Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XXXVI (1931)
- Issue
- Heft 67 (28.8.1931)
- Date
- 1931-08-28
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 67, m Vffl. 103! JÜDISCHE RUNDSCHAU Seite 413 Was ln England möglich ist Zwei jüditche Minister Englands neuer Außenminister ist ein geborener Rufus isaacs, jetzt Lord Reading. Englands Innenminister ist Herbert Samuel. Reading war fünf Jahre Vizekönig in Indien, Samuel fünf Jahre öberkomitussär von Palästina. Beide sind bewußte Juden, die sich nie gescheut haben, offen für jüdische Interessen einzutreten. Beide führen prononcierte jüdische Familiennamen. Man denke sich einmal den Fall, daß in Deutschland ein Herr Moses und ein Herr Abraham als Außen- und Innenminister vorgeschlagen würden. Selbst die allergrößte Eignung und die Zugehörigkeit zu einflußreichsten Parteien vorausgesetzt, würde ein derartiger Vorschlag Erstaunen, achselzuckende, vielleicht auch bedauernde Abiehnung bei den Wohlgesinnten und fanatischeste Empörung rechts erwecken, Wäre dies schon in der deutschen Republik der Fall, so übersteigt es auch die kühnste Phantasie, sich Derartiges für ein monarchisch regiertes Deutschland vorzustellen. England aber d :*!kt anders. Wir erwähnen die Tatsache, daß gegenwärtig zwei Juden das Innen- und Außenministerium eines Weltreiches verwalten, nicht etwa darum, weil wir uns geschmeichelt fühlen, daß Männer unseres Volkes cs bei den anderen Völkern zu hohem Rang und Würden zu bringen verstehen. Wir machen darauf aufmerksam, weil in dieser Ernennung eines jüdischen Außen- und Innenministers ei 11 bezeichnendes Charakteristikum dessen liegt, was man in England unter Politik versteht. Wir wissen ganz genau, daß es in England einen unterirdischen und auch einen offenen gesellschaftlichen Antisemitismus gibt. Trotzdem wird es keinem im öffentlichen Leben stehenden Englinder entfallen, einen Juden von der Führung der Staatsgeschäfte aus dem Grunde auszuschließen, weil der Kandidat für diesen Posten ein Jude Ist. Die Engländer verstehen, daß Politik eine nüchterne Angelegenheit ist und für dieses Geschäft sind gerade die besten vorhandenen Köpfe gut genug. Darum wird Lloyd George, das Pflegekind eines Flickschusters, in schwerster Zeit, ohne daß jemand an der Abstammung dieses Mannes etwas auszusetzen hätte, Ministerpräsident und aus dem gleichen Grunde wird in einer gegebenen Situation jeder in Betracht kommende Anwärter auf einen entscheidenden Posten nicht danach gefragt, woher er kommt, sondern wieviel er taugt. Nur in England ist die Mischung von Respektlosigkeit und Traditionstreue möglich gewesen, daß die Arbeiterregierung ehemalige Arbeiter und Parteisekretäre zu Lords machte, um ihnen die Möglichkeit zur Erfüllung von Funktionen zu geben, die traditionsgemäß von Lords versehen werden. In Deutschland, wo der Respekt vor Titeln und Adelsprädikaten, vor Ahnenreihen und Stammbäumen auch sonst ganz linksstehenden Menschen im Blute liegt, wären alle diese Vorgänge nicht denkbar. Es kann kein Mensch wissen, ob es dem Konzentrations-Kabinett in England gelingen wird, einen befriedigenden Ausweg aus der Krise zu finden. Aber schon die Art und Weise, wie man dieses Werkzeug zur Ueberwiiidung des Notstandes in England schafft, verdient Bewunderung. Mit der englischen Politik ist es wie mit den englischen Rasenflächen. Diese sind bekanntlieh unvergleichlich schön und unnadiahmbar, obwohl sie im allgemeinen in derselben Weise Umgraben und besät werden, wie Rasenflächen anderswo. Nur obwaltet ein kleiner Unterschied: Die Engländer legen Rasenflächen seit einem Jahrtausend an, und seit vielen Jahrhunderten treiben sie parlamentarische Politik. s. 11. Lord Reading (Sn dw Jm VinVönlf«. Au* dem 2. Jahrgang־ des Jüdischen Jujjendkalender*, $11" HcrbCll SilltlttCl Jüditoher Verlag־, Berlin. Nachdruck