Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XXXVI (1931)
- Issue
- Heft 70 (8.9.1931)
- Date
- 1931-09-08
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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JÜDISCHE RUNDSCHAU Sehe 429 X. 1931 Nr. 70, 8, ÖL 1631 Der Weg zurück meinde n Zeitung“ I eo Wolf fl Rundschau“ I Gemeindeler Berliner nicht mehr u beweisen, ti, der E r - iber niemals wären, den stigen Ausnur Um- 3ehauptung, tlichtung zu )arlegungen önnen auch ler liberalen Verletzung iß ein ein- .ehrstuhl an Vor einiger ehrstuhl an sogenannte Recht und tperson, hat ׳ die dau- Beim Lehr- ,,Errichter“! besondere;etzung auss Zweckes t sein Be- :uch für die fenen Lehritsrat Wolf{ piel nennen, lwo in der , Hätte die in nur die es ergreifen der öffent- ■n die Libech, daß die d. h. i 11 s t.e. 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New York, Harper & Brothers, 1929; Stephen Escott. A Novel (Leipzig, Tauchnitz Verlag); The last days of Shylock. A Novel (New York, Harper & Brothers, 1931). Leben und Schaffen des Deutschen, Amerikaners, Juden Ludwig Lewisohn zeigt eine fast symbolhafte Bedeutung für unsere Zeit: mail müßte diesem Manne seine Aufmerksamkeit zuwenden, auch wenn sein Künstlertum nicht so stark wäre wie es sich in seinen besten Stunden offenbart. Lewisohn — er selbst hat uns sein Leben einmal erzählt,, und seine Werke erzählen es uns immer aufs neue — kommt aus einem jüdischen Hause in Berlin der achtziger Jahre, wo der Weilinachtsbaum statt der Menorah strahlte; Kind einer Generation, der das Deutschtum alles bedeutete — das Judentum nahezu nichts. Früh nach Amerika verpflanzt, gibt er in der ersten Hälfte seines Lebens all seine Kraft der selbstgewählten Aufgabe hin, Vermittler zwischen der Kultur des alten und des neuen Vaterlandes zu sein; auch dies vielleicht im Streben des Brückenbauens eine typisch jüdische Aufgabe. Er übersetzt eine Reihe der stärksten deutschen Dichter in die neue Muttersprache, die er bald wie wenige echtbürtige Amerikaner meistert; er ist der Kritiker des füllrenden literarischen Organs — fast eine Stellung, wie sie etwa Maximilian Harden in Vorkriegszeiten in Deutschland einnahm. Sein Weg scheint vorgezeichnet. Da aber bricht der Krieg aus; und im Lauf dieser vier Jahre zeigt sich ihm immer deutlicher das amerikanische Antlitz — und sein eigenes Antlitz. Es ist eine dieser umstürzenden Erkenntnisse, die Dante meint, ״nel mezzo del camin . . mitten auf dem Wege unseres Lebens. Mit plötzlicher schmerzhafter Klarheit erkennt er, daß er Jude ist; und daß er in diesem einst so gastlichen Lande einsam ist wie in der Wüste. Aus diesem Paulus wird wieder der Saulus, der seiner Väter gedenkt und als Glied sich an die unendliche Kette reiht. Zuerst freilich scheint diese blitzartige Einsicht ihn zu zerschmettern. Eigenes trübes Erlebnis einer unglücklichen Ehe, deren Tragik ihn in den Augen der moralheuchelnden bürgerliehen Welt Amerikas verfemt, kommt dazu: der Schluß seines ersten Bekenntnisbuches ״Up st re am“ (Gegen den Strom) atmet vollkommene Ratlosigkeit. Aber er findet seinen Weg; und dieser Weg heißt — Israel. Von nun an kann er kein Wort mehr schreiben, ohne daß die Sphinx jüdischen Schicksals ihm mit ihrem Rätsel gegenwärtig ist. Da erlebt er einen ״Römischen Sommer“ — mit Glut und Sonnenuntergängen in der Campagna; der Sohn des alten Volkes aber sieht von der Herrlichkeit des antiken Rom, von allen Göttern und Tempeln zuerst und zuletzt den Titusbogen und in ihm das Mal der Erinnerung an den Unglückstag Jerusalems. Denn er entdeckt in seiner Brust jenes ״Eiland im Innern“, wie der Titel seines bekanntesten Buches es faßt, und nun stellt er in der Entwicklungsgeschichte einer jüdischen Familie, über die an dieser