sich aus zum Teil sehr eigenwilligen Persönlichkeiten zusammensetzt, innere Schwierigkeiten und Meinungsverschiedenheiten hat, und es wäre ein allzu billiger Triumph, wenn man aus diesem Umstand gegen eine Gruppe Kapital schlagen wollte. Im übrigen ist die Lage im Zionismus viel zu schwer und zu ernst, als daß man die Aufmerksamkeit auf organisatorische Mätzchen verwenden könnte, die zunächst nur die unmittelbar Beteiligte« interessieren können. Die zionistische Welt steht heute angesichts einer auch viel stärkere Völker bedrohenden schwankenden Weltlage vor der Aufgabe, alle Kräfte auf die Erhaltung des Werkes in Pa- 1 ä s t i n a, auf das IJeberstehen einer schweren Uebergangszeit zu konzentrieren. Demgegenüber verlieren Paragraphensorgen an Interesse. Nachdem aber jetzt die Revisionisten einen ״Ausweg“ aus dem Konflikt der schroff einander gegenüberstehenden Meinungen gefunden haben, muß von zionistischer Seite ein Wort dazu gesagt werden. Denn hier ist eine Situation entstanden, die den ganzen Zionismus angeht. Bekanntlich forderte Jabotinsky und seine engeren Anhänger, die vor allem in Paris sitzen, Austritt der Revisionisten aus der Zionistischen Organisation; Jabotinsky selbst hat den Anfang gemacht, indem er demonstrativ seine Delegiertenkarte zerriß und den Kongreß verließ. Die anderen Führer des Revisionismus sind ihm schon ,in Basel nicht gefolgt und traten auch später dafür ein, daß die Revisionisten in der Zionistischen Organisation verbleiben. Jabotinsky aber hat seine Propaganda fortgesetzt und in einer eigens hierzu gedruckten Publikation vorgcschlagen, daß die Revisionisten eine ״Unabhängige Zionistische Organisation“ bilden, aber durch eine Anzahl Beobachter einen ״symbolischen Zusammenhang“ mit der Zionistischen Organisation aufrechterhalten. Man muß sagen, daß die Öffentliche Diskussion derartiger Vorschläge die Zionisten auf eine harte Geduldsprobe stellt. Trotzdem haben die zionistischen Organe diesen groteskeu Vorschlägen gegenüber im allgemeinen stärkste Zurückhältung gewahrt. Nun haben die Revisionisten in einer Konferenz in Calais an Stelle des Entweder-oder ein Sowohl-als auch gesetzt. Wenn wir das ausgegebene Communiquc richtig verstehen, so heißt cs, daß die ״revisionistische Union“ als solche von nun an organisatorisch nicht mehr dem Zionismus angehört. Sie stellt cs aber den Revisionisten anheim, ad personam in der Zionistischen Organisation zu bleiben und den Schekel zu bezahlen, vorausgesetzt, daß sie sich der Disziplin des Revisionismus unterwerfen. Was die Disziplin des Revisionismus ist, hat Herr Jabotinsky in Basel selbst erklärt, indem er der Meinung Ausdruck gab, daß zwar jeder Revisionist persönlich den Befehlen der r e.v i st o n 1 s t i s e h e n Patteibehörden, unterliegt, daß aber die Organe der Zionistischen Organisation keine. DiszipJI-' nargewalt über einen Zionisten haben. Die Zionistische Organisation sieht also vor der merkwürdiger! Tatsache, daß eine Anzahl ihrer Mitglieder einer politischen Instanz unterstehen, die sich selbst außerhalb der zionistischen Disziplin und außerhalb des organisatorischen Rahmens des Zionismus hält. An und für sich ist die Zugehörigkeit zum Zionismus nicht unvereinbar mit der Zugehörigkeit zu anderen Organisationen. Hier aber handelt es sich um eine Organisation, die dieselben Fragen und Aufgaben als ihre eigentliche Domäne betrachtet, die auch der Inhalt der Zionistischen Organisation sind. Die neue revisionistische Organisation nimmt sogar das Recht zu selbständiger politischer und praktischer Tätigkeit in Anspruch, Sie glaubt von sich, die ״wahre“ zionistische Bewegung zu repräsentieren. Hier entsteht nun die Frage, wie