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Jüdische Rundschau · 1931-09-01 · Heft 68 (1.9.1931) · page 3

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
XXXVI (1931)
Issue
Heft 68 (1.9.1931)
Date
1931-09-01
Page
– (sequence 3)
Language
German
Belongs to
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Nr. m, 1. IX. 1031 JÜDISCHE RUNDSCHAU Seite 410 Probleme der Kwuza Das hebräische Schrifttum in Palästina hat eine besondere Literaturgattung in den Sammelbüchern geschaffen, welche von Zeit zu Zeit, besonders aus den Kreisen der Arbeiter, herausgegeben werden. Sie haben Zeitungen und Büchern gegenüber den Vorzug der Unmittelbarkeit, Intimitat und einer durch keine Rücksichten gehemmten Wahrhaftigkeit. Unter diesem Gesichtspunkt ist der vor einigen Wochen erschienene zweite Band der Sammelbücher der Vereinigung der Kwuzot ״Niw Hakwuza“ einer Beachtung wert*). Das Buch ist von Arbeitern der Kwuzot geschrieben, alles Literarische ist beiseite gelassen worden, es trägt fast den Charakter eines Sitzungsprotokolls. Um so interessanter ist es als Quelle für die Erkenntnis dessen, was die Menschen der Siedlungen bewegt. Wer weiß, wie stark nach innen gewendet und wie gleichgültig gegenüber aller Rücksicht nach außen sich durch Jahre das Leben dort abspielte, wird es als großen Fortschritt bezeichnen müssen, daß in diesem Sammelbuch mehrere Be- Pachtungen den Außenbeziehungen der Kwuza gewidmet sind und daß diese Beziehungen nicht politisch, sondern einfach menschlich untersucht werden. Da ist das Problem der Beziehung zum palästinensischen (englischen) Beamten, über das Saburai aus Ejn Charod einige sehr kluge Dinge sagt. Kommt der Beamte ins arabische Dorf, so empfängt ihn demütige Unterwürfigkeif, umgibt ihn ein reizvolles exotisches Milieu, Zeremonien, Tänze. ״Bei uns — nicht einmal die übliche Höflichkeit. Immer kommen wir mit Beschwerden und Ansprüchen, aber nicht die Spur einer Beziehung, die es erlaubte, daß dieser Mann zu uns käme und Anteil an unserem kulturellen Leben nähme, bei uns säße und mit uns ein Gespräch führte. Ein oder zwei Menschen verhandeln mit dein Beamten, mit etwas verachtungsvoller Miene. Sind sie nicht anwesend, so kann er mit niemandem sprechen und muß seiner Wege gehen. Die Genossen, die mit dem Empfang der Beamten betraut sind, können viel davon erzählen, wie ihnen von seiten ihrer Karneraden kein Beistand gewährt wird, wenn sie dem Regierungsbeamten gegenüber die elementarsten Dinge leisten wollen. Dies bedeutet natürlich nicht, daß man sich dem Beamten gegenüber unterwürfig benehmen, soll. Aber menschliche und würdige Beziehungen würden unsere Forderungen an die Regierung nur stärken.“ Eine wichtige Außenbeziehung ist natürlich die zum arabischen Nachbar. Saburai beschreibt sehr gut, wie der Fellach der Erscheinung der Kwuza gegenüber vollständig hilflos dasteht und nicht weiß, wie er diesen bäuerlichen Großbetrieb, der scheinbar niemandem gehört, in dem alle und niemand Herren sind, verstehen soll. ״Will er durch das Gebiet der Kwuza durchgehen, so weiß er nicht, was öffentliches und was Privatgebiet ist. Jeder Genosse■ zeigt ihm den Weg, aber die Angaben des einen widersprechen denen des anderen. Einer empfängt ihn freundlieh, der andere mürrisch, und alle zusammen verstehen sie seine Sprache nicht. Und es gibt Dinge, welche einfache freundnachbarliche Beziehungen verletzen: man grüßt nicht, man lädt nicht zu Tische ein, ein alter Fellach geht am Weinberg vorbei und bittet um