Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XXXVI (1931)
- Issue
- Heft 78 (9.10.1931)
- Date
- 1931-10-09
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 472 JÜDISCHE RUNDSCHAU Nr. 78» 9. X. 1931 \ Es ist anzunehmen, daß Weizmann, der in Berlin zum ersten Male seit Basel öffentlich redet, sich in politi• scher Beziehung Zurückhaltung auferlegen wird. Er ist heute nicht mehr mit der Verantwortung der Politik belastet und daher auch nicht in der Lage, Erklärungen politischer Art abzugeben. Die neue Zionistische Exeku* tive hat ihr Amt erst vor kurzem angetreten und hatte noch keine Gelegenheit, ihre Erfahrungen zusammenzu* fassen. Niemanden, am allerwenigsten Dr. Weizmann, fällt cs ein, der Exekutive in ihrer Arbeit irgendwelche Schwierigkeiten außenpolitischer oder auch innerzionistischer Art machen zu wollen. Es ist ohne weiteres klar, daß — wie immer die Meinungen auf dem Kongreß auch gewesen sein mögen — die Exekutive der vollen Unters tützung der zionistischen Bewegung in ihrem schweren außenpolitischen Kampf und auch in ihrem Ringen gegen die Fluten der Finanzkrise sicher sein kann. Die Mahnung, die Herr Sokolow in seiner Londoner Rede an die zionistische Welt richtete, wird zweifellos auf fruchtbaren Boden fallen. Die Gefährlichkeit der Lage ist so evident, daß die Notwendigkeit der Einheitsfront und der Unterstützung der Autorität der Exekutive keines Beweises bedarf. Seltsamerweise kommen ausgerechnet aus dem revisionistischen Lager immer wieder Verdächtigungen, daß die auf dein Kongreß mit Weizmann verbundenen Gruppen die Arbeit der gegenwärtigen Exekutive erschweren wollen. Es kann kaum ein Zweifel daran bestehen, daß solche Erschwerungen viel eher von jenen Gruppen zu gewärtigen sind, die sich, nachdem sie mit ihren Stimmen den neuen Präsidenten der Zionistischen Organisation gewählt haben, eine gegen dessen Autorität gerichtete ״unabhängige“ politische Betätigung vorbehaltert. Das beginnende Arbeitsjahr stellt uns vor zahlreiche Probleme, die nicht neu sind, die aber im Lichte der Erfahrungen der letzten zwei Jahre eine besondere Aktivität und Beweglichkeit des Denkens erfordern. Zionistische Politik ist nur ein Mittel und kein Selbstzweck. Sie soll dazu dienen, jenen Zustand herbeizuführen, der eine Erleichterung der Lage der Juden mit sich bringt und ihnen in den Stürmen der Gegenwart einen festen Halt gibt. Wir glauben, daß heute schon, in seinen bescheidenen Anfängen, das Jüdische Nationalheim diese Funktion erfüllt. Was not tut ist, eine stärkere Verbindüng zwischen den Juden der Welt und diesem Nationalheim herzustellen. Die Schicksalsgemeinschaft, die zwischen ihnen besteht, muß ins volle Licht des Bewußtseins treten. Und in einer ständigen Wechselbeziehung der gegenseitigen Hilfe und des gegenseitigen Füreinandereinstehens wird das jüdische Volk zu jener neuen Form seines Lebens gelangen, die w ir unter schweren Kämpfen und Erschütterungen heute langsam Sich bilden sehen. Ausscheidende Unterhausmitglieder. Der Londoner ״Ob- Server“ veröffentlicht eine Liste von Mitgliedern des Unterliauscs aus allen Parteien, die bei den bevorstehenden englischen Parlamentswahlcn sich nicht mehr um Mandate bcwerben werden. Unter den •Genannten sind mehrere Namen, die vom zionistischen Standpunkt interessant sind. Z. B. Sir Norman An gell, der bekannte Pazifist und Labour-Abgeordnete, der einer der wärmsten