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Jüdische Rundschau · 1931-09-11 · Heft 71 (11.9.1931) · page 6

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
XXXVI (1931)
Issue
Heft 71 (11.9.1931)
Date
1931-09-11
Page
– (sequence 6)
Language
German
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Seite 436 JÜDISCHE RUNDSCHAU Nr. 7U tU ÖL 1031 und das Bekenntnis zu ihnen haben Immer etwas Rührendes. Natürlich, solange sie nicht zu einem System ausarten . . . Diese Einstellung Hameiris zur Revolution hält er im ganzen Buche aufrecht. Keinen Sinn, keinen Blick hat er für die tieferen Gründe, für die Tatsache, daß sehr oft Er* eignisse, die sinnlos oder willkürlich erscheinen, doch einen tieferen Sinn haben. Sic verstehen, heißt — weiß Gott! — nicht sie gutheißen. Heißt nicht, Mord und Schande über sich ergehen lassen. Aber sie verstehen, heißt den Bück erweitern, heißt Einblick bekommen, heißt dem Gesehenen wirklichen, geschichtlichen (und nicht nur rein impressionischen) doku* mentarischen Wert verleihen. Und gerade hierin hat Hameiri versagt. Denn er hat das Auge, er hat auch das Wort und die Gestaltungskraft. Er hat auch das flammende Temperament eines Barbusse. Und er hätte uns wirklich das jüdische ״Le Feu“ geben können. Aber er war geblendet. Geblendet durch Schmerz, der?11 Haß, zu wütendem, einsichtslosem Haß führte. Daher verlieren seine Blätter ihren dokumen• tarischen Wert, und sind schöne, packende Dichtungen, Momentbilder von 11011cm Reiz, aber nur von Augenblickswert, weil von beispiellosem Egozentrismus. Ob roter, ob schwarzer, ob weißer Terror - .־!lies ist ihm gleich, allem begegnet er mit Haß und Empörung. Und (unglaublich fast!) alles glaubt er auf eine gleiche, gemeinsame Quelle zurückführen zu müssen. Groß jedoch ist seine bildnerische Kraft, wenn es sich um das ausgesprochen Jüdische handelt. Da ist ein Bild. Der ״Ortsmeschugga". Mitten auf dem Markte in Odessa werden Juden niedergemetzelt. Ein Tohuwabohu herrscht überall, alle spüren stündlich, sekundlich den Tod. Da steht mitten in diesem Toben der Ortsverrückte. Worin besteht sein Wahnsinn? Oder vielleicht herrscht doch irgend* ein System in diesem Irrsinn? Wir wollen uns ihm nähern. Da steht der Meschugga ganz traurig und singt ein kantorales Lied. Hebräisch singt er es und mit der ganzen Skala der chromatischen Töne. Wie in der Synagoge. ״Knechte herrschen über uns . . . Oj, Väterchen . . Knechte herrschen über uns . . Und wenn einer der Mörder vorbeizieht, schwingt das schwache Stimmchen stärker auf und sein Lied wird zur Anklage: ״Knechte herrschen über uns . . .“ Ist das nicht ein erschütterndes Bild? Das Musterbeispiel der sinnvollen und ach so jämmerlichen jüdischen Rache...? Dies ist der einzige Jude, der keine Macht anerkennt. Ob es Kerenski War, ob Denikin, ob Petljura, immer steht er da und singt Herrscher kommen und gehen, die Macht geht über Nacht von Hand zu Hand, alles ist einem ewigen, rasenden Wechsel unterworfen. Nur der Meschugga bleibt. Er ist nicht vom Fleck zu rühren. Steht auf dem Markte und gurgelt seine synagogalen Gesänge. An Texten, aktuell und eindrucksvoll, fehlt es im Gebetbuch nicht. Die sind jeder Jahreszeit und jeder Gelegenheit angepaßt. Und wenn da ein schmucker Weißgardist vor ihm einherstolziert, wird die Kehle sofort auf Zorn umgeschaltet. Und was da langgezogen und pathetisch herauskommt, lautet so: ״Ergieße Deinen Zorn über sie . . . Oj, Väterchen, süßes . . . ergieße Deinen Zorn über sie . . .