Mannheim
Compact Memory

Jüdische Rundschau · 1931-09-11 · Heft 71 (11.9.1931) · page 3

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jüdische Rundschau
Volume
XXXVI (1931)
Issue
Heft 71 (11.9.1931)
Date
1931-09-11
Page
– (sequence 3)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
95% known words query
IRI
…/2651273-2653252-2653318--22567-2680803
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Nr. 71, II. IX. 1631 JÜDISCHE RUNDSCHAU Seite 433 1631 Regierung mtsanwalt mgsdlemt!tum versginn der eamter In sralstaatst er eine Uhrt. <x Kreisen aus der teißt, daß ־ten Chef n Richter ln wie es; i s c I! e n eit vielen a t i o n a - gehangen ׳tzgebung liabe, der iber mißlieh nicht dem be- 102Q geiclit verer Amtslan warf end encregen die und auch rartciliche. Schon :blich in- :hwierige :eit dank en Qualiigte. Es Bentwich ltgleisun- ,rwaltung ifen des : Beamte ind jetzt es Immims dem n beiden as einen ese Tenkm Beh, wenn, verwalizip vorivir, daß »nalheim er van : Intelliache zur ich einer 1 Jahren hervoredingter der eine ׳ einiger ich über rtheater : d r!' c h Jakob Bühnenste von dieser achkon- > fruchtes aber 08, für Ions in olonial- Qemarler Pa- «msteider in Grades oc-Verung zu Siriuskeit zu X״׳agens Autokennen, bei der 5r von eit für Ikes zu schaute löl’sch: atte er :wahrt, je los, n, zog einzeledenen Flüssig, n man Ir amlos dober- Man : man Rohir den s Blut egleit- Rasse 1, wieveißen : ״wil- Weizmanns Politik Von Dr. HugoHerrmann. Von mancher Seite wird der Versuch gemacht, Jetzt, wo man sie historisch betrachten könnte, die Politik Weizmanns so darzustellen, daß diese Betrachtung sehr aktuellen Zwecken dient. Es ist aber vielleicht doch nicht ganz unnütz, die Erscheinung Wcizmann — die unserer Ueberzeugung nach noch lange nicht auf dem Altenteil der Historie angelangt ist — zu analysieren, sine ira et studio, soweit das überhaupt möglich ist bei einer Erscheinung, die so tief ins Leben unserer zionistischen Generation eingreift. Ich glaube, man kann die gewaltige staatsmännische Wirkung Weizmanns — abgesehen natürlich von dem undefinierbaren, nicht zu analysierenden ״Zauber“ der suggestiven Persön!i״hkeit — hauptsächlich aus drei Momenten ableiten. Wcizmann besitzt in einem unerhörten Maß die Fähigkeit der Synthese von Ideal und Wirklichkeit. Der Gegensatz der beiden ist die fundamentale Schwierigkeit jegiicher Politik. Politik ist, wie man richtig gesagt hat, die Kunst des Möglichen; Politik, die nicht Realitäten schafft, die nicht aus Möglichkeiten Wirklichkeiten macht, verdient diesen Namen nicht. Aber Politik ist die Kunst, Wirklichkeiten zu schaffen aus den Möglichkeiten des Ihr gegebenen Stoffes, und der Stoff, der der Politik gegeben, der dem Politiker aufgegeben ist, ist die Gemeinschaft der Menschen. Menschengemeinschaften sind nicht Bausteine, sind nicht Maschinenelemente, die zu jeder Zeit und an jedem Orte, sachgemäß verbunden, die gleichen Leistungen vollbringen. Menschengemeinschaften beten heute an, was sie gestern verbrannt, verbrennen heute, was •sie gestern angebetet haben. Menschengemeinschaften sind noch unberechenbarer, noch launischer, noch schwerer zu behandeln als einzelne Menschen. Menschengemeinschaften kann man zu Leistungen führen mit einem Schlagwort, mit einem Ideal, mit dem B'ick auf Ruhm oder Prestige. Mehr wahr noch als tief ist Herzls Wort: ״Eine Fahne ist ein Stock mit einem Stück Tuch — und doch führt man mit einer Fahne ein Volk, wohin man will.