Stelle berichtet wurde, das ״Erbe im Blut“ dar, das sein ganzes Leben von jetzt an beherrschte. Seit diesem diesseits und jenseits des Ozeans vielgelesenen Buche hat nun Ludwig Lewisohn eine Reihe von neuen Büchern geschaffen. Jedes von ihnen lebendiger Ausdruck jüdischer Seele: es ist, als ob ein lang versiegter Brunnen durch Zauberkraft plötzlich wieder zu strömen beginne der rauscht nun doppelt machtvoll, als wolle er alles schmerzlich Versäumte nachholen. Zuerst erschien die Fortführung seiner bereits erwähnten Lebensbeichte ״M i d c h a n n e l“, die Geschichte seiner Wanderungen zu den Juden in aller Welt; auch dies Buch wurde hier bereits gewürdigt. Nun aber gesellten sich zu ihm in rascher Folge noch zwei Romane und — zürn ersten Male in Lewisohns Schaffen — ein Drama. * ״The last days of Shylock“ — Shylocks letzte Tage — heißt das erste dieser Bücher. Ein Roman — und doch kein Roman. Nichts Geringeres als: die Fortsetzung von Shakespeares ״Kaufmann von Venedig“. Lewisohn hatte den kühnen (vielleicht allzu kühnen) Einfall, den Wegen Shylocks, des Juden von Venedig, mit jüdischen Augen nachzusehen. Ein Gedanke, der in alter und neuer Zeit manch fühlendes Herz verfolgt hat; mancher wird hier an die schöne Engländerin denken, die in Heines ״Jessica“ der Ueberzeugung des Dichters Worte verleiht ״The poor man is wronged!“ — ״Dem armen Manne geschieht Unrecht!“ ruft sie und kann sich nicht beruhigen. Aber auch in letzter Zeit erhielten wir manch wertvollen Beitrag zur ungelösten Shylock-Frage; ich erinnere hier an die schöne Arbeit Gronemanns im Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur (1925) ״Antonio, der Kaufmann von Venedig“. —- Lewisohn geht andere Wege. Ohne sich auf die Probleme des Dramas selbst einzulassen, verfolgt er den doppelt beraubten Juden, der um sein Recht und um seine Tochter betrogen wurde, seit dem Augenblick, da der Vorhang auf der Bühne fällt — und manch jüdisches Herz im Aufruhr zurückläßt. So erspart er sich den ewigen Kampf mit Shakespeare um die innere Gerechtigkeit seines Dramas, der überall dort ausgetragen wird, wo jüdische Augen dies schöne Monstrum anschauen — es will uns scheinen, als ob dieser Kampf auch im Herzen der jüdischen Darsteller des Shylock brennt und die Gestalt eines Schildkraut, eines Kortner so unvergeßlich machte; — und gelangt auf seinem eigenen Wege zu einer neuen Art von poetischer Gerechtigkeit, die ihm zugleich vergönnt, die verschlungenen Pfade der jiidischen zeitgenössischen Geschichte an der Hand dieses mitlebenden Wegweisers zu wandeln. Shylock vermag, nachdem er in erschütternder Szene in San Marco sich der Taufe unterwerfen mußte, durch die Hilfe seiner jüdischen Brüder zu fliehen; er wird Geschäftsführer der Grazia Nassi, der ersten jüdischen Politikerin, geht als Vertrauensmann ihres Schwiegersohnes Joseph Nassi, des Herzogs von Naxos, nach Tiberias, erlebt Anfänge und Mißlingen der Kolonisationsversuche seines Gönners, und darf schließlich sogar die verirrte Jessica wiederfinden und in ihren drei Söhnen, die er Abraham, Isaak und Jacob nennt und als Juden erzieht, sein eigenes jüdisches: Fortleben verkörpert sehen. Der Plan des Buches entbehrt nicht einer gewissen Größe; aber die Kraft der Ausführung kann mit dem Entwurf nicht Schritt halten — und so bestehen große Teile des Buches aus ungeformtem historischen Material. Und dann ״ . der in Erz gegossene Shylock des Dramas wird trotz all seines Grimms blässer und blässer, je weiter das Buch fortschreitet. Der Greis, der am Herzen seiner Tochter stirbt, mag ins Gan-Eden eingehen; hinter ihm erhebt sich drohend Shylocks Schatten und spricht: ״Wer bist du?