Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XXXVI (1931)
- Issue
- Heft 71 (11.9.1931)
- Date
- 1931-09-11
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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Nr. 71, ן!. IX. 1031 JÜDISCHE RUNDSCHAU Seite 435 ' 1 Neue hebräische Dichtung Wir nehmen heute die in früheren Jahrgängen der ״Jüdischen Rundschau״ begonnene periodische Besprechung von Werken der modernen hebräischen Literatur unter besonderer Berücksichtigung der Neuerscheinungen Palästinas wieder auf. Die ,Jüdische Rundschau“ wird sich auch weiter bemühen, die Erzeugnisse unserer hebräischen Literatur durch sachkundige und ernste kritische Betrachtungen dem deutschlesenden jüdischen Publikum nahezubringen. Im vergangenen Jahre sind Veröffentlichungen dieser Art u. a. in Nr. 29 und 42/43 der ״Jüdischen Rundschau“, in diesem Jahre bisher in Nr. 8 und Nr. 25/26 der ״Jüdischen Rundschau“ erschienen. Jakob Steinberg Er ist ein Sohn des ukrainischen Steppenlandes, wo die breite Desna sich den polesischcn Sümpfen nähert, ein Kind des fruchtbaren Gartenlandes im russischen Süden mit seinem üppigen Melonenbau. Die gesegnete Natur und sangesfrohe Menschheit dieses glückhaften Stückes Erde klingt in seinen Liedern und Erzählungen deutlich nach. Steinberg, jetzt ein 45jähriger, ist Lyriker, Erzähler und Publizist. Seine Gedichte, ״Schirim“, erschienen 1923 in einem stattlichen Prachtband, seine Erzählungen, ״S i p p u - r i in“, im gleichen Jahr in zwei Bänden, seine gesammelten Aufsätze und Kritiken, ״R e s c 111 m 01 h“, 1928. Er ist im Grunde Lyriker. Auch die Epik seiner Erzählungen ist lyrisch durchsetzt. Das Band, das diese buschigen Sträuße echter Poesie Zusammenhalt, ist der starke Eros eines Mannes, der seit früher Jugend die gesunde Sinnenfreude des ukrainischen Menschenschlags in sich eingesogen hat. Auf den ersten Blick überrascht diese starke, eindeutige Erotik. Erst bei näherem Zusehen, und besonders in Gedichten spälerer Jahre, werden Müdigkeits- und Rcsignationsmomentc fühlbar. Der junge Steinberg ist in seiner Liebe eigenwillig, versonnen und sinnlich, zart-innig und wild-fordernd zugleich. Sein Liebeserleben ist von leichter Entzündbarkeit und rascher Abkühlung. Begierde und Askesebedürfnis liegen nahe beieinander. Ein charakteristischer Zug seines Eros ist es, daß die leicht und ganz sich gebende Nichtjüdin seinem Empfinden mehr entspricht, als anspruchsvolle Jüdinnen, ״die viel verlangen und wenig geben“. Im allgemeinen ist Steinberg dem, was wir jüdisches Er• leben nennen, ungewöhnlich entrückt. Vielleicht ist es eine zu mechanische Einreihung, wenn man ihn den Slawen der neuhebräischen Poesie genannt hat. Aber ein Einschlag dieser Art ist unverkennbar und macht sicherlich einen Teil des besonderen Reizes dieser Poesie aus. Er ist Dichter des Moll, des kontemplativen Pessimismus, der Verhaltenheit auch im Gefühlsausbruch. Ihm fehlt jene heftige innere Gestikulation, die häufig das Merkmal des emotionellen jüdischen Tempera• ments ist. Er steht.nicht gerade über den Dingen, aber das Unbeherrschte, Kinetisch-Explosive ist seiner Seele zuwider. Es fehlt nicht an starker seelischer Dynamik, aber höheres Schamgefühl versperrt dem wallenden Blute den ach so billigen Ausgang in die Außenwelt. Die tiefe Unruhe des Herzens schlägt nicht Wellen der Oberfläche, sondern drängt in die lästerndere Sphäre der Träume. Steinberg ist weltfern und verschlossen. Vereinsamung ist das