man zwei solchen Organisationen angehören kann. Niemand kann doch in diesem Sinne zwei Herren dienen. Wenn man der Meinung ist, daß das Ziel des Zionismus nur auf dem Wege des Revisionismus zu erreichen ist, sieh zu diesem Zweck Wanderungen durch Ji$raels Land Petachja ben Jakob aut Regentbur« (12. Jh.) Ans ״Slbbuw Haolam“ Ende Oktober erscheint im. Verlag Schocken, Berlin: ,.Sendung und Schicksal‘•, ein jüdisches Lesebuch am dem Schrifttum des nachbiblischen Judentums, milnetellt von Nachurn Norbert (Hairer und Ludwig Stratus (Lernen Mit. 5,50), Der Verlag stellt uns freundlicherweise das nachstehende interessante Stück als Vorabdruck rur! erfügung, sodaß wir bereits heute in der Lage sind, unsere Leser auf dos bevorstehende Erscheinen dieses wichtigen Werkes auf merksam ru machen. Begegnungen Rabbi Petachja überschritt den Jordan, der in einer Höhle entspringt, wie die Weisen gesagt haben1); ״Der Jordan entspringt Ln der Höhle Paneas und führt nach Tiberias.“ Dort fand er eine große Gemeinde. Ein Bethaus ist dort, das Jehoschua Sohn Nuns'-) erbaut hatte. In Sepphoris ist unser Rabbi, der Heilige, begraben und ein Wohlgeruch geht von seinem Grabe aiis, den man eine Meile weit riecht. Alle Gräber im Lande Jißrael sind Stollengräber, anders in Babylonien, weil es dort Wasser gibt und man keine tiefen Höhlen bohren kann. Von der Samenschaft des Rabbi ist noch ein geehrter Mann da, Rabbi Nehoraj ist sein Name. Der hat einen verständigen Sohn, sein Name ist Rabbi Jehuda, nach den! Namen des Rabbi Jehuda, des Fürsten; einen Stammbaum hat er bis aut den Rabbi. Rabbi Nehoraj ist ein Arzt und verkauft Gcwürze auf dem!Markt. Seine Söhne sitzen vor ihm im Laden, mit einem Schleier bedeckt, daß sie nicht sehen dahin und dorthin; er ist ein Gelehrter und Gerechter. Tiberias imd Sepphoris und alle Städte im Flachland, — dies ist das Untere Galiläa, weil sie nicht auf Bergen sind. Auch sah Rabbi Petachja Uscha und Schafraam, wo Rabban Schimon Sohn des Gamlicl3) das Haupt des Synhedriums war. — In Akka gibt’s Juden, ln Jabne gibt es eine Quelle, die alle sechs Tage sprudelt; am Sabbat aber ist nicht ein Tropfen in ihr. Im Unteren Galiläa gibt cs eine weite Höhle, von hohem Inneren.. Auf der einen Seite ist die Grabhöhlung Sehammajs und seiner Jünger, aut der anderen Seite die Hillels und seiner Jünger. Mitten in der Höhle ist ein großer Stein, aiugerundet wie ein Becher, in seinen Behälter gehen vierzig Maß hinein und darüber. Kommen werte Menschen dorthin, dann sehen JÜDISCHE RUNDSCHAU selbständig organisiert, als Organisation alle Verbindungen mit der zionistischen Bewegung abschneidet, unabhängig von der Zionistischen Organisation politische Aktionen führt tisw., dann geraten diejenigen Revisionisten, die in den zionistischen Organeti bleiben, in eine sehr unerwünschte zweideutige Stellung; aber auch die Zionistische Organisation gerät ihnen gegenüber in eine völlig unhaltbare Position, da sic einer a u ßc r z i o n i s t i s c h e 11 Instanz zu unbedingter Disziplin verpflichtet sind und z. B. auch das politische Material, das ihnen als Mitgliedern zionistischer Gremien zugänglich ist, der nichtzionistischen revisionistischen Oberleitung zu übergeben verpflichtet wären. Berliner Zion. Vereinigung ♦ ♦ Zion. Vereinigung für Deutschland Öffentliche Kundgebung ״Judenfrage und Zionismus“ Weizmann spricht Sonnabend, 10.Oktober, um 8’/., Uhr im Bachsaal, Lützowstraße. Einleitende Ansprachen: Or. schmarja levln, Oskar Wollsberg Altred Berger und Herrmann Leiewer Karten (1 — 3 M.) bei Wertheim, Bote & Bock, BZV. nur noch in beschränkter Anzahl Auf den ersten Blick ist jedem klar, daß hier ein Ausweg gewählt wurde, der in