“ — Denn es ist schließlich doch nicht so leicht, einem Adler eine Feder aus den Flügeln zu reißen . < . ״Was man vom Homer gesagt hat, es lasse sich eher dem Herkules seine Keule als inm ein Vers abringen, das läßt sich vollkommen auch vom Shakespeare sagen. Auf die geringste von seinen Gestalten ist ein Stempel gedruckt, welcher gleich der ganzen Welt zuruft: ich bin Shakespeare! Und wehe der fremden Schönheit, die das Herz hat, sich neben sie zu stellen!“ * Viel fester auf seinem eigenen Boden steht Lewisohn in dem zweiten dieser Bücher, der amerikanischen Gegenwarts- «,zählung ״Stephen Escott“. Da tat alles scharf gesehen und scharf geformt. Lewisohns eigenes Leid und Leben spricht hier zu uns — und ergreift uns. Der Gegensatz zwischen einem ehrlichen Kämpfer für Gerechtigkeit und Menschlichkeit, dem jüdischen Rechtsanwalt David Sampson, und der verlogener! •amerikanischen Umwelt, verkörpert durch die Gestalt des Schulfreundes Oliver Adam Clayton, der ״von der Bibel spricht und Baumwolle meint“. Und die eigenste Tragödie des Verfassers, die unbefriedigende und zermürbende Ehe, die an der Verständnislosigkeit der Gefährtin für das Tiefste und Nächste im Manne, scheitern muß. Dieser amerikanischen Tragödie stellt Lewisohn das Bild einer jüdischer Ehe gegenüber, das bei aller Treue im Kleinen von verklärendem Lichte umstrahlt ist. Ein Sabbatabend Im Hause des Mannes, der durch seinen Kampf ums Recht vor den Augen der Welt Schiffbruch gelitten hat, und doch fn seinem Hause den Gottesfrieden wiederfindet, schließt das Buch harmonisch ab. * Als merkwürdigstes unter diesem Dreigespann von Büchern erscheint mir das zeitlich älteste von ihnen, das Drama ״A d a m“, das schon im Jahre 1929 entstand, aber bisher noch vergeblich seiner Uraufführung harrt; obwohl unseren revuegewohnten Augen diese Reihe von zum Teil stark packenden Bildern recht bühnenwirksam erscheint. ״Adam“ — das bedeutet nicht etwa die Geschichte des ersten Menschen, sondern hinter diesem Adam Elhar verbirgt sich jener bekannte beigische Finanzmann und abtrünnige Jude, der Baron Löwenstein, dessen geheimnisvolles Ende — er verschwand aus dem Flugzeug und es ist bis heute nicht geklärt, ob Selbstmord, ob Unglücksfall sein Ende herbeiführte — vor einigen Jahren die Gemüter erregte. — Nur diese beiden Tatsachen, der plötzliche Tod eines getauften Juden, scheinen Lewisohn bekannt zu sein. Aber mit großer Kunst baut er daraus die Geschichte eines Abtrünnigen in unserer Zeit. Ohne daß wir diesen Adam Elhar je zu Gesicht bekommen — ähnlich formt Werfel seinen Juarez, der uns auch niemals gegenübertritt lernen wir ihn aufs genaueste kennen. Wir sehen ihn mit den Augen der Umwelt, die ihm mißtraut, mit den Augen der nichtjüdischen Frau, die ihn flieht, mit den Augen seiner jüdischen Brüder, die vergebens um ihn werben. Endlich enthüllt ein Gespräch seiner Eltern, im kleinen ostdeutschen Städtchen, die Entwicklung des begabten jüdischen Kindes, das über die Eltern hinaus wollte und, von den christlichen Schulgenossen aufs bitterste verletzt, vor Jahren für alle verschwand und als Adam Elhar endlich wieder auftauchte. Und dann schließt den Abtrünnigen Anfang und Ende des Dramas an die Vergangenheit und Zukunft seines Volkes und macht aus ihm eine Neugestaltung des Ewigen Juden, der verflucht ist, weil er sich gegen die eigene Seele verging — dem aber Erlösung zuteil werden kann, wenn ein neues jüdisches Geschlecht auf altneuem Boden Bliite der Jugend und Blüte der Kraft willentlich dahin gibt, damit jüdische Kinder der Zukunft vor dem Schicksal des Adam Elhar bewahrt ״unter ihrem Volke leben — im eigenen Lande — in Frieden“. Mag sein, daß diese erste und letzte Szene — der Prolog spielt zwischen Rabbi Akiba und seinen Genossen, die sich zum Märtyrertum bereiten; der Epilog zeigt uns ein junges Menschenpaar in der Kwuzali —- allzu unverbunden neben der Haupthandlung stehen. Vielleicht sind auch gerade diese beiden Szenen — offenbar die wichtigsten für ihren Schöpfer — mehr gedacht als geformt. Aber dem dramatischen Wurfe als Ganzem kann die Treffsicherheit und Bühnenwirksamkeit nachgerühmt werden, die schon den Leser des Stückes packt und sicherlich den Zuschauer der Aufführung noch stärker packen würde. WiT hören, daß Habimah seit langem nach Erweiterung ihres Stoffkreises strebt: che man zu Shaw und zu Somerset Maugharn greift, sollte man sich um Ludwig Lewisohns ״Adam“ bemühen. Denn das andere können die anderen auch. Dies aber ist Fleisch von unserem Fleisch und Blut von unserem Blut. Bertha Badt-Strauß. Der Feldzug gegen Hebräisch Von Dr. S. Kaie ko. Der Kampf der Jiddischisten gegen die hebräische Sprache ist nicht neu. Zu dem Zeitpunkt, als der Zionismus die Parole der Wiederbelebung und Verbreitung des Hebräischen als Nationalsprache des jüdischen Volkes ausgab, ganz besonders aber, seitdem das jüdische Wort in Palästina Leben gewann, erfuhr der Kampf gegen die nationale Bewegung, den Zionismus, eine Ausdehnung seiner Basis. Nicht ohne Absicht wurde die Sprachenfrage ״Jiddisch oder Hebräisch“ zu einer Frage der Weltanschauung, einem Problem des Klassenkampfes erhoben, wobei alles, was für Hebräisch war, als bürgerlich, chauvinistisch und vom progressiven Gesichtspunkt aus als verwerflich bezeichnet, während das Jiddische als klarster Ausdruck des Fortschrittes und Sozialismus dargestellt wunde. Während der letzten Jahre aber wollte es scheinen, als habe sich der Sprachenkampf für eine gewisse Zeitspanne gelegt. In allen Ländern jüdischer Massensiedlung haben sich allmählieh drei verschiedene Kulturzentren herausgebildet: Die ״Tarbuih“-Bewegu11g verfocht den Standpunkt des reinen Hebraismus, die ״Kultur-Liga“ dagegen war die Trägerin des Jiddischismus und die Organisation ״Sehul-Kult“ nahm eine vermittelnde Stellung ein, indem sie ln ihren Lehr- und Bildungsanstalten Jiddisch als Unterrichts- und Geschäftssprache einführte, jedoch dem Studium des Hebräischen größte Aufmerksamkeit widmete. Die Jiddischisten hatten in ihrem Kampf gegen Hebräisch keinen leichten Stand. Bekanntlich birgt die jiddische Sprache ein starkes Element hebräischer Worte und Ausdrücke und nolens volens mußte daher zum Zwecke der gründlichen Erfassung des Jiddischen dem Studium des Hebräischen Aufmerksamkeit zugewandt werden. In Rußland versuchten die jüdischen Kommunisten dieses ״Unheil“ dadurch zu mildern, daß sie die Orthographie der hebräischen Worte durch die jiddische ersetzten. In letzter Zeit will man die hebräischen Worte aus dem Jiddischen völlig entfernen. Der Redakteur der Zeitschrift ״Die Jiddische Sprache“, N. Stif, hat nun neuerdings eine sensationelle Entdeckung und einen ebenso sensationellen Vorschlag gemacht: Die in der jiddischen Sprache enthaltenen hebräischen Worte — meint Stif — entstammen nur dem religiösen Ritus und dem Handelsverkehr, nicht aber dem Gebiet der Arbeit. Er glaubt versichern zu können, daß in den ersten jiddischen Schriftstücken des 16. Jahrhunderts das hebräische Element noch gar nicht vorhanden war. Es begann angeblich erst mit dem Zeitpunkt einzudringen, als der KI eru s die Herrschaft im jüdischen Leben gewann und die soziale Differenzierung sich durchzusetzen begann. Da sich nun das jüdische Leben — insbesondere in Rußland — von dieser Hegernonie des Klerus befreit hat und der Handel auch nicht mehr ein jüdischer Beruf sei, müssen die hebräischen Worte aus der jiddischen Sprache entfernt werden. Es bedarf keiner allzugründlichen Untersuchung, um die Sinnlosigkeit und Lächerlichkeit dieser Theorie nachzuweisen; mag sein, daß eine große Anzahl hebräischer Ausdrücke im Jiddischen