ein paar Weintrauben und wird grob angefahren. Alle diese Dinge erklären es, daß die Miuer der Entfremdung, welche, den Jischub vom arabischen Nachbarn trennt, bei der Kwuza noch siebenmal stärker ist." Auch ein Aufsatz von Schmetterling (Daganja), der feststellt, daß die zionistische Bewegung ihr Schicksal auf die Waage der Weltpolitik legte, aber das Nachbarvolk vernachlässigte und der ״wirtschaftliche, kulturelle und moralische Hilfe für die Araber, ohne jeden politischen Hintergedanken“, verlangt, weist in dieselbe Richtung. Sind diese Gedanken Zeugen für die geistige Wandlung, welche sich vollzieht, so wird man diese Wandlung noch in anderer Richtung feststellen können: in der Einstellung zum Problem der Religion und des Rituals. Kuschnir (Gewa) erinnert daran, wie einst das Leben der Arbeiter so sehr allem gefühlsmäßig Gebundenen auswich, daß das Schreiben eines Briefes an die Eltern den Spott herausforderte; heute haben sich die Dinge gewandelt, die Leute der Kwuza sind selbst Eltern geworden und suchen Formen für ihr Leben. A. D. Gordon hat einmal gesagt: In unserem Palästina ist der Alltag schön, der Festtag unschön, in der Galuth ist es umgekehrt — dieses Gefühl spricht stark aus einer ganzen Reihe von Beiträgen. Da erzählt ein Genosse der ״Gordonia“ davon, wie man versucht hat, den Seder traditionell zu halten, aber die Vorlesung unterbrach. Es war doch nicht das Rechte, es war gemacht. Man ging doch wieder zur ״Horra“ über, die vielleicht durch ihr starkes physisches Pathos die innere Leere überwindet. ״Aber — gestern erst war es. Seder zu Hause. Der Kidusch des Vaters, die vier Becher. Die Bereitung des Seder. Die Seele sehnt sich, sucht. Vielleicht kommt doch noch einmal die Ver- Schmelzung der Vergangenheit mit der Zukunft?“ Ein anderer Mitarbeiter stellt fest: ״Unsere Rechnung mit der Religion ist noch lange nicht beglichen. Wir haben das Kind mit dem Bade ausgeschüttet“, und stellt das arme geistige Leben der Kwuza, das zwischen einem ״Neschef“ und einer zufälligen, seltenen Vorlesung eines durchreisenden Vortragenden verläuft, dem reichen Leben gegenüber, das im Jahresreigen der Feste pulsierte. Mirjam Singer (Daganja) beschreibt eine Art Festesersatz, den sich die Gruppen am Kinerethsee durch die Feier des 15. Schewat geschaffen haben. Aber man bleibt dem Werte solchen Ersatzes gegenüber mißtrauisch. Man sieht in der Kwuza gewöhnlich ein soziatistis c h e s Experiment. Ich glaube, daß diese Wertung falsch ist. Die Kwuza ist vielmehr ein, durch die Siedlungsbedingungen Palästinas nahegelegter, Versuch, die Familie durch eine neue soziologische Form des Zusammenlebens zu überwinden. Sie ist unter anderem ein Versuch der Befreiung der arbeitenden Frau. ״Keine arbeitende Frau in der Welt könnte sich erlauben (was sich die Frau in der Kwuza erlauben kann), ihre Kinder auf mehrere Monate zu verlassen, zu verreisen oder sich öffentlichen Angelegenheiten zu widmen, und dabei ganz beruhigt darüber zu sein, daß ihre Kinder wohl versorgt sind“ (Manoach aus Daganja). Die Ansicht, daß deswegen die Kinder dem Einfluß der Eltern entzogen werden, ist nicht begründet, die Eltern sehen die Kinder nach der Arbeit, ״für eine kurze festliche Stunde, wenn die Eltern frei von der Arbeit sind und die Kinder satt und rein“. Freilieh wendet Chajuta aus Daganja, die In dem Buche über Probleme der Erziehung in der Kwuza schreibt, ein, daß ״die Kinder in der Kwuza nichts von der Schwere des Lebens *) Preis 1 Mark. Zu beziehen