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Jüdische Rundschau · 1931-09-11 · Heft 71 (11.9.1931) · page 4

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
XXXVI (1931)
Issue
Heft 71 (11.9.1931)
Date
1931-09-11
Page
– (sequence 4)
Language
German
Belongs to
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Seite 434 JÜDISCHE RUNDSCHAU Nr. /TI, 11.IX. 1931 roiitik aufgewachsen sind, empfinden alle das Wesen britischer Politik als fremdartig und schwer durchschaubar. Was «»1s am stärksten befremdet, ist die Abneigung englischer Politiker gegen klare Formeln, Definitionen und Programme. Auf dem Kontinent mißtraut jeder dem anderen, jeder sogar sieh selbst; poHtische Ziele müssen präzis formuliert, Rechte und Pflichten scharf umzirkclt, Ansprüche festgclegt und Gesetze in ein System von Paragraphen geordnet werden. All diese Stutzen des Vertrauens fehlen in England; Herkommen ist wichtiger als geschriebenes Gesetz, ein Präzedenzfall wirkungsvoller als viele Paragraphen. Und was das unerträglichste an der englischen Politik für uns Kontinentale ist: Jeder scheint zu jedem Vertrauen zu haben. Einer räumt dem anderen Rechte ein, ohne daß dieser andere darauf besteht, diese Rechte verbrieft und besiegelt zu bekommen. Man läßt alle Einflüsse auf sich wirken und hat das oberste Prinzip, sich anständig zu benehmen und im übrigen 10״ muddle through“, sich durchzuwursteln. Prestige? Der Sport kennt kein Prestige, der Sport kennt nur die Leistung des Siegers und das freundliche Lächeln des Unterlegenen. Wir, die wir von Kind auf mit Prestige gefüttert wurden, wir finden diese englische Welt sonderbar und unheimlich. Wer aber in sie hineinwächst, der will, wie aus Hunderten von Beispielen zu ersehen ist, nichts mehr von den aufgetürmten Rechtssystemen des Kontinents wissen, hinter deren Papierwänden das höchste Unrecht den sichersten Schlupfwinkel findet, und will nur noch iennen die harmlose, kindliche, dilettantische Welt des Briten, dem das ganze Leben nichts anderes ist als Spiel und Sport. Daß Weltmanns Verständnis für die englische Methode echt war, dafür gibt es keinen stärkeren Beweis, als daß Weizmann versuchte, die zionistische Politik im englischen Stile zu führen, ohne Formeln und Paragraphen, ohne den Fetisch vergänglicher ״Endzielresolutionen“, wie ein Spiel, wie einen sportlichen Wettkampf, jeden Augenblick seine Kräfte zusammenzunehmen, die Lage zu überblicken und ״to make the best of it“, sich durchzuwursteln, zu siegen oder gute Miene zu machen und, immer, sich anständig zu benehmen. Es ist ihm nicht immer gelungen, er ist kein Engländer und, vor allem, sein Volk sind keine Engländer, sein Volk sind wir. Wenn aber jetzt seine Führerperiode, viele sagen: seine erste Pührcrperiode, zu Ende ist, so sollen wir im Guten lind im Bösen das, was er war und was er tat, nicht mißverstehen. Es will mir scheinen, daß wir auch jetzt, wo Weizmann von der Führung der zionistischen Politik entfern! ist, aus richtiger Er1kenntnis seiner Leistung in den sechzehn Jahren 1915 bis 1931 doch einiges lernen könnten. Walter Raihenaa« ״Briefe an eine Liebende" (Verlag Erich Reißner, Dresden) enthalten einen ergreifenden Bericht über eine Episode aus Rathenaus letztem Lebensabschnitt. Ein Junges verwachsenes Mädchen von 23 Jahren knüpfte im Jahre 1918 eine Korrespondenz mit dem Ihr persönlich völlig unbekannten Rathenau an und kam dänn mit ihm auch In persönlichen Kontakt. Bei ihrem Tode im Jahre 1928 hat sie seine Briefe der Walter Rathenau-Stiftung vermacht, die sie in einem schmälen Bande von kaum 190, nur zum Teil bedruckten Seiten der Oeffentlichkeit übergibt. Obwohl nur die Briefe Rathenaus, nicht