״ Hier liegt der tiefe Widerspruch, an dem jede Politik krankt. Sie muß Menschen begeistern, berauschen, zum Vergessen ihrer realen Nöte bringen — und doch soll sie eine Kunst der Realität sein, doch muß sie bei jedem ihrer Schritte die Grenzen der Möglichkeit in genaueste Rücksicht ziehen. Zionismus ist vielleicht ein extremer Fall solch schwieriger Politik. Ein, nicht durch eigene Schuld, noch nervöseres, noch mehr illusionshungriges Volk als alle anderen; und noch enger gezogene, noch härter drückende Grenzen der Möglichkeit auf dem Felde der Verwirklichung als vielleicht für alle anderen nationalen Bewegungen. Mit einem vielleicht unbeabsichtigten Kalauer hat Van Vriesland einmal auf einem Zionisten-Kongreß gesagt, es sei unser Unglück, daß wir mit der einen Hand praktische Arbeit am Palästina-Aufbau leisten und zugleich mit der anderen Hand eine Propagandarede halten müßten. Man kann es fast so zugespitzt formulieren: Eben das, was die Begeisterung des jüdischen Volkes für das zionistische Ideal hervorzu- ,rufen und anzufeuern geeignet ist, das verstärkt im gleichen Maß die Hindernisse und Schwierigkeiten für die Verwirklichung des zionistischen Werkes. Niemand zweifelt daran, daß es den zionistischen Enthusiasmus in den großen Massen des jüdischen Volkes gesteigert hätte, wenn der letzte Zionisten-Kongreß die revisionistische Formulierung des Endzieles als eines ganz Palästina östlich und westlich vom Jordan umfassenden, von einer jüdischen Mehrheit bewohnten, autonomen Judenstaates einstimmig bestätigt hätte. Warum hat der Kongreß es nicht getan? Etwa weil die Mehrheit der Delegierten einen solchen Juden- Staat, wenn er zu haben wäre, nicht wünschte? Wohl nur deswegen, weil ein Großteil der Delegierten überzeugt war, daß ein solcher Judenstaat niemals zu haben ist, und weil die überwältigende Mehrheit des Kongresses sich völlig im klaren darüber war, daß, ob ein solcher Judenstaat zu haben ist oder nicht, seine Postulierung als zionistisches Ziel allen gegen den Zionismus gerichteten Kräften, bei den Arabern, den Engländern, in der katholischen Kirche, im Völkerbund und in der öffentlichen Meinung der Welt überhaupt, so starke Argumente liefern würde, daß die Proklamierung dieses Zieles allein genügt haben würde, um auch die Erreichung eines viel bescheideneren unmöglich zu machen. Nun müssen wir die große Menge unserer Politiker — und daß wir ihrer eine große Menge haben, leugnet wohl niemand — in zwei Klassen einteilen. Die einen verstehen es großartig, dem Volke Fahnen zu zeigen, seinen Enthusiasmus zu erregen, ihm die lockenden Bilder von Ruhm und Prestige vorzuführen, leider haben sie wenig Sinn für die Realität. Die anderen sind ausgezeichnete Kenner der Wirklichkeit. Sie verstehen alle Einflüsse der Politik, des Wirtschaftslebens, der sozialen Beziehungen trefflich abzuwägen und einzuschätzen, sie hüten sich mit Erfolg davor, Postulate aufzustellen, die den Stempel der Unmöglichkeit trügen; nur leider appelliert, was sie predigen, nicht an die Phantasie des Volkes, an die Begeisterungsfähigkeit der Jugend, und mit den besten Absichten von der Welt werden sie verkannt und verlassen. Ich behaupte nun, daß es die stärkste staatsmännische Qualitat Weizmanns ist, die rechte Synthese zwischen beiden Extremen zu finden. Man könnte es auch so ausdrücken: Weizmannversteh tes.dasZieldes Zionismus durchaus im Einklang mit der Wirklichkeit, aber so zu formulieren, daß es dennoch auf die Phantasie und Begeisterungsfähigkeit des Volkes wirkt. Abgesehen von jener Formel aus den Tagen allgemeiner revolutionärer Bewegung, ״Palästina solle so jüdisch sein, wie England englisch ist“, suchen wir in Weizmanns Aeußcrungen der letzten zwölf Jahre vergeblich nach irgendeinem Ausdruck, der als Wunsch nach der Umwandlung Palästinas in ein jüdisches Gemeinwesen gedeutet