Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XXXVI (1931)
- Issue
- Heft 77 (6.10.1931)
- Date
- 1931-10-06
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 468 JÜDISCHE RUNDSCHAU Nr. 77, 6. X. 1931 Unser größter Feind — erklärt Bialik — ist die geistlose, stumpfe, trage Assimilation. Sie ist nicht schöpferisch, wie so manche frühere Assimilationsbewegungen im Judentum, die wir positiv zu werten haben. Die heutige Assimilation gibt keinen neuen Inhalt, sie entfremdet unsere Jugend dem Judentum, ohne ihrem Leben neue Werte zu geben. Diese ״brutale“ Assimilation, wie sie Bialik nennt, dringt unbarmherzig überall ein, auch in das Haus des Zionisten und des Jicidischisten- Geht es so weiter, dann — prophezeit der Dichter — sind wir als Volk unvermeidlich dem Tode preisgegeben. Auch die ״Agudah“, meint Bialik, hat nicht die Kraft in sich, das Gespenst der Assimilation zu verjagen. Das Unglück sei, daß wir unseren Kulturschatz vernachlässigen, unsere Jugend, auch wenn sie hebräisch spricht, in geistiger ״Am Haarazuth“ aufwächst, daß Thora in weitestem nationalen Sinne des Wortes nicht gepflegt, das jüdische Buch nicht gelesen wird. Das ist das größte Uebel. Wir begnügen uns mit einem Wortschwall, mit Sympathie- und Liebeserklärungen, es fehlt aber die Tat, das Pflichtbewußtsein gegenüber unserem Kulturschaffen (in Hebräisch, aber auch in Jiddisch und sogar in einer anderen Sprache). Nur neue ״Mizwoth“ können uns erlösen. Nur wenn wir unser und unserer Kinder tägliches Leben so einrichten, daß wir Pflichten, Mizwoth, zu erfüllen haben, nur dann bekommt unser Leben einen geistigen Gehalt und nur dann helfen wir mit, das Volksdasein zu erhalten. Bialiks Mahnruf in Polen lautet: Mobilisiert das Volk für das jüdische Buch! Hütet den Geist und hütet dessen Hülle! Im polnischen Judentum, gestand Bialik schon in den ersten Tagen seines Hierseins, sieht er, entgegen allen geäußerten pessimistischen Meinungen, viele lebendige, Schaffensfreudige Kräfte. Die zionistische Jugend, die hebräische Schule erfüllen ihn mit Hoffnung. Wirklich war die Landestagung des Haschomcr H a z a i r in Warschau (26. bis 29. September), an der über 500_ Delegierte aus 250 Städten teilnahmen und der nochmal soviel Jugendliche beiwohnten, eine imponierende Manifestation unbeugsamen zionistischen Willens und Tatbereitschaft. Der ״Hasenom er Hazair״ zählt gegenwärtig in Polen 20 700 Mitglieder an 255 Orten, die Hälfte der Mitgliederzahl des ,Weltverbandes. Die Tagung wickelte sich in hebräischer Sprache, in ungezwungener, aber disziplinvoller Weise ab und zeigte in Diskussion und Vorträgen eine Reife des Urteils und Sicherheit der Argumentation, wie man sie kaum bei Konferenzen der ״Alten“ wahrnimmt. Entgegen allen Verdächtigungen und Besorgnissen offenbarte die Konferenz die tiefste Verbundenheit des ״Haschomer“ mit dem zionistischen Ideal und mit der Aufbauarbeit in Palästina, allerdings in einer eigenartigen Auffassung, wie sie eben diese Jugend vertritt. Es ist kein Zweifel: der Zionismus kann auf diese Jugend bauen! Inmitten dieser tausendköpfigen, jugendfröhlichen und zugleich tiefernsten Schar erschien Bialik, und die Begeisterung, die seine Rede entfachte, ist kaum zu beschreiben. Bialik gab hier gleichsam ein persönliches Confiteor ab und las zuletzt sein Gedicht vor, das er einige Tage vorher niedergeschrieben hatte, voll Schmerz und Qual ob der geistigen Verwüstung und schrecklichen Zersplitterung, die er um sich sieht. Die .Wirkung war niederschmetternd. Auch der Tarbuthkonferenz (28. September bis 1. Oktober) gab die Anwesenheit Bialiks Glanz und Inhalt. 