Unterstützer des Zionismus im letzten Unterhaus war, wird nicht mehr kandidieren. Auf der anderen Seite verschwindet Col. Howard B u r y, das konservative Unterhaus-Mitglied für Chelmsford, der Wortführer des Antizionismus im Unterhaus, der dem zionistischen Publikum durch seine immerwährenden Anfragen bekannt ist. Von den übrigen in der Liste Angeführten ist Sir Martin C o n w a y (konservativ) als eifriger Anhänger des Zionismus oftmals hervorgetreten. Dr. M. H ext er, Mitglied der Exekutive der Jewish Agency, ist am 28. September in Jerusalem eingetroffen. Palästina und die Pfund ״Baisse I Von unserem palästinensischen Korrespondenten. A. G. Tei-Awiw, 29. September 1931. Palästina stellt im Zeichen der Valutafrage. Seit dem Tage, wo in England die Goldbasis für den Sterling abgeschafft wurde, haben die Börsenschwankungen in Europa und Amerika alles andere in den Hintergrund gedrängt. Ist doch hier eine Umwälzung, deren Folgen jeder Palästinenser am eigenen Leibe spürt. Das palästinensische Pfund, das auf dem englischen basiert ist, hat die Schwankungen des Sterling mitgemacht. Da niemand wußte, ob inan es mit einer vorübergehenden Erscheinung zu tun hatte und ob sich die englische Währung in kurzem wieder stabilisieren würde — wenn auch vielleicht auf einem anderen Niveau — so prägte sich die allgemeine Ratlosigkeit in großer Unruhe aus. Jeder wollte sich sichern und wußte nicht wie. Unter den Fellachen, die sich nur schwer nach dem Kriege an das neue Papiergeld gewöhnt hatten, begann eine Jagd nach Gold. Und da Gold kaum zu bekommen war, wollten sie wenigstens andere klingende Münzen. Dies führte dazu, daß die Araber auf den Märkten entweder höhere Preise oder Be- Zahlung in den kleinen Scheidemünzen verlangten. Sie übersahen dabei, daß diese Münzen durchaus nicht gesicherter waren als das Papiergeld; das einzige, was auf diese Weise erreicht wurde, war das Verschwinden der kleinen Münzen aus dem Verkehr. Dies war besonders in Haifa stark zu spüren und führte während einiger Tage zu Komplikationen in der Abwicklung des normaler! Geschäftslebcns. Die Palästinaregierung hat inzwischen in einer Proklamation auf die Identität des Wertes von Noten und Scheidemünze hingewiesen. Bei den jüdischen Klein- und Großhändlern hat sich sofort die Neigung gezeigt, die Preise — besonders für Gebrauchsartikel — hinaufzusetzen. Mehl, Zucker, Brot stiegen in wenigen Tagen um einen Prozentsatz, der größer war — besonders im Kleinhandel — als die Entwertung des Pfundes. Zum Teil wollten die Händler sich gegen die Verluste decken, die sie bei Neuankäufen in fremder Valuta zu gewärtigen hatten, teils nahmen sie auch die Gelegenheit wahr, die Situation für Zwischengewinne auszunutzen. Diese Preissteigerungen, die Lebensmittel und Dinge des täglichen Bedarfs betreffen, werden sofort von den ärmeren Schichten der Bevölkerung schwer empfunden. Der Arbeiter, dessen Lohn sich durch die Senkung des Pfundes nominal nicht geändert hat, kann bereits heute für seinen Tageslohn weniger Waren kaufen als vor zwei Wochen. Vorläufig hat die Teuerung nur einzelne Lebensmittel erfaßt, aber wenn sic sich ausbreitet und damit der Reallohn sinkt, so werden entweder von der Regierung Maßnahmen zu einer Stabilisierung der Preise getroffen werden müssen oder wird eine Bewegung zur Lohnerhöhung einsetzen. Solange natürlich keine Klarheit über die Situation des