mit dem Ritus eng verknüpft ist — es wäre dennoch falsch zu behaupten, daß diese nur mit dem Ritus und nicht mit dem Alltagsleben verbunden seien. Wahr ist vielmehr, daß im jiddischen fast für jeden Begriff zugleich mit der deut* sehen oder slawischen Bezeichnung auch eine hebräische vorhanden ist. ״Meloche“ und ״Handwerk“, ״s’chires“ und ״lojn“, ״rechem“ und ״brojt“, ״Melacft“ und ״Satz“, ״ma]im" und' ״Wasser“ usw. usw. Dagegen gibt es auch eine InzafiT von hebräischen Begriffen, die keinerlei Ersatz durch deutsche oder slawische Bezeichnungen haben, wie ״Parnosse“ und ״chijune“ (Erwerb), ״schomer“, ״schochen“ u.s. f. und mit Recht hat S. Kalmanowitsch (ein bekannter Jiddischist) behauptet, daß man den Ausdruck ״Naturalisation“, mit dem man die Ver-! jiddisierung der hebräischen Worte zu erklären versucht, nicht in bezug auf das Hebräische, sondern auf die anderen Elemente des Jiddischen anwenden muß. Denn Hebräisch war das ursprüngliche Element des Jiddischen. Das deutsche — und späterhin slawische Element wurden erst später in die Sprache hineinnaturalisiert. In diesem Zusammenhänge wäre es interessant festzustellen, daß gerade das Jiddisch der jüdischen Unterwelt voll Hebräismen ist (siehe Sammlung von S. Lehmann) ,* . . er is a baalmojfesnik“ (Wundertäter), ״. *. er gejt zum taschlich“ (geht stehlen), ״. , . sein täte is gesessen Jom welajle_ in tfisse“ ״. . . er is a ganef bis terach owinu“ usw. ... all diese Ausdrücke sind dem Wortschätze einer Schicht entnommen, die wohl sehr weit vom jüdischen religiösen Leben stand. Es würde zu weit führen, darauf noch genauer eingehen zu wollen. Dies hat bereits in glänzender Weise der bekannte Jiddischist und ehemalige Gesinnungsgenosse von N. Stif, Dr. Max Weinreich, getan, in seiner Abhandlung ״Was wolt jiddisch geton on hebreisch“ in ״Zukunft“ vom März 1931 (New York). Aber selbst wenn Stif mit seiner Untersuchung durchaus recht behalten sollte, so ist sein Vorschlag immer noch ab Kulturlosigkeit zu bezeichnen. Ein derartiger Vorschlag steht unseres Wissens bisher in der gesamten Geschichte der Menschheit einzig da. Auch die Russen haben die russischen Worte, die mit dem russischen Ritus verbunden sind, bis dato nicht ausgemerzt. Sobald diese Begriffe anfangen werden, ihre Aktualität zu verlieren, werden sie ja ohnehin aus dem Volksmunde verschwinden. " , , י J Die ״Genossen“ aus der ״Jewsekcia“ fragen aber nicht danach, ob diese oder andere Maßnahmen richtig sind. Die Hauptsache ist — es muß sich ״echt revolutionär“ anhören. Und der Vorschlag des ״Chawer“ (auch dieses Wort ist hebräisch!) Stif hört sich sehr revolutionär an und kann eventuell dem Verfasser (der wegen seiner ״Jugendsünden“ von den Kommunisten noch immer mit Mißtrauen angesehen wird) zu einem Aufstieg verhelfen. ... . Der Vorschlag Stifs hat — wie erwähnt — 1m Lager der Jiddischisten in Europa und U. S. A. eine geschlossene gegncrische Front getroffen. Alle sind sich darüber einig, daß mit der Ausschaltung des hebräischen Elementes eine Verarmung, ja sogar ein Untergang des Jiddischen überhaupt, herbeigefuhrt werden muß. Und es hörte sich beinahe wie ein Märchen an, vom Munde anerkannter Jiddischisten Lobgesänge über die Bedeutung und Wirkung des Hebräischen zu hören. Jedoch scheint diese ״Liebeserklärung“ von nicht allzulanger Lebensdauer zu sein. Eine vom Jüdisch-Wissen־ schaftlichenlnstitut in Wilna einberufene Konferenz hat den Beschluß gefaßt, das Beispiel Moskaus nachzuahmen und die hebräische Orthographie aus dem Jiddtsehen aus/uschalten, das heißt von nun ab sollen wir auch in den Schriften des Jüdisch-Wissenschaftlichen Instituts in Wilna denselben ״Emes“ vorgesetzt bekommen, wie einst aus Moskau. Eine Auseinandersetzung und Beweisführung gegen diesen