Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XXXVI (1931)
- Issue
- Heft 78 (9.10.1931)
- Date
- 1931-10-09
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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Palästina und die Pfund-Baisse Einzelnummer 0,25 Goldmark JÜDISCHE RUNDSCHAU Erscheint jeden Dienstag u.Freitag. Bezugspreis bei der Expedition monatlich 2,— Goldmark, vierteljährlich 5.75 Goldmark. Auala n <isahotinement.* werden in der Währung der einzelnen Lander beredmeu A.rs/P'iRonpr«?^8 ־ gesp. Nonpareillcreile 0,50 O.-M. Stellengesuch«0,25 ״ G.-M* Redaktion, Verlag und Anzeigen-Verwaltung־. Jüdische Rundschau G. m• b.H., Berlin W15, Meinelcestr.10. Telephon: J I Bismarck 716570־. Anzeigenschluß: Dienstag und Freitag oicbmittigi 4 Uhr Po ־!•check- Konten: Berlin 17392, B««el V 9355, Belgnd 68032, Brüssel 39433, Bei.pe,! 59693, Danzig 1973, Haas 140470, Prag 59410, Ria■ 4155• Strntburg 16430, Warschau 190708, Wien 156030- Bank -Konten; Darmsrädier- und National b*ak, Depositen ־ Kasse Berlin, Kurfürstondamm 52; Rumänische Kreditbank, Cemaim (Rumänien); Anglo PaJestiiie Co. in Haifa, Jerusalem, Tel - Aviv. Nummer 78 | Berlin, 9« X« 1931 RedaktionaschluS Sonntag und Mittwoch nachmittag. כ״ח תשרי חרצ״ב | xxxvi. jakrg. Der Zionismus erstrebt für das Jüdische Volk die Schaffung einer «Hentllch - rechtlich gesicherten Heimstätte In Palästina. ״Baseler Programm.“ ÄI1SI811 * §mmS§ Wmm sü!1 Ä!l «PSlf ׳,mm. ׳jfg|§g 18si י^*2«*2!'2 llinillillililllliilllllllllllllWIllillllliimilllilllM Dr. Weizmann spricht am Sonnabend- und Sonntag-Abend in Berlin. Wir heißen Dr. Weizmann auf das herzlichste willkommen und freuen uns, daß er an der zionistischen Arbeit in Deutschland aktiven Anteil nimmt. Die Veranstaltungen, auf denen Dr. Weizmann *der Hauptredner ist, finden in der jüdischen Oeffentlidikeit das lebhafteste Interesse. Es ist mit Uebcrfüllung der Ver- Sammlungen zu rechnen. Nähere Angaben über die Beschaffung von Eintrittskarten finden unsere Leser im Innern des Blattes. Die gefährdete Schul ״ Eröffnung Von unserem palästinensischen Korrespondenten, AG. Tel-Awhv, 29. September 1931. Die akuteste Frage des jüdischen Lebens Palästinas ist momentan die Schulfrage. Werden die Schulen der Jewish Agency am offiziellen Anfang des Schuljahres eröffnet werden oder nicht? Das ist eine ■Frage, die" tief fts- Leben jeder einzelnen Familie hineinreicht. Der ununterbrochene finanzielle Druck, unter dem die jewish Agency in den letzten Jahren stand, hat cs mit sich gebracht, daß der Jischuw nach und nach immer größere Verpflichtungen für die Erhaltung der Schulen auf sich genommen hat. Während die Beiträge der Regierung nahezu konstant blieben und die Beteiligung der Agency zurückging, lieferten die Juden des Landes immer höhere und höhere Beiträge teils durcltsdie Munizipalitäten — vor allem Tel-Awhv —, teils durch einzelne Institutionen und Schulgelder. Daß diese Entwicklung normal und gesund war, braucht keiner Beweise; es fragte sich nur, ob sie so rasch gehen und organisatorisch so reibungslos verlaufen würde, daß keine Stockung eintritt. Das Unvermögen der Agency, ihren Verpflichtungen gegenüber den Lehrern nachzukommen, hat immer wieder zu Lehrerstreiks geführt, und in den letzten Jahren hat man die Schulen wiederholt nicht zur rechten Zeit eröffnen können. Im gegenwärtigen Augenblick mußten sich die Dinge zu einer Krisis zuspitzen. Eine gründliche Reorganisation war schon lange nötig, und diese ist heute — wo alles in äußerster Ueberstürzung gemacht werden muß — schwieriger denn je. Als