durch Kwuza Gewa, Post Ejn Charod. der Erwachsenen wissen, wie dies sonst das Kind eines Arbeiter*. weiß, das von Jugend an am Daseinskampf der Eltern teilnimmt“; Chajuta versucht, verschiedene Wege zu zeigen, wie den Kindern das Gefühl der Mitverantwortung für den ökonomischen Erfolg der Kwuzah anerzogen werden könnte. Probleme der Erziehung nicht nur der Kinder, sondern auch der Erwachsenen, Kampf gegen ererbte und anerzogene individualistische Neigungen, gegen ״private Vorräte der Familien, privates Geld, Neigung zur Familienkflche“ usw. werden von verschiedenen Autoren des Buches behandelt; die neue Lebensform hat es offenbar nicht leicht, sich durchzusetzen; sie stellt an die Selbstverleugnung des Einzelnen Anforderungen höchster Art, wenn sie ihm auch andererseits schwere Lasten der persönlichen Verantwortung für den Lebenskampf mindestens sehr erleichtert, vielleicht sogar abnimmt. Es besteht natürlich auch die Möglichkeit, daß der verdrängte Familienegoismus als Kwuza-Egoismus wiederkchrt und die Kommune sich in eine gutbü'rgerliche Produktionskooperative innerhalb der bestehenden Wirtschafts- Ordnung verwandelt. Mehrere Ausführungen des Buches wenden sich gegen eine offenbar nicht durchaus imaginäre Gefahr, daß sich einzelne prosperierende Gruppen in sich abschließen. Das Buch enthält auch sehr viel statistische Materialien, Tabellen und detaillierte Berichte einzelner Kw uzot, die nicht referiert werden können, obwohl sie verdienten, einem weiteren Kreise mitgeteilt zu werden. Auch auf einzelne kuliurelie Probleme kann nicht eingegangen werden, welche das Buch anschneidet; so mancher Beitrag erzählt von dem Hunger nach Kultur, ״der Sehnsucht nach Theater, Symphoniekonzert und Film“ und ähnlichen Dingen. Wird nicht einmal trotz der Ungunst der Zeiten der Tag kommen, wo die Universität Jerusalem über ihren Sender verfügen wird, von dem aus sie allabendlich Radiovorträge in die Siedlungen senden könnte? Jerusalem. Hugo Bergmann. Arthur Sakheim Aus dem Kreis der Frankfurter Freunde des Verstorbenen geht an* noch nachstehende Würdigung seiner Persönlichkeit tu; Fern von der Stadt, in der er lebte, und der Stätte seines Wirkens und Schaffens wurde Arthur Sakheim, der Dramaturg und Regisseur des Frankfurter Schauspielhauses sowie Leiter der ״Blätter der Städtischen Bühnen“, im blühenden Mannesalter vom Tode hingerafft. Die jüdische Gemeinschaft verliert in ihm einen Mann von starker schriftstellerischer und dichterischer Begabung. Seine Freunde und Bekannten betrauern in ihm überdies einen herrlichen Menschen von großem Format, bei dein sich sprühender Geist, wohltuende Seelenwärme und große Bescheidenheit zu einem unlöslichen Ganzen vereinigten lind ihn zu einer jener Persönlichkeiten gestalteten, die stets ihre Umgebung unweigerlich, aber völlig unbewußt in ihren Bann ziehen. Arthur Sakheim entstammt einer ersten jüdischen Familie in Litauen, die in ihrem Stammbaum viele Rabbiner, Gelehrte und, worauf er besonders stolz war, Märtyrer aufweist. Auf letzteren Umstand ist auch die Entstehung des Namens ״Sakheim“ zurückzuführen, der hebräischen Ursprungs ist und ״Sera-Kodesch-heini“ bedeutet. Sein Vater, selbst ein bedeutender Talmudist, führte ihn schon in den frühesten Kinderjahren in das Studium der hebräischen Sprache sowie des alten jüdischen Schrifttums ein. Die Liebe zur Literatur und Wissen- Schaft, zum ״Lernen“ und Studieren lag ihm daher gewissermaßen im Blut. Von natürlicher Begabung unterstützt, wurde er später