Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XXXVI (1931)
- Issue
- Heft 76 (2.10.1931)
- Date
- 1931-10-02
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Sftile 462 nicht zugrunde gehen. Sie haben die Jugend und damit die Zukunft für sich. Trotz ihrer bedrängten finanziellen Lage hält die Leitung der Hebräischen Universität an dem schönen, seit Jahren zäh« verfolgter! Plane fest, den biologischen Unterricht in Bälde zu eröffnen. Sie besah seit einigen Jahren bereits Abteilungen für allgemeine und systematische Zoologie, für Mikrobiologie, für Geologie. Auch für systematisch« Botanik und Pflanzengeographie bestand eine Forschungsabteilung, als Professor Warh u r g der Berliner Gemeinde den Vorschlag macht«, diesen Bestand von Instituten durch die Schaffung des einzigen noch fehlenden und unentbehrlichen Gliedes zu vervollständigen, ohne das die Eröffnung von Lehrgängen undenkbar erschien: einer Abteilung für physiologische und anatomische Botanik. Seit etwa anderthalb Jahren hat der Schreibet dieser Zeilen am Aufbau dieser neuen Abteilung gewirkt. Mit den nur geringen Mitteln ist immerhin der Grundstock einer Handbibfiothek gelegt worden. Die ״Zeitschrift für Botanik“ wurde vollständig erworben, ebenso aus dem Nachlaß von Professor K n i ep, Direktor des Pflanzen physiologischen Institut« der Berliner Universität, das ״Botanische Zentralblatt“. Da die Abteilung zunächst auf die Erforschung von Wasserstoff- Wechsel und Wurzelentwicklung der Pflanzen eingestellt worden ist, haben wir neben einem guten modernen Mikroskop eine ganz moderne Balkentarierwaage für Transpiratiorasmessungen erworben, wie sie auch in Deutschland nur ganz wenige Institute ihr eigen nennen, ferner eine kryoskopjsche Apparatur zur Messung der Konzentration pflanzlicher Gewebesärte. Fehlende Instrumente, Bücher und Möbel hat Schreiber dieser Zeilen hergeliehen, ein kleines Forstversuchsgärtchen, in ,dem zunächst die Beziehungen der wichtigster! Waldbäume, Aleppokiefer und Pinie, zu Wasser und Boden unter besonderer Berücksichtigung des Kalkgehaltes studiert werden, hat er mit eigener Hand angelegt, da Mittel für Gärten und Assistenten fehlen. Eine hochherzige Spende von Herrn Leo Sitpon in Berlin-Grunewakl ermöglichte die Anlage eines sogenannten Wurzeltunnels, in den! die unterirdische Entwicklang van Zypressen, immergrünen Eiben, Weinreben usw. verfolgt werden kann. Verfasser hat durch zwei in den ״Berichten der Deutschen Botanischen Gesellschaft“ veröffentlichte Arbeiten Beiträge zur Kenntnis der für das Pflanzenkben grundlegenden osmotischen Erscheinungen geliefert und eine dritte Arbeit aus diesem Arbeitsgebiet soeben in Deutschland In Druck gegeben. Die Frage der Intensität des Stoffwechsels der Pflanzen unter den Bedingungen der Sommerdürre, die noch unenügend geklärt erscheint und größtes praktisches Interesse eansprucht (im Hinblick auf Düngung, Bewässerung, Bodenbearbeitung), soll bald in Angriff genommen werden; die Keimungsbedingungen der Waldbäume (Aleppokiefer) sind studiert worden. Die landwirtschaftliche Versuchsstation zeigt lebhaftes Interesse am Fortgang dieser Arbeiten und rechnet unbedingt auf Fortbestand der Abteilung, um ihre ähnlichen Untersuchungen mit den modernsten, an der Universität kritisch gerüften Methoden der Pflanzenphysiologie durchführen zu önnen. Wir stehen in