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Jüdische Rundschau · 1931-09-08 · Heft 70 (8.9.1931) · page 2

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
XXXVI (1931)
Issue
Heft 70 (8.9.1931)
Date
1931-09-08
Page
– (sequence 2)
Language
German
Belongs to
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Seite 42S JÜDISCHE RUNDSCHAU Nr.?0, 8. IX 1931 über der Mandatarmacht übernommenen Verpflichtungen prüfen, um sich zu vergewissern, ob sie mit der Verfassung eines unabhängigen Staates vereinbar und im besonderen, ob der Grundsatz der wirtschaftlichen Gleichheit hinlänglich gewahrt ist“. Außer der im letzten Satz der Resolution berührten Frage der Verträge z. B. zwischen dem Irak und England, zwischen Syrien und Frankreich, wurden in der Sitzung noch eine große Reihe anderer Einzelheiten, u. a. auch die Verträge in i t der Petrolcumge Seilschaft des Irak über die große Röhrenleitung von Mossul durch Syrien und Palästina nach dem Mittelmeer erörtert. Es ist anzunehmen, daß im Laufe der Völkerbund-V oll- Versammlung, die sich an die Ratstagung anschließt, noch mehrfach Probleme des Mandats-Systems und besonders der neuen ״emanzipierten“ unabhängigen Staaten aufgeworfen werden. Was den Irak betrifft, so stellte Lord Cecil in Aussicht, daß die englischen Vorschläge im Januar dein Rate vorgelegt werden. Jerusalem e. Jerusalem, 2. September 1931. Die plötzliche Ankunft von Maulana Schaukat Ali, dem Führer der indischen Kalifatsbewegung und flauptdelegierten der indischen Moslems bei der bevorstehenden Round Table Konferenz in London, hat in Palästina Ueberraschttng hervorgerufen, ln jüdischen Kreisen ist die Erinnerung an Schaukats letzte Anwesenheit im Lande, die er zu einer scharfen antizionistischen Propaganda ausnützte, noch sehr lebendig. Man fragt sich, ob die Palästina-Regierung kein Mittel hat, die Einmischung Schaukat Alis in palästinensfsche Angelegenheiten zu verbieten, und wiederholt wird auch darauf hingewiesen, daß Jabotinsky, der seinen Wohnsitz früher in Palästina hatte, wegen einer Rede, die er im Winter 1929 in Palästina gehalten hat, die Wiedereinreise verboten wird, während ein Ausländer wie Schaukat Ali unbehindert seine politische Propaganda treiben kann. Es ist jedoch klar, daß die englische Regierung nichts gegen die Person von Schaukat Ali unternehmen wird. Da die fetzige politische Spannung in Palästina sich nicht so sehr in dem Antagonismus zwischen Juden und Arabern, als vielmehr in einer latenten Revolte der Araber gegen England ausprägt, so glauben manche, daß Schaukats An- Wesenheit diesmal vielleicht sogar mildernd wirken kann. Es wird sogar ein angeblicher Ausspruch kolportiert, wonach er über die Verschärfung des Verhältnisses zwischen Arabern und Engländern erstaunt sei und mit Rücksicht darauf die Mö g- 1 ichkeit einer Annäherung von Juden und Ara- Bern erörtern wolle. Wie weit diese Aeußerung wirklich richtig wiedergegeben Ist, bleibe dahingestellt Fest steht, daß auf der einen Seite die arabische Propaganda besonders in ihrem Zentrum Nablus, wo gar keine Juden wohnen, sich vorwiegend gegen England richtet, als auch England mit einem sehr scharfen Unterdrückungsregime gegen die arabischen Nationalisten reagiert hat. Diese politische Lage bildet sicherlich Gegenstand der Besprechungen zwischen Schaukat und den arabischen Führern. Schaukat wmf Sonntag das Land verlassen, um in Port Said sich auf der ״Rajputana“, auf der auch Ghandi fährt, nach London einzuschiffen. Es heißt, daß er später nach Palästina zurückkehren will. Phantastische Gerüchte