nicht pur ein außergewöhnlicher Kenner der aligemeinen Weltliteratur, sondern selbst ein Schöpfer auf dem Gebiete der Kunst und Wissenschaft. Mehrere Schauspiele und Dramen, Romane und wissenschaftliche Studien sowie verschiedene Dichtungen, die trotz beruflicher Inanspruchnahme in ziemlich rascher Reihenfolge entstanden sind, legen Zeugnis von der großen universellen Begabung und bedeutenden Schöpferkraft dieses Mannes ab. Mit besonderer Liebe widmete sich Sakheim der jüdischen Literatur, die er nicht nur gründlich kannte, sondern auch durch verschiedene vortreffliche Schriften, Studien und Essays bereicherte. Bekannt ist unter anderem sein Buch ״Das jüdische Element in der Weltliteratur“. Sein besonderes Interesse galt der arabisch- und spanisch-jüdischen Kulturepoche, mit deren Schöpfungen er aufs innigste vertraut war. Er befaßte sich auch gerne mit dem Studium der ״Kabaiah“ sowie des Chassidismus und der jüdischen Mystik überhaupt. Dieser seiner Liebe tirbtammt. sein zuletzt erschienenes Drama ״Der Zaddik“, dessen bevorstehende Aufführung im Frankfurter Schauspielhaus er leider nicht mehr erleben durfte. Sein außergewöhnlich umfassendes jüdisches sowie allgemeines Wissen machte ihn zum berufenen Mitarbeiter der ״Encyklopaedia Judaica“ und des ״Jüdischen Lexikons“, In denen mehrere zum Teile größere Arbeiten von ihm veröffentlicht sind. Er war auch Verfasser vieler wissenschaftlicher und literarischer Aufsätze in jüdischen und nichtjüdischen Zeitungen und stellte sich insbesondere gerne den Logen und anderen jüdischen Vereinigungen zur Verfügung, wenn es galt, jüdisches Wissen durch das lebendige Wort zu verbreiten. Mit großer Liebe und glühender Begeisterung hing er auch am zionistischen Ideal des Aufbaus von Erez-Iisroel und der Wiederbelebung der hebräischen Sprache. Als Theaterfaehmann und großer Freund der hebräischen Sprache brachte er der ״Habimah“ das regste und lebhafteste Interesse entgegen, deren Entwicklung er durch Rat und Tat zu fördern suchte. Er sprach oft von der Absicht, zur Bereicherung des Habimah-Repcrtoires ein geeignetes hebräisches Schauspiel oder Drama zu schreiben und stand auch mit maßgebenden Kreisen wegen IJebernahme der Leitung des in Palästina zu gründenden hebräischen Nationaltheaters in Verhandlungen. Nach Frankfurt kam Sakheim erst im September!926 aus Hamburg, wo er als Regisseur der ״Kammerspiele“ wirkte. In dieser verhältnismäßig kurzer! Zeit gelang es ihm, sich in den Kreisen der Frankfurter jüdischen Gesellschaft aufrichtige allgemeine Anerkennung und Wertschätzung zu erringen. Sein reiches jüdisches Innenleben und seine große Liebe zu allem, was mit Judentum und Judenheit zusammenhing, kam bei jeder Gelegenheit zum Ausdruck. Die Wurzeln seines Judeseins, seines jüdischen Fühlens und Denkens steckten tief im Boden des alten Judentums der Gelehrsamkeit und Geistigkeit, der Charakterstärke sowie Opfer- und Kampfbereitschaft. Er teilte die Leiden und Freuden des jüdischen Volkes, dessen Schicksal er zu seinem eigenen machte und stellte sich gerne in den Dienst jüdischer Ideale. Sein Andenken wird der jüdischen Gemeinschaft, vor allem aber denjenigen jüdischen Menschen und Kreisen, die so oft Gelegenheit hatten, aus dem Born seines reichen jüdischen Wissens zu schöpfen, teuer bleiben M.B. Begegnung mit John Haynes Holmes ״Europa ist verloren, wenn seine Völker ihren Haß gegeneinander nicht lassen können. Ein geistiges Wunder muß an ihm geschehen, soll ihm überhaupt noch Rettung werden. Ein völliger Umschwung muß sich vollziehen und diejenigen, die sich Christen nennen, müßten die ersten sein, dahin zu wirken. Durch Liebe, wie sie Christus lehrt, müßten sie Haß und Gewalt bannen, nicht aber einen Antisemitismus in Deutschland wuchern lassen, der zutiefst verabscheuenswert ist und schon ein Verbrechen an der Seele derjenigen, die ihn nähren.