im vorigen Winter die Knesseth Jisrael zusammentrat und über die Reorganisation des Erziehungswerkes verhandelte, wäre vielleicht noch ein Weg offen gewesen. Damals hat die Lehrerschaft und mit ihnen ein Teil der Versammlung gegen die Arbeiterschaft den Plan der Uebernahme der Schulen durch den •Waad Leiuni zu Fall gebracht. Heute haben sich die Fäden noch weiter verwirrt. Der Kern der Komplikationen liegt in der Notwendigkeit, das Budget der Agency um beträchtliche Summen — eventuell 50 000 Pfund — zu kürzen. In diesem Falle« würde auf den Erziehungsposten gegen 20 000 Pfund weniger entfallen. Eine Verkleinerung des Volksschulnetzes ist jedoch eine so gewaltsame Operation, daß man sic kaum ins Auge fassen kann. Es muß also irgendwie eine Verkleinerung der Ausgaben erzielt werden, ohne daß man lebenswichtige Dienste abbaut und aigleich neue Geldquellen gefunden werden. Schon bei der Einhaltuug des vom Kongreß beschlossenen Schulbudgets — in runden Zahlen 55 000 Pfund — sind eine ganze Reihe von Kürzungen nötig. Die ohnedies schon großen Klassen müssen auf 50 bis 60 Kinder erweitert, die Oberklassen verschiedener Schulen z.usammengelegt werden. Für die Kindergärten ist kein Budget vorhanden und aus den verschiedenen Lehrerseminaren muß ein gemeinsames gemacht werden. Schließlich wird die Agencv gezwungen sein, ihre Subventionen für verschiedene Schulen (z. B. in Tel-Awiw) zu kürzen. Unterdes droht jedoch noch die Verkleinerung des Köngrcfibudgets, so daß die Agency nicht abseheu kann, wie weit sie imstande ist, feste Verpflichtungen einzugehen. So ist denn der Vorschlag aufgekommen, mit den Lehrern nicht mehr für ein Jahr, sondern nur noch monatliche Verträge abzuschlidien. Das würde freilich die Agency aus der Zwangslage befreien, in der sie sich in den letzten Jahren dauernd befunden hat, aber wie eine Unterrichtsarbeit v 0 n M o n a t z u Monat geführt werden soll, ist nicht vorzustellen. Man muß sich nun die Frage vorlegen, wie sich die Dinge gestalten werden, wenn die Agency — was durchaus möglich ist — ihren Verpflichtungen nicht nachkommen kann. Es gibt wahrscheinlich nur einen Ausweg aus dem Dilemma und der ist, den reicheren Ortschaften — vor allem den alten Kolonien und einem Teil der Städte --- oder besser gesagt ihren jüdischen Bewohnern —- die ganze Last oder den größten Teil der Erziehungskosten allein aufzubürden. Entwickelte Siedlungert wir die alten Pflanzerkolonien müssen bei der gegenwärtigen Situation ihre Schulausgaben selbst tragen. Tun sie es ja heute bereits zu einem beträchtlichen Teil. Dasselbe gilt für eine Stadt wie Tel-Awiw, die ja auch seit Jahren eine immer größere Summe für Erziehung auswirft. Es würde dann noch für die finanziell schwachen Orte eine Summe zur Verfügung stehen, so daß die dringendsten Bedürfnisse befriedigt, werden können. Es gibt ein weiteres Auskunftsmittel, das sind private Lehranstalten. Sic schießen heute bereits wie die Pilze aus der Erde. Fs ist nicht uninteressant, daß z. B. den ungefähr 50 Kindergärten der Agency im Lande gegen 150 private Gärten gegenüberstehen. Auch sonst werden überall Anstalten getroffen, private Schulen zu gründen, weil mit dem Wachstum der Volksschulklassen das Verlangen nach solchen Instituten wächst. Es darf jedoch nicht übersehen werden, daß diese Privatschulen nicht an der wundesten Stelle heilend eingreifen können, nämlich bei der Erziehung der Mittellosen und Bedürftigen. Und hier liegt schließlich das Zentralproblem. * Wie inzwischen aus Jerusalem gemeldet wird, wurde die für den 4. Oktober vorgesehene