wissen sogar zu berichten, daß er eine Bewegung zur Wiederherstellung des Kalifats in Gang bringen will, als dessen Sitz Jerusalem in Aussicht genommen sei. Man wird natürlich abwarten müssen, wie weit diese Nachrichten sich bewahrheiten. Weite moslemische Kreise würden als Sitz eines Kalifates zweifellos Damaskus vorziehen. Aber da bisher keine prominente Figur für die Besetzung des Kalifates verfügbar ist, und außerdem die Rivalitäten Innerhalb der islamischen Welt — man denke nur an die Stellung von Ihn Saud — sehr beträchtlich sind, sind diese Gerüchte wohl kaum ernst zu nehmen. Schaukat Ali wird in London an der großen antizionistischen Kundgebung teilnehmen, die für den Jahrestag der Balfour-Deklaration, den 2. November, in der Londoner Albert Hall unter dem Vorsitz von Lord Bemsfort (früher Sir William Joynson- Hicks) geplant ist. Im übrigen ist kaum anzunehmen, daß er in der nächsten Zelt eine große Tätigkeit bezüglich Palästinas entfalten wird. Immerhin ist es eine nicht zu unterschätzende Aufgäbe der zionistischen Diplomatie, auf eine Besserung der Be- Ziehungen zur Gruppe der indischen Moslems, die sich so ungünstig gestaltet haben, hinzuarbeiten. Presseschan ״The Near East and India“ nimmt bezug auf die (auch von der ,Jüdischen Rundschau“ wiedergegebene) Abschiedsrede des High Commissioners Sir John Chancellor, worin dieser erklärt hat, er wisse, daß er seine Absichten, etwas Großes für Palästina zu leisten, nicht habe ausführen können. Dies ist zwar richtig, schreibt ״The Near East and India“, aber die Schuld liegt nicht an Chancellor. Im Nachkriegs- Palästina waren wenige, deren gute Absichten nicht unerfüllt geblieben sind, denn der Gang der Ereignisse war meist der entgegengesetzte. Der äußere Schein ist häufig Lügen gestraft worden und Hoffnungen wurden enttäuscht. Nehmen wir z. B, das erschütternde Ereignis, welches den High Commlssioner in der ersten Zeit seiner Amtsführung befiel: Gewiß hatten die englischen Beamten, während Lord Plumers Regime in Sicherheit gewiegt, keinen derartigen Ausbruch erwartet. Der äußere Anschein war dagegen und die Hoffnungen und Befürchtungen des Landes rechneten keineswegs damit. Seit diesen Unruhen hat sich Sir John Chancellor bemüht, die Lage zu verbessern, mit Geduld und ungewöhnlicher Gewandtheit. Daß er nicht ganz von Erfolg gekrönt war, ist sicher nicht seine Schuld. Zum mindesten aber kann man sagen, daß er die Realitäten der Situation vor alle Teile der Bevölkerung hingestellt hat. Wir leben nicht mehr in einer irrealen Welt in Palästina; die praktische Basis wurde aufgedeckt. Dies allein ist eine nicht gering zu schätzende Errungenschaft. Die Geschichte wird dem abtretenden High Commissioner einst das Verdienst zuschreiben, daß er die Nebel der Unwirklichkeit in Palästina beseitigt und den Weg zu einer günstigen Entwicklung des Heiligen Landes geebnet hat. * Am 2. September erschien in der Londoner ״Time s“ ein Brief des Exekutiv-Komitees der Revisionistischen Union, der 14. a. darauf hinweist, daß die Administration in Palästina gegen die arabischen Agitatoren erst vorging, als die Agitation in ein Blutbad auszuarten drohte. Ferner wird in diesem Briefe die Frage aufgeworfen, auf welche Weise die Palästina- Administration in Zukunft die jüdischen Kolonien zu schützen gedenke, nachdem die Wehrlosigkeit derselben den eventuellen Angreifern durch das Statement des High Commissioners bekannt geworden sei. Werbung durch Reisen Von WalterTurnowsky, Jerusalem. Während der letzten Jahre war die Propagandaarbeit für die Finanzinstrumente