Pfundes herrscht, ist ein Eingreifen und damit der Versuch zu einer Stabilisierung wenig aussichtsreich. Es wäre aber mindestens dafür zu sorgen, daß eine unberechtigte Ausbeutung der herrschenden Verwirrung durch Spekulation vermieden wird. Es ist zu hoffen, daß die Verordnung der Regierung, die Preistreiberei verbietet, sich in diesem Sinne als wirksam erweist. An Voraussagen über die Zukunft der Wirtschaft unter den neuen Umständen fehlt es nicht; aber sie beruhen natürlich auf f/eie Kombination. Neben der Frage der künftigen Gestaltung des Reallohns interessieren die jüdische öffentliche Meinung vor allein folgende Fragen: Einwirkung der Pfundsenkung auf die Industrie und ihre Marktfähigkeit, auf die Orangen und ihre Preise und schließlich auf die Spendengcldcr der nationalen Fonds. Im allgemeinen erhoffen sich die Industriellen von der Aufhebung des Goldstandards eine Belebung der Industrie, eine Ausweitung des inneren Marktes wie auch des Exports. Des , inneren Marktes vor allem deswegen, weil die Senkung des ׳ Pfundstandards für Waren, die aus Ländern mit ״hoher Valuta“ importiert werden, wie ein Schutzzoll wirkt; das Publikum wird notgedrungen auf eingeführte Waren verschiedener Art verzichten und sich den einheimischen Produkten zuwenden müssen. Man spricht noch außerdem von einer Erweiterung des Marktes in den umliegenden Lindern, weil verschiedene Konkurrenten, zum Beispiel für Textilwaren, schwächer werden. Man hat dabei für Strümpfe — einer der wichtigen jüdisch-palästinensisehen Artikel — unter anderem Japan und Italien im Auge. Aehnlich liegen die Dinge für den Orangenexport (der innere Markt, der bisher von den erstklassigen Früchten nur einen kleinen Prozentsatz aufgenommen hat, kann hier beiseite gelassen werden). Bei einer Senkung des Pfundstandards hätte die Jaffa-Orange einen Vorsprung vor der spanischen Apfelsine, sowohl für einen Teil des Kontinents, wie auch vor allem für Großbritannien, das lieber in seiner eigenen als irr einer höheren Währung kaufen wird. Auch gibt es Meinungen, die auf die Einführung eines imperialen Zolls und die Einschließung Palästinas in diese Union hoffen. Im Moment wirkt sich freilich die Geldentwertung auch für die Pflanzer nachteilig aus, denn das Holz für die Orangenkisten wird aus dem Auslande gebracht und muß meist in hoher Valuta bezahlt werden. Es ist jedoch nicht ausgeschlossen, daß diese Verluste durch einen vergrößerten Export mehr als ausgeglichen werden. Für die Fonds scheint sich im Moment durch die Aufhebung des Goldstandards eine Besserung anzukündigen, da die zu erwartenden Gelder zum größten Teil aus Ländern mit ״hoher Valuta“ kommen sollen. Vielleicht wäre durch diese Tatsache eine Erleichterung der gegenwärtig katastrophal zu nennenden Finanzlage der Agency zu erreichen. Die Dinge sind jedoch noch viel zu sehr in der Schwebe, um etwas genaues abschätzen zu können. Palästina ist mit hineingestellt in den riesigen Rahmen des englischen Imperiums und fühlt die Schwankungen dieses großen Organismus in voller Schärfe in seiner eigenen Wirtschaft, ohne aber selbst handeln zu können. Es muß also die weitere Entwicklung abgewartet werden. * Berlin, 7. Oktober. Die hier eingetroffenen palästinensischen Zel* t u ng e n geben ein lebendiges Bild der durch den Sturz des Pfundes in Palästina entstandenen Unruhe. Die Lösung des Pfundes vom Goldstandard wurde bekanntlich