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Jüdische Rundschau · 1931-09-11 · Heft 71 (11.9.1931) · page 2

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
XXXVI (1931)
Issue
Heft 71 (11.9.1931)
Date
1931-09-11
Page
– (sequence 2)
Language
German
Belongs to
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Seite 432 JÜDISCHE RUNDSCHAU Nr. 70, 11. IX 1031 hälfe sich mit aller Macht gegen eine solche Freilassung gestemmt, und zwar mit der Begründung, daß dadurch die Situation in Nablus sich komplizieren würde; die Angeklagten würden nach Meinung der Polizei Anlaß zu neuen Qirungen in der Stadt geben und auch ihren Einfluß aufwenden, um Zeugen zu beeinflussen. Der Richter hat schließlich nach einem längeren Scharmützel zwischen der Polizei und der Verteidigung der Freilassung zugestimmt, jedoch die Angeklagten ersucht, in der Zeit des Prozesses nicht nach Nablus zuriiekzukehren. f)ie Polizei hat dieses Verdikt mit Zähneknirschen annehmen müssen und der weitere Verlauf des Prozesses wird mit Spannung erwartet. Die arabische Presse widmet naturgemäß diesen Oerichtsverhandlungen, die einen rein politischen Charakter tragen, viel Raum. Für die Extremisten sind diese Austinandersetzungen eine hochwillkommene Gelegenheit für ihre Propaganda, die sie damit aus den Cafes, Versammlungen und der Presse bis vor die Schranken des Gerchtshofes trageni. Das ist einer der Gründe, warum der Verlauf dieses Prozesses ebenso wichtig ist wie sein Ausgang. Er trägt mit dazu bei, die politischen Fragen mit im Vordergründe zu erhalten und die politische Erregung nicht zur Ruhe kommen zu lassen. m Die palästinensische Exekutive der jewish Agency ist noch immer unvollständig. Seit in dieser Woche Dr, Senator an sein schweres Amt als Schatzmeister zurückgekehrt ist, ist zumindest ein Dreierkollegium vorhanden, das an die Regelung der dringendsten Fragen schreiten kann. In die letzte Woche fiel auch die erste ausführliche polifische Deklaration der neuen Exekutive; Ariosoroff hat nach Uebernahme des politischen Departements Gelegenheit genommen, sich auf einer Pressekonferenz über die Richtlinien seiner Politik und damit der der neuen Leitung zu äußern. Das sehr ausführliche Statement befaßt sich mit allem Teilen der politischen Arbeit, der Innerzionistischen Situation, der Stellung zu England und zur palästinensischen Administration, dem Landentwicklungsplan und der Anleihe und schließlich der arabischen Politik. Der interessanteste Teil der Rede, der im Munde des neuen politischen Referenten programmatische Bedeutung hat, befaßt sich mit der Stellung der Agency zu England. Arlosoroff hat hier Gelegenheit genommen, die Thesen, die er seit langem verfochten hat, in aller Deutlichkeit zusammenzufassen. Man hat im Lande besonders diesen Teil seiner Deklaration als ״weizraannistisch“ bezeichnet und vielleicht nicht mit Unrecht. Hier wurde zum ersten Male seit längerer Zeit eine scharfe Absage an die Politik der ״Nur-Proteste“ gegeben und als die widrigste Aufgabe der künftigen Arbeit der ״Wiederaufbau der Trümmer des Verständnisses und des Vertrauens“ zwisehen den Juden und England charakterisiert. Es ist interessant, daß gerade diese Aeußerungen von der nicht-oppositionellen Presse — wie zum Beispiel vom ״Haarez“ — lebhaft begrüßt wurden. Ein ausführlicher Teil der Deklaration ist der arabiseien Politik gewidmet. Man spürt den Willen heraus, mit neuen Kräften an dieses dornige Problem heranzugehen. Ob das gelingt, wird natürlich nicht nur von der neuen Exekutive