Eröffnung der Schulen zunächst verschoben, da noch keine Einigung über die Lehrerverträge erzielt wurde. ״Unter liberaler Herrschatt״ Massenkundgebung der Jüdischen Volkspartei Die am 8. d. M. nach der Sfadthalle Klostersfralk einberufene Versammlung gestaltete sich zu einer Massenkundge bung der Juden im Berliner Zentrum gegen das gegenwärtig in der Berliner Gemeinde herrschende liberale System. Der außerordentlich starke Besuch Saal und Galerien waren von ungefähr 1200 Teilnehmern überfüllt - bewies, wie groß die Erregung der jüdischen Massen wegen der Vorgänge in der Jüdischen Gemeinde ist. Die Schilderung des Leidensweges der volksparteilichen Mandatare in den vergangenen Monaten der intoleranten liberalen Willkürherrschaft begann mit einer Hede Moses Wald in a 11 n s. Hierauf schilderte Alfred Berger eindrucksvoll und ausführlich die Methoden der liberalen Politik in Personalfragen. Prof. Heinrich L o e w e charakterisierte den Geist der Liquidierung jüdischer Werte, der sich in der Gemeinde breitinacht und seine Quelle im Reform- Judentum hat. Direktor K a r c s k i gab ein packendes Bild des Abbauprozesses aller auf Aktivierung des Interesses an jüdischen Dingen gerichteten, in der kurzen Aera des volksparteilichen Regimes geschaffenen Institutionen durch die jetzt herrschende liberale Richtung. Unter stärksten Protest- Kundgebungen der Versammelten schilderte er den Verdächtigungsfeldzug der Liberalen, die mit ״Enthüllungen" drohen und den Kredit der Gemeinde schädigen. Schließlich zeigte Dr. Alfred Klee den Weg, wie die liberalen Machthaber zur Besinnung gebracht werden können. Dieser besteht in der M o b 1 1 i s i e r u n g des Teiles der jüdischen Bevölkcrung, für welche Judentum leidenschaftlich gelebter Lebensinhalt ist und in der Stärkung der volksparteilichen Organisation. Der Verlauf der Versammlung legte Zeugnis ab, daß die jüdischen Juden des Berliner Zentrums die Entrüstung der oppositionellen Mandatare gegen die sture, gehässige Wirt- Schaft des liberalen Mehrheitsmedianismus in der Gemeinde vollauf teilen. Die Jüdische Volkspartei konnte in der Ver- Sammlung 300 Anmeldungen von Mitgliedern registrieren. Die Ankündigung, daß nunmehr allwöchentlich in den verschiedensten Stadtteilen Berlins ähnliche Kund• gebungen stattfinden sollen, wurde von den Versammelten mit ן stürmischem Beifall quittiert. Der zionistische Winter Berlin, 8. Oktober. Nachdem die Kette der jüdischen Herbstfeiertagc abgerollt ist und der Werktag sich wieder meldet, beginnt gcwohnhcitsgeinäß auch das zionistische Arbeitsjalir. Wir stehen vor einem Winter, der jedem Einzelnen die größten Opfer zu!״uten wird, und viele sind es, die sich heute fragen müssen, wie sie im rein materiellen Lebenskampf bestehen werden. Nachdem noch vor einigen Jahren eine Zeit des ständigen allmählichen Aufstiegs und des zunehmenden, sich befestigenden Wohlstandes gekommen z.u sein schien, blicken wir heute in eine fast trostlose Wirklichkeit und allenthalben müssen sich Menschen mit dem Gegebenen abfinden und auf eine neue Art Lebensbedingtingeu umstellen. Dies gilt auch für die deutschen Juden. Der materielle Lebenskampf beeinträchtigt immer mehr die Beschäftigung mit geistigen Dingen. Es sind also nicht gerade günstige Begleitumstände, unter denen das zionistische Arbeitsjahr eröffnet wird. Und dennoch wissen wir, daß die Sache, der die zionistische Arbeit gilt, unabhängig ist von den Wechselfällen des Tages, daß es sich hier mm historische und innere Notwendigkeiten handelt und gerade chaotische Zeiten uns um so schärfer