״ Das ist zum Heulen. Oder das Bild vom jüdischen Börsenmann. Alles ist längst dahin. Keine Börse mehr, auch keine Börsenartikel. Aber der Mann spekuliert weiter. Spekuliert auf den Tod. Ob Herr Soundso morgen hingerichtet wird oder nicht. Ich wette um tausend Rubel, wer macht mit? Und so geht es weiter. Es ist ihm ins Mark gedrungen. Er kann nicht anders. Und als er dann eines Tages zur eigenen Hinrichtung geführt wird, packt ihn wieder der Teufel der Spekulation. Mitten im Gehen zur Hinrichtung wendet er sich an die vorübergehenden Juden: ״Wieviel Geld habt ihr, Juden? Ich wette, daß ich in einer Stunde nicht mehr bin ... wer wettet mit . . .?“ Diesmal hat er die Wette gewonnen. Diesmal hat er sie ehrlich ge- Wonnen. ... Und so weiter. Bilder von wunderbarer Einprägungskraft, von schreiender Lebendigkeit. Aber wie gesagt bis zum dokumentarischen Wert erheben sie sich nicht. Zu einem sehr schwungvollen Wurf hingegen haben die Leute vom Verlage Awraham Joseph Sztybel ausgeholt. Der Verlag gab ein Buch von A. Fr ei mann heraus. Das Buch heißt 1919״“. Es ist schlicht gehalten und sehr malerisch. Es ist das Epos des jüdischen Heimkehrers. Des Entwurzelten, des Staunenden, des Menschenscheuen. Vier Jahre von der Heimat, vom Städtchen fort. Davon zwei Jahre in österreichischer Gefangenschaft. Vier Jahre Wandern in einer neuen, fremden Welt. Vier Jahre aus dem Schoße des patriarchalen Judentums herausgerissen und in den großen Men* schenkessel hineingeschleudert. Vier Jahre arm an Worten und reich an Taten. Vier Jahre jedes Denkens und Fühlens bar. Nur Handeln, intuitives oder stumpfes Handeln. Weil der Leib bestehen will, weil der Mensch leben will. Um jeden Preis leben will. Darum muß man kämpfen, laufen, auf der Erde kriechen wie ein Maulwurf sich in der Erde vergraben. Darum muß man auch schießen, stechen, morden. Man will leben, und fügt sich daher jedem Befehl. Und kuscht. Hier und da kommt ein Gedanke, und der Zorn schwellt die Brust. Aber man kuscht. Denn man wartet, wartet noch. Auf den geeigneten Augenblick. Und als die Fundamente bersten und der Augenblick gekommen scheint, ist man mitten drin im gewaltigen Geschehen. Mit vollem Einsatz der Kräfte und des Glaubens. Denn nicht nur schießen hat der Held Solomon gelernt, nicht nur Kuschen. Nein, in diesem Kesseltreiben ging es ihm plötzlich auf, daß er nicht nur einen Kopf hat, sondern auch Sinne. Hände wurden ihm gegeben, nicht nur zum Reden und Beten, sondern zum Arbeiten. Und Lungen zum Atmen, zum Atmen aus voller Brust. Und Augen zum Sehen. Gottes Welt sehen, die trotz allen Jammers schön ist. Und die Erde riechen und den Himmel, nicht den abstrakten und metaphysischen, sondern den wirklichen, nackten, lieblichen Himmel lieben. Und was heißt Mensch? Was ich und du und er? Mensch heißt Bruder! Mensch heißt Leidensgenosse und Mitkämpfer. Und jetzt ist die Zeit dieses Menschen gekommen. Jetzt wird dieser Mensch endlich Ordnung schaffen. Und Gerechtigkeit. Er kehrt heim. Fremd und abgestorben dieses Heim. Wie die engen, trüben Wässerchen plätschern. Als wäre nichts geschehen. Nein, hier kann die geschwellte Brust nicht atmen. Hinaus . . .! Zum Bruder. Zum Menschen. Nichts fesselt ihn noch hier, nichts ist ihm heimatlicher Boden. Er versteht die Gespräche nicht. Versteht nicht mehr zu sprechen. Das ist ihm im Trommelfeuer genommen worden. Daher seine Stummheit bei 'Verwandten, daher seine Scheu. Nein, hier kann er nicht, wird er nicht bleiben . . . Doch da sind Mädchenaugen. Und eine Gestalt. So anders. Als gehörte sie gar nicht hierher. Als hätte sie all seine Märsche mitgemacht. Als hätte sie an seinen Tagen, an seinen Nächten teil. Und etwas taut auf, etwas rührt sich. Ein Wort will aufsteigen, und er kann es nicht formen. Schejwka, wie soll ich es dir sagen? So holt er denn seinen Revolver heraus und schießt in den blauen Himmel hinein . . . Das ist seine einzige Ausdrucksweise. Die allein hatte er gelernt. Vier Jahre nur? Nein, Ewigkeiten sind’s. Aber Schejwka versteht. Nur staunt sie. warum er nicht zupackt. Er aber kann nicht zupacken. Bei