verholen). lll]lll'llllll|[llllllllll[ilHm1IIIIIIIMIMIIIIIIIIIIIIIIMIIIMIIIM}IIIIMMIIIIIIMIIIIIIIIIIIll1r1lll[lllll!llll1mlllllllllllllllllllHIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIII;n1lilH1n1ll1n1H־llllllMMI;11ll!lli|llll1n1lll1n1lilMlilllllll^l|lllllll|lll1m1llll1n1lll1n1llll;IIIIICIIIIlllllll{lllil![lllllllllMIIIIII Die Wandlungen Im neuen Orient Hans Kohn: Nationalismus und Imperialismus im Vorderen Orient, Societäts-Verlag, Frankfurt a. M., 1931. Besprochen von Dr. M. B11 e s k i. . Dieses Buch, *das yor allem ein politischer Tatsachen- 'Hctftlrt Ist, sfcftihläf iie politische'Ehtl#icfelü«S‘'def "Linder "des• Vorderen Orients (Aegypten, Palästina mit Transjordanien, Syrien, Irak, Arabische Halbinsel). Der Verfasser war in der Lage, ein sehr reichhaltiges Material zu verwerten, das ihm auf Grund jahrelanger persönlicher Beobachtung und genauer Kenntnis der Literatur — aus der zahlreiche, in den verschicdensten europäischen Sprachen erschienene Werke zitiert werden — zur Verfügung steht. Ein umfangreiches Literaturverzeichnis enthält bequeme Ausgangspunkte für etwa gewünschte Spezialstudien. Hans Kohns flüssige, gut gruppierte Darstellung gibt ein deutliches Bild des Auf und Ab, des Miteinander und noch häufigeren Gegeneinander, der bunten Lebensfülle, die in der Zeit nach dem Kriege die politische Entwicklung des Vorderen Orients auszeichnet. Für uns Zionisten, Anhänger einer Bewegung, die ein Stück des Orients zu gestalten sucht, ist es von größter Bedeutung, den notwendigen Zusammenhang unserer Aufgaben und Entschlüsse mit diesem ganzen Komplex des Vorderen Orients zu erkennen. Leider ist hierfür der Lieberblick nicht immer vorhanden, und manchmal fehlt es auch am Willen. Manche glauben, den Zionismus in einer splendid isolation durchführen zu können, ideelle und tatsächliche Bedingtheiten und Probleme am besten dadurch zu lösen, daß man sie nicht zur Kenntnis nimmt. Das Buch Hans Kohns lehrt mit Deutlichkeit, daß eine solche zionistische Politik a priori nicht durchzuführen ist. Die inneren Kräfte der Entwicklung, nicht nur Palästinas, sondern auch der Nachbarländer, sind so beschaffen, daß sie mit Notwendigkeit von allen an diesem Teil der Erde interessierten beachtet werden müssen. Hans Kohns Euch bietet das unentbehrliche Handwerkzeug der tatsächliehen Kenntnisse. Zugleich vermittelt es eine Vorstellung von den Schwierigkeiten, aber auch von dein Reiz einer die Zusaminenhäugc begreifenden, sich willig in sie einordnenden, zionistischen Politik. Die Schilderung der Tatsachen ist um die zwei miteinander ringenden Tendenzen des erwachten orientalischen Nationalismus und des westlichen Imperialismus gruppiert. Diese Einteilung der ürundkräfte ist lediglich mit Zustimmung zu notieren, ebenso die Voraussage des Verfassers - die in der Entvvickiung seit dein Kriege eine gute Stütze findet - , daß die orientalischen Nationalbestrebungen sich allmählich durchsetzen werden. Nur ist der Vorbehalt nötig, daß die beiden genannten Grundbegriffe die Ereignisse und Entwicklungen der orientalischeii Politik doch nicht vollständig erfassen. Auf der orientalischen Seite kommen religiöse Bewegungen, ständische und dynastische Interessen noch immer mit selbständiger Bedeutung zur Geltung. Bei den europäischen Mächten existiert nicht nur die einheitliche imperialistische Tendenz mit der Front gegen den Orient, hier wirken auch die Operationen der einzelnen Mächte gegeneinander, und schließlich auch, wenn auch bisher nur im dürftigen Umfange, Elemente einer neuen Politik, die mit dein dem Imperialismus innewohnenden Expansionsdrang nichts mehr zu tun hat. Diese Strömungen, welche die Kraftlinien der nationalen und imperialistischen Tendenzen kreuzen, dürfen in der Gesamtheit und in der Entwicklung des Bildes nicht übersehen werden. Es wäre auch verkehrt, auf der Seite des Orients nur sympathisches, heldenmütiges und ehrliches Freiheitsstreben, auf der Seite Europas nur das Raffinement einer