Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XXXVI (1931)
- Issue
- Heft 68 (1.9.1931)
- Date
- 1931-09-01
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/2651273-2653252-2653315--22549-2680782- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
- Hebron 2× ep/1047559
OCR text
Seite 418 JÜDISCHE RUNDSCHAU Nr. 68, 1. JX. 1991 Nun soll der Landesentwicklung auf einmal die beträchtliche Summe von zweieinhalb Millionen Pfund zur Ver* fügung gestellt werden. Damit können die brennenden Fragen des Agrarkredites, der Schuldenablösung, der Bildung von Kooperativen, der Bcistellung fachmännischer Beratung für den kleinen Farmer in Angriff genommen werden. Es eröffnet sich die Perspektive, den kleinen Landwirt aus seiner prekären Lage herauszuzichen, ihm die Möglichkeit der Selbsthilfe zu verschaffen, nach und nach seinen Standard zu lieben. Es eröffnet sich ein Ausweg aus der Sackgasse, in der ein großer Teil der palästinensischen Landwirtschaft heute gefangen ist. Daß sich für die Juden unmittelbare Vorteile ergeben können, ist ohne weiteres klar und bereits hier und da schon ausgeführt worden. Man denke nur daran, was für die geldbedürftige Aufbauarbeit die Bereitstellung einer größeren Anleihe bedeutet, selbst wenn es sich nur um zwei Fünftel der Gesamtsumme (die Zahl, die in letzter Zeit häufig genannt wird) handeln sollte. Es soll auch nicht vergessen werden, daß durch den Plan die Regierung sich für einen Teil der jüdischen Siedlungsarbeit mitverantwortlich macht und daher daran interessiert sein muß, ihn zu einem Erfolg zu gestalten. Aber wir wollen im Moment von dem unmittelbaren Nutzen, der den Juden bei richtiger Behandlung des Projektes erwachsen kann, abselicn. Die mittelbaren Wirkungen sind vielleicht wesentlicher. Wenn die jetzt beginnenden Untersuchungen das ominöse Dunkel, das über der Frage der ״landlosen Araber“ liegt, aufhellen, kann das von den Juden nur als Erleichterung empfunden werden, da die Zahl der dislozierten Fellachen, die aus Ursache der Siedlungsarbeit ihren Lebensunterhalt verloren haben, nur gering sein kann. Eine wirklich un ־ parteiische Untersuchung, die sich nicht auf bloße Schätzungen verläßt, wird den mannigfachen Legendenbildungen über diesen Punkt endlich einen Riegel vorschieben, und wird dafür sorgen, daß die Bedürftigen an erster Stelle berücksichtigt werden. Es ist ein weiteres wichtiges Moment, daß für die Durchführung des Planes ein enges Zusammenarbeiten von Engländern, Arabern und Juden vorgesehen ist. Daß bei diesem Versuche sich alle möglichen Schwierigkeiten und Reibungen einstellen werden, daß auch politischer Druck von den verschiedensten Seiten ausgeübt werden wird, kann diesen Versuch zwar erschweren, aber nicht hindern. Und vielleicht ergeben sich bei dieser praktischen Aktion, die von den drei Seiten gemeinsam getragen werden soll und muß, gewisse Ausgleichsmöglichkeiten, die man nicht unterschätzen darf. Es bleibt zum Schluß das wichtigste Moment zu erwähnen. Man spricht in zionistischen Kreisen immer wieder von den Bedingungen, unter denen man im Lande arbeiten muß. Man sollte vielleicht den Rahmen weiter fassen und davon sprechen, unter welchen Bedingungen die sich entwickelnde jüdische Gemeinschaft im Lande leben muß. Es handelt sich dabei nicht nur um die Verschiedenheit der Kulturen und Lebensauffassungen. Bei gegenseitiger Kenntnis der Begriffe, Ideale und Vorstellungen, bei gegenseitiger Achtung auch der Verschiedenheiten und einigem guten Willen läßt sich