werden könnte. Weizmann hat, dieses Verdienst schreibt er sich mit Recht zu, seit zwölf Jahren immer wieder auf die Notwendigkeit eines Ausgleichs mit den Arabern hingewiesen. Er hat, ob es ihm nun schwer oder leicht gefallen sein mag, in voller Ehrlichkeit die britische Konzeption des Zionismus sich zu eigen gemacht, die man vielleicht so formulieren kann: Durch eine den wirtschaftlichen Zustand und die politische Ruhe Palästinas nicht störende Einwanderung soll im Lande eine der Zahl nach beträchtüche jüdische Siedlung entstehen, die wirtschaftlich und kulturell auf eigenen Füßen steht und stark genug ist, einen geistigen Einfluß von erheblicher Intensität auf das Judentum der ganzen Welt auszustrahlen. Ein, wenn wir es analysieren, nach radikal-zionistischen Maßstäben sehr bescheidenes Ziel, dessen Aufstellung wohl sicher zu jenen ״Versuchen, das Wesen des Zionismus zu entstellen und sein Ziel zu verkleinern“, gellllllHllHIIWIItllWmHIWIlllllllllMIlIHWWIHlMimHIMIIWWHIMHIlWHIlHlllmllWIlllIHWmilllltUlllUmilllllHimiimmi Saul Mich schmerzt dein Blond wie oft das Sonnenlicht, Wenn Finsternis mein wundes Herz durchwühlt, Du weißt nicht, Knabe, was es plant und fühlt, Wenn deine Stimme singend zu mir spricht. Ein böses Gift ist mir dein Harfenspiel, Ich hasse deine Jugend, deinen Blick. Empor, ich spüre es, strebt dein Geschick, Und über mich hinaus führt dich dein Ziel. Daß ich dich liebe, sagt mir jeder Tag, Du Reiner Gottes. Warum hat er dich Zu mir gesandt und warum quält er mich Mit deiner Unschuld, die ein Flügelschlag Der Taube ist, und ich vergeh daran. Sieh, diese Faust ist oft zum Schlag geballt, Sieh, diese Hand ist oft zum Mord verkrallt, Und manchen Hinterhalt die Stirne spann. Ich werde, Kind, dir nichts zuleide tun. Die Liebe bannt den Haß, ich bin zu schwach Zum Töten. Wachse unter meinem Dachl Ich füge mich und will im Schatten ruhn. Manfred Stur mann. rechnet werden muß, welche der letzte Zionisten-Kongreß so feierlich und entschieden zurückgewiesen hat. Aber mit welcher seelenverwandelnden Gewalt hat Weizmann dieses vielleicht bescheidene Ziel immer wieder verkündet! Wie hat er es verstanden, dem Volke zu zeigen, daß dieses Ziel nicht nur die Anspannung aller Kräfte des Judentums zu seiner Verwirklichung erfordert, sondern auch daß es, verwirklicht oder auf dem Wege zur Verwirklichung, die ganze seelische, moralische, kulturelle, soziale, politische Stellung des Judentums in der Welt von Grund auf beeinflussen muß! Er hat immer wieder in seiner Darstellung dessen, was sich schon heute in Palästina entwickelt, vor allem in seiner Darstellung der Leistungen des Chaluz, dem jüdischen Volke die Anfänge und Keime eines neuen Judentums gewiesen. Er hat sich nicht polemisch gewehrt gegen eine Darstellung seines oft geschmähten ״Achad Haamismus“ als einer für die Gesamtheit des Volkes unbedeutenden Angelegenheit, eines Laboratoriums-Experimentes, einer für Soziologen, Gelehrte und Schriftsteller interessanten, für das Volk aber belanglosen Sache; ab'er er hat, indem er immer wieder dem Volke das gewaltige Erlebnis dieses neuen Judentums in Erez-lsrael vermittelte, eine ungeheure Welle der Begeisterung und Sympathie für den Zionismus und der Bereitschaft zur Mitarbeit hervorgerufen, wie kein zionistischer Agitator vor ihm oder neben ihm. Zu dieser Fähigkeit, eine Synthese von Ideal und Wirklichkeit zu schaffen, kommt ein zweites: Das tiefe Gefühl von der Einmaligkeit der weltpolitischen Konstellafion, von der ungeheuren Verantwortung unserer Generation. Dieser Zug Weizmanns und seine eigenste persönliche Wirkung ist es, was seiner zionistischen Periode die Eigenart