den Frauen draußen war es anders. Da konnte man einfach zupacken. Hier aber . . . Nein, wie soll das werden . . .? Man müßte doch etwas sagen . . . man kann doch nicht so einfach . . . Was soll werden, du wundersamer Solomon . . .? (Uebrigens, ist es nicht allen Heimkehrern ähnlich gegangen?) Staunend und unentschlossen zieht er von seiner Nichte Schejwka fort. Und kommt immer wieder. Aber nein, zu sagen hat er nichts. So stürzt er sich denn in die große Sache, In seine Sache, in die Sache der Revolution. Mit den Bauern Schulter an Schulter kämpft er, um die Erpresser des Volkes niederzuringen. Erst gegen den äußeren Feind und dann gegen den inneren. Er ist der Führer und der waghalsigste von allen. Unermeßliche Kräfte spürt er in sich. Weil sein Zorn auf die Blutsauger und seine Verbundenheit mit den Menschen unermeßlich sind. Und er weiß: bei ihnen wircJ er bleiben, in ihren Reihen kämpfen, ihr Schicksal formen. Mit ihnen zusammen die neue Ordnung rchaffen. Doch wie sieht diese neue Ordnung aus? Dieselben Nachbarn, mit denen er gestern noch Schulter an Schulter kämpfte und die ihn Bruder nannten, sie verraten ihn, sie wenden sich gegen ihn. Weil er untauglich ist, weil er ״die Sache'* verraten? Nein, nur weil er Jude . . . Hier kommt die Enttäuschung. Und nun weiß er, daß er auch hier nicht bleiben wird. Wohin nun, armer, ewiger Solomon . . .? Wo gibt es noch einen Flecken Erde für dich . . .? Und dies alles schlicht und warm erzählt. Ohne Anklage, ohne Bitterkeit und ohne Parteinahme. Es ist eine stille, warme, innige Prosa. Und man spürt zutiefst: dies hier ward dem Dichter zum Erlebnis. Ein schönes, ein großes Werk hat A. Freimann vollbracht. Ob er noch zu weiterem ausholt . . .? Daß Frauen Schriftstellern, ist kein Verbrechen. Daß Frauen auch über den Krieg schreiben, ist auch gut (man denkt mit Wärme an Adrienne Thomas), daß aber Frauen aus lauter He. ״gen, Komplexen, Perversionen und krankhafter Phantasie ein Buch Zusammenzimmern, ist — gelinde gesagt — polizeiwidrig. Hit doch da eine Alah R. (ist dieses Pseudonym ein Produkt der Bescheidenheit oder Scheu vor Verantwortung?) ein Buch geschrieben. Es heißt ״Das Zappeln der Revolution'* und ist im sonst sehr vorsichtigen Verlag ״Mizpah", Tel-Awiw, erschienen. Ob sie jung, ob sie alt — das läßt mich kalt. Aber ich bin wütend. Natürlich kann man über alles schreiben. Auch über einen entarteten Vater, der zur Blutschande neigt. Aber auf das W i e kommt es an. Man kann auch über eine perverse, vampyrhafte Frau schreiben. Aber um Gottes Willen etwas mehr Wirklichkeit! Denn das gibt es wirklich. Und nicht nur in der etwas allzu sensiblen Phantasie der Verfasserin. Aber bitte, Leben, und keine ״Literatur“. Unverstandensein ist Schicksal, ist aber niemals annehmbarer Gesichtspunkt. Ich verstehe, man wählt sich seine Art des Abreagierens nicht freiwillig. Aber beim Gotte Trauma! Ein Kapitel Freud würde besagter Verfasserin mehr zu einer Abreagierung helfen als das Werk, das sie schuf. Und dabei ist es —• wenigstens formmäßig: — gar nicht so übel. Sie hat gute Dialoge. Hat sprachliche Gewandtheit und eine segensreiche Knappheit. Aber das Sehen! Immer von unten. Als wären ihr die Augen etwas abgerutscht. Liebste Frau (oder Fräulein) Alah R. Wir warten vorläufig auf das Nächste. Und inzwischen recht viel Turnen, Kaltbaden und ein ganzes Jahr nicht schreiben. jfflwiifiiI1HHinH11iW1M1tH1Hi111m1Mm1H1M1H1wt1i^ VON JÜDISCHER MUSIK --.