erkennen lassen, daß ein anderer Weg aus unseren Nöten nicht gangbar ist. Die neue zionistische; Arbeitsperiode wird in Deutschland durch den Besuch von Dr. Weizmann eingeleitet. Eine Reihe von Veranstaltungen und Tagungen schließen sich an und wir sehen einen! ereignisreichen Wochenende entgegen. Die zionistischen Bemühungen müssen darauf gerichtet ^ein, in der gegenwärtigen verworrenen Weltläge eine Orientierung zu gewinnen und die Position des Zionismus zu klären. Die Zionistische Organisation ist zu Ende des 19. Jahrhunderts unter ganz anderen Bedingungen entstanden als sie der heutigen Weltlage entsprechen. Die Grundwahrheit des Zionismus, die Erkenntnis dös nationalen Charakters der jüdischen Gemeinschaft, der volkhaften Bestimmtheit der jüdischen Seele, der Notwendigkeit einer Belebung und Befreiung des Judentums durch die Bildung eines jüdischen Zentrums, wo ein Voll- Judentum ungehemmt sich entwickeln kann - diese Grundwahrheiten sind frisch und neu wie am ersten Tage, und sie haben gerade in den Stürmen der letzten Jahrzehnte, in wechselnden Schicksalen und in der Erschütterung des stabil Geglaubten, ihre Gültigkeit erwiesen. Zu Anfang des 20. Jahrhunderts hatte der Zionismus noch vor allein gegen die Ansicht zu kämpfen, daß die Ent- Wicklung der Welt sich in ständigem Fortschritt zu immer größerer Humanität und Zivilisation vollziehe und .daß auf diese .Weise auch der Antisemitismus und die Judenfrage verschwinden werden. Man kann wohl ohne Uebertreibung sagen, daß dieses Fortschritts-Dogma heute kaum mehr von ernst zu nehmenden Gegnern bejaht wird. Der Zionismus hat mit seinem realistischen Pessimismus recht behalten. Zugleich aber müssen wir auch zugeben, daß innerhalb der heute ganz veränderten und angewachsenen Weltprobleme die Judenfrage sich in mancher Beziehung anders einordnet als vor 30 Jahren. Hier gilt es, das zionistische Denken nicht erstarren zu lassen, die Auseinandersetzungen mit den neu auftretenden Kräften und Realitäten zu führen und auch die Erfahrungen der letzten 30 Jahre fruchtbar zu machen. Wenn Weizmann heute nach Berlin kommt und hier in der jüdischen Öffentlichkeit spricht, so hat dies vor allem den .Sinn, zu bekunden, daß der Zionismus nicht die Sache einer gelegentlichen politischen Konjunktur ist, sondern eine historische Notwendigkeit, die aus dem jüdischen Volksleben selbst sich zwingend ergibt. Die Botschaft, die Weizmann bringt, ist eine Aufforderung und Anspornung zu zionistischer Arbeit, zur Treue zum zionistischen Gcdanken auch in ungünstigen Zeiten. Die Stärke der zionistischen Sache wird schon allein dadurch bekundet, daß Dr. Wei/rnann als ihr Träger und Verkünder in diesem Moment in Erscheinung tritt. Wir stehen nach schweren inneren Kämpfen in der zionistisehen Bewegung; der Kongreß hat Weizmann nicht mehr zum Präsidenten der jewish Agency gewählt und hat seine politischen Anschauungen durch Mehrheitsbeschluß zurückgewiesen. Nichts läge näher, als daß ein Führer, dem man so mitgespielt hat, sich verärgert in einen Winkel zurückzieht und abwartet, bis wieder seine Zeit gekommen ist. Weizmann hat diesen Weg־ nicht gewählt. Er ist mit ganzer Kraft sofort wieder mitten in die zionistische Arbeit eingetreten. Er weiß, daß kein Zionist sich heute erlauben darf, sich Muße zu gönnen, und daß man auch persönliche Rücksichten zurtickstellcn muß. Man muß leider damit rechnen, daß Weizmanns aktive Betätigung Mißdeutungen bei gewissen zionistischen Gruppen zur Folge haben wird. Um so höher ist es anzuschlagen, daß er auch diese Unbilden mit in Kauf nimmt.