auch seiner Partnerin veröffentlicht sind, verfolgen wir doch die einzelnen Stadien dieser Beziehungen und bewundern den Zartsinn und das Taktgefühl des überlegenen alternden Mannes, der der jungen Enthusiastin nichts anderes als väterliches Mitgefühl schenken kaitn, aber trotz seiner vielfachen Inanspruchnahme doch immer wieder ein Wort der Menschlichkeit und Ermutigung für sie findet. Wie Rathenaus Briefe überhaupt, von denen der Verlag schon mehrere Bände herausgebracht hat, so gewähren auch diese einen tiefen Einblick in eine einzigartige jüdische Persönlichkeit. Seitsam, aber auch zu dem historischen Charakter gehörig, ist die Verworrenheit der Gefühle und Anschauungen, die bei Rathenau dann entsteht, wenn von jüdischen Dingen die Rede ist. Rathenau hatte unzweifelhaft ein starkes jüdisches Rassegefühl, eine Art jüdischen Adelsstolzes. Aber er konnte dieses dumpfe Gefühl nicht in sein Bewußtsein einordnen. In seinen Gesprächen mit Lore Karrenbrock, über die die Verstorbene Notizen hinterlassen hat, findet sich öfter eine Bezugnahme auf jüdische Gegenstände. Es scheint fast, als ob Lore Karrenbrock Rathenau gegenüber das Judentum verteidigt hätte, obwohl sie nur seine Aussprüche, nicht ihre Gegenbemerkungen notiert, so daß der Charakter des ״Gesprach es“ verloren geht. Einmal äußert sich Rathenau folgendermaßen: ״Die Juden sind kein Volk (= Nation, Staat) mehr und werden keins mehr werden. Die zionistischen Bestrebungen sind ein Atavismus. Die geistig Hochstehenden unter den Juden haben jedes Nationalgefühl verloren, sie kennen nur noch Menschen. So wie es später überhaupt keine Nationen mehr geben wird, sondern nur noch Menschen. Was bei den Juden Zusammenhalt und sich nicht mit der arischen Rasse mischen will, ist das Proletariat; die anderen ziehen einen Juden nicht mehr einem anderen Menschen vor . . . — Was mich mit den Juden verbindet, ist höchstens noch ein Abstammungsgefühl, —- nicht einmal mehr Familiengefühl. Das wäre schon zu eng. Es tut mir gerade so weh, wenn einer Anti-Franzose oder Anti-Russe ist, wie wenn er Antisemit ist. Wie kann überhaupt einer seinen Lebenszweck darin sehen, ,anti‘ zu sein, d. h. zu hassen? — Nein, es gibt unter uns kein Volksgefühl mehr. Aber die Deutschen müssen noch ein Volk sein, und darum gehört unsere ganze Kraft ihnen.“ Es wäre nichts leichter, als die Irrtümer in diesem Aus- Spruch nachzuweisen, aber noch sonderbarer ist die Naivität, mit der hier die assimilierten oberen Klassen mit ״geistig Hochstehenden“ identifiziert werden, wie dann dieser Kategorie der ״geistig Hochstehenden“ als ihr Gegensatz das ״Proletariat“ gegenübergestellt wird, die apodiktische Bestimmtheit, mit der verkündet wird, daß es später überhaupt keine Nationen, sondern nur noch Menschen geben wird, usw. Alles dies müßte bei einem so klugen Mann wie Rathenau verwundern, wenn man nicht wüßte, daß ihm die Fähigkeit genommen war, in dieser Sache die Klarheit der Gedanken zu bewahren. Auch ist es eine merkwürdige Paradoxie, daß er das Volksgefühl bei den Juden verdammt, bei den Deutsehen aber mit voller Kraft bejaht, und denselben ״geistig Hochstehenden“, die kein jüdisches Nationalgefühl mehr haben dürfen, offenbar zutraut, echtes deutsches Nationalgeffihl zu haben, obwohl für dieses nicht einmal die historische Voraussetzung zuträfe. Es ist schon so viel über Rathenaus Stellung zum Judentum gesagt worden, daß hier diese Bemerkungen genügen sollen. Denn es kann sich ja nicht um Polemik handeln, sondern nur um den Hinweis auf ein menschliches Dokument, das umweht ist von der Tragik eines Schicksals und irgendwie auch in die geheimnisvolle Geschichte des mit sich selbst