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Jüdische Rundschau · 1931-09-04 · Heft 69 (4.9.1931) · page 3

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
XXXVI (1931)
Issue
Heft 69 (4.9.1931)
Date
1931-09-04
Page
– (sequence 3)
Language
German
Belongs to
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Nr. 69, 4. IX. 1931 JÜDISCHE RUNDSCHAU Söte 423 Die Massenkündigimgeii in der Gemeinde Wir haben in Nr. 64 vom 18. August der ״Jüdischen Rundschau“ über die Debatte berichtet, die der geplante Massenabbau von Angestellten der Jüdischen Gemeinde in der Repräsentanten Versammlung zur Folge hatte. In Nr. 67 vom 28. August meldeten wir mit Genugtuung, daß es hauptsächlich den Bemühungen unserer Freunde zu verdanken ist, daß die geplante Maßnahme vorläufig unterlassen wird. Nim• mehr stellt es sich leider heraus, daß unsere am 28. August zutreffende Mitteilung heute nur zu einem geringen Teil aufrechterhalten werden kann. Inzwischen haben sich tiäm• lieh in der Gemeinde Dinge ereignet, die man nicht voraussehen konnte. Zunächst ganz kurz der Sachverhalt: Die Finanzverhält■ niss׳c der Berliner Jüdischen Gemeinde haben sich in gleichem Maße verschlechtert wie bei allen anderen öffentlichen Körperschaften, die auf Steuereingänge angewiesen sind. Der Um fang des Steuerausfalls für das laufende Jahr gibt jedoch zu keinen panikartigen Befürchtungen Anlaß und die Steuereingänge des nächsten Jahres lassen sich natürlich auch nicht annähernd vorausschätzen. Es ist durchaus verständlich, daß die Gemeinde dem Beispiel anderer Körperschaften folgt, ein Sparprogramm entwirft und durchzuführen beabsichtigt. Man könnte auch verstehen, daß, wenn cs absolut nicht anders geht, im Rahmen eines Sparprogramms Entlassungen von Angestellten vorgenommen werden. Voraussetzung für derartige Maßnahmen jedoch müßte sein, daß die neue liberale Verwaltung zunächst einen genauen Arbeitsplan entwirft und auf Gruna dieses Planes feststellt, welche Angestellten weiter beschäftigt werden können und wieviele abgebaut werden müssen. Die Verwaltung verfuhr umgekehrt. Sie beabsichtigte zuerst eine Massenkündigung vorztmehmen und erst später festzustellen, wer beschäftigt werden kann. Dieser Plan des Personaldezernenten Moritz Rosen thal wurde durch das Eingreifen der volksparteilichen Vertreter im Gemeindevorstand verhindert. Der Vorstand lehnte es ab, in dieser Zeit eine Massenkündigung vorzu nehmen. Als die Jüdische Volkspartei erfuhr, daß nunmehr der Plan schwebte, zwar nicht allen Angestellten, aber doch einem großen Teile zu kündigen, griff sie rechtzeitig in der Repräsentantenversammlung ein, und ihr Antrag, zunächst von Kündigungen abzusehen und vorher in gemischter Deputation zu beraten, wie diese Maßnahme in der sachlichsten und sozialsten Weise durchgeführt werden kann, fand einstimmige Annahme. Der Erfolg dieses Beschlusses war — daß der Personaldezernent am nächsten Tage 114 Angestellten kündigte. Diese Maßnahme schien ein böser Schlag zu sein, denn auch als Außenstehender müßte man sich sagen, daß ein derartiger Massenabbau ohne ernste Schädigung der Gemeindearbeiten unmöglich ist. Das wurde auch von Herrn Rosenthal ohne weiteres zugegeben. Er erklärte, daß er zwar doppelt so viele Kündigungen als notwendig vorgenommen habe, daß dies in der Eile aher nicht anders möglich gewesen sei. Nunmehr werde er nach reiflicher Prüfung die Hälfte der Kündigungen widerrufen. Wohl noch nie ist in der Gemeinde eine so einschneidende Maßnahme, die über zahlreiche Familien schwerste Besorgnis und in die Arbeit schädliche Unruhe brachte, so imüberlegt und ohne Kenntnis der Details getroffen