große Reservoir seiner dichterischen Energie. Vielleicht hat er nicht völlig der Verführung widerstanden, sein eingeborenes Bedürfnis nach Absonderung als Folge abstoßender empirischer Erlebnisse in der Umwelt darzustellen. In Wahrheit jedoch ist er jener selig zu preisende Mann, der sich vor der Welt ohne Haß verschließt, oder — ohne tragischen Konflikt verschließen könnte. Er ist der geborene Qut-side r des Lebens. Ohne Schaden kann er der Außenweit entraten. Frauenlicbe ist sein einziger Weg ins Leben, die Brücke in die Wirklichkeit, auf die ihn sein natürlicher Lebenshunger drängt. Diese eigenartige seelische Struktur hat wohl auch die Stellung Steinbergs zum Judentum bestimmt. Er ist Individualist und die Idee des Gemeinschaftslebens hat wenig Bestechendes für ihn. Er stellt zwar das Leben der jüdischen Gemeinschaft in seinen Erzählungen mit meisterhaftem Können dar. Aber ihm fehlt die rechte Liebe zu diesem Milieu. Von den jüdischen Typen seiner Erzählungen distanziert er sich bewußt, ja ist nicht frei von einer gewissen feindseligen Haltung gegen sie (während er das christlichrussische Milieu häufig mit besonderer Liebe und Sympathie schildert). Sein Affekt ist nicht, wie so oft in der jüdischen Literatur, Ausfluß der großen pervertierten Liebe, cs ist eher ein kaltes, wohlüberlegtes Fallenlassen seines jüdischen Helden. Das Negative dieser Juden sieht er gerade im jüdischen Erbe ihrer Seele und ihres Blutes. Es macht ihm Freude, gewisse Assimilationserscheinungen am ukrainischen Judentum als wohltuendes Korrektiv dieses Erbes erscheinen zu lassen. Auch der Gott seines Volkes ist ihm fremd, nichtssagend. Die Religion der Gemeinschaft, Gebet und Gottesdienst in der Gemeinschaft sind ihm zur Last. Er fühlt sich der religiösen Inbrunst des vor dem Kirchcnaltar knienden Christen, der ״sich einen lebendigen Gott schafft, sich und nur sich allein“ seelisch näher. ״Was gibst du mir, Gott meines Volkes, Gott der Vielen.... in der Kälte deines Heiligtums?“ Steinbeig sicht seinen Dichterberuf nicht in der Verkündigung einer jüdischen Weltorientierung, nicht im aktueilen ''Eingreifen, der leidenschaftlichen Stellungnahme, nicht im Dienste als Priester und Diener des Lebens der jüdischen Gesellschaft. Nichts liegt ihm ferner. Jüdisches im landläufigen Sinne findet man in seinem Gedichteband nur an gezählten Stellen. Sein ״Ich“ und ״Wir“ läßt sich — etwa 1m Gegensatz zu Bialik — nur ganz selten mit der jüdischen Gemeinschaft identifizieren. Selbst das lange, über fünfzig Seiten sich erstreckende lyrische Poem ״A b i s c h a 1 o m s Reise“, die einzige größere autobiographische Konfession des Dichters (wenn man von dem deutlichen Lebensecho seiner plastischen, häufig romanzenartigen Liebeslyrik absieht), läßt das spezifische Judenschicksal in nebligem Schleierdunst. Diese Reise selbst gelangt zu beschreibender Darstellung, ihre Motivierung hingegen ist stark vernachlässigt. Breitester Raum ist der geradezu klassischen Schilderung des ukrainisehen Geburtslandes mit all seinen großartigen Naturcrscheinungen gewidmet. Der ersten Begegnung mit dem ukrainisehen Bauernmädchen wird mehr Gewicht beigelegt als irgendeinem jüdischen Gemeinschaftserlebnis. Erst die Berührung mit der nichtjüdischen Welt scheint dies Genie zur Entflammung zu bringen. Der ״Tod der Götter“ (ein Kapitel des Poems) ist eine mehr symbolhafte als realistisch deutbare Darstellung des Hinwelkens sozialer und politischer Jugendideale. Und dann