ein erträgliches Zusammenleben erzielen. Die schwerste Komplikation bildet der auch heute noch betrachtliehe Unterschied im Lebensniveau, der zwischen der großen Masse der Juden und Araber besteht. So wie sich Krankheiten nicht ausrotten lassen, wenn sie in einem Teile des Landes nicht ebenso bekämpft werden wie in dem anderen — und das hat die jüdische Gesundheitspolitik bereits zu einem guten Teile eingesehen! —, so läßt sich auch auf keinem anderen Gebiete eine wirkliche Segregation durchführen. Auch einem ausgezeichnet entwickelten und durchgebildeten Gemeinwesen, das für einen anständigen Standard und eine gute Pflege seiner Mitglieder sorgt, wird es auf die Dauer unmöglich sein, seinen Standard und damit sein Ziviiisationsniveau vor den Gefahren der Umwelt zu bewahren. Wir kennen diese Erscheinungen aus allen Ländern, in denen zwei Schichten mit verschiedenem Standard zusammenleben, ohne daß die Gruppe mit höherem Standard und die Regierung sich um die Hebung der anderen bemühen. Wir beißen uns in Palästina seit Jahrzehnten die Zähne an der harten Nuß der jüdischen Arbeit aus, die immer wieder vor dem Ansturm der billigen Arbeit zurückzuweichen gezwungen ist. Auch bei einer stärkeren Segregation der jüdischen und arabischen Siedlungsgebiete, die sich anzubahnen scheint, ist in einem so kleinen Lande wie Palästina der Einfluß eines niederen Standards und damit eines niederen Ziviiisationsniveau« niemals zu vermeiden. Die Verbesserung der palästinensischen und nicht nur der jüdischen Positionen im Lande liegt daher im eigensten zionistischen Interesse. Die Beschaffung von Schulen für den Fellachen, seine bessere Hygiene, seine wirtschaftliche Modernisierung — all das sind Probleme, die die jüdische Siedlung aufs engste betreffen. Bis heute hat die Arbeit der Juden im Lande schon wichtige Reformen auf diesem Gebiete bewirkt. Es ist jedoch notwendig, auf die Regierung, die bisher nicht genug zu diesem Ziele beigetragen hat, einen Druck auszuüben, um mehr Gelder für diese im besten Sinne ziviiisatorische Arbeit freizumachen. Der Landentwicklungsplan kann ein wichtiger Faktor in diesem Prozeß sein. Damit er es jedoch werde, ist eines notwendig: es ist dafür zu sorgen, daß diese Anleihe nicht nur dazu benutzt wird, akute politische Schwierigkeiten aus dem Wege zu schaffen, also gewissermaßen zu beschwichtigen, sondern daß sie zu weittragenden wirtschaftlichen Reformen benutzt wird. 1)3 ein jüdischer und ein arabischer Beirat für den Entwicklungsdirektor ernannt werden sollen, ist die Möglichkeit einer Einflußnahme gegeben. Diese Einflußnahme wird sich nicht nur auf die großen Linien des Planes, sondern auch auf die Einzelheiten erstrecken müssen. Denn schließlich kommt es nicht nur darauf an, daß jetzt eine beträchtliche Geldsumme der palästinensischen Land- Wirtschaft zur Verfügung gestellt, sondern wie sie verwendet wird. Bei einer vernünftigen und weitsichtigen Ausnutzung der gegebenen Möglichkeiten kann diese Anleihe eine bedeutende wirtschaftliche und politische Hilfe für das Land darstellen; im umgekehrten Falle bedeutet sie eine verpaßte Gelegenheit und eine Erhöhung de^ Steuerdrucks, die sich nicht rentiert. ln Palästina ist dieser Tage Dr. Israel Ben-Seew eingetroffen, der erste jüdische Palästinenser, der an der ägyptischen Universität in Kairo sein Studium absolviert hat und jetzt als Dozent an dieser Universität tätig ist. Presseschau ״Near East" gegen arabische Katastrophen-Politik Die englische Zeitschrift ״The Near