der Zionistischen Organisation von zwei Ideen geleitet: die Werbung durch Namen, d. h. durch Mensehen, die vermöge ihres Einflusses in der jüdischen Ocffentlichkeit andere zum Oeben veranlassen können, und durch die übrigen modernen Propagandamethoden wie Bild, Schrift und Film. An ein Mittel, das der jüdischen Psychologie, nur selbst Gesehenes zu glauben, am meisten entspricht, wurde fast vergessen: an die ungeheure Werbekraft des lebendigen Palästina. Es besteht kein Zweifel, daß eine Menschen werbende Propaganda, selbst wenn die Idee, für die geworben wird, dieselbe bleibt, ihre Werbemethoden von Zeit zu Zeit ändern muß. Jeder, der die Werbetätigkeit der Zionistischen Organ!- sation verfolgt hat, mußte erkennen, daß — unabhängig von den ideellen Endzielen und ihrer Formulierung — jedenfalls die Methoden der Werbung auf einem toten Punkt angelangt sind. Die Verlegung der Hauptbüros der Fonds nach Jerusalem hat keine neuen Methoden gebracht Zum Unterschiede von uns haben die Kirchen von jeher in organisierten Reisen ein Propagandamittel von entscheidender Bedeutung gesehen, sei es in Pilgerfahrten nach Lourdes, nach Rom oder anderen Orten, die mit einem Ereignis von kirchlicher Bedeutung verknüpft sind. Der Besuch dieser Orte wurde systematisch in den Mittelpunkt einer Propaganda für organisierte Reisen gestellt. Das Wesentliche dieser Pilgerreisen ist die Form, in der sie durchgcfiilirt werden, wo, zum Unterschied von anderen Reisen, alles darauf eingestellt ist, einen bestimmten Zweck zu erfüllen, in den Teilnehmern eine bestimmte Ueberzeugung zu festigen, was durch die von dem Orte ausgehende Suggestion und eine evtl, künstlich erzeugte Stimmung erreicht wurde. Wer z. B. die P i 1 g e r r e i s e n in Palästina kennt, weiß, wie — man möchte fast sagen — genial die Regie ist. Zunächst das Hospiz, das die Gäste aufnimmt, in dem reich und arm wohnt, gleichgültig ob gegen Be- Zahlung oder umsonst, die Tageseinteilung und die Krönung der Reise durch die Teilnahme an einem der kirchlichen Feste, wo jeder Teilnehmer an der Reise die durch die Christusgeschichte bekannten Plätze besucht. Aber nicht nur die katholieche Kirche hat den ungeheuren propagandistischen Wert der Reise nach den zentralen Punkten einer geistigen Bewegung erkannt. Welch großartige propagandistische Idee steht hinter dem grünen Tuch, das der Mekkapilger trägt! Der Mann, der in Mekka gewesen ist, ist ausgezeichnet vor seinen Brüdern. Er kann sogar eine Ehrenbezeichnung seinem Namen beifügen. Die zionistische Propaganda hat, wie gesagt, bisher von dieser eindrucksvollen Form der Werbung keinen Gebrauch gemacht. Sie sah ihre Aufgabe darin, Menschen, die im Lande waren, über Palästina zu informieren, nicht dafür zu werben. Jeder, der in der Propaganda tätig war, weiß, daß der Propagandist ängstlich wurde, wenn ein Mensch, den er lange bearbeitet hat, den Wunsch äußerte, Palästina selbst zu sehen. An Negativem wußte man wohl, daß das Sehen nicht so sehr von dem Menschen selbst, wie von dem Führer abhängt. Auch wir brauchen organisierte Reisen als Werbemittel, Reisen, in deren Mittelpunkt ein bestimmtes Ereignis liegt, z. B. ein Sederabend in Palästina, der von einer bedeutenden Persönlichkeit geleitet wird, der propagandistisch als Sammelpunkt der Palästinafreunde im jüdischen öffentlichen Bewußtsein verankert wird und etwa in Form eines Gelöbnisses für Palästina aus ge nutzt wird. Es kommen auch andere Feste in Frage, vielleicht Chanukkah, oder für die Jugend Lag B'Omer. Diese Reisen können aber für die. Propaganda nur dann wertvoll sein, wenn die besten Kräfte, die wir haben, dafür herangezogen werden. Schon auf dem Schiff, das durch die erzwungene Konzentration große Möglichkeiten bietet, müßte eine systematische Werbung um die Menschen einsetzen. Fm Lande selbst müßte viel Lebendiges gezeigt werden und vor allem aufgewiesen werden, was man erreichen will. ״Dieses Land kann kolonisiert werden, wenn . . .