gilt cs, beinahe übcrgangslos, Abschied zu nehmen von dieser heißgeliebten, berauschenden Heimat. Die Seefahrt nach dem Gestade der neuen Heimat ist mehr von den Gefühlen der Sehnsucht nach der alten, als von Hoffnungen auf Erlösung in der neuen Heimat geschwellt. Die Schilderung des Meeres selbst — ein Meisterwerk des Könnens. Dann die Landung in Jaffa, die ersten deprimierenden Eindrücke, die fast betäubende Darstellung des orientalischen Lebens mit seinen Märkten, Frauen und Man-, nern. Steinberg, anfangs betört von der Grandezza dieser Bewegungen, dein schimmernden Abglanz einer ehemals hohen Kultur, wird skeptisch gegen die innere Lebenskraft des jetzt erstarrten Orients, sieht Tu der Narghila-Pfeife, dem Ehrenschieier der Orientalin Symbole der hoffnungslosen Lethargie, des leeren Scheines, der inneren Aushöhlung, der mumienhaften Einbalsamierung eines Lebens, das längst dem Verfall geweiht ist und morgen in Staub zerfallen muß. So klingt das Poem in gedämpftem, beinahe verzweifeltem Moll aus. Der tiefere Sinn dieser Reise, dieser Wallfahrt in die Heimat erscheint wie gelähmt. Das Heldenlied wird zum Trauergesang. Die ergreifendste Seite der Steinbergschen Lyrik ist sein tausendfacher Abschied von der Kraft und dem Ueberschvvang seiner Jugendzeit und seines jugendlichen Schaffens. Das Hebräische hat für die mittleren Jahre des menschlichen Lebens das sinnvolle, aber bedrückende Wort schnot-ha’amida, d. i. ״Jahre des Stchenbleibens“, geprägt. Nur ein Dichter mit hoher philosophischer Grundeinstellung, wie Steinberg, kann diesem tragischen Moment des Lebens so tiefbewegten und zugleich schmerzverhaltenen Ausdruck verleihen. Der Sinn für das Ewige, Unsterbliche bekommt erst in diesen Jahren seinen ruhelosen Ansporn, verklärt von der Schönheit melancholischer, und doch männlicher Weltresignation. Eine Serie von Gediehten hat die Ueberschrift ״Mittag", eine andere ״Blätterfall“, eine dritte ״Beim Anzünden der Lampe“, eine vierte ״Abende“ — sie alle haben, trotz mancher ablenkender Motive anderer Art, die eine tiefe symbolische Beziehung zum Lieblingsthcma dieses nachdenklichen, versonnenen Dichters. Dieses Menschengcschick ist nicht kränkend für ihn, ruft ihn nicht zur Empörung, er findet aber andererseits auch keine Immunitätskräfte in sich, sich diesen fatalen Tatbestand menschlichen Daseins zu verheimlichen. So kommt es zu den wundersamen Liedern des ruhelosen Wechsels abklingender Resignation und aufzuckender Unsterblichkeitssehnsucht, zumeist eingebettet in die abendrötliehe Sphäre eines sterbenden Eros. Steinberg ist einer jener interessanten Dichter, die, selbst aus bäuerlich-idyllischem Milieu hervorgehend, später so in die Großstadt hineingewachsen sind, als ob sie nie anderes Leben gesehen hätten. Man kann nicht sagen, daß es Steinberg leicht gefallen wäre, sich in der großen Stadt Europas zurechtzufinden. Eine Abteilung seiner Satyren (״Aus der Stadt“) bezeugt seinen inneren Unwillen gegen das Leben der Unnatur im Häuser- und Straßenmeer der modernen Großstadt. Aber seine ״Sonette aus dem Kaffeehaus“ zeigen ihn als Meister auch in dieser Sphäre. Jenes nervöse Spiel der Hände unterm Tisch und der verschleierte, starre Blick des begehrenden Auges, von den Umsitzenden schamlos begrinst, vom Kellner großmütig übersehen; jene einsame, geschminkte Dame, die, eine Gefangene ihres Sessels, an dem kleinen runden Tisch sitzt, und von der jeder weiß, warum sich niemand ihrer schweifenden Augen