und ihren einzelnen Mitgliedern, sondern auch von der Gesamthaltung des Jischuw und seiner Presse abhingen. Es war also nur logisch, wenn Arlosoroff in einem eindringlichen Appell sich diese Unterstützung weifester Kreise erbat. Bisher schien nämlich in der palästinensischen jüdischen Presse kein sehr günstiger Wind für die neue Leitung zu wehen. Nach Schluß der Baseler Sitzungen begann ein konzentrischer Angriff vor allem gegen den neuen politischen Referenten, der hauptsächlich von ״Haam“ und ״Doar Hajom“ getragen wurde, dem sich aber auch ein solches Organ wie der ״Bustanai“ (die Wochenzeitschrift der Pflanzer) anschloß, das sich nicht mit der Idee abfinden konnte, daß ein Vertreter der Arbeiter das politische Departement übernahm. In der letzten Zeit sind diese Angriffe abgekiungen und es scheint die Tendenz zu bestehen, der neuen Exekutive zuerst einmal eine Chance zu geben. Es lohnt vielleicht der Erwähnung, daß sich auch die a r abische Presse ausführlich mit dem Wechsel im politischen Departement der Agency beschäftigt. Einige Blätter bringen Charakteristiken des neuen Referenten, schildern seinen Werdegang, seine Anschauungen und bisherigen Leistungen. Gefenuber dem Programm der arabisch-jüdischen Verständigung, as sie als einen der Eckpfeiler im Programm Arlosoroffs erwähnen, kündigen verschiedene Organe den schärfsten Kampf an. »'■ ln die letzten Wochen fällt eine Jubiläumsfeier, die unter normalen Verhältnissen im Lande und im Zionismus wahrscheinlich den weitesten und stärksten Widerhall tefunden hätte, jedoch jetzt ohne jede Aufmachung und in escheidenstem Rahmen gefeiert wird: der Zehnjahrestag der Besiedlung des Emek. Vor kurzem hat Nahajal den Tag gefeiert, an dem die ersten Siedler vor zehn Jahren den Boden in Besitz nahmen, ln diesen Tagen feiert E j n ־ C h a r o d dasselbe Fest. Man versammelt sich in der Kolonie, sämtliche Siedler, Freunde, solche, die früher dort gearbeitet haben und verbringt einen Tag 1m Andenken an jene erste Zeit der Besiedlung. Es ist im Laufe dieser zehn Jahre unendlich viel — sicherlich zu viel — über diesen Landstrich, seine Entsumpfung, seine Neubesiedlung, seine Menschen und Wirtschaften geschrieben worden. Richtiges und Falsches ging durcheinander. Hemmungsloses Lob rief eine herbe Reaktion hervor. Lieblose Kritik wetteiferte mit hemmungsloser Lobhudelei. Wohl noch nie ist eine solche Arbeit derart im Lichte der Oeffentliehkeit vor sich gegangen, wohl noch nie hat man sie vom ideologischen, Wirtschaftliehet!, nationalen Standpunkt so umstritten. ״Das Emek“ wurde aus einer Siedlungsgegend zu einer Art Symbol, zu einem Objekt der Liebe und der Anfeindung. So ist es heute nach zehn Jahren außerordentlich schwer, etwas über das Emek zu sagen, wenn man nicht einen der vielen Artikel und Reden wiederholen will, die im Laufe dieser Zeit darüber entstanden sind. Man fürchtet sich, nach so viel Uebertreibungen zum Guten und zum Bösen kalt zu erscheinen oder — noch schlimmer — platt zu wirken. Und vielleicht ist auch das Emek selbst der Reden müde. Nur eines sei gesagt: es wissen vielleicht nur die, die selbst an dieser Arbeit beteiligt waren, welch eine Fülle von Mühe, Sorge, Hoffnung und auch Enttäuschung diese Siedlungen bergen. Und gerade deshalb ist die schlichte Form des Jubiläums vielleicht der richtige Auftakt für das jetzt beginnende zweite Jahrzehnt. Gemeladewahlen in der Tschechoslowakei (Von unserem Berichterstatter.) hl, Prag, 7. September 1931. Am 27. d. M. linden in fast allen Gemeinden