worden. Einer Witwe mit zwei Kindern, die seit 15 Jahren in der Gemeinde ununterbrochen beschäftigt ist, wird gekündigt, ohne ihr auch’ nur die geringste Abfindung anzubieten. Ganze Betriebe werden mit Stillegung bedroht, so daß es von vornherein klar ist, daß die Maßnahme in diesen Betrieben undurchffflhrbar bleiben wird. Hingegen bleiben einzelne von der Kündigung verschont, offenbar, weil man in der Eile an sie vergessen hatte. Besonders schwer betroffen werden Abteilungen, von denen man glauben müßte, daß sie in dieser Zeit aus- und nicht abgebaut werden sollen, nämlich das Wohlfahrtsamt. Und in diesem am stärksten der Arbeitsnachweis und die Berufsberatungsstelle, also die sozialpolitischen Abteilungen des Wohlfahrtsamtes, die zwar am wenigsten kosten, aber den weitaus stärksten Nutzeffekt bringen. Obwohl man völlig sinnlos verfuhr, hatte man doch noch Zeit, bestimmte liberale Schützlinge, darunter Personen, die ideologisch und verwandtschaftlich den liberalen Führern nahestehen, zu verschonen. Herr Rosenthal, der für diese Vorgänge verantwortlich ist, hatte nichtsdestoweniger den Mut, in der Kommissionssitzung wörtlich zu erklären: ״Ich werde zionistische Angestellte, auch wenn sie brauchbar sind, entlassen, weil sie zionistische Agitatoren sind!“ Wird er auch den Mut haben, liberale Agitatoren auch in solchen Abteilungen weiter zu behalten, in denen allen übrigen Angestellten gekündigt worden ist? Die Wirkungen der Massenkündigungen sind kaum zu schildern. Ueber 70 Gekündigte sollten bereits in 6 Wochen, d. h. zum 1. Oktober ausscheiden. Die restlichen, denen in• folge ihrer jahrelangen Tätigkeit der gesetzliche Kündigungsschütz zusteht, am 31. Dezember d. J. entlassen werden, Es handelt sich In vielen Fällen um Familienväter oder um Witwen mit Kindern. In allen Fällen ist das Gehalt 1'm voraus Bezahlt, so daß die Entlassenen ohne einen Pfennig auf das flaster gesetzt werden, denn das im voraus bezahlte Gehalt ist am Tage der Entlassung längst aufgezehrt. Der Gekündigten bemächtigte sich eine panische Unruhe. Es war klar, daß etwas unternommen werden mußte im Interesse der Betroffenen, wie auch im Interesse der Gemeinde. Die Jüdische Volkspartei hatte bereits in der vor• angegangenen Sitzung der Repräsentantenversammlung Vor• schlage gemacht, wie man dem Unheil steuern könnte, ohne die notwendigen Sparmaßnahmen der Gemeinde zu durch• kreuzen. Sie hatte angeregt, daß der verhältnismäßig gering• füg!ge Betrag, der durch die unbedingt notwendigen und tragbaren Entlassungen erspart werden könnte, von der Ge■ samtzahl der Beamten und Angestellten durch eine Umlage getragen werde, so daß Entlassungen vor dem voraussichtlich schweren Winter, in dem es einem Arbeitsuchenden kaum gelingen kann, eine neue Position zu erlangen, restlos ver• mieden werden. Dies war um so leichter möglich, als diese Ersparnis durch die gleichzeitig beschlossene Einreihung aller Beamten und Angestellten in das Gehalts-Schema der Reichsbesoldungsordnung nicht nur erzielt, sondern im wesentlichen überschritten wurde. Die Repräsentantenversammlung hatte darum auch diesem Vorschlag der Volkspartei einmütig zugestimmt. Auf Verlangen der Voikspartei trat nunmehr schleunigst die inzwischen gewählte Kommission zusaramen, deren Verhandlungen sehr lehrreich waren. Schon liier zeigte es sich, daß der Personaldezernent sich durch die Beschlüsse der Repräsentantenversammlung nicht im geringsten gebunden fühlte. Aber auch in der Kommission kam es schließlich zu einer einmütigen Stellungnahme der Vertreter der Repräsentantenversammlung, nachdem aus den Ausführungen des Personaldezernenten klar geworden