wissenschaftlicher Korrespondenz mit einer •wachsenden Zahl ausländischer Institute, und der höchst aktuelle Charakter unserer Arbeiten ermöglicht es, durch Schriftenaustausch allmählich eine ansehnliche Bibliothek von Sonderabdrücken aufzubauen. Es sei hier bemerkt, daß die Erforschung von Dürreresistenz und Wasserversorgung der Kulturpflanze, an der wir mitzuarbeiten begonnen haben, in den Vereinigten Staaten (pazifisches Nordamerika) ebenso wie im nördlichen Rußland im Vordergrund des Interesses der Biologen steht und daß man in der Fachwelt die Errichtung eines solchen Institutes in jerusalem, an der Grenze der Judäischen Wiiste, freudig' begrüßt hat. Es gibt nichts. Äähnliches i!» ganzen östliehen Mittelmeerbecken und Vorderen Or i e n t. Der Beschluß der Jüdischen Gemeinde oder vielmehr der liberalen Mehrheit, die Mittel für den Lehrstuhl der Botanik, dessen Hälfte den Etat der neuen Abteilung decken sollte, zu streichen, fallt auf die freudig keimende Saat wie der Reif in der Frühlingsnacht Es ist wohl denkbar, daß die Leitung der Universität sich genötigt sehen könnte, die eben eröffnete Abteilung wieder zu schließen. Diese Frage erscheint im Augenblick, wo wir dies schreiben, noch nicht geklärt. Während der Beschluß der Eröffnung der biologischen Kurse bereits in der Presse erschienen ist, steht die Leitung der Universität noch vor der bedeutenden Schwierigkeit, wie sie das durch den Berliner Beschluß ver* lorenc Geld für die neue Abteilung aufbringen soll. Man hätte hier verstanden, wenn die Jüdische Gemeinde Berlin angesichts ihrer finanziellen Notlage ihre Zahlung für den Lehrstuhl herabgesetzt hätte. Für den Beschluß der Streichung des Etats findet man dage* gen kein Verständnis. Nachdem Professor Warburg und der Schreiber dieser Zeilen vor etwa Jahresfrist in feier¬ JÜDISCHE RUNDSCHAU lieber Form mit der Stiftung belehnt worden sind, nachdem Rechtsanwalt Heinrich Stern uns auch persötilieh versichert hat, daß es sich um ein ״gentlemen’s agreement“ zwischen den Liberalen und der Volkspartei handle, das auch seine Partei respektieren werde, wenn die Wahlen zu ihren Gunsten entscheiden sollten, ist der Beschluß der liberalen Mehrheit sicher ein bedauerlicher Mißgriff. Die Begründung mit dem Beschlüsse des Zio* nistenkongresses, der einen nationalen Charakter für die Hebräische Universität wohl fordern, aber schließlich (mangels genügender Kompetenz) nicht erzwingen kann, erscheint an den Haaren herbeigezogen. Weder Herr Professor Warburg noch sein Assistent, der Enkel des überaus liberalen Predigers der Berliner Refornigemeinde, Dr. Julius Oppenheimer, des Mitkämpfers der 48er Revo- Iution für die liberalen Ideale des deutschen Bürgertunis und Sohn des liberalen Sozialisten Professor Franz Oppenheimer, können ernsthaft verdächtigt werden, JÜDISCHE VOLKSPARTEI Öffentliche Kundgebung Donnerstag, den 8. Oktober, abends 8 Uhr Stadthalle Klosterstraße unter liberaler Herrschatt Redner: Dr. Alfred Klee / Direktor Georg Kareski / Alfred Berger Dr. Hermann Leiewer / Professor Dr. Hermann Pick unsere Arbeit an der Scientia amabilis im Sinne eines jüdischen Chauvinismus vollziehen zu wollen. Vielleicht sind wir beide liberaler als jene liberale Partei, die entgegen ihren eigenen Traditionen den Mitgliedern die Ent- Scheidung nach der Stimme der eigenen Ueberzeugung verwehrte und ihnen