der Tschecho- Slowakei Wahlen der Stadtvertretungen statt. Die Jüdische Partei wird wie bisher überall, wo es die zahlenmäßige Zusammensetzung der jüdischen Bevölkerung gestattet, selbständig kandidieren. In Prag kandidiert die Jüdische Partei den Vorsitzenden des Zionistischen Landeskomitees, Herrn Norbert Adler. Am 6. d. M. fand in Mährisch-Ostrau ein außerordentlieh er Parteitag der Poale Zion statt, der sich mit der Haltung der P. Z. bei de» kommenden Gemeindewahlen beschäftigte. Es wurde beschlossen, in allen Orten, wo eine selbständige Liste der P. Z. möglich ist, selbständig zu kandklieren und mit den sozialdemokratischen Parteien zu koppeln. Es dürfte sich dabei um Brünn, Bratislava, Olmütz und Mähr.- Ostrau handeln. Wo keine eigenen Listen eingerichtet werden, sollen Versuche unternommen werden, Kandidaten der P. Z. auf den Listen der sozialdemokratischen Parteien zu placieren. Dieser Beschluß bedeutet eine Trennung von der bisherigen Taktik dfcr P.Z., die bei den vergangenen Wahlen gemeinsam mit der Jüdischen Partei aufgetreten ist. Me Lehrerjjehällcr ia Palästina Der palästinensische Lehrerverband bittet uns mitzuteilen, daß er an den Präsidenten des Aktions- Comitds die Aufforderung gerichtet hat, den zwischen den Lehrern und der Exekutive schwebenden Streit bezüglich der Herabsetzung der Lehrergehälter dem Koagreßgericht zu übertragen, da die Exekutive sich weigert, einem Schiedsgerichtsverfahren zuzustimmen. Die Lehrer stehen auf dem Standpunkt, daß die gegenwärtigen allgemeinen Gehaltskürzungen in Palästina die Lehrerschaft nicht im gleichen Maße treffen dürfen wie die anderen Kategorien, weil die Gehälter der Lehrer, aber nicht die der anderen Beamten., bereits vor sieben Jahren verkleinert worden sind. Norman Bentwlch geht Eta• offizielle Bekanntmachung der Palästina-Regierung besagt, daß Norman Bentwlch, der Oberstaatsanwalt für Palästina, am 31. Oktober d. J. aus dem Regierungsdienst ausscheidet und daß sein Urlaub bis zu diesem Datum verlängert worden ist. Normen Bentwich war seit Beginn der britischen Okkupation (1917) leitender Verwaltungsbeamter in Palästina und wurde unter Sir Herbert Samuel Generalstaatsanwalt und Oberster Justizbeamter. Als solcher hat er eine Neuordnung des Gerichtswesens in Palästina durchgeführt. Schon seit längerer Zeit war es in unterrichteten Kreisen bekannt, daß mit einem Ausscheiden von Bentwich aus der palästinensischen Beamtenschaft zu rechnen ist. Es heißt, daß gewisse Unstimmigkeiten zwischen ihm als dem obersten Chet der Justizverwaltung und dem gegenwärtigen obersten Richter Palästinas den Ausschlag gegeben haben. Mag es sein wie es wolle, die Sache hat jedenfalls auch ihren politischen Hintergrund. Die Beseitigung von Bentwich ist seit vielen Jahren eine der Hauptforderungen der nationalistisehen Araber. In allen arabischen Kundgebungen kehrt die Beschwerde wieder, daß England die Gesetzgebung des Landes dem ״Zionisten Bentwich“ ausgeliefert habe, der sein Amt zugunsten der Juden und gegen die Araber mißbrauche. Diese persönliche Hetze, für die es natürlich nicht die geringste sachliche Grundlage gibt, hat auch zu dem bedauerlichen Attentat auf Bentwich am 24. November 1929 geführt, bei dem Bentwlch glücklicherweise nur leicht verwundet wurde. Aber auch in jüdischen Kreisen wurde an der Amtsführung von Bentwich oft scharfe Kritik geübt. Man warf ihm vor, daß er als oberster Staatsanwalt nicht genügend encrgisch in der Untersuchung und Verfolgung der gegen die Juden begangenen Hetzereien und