war, daß die Gesamtersparnis für die nächsten sechs Monate, bis zum 31. März 1932, 50000 M. betragen würde, wovon noch wesentliche Betrage wegfallen werden, die, immer nach der Aussage Herrn Rosenthals, nach erfolgtem Abbau für Notstandsarbeiten notwendig sein werden. Rechnet man hinzu, daß in vielen Fällen die Hilfe des Wohlfahrtsamtes sofort in Anspruch genommen werden wird, so wird sich die ersparte Summe derartig verringern, daß sie für einen Finanzplan keinerlei Bedeutung mehr hat, Die liberale Fraktion verschloß sich nicht den Darlegungen der Volkspartei, die immer wieder darauf hinwies, welche Härte in der geplanten Maßnähme liegt. Am folgenden Tage bereits beschäftigte sich der Gemeindevorstand mit den Vorschlägen der Kommission. Diese Vorschläge gingen dahin, daß alle Angestellten weiter bis zum 31. März 1932 beschäftigt bleiben und daß inzwischen festgestellt wurde, wer bis zu jenem Termin weiter beschaftigt und wer endgültig entlassen werden muß. Diese Lösung, für den Gcmeindesäckel ohne wesentliche Belastung, wurde vom Vorstand einstimmig gebilligt. Demzufolge teilte Herr Rosenthal am 26. August die Annahme dieser Be• Schlüsse dem Betriebsrat mit. Damit schien die Frage vor• läufig geregelt und wir machten mit Genugtuung hiervon in der ״J. R.“ Mitteilung. Aber es kam anders. Am 28. August erklärte Herr Rosenthal dem Betriebsrat, daß er den Beschluß des Vor- Standes nicht durchführen werde. Er wollte vielmehr die Kündigungen zu einem wesentlichen Teile aufrechterhalten und die betroffenen Personen mit Notstandsarbeiten, bei jederzeit zulässiger 14tägiger Kündigung, weiter beschäftigen. Uns interessiert nicht nur der sachliehe Inhalt dieser Maßnahme, der die Angestellten im Ungewissen läßt und durch nichts gerechtfertigt ist. Unintercssant ist auch die Absicht, die dieser Maßnahme zugrunde liegt. Nicht der Personaldezernent hat darüber zu entscheiden, welche Aufgaben die Gemeinde in Zukunft zu erfüllen hat. Er hat auch nicht den Umfang der Tätigkeit im Wohlfahrtsamt zu bestimmen. Als wir in Erkenntnis der schlechten wirtschaftlichen Situation des deutschen Judentums vor längerer Zeit als erstes jüdisches Blatt in Deutschland uns mit der jüdischen Wirtschaftsnot beschäftigten, glaubte Bruno Woyda, der Generaleinpeitscher der Liberalen, als einziges Mittel die ״Durchdringung der Wirtschaft mit Religiosität“ empfehlen zu können. Herr Rosenthal betätigte offenbar das Durchdringen der Wirtschaft mit tiefer Religiosität, wenn er vor den hohen jüdischen Feiertagen Massenkündigungen vornahm. Die wichtigste Frage bleibt, wer eigentlich in der Jüdischen Gemeinde maßgebend ist. Ist es wirklieh so weit gekommen, daß einstimmige Beschlüsse von Repräsentanz und Vorstand von einzelnen Mitgliedern des Vorstandes sabotiert werden können? Die Voikspartei hat sich bereits daran gewöhnt, daß alle ihre Anträge ohne sachliche Diskussion und ohne ernsthafte Begründung durch das Fallbeil der Majorität abgelehnt werden. Sie hat in der Frage des Lehrstuhls der Berliner Gemeinde an der Jerusalemer Universität erfahren, daß die einfachsten Begriffe von Treu und Glauben ihr gegenüber nicht mehr als gültig anerkannt werden. Sie weiß auch, daß die liberale Majoritat planmäßig die Mitarbeit der Voikspartei auf allen Gebieten ausschalten will, obwohl die Volkspartei eine Minorität von 38 °/0 der Gesamtgemeinde darstellt. Aber jetzt lag der seltene Fall vor, in dem es gelungen war, die liberale Mehrheit von der Richtigkeit eines Volksparteilichen Antrages zu überzeugen. Jetzt bestanden einmutige Beschlüsse der Repräsentanz und des Betriebsrates und diese Beschlüsse wurden vom