der Rastlosigkeit gegeben hat, der Hast und manchmal der Ueberhast, geboren aus der keinen Augenblick aufhörenden, angstvollen Sorge, man könnte den einzigen Augenblick versäumen und Dinge ungetan lassen, die heute getan werden können, aber, heute unterlassen, für immer ungetan bleiben. Dies ist es, was dem Regime Weizmann das Unstete, das Sprunghafte, das Nervöse und manchmal das Hysterische gegeben hat, das wir kennen, ln der ersten Zeit war Weizmann in einem hohen Maße bereit, der Autorität der Fachleute zu glauben. Im Jahre 1920 hatten unsere Finanzexperten, Julius Simon und seine Freunde, völlig freie Hand in der Aufstellung der Finanz- und Kolonisationspläne. Aber bald sah Weizmann, daß Pläne allein nicht genügen, um ein Werk zu vollbringen, und mögen diese Pläne noch so ausgezeichnet entworfen und fachmännisch einwandfrei sein. Und so wurde Weizmann, der Staatsmann, zu seinem eigenen Finanzminister und sogar zu seinem eigenen Steuereinnehmer. Noch sind wir den Dingen zu nahe, um das Grandiose des Schauspieles zu würdigen, wie Weizmann, von seiner inneren verzehrenden Unruhe wie von Furien gehetzt, durch Europa und Amerika jagt, um von den Juden das zu erbetteln, was ihm gestattet, seinen Königstraum zu verwirklichen. Niemand, der mit den Dingen vertraut ist, wird leugnen, daß es zum weit überwiegenden Teil, ja fast ausschließlich Weizmanns persönliche Leistung ist, daß in diesen zwölf Jahren so viele Millionen Pfund Sterling für den Aufbau Palästinas verfügbar gemacht wurden; sein Werk ist der Keren Hajessod, sein Werk ist die Leistung des amerikanischen Judentums, sein Werk auch Ruthenberg und Novoraejsky. Nie wäre diese gegen alles früher im Judentum Erlebte geradezu ungeheuerliche finanzielle Anstrengung zu Wege gebracht worden ohne Weizmanns ״heilige Unruhe“, ohne seine Angst, den Augenblick zu versäumen. Sicher ist dies auf der anderen Seite auch eine Quelle politischer Fehler gewesen. Sicher hat Weizmann so manches Mal, um der Möglichkeit willen, das Werk vorwärts zu treiben und die Zeit zu nützen, politische Rück- Schläge geringgeschätzt, Verluste an politischer Substanz allzu leicht hingenommen. In welchem Maße seine Unrast und Ungeduld objektiv gerechtfertigt war, wird erst eine spätere Zeit feststellen können. Hier haben wir die wesentlichen Züge im Charakter Weizmanns. Ihnen verbindet sich ein dritter Zug, der viel weniger zum Wesen des Mannes gehört, der vielmehr Ergebnis des Weges ist, den sein Leben ihn geführt hat. Weizmanns zionistische Politik beruhte auf dem Axiom des Vertrauens zu England. Wir, die wir in der Schule der kontinentalen den Völkerschaften“ für Annahme der zivilisatorischen Segnungen gefügig zu machen. Am aufreizendsten sind die verschiedenen farbigen Trupps, die man aus allen Ländern herangelockt oder herbeigeschleift hat, damit sie sich vor den Besuchern der Kolonialausstel- Iung produzieren. Da sieht man Indo-Chinesen, Malayen, Schwarze aller Nuancen und aller Größen, Berber, Indianer, Mulatten, Mestizen, Kreolen und viel anderen Volkes. Die meisten von ihnen frieren trotz der sommerlichen Pariser Hitze. In einer Wirtschaft führen Negerinnen Bauchtänze auf. ln der Nähe des Pavillons von Madagaskar singen und hopsen Madagassen, gekleidet wie Balkanbauem. Bei diesen Madaassen konnte ich wieder eine längst gemachte Beobachtung estätigt finden; die soziale Zugehörigkeit zu irgendeiner Klasse macht die Menschen in ihren Bewegungen und in ihrem Aussehen einander ähnlicher als volksmäßige Bindung. Zwisehen einem Madagassen — die meisten in der Pariser Kolonialaussteliung sich nach ihrer heimatlichen Sonne sehnenden Madagassen sind, wie ich