eine radikal wirkende Parteidisziplin aufzwang! Der wahre Grund für den ablehnenden Beschluß liegt wohl tiefer. Es gibt leider nur allzu viele liberale Juden, die sich des Zusammenhanges mit dem Gesamtjudentum ungern erinnern, und diesen mag ein laufender Posten im Etat, der sie an ihre hebräische Abstammung und ein für sie selbst, wenn auch nur materiell, verbindliches geistiges Zentrum in einem fernen Orte Asiens erinnert, ein Dorn im Auge gewesen sein. Und 60 haben jje■ »in- Geiste׳ C u; v ie r s diesen ׳Streit;;en4schi«den? der im Grunde, ein ׳ K a 01 p f d er W ei tan sc ha «uhgen ist: vom Standpunkt des vereinzelten, getrennt betrachteten, Gliedes ge ge n die Idee der lebendigen, organischen Einheit des durch seine Zerstreuung zwar schwachen, aber durch seinen weltumspannenden Charakter und durch seine geistig befruchtende Existenz doch gewaltigen Gesamtjudentums, dessen Entwicklang wir hier betreiben. Gegenüber dem ״Hie Cu vier“! rufen wir begeistert: Hie Geoffroy-St. Hi 1 a ir e , hie allumfassende Einheit und Lebendigkeit! Ais Großvater sich vor 80 Jahren aus innerste» Ueberzeugung von der talmudischen Orthodoxie lossagte und sich dem Rießerschen Liberalismus anschloß, gehörte noch viel Mut dazu, liberal zu sein. Heute liegen die Dinge anders, d. h. der Mut zu einer Secessio in montem sacrum findet sich vorwiegend bei der zionistischen Jugend, während der Kampf der jüdischen Liberalen zu einem guten Teile um die Erhaltung einer sozialen Macht- Stellung geführt wird, die vielleicht trotz aller Selbst- Nr. itkt-X. 163! Verleugnung und aller Betonung der Verschiedenheit von dem Ostjudentum doch nicht zu halten ist. Inzwischen haben wir hier die Hoffnung noch nicht aufgegeben,daß Berlin trotz eigener Bedrängnis uns nicht im Stiche lassen wird und in Form des Gemeindebeitrags oder durch private Hilfe sich sein ehrenvolles Patronat über die pflanzenphysiologische Abteilung unserer Universität auch für die Zukunft sichern wird. Die zweite Konferenz in Nablus Von unserem palästinensischen Korrespondenten. A. G., Tel-Awiw, den 22. September 1931. Zur selben Zeit, wo der englische Richter in Jerusalem seinen Urteilsspruch über die drei Redner der arabischen Konferenz in Nablus abgab, trat ebenfalls in Nablus eine zweite arabische Konferenz zusammen. So wie sich die Dinge in den letzten Monaten gestaltet hatten, kam die erste ״Nabluser Konferenz“, also die vom August, der Mehrheit der Arabischen Exekutive nicht gelegen. Die Zusammenkunft, vorbereitet und getragen von jugendlichen, in weiteren Kreisen noch unbekannten, extremistischen Eiementen, war von Anbeginn an den Händen der alten Leiter der Bewegung entglitten. Die Einberufung einer zweiten Konferenz in Nablus für Mitte September durch die arabische Exekutive selbst erschien daher wie ein Versuch, der extremistischen Richtung den Wind aus den Segeln zu nehmen. Soweit man aber aus den sich zum Teil widersprechenden Berichten urteilen kann, hat die Partei der Extremisten, vor allem die Fraktion des Mufti alles getan, um sich von vornherein die Initiative auch diesmal zu sichern und damit die Absichten der gemäßigten Elemente zu vereiteln. Schon vorher scheint sich ein heftiger Kampf um die Beschickung der Konferenz abgespielt zu haben, da über verschiedene Streitereien und Verhandlungen wegen der einzuladenden Personen berichtet