Gemeindevorstand einstimmig gebilligt — mit der Wirkung, daß über die Beschlüsse aller dieser Gremien zur Tagesordnung hinweggegangen wird. Die Volkspartei, der es darauf ankam, die gekündigten Menschen vor einem bitteren Schicksal zu bewahren, die glaubte, daß es nicht erste Pflicht der Gemeinde ist, die Zahl der jüdischen Arbeitslosen in diesem Winter mutwillig zu vergrößern, hat nichts unversucht gelassen, um die bedauerlicheit Maßnahmen zu verhindern. Die Volkspartei hat den sofortigen Zusammentritt der Repräsentantenversammlung gefordert und einen Antrag überreicht, worin der hier geschilderte Sachverhalt dargestellt und Respektierung der früheren einstimmigen Beschlüsse der Repräsentantenver- Sammlung verlangt wird. Die Volkspartei hat keinen Zweifel darüber gelassen, daß sie entschlossen ist, in dieser Sache, wo von einer einzelnen, der neuen liberalen Verwaltung der Gemeinde angehörenden Persönlichkeit unter Außerachtlassung der Beschlüsse der Gemeindeinstanzen in bedauerlich unsozialem Geiste vorgegangen wird, das Urteil der großen jüdisehen Oeffentlichkeit anzurufen. Denn es handelt sich hier über den Einzelfall hinaus um ein Zeichen, in welchem Geiste die neue Aera der liberalen Verwaltung eingeleitet wird. Im letzten Augenblick, unmittelbar vor Schluß des Blattes, hat die Angelegenheit eine neue Wendung erfahren. Der Person alreferent hat unter dem Druck der öffentlichen Kritik eingclenkt und mit dem Betriebsrat der Angestellten eine neue Vereinbarung getroffen. Auch diese Regelung genügt den sozialen Forderungen der Jüdischen Volkspartei keineswegs. Wir verstehen, daß der Betriebsrat sich den neuen Vorschlägen, die die Lage einer großen Zahl der Gekündigten nicht ändern, aber doch eine wesentliche Verbesserung gegenüber den ursprünglichen Plänen darstellen, fügte, wenn auch vielleicht widerwillig. Es wäre erfreulieber gewesen, hätte man dieses Resultat erreicht, ohne vorher die Oeffentlichkeit zu alarmieren. Es hat sich aber gezeigt, daß auch gerechte, von jeder Parteitendenz freie Forderungen bei der jetzigen liberalen Verwaltung nur durch energisches Auftreten durchgesetzt werden können. Die Jüdische Voikspartei hat hier jedenfalls einen Erfolg ihrer Bemühungen zu buchen. Der Minderheilenkongreß in Genf Entgegen seiner ursprünglichen Absicht konnte Leo M o t z k i ת aus Gesundheitsrücksichten am Minderheitenkongreß in Genf nicht teilnehmen. Auch der Vertreter der bulgarischen Juden, Oberst Tadger, war diesmal in Genf nicht anwesend. Die Vertretung der jüdischen Minderheiten lag in den Händen von Dr. Mayer Ebner, Czernowitz und Dr. Emil M a r g u I i e s , Leitmeritz. Der Kongreß ging am 31. August zu Ende. Er nahm u. a. nachstehende Beschlüsse an: ״Der siebente Kongreß der organisierten nationalen Minderheiten in den Staaten Europas hat die Berichte über die Lage der Volksgruppen zur Kenntnis genommen. Unter dem tiefen Eindruck dieser Berichte stellt der Kongreß fest: ln den durch Minderheitenschutz gebundenen Staaten fehlt ebenso wie in den vertraglich nicht gebundenen Staaten nach nie vor das Verständnis für das Nationaliiätenproblem. Die verfassungsmäßig und völkerrechtlich verbürgten Rechte der anderen nationalen Staatsbürger werden mißachtet. Die staatsbürgerliche Gleichberechtigung, die Gleichheit vor dem Gesetz, die kulturelle Freiheit sind fast nirgends vorhanden. Nicht einmal die Staatsangehörigkeit ist gesichert. Auf allen Gebieten des öffentlichen Lebens werden die andersnationalen Staatsbürger bewußt zurückgesetzt und benachteiligt. Schärfer als je wird die Assimnation betrieben. Mit polizeilichen und militärischen Machtmitteln sind sogar Exekutionen gegen Leben und Eigentum eigener Staatsbürger unternommen worden, die allgemein Entsetzen erweckt haben. Das Präsidium wird beauftragt, dem Völkerbund den Ernst der Lage vorzustellen und vor allem die Notwendigkeit der Aenderung der Behandlung der Eingaben von Minderheitsangehörigen in lebenswichtigen Fragen zu betonen.