durch Umfrage feststellte, Ackerbauern — und einem ukrainischen Landmann bestehen mehr Aehnlichkeiten als zwischen einem Kohlenarbeiter an der Ruhr und einem feudalen ostelbischen Großgrundbesitzer. Bei den Madagassen hielten wir uns länger auf. Sie spielten ihre nationalen Instrumente, eine Art Geige und Trommel und führten Rundtänze auf, welche sich im Tempo steigerten, um schließlieh in einen augenberückenden Wirbel ihr Furioso zu finden. Einige Madagassen sprachen gebrochen französisch, und ich konnte von ihnen erfahren, daß es ihnen sehr leid tat, nach Europa gekommen zu sein. Einer sagte mir wörtlich: ״Wir sind doen keine wilden Tiere, daß man uns so bestaunt und uns manchmal auch so abtastet, als ob wir Tiger wären und einen Pelz hätten.“ Ich schämte mich für die ganze weiße Rasse, obwohl ich keinen Teil an der Kolonialwelt der weißen Eroberer habe. Immerhin war es mir aber so, daß ich, wäre ich ein Dichter, und stünde mir getragene Rede* weise an, gesagt hätte: ״Bruder Madagasse, verzeih mir! Ich fühle mich tief beschämt und bitte Dich und Deine Brüder im Namen meiner weißfarbigen Mitmenschen um Entschuld!- gung.“ Ich habe es nicht gesagt, aber ich habe es mir gedacht. Habe ich damit schon mein Seelenheil gerettet? Wohl der einzige Pavillon in der Kolonialausstellung, der nicht direkt oder indirekt mit Regierungsgeldern geschaffen wurde, ist der Palästina-Pavillon, der Hauptanziehungspunkt der ausländischen jüdischen Besucher der Kolonialausstellung. Die Initiative zur Errichtung dieser Palästina-Schau kam vom Vorsitzenden der Gesellschaft France- Palestine, dem Senator Justin Godart. Wollte ich ausführlieh schildern (nach den Erzählungen Pariser Freunde), welche Mühe Justin Godart aufgewendet hat, um die Idee des Palästina-Pavillons zu verwirklichen, so müßte ich ein ganzes Buch schreiben. Dem Eifer dieses Palästinafreundes, der alle irgendwie an dem Aufbau Erez-Israels interessierten Kreise an ihre Pflicht zu mahnen verstand, ist es zu verdanken, daß Palästina und nicht nur das historische, sondern das neue jüdische, im Werden begriffene Palästina in würdiger Form auf der internationalen Kolonial-Schau in Paris vertreten ist. Das Gebäude, aus zahlreichen Abbildungen bekannt, ist eine Nachbildung des Grabmales der Mutter Rahel. Rings um das Gebäude befinden sich viele Verkaufsstände mit Palästina- Produkten, Restaurants, Caföhäusern, alle tragen neben der französischen auch hebräische Aufschriften. Auf dem Palästina-Pavillon selbst ist die Bezeichnung dreisprachig, hebräisch, arabisch, englisch. Sicherlich ist der Palästina- Pavillon nicht so prunkvoll wie viele andere Gebäude im Walde von Vincennes. Die Initiatoren waren gezwungen zu sparen. Sie taten es aber nur auf Kosten des Luxus, nicht auf Kosten des Geschmacks. Von den französischen Besuchern des Palästina-Pavillons setzt sich die Mehrheit aus Klerikern zusammen. Täglich kommen zahlreiche katholische Priester, Nonnen, Mönche und Zöglinge katholischer Schulen in Gruppen und füllen die Räume des Palästina-Pavillons. Das Gebäude ist in mehrere Säle, u. a. einen Herzl-Saal, Rothschild-Saal (Pica) eingeteilt. Es sind darin Modelle verschiedener Anlagen (das Ruthenberg’sche Elektrizitätswerk), Diagramme über das Wachstum der Städte und Siedlungen, Darstellungen der Plantagen und ähnliche Dinge zu sehen. Außerdem hängen an den Wänden Bilder. Maxa Nordau, Salomon Bernstein, Ziona Tagger und viele andere sind durch palästinensische Landschäften und Porträts palästinensischer Typen vertreten. Ein dauernder freiwilliger Informationsdienst ist im Palästina-Pavillon eingerichtet. Wie mir die ״Diensttuenden“ berichteten, ist