“ — ״dieser Boden könnte gekauft werden, wenn . . Ein weiteres wichtiges Moment ist darin zu sehen, daß das gesellschaftliche Ansehen unserer Propagandisten durch Teilnahme an einer gemeinsamen Reise des Werbers mit dem zu Werbenden gehoben werden könnte. Der Geldgeber sieht dann in dem Propagandisten einen Beamten, einen wirklichen Abgesandten des Landes, das er befrist, und nicht einen Werber für irgendeinen Fonds. Noch andere Erwägungen sprechen für die organisierte Reise: die Möglichkeit, in Palästina unter dem Eindruck des Gesehenen und der Erkenntnis der Notwendigkeiten die Propaganda im eigenen Lande zu besprechen. Es wäre überhaupt richtig, an den Anfang jeder Geld-Kampagne in jedem Lande eine Reise nach Palästina zu setzen. Ist die Reise nach Palästina ein wesentlicher Teil der Propaganda für Geldsammlungen, so stellt sic bei der Propaganda für Investierungen überhaupt die einzige Möglichkeit dar. Jede Grundstücksgesellschaft in Europa und Amerika stellt in den Mittelpunkt Ihrer Propaganda Gratisreisen und Führungen. Wir haben uns bisher darauf beschränkt, Leute, die zufällig ins Land kamen, über Investitionsmöglichkeiten zu informieren, die Parole ״wollen Sie Geld in Palästina investieren, dann beteiligen Sie sich an dieser Reise“ kennen wir nicht. Die Folgen einer solchen Reise können von entscheidender Bedeutung werden. Der Mann, der seine Freunde von seiner Beteiligung an einem palästinensischen Unternehmen, von seinem Landkaut unterrichtet, ist der beste Propagandist. Hier liegen viel konkretere Möglichkeiten, Menschen für Kapitalsanlagen zu gewinnen als durch Artikel und Broschüren, denen der Jude kein Vertrauen als Unterlage für ein Investment entgegenbringt und auch nicht entgegenbringen kann. Organisierte Reisen nach Palästina haben auch noch eine gewisse Bedeutung in einer anderen Richtung. Die gleiclvzeitige Organisation von Reisen aus verschiedenen Ländern nach Palästina wird ein persönliches Kennenlernen der Palästinafreunde aus aller Welt vermitteln, was unsere Kongresse, die heute fast nur noch eine ganz bestimmte Gruppe politischer Menschen umfassen, nicht mehr können. Auch diese Möglichkeit ist von nicht zu unterschätzendem Wert. Weiter wissen alle Propagandisten, daß die Palästina- Werbung ein Werbemittel braucht, das nicht ohne weiteres für andere Zwecke gebraucht werden kann, wie es mit allen unseren bisherigen Methoden der Fall war. Die Palästinareise ist ein Werbemittel, das nicht kopiert werden kann. Die Propaganda-Abteilungen der Zionistischen Organisation sollten unter Einsatz aller Kräfte beginnen, für organisierte Palästinareisen zu werben. Vielleicht sollte sogar die Jewish Agency selbst eine Reise ausschreiben, die derart organisiert wird, daß sich die Teilnehmer zur gleichen Zeit in Palästina treffen und daß irgendein nationales Fest im Mittelpunkt dieser Reise steht. Dieser Gedanke •würde sich einbiirgern und die Reise könnte alljährlich wiederholt werden. Palästina selbst ist heute in jeder Weise auf solche Gruppenreisen eingerichtet. Technische Schwierigkeiten bestehen nicht mehr. Die Notwendigkeit neuer Propagandaformen ist offenbar* Vielleicht wird es erfolgreicher