East and 1 n d i a“ widmet den Hauptartikel Ihrer Nummer vom 27. August der arabischen Politik in Palästina. Es ist sehr interessant, daß diese Zeitschrift, die zwar nicht — wie man irrtümlicherweise immer wieder in zionistischen Zeitungen lesen kann -- ein offizielles oder offiziöses Blatt des Kolonialamtes ist, aber doch für die in kolonialpolitisch interessierten englischen Kreisen und insbesondere Beamtenkreis«! herrschende Meinung charakteristisch ist, diesmal sehr scharf von der arabischen Politik abrückt. Die Zeitschrift hat bei früheren Gelegenheiten den Arabern oft unverblümt Ratschläge gegeben, die im wesentlichen darauf hinausliefen, durch Kooperation mit der Mandatarmacht ihre Position zu festigen und dadurch auch den Einfluß der Juden zu schwächen. Es scheint nun, daß die letzten Entwicklungen die hinter der Zeitschrift stehenden Kreise zu der Ueberzeugung gebracht haben, daß die von ihr befürwortete Politik einer angloarabischen Kooperation auf Kosten der Inden sich als undurchführbar erwiesen hat. Das Blatt schreibt u. a.: ״Was immer man von der arabischen offiziellen Haltung des Mißtrauens gegenüber der palästinensischen Regierung halten mag, die Anberaumung eines Generalstreiks für den 23. August, den Jahrestag des Ausbruches von 1029, wird in weiten Kreisen verurteilt werden. Es ist nicht nur die denkbar größte Geschmacklosigkeit, wenn die Missetäter, die vor zwei Jahren wehrlose Juden hinschlachteten, in manchen Teilen Palästinas als ,Märtyrer* betrachtet werden (man wird sie nirgendwo anders als solche gelten lassen), es ist auch eine Torheit, denn es muß den Arabern sowohl die Sympathien derer rauben, die die palästinensische Politik als Realisten betrachten, als auch derer, die aus allgemeinen Grundsätzen heraus geneigt sind, eher die arabische als die zionistische Sache in Palästina zu unterstützen. Nach außenhin war dieser Streik ein Protest gegen die Einrichtung versiegelter Waffenkästen in den isolierten jüdischen Kolonien. Aber man braucht nur die Geschichte dieser Waffenkästen zu überlegen, um zu verstehen, daß sie nur ein Vorwand für die Veranstaltung eines Streiks am Jahrestag der Unruhen von 1929 waren. Viele Jahre waren die abseitsliegendcn jüdischen Kolonien im Besitz versiegelter Waffeukästcn. Fliese Einrichtung mag bekämpft werden oder nicht. Jedenfalls ist sie keine Neuigkeit in Palästina, und obwohl während der friedlichen Regierungszeit Lord Plumers gewisse Modifikationen durchgcfiihrt wurden, hat der Ausbruch von 1929 zwingend erwiesen, daß eine gewisse Vorkehrung gegen die Möglichkeit unverantwortlicher Angriffe wünschenswert ist. Demgemäß haben die Militärbehörden entschieden, diese Waffenkästen wieder aiifzustellen mit der Aenderung, daß Gewehre mit kürzerer Schußweite in Verwendung gelangen. Diese Entscheidung ist vor langer Zeit erfolgt und hat nichts zu tun mit irgendeiner neuen jüdischen Agitation. Warum also jetzt diese scharfe Kampagne der Araber gegen diese Sache? Offenbar muß dies ein Bestandteil der Politik sein, die darauf abzielt, die unseligen Gefühle, die sich im Aufstand von 1929 zeigten und durch ihn verstärkt wurden, aufrechtzu erhalten. Diese Politik ist trotz der eindringlichsten Warnungen der Regierung verfolgt worden. Vor einigen Wochen hat die Palästina-Regierung die palästinensische Presse verwarnt, die Waffen kästen nicht zum Gegenstand einer Verhetzung zu machen. Daraufhin hat die arabische Presse für eine Woche ihr Erscheinen eingestellt. Nicht einmal das Verbot