־ä (Neue Bücher, Noten, Schallplalien) Moderne jüdische Klavierstücke und Chore 1. ״Vier jüdische Tanzstücke“, ״Rikkud“, ״Palästinensische Skizzen“, für Piano solo, von JoachimStutschewsky (Universal-Edition, Wien). Das Bedürfnis nach populärer jüdischer Klavier- und Chorliteratur wächst überall mit zunehmendem Interesse an der Materie. So ist es zu begrüßen, daß die Universal-Edition in Wien sich die Herausgabe derartiger Kompositionen besonders angelegen sein läßt. Für die Entwicklung von Stutschewskys Klavierstil und seine linearen Tendenzen sind seine letzten Werke, die in rascher Folge erschienen sind, sehr aufschlußreich. Hand in Hand damit geht eine Differenzierung in rhythmischer Hinsicht, während seine Harmonik zu immer größerer Vereinfachung zu streben scheint. Eine sehr interessante Auffassung eines synkopierten Tanzmotivs offenbart sich in dem ersten der ״Vier jüdischen Tanzstücke“. Die Synkope zu Beginn jedes Taktes wird in der Melodie rhythmisch ausgespart, erhält dagegen ihre latente Betonung durch den begleitenden Klangkomplex der unteren Stimmen, der für den ganzen Takt grundlegend bleibt, dessen Weiterldingen dann durch weiter hinzugefügte Töne oder Intervalle modifizierend oder füllend, hemmend oder beschleunigend wirkt. Durch die ostinate Wiederholung dieses einen rhythmischen Motivs entsteht die charakteristische Monotonie östlichen Musizierens. — Im ״Rikkud“, der wesentlich unkomplizierter gebaut ist, spricht einzig und allein die vitale Melodie, der nur mit äußerster Oekonomie Begleitakkorde unterlegt werden. — In den ״Palästinensischen Skizzen“ fällt das Stück ״D'wekuth“ wegen seiner konseouent durchgeführten Einstimmigkeit als recht kühnes Wagnis auf. Alle diese kleinen Stücke nach palästinensischen Volksmelodien verraten, daß ein Streicher (in diesem Falle ein Cellist) sie geschrieben hat, der sich müht, die hohlen Gemeinplätze eines gezwungen-volksiümlichen Klaviersatzes zu vermeiden. In dieser Tendenz r'nd die Werke vorbildliche Hausmusik. 2. ״Kindersuite“ von Joseph Achron. (Universal-Edition, Wien.) Von Achrons Kindersuite, von der es bisher nur eine Kammerorchesterausgabe gab, ist jetzt eine Klavierbearbeitung erschienen. Obwohl der eigenartige Orchesterklang fehlt, kommt die Instrumentalwirkung — die mit ganz primitiven Mitteln erreicht wurde — deutlich zum Ausdruck. — Von den wirklich zeitentsprechenden und dabei volkstümlichen Werken jüdischer Musik ist dies unzweifelhaft das originellste und 3müsanteste. Es besteht aus 20 Miniaturstück׳*hen, deren Themen dem Kinderleben entnommen sind. Da die melodische Grundlage der Thora-Kantillaiion entstammt, sind die Motive der einzelnen Stücke von leichtfaßlicher Primitivität, ohne etwas von der Kinderstücken meist üblichen Banalität zu haben. Fortgeschrittene Anfänger, die. modernen Klavierunterricht genkßen, können durch sie ohne große technische Schwierigkeiten in den wirklichen Charakter jüdischer Melodik eingeführt werden. 3. ״Scha, Still!“ (Ostjüdisches Volkslied); ״Drei palästinensische Volkslieder“ für gemischten Chor und Klavier. Von Aron M. Rothmüller, (Kollektion Jibneh, Wien, Leipzig.) Wenn auch diese Bearbeitungen, die in der zu neuem Leben erwachten Kollektion Jibneh erschienen sind, noch keineswegs ideal sind, so haben sie immerhin den Vorzug eines nicht alltäglichen und durchaus ״gekonnten“ Chorsatzes, während man auf die begleitenden Klavierakkorde — die wohl nur Nützlichkeitsgründe haben — gern verzichten würde. Liiurgische Musik der sefardischen Juden 1. ״Sephardi Melodles“. Die traditionellen liturgischen Gesänge der Londoner portugiesischen Gemeinde. (Oxford University Press.) Die ״Society of Heshaim“ hat eins der wichtigsten Dokumente spanioiischer Synagogalmusik in einem wunderbar ausgestatteten Neudruck erscheinen lassen. Es handelt sich um die Sammlung von Emanue! Aguilar und David de Sola, vervollständigt durch E. R. Jessurun, den Chordirigenten der Londoner Sefardengemeinde. Wir haben es hier mit ältester spanioiischer Tradition zu tun, von hervorragenden Kernern der Materie ausgewählt und bearbeitet. — Im Gegensatz zu der Tradition der Orientalischen Sefardim (s. A. Z. Idelsohn, Hebr.