“ ‘ Dieser Appell zur Umkehr stand im Zentrum der Predigt, die John Haynes Holmes am vergangenen Sonntag — leider nicht in einer nationalsozialistischen Versammlung — sondern im Rahmen der Berliner Amerikanischen Kirche hielt. Schade, daß Holmes Anwesenheit in Berlin nicht Gelegenheit zu einer Begegnung mit jüdischen Kreisen bot. Das Judentum und der Zionismus hat wenige 80 warme, aufrichtige und einflußreiche Freunde wie diesen geistigen Führer des pazifistisch denkenden Amerika. Holmes ist bekanntlich der Schöpfer und Träger der ״Community Cliurch“ in New York, einer großen und einflußreichen Gemeinschaft religiös gestimmter, aber über den konfessionellen Formen stehender Menschen verschiedenster Glaubensrichtung, also auch Juden, die sich im gemeinsamen Dienst für das ideal liebender Brüderlichkeit, friedlichen Völkerdaseins und sittlich-geistiger Zielsetzung im persönlichen und kollektiven Leben gefunden haben. Seme bezaubernde, von ethischem Pathos durchglühte Persönlichkeit hat Holmes die Freundschaft einflußreicher Kreise gesichert wie bekanntlieh auch die des verstorbenen Nathan Strauß. Auf dessen Einladung bereiste Holmes 1929 Palästina und in dein Buch, das er nach dem Besuch des Landes schrieb (und das in der ״J. R.“ ausführlich besprochen wurde. — A. d. Red.), bekannte er sich als Anhänger eines geistig ethischen Zionismus, freilich bekundete er gleichzeitig stärkstes Mißtrauen gegen das imperialistische England und möchte den Zionismus lieber in Verständigung mit den Arabern ohne Mitwirkung Englands verwirklicht sehen. Holmes hat in Amerika wiederholt mit stärkster Wirkung in Versammlungen zugunsten des Keren Hajessod geredet. Alljährlich unternimmt Holmes eine Studienreise durch Europa, und am Ende seiner diesjährigen, die er zum großen Teil in Begleitung des jungen neuen Rabbiners von New Orleans zurücklegte und die ihn zum zweitenmal durch Ruß* (and und zum zwöftenma! durch Deutschland führte, faßte er er seine Eindrücke über die heutige Lage der europäischen Juden und seine Auffassung von der Entwicklung der Judenfrage und des jüdischen Palästina in folgenden Aeüßeruagen zusammen: ״Am günstigsten scheint mir die Lage der europilsehen Juden in Rußland zu sein. Sie sind dort freier und gleichberechtigter als anderswo. Der Antisemitismus ist von Staats wegen verfolgt und der Staat läßt sich ihre Probleme angelegen sein. Dank ihrer Begabung und Bildung spielen sie im öffentlichen und kulturellen Leben eine bedeutende Rolle. Die Bedrückung der Zionisten, über die ich wenig gehört habe, wäre ein dunkler Fleck, aber die Gründe dafür können keine antisemitischen sein, sondern sind politische, so wie bei der Verfolgung der Tolstoianer, denen man es gleichfalls verübelt, daß sie sich mit dem bestehenden Staatswesen nicht ganz identifizieren. — Trotz der Asti- Inflation und der Atheisierung, die sich heute in der ruisisehen Judenschaft vollzieht, glaube ich, daß der russische Jude sein Judentum bewahren wird. Ich kann bei den jüdischen Mitgliedern meiner Kirche beobachten, wie sehr sie von Stolz auf ihr Judentum erfüllt sind. Die Juden werden als Volk nicht