Mordtaten vorging und auch sonst aus dem Bestreben, gerade als Jude seine Unparteilichkeit zu beweisen, die jüdischen Interessen hintansetze. Schon aus dem Gesagten geht hervor, daß Bentwich tatsächlich infolge seines Judentums eine überaus delikate und schwierige Stellung hatte, der er sich in vorbildlicher Sachlichkeit dank seiner großen persönlichen Fähigkeiten und juristischen Qualitäten, unbeirrt durch alle Angriffe, gewachsen zeigte. Es wäre vielleicht noch zu erwähnen, daß überdies Bentwich gelegentlich die bittere Erfahrung antisemitischer Entgleisungen seiner engeren Kollegen in der Palästina-Verwaltung machen mußte, was einmal sogar zu einem Eingreifen des High Commissioners geführt hat. Mit Bentwich scheidet der letzte jüdische oberste Beamte aus der Palästina-Verwaltung. In hohen Aemtern sind jetzt nur noch der Hilfssekretär Nurok und der Leiter des Immigrationsdepartments Hyatnson. Wenn auch, wie aus dem oben Gesagten hervorgeht, wegen des Mißtrauens von beiden Seiten Juden in der höchsten Verwaltung Palästinas einen schwereren Stand zu haben pflegen, so muß doch diese Tendenz zur ״Judenreinheit“ der Verwaltung mit großem Bedauern festgestellt werden. Es wäre äußerst bedenklich, wenn, wie man leider annehmen muß, hier nicht nur eine verwaltungstechnische Personalmaßnahme, sondern ein Prinzip vorläge. Was Bentwich persönlich betrifft, so hoffen wir, daß seine Wirksamkeit für Palästina und das Jüdische Nationalheim nicht abgeschlossen ist, sondern daß er jetzt, wenn er von den Fesseln des offiziellen Amtes befreit ist, seine Intelligenz, Sachkenntnis und Besonnenheit der jüdischen Sache zur Vertagung stellen wird. Bentwich entstammt bekanntlich einer alten zionistischen Familie. Er ist in den letzten zehn Jahren mit seinen politischen Anschauungen nicht öffentlich hervorgetreten, doch ist es kein Geheimnis, daß er ein unbedingter Anhänger eines politisch ״gemäßigten“ Zionismus ist, der eine arabisch-jüdische Verständigung nicht ausschließt. Vor einiger Zeit hat die ״Jüdische Rundschau“ Bentwichs neues Buch über das Mandatssystem angezeigt. Am 5. September fand in Palästina im Arbeitertheater ״Ohe 1“ die Aufführung des Stückes von Friedrich Wolff 218 §״“ in hebräischer Uebersetzung von Jakob Horowitz statt. Inszenierung von Mosche Halevy, Bühnen- Wider von L. Krakauer. Diese Aufführung ist die erste von einer Serie von sechs Stücken, die das ״Obel“ in dieser Saison herauszubringen beabsichtigt. Idt hatte Fra■ Fianttaan wiedergesellen... Aber nicht gesprochen. Hingegen konnte ich nicht umhin, bei ihr gehackte Leber, foie hachöe, und gefüllte Milz, rate emplie, zu essen. Ich tat das an einem Sabbat, an einem Tische, der gegenüber dem erhöhten Sitze von Frau Flambäum stand, so daß ich sie in ihrer ganzen Kommandoherrlichkeit ungestört bewundern konnte. Sie thronte hoch oben in Haltung und Miene etwa wie Kaiserin Maria Theresia auf dem großen Denkmal zwischen den zwei Museen auf der Wiener Ringstraße und redete nur mit Händen und Augen. Ein Blick nach links, und die Kellner beeilten ihre Schritte. Ein Wink mit der Hand nach rechts, und der Weinträger füllt« rascher die Krüge. Frau Flambaum ist nämlich, ohne daß ich die Absicht hätte, die anderen jüdischen Restaurants in Paris als schlecht hinzustellen, Inhaberin der besten jüdischeu Garküche in Paris. Und würde Heinrich Heine noch leben, so wäre er zweifellos Stammgast bei Frau Flambannt, und sowohl sie, wie der wundervolle Geschmack ihrer Gerichte fänden in einem unvergleichlichen Gedichte