sein statt wie bisher zu sagen: ״Lassen Sie sich informieren“, das neue Wort zu prägen: ״Informieren Sie sich selbst“. Aus den Gemeinden Der UniveriliäUbeachlufj der Berliner Gemeinde In der letzten Nummer der ״Jüdisch-liberalen Zeitung“ vom 2. September ergreift Kammergerichtsrat Leo Wolff das Wort zu den Ausführungen der ״Jüdischen Rundschau“ in Angelegenheit des Beschlusses der Berliner Gemeinde- Repräsentanz, die Subvention für den Lehrstuhl der Berliner Jüdischen Gemeinde an der Jerusalemer Universität nicht mehr zur Auszahlung zu bringen. Herr Wolff versucht zu beweisen, daß die Liberalen sich lediglich verpflichtet hätten, der E r - richtun g des Lehrstuhles zuzustimmen, daß sie aber niemals auch nur darüber in Verhandlungen eingetreten wären, den errichteten Lehrstuhl zu unterhalten. Die sonstigen Ausführungen des Kammergerichtsrates Wolff sind nur Umrankungen zu diesem Hauptargument gegen die Behauptung, daß sich die Liberalen einer übernommenen Verpflichtung zu entziehen versuchen. Kammergerichtsrats Wolffs Darlegungen vermögen nicht zu überzeugen und können auch nicht das Urteil erschüttern, daß in der Haltung der liberalen Majorität in Angelegenheit des Lehrstuhles eine Verletzung eines Uebereinkommens liegt. Die Annahme, daß ein einmaliger Betrag von!5000 M. genügt, um einen Lehrstuhl an einer Universität zu ״errichten“, ist naiv. Vor einiger Zeit ist von einem englischen Juden auch ein Lehrstuhl an der Jerusalemer Universität errichtet worden, der sogenannte ״Weizmann-Lehrstuhl“ für internationales Recht und Friedensbestrebungen. Der ״Errichter“, eine Privatperson, hat für diesen Zweck einen Betrag ausgeworfen, der die dauernde Erhaltung des Lehrstuhles gewährleistet. Beim Lehr- Stuhl der Berliner Jüdischen Gemeinde ist der ״Errichter“ eine Körperschaft und darum konnte man ohne besondere Vereinbarung von der selbstverständlichen Voraussetzung ausgehen, daß es bei der ersten in Ansehung des Zweckes geringfügigen Zahlung von 15 000 Mark nicht sein Bewenden haben und daß die Gemeinde Berlin auch für die Afimentierung des von ihr ins Leben gerufenen Lehrstuhls Sorge tragen werde. Herr Kammergerichtsrat Wolff und seine Freunde mögen uns nur ein einziges Beispiel nennen, daß mit einem Betrage von 750 Pfund irgendwo in der Welt ein Lehrstuhl ernsthaft errichtet worden ist. Hätte die Vereinbarung gelautet, daß die Gemeinde Berlin nur die Initiative für die Errichtung eines Lehrstuhles ergreifen und den tatsächlichen Ausbau und die Erhaltung der öffentliehen Mildtätigkeit überlassen werde, dann wären die Liberalen int Rechte. Die Vereinbarung lautete jedoch, daß die Gemeinde Berlin einen Lehrstuhl errichte, d. 11• ins Leben rufe und lebensfähig erhalte. Wenn Kammergerichtsrat Wolff den Einwand erhebt, ausdrückliche Abmachungen betreffend die ״Erhaltung“ des Lehrstuhls seien nicht getroffen worden, so mag das — dies sei zunächst als richtig unterstellt — zutreffen. Daraus folgt aber nicht, daß die Jüdische Gemeinde Berlin nun ihrer Verpflichtungen gegenüber der von ihr geschaffenen Institution los und ledig geworden sei. Gesetzt den FaU, es wird nicht gelingen, die für die Erhaltung des ״errichteten“ Lehrstuhls nötigen Mittel zu finden, so wird dieser Lehrstuhl aufhören zu existieren. Dadurch wird die ״Errichtung“ des Lehrstuhls durch die Berliner Gemeinde eine wenig rühmliche Episode geworden sein. Ist es nun die Absicht der im Jahre 1928 getroffenen Vereinbarungen gewesen, ein lebensunfähiges Geschöpf in die Welt zu setzen? Oder war es nicht vielmehr selbstverständlich, daß