annimmt; jenes weißseidene Taschentuch, das der Kellner, beim Morgengrauen als Letzter schweren, müden Schrittes aus dem Lokal schwankend, vom Boden hebt, und das in ihm trotz Müdigkeit Empfindungen seltsamer Art auslöst — und all dies in der strengen Form des Sonetts: das sind Kabinettstücke moderner Großstadtdichtung. Steinberg ist Satyriker. Seine Satyre ist nicht beißend, artet nie in Sarkasmus oder Zynismus aus, ist aber scharf genug, um Röte ins Gesicht zu treiben. Sein Gedichteband enthält ein ganzes Buch solcher Satyren. Verwandt damit sind auch einige seiner gesellschaftskritischen Studien. Die Gesellschaftsk r i t i k in seinen Erzählungen bezieht sich durchweg auf das jüdische Leben In der Galuth (z. B. die erbarmungslose Seelenanalyse des jüdischen Voyageurs mit seinem verdrängten Liebesieben), während seine Essayssammlung meist Beobachtungen aus dem jüdisch-palästinensischen Jischuw enthält. Man muß den sparsam-strengen, karg-geizigen Stil dieser Essays, ihre gedankliche Konzentration und sprachliche Wucht, verbunden mit einer menschlich einnehmenden Art ihres Vortrags, im Original kennenlernen, um zu begreifen, daß manche dazu neigen, Steinbergs Größe gerade in diesen halbpublizistischen Skizzen zu suchen. Wohltuend vornehm und überzeugend, im Vergleich zu sonstiger Behandlung der ״Tozereth-haarez“-Frage ist es z. B., wenn unser Verfasser mit jener palästinensischen Jüdin über die eigenartige Zusammenstellung ihres Frühstückstisches in eine geistreiche Plauderei kommt, bei der die Landfremdheit dieser Weltdame auf eine sehr wirksame Weise gegeißelt wird: ״Dein Tisch gleicht einem Märchenkreisel, der den Erdball umkreist und von allem Besten der Erde eingesaminelt hat: Brot und Butter aus Australien, Käse aus Holland, Konservenfrüchte von Uebersee, Oliven aus Syrien, und die Schale, die sie faßt, aus Tschechoslowakei!. Deine Sprache stammt aus dem Herzen Europas, und das große Staunen deiner Augenbrauen, auch es ist nicht einheimisch ... alles was dich umgibt, ist fremd, aus der Ferne gebracht, und du selbst erscheinst so fremdartig, sonderbar, unbegreiflich: das ist jener Zauber, den niclitjüdische Männer so leicht an jeder Jüdin zu finden verstehen.“ Aehnlich wirkt jene kurze, aber beißende psychologische Studie über Galuthjudcn in Palästina, die in ihrer Respektlosigkeit vor der Natur stolze Dattelpalmen der neuen Heimat zur Ausschmückung ihrer Sukka entkronen. Seine große Kunst epischer Naturschilderung verpflanzt sich wie von selbst aus seinem ukrainischen Geburtsland in die Gefilde der neuen Heimat. Man wird lange suchen müssen, um eine literarisch so wertvolle und gedanklich so tiefschürfende Darstellung der Schönheit und des Glanzes Jerusalems, der großartigen Natur Palästinas, seines Frühlingsmorgens, seines Sommerendes, seiner Gluthitze usw. in der neuhebräischen Literatur zu finden. Die Vielseitigkeit dieses Dichters ist erstaunlich. Sein historischer Sinn führt ihn weit in das jüdische Mittelalter und Altertum zurück. Gäbe cs im jüdischen Geistesleben der Gegenwart eine vom Zentrum der hebräischen Literatur aus beeinflußte Entwicklung, so müßte von manchen seiner literarkritischen Arbeiten eine Art Wiedergeburt des Verständnisses für gewisse kulturhistorische, sprach psychologische und äst hetische Fragen ausgehen. So wertet er z. B. die drei Bücher der Bibel: Richter, Samuel und Könige als Urquellen eines klaren nationalepischen Stiles. So würden seine grundlegenden