wird. In der Tat scheinen sich eine ganze Anzahl gut bekannter Persönlichkeiten von Nablus ferngehalten zu haben, während eine starke Beschickung durch radikale Elemente garantiert wurde. Es ist auffallend, daß die extremistische Presse, mit dem ״El Djammia e! Arabije“ an der Spitze, sehr ausführlich über die Konferenz berichtet, ihre Resultate auch hoch bewertet, während die gemäßigten Blätter, vor allem diejenigen, welche in Opposition zum Mufti stehen, sie als einen Fehlschlag bezeichnen und dementsprechend verkleinern. Das weist mehr als alles andere auf einen Sieg der Radikalen hin. Wichtiger jedoch als diese inneren Kampfe und Spaltungen ist der neue Kurs, der sich in den Beschlüssen ankündigt. Wir haben in den letzten Wochen bereits über die neue Wendüng der arabischen Politik berichtet, die eine ausgesprochen antienglische Färbung annimmt. Die Beschlüsse von Nablus sind eine neue Bestätigung dieser Tendenz. Sie beschäftigen sieh fast ausschließlich mit dem Kampf der arabischen Nationalbewegung gegen den englischen ״Imperialismus“ — ein Wort das häufiger und häufiger in Wort und Schrift gebraucht wird — und versuchen die neuen Methoden dieses Kampfes zu formulieren. Dabei wendet ein Teil den arabischen Politiker seine Blicke nach Indien und träumt von einer Nachahmung der non-cooperation-Bewegung, ein anderer wieder nimmt sich Aegvpten zum Vorbüd und hofft, die Erfahrungen dieses Landes für Palästina nutzbar machen zu können• Die praktischen Vorschläge der Konferenz zeigen freilich keines de»׳.genannten Systeme in KlarhfciL sondern •bringen ab einzigen "Verbindenden Gedanken darWhtreben, ■<f«r'Regi«imng Schwferygkeiten zu bereiten. Daher die Forderung, keine Waren zu benutzen, die der Regierung Zoll einbringen — um die Einnahmen der Regierung herabzusetzen -., den Post- und Telegraphendienst so weit als möglich zu boykottieren usw. Zugleich wird aus prinzipiellen Gründen — solange ein absolutes Regime im Lande he/rscht — jede gemeinsame Aktion mit der Regierung abgelehnt und als Voraussetzung einer Zusammenarbeit die Semständigkeit des Landes innerhalb einer arabischen Faderation festgelegt. Neben diesen mannigfachen Resolutionen, die sich sämtlich mit dem Verhältnis der Araber und Engländer beschattigen, verschwinden die Aspekte der zionistischen Politik fast völlig. Es wird nur von neuem erwähnt, daß eine Kooperation mitden Judenerstdann mög•- lieh sei, wenn die ״Prinzipien ihrer Politik nicht mehr den nationalen und politischen Prinzipien der Araber widersprechen“. Das ist eine neue und recht elastische Formulierung. Sie nimmt überdies gegenüber den auf die Engländer bezüglichen Beschlüsse nur einen ganz geringen Raum ein. Hochbetagt starb in Rechobotb der Palästina-Pionier Aaron Eisenberg, einer der ältesten Chowewe Zion und einer der Begründer der Kolonien Rechoboth und Chedera. Simchat-Thora in Kfar Gileadi Von Jakob Singer. Ganz im Norden Palästinas liegt die Arbeitersiedlung ״Kfar Gileadi“, auf einer von Winden umbrausten Anhöhe, gegenüber dem hohen, von ewigem Eis bedeckten Hermongebirge; im Sommer allerdings ist es bloß ein schwarzer Schimmer, den der Eisgipfel trägt, ähnlich dem, wie er über den Alpengletschern liegt. Rauhe Winde und ein mattes Leuchten am Abend, das ist der Norden Palästinas, des Landes der ungeheuren Gegensätze i!1 Seiner Landschaft und seinen