am Jom Kippur verhängt, und die unmittelbar nach Jom Kippur erscheinenden Zeitungen befassen sich naturgemäß ausführlieh mit diesem Ereignis und der dadurch in Palästina geschaffenen Lage. ״Dawar“ vom 23. September veröffentlicht eine Unterredung seines Vertreters mit dem Direktor der A. P.C., Herrn Hoofien. Sofort nach Eintreffen der Nachrieht, berichtete Herr Hoofien, haben die Direktoren der großen Banken in Palästina eine Beratung abgehalten, um sich darüber schlüssig zu werden, in welcher Weise die Einlösung von Pfundbeträgen in fremde Valuta vor sich gehen solle. Derartige Umrechnungen sind in Palästina alltägliche Erscheinungen, da die Kaufleute Waren in verschiedencn Ländern bestellen und die auf fremde Währung lautenden Rechnungen bei den palästinensischen Banken in Pfund-Währung bezahlen. Die Banken haben daher zunächst beschlossen, einen Aufschlag von 10 «> zu verlangen. Diese 10 ׳» ״׳״erden als Sichcrungssunime zurückbehalten und den Zahlern wieder zurückgestellt, falls das Pfund inzwischen den alten Stand erreicht. Herr Hoofien erklärte, er persönlich sei absoluter Optimist und halte es für ausgeschlossen, daß das Pfund einen ähnlichen Weg geht wie die Mark oder der Francs. Man müsse annehmen, daß nach einigen Tagen das Pfund seine alte Goldparität zurück gew'iitnt; sollte dies aber nicht der Fall sein und eine sTändige Wertsenkung von 10 -20 <>'o cintreten, dann liege auch darin keine Gefahr für die palästinensische Wirt- Schaft. Zwar wird man anfangs gewisse Verluste haben, insbesondere die Importeure, die in ausländischer Valuta Waren kaufen. .Aber das Gesehäftsleben wird sich dem neuen Niveau des Pfundes sehr schnell anpassen und die palästinensische Produktion kann davon nur gewinnen. Zu einer P a n i k sei nicht der geringste Grund vorhanden. in den folgenden Nummern bringt das Blatt Aeußerungen von einer Reihe von Persönlichkeiten des Geschäftslebens, Leitern von Banken und Unternehmungen in Palästina, die allgemein die Gemüter zu beruhigen versuchen. Zugleich wird über die Preisbewegungen au? den einzelnen Märkten berichtet. Daraus geht hervor, daß die Landesprodukte im allgemeinen sich ungefähr auf dem gleichen Preisniveau halten, mit einigen Ausnahmen. So z. B. setzte die arabische Mühle in Jaffa den Preis des einheimischen Mchlcs um 3 0׳״ herauf mit der Begründung, daß die Bauern des Hau ran die Bezahlung ihres Getreides in Goldmünzen fordern. Die palästinensisclie Zoll-Verwaltung erhebt die Gebühren nach wie vor in Sterling ohne Zuschlag. Es wird berichtet, daß der Andrang im Zollamt zur Auslösung der eingetroffenen Waren außerordentlich groß ist. 1111 übrigen verfolgt man natürlich die Nachrichten über die Schwankungen des Pfund- Kurses auf den Weltbörsenplätzen, und je nach diesen Nachrichten schlägt die Stimmung vom Outen zum Bösen um oder umgekehrt. An den 60 jährigen Georg Hermann Verehrter Georg Hermann, ich weiß, es ist unzeitgemäß, Geburtstagsbriefe zu schreiben. ״Man schreibt nicht — man telegraphiert!