ringenden Judentums hineinragt. __ I. Die palästinensisch-hebräischen Tageszeitungen ״Davar“, ״Haarez“, ״Doar Hayom“ und ״Haam“ geben bekannt, daß sie vom Beginn des kommenden jüdischen Neujahrs einen halben Piaster kosten werden. Ros di Hasdianah im Städtchen Von Sehmarja Levin. Wir haben bereits mehrfach auf die Memoiren von Sehmarja Ijfv'm hinge.wie.sen, die bisher nur in englischer und jiddischer Sprache Vortagen. Dieses Werk, das u<ia kein zweites eine lebendige ,4«* scAouung vom Juden tum des ausgehenden 19, Jahrhunderts, jener jüdischen Epoche, auf der unsere Gegenwart fußt, vermittelt und eine in Auflösung begriffene Well in dichterischem Spiegelbild festhält, wird nunmehr in deutscher Sprache erscheinen. Der Vertag Ernst Rowohlt, Berlin, bringt am 85. September den ersten Band ״Kindheit im Exil" in einer vorzüglichen deulsehen Uebersetmng heraus. Es ist wohl nicht zu viel gesagt, wenn man prophezeit, daß dieses Buch in Deutschland denselben tiefgehenden Erfolg haben wird, den es in den englisch sprechenden Ländern hatte. Nicht nur dm Judentum, sondern die nichtjüdische Weit stand, dort überrascht und bewundernd vor dem Reichtum und der seelischon Innerlichkeit des sich hier enthüllenden Lebens der jüdischen Kleinstadt, die trotz ihrer unmitteliare!» Nähe su Europa doch bisher ganz unbekannt (oder verkannt/) war. Wir nehmen Gelegenheit, unsere Leser schon, jetzt auf dieses Buch, dessen Autor fast allen Juden dreier Kontinente persönlich bekannt und bei allen, die ihn kennen, beliebt ist, hinzuu!eisen. Durch Entgegenkommen des Autors und des Verlages Rowohlt sind wir in der Lage, einen kleinen Abschnitt ami Vorabdruck za bringen, der gerade anläßlich des Rasch Haschanah-Festes von Interesse sein dürfte. Red. Uns wurde von den Freuden des Sommers wenig zuteil. Während draußen die Sonne schien und Wälder und Felder blühten, saßen wir vom Morgen bis zum späten Abend in dem finsteren engen Cheder eingesperrt. Wir bekamen die herrliche Welt nur selten zu schauen, und in unseren jungen Köpfen entstand der Gedanke und nahm von Woche zu Woche festere Gestalt an, daß Gott die Stadt und die Häuser, die Läden und den Cheder für uns und die Felder und die Wälder für die Christen geschaffen hätte. Als daher um den Monat Etui das Ende des Schulhalbjahrs herankam, fiel unsere Freiheit wie später Tau auf uns und erweckte unsere unterdrückte Sehnsucht nach der Natur zu vollem Leben. Die Ernte war freilich schon eingeheimst, sie stand in Schobern auf den entblößten Feldern oder war in die Scheunen eingefahren. Einiges vom Spätsommer konnten wir aber noch mitnebmen. Kartoffeln, Kahl und rote Rüben wuchsen noch, und die Kürbisse lagen auf den Feldern und wärmten ihre dicken Bäuche in der Sonne. So oft sich Gelegenheit bot, ordnete ich meine Spielkameraden In Reih und Glied und ließ sie in die Felder oder in die Wälder.abmarschieren. Dann und wann stießen wir auf einen bekannten Bauer, der uns Nüsse oder gebackene rote Rüben schenkte. Unsere Unterhaltung mit ihm war begrenzt, denn wir Kinder verstanden nur wenige Worte russisch. Aber wir hatten keine Angst vor ihm und ich weniger als irgend jemand, da fast alle Nichtjuden in der Stadt von Zeit zu Zeit von meinem Vater beschäftigt wurden. Sie kannten mich recht gut und behände! ten mich mit Achtung. Ohne zu verstehen, warum das so war, verdroß es mich als Kind, daß nichts von der Erde den Juden gehörte, daß Gott die Wälder den Adligen und die Felder den Bauern geschenkt hatte. Ich sprach darüber häufig mit meiner Mutter, aber sie hatte die ewige Antwort: ״Warte ab, mein Kind. Der Messias wird kommen, und dann werden wir Wälder und auch Felder haben.