“ in aller Kürze Die Witwe Achad Haans ist am 31. August in Haifa gestorben. Die Bestattung fand am 1. September auf dem Friedhof in Tel-Awiw statt. Die kürzlich in New York abgehaltene Konferenz der ״Histadruth harabanim“ (Rabbinerorganisation), die zahlreiche jüngere Rabbiner vereint, nahm eine Resolution an, die die Rabbiner auffordert, die zionistischen Ziele verwirkliehen zu helfen. Die Konferenz sandte an Sokolow ein Begrüßungstelegramm. Ussischkin ist am 30. August von Bad Kissingen nach Palästina zurückgereist. Dieser Tage fand in N a h a I a I im Emek Jesreel die Feier des zehnten Jahrestages der Gründung der Kolonie statt. Es war eine große Zahl Glückwunsch-Schreiben eingelaufen, und es wurde eine Reihe von Reden gehalten. Der indisch-mohammedanische Führer Schaukat Ali, der auf der Reise nach London in Jerusalem eintraf, erklärte in einem Gespräch mit dem Vertreter von ״AI Mukattam“, er beabsichtige, später wieder Palästina zu besuchen, um sich dort der arabischen Interessen anzunehmen. In etwa sechs Monaten, sobald ihn die indischen Probleme nicht mehr so stark in Anspruch nehmen würden, werde er eine Reise durch die mohammedanischen Länder unternehmen, um Geldmittel für die Errichtung der arabisehen Universität in Jerusalem aufzubringen. Die arabische Zeitung ״El Kanne 1“ in Haifa wurde von der Regierung für die Dauer von 14 Tagen verboten, weil sie sich gegen die versiegelten Waffenlager in jüdischen Kolonien gewendet hat. Das Verbot stützt sich auf die offizielle Mitteilung vom 5. August, wonach jede Erklärung, daß das Bestehen der Waffenlager eine Bedrohung der die Gesetze achtenden Bevölkerung Palästinas sei, von der Regierung als mutwillige Gefährdung der öffentlichen Sicherheit angesehen werden wird. ״F e (e s t i 11“ schreibt, daß die jetzige englische Regierung unter jüdischem Einfluß stehe und daß die Araber von ihr nichts Gutes zu erwarten hätten. Mrs. Muza Kazim Pascha, die Gattin des Präsidenten der Arabischen Exekutive, veranstaltete einen Abschiedsempfang für Lady Chancellor, an dem eine große Zahl arabischer Damen der Gesellschaft teilnahmen. Bei der Nachwahl im Ncamter Bezirk wurde der Präsident der antisemitischen Organisation ״Eiserne Garde“, Cor• neliu Codreanu, ins rumänische Parlament gewählt. Der französisch - jüdische Romanschriftsfeiler Joseph Kessel ist bei einem Autounfall auf der Straße von Vendome nach Saint-Amand lebensgefährlich verletzt worden. Kessel wurde 1898 in der argentinisch-jüdischen Kolonie Clara geboren. Eine Anzahl seiner Romane schildert das Leben der russisch-jüdischen Emigranten in Paris. Anläßlich des zehnten Jahrestages der standrechtlichen Erschießung des fälschlich der Konspiration mit den Bolschewiki beschuldigten Rabbi Schapiros in Plock veröffentlicht die jüdische Presse Polens Artikel, in denen an den Märtyrertod des Rabbiners erinnert und seine Rehabilitierung durch Wiederaufnahme des Verfahrens gefordert wird. Dr. Salomon Birnbaum, Lektor für Jiddisch am Freien Vorlesungswesen der Hamburger Universität, wird auf dem 18. Internationalen Orientalistenkongreß, der vom 7. bis 12. September zu Leiden (Holland) tagt, ein Referat über ״Hebräisch und Jiddisch“ halten. Am 7. September wird in F r a n k f u rt a. M. die Jüdische Wohlfahrtspflege eine Notstandsküche eröffnen, die