untergehen, so verzweifelt auch heute die Lage für viele jüdische Individuen sein mag. Sie haben zwei Jahrtausende ärgster Verfolgungen durch uns Christen überdauert, sie werden auch der Gegnerschaft der Araber mit Erfolg widerstehen. Das Geheimnis ihrer Unsterblichkeit ist ihre geistige Kraft, ihre Verpönung der Gewalt. Bisher freilich brachte ihnen ihr Los fast nur Leiden und Schmerzen. Aber ihre Zeit wird kommen und sie werden sich durchsetzen. Die Lösung des palästinensischen Problems sehe ich wie die des Weltchaos in dem ökonomischen Faktor. Dort wo dieser beherrschend ist, in den Tiefen der Menschheit, wo um das tägliche Brot in täglich neuem Kampfe gerungen wird, dort verschwinden alle Unterschiede und Gegensätze, und die Kreatur sucht Anlehnung an die Kreatur. Von da aus wird die Organisierung der Welt erfolgen sowie auch die Palästinas in brüderlichem und friedfertigem Geiste. Das jüdische Volk hat viel, fast zuviel Geduld lernen müssen. Es wird sie auch jetzt nicht verlieren. Es muß bei seinen Palästina-Bestrebungen, die ihren tiefen Sinn haben, zäh und unentwegt ausharren und darf nicht erwarten, daß gerade in diesem Erdenwinkel ein stiller Hafgtt ist, während die ganze Weit durch rasende Stürme geschüttelt wird. Allerdings viel mehr Förderung und tatkräftige Unterstützung sollte das jüdische Aufbauwerk von seiten der christlichen Welt genießen. Sie könnte auch viel tun, um die Araber aufzuklären im Sinne der Wahrheit und Verstand!- gung. Hier liegt eine Unterlassung, die sehr tadelnswert ist.“ Wäre nicht Holmes der Berufenste, um sie zu beheben? Aber da steht schon ein junger Inder, der in den Problemen seines Volkes Holmes hilfreiche Worte hören will, und Vertreter vieler anderer Gruppen, denen es um geistige, nationale, politische und ökonomische Freiheit geht, wollen sich an seinem Rat und über die Stunde hinausweisenden Trost und Glauben Stärkung holen. ״So bleibt zu Wichtigstem keine Zeit. Es ist zu viel für einen. Aber wenn die Menschen wüßten, wieviel Seligkeit es gibt, für Liebe und Gerechtigkeit in der Welt einzustehen, sie würden sich mehr dazu drängen,“ — das ist sein Abschiedswort, und der leuchtende Widerschein über seinem ganzen Wesen bildet einen seltsamen Kontrast zu den ertoschenen Menschengesichtern und glanzlos gewordenen Augen, die einem heute von überall entgegenstarren. Dr. Nadja Stein. Heinrich Grünfeld gestorben• im Alter von 77 Jahren verstarb in Berlin der aus Böhmen stammende, in Wien erzogene und in Berlin zu Weltruhm gelangte Cellist Heinrich GrünfeId. Im kaiserlichen Deutschland bildeten die Grünfeld- Konzerte das Rendezvous der wohlhabenden jüdischen Gesell- Schaft, in die sich hie und da auch Träger adliger Namen und wenige freisinnige hohe Würdenträger mengten. Im allgemeinen basierte Heinrich Grünfelds Ruhm, abgesehen natürlieh von seinem bedeutenden künstlerischen Können, auf der Anhänglichkeit der besseren jüdischen Gesellschaft. Heinrich Grünfeld, der sehr witzig war, hat seifet das Wort geprägt: ״Viele Juden in Berlin halten vom Judentum nur noch eine liberale Zeitung und die Grünfeld-Konzerte.“ Nun ist dieses Wahrzeichen wohlhabender jüdischer Bürgerlichkeit aus der Vorkriegszeit gestorben und im Krematorium Wilmersdorf eingeäschert worden. Die Erinnerung an Grünfeld und seine zahlreichen Apercus und Anekdoten wird untrennbar bleiben von dem Gedenken an das Zeitalter des Aufschwungs Berlins zu einer Welfmetropole s.

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