454 Delegierte kamen aus Kongreßpolen. (In Galizien besteht eine gesonderte Organisation.) Nach Parteien und Gruppen war die Einteilung folgende: 146 Haschomer Hazair, 85 Allgemeine Zionisten und deren Jugendorganisation Haschomer Haleurai, 80 Hitachduth und Gardätilah, 62 Lehfergruppe, 60 Revisionisten, 9 Hechaluz, 12 Unparteiische. Während der Konferenz, die sich eingehend mit sämtlichen Problemen des hebräischen Schulwesens und der hebräischen Kulturarbeit beschäftigte, entwickelte sich eine hochinteressante Debatte, eigentlich ein Duell Grünbaum — Bialik, die den Höhepunkt der Konferenz bildete und bei dem Bialik sich zu visionärem prophetischem Schwung emporhob. Grünbaum gab in seinem Referate über das hebräische Erziehungswesen in Polen u. a. der Meinung Ausdruck, daß der hebräische Schriftsteller der Gegenwart mit einer einzigen Ausnahme (Bistritzki) lebensfremd sei, dem Leben nachhinke, statt ihm voranszugehen, den Leser, den jüdischen Menschen von heute nicht befriedige, da er weder seine Probleme kennt noch sie dichterisch gestaltet. Kein Wunder also, daß die Zahl der Hebräischlesenden so gering ist. Die hebräischen Klassiker kann man wohl studieren, nicht aber lesen und auf sich einwirken lassen, so daß man daraus Antrieb und Weisung für den Lebenskampf erhält. Die gegenwärtige hebräische Literatur spiegelt nicht die Ideale und Wünsche, den Kampf und Zweifel der heutigen jungen jüdischen Generation wieder. Bialik, sagte Grünbaum, war der revoiutio* näre Dichter der vergangenen Periode. Unsere Zeit harrt noch auf ihren Dichter. Bialiks Antwort, voll ethischen Pathos und überzeugender Kraft, entwickelte tiefe Gedanken über Dichtung und Leben, Kultur und Politik, Vergängliches und Ewiges im Volksschaffen. Ohne Kenntnis des jüdischen Buches, rief Bialik aus, werde es nach zehn Jahren keinen Keren Kajemeth und keinen Keren Hajessod geben. Auf Antrag Prof. Schorrs wurde per Akklamation beschlossen, diese Rede Bialiks in einer Massenauflage drucken zu lassen und sie den breitesten Volksschichten zugänglich zu machen. Bialik wird in den nächsten Wochen die größten Städte Polens besuchen. Nach dem jubelnden Empfange, der ihm in Warschau und Lodz zuteil wurde und nach der Begeisterung, die sein Auftreten und seine Worte bis nun auslösten, kann man wohl schließen, daß Bialiks Aufenthalt in Polen eine starke Bewegung entfachen wird, die dem Zionismus und der f'" fischen Renaissance gerade in der jetzigen schweren Zeit ertvolles bringen kann. Farbsteins Pläne In einem Gespräch mit dem JTA.־Vertreter erklärte der Misrachi-Führer F a r b s t e i 11, Mitglied der Zionistischen Weltexekutive: Ich werde mich Ende Oktober oder Anfang November nach Palästina begeben. Mein Bestreben wird es sein, erstens alle Vorkehrungen zu treffen, damit die Palästina-Kolonisation nicht durch die ökonomische Weltkrise leidet, und zweitens eine Mittelstands- Kolonisation entwickeln zu helfen, d. b. Ansiedlung von jüdischen Familien in der Nähe von Plantagen, ihre Einwurzelung in Industrie, insbesondere Kleinindustrie, Handwerk und Handel. Dabei werden wir uns die Erfahrungen aus der vierten AUjah, sowie Ziffern und Informationen der besten Kenner der praktischen Kolonisation in Palästina zu* nutze machen. Auch studieren wir die entsprechenden Verhält* nisse in den Nachbarländern Aegypten, Mesopotamien, Syrien und Kleinasien hinsichtlich des Exports und Imports, der Materialpreise und der Arbeitslöhne. Wir werden uns dann entscheiden, in welchen Zweigen wir die neuen Palästina* wanderer beschäftigen werden. Die Lage der Juden jn den Diaspora-Ländern, schloß Farbstein, ist so kritisch, daß diejenigen, die sich zur Einwanderung in Palästina entschließen, m ihren alten Ländern nicht viel mehr zu