“ Meine Mutter gab sich besondere Mühe, mir die Sehnsucht nach dem Messias ins Herz zu pflanzen. ... Sie glaubte fest an sein Kommen und sprach häufig von ihm Ihr tiefer Glaube hatte sich mit der Zeit auf uns übertragen und wir Kinder halfen ihr glauben und ersehnen, ersehnen Und glauben. Unser Glaube an den Messias entsprang unserem Glauben an unsere Mutter. ln der Woche vor Neujahr sagte man uns, wir sollten nicht erschrecken, wenn jemand nachts ans Fenster klopfen würde: das wäre der Svnagogendiener, der die Frommen in dieser Woche zum Nachtgottesdienst weckte. Diese Nachtgebete waren nur für die Erwachsenen bestimmt; wir Kinder konnten ruhig schlafen, wenn wir nicht gerade danach verlangten, mitzugehen. Ich sagte natürlich, daß ich mitgehen wollte; ich hatte noch nie einem Gottesdienst zu so früher Morgenstunde, ehe es hell wurde, beigewohnt. ln jener Nacht konnte ich kaum die Augen zutun, so sehr fürchtete ich, das Weckzeichen zu überhören. Ais es dann klopfte, sprang ich rasch in meine Kleider und ging ins Wohnzimmer. Auf dem Tische stand bereits der Samowar, und Vater, Mutter, mein älterer Bruder und ich tranken vor dem Fortgehen noch ein Glas Tee. Die Nacht war kühl und klar, und am tiefblauen Himmel leuchteten die hellen Sterne in endloser Zahl, ln meinem Herzen wie in dem jedes jüdischen Kindes, das gleich mir erzogen wurde, tauchte nicht der leiseste Zweifel auf, daß da droben hinter den Sternen Gott wohnte — natürlich unser Gott, denn einen anderen gab es nicht — und daß Er von oben durch die Sterne blickte und auf die Juden achtgab, die so früh aufgestanden waren, um zu den Nachtgebeten zu gehen. Und ich fühlte mich glücklich, daß ich unter den Erwachsenen war, die an ihm vorüber defilierten. Die Selichot, die Gebete um Verzeihung, machten auf mich einen noch tieferen Eindruck als die Klagen des neunten Ab. Um die Klagen war es gar zu einfach bestellt gewesen. Der Tempel war in Flammen aufgegangen, da mußte es selbst mir ganz klar sein, daß nach einem solchen Brande jeder gejammert hätte. Darin lag nichts Mystisches. Hier aber sah ich eine in tiefer Nacht mit den Juden der Stadt vollgepfropfte Synagoge in der die Gebete fijr die Vorwoche des Neujahrs, die Gebete um Verzeihung, gesprochen wurden — und kein Nebukadnezar, kein Titus der Bösewicht kam darin vor. Gott allein thronte über den Sternen und empor zu Ihm strömten unsere Gebete. Und alles, was mystisch in mir war, wurde durch diese Nachtgebete zum Schwingen gebracht. Zu Rosch Haschanah, dem Neujahrsfest, kamen die Ji schuwniks in die Stadt. Es gibt im Deutschen kein Wort für Jischuwnik, da der Typus der Sprache unbekannt ist. Die (ischuwniks sind Juden, die einsam und verlassen in einem Dorfe oder Weiler als Fremdlinge in einer fremden Welt leben. Monate können vergehen, ohne daß sie einen anderen luden zu Gesicht bekommen. Nur an den höchsten Feiertagen lassen sie ihre Beschäftigungen und begeben sich nach dem nächsten jüdischen Zentrum. Bei solchen Gelegenheiten wurde der Jischuwnik, der zu seiner Familie oder zu Freunden zurückkehrte, aus deren Mitte ihn die Sorge um das tägliche Brot gerissen hatte, mit echter Gastfreundlichkeit in unserer Stadt aufgenommen. Unter diesen aus fernen Dörfern gekommenen ־Gästen gab es vertraute Ge sichter. .viele aber waren uns neu. Wir taten, was wir konnten, damit sie sich heimisch fühlten, überließen ihnen unsere besten Zimmer und wiesen ihnen in der Synagoge die Ehrenplätze an der Ostwand an. Es war nicht leicht, sie alle unterzubringen. Manchmal mußten sie zu dritt in den Stühlen an der Ostwand sitzen, aber sie empfanden doch, daß sie geehrt wurden. Auch wir Kinder benahmen uns gegen diese