zweier hebräischen Zeitungen vermochte die arabischen Journalisten zu überzeugen, daß die Regierung keinen parteiischen Standpunkt eimiiinmt. Man muß auf das tiefste bedauern, fährt ״The Near East and fndia“ fort, daß die arabische Sache in Palästina nicht klüger geführt worden ist. Von Zeit zu Zeit waren Zeichen vorhanden, daß eine Gruppe gemäßigter Araber zu einem gewissen Maß von Zusammenarbeit bereit war, um die Möglichkeiten eines Mittelweges durch eine allgemein als außerordentlich schwer erkannte Lage zu suchen. Aber diese vielversprechenden Anfänge erstarben׳ noch im Werden. Die arabische Bewegung in Palästina hat wenig Anzeichen staatsmännischer Reife gegeben und scheint rapid zu einem Zustand der Nicht-Zusammenarbeit (Non-cooperation) hinzudrängen. Das Manifest der arabischen Exekutive, worin sie ihre, Beteiligung־ an dem Landentwicklungsplan ablehnt, verrät wahrhaftig eine bedauerlich unkonstruktive Haltung und kann mir zum Schaden der arabischen Sache ausgehen, insbesondere in den Kreisen außerhalb Palästinas. Zu behauoten, daß die Palästina-Regierung, deren ganze Politik auf die Erhaltung des Friedens gerichtet war, ״den Frieden ernstlich gefährdet hat“, zu erklären, daß die bloße Auswechslung von Gewehren in den versiegelten Waffenkästen ״die Araber unvermeidlich zwingt, sich selbst zu bewaffnen“. ist nicht nur eine Kinderei, die niemanden täusehen kann, es ist auch närrische Tollheit. Wir glauben, daß es viele vernünftige Araber in Palästina gibt, die dieses Manifest der Arabischen Exekutive zutiefst mißbilligen, wird keiner von ihnen auftreten, um den gesunden Menschenverstand und die Sprache der Mäßigung zu verteidigen? Es kann sicht oft genug wiederholt werden, daß eine Politik sturer Opposition gegenüber der Regierung den Arabern in keiner Weise helfen kann; im Gegenteil, sie vernachlässigen ihre eigenen wirklichen Interessen, wenn sie die Mitarbeit an einer Maßnahme wie dem Landentwicklungsplan ablehnen. Es ist zu hoffen, daß die Arabische Exekutive hier noch nicht ihr letztes Wort gesagt hat. Sie würde damit die Pessimisten, die von den palästinensischen Arabern keine konstruktiven Fähigkeiten erwarten, in ihrer Meinung bestärken. Wir, die wir nicht zu diesen Pessimisten gehören, hoffen auch jetzt noch, daß die Araber den Irrtum ihres Beschlusses einsehen und an dem für das Wohlergehen Palästinas als ganzen bestimmten Plan mitarbeiten werden.“ Das Blatt bespricht dann die letzten Unruhen in Nablus und schließt: ״Was man besonders beachten muß, ist, daß in diesem Jahr alle versuchten Demonstrationen sich im wesentlichen gegen die Regierung und nicht gegen die Zionisten wandten; außenstehende Beobachter werden diesen Unterschied begreifen. Eine so grundsätztiche Wandlung kann nur das Resultat einer überlegten Politik sein. Es ist eine Katastrophenpolitik, deren Ende kaum von der Arabischen Exekutive bedacht worden sein kann. Daß die Araber in Palästina eine zu vertretende Sache haben, wurde von vielen unabhängigen Beobachtern anerkannt, aber wenn ihre Politik mit Unehrlichkeif, Verdrehung und Gewalfsdrohungen begleitet ist, dann ist sie zum Mißerfolg verurteil t.“ Die (auch von uns wiedergegebene) JTA.