Menschen. ״Klar Gileadi“ ist eine der zahlreichen Arbeiterkommunen und dem größten ,.Komrnunenkollektiv“ des Landes, dem ״Kibbuz Hameuchad“, der mehr als 2000 Mitglieder zählt, angesehlossen. Schön und gerade stehen die zwei Reihen der Steinhäuser einander gegenüber, dazwischen sind schmale Wege und grüner Rasen. Weiter oben sind die Wirtschaftsgebäude, der große Hof, der gemeinsame Speiseraum, in dem sich in der kurzen Rast des Mittags und in den langen Abenden des Winters das gesellschaftliche Leben der Gemeinschaft konzentriert. Der Tag, an dem ich diesen nördlichsten Fleck palästinen* sischer Gemeinschaftssiedlung besuchte, war der Vortag des ״Simehat-Thora“-Festes im vorigen Jahr. Nur wenige Genossen waren im Speiseraum, alle waren sie mit den Vorbereitungen zum großen Feste beschäftigt. Tische und Bänke werden in den Hof getragen, an die Wände sind grüne Zweige geheftet, und die Bilder Trumpf Idors und der anderen Heklen dieses dem neuen Palästina heiligen W'inkels sind mit hell glänzenden Seidmfesndern umgeben. Die Aufmerksamkeit aller ist aber auf den Hof gerichtet, wo emsige Hände eine große mächtige ״Laubhütte“ errichten, ein großes hohes Rondeau mit Wänden aus Fictitenzweigen, die kuppelartig zu einem Dache aufragen. Simchat-Thora in Kfar Gileadi — eine sehr sonderbare Wort- Verbindung! Haben nicht die alten Feste der Juden für die junge jüdische Arbeiterschaft Palästinas ihren Sinn verloren? Ja, doch. Aber sie feiern sie, die Arbeiter Palästinas, und geben ihnen «inen neuen Inhalt und einen neuen Sinn. Und so war Simchat-Thora in Kfar Gileadi in diesem Jahre das ״Fe st d c r Achtzehnjährigen", ein neues Fest der Arbeit und des Schaffens: die ersten Drei, die hier achtzehn Jahre alt geworden sind, feiern den Tag ihres Eintrittes in die ״Histaoruth“, an dem sie als Erwachsene in die Reihen der Kämpfer um die gemeinsame Sache treten und an dem sie zu vollwertigen Mitgliedern dieses nördlichsten Siedlungspunktes zionistischer Verwirklichung werden. Von ״Ajelet-Haschachar“, der nächsten Kommune im Galil, jenseits des großen Hulesumpfes im Süden, kamen drei Pferdewagen, vollbesetzt mit jungen Bauern, und einzelne Genossen kamen vom ganzen Lande, um dieses Fest mitzufeiern, das ein Fest des ganzen kibbuzistlschen Jischuws war. Das Fest begann, als es Abend wurde und die Schafherde vom Felde heimkehrte und sich unter lautem Schnalzen und Pfeifen der Hirten im ״Dir“ (den Stallungen für die Schafe) sammelte. Da sammelten sich alle Genossen, die Jungen und die Alten, in der hohen Hütte mitten im Hof. Lange, weißgedeckte Tische standen da und zwei helle Lampen brannten vom grünen Qezweige herunter. An der östlichen Schmalseite lehnt eine Fahne, — es ist die alte Fahne des historischen ״Haschomer“, jener ersten Gruppe von Pionieren, die die Wache in den jüdischen Weingärten und Plantagen eroberten, und daneben hängt ein großes Bild von Borochow, dem theoretischen Begründer des proletarischen Zionismus. Die Kinder ziehen ein. Von der kleinen Laubhütte, die vor dem Eingang ins Kinderhaus errichtet (natürlich haben die Kleinen ihre eigene ״Sukkali“!) nimmt dieser Kinderaufzug seinen Anfang: die Kinder tragen Kerzen und glänzende Fähneben in ihren Händen und mit leisem Gesang kommen sie in die hohe Hütte mitten im Hof und bilden um die Fahne einen Halbkreis, ln die Mitte dieses Halbkreises treten nun die Drei, denen dieser Tag gewidmet ist, zwei prächtige stämmige Jungen und ein etwas schwächliches Mädchen- Das Fest hat begönnen. Ein Arbeiter tritt vor (es ist der Vater eines der beiden Jungen), eine hohe, aufrechte Gestalt mit einem schönen schwarzen Herz!