Hinterwäldlerjungen aufs freundlichste. Einige von innen waren wilde Geschöpfe, sie sahen verängstigt auf die gewaltigen Menschenansammlungen und konnten kein Wort hervorbr’mgen. Aber die Erwachsenen bemühten sich gerade um sie ganz besonders. Mein Vater nahm sie öfters auf aen Schoß, streichelte sie und redete ihnen zu. sich nicht zu fürchten. Und wir machten sie mit unseren Spielen bekannt.!,. Und so hätte das Neujahrsfest ein heiterer Feiertag sein können, wenn man uns nichts von dem Tage des Gerichts erzählt hätte. Das war der Tag des Gerichts. Gott saß auf seinem Thron inmitten seiner Heerscharen, der Engel, und die furchtbaren Kontobücher mit ihren Soll- und Habenkolonnen der bösen und guten Taten wurden ihm eines nach dem anderen vorgelegt. Jeder Jude hatte sein besonderes Konto, nach dessen Durchsicht und Prüfung die Bilanz gezogen und das Urteil gefällt wurde. Mit den offenen Kontooüchern vor sieh, bestimmte Gott, wer das nächste Jahr bis zu» Ende leben und wer sterben sollte, wer von den Lebenden krank werden und wer gesund bleiben sollte: und die Gebete drangen in solche Einzelheiten ein, daß mir das Herz bebte. So jung wir waren, hatten uns unsere Erwachsenen doch schon die Furcht vor dem Tode eingeimpft und den reinen Frieden unserer Seelen zerstört. Wir waren in einem Alter seelisch belastet, das völlig sorglos hätte sein müssen. Und die Tage der frommen Einkehr wurden für uns zu Tagen des Schreckens. Unsere Eltern scheinen ängstlich darauf bedacht gewesen zu sein, uns das Gefühl der Furcht 80 früh wie möglich einzuflößen. Wir waren aber zu jung für solche Gemütserregungen: ich war kaum mehr als ein Baby, als ich in der Neujahrsnacht wä!ch lag und Gott um Gnade für Vater und Mutter anflehte. Meine erste Beteiligung an der Taschlichzeremonie, bei der der Jude an einem fließenden Wasser seine Sünden in die Fluten wirft, steht mir deutlich in Erinnerung. Wir wählten dazu die Stelle hinter dem Schloßhügel, wo die Swisla in die Beresina mündet. Es war in meinen Augen eine geniale Idee, daß man seine Sünden ins Wasser abschütteln und ihrer für immer los und ledig sein konnte. Das übliche Verfahren war, die Rockschöße über dem Wasser auszuschütteln. Aber manche unter uns kehrten im Ueberschwang der Frömmigkeit auch ihre Taschen aus und schwenkten sie gleichfalls über dem Wasser. Ich weiß nicht, welche und wieviel Sünden ich damals hatte, aber ich schüttelte die Schöße meiner Jacke und meine Taschen mächtig, und als ich mit meinem Vater das Flußufer verließ, fühlte ich mich wesentlich leichter. Ich war von einer schweren Last befreit .; . Presseschau In der englischen Wochenschrift ״The New Statesman 81 Nation“ nimmt Cyril G. Henriques, der aus dem Experten-Bericht der Joint Palestine Survey Commission bekannte Wasserbau-Sachverständige und Beamte des indischen Zivildienstes, zu dem kürzlich in der gleichen Zeitschrift veröffentlichten Loblied Oliver Simons auf die Kwuzot h (vgl. ״Jüdische Rundschau“ Nr. 67) kritisch Stellung. Erstens sei es falsch, die Stellung der Kwuzoth im Rahmen der gesamten jüdischen Kolonisation zu überschätzen; von den 300000 acres, die in Palästina Juden gehörten, seien nur 20—25000 im Besitz von Kwuzoth. Zweitens ständen die übrigen Juden, die als Arbeiter, Pächter oder selbständige Landwirte in Palästina lebten, kulturell und wissenschaftlich auf dem gleichen Niveau, das Simon den Kwuzoth nachgerühmt habe. Auch die unfreundliche Haltung der englischen Beamten beschränke sich nicht auf die Kwuzoth. Diese hätten gewiß wichtige Schulungsarbeit geleistet, aber ihre Zukunft liänge davon ab, ob sie sich zu wirtschaftlicher Selbständigkeit durcharbeiten und es erreichen