Anschauungen über Geist und Charakter der hebräischen Sprache, über das Wesen hebräischer Poesie im allgemeinen und das dichterische hebräische Schaffen der neueren Zeit und Gegenwart Stoff und Anregung zu neuartigen sprachästhetischen Untersuchungen geben. Es wäre ja nicht das erste Mal, daß gerade ein Dichter die litcrarkritisclic Erkenntnis seiner Zeit befruchtet hat. Auch in gewissen aktuellen volkser/iehlichcn Fragen hat Steinberg manchmal sein beachtenswertes Wort gesagt. Hier kann nicht der Ort sein, all diese Themen seiner Essays im einzelnen zu behandeln. Es ist schwer zu beurteilen, ob die sprach- und stiitheoretisehen Arbeiten Stcinbergs das Resultat seines eigenen Schaffens im Material der hebräischen Sprache sind, oder ob die am Nacherleben des gewordenen Sprachgeistes gewonnenen Forderungen ihn zu poetischen Verwirklichungsversuchen angetrieben haben. Jedenfalls besteht eine vollkommene Harmonie zwischen der Poesie dieses Mannes und seinen Anschauungen über das Wesen hebräischer Poesie. Er ist Anhänger der strengen poetischen For m. Er gehört nicht zu jenen Dichtern der zeitgenössischen Literatur, die Reim, Rhythmus und Stil vernachlässigen und dam! (wie Ficlimann, der hebräische Literaturkritiker, vor kurzem bemerkte) sich wundern, daß ihre Gedichte, wie jenes armen Mannes Pfannkuchen, der ohne Butter, Eier, Pfanne usw. bereitet wurde, absolut geschmacklos sind. Steinberg ist das gerade Gegenteil davon. Reim und Rhythmus sind das Lebenselement, die Seele dieser Lieder. Er ist Meister des Stils in Poesie und Prosa. Seine Metrik ist freilich nicht allzu abwechslungsreich und vielgestaltig. Die Form des Sonetts mit ihren hohen Anforderungen zieht ihn besonders an. Auch im Hexameter und Alexandriner hat er sicli erfolgreich versucht. Seine Liebliiigsversmaße sind Trochäus und Daktylus (Amphibrachus). Sein Sinn für Symmetric, Architektonik, Variation der Motive ist hochentwickelt. Uebcr die Metaphernwclt Stcinbergs und seine jeder Banalität ausweichenden, auf Erregung seltener Gefühle ausgehenden Vergleiche müßte man eine eigene Abhandlung schreiben._ Sie steigern den poetischen Reiz seiner Dichtung und_ Publizistik zu sublimem Genüsse. Man ist bei der Lektüre seiner Werke gedrängt, diese erlesenen Metaphern und Vergleiche sich tief ins Gedächtnis zu prägen, um immer von neuem sich dem Zauber dieser hohen Bildersprache hinzugeben. Jerusalem. Max Mayer. Revolution in der jüdischen Gasse (Hebräische Revolutions-Literatur.) Besprochen von Elcasar Lubrany. Ich fürchte, daß icl! mich diesmal auf eine abwegige Straße begebe. Aber ich kann nicht umhin, es zu tun. Schließlich ist die jüdische Gasse um die Revolution selbst nicht herumgekommen. Warum sollen wir uns scheuen, die Spuren und den Widerhall dieser Revolution in der hebräischen Literatur zu verfolgen? Diese Straße, die wir nun zu beschreiten haben, ist sicherlich uneben, dafür aber um so aufschlußreicher. Wie sah der jüdische Dichter die Fundamente Zusammenstürzen? Wie sah er die Wellen, die über seinen Kopf und sein Schicksal hinwegrasten? Die hebräische Literatur hat diese Ereignisse in vielen Werken wiedergespiegelt, und die Zahl der Autoren ist ebenso reich, •wie ihre Qualitäten verschieden sind. Wir aber wollen heute eine Stichprobe vornehmen und uns mit drei der krassesten Fälle beschäftigen. Wir fangen sogleich mit einer Kanone an. Da ist Avigdor Ham ciri. Wir hatten uns mit ihm schon einmal auseinandergesetzt. Er zählt bei uns zu den