Wahrheit keiner ist. Wenn die Revisionisten, um einen Mittelweg zu finden und ihre eigenen Schwierigkeiten zu bereinigen, eine solche Formel konstruiert haben, so bleibt nun der Zionistischen Organisation als solcher nichts übrig, als sich gegen die Zulässigkeit eines derartigen Statu sauszusprechen. Keine politische Organisation der Welt würde etwa solches dulden. Die Zionistische Organisation hat bereits sehr viel Nachsicht geübt, aber sie darf ihr eigenes Leben nicht abhängig machen von der Willkür von Leuten, die sich außerhalb des Rahmens der Organisation stellen. In Wahrheit scheint uns freilich diese von den Revisionisten mit so viel Emphase geführte Kontroverse nur auf einen äußerliehen Effekt berechnet zu sein. Die große Mehrheit der Reyisippisten scheint zu wissen, daß der Austritt aus der Zionistischen Organisation den Revisionismus zu völliger Bcdcufungslosigkeit verurteilen würde. Die Revisionisten wollen in der Zionistischen Organisation bleiben, zugleich aber nach außen hin eine große Geste der Ueberlegenheit machen, den Zionismus durch ihre Drohungen erzittern machen und ihr Drinbleiben schließlich als ein Geschenk der Gnade empfinden Sassen. Wir stehen auch in dieser Sache jener Vorliebe für Theatralik gegenüber, die wir am Revisionismus so oft beobachten konnten. .Man wird jedenfalls mit Interesse abwarten müssen, ob sich nicht innerhalb der revisionistischen Partei selbst ein Widerstand gegen diese Art der Behandlung ernster Dinge geltend macht. Vorläufig scheinen die Revisionisten einen neuen Clou vorbereitet zu haben, nämlich den Austritt ihrer La 11 des gruppen aus den Landes organisationen. Die revisionistische Konferenz Deutschlands, die am 11. Oktober in Berlin Zusammentritt, hat einen Antrag auf Austritt der Revisionisten aus der Z. V. f. D. zu behandeln. Wir versagen es uns, zu diesen Vorgängen Stellung sie den Stein mit schönem Wasser gefüllt, waschen ihre Hände und beten und wünschen sich, was sie wollen. Der Stein aber ist nicht von unten dürchrundet und das Wasser kommt nicht vom Erdboden, sondern von selber wird es, wenn ein werter Mensch kommt; ein Mensch aber, der unwert ist, der wird niemals Wasser da sehen. Ist aber voll der Stein, so mag man tausend Eimer Wasser daraus schöpfen ■ es wird nicht weniger werden, er bleibt voll wie er war. Rachels Grab Auch zum Grabe Rachels ging er, auf dem Wege nach Efrat4), einen halben Tagesweg von Jerusalem. Elf Steine sind auf dem Grabe Rachels, entsprechend den elf Stämmen; denn Benjamin ward erst geboren, ״wie ihr Odem ausfuhr“׳). Alle die Steine sind aus Alabaster; der Stein Jaakobs, ein Alabasterstück, liegt über ihnen allen; er ist sehr groß, eine Last für viele Menschen, und eingehauen ist in den Stein der Name Jaakobs. Ehe Priester, die eine Meile entfernt wohnen, nahmen den Stein von dem Grabe fort und befestigten ihn an einem Gebäude des Fremden Dienstes; am anderen Morgen aber sahen sie ihn wieder auf dem Grabe, wie es zuvor war. Und so taten sie viele Male, bis sie aufhörten, ihn wieder zu nehmen. Und er sah den ״״roßen Stein auf dem Mund des Brunnens8) bei Charan. Vierzig Menschen könnten ihn nicht abrücken. Fier Brunnen ist etwa dreihundert Ellen tief, aber Wasser ist dort nicht zu finden. Tor des Erbarmens In Jerusalem ist ein Tor, man nennt es; Tor des Erbarmens. Es ist gefüllt mit Steinen und Kalk. Dorthin darf kein Jude kommen, und noch weniger ein Fremdgläubiger. Einmal wollten die Fremdgläubigen alles entfernen und das Tor öffnen — da erbebte das Land Jißrael, große Ersehütterifng geschah in der Stadt, bis sic davon abgelassen hatten. Eine Lieberlieferung gibt es unter den Juden, daß durch dies Tor die Schechina in