in erster Reihe zur Speisung der erwerbslosen Bevölkerung dienen soll. Der Preis für eine warme Mahlzeit beträgt 10 Pfennige. Am 30. August wurde in Hamburg die feierliche Einweihung des neuen liberalen Tempels in der Oberstraße des Israelitischen Tempelverbandes vorgenommen. Der Bau ist von den Architekten Felix Ascher und Robert Friedmann entworfen. Der Kantor, Komponist und Musikwissenschaftler Emanuel Kirschner begeht jetzt sein SOjähriges Jubiläum als Erster Kantor der Jüdischen Gemeinde München. Eine Einstein ״ Biographie. Anläßlich Einsteins letzten Besuchs in Amerika, der so viel äußere Ehrungen au! ihn häufte, erschien in New York ein biographisches Buch, das die Persönlichkeit und den Lebenslauf des Gelehrten zusarn• menfassend darstellt: Albert Einstein, A Biographical Portrait by Anton Reiser (Albert & Charles Boni, New York 1930, 225 S-, 8 Bilder, Dollar 2.50). Der Verfasser ist ein ehrfurchtsvoller Bewunderer des Gelehrten und Menschen Einstein und gibt, wie Einstein selbst in einem mit viel Charme f' ' ' ” ' ' . ' 1^ ‘ " ’ .. erwartet werden kann, der eben er selbst ist und daher nicht zugleich ein anderer sein kann“. In seiner liebenswürdig humorvollen Art deutet Einstein hier gleichzeitig die Grenzen dieses Buches an; das tiefere Geheimnis der Persönlichkeit kann nicht aus ihm erschlossen werden, aber der Verfasser hatte bescheidenere Absichten und diese seine Aufgabe hat er gelöst. Der äußere Ablauf dieses bemerkenswerten Lebens wird erzählt. Reiser schildert Einsteins Abkunft und Jugend, seine frühen Interessen und seine wissenschaftlichen Anfänge, dann seine Laufbahn über Zürich und Prag bis Berlin. In Berlin beginnt dann seine große Zeit. Da Reiser cs vermeidet, in wissenschaftliche Fragen einzugehen, kommt mehr noch die menschliche Art Einsteins zur Geltung. Selbstverständlich wird auch seine Beziehung zum Judentum dargestellt. In seiner Jugend hatte Einstein kein rechtes Verhältnis zum Judentum und erst 1919, nach dem Krieg, wurde er in Berlin von einem Kreise junger Zionisten für jüdische Fragen interessiert. Es bedarf keiner großen Uebcrredungskünste, um Einstein für die jüdische Sache zu gewinnen. Blitzartig erkennt dieser synthetische Kopf die tieferen Zusammenhänge und stellt sich mit seinem ganzen Wesen ins jüdische Volkstum ein. Als überzeugter Gegner jedes Nationalismus kann er sich natürlich auch im Jud-entum nicht für nationalistische Doktrinen entscheiden, aber er bejaht den jüdischen Nationalismus im Sinne des offenen Bekenntnisses zur eigenen Abkunft und der bewußten Einstellung des Individuums in die Volksgemeinschaft, zumal da «es sich bei den Juden nicht um Uebergriffe des nationalen Egoismus, sondern um einfache Selbstverteidigung handelt. Der Verfasser erzählt die einzelnen Episoden einer engeren Berührung Einsteins mit dem jüdischen Leben, darunter natürlich seine mit Weizmann unternommene Amerika-Reise, die Palästina-Reise und seine sonstige Tätigkeif; im Dienste des Palästinawerkes. Auch Einsteins skeptische Haltung gegenüber der jüdischen Assimilation, die in seiner denkwürdigen Absage an den Zcntralvercin eine klassisehe Form gefunden hat, wird erwähnt. So wird dieses Buch jedem Leser einen lebendigen Eindruck von dieser einzigarti״ gen jüdischen Persönlichkeit vermitteln, wenn auch die Einschränkung zu recht besteht, die der Kritiker der Londoner ״Times“ in seiner Besprechung des Buches in glücklicher Weise formuliert hat: ״Reiser weiß, daß Einstein ein großer Mann ist, aber man hat nicht den Eindruck, daß er weiß, ein wie einzigartig großer Mann er ist “ 1,

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