verlieren haben. Trotzdem heißt es, mit großer Vorsicht zu Werke gehen. Presseschau Ein In Amerika lebender Araber beschwert sich in einer an ״The Near East and India“ gerichteten Zuschrift über den gegen die Politik der Araber in Palästina gerichteten Artikel dieser Zeitschrift vom 27. August, den wir seinerzeit wiedergegeben haben. Der Briefschreiber fordert Verständnis für die Gefühle der Araber, die sich auf seiten der Mandatarmachte einer rücksichtslosen Unterdrückungspolitik in Palästina und Syrien ausgesetzt sehen. Wie könne ״The Near East“ die Einrichtung der versiegelten Waffenlager in den jüdischen Kolonien verteidigen? Dies sei ja das Eingeständnis der Regierung, daß sie nicht selbst für Ordnung sorgen kann. Solange die englische Regierung nicht den Fehler der Balfour- Deklaration gutmacht, wird sie die Mitarbeit der Araber nicht erreichen können. — ln ihren redaktionellen Notizen erklärt die Zeitschrift die Maßregel der Waffenlager in den jüdischen Kolonien für gerechtfertigt. Angesichts der Vorgänge von 1929 sei die Regierung verpflichtet, für den Fall unvorhergesehener Angriffe auf exponierte jüdische Kolonien vorzusorgen. ״Ob nun die Balfour-Deklaration eine kluge Maßnahme war oder nicht, wenn die Mandatarmacht Kolonisten nach Palästina hereingelassen hat, so ist es auch ihre Pflicht, sic zu beschützen,“ Die Zeitschrift wiederholt ihre Meinung, daß die Agitation gegen diese Waffenlager künstlich aufgeblasen worden ist,, * Wir haben schon mehrmals auf den Unfug vonlnterviews hingewiesen, die nur dem Sensationsbedürfnis betriebsanier Journalisten dienen, sonst aber keinen nützlichen Zweck erfüllen, am wenigsten den der Klärung wichtiger Probleme. Ein Beispiel eines Interviews dieser Art liefert diese Woche der ״Jewish Chroniele“, dessen Vertreter sich angelegen sein ließ, Gandhi einige Aeußerungen über die Judenfrage abzujagen. Aus dem Text des Interviews, das die Zeitung veröffentlicht, geht hervor, daß Gandhi die ganze Angelegenheit nie 11t sehr ernst genommen hat. Mit dem ihm eigene!! gutmütigen Lächeln erzählte er dem zudringlichen Journalisten, daß er viele jüdische Freunde hat, sogar eine jüdische Typistin, daß er in Johannesburg öfter die Synagoge besuchte und gern Mazzoth ißt. Weiter führte Gandhi aus, die Juden seien ihm sehr sympathisch wegen ihres starken Zusammengehörigkeitsgefühles. Wenn man ihn frage, ob er die Juden als auserwähltes Volk betrachtet, so sage er ja; aber alle Völker können sich als auserwählte Völker betrachten. In diesem Konversationston wurde dann auch noch über Zionismus gesprochen. Es ist von vornherein klar, daß der gegenwärtige äußere politische Aspekt des Zionismus Gandhi nicht gefallen kann, da er ein Gegner jeder englischen Kolonialherrschaft ist. Demgemäß sagte Gandhi, der Zionismus habe für ihn wenig Anziehendes. Wohl könne er die Sehnsucht eines Juden, nach Palästina zurückzukehren, verstehen, aber dann könnte er es doch ohne Hilfe von Bajonetten tun, seien es nun seine eigenen oder britische, ln diesem Falle würde der Jude friedlich und in völliger Freundschaft mit den Arabern nach Palästina gehen. Um nach dieser maßvollen Ablehnung noch ein freundliches Wort zu sagen, setzte Gandhi hinzu, das wahre Zion liege im eigenen Herzen des Menschen. Es ist die Wohnung Gottes. Das wirkliche Jerusalem ist das geistige Jerusalem. Gandhi sagte noch, er wünsche sehr, auch einmal das Heilige Land besuchen zu können und schloß mit einem Ausdruck des Abscheus vor dem Antisemitismus. Befragt, wie der Antisemitismus zu beseitigen sei, sagte Gandhi: Dafür gibt es zwei Mittel, erstens müssen die, die sich Christen nennen, wirklich Duldung und Liebe lernen, und zweitens