“ würde einer Ihrer Helden sicher in diesem Falle sagen. Aber . . . Sie sind ja auch unzeitgemäß; und wir alle wissen — wenn wir überhaupt von Ihnen wissen - - daß hier Ihr Geheimnis liegt. Denn sind wir Juden nicht alle . . . unzeitgemäß? Haben wir nicht eben erst in diesen Herbsttagen heiß und lange um Regen gebetet, während uns Sonne jetzt wahrhaftig zuträglicher wäre?, nur weil unsere Väter vor tausend Jahren zu dieser Zeit den Frühregen brauchten und den Spätregen für die Saaten im Jordanlande. Das ist unser leidvolles Vorrecht, in der Zeit zugleich zu leben und über der Zeit zu stehen. Und daß Sie dieses Geburtsrechtes sich niemals eiitschlagen wollten - oder konnten? — das sei Ihnen heute am ersten gedankt. Auch Sie kommen aus anderen Zeiten und hoffen, in andere zu gehen. Künstler gibt’s, die stellt man nicht unter die Klassiker in Goldschnitt hinter die Glasscheiben des Bücherschranks; Künstler, die einen manchmal ärgern und manchmal betrüben, wenn sic eine Seite mit der linken Hand schrieben oder sich ihre Sprache .- sonst so dunkel leuchtend und farbig schillernd -- von modischen Epidemien wie der Nebenbei- Seuche oder dem Irgendwie-Razillus anstecken ließ; aber bei alledem — Künstler, die man liebt und denen man auf sonderbare Weise verfallen ist. So daß mau weiß: da ist kein Wort von dem Manne, das ich nicht lesen werde . . . So erging’s und ergeht’« einer ganzen Generation mit Ihnen, Georg Hermann. Jettchen Gebert gehörte die Liebe unserer Jugend. Und wenn wir sie in späteren Jahren wieder trafen mit ihrem Schutenhut und dem weißen Kleid mit den goldgestickten Aehrcn -- da sagten wir nicht etwa wie einst Hebbel zu einem anderen Buche ״Jettchen, mein Mädchen, wie kommt’s, daß ich Dich nicht mehr so lieben kann?“ Nein - wir liebten sie m e h r. Denn erst jetzt verstanden wir die Quellen ihres Seins, ihr Glück und ihr Weh; verstanden die Hintergründe. Da erst verstanden wir auch Georg Hermanns Hintergrund: das Judentum im Berlin der achtziger Jahre. Darin aber unterscheiden Sic sich von vielen Ihrer Alters-, Stammes- und Kunstgenossen: Sie selbst waren sich dieser starken und schmerzgedüngten Wurzeln Ihrer Kraft von Anfang bewußt; freilich auch — Ihrer Begrenzung. Früh erkannt und eben noch wiederholt: diese ganz merkwürdige Lebensbeobachtung, Selbstbeobachtung. Da ist ein Mensch, der von dem, was man wirklich Judentum nennt Religion, Riten, Geschichte, selbst den Problemen von heute nicht allzu viel versteht. Aber sowie er die Feder ansetzt, bekommen alle seine Helden und Nichthelden . . . jüdisches Antlitz. ״Ich nehme es mir gar nicht vor, daß sie es sein sollen. Sie werden es eben. Sie sagen nie, daß sie es sind, sie betonen es noch weniger. Aber sie sind es eben. Es sind mit die Menschen, die mich am meisten interessieren, diese Herzfelds und Jason Geberts, diese Paul Gumperts und Doktor Spaniers, diese Jetteliens und Eilen Steins und die ach so schlecht getauften Heinrich Schöns . . . alle unjüdisch dem Wort nach und so eminent jüdisch dem Sinn nach.“ Das ist nun wirklich ein Bekenntnis. Das Wort weiß mehr als es sagt; und es will noch mehr als es weiß; um ein Wort Friedrich Schlegels zu gebrauchen. Hier offenbaren sich Blutsbande unter aller Bewußtheit; hier rinnen Ströme tief unter allem wachen Leben. Hier lebt eine Liebe wider allen Willen, die hartnäckig ist wie der Tod, Feuersgluten können sie nicht löschen und Wasserfluten können sie nicht tilgen. . . . König Salomo kannte diese Liebe schon . . . Freilich: Ihre Juden sind nicht immer unsere Juden, Georg Hermann. Sie schufen sie nach Ihrem Ebenbilde - was Ihnen keiner verdenken kann, der es noch nicht lernte, über seinen Schatten zu springen. Sie haben alle alles gelernt, nur nichts Jüdisches; sie leiden unter den Judengegnern, würden sich