Beschluß erübrigt sich. Diese finden sich zur Genüge in den vor zehn Jahren erschienenen Aufsätzen und Abhandlungen derselben Jiddischisten vor, als man sich wegen der Abscliaffung der hebräischen Orthographie in Rußland auseinandergesetzt hat. Dieselbe Gegenargumentation gilt — sogar in verstärktem Maße — noch heute. Und man muß wirklich staunen, daß man in dem jiddischistischen Lager aus den Erfahrungen in Rußland so wenig gelernt hat, und man nicht begreift, daß die Abschaffung der hebräischen Orthographie die gänzliche Ausschaltung des hebräischen Elements späterhin zur Folge haben muß. Wir halten diesen Beschluß der letzten Konferenz durchaus für verfehlt. Er kann und wird auch dem guten Zweck der Konferenz, nämlich der Herbeiführung einer einheitlichen Schreibart des Jiddischen in der ganzen Welt nicht nur nicht dienen, sondern ihn auf das empfindlichste schädigen. Wir glauben aber, daß er nur ein PapierbeschluB bleiben wird. Denn den jüdischen Massen ist ihr Jiddisch teuer und sie werden sich schwer hüten, Beschlüsse zu befolgen, die bewußt oder unbewußt zu einer Untergrabung des wichtigstem Elements der Sprache führen muß. Ernst Pickardt zum Gedächtnis Die Galerie <5. Casper brachte eine Ged&chtnlaausstellung des vor kurzem verstorbenen Malers Ernst Pickardt, die besonders verdienstvoll ist, weil aie das Andenken eines jüdischen Malers ehrt, der zu den vornehmsten Künstlern unserer Zeit gehörte. Den Katalog besorgte Geheimrat Fried- 1 änder, der sich auch hier, wie zu Lebzeiten des Malers, für den charaktervollen Künstler einsetzt. Pickardt entstammte einer Berliner jüdischen Familie und wurde, nachdem er zuerst Medizin studiert hatte, von Paul Meyerheim ermutigt, seinen Beruf ganz auf sein Talent zu gründen. Nachdem er die Berliner Hochschule absolviert hatte, ging er auf Reisen nach Paris und Italien, wo er eine große Zahl von Landschaften und Stilleben voll feinen malerischen Gefühls und von heller Zartheit geschaffen hat. Pickardt war und blich Impressionist, er lief keinem Programm nach und suchte sich, nicht maniriert ins Genialische zu steigern, er baute auf dem gut handwerklichen und dem sicheren Geschmack auf, er blieb seinen natürlichen Gaben treu. Niemals hat er laute Erfolge auf Ausstellungen gesucht, niemals einem Verein sich angesehlossen. In bescheidener Zurückhaltung hat er, ein wirklicher Könner und ein Charaktervoller Künstler, seine Kunst geübt, vor deren Ergebnissen wir heute mit Ergriffenheit stehen. Meisterlich diese Landschaft- Studien aus Italien und Frankreich, die mit den Jahren immer leuchtender und lichtvoller werden bis zu den letzten träumerischen Frühlingsbildern des Südens, die wie ®in frohes Lied an das Leben aufklingen. Ganz aufgelockert seine letzten Hamburger Bilder, durchströmt, durchsickert von nördlichem Licht, voll delikater Farbstünmung und vibrierendem Leben. Pickardt war auch ein ausgezeichneter Porträtist und hat viele Köpfe der Berliner Gesellschaft, darunter eine größere Reihe jüdischer Köpfe gemalt. — Audi die Radierungen des Künstlers, die man hier zum ersten Male sah, zeigen seine hohe Begabung und sein oft meisterliches Können, die so im Verborgenen blühten und uns dieses Vermächtnis schenkten eines aer vornehmsten Künstler, die wir zu den unseren zählten. Will Piess. Im Verlag Rieder in Paris ist soeben eine französische Uebersetzung von ״Alt*Neu 1 an d“ Theodor H erzls erschienen. Die Uebersetzung besorgte Louis Del au, Chefredakteur des ״Petit Marocain“, und M. J. T u r s z, Herausgeber des ״Avenir lllustre“ in Casablanca. Das Erscheinen der Uebersetzung■ wurde von der französischen und marokkanischen Presse als ein literarisches Ereignis ersten Ranges begrüßt. 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