müssen die Juden die Ursachen etwa berechtigter gegen sie erhobener Vorwürfe beseitigen. Nicht mit Unrecht bemerkt ״Jewish Chroniele“ in seinem Leitartikel, dieser Rat könne auf alle Völker der Welt ausgedehnt werden. * Die katholische Monatsschrift ״Hochland“ (Josef Köselsche Verlagsbuchhandlung, München) bringt im September-Heft einen Aufsatz ״Krisis des Judentums“ von Franz Mannheimer. Es handelt sich hier jedoch nicht, wie man bei diesem Titel vermuten könnte, um einen Bericht über die geistige und materielle Lage des heutigen Judentums, sondern um eine leidenschaftliche christliche Propaganda. Der Autor, vermutlich ein jüdischer Proselyt, der auch den Antisemitismus als unchristlich verurteilt, sieht im Zionismus das Vorzeichen eines gewaltigen Oeschehens im Judentum, das nicht auf politische und technische Mittel beschränkt bleiben kann, sondern zu einer großen geistigen und religiösen Wandlung führen muß. Man wird als Jude mit den Gedankengangen dieses Aufsatzes und seinem schwärmerischen Ausklang nicht viel anfangen können. — Manchen unserer Leser wird besonders der einleitende Aufsatz des Heftes ״Bolschewismus und Westbürgertum“ von Prof. Friedrich Dessauer interessieren, worin der Verfasser sich u. a. auch gegen die einseifige Beurteilung der Religionsverfolgungen in Rußland wendet. * In der Monatsschrift ״Die Auslese“, Berlin S 14, hat sich im Anschluß an einen Aufsatz von Zielenziger über Lord Melchett eine Diskussion über die Judenfrage entsponnen. Zielenziger hatte z. B. geschrieben, Melchett, ״der in England geboren wird, fühlt sich trotz seiner rein deutschen Abstaminung (H) als Vollengländer; auch während des Weltkrieges empfindet er keine Sympathie für die Heimat seiner Vorfahren“. LJnd zum Schluß wird Melchett nochmals als ״Jude von deutschem Geblüt“ (!!) vorgestcllt, der ״im Industrieland England zum ungekrönten König“ geworden sei. Gegen diesen Aufsatz protestierte im Juliheft der ״,Auslese“ der antisemitische Herr von Falkenhayn aus Bialaehowo in Polen. Ein Jude könne ebenso wenig״ ׳deutscher Abstammung“ sein, wie ״Vollblutengländer“ werden, der Jude sei international, wechsele das Vaterland so schmerzlos wie das Hemd, und arbeite stets für das Land, das ihm Wirtschaftliehen Vorteil brächte. Darauf brachte das Augustheft der ״Auslese“ eine Zuschrift von Sigmund U r a b i n , einem Juden aus Gablonz (Tschechoslowakei), in der Herrn von Falkenhayn vorgehalten wird, daß eine große Anzahl hervorragender Deutschenfeinde arisch-deutscher Abstammung wären, und man doch wohl nicht daraus folgern könne, ״der“ Deutsche sei International und wechsele das Vaterland wie das Hemd. F. habe offenbar noch nie etwas von Nationaljudentum oder Zionismus gehört; Urabin verweist ihn darum auf die ״Jüdlsch« Rundschau". Das Septemberheft der ״Auslese“ bringt gleich drei Weitere Zuschriften. Ein jetzt in Ha* Men!ebender Nationaljude deutscher Herkunft, Herbert L an * da u erklärt u, a., ihn habe Zielenzigers falsche Formulierung über den ״Deutschen“ A. Mond genau $0 gestört wie v. Falkenhayn, und es sei zu wünschen, daß die Redaktion der ״Auslese“, wenn sie über Judentum und Zionismus berichte (die ״Auslese“ hatte vorher auch einen Aufsatz über den Ziojilsmus aus dem ״Hochland“, einer katholischen Zeitschrift, abgedruckt) aus bewußt jüdischen Quellen schöpfe. Der Schreiber protestiert dann aber gegen Falkenhayns Unter* Stellungen; ebenso wenden sich die anderen beiden Brief- Schreiber, ein Wiener Rechtsanwalt Dr. Siegel und ein leider etwas unklarer Dr.