die Verbannung ging1) und daß sie durch dieses Tor einst wiederkehren wird. ’) Talmud, Traktat Berachot 55a. - ־') Der Nachfolger Moses. . ‘) f, Jahrhundert. -- ') Gewöhnlich Betlehem genannt. •■) i. B. M. 35, 18. «) Das. 2'), 2. — •) Mit dem Volke. Diese (talmudische) Ueberücferiing knüpft sich an Psalm 91, 15: ״Bei ihm bin ich im Leiden". zu nehmen, bevor ein Beschluß gefaßt wurde. Die Doppel- Stellung, die sich die Revisionisten in der letzten Zeit zurechtgelegt haben, ist jedenfalls nicht weiter erträglich. Entweder man bleibt in der Organisation oder man tritt aus. Aber weder kann man beides, noch kann man bei jeder kleinsten Meinungsverschiedenheit mit einer Austrittsdrohung operieren. Die Z. V. ־f. D. war immer bestrebt, der einheitliche Verband aller deutschen Zionisten zu bleiben und sie ist vielleicht in der ganzen zionistischen Welt die einzige Landesorganrsation, der dies wirklich gelungen ist. Die Z. V.f. D. wird ungeachtet aller separatistischen Strömungen diesen Weg auch weitergehen und sich vor allem auf die positive zionistische Arbeit in Deutschland konzentrieren. Wir sind überzeugt, daß alle zionistischen Ortsgruppen in Deutschland diesen Weg mitgehen werden. Wer in dieser Zeit Spaltungstendenzen hereinträgt, wer sich seihst — ganz in der Art der agudistischen Trennungsorthodoxie — als den einzigen wahren Träger der zionistischen Idee aufspielt, seine Sondergruppe gleichzeitig zum Gegenspieler der Gesamtorganisation macht und alle anderen Zionisten in ihrer Arbeit und Gesinnung für Palästina zu diskreditieren sucht, muß es sich gefallen lassen, wie ein (Jen Zionismus schädigendes Element betrachtet und behandelt zu werden. Die ״C.-V.-Zeitung" beklagt sich... Die ״C.-V.-Z citung“ nimmt in ihrer Nummer vom 2. Oktober in sehr richtigen Ausführungen gegen die unverantwortliche Art Stellung, in der Sensations-Journalisten sich häufig der Judenfrage bemächtigen, um irgendwelche anekdotenhaften Pikanterien zum Besten zu geben. Als Beispiele werden angebliche Interviews mit dem deutschen Kronprinzen und mit Arthur Schnitzler angeführt, die in den letzten Wochen durch einen großen Teil der Presse, natürlich auch der jüdischen Presse, gingen, obwohl sowohl die Geschmacklosigkeit als auch die Unwahrscheinlichkeit dieser Auslassungen aut' der Hand lagen, ln diesen Zusammenhang reiht die ״C.-V.-Zeitung“ ־unverständliche[weise auch eine ganz andere Angelegenheit ein, die die ״Jüdische Rundschau“ betrifft. Sie beschwert sich darüber, daß die ״Jüdische Rundschau“ in ihrem Aufsatz über die Ausschreitungen am Kurfürstendämm ״aus einer Denkschrift, deren vertraulicher Charakter ohne weiteres fcststeht, Dinge hcrauslicst, die ganz anders aufzufassen sind und, was das entscheidende ist, solche Denkschritt überhaupt ohne Ermächtigung des Herstellers ausnutzt“. Daran knüpft die C.-V.-Zeitun£ dann noch einige moralisierende Bemerkungen über ״gute Sitten“ usw., die wir, sofern sie sich an die Jüdische Rundschau“ richten sollten, zumindest als deplaciert empfinden. Zur Sache selbst möchten wir bemerken, daß der C.-V. offenbar zu meinen scheint, daß wir über seine Tätigkeit erst aus seinen vertraulichen Denkschriften Kenntnis erhalten. Die Anspielung der ״C.-V.-Zeitung“ bezieht sich auf unsere Bemerkung in Nr. 73 der ״jüdischen Rundschau“, daß eine ״amtliche Stelle den Vertretern des C.-V. Ratschläge über die Art und Weise gegeben hat, wie Juden sielt an ihren, Feiertagen kleiden und benehmen sollen“. Wir knüpften an diese Feststellung damals die nach unserer Meinung sehr maßvolle und zurückhaltende Kritik: ״Wir glauben nicht, daß die zustimmende Entgegennahme solcher Ratschläge eine sehr wirksame Art der Vertretung jüdischer Interessen ist.