-Oriental. Melodienschatz, Bd. 4) repräsentieren die verschiedenen europäischen Traditionen der Sefardim evidente Assimilationstendenzen. Wir finden hier z. B. zahlreiche Anklinge an Händel und den Stil der spanischen Zeitgenossen. — Durch die Vorherrschaft des P i j u t in der spanischen Liturgie sind die meisten der Gesänge von volksliedhafter Einfachheit. Das Rezitativ spielt daher auch eine relativ geringe Rolle. — Die Klavierbegleitung ist im Choralstil Handels, wodurch eine von den BearbeiHrn vielleicht nicht beabsichtigte Verdeutlichung der fremden Einflüsse hervortritt. — Im Gegensatz zu sonstigen Werken synagogaler Musik ist dieses für jeden Laien verständlich, was der innigen Beziehung entspricht, die der spaniolische Jude zu seiner religiösen Musik hat. 2. ״Gesänge der marokkanischen Juden“, zum ersten Male gesammelt und herausgegeben von A. Z. I d e 1 s 0 h n (Benjamin Harz-Verlag, Berlin-Wien.) Die auf besondere Weise orientalisch gefärbten Gesänge der marokkanischen Juden stehen ganz und gar unter dem Bann der sefardischen Tradition. Die Sefardim bilden naturgemäß das jüngere Element der dortigen jüdischen Bevölkerung. T rotzdem hat ihre Musik mit Europa nichts zu tun. — Idelsohn hat hier mit bekannter wissenschaftlicher Sorgfalt eigenartigste und älteste Tempelweisen und weltliche Lieder gesammelt, aufgenommen, notiert und nach allen Richtungen hin analysiert. Während die Synagoge Melodien von unanzweifelbarer Echt« heit hervorgebracht hat, hat die arabische Musik in den pro* fanen Weisen deutliche Spuren hinterlassen. — Auch dieser (5.) Band des ״Hebräisch-Orientalischen Melodienschatzes“ ist wieder eine Fundgrube ungewöhnlich lebendiger und urwüchsiger jüdischer Motive. Gesänge für die hohen Feiertage auf Grammophonplaften (Elekfrola) 1. Josef Rosenblatt: ״Hajom Harath Olam“ (E. W. 44), ״Hinneni Heani“ (E. J. 264), ״Jaale“, ״Kel dar bamarom“, ״L’Kel orech din“ (E. J. 288). Das kurze, strenge Metrum von ,,L’El Orech din“ — wohl eine Versinnbildlichung des Gottesrichters — wird in Rosenblatts Rezitativ-Auffassung durch eine weichere Linienführung gemildert. — Aus der ״Hinneni'Mntsrpretation hört man die sich selber zerreißende Menschenseele und wie sie durch die unbegrenzte Hingabe an das Uebermächtige ihrer selbst wieder mächtig wird. Im ״Jaale“ entsteht ein schöner und ungezwungener Aufbau dadurch, daß die erste Strophe als Solorezitativ, die zweite als responsorisches Duett und die dritte als Chor gesungen wird. Die schüchterne yerhaltenheit, mit der nach der Zerknirschung der Jomkippurstimmung das Aufsteigen des Gebets erfleht wird, ist von tiefer Ausdruckskraft (״tachanunenu-nu-nu-nu“). — ״Hajom harath olam“ — hier ergibt sich Jossele Rosenblatt mit aller Kraft dem Wortinhalt. Er beginnt gleich maestoso: die Wucht des Gerichtstags wird Stimme. 2. Kantor Hans John: ״Ja Schiracha“ und ״Neila-Kaddisch“ von Lewandowsky. (E. H. 329.) Ein wunderbar mild getönter Bariton — aber gegen Josseles Nigen —, der von östlicher Intensität strotzt, klingen die Gesänge von Lewandowsky wie deutsche Wiegenlieder. Keine Ahnung mehr von dem, was gesagt, gebetet, gejammert wird. . * Die in unserer vorigen Musikbeilage besprochenen, besonders hervorgehobenen Aufnahmen des Chors der großen Synagoge Amsterdam (Leitung: S. H. Eng-!ander) sind ebenfalls bei E1 e k t r o 1 a erschienen. JehudiMenuhin wird in einem der diesjährigen Bruno- Walter-Konzerte auftreten. Die ״Kindersuite“ von Josef Achron, der ״Rikkud“ und die ״Palästinensischen Skizzen“ von Joachim Stu« tschewsky werden demnächst in der ״Berliner Funkstunde“ erstaufgeführt. Arnold Schönberg arbeitet seit längerer Zeit an einem Chorwerk ..Aron und Moses".

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