-lng. Bertold B u x b 8 u m in Charlottenburg, dagegen. Palästina-Monographien In der vorzüglichen Jugendbibliothek des Jüdischen Natio* nalfonds ״Lanoar“ (Verlag Omanuth, Tel-Awiw) sind soeben zwei neue Bändchen erschienen. In Nr. 32/33 gibt Dr. N. M. Gelber Geschichtsepisoden über christliche Freunde des Zionisrnus in vorherzlscher Zeit, über die der Verfasser auch bereits in deutscher Sprache geschrieben hat. — Nr. 34, ״Ejn C h a r o d“ von N. Benari, kommt gerade recht zum zehnjährigen Jubiläum der Siedlung. Es gibt eine genaue Dar- Stellung der Entstehung und Entfaltung dieser großen Kwuzah, mit der die jüngste Siedlungsgeschichte Palästinas so eng verwoben ist. Das Eltiek ist ja der interessanteste Teil des zionistischen Siedlungswerkes nach dem Kriege, und so wird die Geschichte von Ejn Charod stets auch für den Geist der Chaiuz-Pcriode charakteristisch bleiben. Es war eine glückliche Idee, die Bände der ״Lanoar“-Bücherei auch i n deutscher Sprache herauszugeben. 111 deutscher Sprache besitzen wir leider sehr wenig lebendige und anschauliche Schilderungen vom Werden der palästinensischen Siedlungen. Durch solche schlichte und wahrheitsgemäße Erzählung eröffnet sich aber der jüdischen Jugend ein ganz neuer Gesichtskreis. Diese Bändchen sind Heidengeschichten. Es ist eine besondere Art des Heroismus, der mit dem Boden ringt, die Sehnsucht eines ganzen Volkes, zu Natur und Erde zurückzukehren und sich allen Schwierigkeiten gegenüber zu behaupten. In entflohenen Menschen des Ghetto, die aus dumpfen Stuben kommen, wachsen neue Kräfte, die man nie in ihnen vermutet hätte. Etwas von dem Geiste dieses neuen Geschlechtes kann man aus den Schriften A. D. Gordons, von denen eine sehr gute Auswahl in deutscher Sprache (״Erlösung durch Arbeit“, im Jüdischen Verlag Berlin) erschienen ist, kennen lernen. Die Bändchen der ״Lanoar“־ Bücherei bringen durch ihre gegenständliche, historische Dar- Stellung diese Epoche noch näher. Als erster Band ist die Monographie über Ness-Ziona von S. Ben-Zion, übersetzt von Dr. Max Mayer, in deutscher Sprache erschienen. Niemand wird dieses Buch ohne innere Anteilnahme und Erschütterung lesen können. Und möge der Optimismus, der die ersten Pioniere von Ness-Ziona gegen alle Regeln der Vernunft nicht verlassen und schließlich zum Siege geführt hat, sich auch auf die Leser dieses Büchleins ergießen. Politische Literatur. Wer in der gegenwärtigen bewegten Zeit sich ein richtiges Bild von den politischen Ent- Wicklungen machen will, muß zunächst die Elemente dieser Politik, die innere Struktur der einzelnen Staaten, zu verstehen suchen. Dies ist heute nicht mehr so leicht wie früher, da wir uns in einer Zeit des ständigen Wandels befinden, Staatsformen •wechseln vor unseren Augen, der Staat der Nachkriegszeit ist nicht mehr ein eindeutiges Gebilde, wir haben verschiedene Typen, die in ihrem Geist und ihren Formen die tiefsten Unterschiede voneinander zeigen, ja, ein oft völlig divergierendes Weltgefühl verkörpern, und dennoch innerhalb der Völkergemeinschaft miteinander in Beziehungen aller Art stehen und die sich daraus ergebenden Probleme lösen müssen. Wer sich hier sachlich orientieren will, dem bietet die an dieser Stelle bereits mehrmals gerühmte ״Jedermanns Bücherei“ des Verlags Ferdinand Hirt in Breslau eine willkommene leicht zugängliche Möglichkeit. In ihrer Abteilung ״Rechts- und Staatswissenscnaft“, herausgegeben von Friedrich Glum, sind Monographien über die wichtigsten Staaten der Gegenwart erschienen, die in guten allgemein-verständlichen, von berufenen Fachmännern gegebenen Zusammenfassungen alles Wichtige über die;Oft ten Bildtafeln.) So schreibt Ernst von Hippel' üläer den französischen Staat der Gegenwart, Ernst Wilhelm Eschmann über den faschistischen Staat in Italien, M. L. Schlesinger über das bolschewistische Rußland