-Meldung, wonach der Polizeikommandant des Norddistriktes Mr. Partridge am 18. August erklärt habe, die Aufklärung des Mordes von Jadschur sei innerhalb 48 Stunden zu gewärtigen, erweist sich als falsch. Wie aus den nunmehr eingetroffenen Zeitungen hervorgeht, hat Mr. Partridge kein solches Versprechen gemacht, sondern den Pressevertretern den Stand der Untersuchung mitgeteilt, und die Vermutung, daß die Aufklärung innerhalb 48 Stunden zu erwarten ist, war ein Kommentar der JTA. Bis letzt ist ein erfolgreicher Ab- Schluß der Untersuchungen nicht gemeldet. Ueberflüssige Uebertreib1m*»en Gewalttaten gegen Juden gehören fast schon zu den alltigliehen Erscheinungen. Nur selten vergeht eine Woche, ohne daß aus irgendeinem Teil der Welt Exzesse irgendwelcher Art gemeldet werden. Uebcrfällc, Plünderungen, Demolierungen, Ver- Wüstung von jüdischem Eigentum, Entweihung jüdischer Gräber und Heiligtümer, Brutalitäten gegen jüdische Studenten, all dies sind wohlbekannte Ueberschriften, an denen der Zeitungsleser wegen ihrer Häufigkeit bereits fast achtlos vorübergeht. Jüdische Zeitungen vermögen nicht einmal mehr alle Ereignisse dieser Art zu registrieren. Nichts ist charakteristischer für das jüdische Schicksal in dieser Zeit als die Tatsache, daß das lebendige Gefühl für die Schrecklichkeit jedes einzelnen solchen Falles verloren gegangen ist. Man nimmt die Meldungen mit Gleichgültigkeif auf. Diese Alltäglichkeit hat eines der grausamsten Paradoxe der jüdischen Situation gezeitigt. Um d o c h die Aufmerksamkeit zu erregen, um das Gewissen der Menschheit wachznriitteln und Anteilnahme zu wecken, wird in den Berichten über Angriffe auf Juden häufig übertrieben. Woldmeinende Berichterstatter oder die Verängstigten selbst zeigen die Geschehnisse in einem Vergrößerungsglas, die Zahlen der Heimgesuchten wird aufgebauscht, und diese Berichte werden dann von einer Reihe von Agenturen und Zeitungen gutgläubig übernommen. Die Folge davon ist, daß die Schuldigen sofort eine energische ״Abwehr“ organisieren und die Nachrichten als ״Verleumdungen“ bezeichnen. Es entsteht eine völlige Umkehrung der Situation. Plötzlich sind es die Pogrombeiden, denen Unrecht geschehen ist und die sich vor der ganzen Welt bitter darüber beklagen. Und das seltsamste ist, daß die Welt hierauf wohlwollend reagiert. Sobald sich herausstellt, daß die Berichte wirklich übertrieben waren, bleibt als Resultat ein Gefühl des Unwillens gegen die Juden zurück, die in so taktloser Weise die Öffentlichkeit falsch informiert haben. Man hatte in den Zeitungen gelesen, 2000 Juden seien irgendwo umgebracht worden; plötzlich stellt sich heraus, es seien nur MO wirklich tot. Die Sache ist also ״gar nicht so schlimm“. Als ob cs nicht schlimm genug wäre, daß 200 Tote da sind. Eines der grauenerregendsten Beispiele dieser Art hatten wir vor zwei Jahren nach den Unruhen in Palästina. Damals war nach dem Massaker von Hebron von den jüdischen Zeitungen berichtet worden, die Leichen seien ״verstümmelt“ gewesen. Die Araber protestierten, und es entspann sich ein Streit um diese Verstümmelungen, der schließlich zu der gespenstischen Szene der Exhumierung der Toten von Hebron führte. Es wurde ein Protokoll verfaßt, daß Verstümmelungen nicht festgestelltwerden konnten, denn ״Verstümmelung“ im Sinne des englischen Strafrechtes bedeutet eine nachträglich an einer Leiche vorgenommene grausame Handlung; man konnte aber nicht beweisen, daß die fehlenden Glieder nicht schon während des Kampfes, sondern erst nach der Ermordung abgetrennt wurden. So waren sogar hohe Regierungsfunktionärc voll Empörung über die ״Verleumdüngen“ der Juden, und eine Zeitlang waren die Sympathien auf Seiten der ״unbegründet der Verstümmelung beschuldigten“ Araber. In diesem Sinne wurden die Berichte nicht nur von der arabischen