fruchtbarsten, vielseitigsten Dichterpcrsönlichkeiten. Er ist ein ewig feuerspeiender Vesuv. Ist Dichter, ist bissiger Publizist, ist flammender Lyriker, ist: Satiriker, ist Theatermann, ist pohtische Persönlichkeit. Seine Erscheinung und seine Stimme sind von Tcl-Awiw ebenso schwer wegzudeuken wie etwa das Bialik-Haus. Er ist mit diesem Landstrich verwachsen. Sein Schlapphut, seine Gestalt und seine nächtliche Siesta in den verschiedenen Cafes von Tcl-Awiw gehören mit zu den Sehenswürdigkeiten der Stadt. Fr wird - - als Dichter - von vielen geliebt, er wird als Mensch von vielen gehaßt. Doch soll beides keineswegs ein Werturteil in sich schließen. Soll vielmehr beweisen, daß Avigdor Hameiri eine lebendige, vielumstrittene Persönlichkeit ist. Und das ist gut. Es zeugt davon, daß er es nicht liebt, sich von der Außenweit abzuschließen, daß er nicht mit seiner Muse allein verzweisamt lebt. Es zeugt davon, daß er immer bereit ist, sich mit aktuellen Problemen auseinanderzusetzen, sich der öffentliehen Meinung zu stellen. Hameiri ist es gewohnt — und das soll mit aller Achtung anerkannt werden, zu jeder Zeit Farbe zu bekennen. Und sieht er einen Irrtum ein, so zieht er auch gleich (wie erst neulich bei seinem Austritt aus der revisionistischen Partei) die Konsequenzen. Diesmal ist cs ein Band Prosa, erschienen im Verlage ״Haschacliar“ (Eigenverlag?) Tel-Awiw und heißt: ״Zwischeu den, Zähnen des Menschen“. Untertitel ist die Bezeichnung: Kino-Odessa 1919-1920. Es ist dies die Stellungnahme des Juden zur russischen Revolution. Diese Stellungnahme lernen wir gleich bei der Einführung kennen. Im Vorwort des Bandes heißt es: Dieser Film ist ohne Tendenz. Das wäre nur zu begrüßen. Denn das macht schließlieh den Remarque aus. Doch was da in diesem Bekenntnis weiter kommt, ist weniger zu begrüßen. Da fragt Hameiri: Gibt cs eine Revolution, die ehrlich gemeint ist? Nein, antwortet er, Revolution ist nichts weiter als eine Gelegenheit: Ein Maskenball des Satans ist sie, damit der Satan auf ihm sein Unwesen treiben kann. Und der Maskenball Lenin- Denikin ward zu einem Hochzeitsfest. Der russische Bär vermählte sich mit der schönen Witwe Odessa und vollführte mit ihr unzüchtige Tänze. Soweit Hameiri. Wir dagegen hatten angenommen, daß die Sache mit der russischen Revolution gar nicht so unkompliziert war. Sic raste zwar wie ein Naturereignis dahin, aber wie eines, daß man mit aller Sicherheit hätte voraussehen können. Es ist wahr, Revolutionen haben schon immer etwas von einem mehr oder weniger blutigen Maskenball an sich gehabt. Aber das macht noch bei weitem ihr Wesen nicht aus. Es gibt da etwas wie volkswirtschaftliche Gesetze, auch vielleicht ein Etwas von Willen zur Befreiung, von niedergehaltenen und aufgespeicherten Kräften, die einmal zur Explosion kommen müssen. Auch etwas vom Bankrott eines Systems haben wir gehört. Oder sollten wir uns getauscht haben, und der ganze Sturm wäre nur ein böses Schnipjachcn, das der Satan der Menschheit spielen wollte? Wenn dem so wäre, dann wären die Probleme der Menschheit sowohl geistiger wie wirtschaftlicher Natur viel weniger kompliziert und unendlich leichter zu lösen. Mit dieser bitteren aber unumstößlichen Tatsache haben sich heute schon die dickköpfigsten Kapitalisten abfinden müssen. Und einem Dichter wie Hameiri stunde es nicht zu, sich so blind zu stellen. Oder sollen wir diesen Band etwa auf das Konto der ״Jugendsünden“ buchen? Denn Jugendsünden ,i ■it■ l'f»