literarische Verewigung. Der Besuch bei Frau Flambaum war der Abschluß einer kurzen jüdischen Reise nach Paris. Um es gleich vorwegzunehmen, nicht nur Abschluß, sondern auch Krönung. Es gibt in Paris viele jüdische Institutionen, darunter neugeschaffene. Es gibt in Paris ein Judenviertel, das in den letzten Jahren außerordentlich groß wurde und wo es viel zu sehen und viel zu riechen gibt. In Paris wird jetzt in einer internationalen Kolonialausstellung gezeigt, in welchem Maße das alte Europa die Welt unterjocht und ausgebeutet hat. In dieser Kolonialausstellung gibt es einen Palästina-Pavillon und rings um ihn ein Palästina-Viertel mit Cafehäusern, Restaurants, Verkaufsständen, arabischen und jüdischen Handwerkern und allerhand echten, sowie auch gefälschten Palästinadingen. Man kann somit als Jude, der mit jüdischen Absichten nach Paris ging, das jüdische Paris im Sommer 1931 zu sehen, viel erfahren. Das beste aber an allem ist das Restaurant Flambaum, jene Gaststätte, in der wir vor vier Jahren nach dem Schwarzbarth- Prozeß bis zur Bewußtlosigkeit Tee tranken, um dann diese Tätigkeit im Lokal des Komitees der jüdischen Delegationen fortzusetzen. Frau Flambaum hatte uns damals das Angebot gemacht, daß sie Freisekt spendieren werde, wenn Schwarzbarth freigesprochen wird, indem daß jedoch die Mehrzahl der von Frau Flambaum Eingeladenen aus waschechten Ostjuden bestand, entschloß man sich zur ״Begießung“ des Freispruches mit dem heimatgewohnten Tschaj. Immerhin blieb mir seit jener Zeit sowohl Frau Flambaum, wie ihre ״Bouillon avec Lokschen“ in bester Erinnerung, und ich gestehe, daß auf der Reise vom Baseler Zionistenkongreß nach Paris im Unterbewußtsein die erwartete Sensation nicht so sehr die Kolonialausstellung, wie ein Besuch in Frau Flambaums Garküche gewesen ist. Aber nun schön der Reihe nach! Um Mitternacht kamen wir auf dem Ostbahnhof an. Eine halbe Stunde später schon waren wir auf Montparnasse im Cafe Coupoie. Das muß näher erklärt werden. Vor wenigen Jahren noch war der Mittelpunkt der Welt und der jüdischen Boheme das Cafe Rotonde, und wenn man irgendeinen Bekannten in Paris sehen wollte, so ging man schnurstracks in die Rotonde. Dort fand man in 80 von 100 Fällen die gesuchte Person oder bekam zumindest zuverlässige Auskunft, wo man den Gesuchten finden könne. Die Königin Mode jedoch beherrscht nicht nur Damenhüte und Roben, sondern auch Cafehäuser. Kein Mensch vermochte mir zu erklären, warum Cafe Roton de aus der Mode gekommen sei. Tatsache ist, daß Rotonde weiches gegenüber der» Coupoie liegt, verlassen ist, während sich im Cafö Coupoie nicht nur hunderte, sondern tausende Gäste drängen und einander das schmälste Plätzchen streitig machen, wir gingen also ins Coupoie und traten dort einen Teil 'des Ziomstenkongresses und des Councils der Jewish Agency, nämlich jenen Teil, der sich entweder auf der Rückreise nach England oder nach Uebersee befand. Es ist falsch zu behaupten, das Cafe Coupoie sei ein multipliziertes ״Romanisches“. Der Große und Besucherzahl nach mag eine derartige Behauptung zutreffen, dem Charakter nach jedoch ist das Caf€ Coupoie keiner anderen Gaststätte auf diesem Erdenrund zu vergleichen. Es ist eine pariserische Angelegenheit, obwohl neun Zehntel aller Gäste das Licht der Welt weder in Paris, noch im milden Frankreich erblickt haben. Trotzdem sind alle in irgendeiner undefinierbaren Art von der linden Luft des Montparnasse und von dem klaren Himmel Frankreichs gezeichnet. Jeder einzelne ist, was er