nur höchst ungern taufen lassen, schlafen (über hundert Jahr einmal) in Weißensee, nachdem sie mit gutem Appetit gefüllte Fische und Mürbekuchen gegessen haben. Selten, daß einer wie etwa der Arzt im ״Kleinen Gast“, dem sein Judentum die Universitätslaufbahn versperrt, sich stolz seines Ursprungs erinnert: von jenem jüdischen Arzt stamme er ab, den einst Rembrandt malte . . . und auch da ist es eigentlich mehr Rembrandt, dem sein Stolz: — und der Stolz des kunstliebenden Schöpfers - gilt als der ärztliche Ahn. Aber ... sie sind eben Juden, sie können nicht anders. Und es bedurfte gar nicht jener schnellen Seitenblicke etwa auf die Kluft zwischen jüdischem und nichtjüdischem Familiengefühl, damit wir sie in ihrem Wesen noch einmal erkennen. Sie alle sind Juden wie Sie selbst es sind, Georg Hermann: selbst in ihrer Sehnsucht nach allem was fremd, blond, anders ist. Da haben Sie eben in Ihrem ״Grenadier Wordelmann“ ein Bild des fridericianischen Potsdam entworfen, von dem ein Kenner, Künstler, Jude gleich Ihnen, von dem Max Liebermann urteilte: ״Det is wie'n Menzel!“ Und auch da ist's jüdische Seele, die sich in Ihnen nach der Ergänzung durch altpreußische Zucht sehnt aber die auch hinter den Spiegel guckt und den Dämon hinter dem Gotte, die Eitelkeit alles Gottesgnadentums nicht verkennen kann. Und dann schritten Sie von Ihrer Zeit, der Zeit des alten Potsdam und der Zeit des Biedermeier zu unseren Zeiten fort und gaben uns, wie wir schon Ihrem ״Schnee“, das lebendigste und niederdrückendste Bild des hungernden und frierenden, immer noch Witze machenden Berlin zur Kriegszeit danken, nun in Ihrem ״November 18“ ein Momentbild von der erwachenden Revolution, das für kommende Zeiten den Wert eines unbestechlichen Kulturdokuments haben wird. Gerade weil es so durchaus unpathetisch und mit dem Blick nach beiden Seiten gestaltet ist; Bild einer Revolution, hinter der das Sturmjahr Achtundvierzig auftaucht; nicht das Bild eines Kämpfers - Bild eines Einzelgängers - eines Individuums, eines hoffnungslos privaten Menschen. Aber ״Deutsche gehen nicht zugrunde, so wenig wie die Juden: weil es Individuen sind“, hat einer gesagt, der es wissen mußte. Die doppelte Bestätigung Ihrer vitalen Ausdauer werden auch Sie sich zum Geburtstage gern gefallen lassen — zumal sie in besonderem Maße für Ihr Werk, das Werk des Individuums, gilt. Und nun noch einen Wunsch der Wünschenden zu Ihrem Geburtstage, Georg Hermann. Sie haben uns eben erzählt, daß Sie heut nicht sechzig, sondern erst vierzig Jahre alt w׳erdcn, da Sie die ersten zwanzig Jahre anscheinend verschlafen hätten. Dürfen wir nun für die zweiten Vierzig Jahre Ihrer Arbeit einen Wunsch aussprechen, so wäre es der: daß neben den Juden vom Ende des vorigen Jahrhunderts, die Sie so trefflich kennen und zu gestalten wissen, ein neues Werk von Ihnen die Gestalt des neuen Judengeschlechts festhielte, das um Sic herum aufgewachsen ist und sicherlich Ihrem scharfen Blicke nicht entging: neben den Juden von gestern, die Juden von heute und die Juden von übermorgen ~~ dieses Bild wollen wir gar zu gerne noch Ihrer formenden Hand verdanken. Das ist der unbescheidene Wunsch einer geschworenen Georg Hermann-Leserin. Bertha B a d t ־ S t r a u ß. * Die Werk« vor Georg Hermann sind in der Deutschen Ver’ags •Anstalt, Siutt• gart, erschienen, mit Ausnahme von ״Grenadier Wcrdelmaaa“ (Ullstein ״Verlag, Berlin).