“ Wir wollen nicht neuerlich auf die Vorgänge, die diesen Bemerkungen zugeunde liegen, cingehen. Nur soviel möchten wir sagen, daß es doch eine kindliche Naivität des C.-V. ist, wenn er meint, daß diese Dinge, die sich wie ein Lauffeuer in Berlin h er um gesprochen haben, die auch verschiedenen jüdischen Stellen in mehr oder weniger offizieller Weise bekanntgegeben und zur Beachtung empfohlen wurden, als ״vertraulich“ zu bezeichnen sind. Der C.-V. hat die Schilderung der betreffenden Unterredung auch in eine Denkschrift ausgenommen, die vervielfältigt und in zahlreichen Exemplaren verteilt worden ist, wobei kein einigermaßen politisch Geschulter annehmen kann, daß die darin enthaltenen Mitteilungen vertraulich bleiben werden. Die Ver- Wendung saldier Dokumente ist doch völlig unkontrollierbar, und in der Tat haben schon manche Provinz-Zeitungen die betreffende Denkschrift ausführlich zitiert. Aber wie dem auch sei, man kann doch nicht Dinge, d.ie einem großen Teil der Oeffentlichkeit bereits bekannt sind, dadurch vertraulieh machen, daß man sie nachträglich auch noch in eine Denkschrift aufnimmt und dort als vertraulich bezeichnet. Im übrigen verstehen wir auch so viel von Politik, um zu beurteilen, was in einer derartigen Denkschrift wirklich vertraulich ist und im höheren Interesse vertraulich bleiben muß. Solche Vertraulichkeit bezieht sich doch in erster Reihe auf politische Aktionen usw. Keineswegs aber kann mail mit dem Schleier der Vertraulichkeit auch die der öffentlichen Kritik unterliegende Haltung jüdischer Vertreter zudecken. Wenn außerdem die ״C.-V.-Zeitung“ noch bemerkt, daß wir Dinge hcrausgclesen haben, ״die ganz anders aufzufassen sind“, dann müssen wir dein Verfasser des betreffenden Dokumentes jedenfalls das Zeugnis ausstellen, daß er recht ungeschickt zu Werke gegangen ist. Denn wir glauben nicht, daß auch in der Darstellung dieser Denkschrift die Dinge, um die es sich handelt, anders aufgefaßt werden können, als wir sie aufgefaßt haben. Und wenn der C.-V. darüber in einer derartigen, in Massen verbreiteten Denkschrift berichtet, dann wäre es zumindest wünschenswert gewesen, daß er auch mitfeilt, wie nach seiner Meinung diese Dinge ״aufzufassen“ sind; denn sonst muß der Eindruck entstehen, den auch jeder unvoreingenommene Leser empfangen hat, daß nämlich die Vertreter des C.-V. die betreffenden Ermahnungen zustiinmend zur Kenntnis nahmen und offenbar als eine geeignete Betrachtungsweise der Kurfiirsfcndamm-Vorfälle ansehen. Der ״Jude״ Alexander MoissL Seit Wochen befassen sich Zeitungen, die nichts Wichtigeres zu tun haben, mit der Affäre Moissi. Der berühmte Schauspieler Moissi ist gegenvvärtig mit der Abfassung eines Romanes ״Die Sehnsucht der Mutter nach dem Kinde“ beschäftigt. Mit Erlaubnis der zuständigen Stellen nahm er als Zuschauer in einer Salzburger Gebärklinik bei einem Geburfsakt teil. Aus diesem Grunde wurde Moissi Gegenstand heftiger Angriffe, und natürlich wurde er auch alsbald zum Jude n* gestempelt. Hier eine kleine Blütenlese der Ueberschriften, mit denen die Presse- Angriffe gegen Moissi geschmückt waren: ״Der Jude Moissi vergnügt sieh“, ״Ein jüdischer Schauspieler darf einer Entbindung beiwohnen“, ״Unerhörte Sauerei, Moissi-Moses als Geburtshelfer“, ״Die Entbindung einer Christin als Schauspiel für den Juden“, ״Die Entbindung einer Frau dient dazu, einen schmierigen, lüsternen Juden zu unterhalten“ usw. Moissis Gattin, Frau Terwin, stellt nun fest, daß sowohl Alexander J^oissi wie auch sie rein arischer Abstammun'g sind, was auch durch Moissis Taufschein, ausgestellt von einem Triester Pfarrer nach seiner Geburt, jederzeit erweisbar ist.