ein Lehrstuhl geschaffen werde, der solange existiert, solange die Universität in Jerusalem besteht? Ist es einer großen jüdischen Gemeinde würdig, daß sie zuerst den Nimbus erwirbt, einen Lehrstuhl an einer Hochschule . geschaffen zu haben, um daun ruhig, zuzusehen, wie dieses Geschöpf zugrunde geht? Alle formal-juristischen Argumente, alle Versuche, den untragbaren Beschluß zu beschönigen, vermögen den gesunden Menschenverstand nicht zu benebeln, und es bleibt der peinliche Eindruck, daß ein gentlemen’s agreement, welches immer im Geiste von Treu und Glauben abgeschlossen wird, nicht mit jener f!irness eingehalten wurde, wie es bei derartigen Abmachungen üblich ist. Wir getrauen uns zu meinen, daß ein völlig unparteiisches Schiedsge rieht nach Untersuchung aller Vorkommnisse zu der gleichen Auffassung gelangen wird, wie wir sie mehrfach zum Ausdruck gebracht haben und wie sie von allen Mensehen mit Commonsense geteilt wird. s. n. Knndgebong der englischen Zionisten Die E n g I i s h Zionist Federation hat ein von Dr. Eder als Präsidenten, ferner Prof. Dr. Selig Brodetsky, Mitglied der Zionistischen Weltexekutive, Sir Montague B u r t o n , Simon Marks, J. M. Sieff, Morris M y e r und anderen Unterzeichnete» Manifest erlassen, worin sie zur Unter- Stützung der Notstands-Kampagne des Keren H a j e s s o d auffordert, ln der Kundgebung heißt es u. a.: Indem wir den Rücktritt Dr. Weizmanns bedauern, finden wir es erfreulich, daß das vom Präsidenten Sokolow verlesene Statement of Policy im wesentlichen jene politischen Prinzipien zum Ausdruck bringt, die Dr. Weizmann seit dem Kriege und besonders seit den Unruhen von 1929 verfolgt hat. Ans diesem Grunde unterstützte die englische zionistische Kongreß-Delegation Professor Brodetskys Eintritt in die neue Exekutive. Die englischen Zionisten tragen somit eine besondere Verantwortung für die Arbeit der Exekutive und müssen ihr jede mögliche Unterstützung leisten. Soelling-SeUgsolm. In der liberalen Presse herrscht nicht geringe Aufregung über den eigentümlichen Gesinnungswandel des Landesgerichtspräsidenten S 0 e 11 i ng aus Berlin, der vor einigen Monaten aus der Sozialdemokratischen Partei ausgetreten und vor einigen Tagen in die Deutschnationale Volkspartei eingetreten ist. Soelling verdankt seine rasche Karriere, abgesehen von persönlichen Fähigkeiten, seiner öffentlichen Betäti- .. Liga für Menschenrechte hatten absolut nichts dagegen einzuwenden, daß der junge Seligsohn aus Bromberg, Sprößling eines in der dortigen jüdischen Kultusgemeinde verdienstvollen Parnass, den Glauben seiner Väter verlassen und seinen Namen Seligsohn in Soelling verwandelt hat. Nunmehr, da der ehemalige Seligsohn die Treulosigkeit in Permanenz erklärt, nachdem er alle Vorteile der Zugehörigkeit zu seiner angestammten Gemeinschaft und dann zu einer der einflußreichsten Parteien in Deutschland eingeheimst hat, stehen ״Tageblatt“, ״Vossische Zeitung“, ״Vorwärts“ und die übrigen freiheitlichen Organe in Deutschland Kopf und sind entrüstet. Uns dünkt, daß in den meisten Fällen bei jüdischen Fahnenflüchtigen, die sich in ihrem Strebertum von der Flucht aus dem Judentum Vorteile versprechen, Entrüstung und Ablehnung in d e m Augenblick Platz zu greifen hätten, in dem die Betreffenden ihre erste Treulosigkeit begehen. Es ist ein alter Grundsatz: Ein schlechtes Kind ist auch ein schlechter Nachbar, ein schlechter Nachbar auch ein schlechter Genosse, und ein schlechter Genosse im tiefsten Grunde ein tinverläßlicher Bürger,

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