das Interesse des Publikums für alles, was mit Palästina zusammenhängt, außerordentlich groß und immer wieder werden Zustimmung und Anerkennung für die jüdisehen Leistungen in Palästina geäußert. Festtage für den Palästina-Pavillon sind die Besuche des alten Baron Rothschild, der immer wieder erscheint, um zum soundsovielten Male sich an der Palästina-Ausstellung zu erfreuen. Es ist kein Zweifel, daß es ein guter Gedanke war, der internationalen Welt, die in diesem Jahre die Kolonialausstellung besucht hat, auch das werdende Palästina in Erinnerung zu rufen. Ich vermag mich nicht den kritischen Stimmen anzuschließen, welche, wie stets und überaß, auch am Palästina- Pavillon und der Palästina-Ausstellung zu mäkeln haben. Sicherlich hätte man mit größeren Geldmitteln noch viel Prunkvolleres und Repräsentableres schaffen können. Aber gerade die Einfachheit und Bescheidenheit der ganzen Anlage vermittelt das, worauf es in diesem Falle ankommt: Es handelt sich hier nicht um die Kolonisation eines Ueberseegebietes durch eine Kolonialmacht, sondern um die Schaffung einer neuen Gemeinschaft. Die Kolonialmächte haben allen Anlaß, in ihren Expositionen die Tatsache zu verschleiern, daß ihr Werk ein Eroberungswerk ist, darum müssen sie das Auge durch eine unendliche Fülle von Darstellungen blenden, wer aber nicht auf Kosten anderer und nicht als Eroberer eine neue Gemeinschaft errichtet, hat die Pflicht, zu zeigen, wie mühselig sich die Realisierung eines Werkes vollzieht, dessen Ziel nicht Ausbeutung, sondern Produktivierung von Mensehen ist. Es ist bedauerlich, daß der Palästina-Pavillon in der Kolonialausstellung keine ständige Einrichtung bleiben wird. Sogar wenn man die meisten Exponate auf die Reise durch die europäischen Länder schicken sollte, so wird der Gesamteindruck, den der Pavillon in seiner gegenwärtigen Gestalt hinterläßt, verschwinden. Läge der Pavillon nicht so weit vom Pariser Stadtzentrum, so würde es sich vielleicht lohnen, das Gelände zu pachten und den Pavillon dauernd zu erhalten. Wenn jedoch die große Anziehungskraft der Gesamtausstel- Iung durch ihre Schließung verloren gehen wird, so ist nicht anzunehmen, daß der Palästina-Pavillon, nur auf jüdische Besucher angewiesen, seinen vollen Zweck erfüllen und sich rentieren kann. Beim einmaligen Besuch der Palästina-Schau kann es nicht sein Bewenden haben. Man muß mehrere Male hingehen, um das Gebäude und die Entourage kennenzulernen. Man kann stundenlang vor den verschiedenen Verkaufsständen stehen und die Typen studieren, die dort als Verkäufer wirken oder sich als Besucher und Käufer drängen. Da gibt es Original-Araber, die ein ausgezeichnetes litauisches Jiddisch sprechen und in Bialystok geboren sind. Andererseits geben sich Syrer, Berber und _ Aegypter als Juden aus und tragen stolz das Magen David-Abzeichen, um auf diese Weise jüdische Käufer zum Abschluß eines Geschäftes zu animieren. An schönen Tagen ist das große Palästina-Restaurant überfüllt. Palästinenser machen dort die Musik, Ob diese Palästinenser aber jemals Palästina gesehen haben, ist eine Frage, die wir lieber nicht beantworten wollen. Das tut aber wenig zur Sache. Denn das Gelände des Pavillons ist ein Sammelpunkt aller in Paris lebenden oder Paris besuchenden Palästinenser und man hört dort genau so oft hebräisch wie französisch sprechen. Ich habe drei Tage im Palästina-Pavillon palästinensische Pariser Luft geatmet, bis der Sabbath kam. Für diesen Tag hatte ich mir vorgenommen, Frau Flainbjum zu besuchen, was ich wie in der Einleitung zu lesen, auch ausgiebig getan habe. Moses Waid mann.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.