- bart, der sich malerisch abhebt auf seiner ■weißen geschlossenen Bluse, der ״Robaschkah“. Er spricht zu den Dreien von der Fahne, dem Bilde und den Kämpfen, die eine kleine Schar von mutigen Männern und Frauen hier führen mußten, um den Ort vor Räubern zu schützen. Es sind einfache, schlichte Worte, die er spricht, frei von jedem Pathos. Hier ist das Wort von aller künstlichen Schwere befreit, hier wird es zum natürlichen Ausdruck, zur Brücke zwischen den Generationen. Die Drei werden nun bei ihrem Namen gerufen und «5 werden ihnen die Mitgliedsbücher der ״Histadruth“ überreicht. Eine deutliche Bewegung geht durch die Anwesenden. Ein stiller, einfacher, großer Augenblick. Dann tritt ein anderer Genosse vor, ein grauer Mann mit breiten Schultern und grüßt die Drei, ״im Namen der Felder, im Namen der Anhöhe, auf der das ,Dorf Gileadi‘ errichtet wurde“. Gileadi ist einer der gefallenen Helden, das junge Mädchen seine Tochter. Und daun spricht M a n j a*), die Mutter, die Führerin, die harte Kämpferin und leidenschaftliche Revolutionärin, — ja, das alles ist diese hohe Frau mit dem seidenen Silberglanz im Haar. Sie spielte in den Jahren 1903—1905 eine bedeutende Rolle in der russischen Verschwörerbewegung, sammelte Gelder in Paris und brachte Waffen nach Rußland, lebte dann mit den anderen Genossen illegal und von den Behörden des Zaren verfolgt, kam nach Palästina (nachdem sie schon früher einmal dort gewesen war), lernte das Land lieben, fuhr dann nach Amerika, um Gelder für eine kollektivistische Ansiedlung zu bekommen.... Metallisch-hart klingt ihre .Stimme, sie sagt: ״Ihr müßt es lernen, hart zu sein, so wie wir Ersten es waren, hart wie ein Felsen. Jeder Einzelne.... Ihr dürft nicht glauben, daß das Kollektiv die eigene, innere Anspannung aller Kräfte ersetzt. Ihr müßt selbst, jeder Einzelne, die unbeugsame, felsenharte Kraft sein!“ Ihre Worte durchdringen wie ein scharfes Messer die lauschende Stille, in den Augen der Männer und Frauen leuchten heile, heiße Tranen. Doch die Spannung löst sich allmählich und aus dem Gesänge, der nun eingesetzt hat, formt sich unmerklich eine Tanzmelodie, die Füße schlagen den Takt und im Nu schnellt alles empor, Arme greifen nach der Schulter des Nächsten, es wird ein Kreis, es beginnt der Tanz, der w׳ilde, palästinensische Tanz der jungem Pioniere. Dieser Tanz — die ״Honah“ — ist nur zu vergleichen einem Taumel, einem wilden Rausch von Bewegungen, Worten, Melodien und verzweifelnden und doch immer wieder auf jauchzenden Schreien.... Aus dem einen Kreis löst sich ein zweiter, nach innen hin, und ein anderer schließt sich ihm an, von außen her, Kreise, die sich öffnen und immer wieder schließen und ineinander verschwimmen. In der Mitte tanzen die ganz Kleinen, die von dem Manne mit dem schwarzen Bart und der weißen Bluse geführt werden, im anderen Kreise die Jünglinge, die Achtzehnjährigen und die Erwachsenen, die reifen Männer und Frauen. Unaufhörlich schlägt eine Melodie in die andere über, unermüdlich *) Man ja Schochat, eine d«r bedeutendsten Frauen des neuen arbeitenden Palästinas.