und Koellreutt er über den englischen Staat der Gegenwart und das britische Weltreich. Jn diesen vier Bänden bieten sich also die wichtigsten Typen der europäischen Gegenwart dar. Aus ihren konkreten Ausprägungen lassen sich die politischen Gedanken, die in der heutigen Welt miteinander ringen, deutlich erkennen, und in einer Uebergangszeit wie der unseren ist eine möglichst genaue Orientierung über diese Gedanken für. jede Art politischer Tätigkeit unerläßlich, auch wenn diese Politik sich, wie es im Zionismus der Fall ist, nicht auf ein fertiges Staatsgebilde bezieht. Unmittelbarer berührt den zionistischen Interessenkreis naturgemäß das Bändchen von K o e 11 - reutter, weil hier ein Bild der Einrichtungen und Traditionen desjenigen Volkes gegeben wird, mit dem wir in Palästina als Mandatarmacht zu tun haben. Der Verfasser gibt auch eine Uebersicht über die verschiedenen Arten und Herrschaftsformen der Gliedstaaten des britischen Weltreiches. Diese weisen bekanntlich eine ziemliche Vielfalt auf, Insbesondere was den Grad der Selbstverwaltung der einzelnen Staaten betrifft. Als ״Ueberganggformen“ zwischen den selbstverwaltenden Domlnlons und den eigentlichen Kolonien werden Aegypten und Indien behandelt, Ländergebiete, deren Schicksalszusam* menhang mit Palästina in den letzten Jahren immer offenkundiger geworden ist. Ueber das Mandatssystem enthält das Buch nur kurze Andeutungen. Ueber Palästina wird gesagt, daß ״ein Ausgleich gefunden werden mußte zwischen den Zusicherungen, durch die die britische Regierung sich zur Errichtung einer Nationalen Heimstätte für das jüdische Volk verpflichtet hatte und dem Unabhängigkeitsstreben der eingeborenen arabischen Bevölkerung. Eine befriedigende Regelung ist aber bisher nicht erreicht worden.“ — Ueber die Umwälzungen in der vorder-orientalischen Welt und die sich insbesondere aus der Stellung Englands und den englischen verkehrspolitischen Interessen ergebenden Probleme orientiert sehr gut ein soeben ersebienenes Bändchen der von Dr. Adolf Grabowsky herausgegebenen ״Weltpolitischen Bücherei“ (Zentral- Verlag, Berlin W 35), ״Orient und Okzident“ von Dr, Hans Kohn (Preis 3 M). Der Verfasser, dessen große Werke über den orientalischen Nationalismus und seinen Zusammenstoß mit dem europäischen Imperialismus hier bereits an gezeigt wurden, gibt in dem vorliegenden Büchlein eine kurz gefaßte eindringliche Darstellung der wichtigsten Probleme der Auseinandersetzung zwischen Orient und Okzident. Dabei wird die politische, die kulturelle, die soziale und die Wirtschaftliehe Problematik behandelt. Der Autor beleuchtet von allen Seiten seine These, daß der Orient in einem gewaltigen Oestaltwandel, dem Üebergang von seinem Mittelalter in seine Neuzeit sich befindet und in jenes Stadium des von der Religion losgelösten Nationalbewußtseins eintritt, das Europa seit der Reformation und über die verschiedenen Revolutionen bis ins 19• Jahrhundert durchgemaeht hat, nur daß entsprechend der veränderten Zelt mit ihren großen technischen Hilfsmitteln diese Entwicklung in unvergleichlich schnellerem Tempo vor sich geht. So ist unsere Epoche charakterisiert durch den Eintritt Asiens in die Geschichte, und in der Auseinandersetzung zwischen Okzident und Orient (unter diese Problematik fällt nach Ansicht des Autors auch die innere Entwicklung Sowjet- Rußlands) vollzieht sich die Veränderung des geschichtlichen Erdbildes unserer Tage. Auch wer nicht in allen Einzelheiten mit dem Autor gehen will, wird aus der Lektüre dieses an Aspekten und Tatsachen überaus reichen Büchleins großen Oewinn und wichtige Belehrungen über den geopolitiiehen Raum, innerhalb dessen Palästina Hegt, schöpfen. sc£