Presse, sondern von einem Teil der Auslandspresse kommentiert. Ehe Welt schien ganz blind dafür geworden zu sein, daß das bestialische Massaker von Hebron,״ das doch nicht abgestritten werden konnte, gerade schlimm genug ist. Die geschickte "Regie vermochte die Könirov^ff völlig zu verschieben. Im Jahre 1919, zur' Zeit des ersten poT groms in Lemberg, hat die polnische Propaganda sich ähnlicher Mittel bedient, um die Juden ins Unrecht zu setzen, da tatsächlich die ersten Meldungen über die Zahl der Opfer außerordentlich übertrieben waren. Man könnte eine lange Kette derartiger Fälle aufzählen. Die jüdischen Berichterstatter und die jüdische Presse sollten eigentlich hierdurch gewitzigt sein. Man sollte verstehen, daß man durch Uebertreibungen der jüdischen Sache keinen Dienst erweist. Das Mitleid, das im ersten Moment vielleicht durch die großen Ziffern verstärkt wird, wandelt sich später in das Ressentiment des Getäuschten um. Man sollte sich ganz streng an die Wahrheit halten, die wahrlich schlimm genug ist, und sollte nicht durch Abweichen von der Wahrheit Gelegenheit zu Diskussionen geben, die den Sachverhalt, nämlich das den Juden angetane Unrecht, in den Hintergrund drängen. Einen Fall dieser Art haben wir soeben wieder bei den Ausschreitungen in S a 1 o - niki erlebt. Auf einer Protestversammlung in Paris wurde behauptet, in Saloniki seien 20״ Juden getötet und hunderteverwundet“ worden. Es ist schwer festzustellen, wer für diese Informationen verantwortlich ist. Jedenfalls wird hier von Freunden in leichtsinniger Weise mit dem jüdischen Schicksal gespielt.!Diese Behauptungen erregten die Entrüstung der griechischen Oeffentlichkeit und es wird sofort ein Apparat in Bewegung gesetzt, um zu deinentieren. ln diesem Falle ist die Uebertreibung besonders bedauerlieh, da die griechische Regierung anscheinend wirklich bemüht war, die Pogrome einzudämmen, bzw. sie zu verhindern, und diese Art der mit unkorrekten Zahlen operierenden Propaganda leicht zum Anlaß werden kann, jede judenfeindliche Stimmung in Griechenland zu verstärken. Eine weitere Folge ist ein wachsendes Mißtrauen gegenüber allen jüdischen Berichten. Die jüdisehen Berichterstatter sollten aus diesen Erfahrungen endlich die Lehre ziehen. Das, was den Juden wirklich angetan wird, ist schlimm genug, und wenn es ein Gefühl für Gerechtigkeit und Menschlichkeit gibt, so müßte sich die Kulturwelt dagegen empören, auch ohne daß man das Geschehene vergrößert. Daß Berichte über Judenverfolgungen, die tatsächlich — wenn auch vielleicht in etwas kleinerem Umfang — stattgefunden haben, zu einer Waffe gegen die Juden gemacht werden, ist eine der grausamsten Ironien der jüdischen Situation und enthüllt blitzartig die tragische Verworrenheit der modernen Judenfrage ln aller Kürze Präsident S okolow wird, wie wir erfahren, im laufe des Monats September Palästina besuchen. Von dort wird er sich dann zur Leitung der Keren Hajessod-Kampagne nach Amerika begeben. Die englische Delegation zur diesjährigen Völkerbundver- Sammlung wird von Lord Robert Cecil geführt werden. Außenminister Lord Reading wird nicht persönlich an der Tagung teilnehmen. Lord Cecil ist bekanntlich ein warmer Freund der zionistischen Sache. Am 28. August wurden weitere Urteile gegen die Aufröhr er von Nablus gefällt. 42 Teilnehmer an den Demonstrationen wurden zu Gefängnisstrafen von drei Monaten bis zu einem Jahr verurteilt. DietransjoTdanischcRegierunghatfürihr Gebiet die Haifaer arabische Zeitung ״El CarmehF verboten.