könnten, ohne Hilfe der Jewish Agency ihren Mit- S" liege. Ihm selbst (Henriques) sei es zwei fei!Taft' ob der wirtschaftliche Erfolg der Kwuzoth. bisher dem Aufwand an Arbeit und Geld entspräche. — Wehn Simon darin recht habe, daß Erfahrungen im indischen Zivildienst Beamte nicht befähigten, mit den schwierigen palästinensischen Problemen fertig zu werden, so sei leider das Schlimmste, daß viele Beamte nicht einmal indische, sondern überh aupt keineErfahrungen hätten, und daher den Problemen des Landes um so weniger gewachsen seien. Das Septemberheft der ״English Review“ enthält den Anfang eines längeren Aufsatzes von Walter B. Harris über ״Das moderne Jerusaletn“, der als christliche Aeußerung interessant ist. Harris schildert Jerusalem als einen Ort, in dem eine solche Gehässigkeit und Eifersucht nicht nur zwischen den Bekennen! der drei großen Religionen, sondern auch zwischen den verschiedenen christlichen Konfessionen und Sekten herrsche, daß eine echte religiöse Stimmung und Andacht kaum irgendwo aufkommen könne. Jerusalem sei eine Brutstätte des Aberglaubens, des Müßigganges, der Habsucht und Scheelsucht, wo alle Religionen Bruderliebe lehrten und niemand sie ausübe, — nur wenige Menschen und lnstitutionen mit weitherzigerer Einstellung ausgenommen. Höchst verletzend für das religiöse, und oft sogar für das ästhetische Gefühl seien auch die teilweise scheußlichen modernen Bauten; es gebe Kirchen, bei deren Anblick einen das Auge schmerze. Aber manche Nebenstraßen seien noch fast so wie zu biblischen Zeiten, und das Volk, die Juden, die Araber und das im Lauf der Jahrhunderte entstandene Mischvolk, sei wahrscheinlich in Kleidung und Erscheinung kaum anders als zur Römerzeit. Und doch, überkomme den Fremden selbst hier kein echtes religiöses Gefühl, weil überall Zank und Streit in der Luft liege. Auch gebe es in ganz Jerusalem kaum ein Gebäude, das einen friedvollen und heiteren Eindruck mache. Harris selbst hat das ganze christliche Jerusalem kalt gelassen, ausgenommen nur die Stunden in der Kirche des Heiligen Grabes. Die amerikanische Zeitschrift ״Outlook and Independent“ bringt einen interessanten Artikel über die erstaunliche Verminderung der jüdischen Kriminalität in New York in den letzten 25 Jahren. Der christliche Verfasser des Artikels, Ernest K. Coulter, gibt darüber u. a. folgende Zahlen; Obwohl heute die Bevölkerung von New York City zu 27,4 0:0 jüdisch sei, enthielten die 5 großen Staatsgefängnisse, in die die New Yorker Verbrecher kämen, nur 8 ";0 Juden. Während die Zahl jüdischer Jugendlicher im staatlichen House of Refuge (wohl etwa unserer Fürsorgeanstalt entsprechend) vor 17 Jahren noch etwa 58 0׳,״ der Gesamtheit bildeten — und zwar nach jüdischen Quellen! — seien es jetzt weniger als 5 0/0! Zu dieser erstaunlichen Entwicklung, die der verfasse! noch roh vielen Zahlen belegt, habe außer der Arbeit der jüdischen Wohlfahrtsorganisationen freilich auch die immer schärfere Beschränkung der Einwanderung beigetragen, die im Verein mit der im allgemeinen günstigen Wirtschaftliehen Entwicklung zur materiellen Hebung der früher Eingewanderten führte. Endlich sei das Sinken des jüdischen Anteils teilweise leider auf das Ansteigen der allgemeinen Kriminalität zurückzuführen. —■ Jedenfalls seien die brillanten Erfolge der jüdischen sozialen Arbeit vorbildlich, und die anderen Gemeinschaften eiferten jetzt dem jüdischen Beispiel naih- A. P. Der frühere König Alfons von Spanien besuchte am vergangenen Freitag-Abend in Begleitung des Herzogs von Liranda die berühmte Prager ״Altneuschul“ und blieb wahrend eines Teils des Gottesdienstes.

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