ist, Chinese, Japaner, Schwede, Amerikaner, Ostjude oder Balkanese, alle zusammen aber sind sie ein Teil von Paris, offenbar darum, weil bekanntlich jeder Mensch zwei Vaterländer hat, das eigene und Paris. Sicherlich gibt es in Paris Zentren, die in unvergleichlich höherem Grade den Charakter der Stadt bestimmen, Clubs und Reunions, in denen das echte eingeborene Paris plaudert, denkt und schafft. Trotzdem liefert auch das Coupoie seinen Beitrag zur Physiognomie, der leiblichen und der geistigen, der Weltmetropole an der unzählige Male gewundenen Seine. Für diejenigen, die es nicht wissen: Die fetzt in uer ganzen Welt modern gewordenen Jägerhütchen, welche von den Frauen im Berliner Westen, in Wien, Budapest, Warschau und Bukarest getragen werden, sind zum ersten Male von gefälligen Damen des Cafe Coupoie aufgcsetzt worden. Bis 2 Uhr nachts hielten wir in? Cafe Coupoie Nachkongreß ab, besprachen dies und das und kamen zu ebtnso fnichtbaren Resultaten wie der Kongreß in Basel. Ueberdies aber vereinbarte eine kleine Gruppe, der ich mich anschloß, für den nächsten Tag einen Besuch des Palästina-Pavillons in der Kolonialausstellung. 4 * Man kann nach Vincennes, 1n dessen Wald die Kolonialausstellung eine Fläche bedeckt, die der Größe der Gemarkung einer Mittelstadt entspricht, mit der ״Metro“, der Pariser Untergrundbahn, dem Autobus und, mehrmals umsteiend, auch mit der Straßenbahn gelangen. Als einer, der in aris über einen autobesitzenden Verwandten zwölften Grades verfügt, entschloß ich mich, im Wagen dieses ad hoc-Verwandten und in dessen Begleitung zur Kolonialausstellung zu fahren. Ohne Panne ging das aber nicht ab. Mein Sirius- Verwandter brannte vor Ehrgeiz, mir seine Fahrfertigkeit zu zeigen, und schon war allerhand Zeug im Getriebe des Wagens durcheinandergeraten. Also begaben wir uns in eine Autoreparaturwerkstätte, wo der Monteur erklärte, mich zu kennen. Er behauptete, mich in Köln gesehen zu haben, wo er bei der französischen Besatzungstruppe gedient hatte. Da er von Köln und Besatzung sprach, hielt ich die Gelegenheit für günstig, ihn als Repräsentanten des französischen Volkes zu einem neuen Kriege einzuladen. Der gute Monteur schaute mich mit Kulleraugen an und antwortete in schönstem Köl’sch: ״Du bist wohl varückt!“ Diesen schönen Ausspruch hatte er als Kronjuwel seiner erworbenen Sprachkenntnisse aufbewahrt, um ihn zur rechten Zeit leuchten zu fassen. Pustend und stöhnend fuhren wir von der Garage los, und im Gefühle, in einer friedfertigen Welt zu leben, zog ich nach Vincennes. Lieber die Kolonialausstellung, die einzeL nen Pavillons, Tempel, Wasserspiele und die verschiedenen Lustbarkeiten ist viel berichtet worden. Es ist überflüssig, daß ich davon erzähle. Der allgemeine Eindruck, den man empfängt, ist, daß hier die Weißen heuchlerisch und schamlos zugleich zur Schau stellen, wie sie die Hälfte der Erdoberfläche unterjocht und sich dienstbar gemacht haben. Man zeigt Abbildungen zivilisatorischer Einrichtungen, die man in fernen Ländern geschaffen hat. Man demonstriert Roh- Stoffe, welche man durch Erschließung der Kolonien für den Welthandel gewonnen hat. Man zeigt aber nicht das Blut und die Tränen, die Grausamkeiten und Gewalttaten, die Begleiterscheinungen der Kolonisierungstätigkeit der weisen Rasse gewesen sind. Man vermeidet es, historisch darzustellen, wieviel Raubgier, Blutdurst und entfesselte Roheit von den weißen Eroberern hemmungslos betätigt wurden, um die fernen ״wil-

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