gewissenlosen Intrigenpolitik zu konstatieren. In dieser Beziehung kann man vielleicht gelegentlich Licht und Schatten anders verteilen als der Verfasser. Das gilt z. B. bezüglich der wohl allzu beiläufig erwähnten Schwenkung der engfischen Orientpolitik, welche die Würdigung der neuen Kräfte des Orients und die Verständigung mit ihm erstrebt, und die übrigens auf eine konservative Regierung zurückgeht (Amery hat vor kurzem in der Irak-Debatte des Unterhauses die Arbeiterregierung daran erinned, daß er gegen die Opposition der Arbeiter diesen Wechsel der Politik eingeleitet hat, dem er nicht ohne Grund eine ganz besondere Bedeutung beilegt.) Mit diesem System ist aber die Hetze verschiedener Volkselemente gegeneinander als Mittel der Politik, die in Hans Kohns Darstellung eine recht erhebliche Rolle spielt, schwer vereinbar. Solche Anmerkungen sollen indessen keinerlei Einwand gegen die Objektivität der Darstellung bedeuten, die sich fern von jeder ParteileLdenschaft dem,Bericht der Tatsachen widmet. Das Buch enthält einen 'allgemeinen Teil, •der in mehreren* Kapiteln die Ursachen und Grundzüge der Entwicklung schildert. Dann wird die politische Geschichte in den einzelnen Ländern in besonderen Kapiteln beschrieben. Für die zionistische Politik ergibt sich eine grundlegende Lehre: Der Orient ist in voller Bewegung, und zwar in der Richtung auf die moderne Welt, au die er durch Verkehr, Wirtschaft, killturelle Entwicklung immer enger angeschlossen wird. Es wäre — das wird ohne jede Absicht in Hans Kohns Buch überzeugcad nachgewieseu — nicht nur unbegründeter Hochmut, sondern auch Leichtsinn, wenn der Zionismus sich allein als eine ״moderne“ Kraft in einer mittelalterlichen, daher rückständigen und bewegungslosen Umgebung betrachten würde. Er hat sich auch in seinen orientalischen Beziehungen mit ״modernen“ Bewegungen auseinanderzusetzm oder sich in sie einzugliedcrn. Noch in einem anderen Sinne kann das Buch für zionistische Politiker lehrreich sein. Es mahnt zur Sparsamkeit beim Verbrauch von Temperament. Vorgänge, die entweder als aufreizende Störungen oder als die Anzeichen leichter Lösungen von Schwierigkeiten empfunden werden, wenn man sie mir auf dem Gebiet sieht, auf dem der Zionismus arbeitet, verlieren manches von dieser Bedeutung, wenn Paralleierscheimtngen im ganzen Gebiete des Orients beobachtet werden. Das Fellachenproblcm existiert in den Nachbarländern ebenso wie in Palästina (Seite 73). Die Regierungen haben daher überall — auch wenn sie nicht pro oder kontra Zionismus Stellung zu nehmen haben — mit dieser Frage zu tun. Das soziale Freiheitsstreben geht überall mit dem nationalen Hand in Hand, man wird daher auch in Palästina nicht jenes gegen dieses ausspielen können. Die Beobaehtung von Unruhen in anderen Kolonialländern (Seite98 ff.) sollte den Irrtum ausschließen, die Ereignisse des Jahres 1029 in Palästina lediglich als mehr oder weniger zufällige Exzesse, veranlaßt von Konjunkturhetzern, und nicht als den Ausdruck einer realen nationalen Tendenz zu sehen. Das Kapitel Palästina bringt eine knappe, aber vollständige Uebersicht über die Entwicklungslinie der britischen Politik, die Entwicklung der arabischen Bewegung und des Zionisirms. Die Darstellung verhüllt die Schwierigkeiten der zionistischen Aufgabe nicht, aber sie schildert mit Sachkunde und innerer Anteilnahme die Erfolge des Zionismus, die Bedeutung der Bewegung für das Land, die Eigenart und Kraft seiner Idee. Das Resümee Hans Kohns über die Regierungspolitik (S. 219) gehört nach der Meinung des Rezensenten zu den Urteilen, in denen allzu viel diabolische Planmäßigkeit bei der Imperialist!- sehen Macht angenommen wird. Es wäre statt dessen zu erwägen, ob nicht auch innerhalb der britischen Politik verschiedene Richtungen sich — und zwar in wechselnder Stärke — geltend machen. Die Kontrastierung der jüdischen mit der arabischen Bewegung (S. 220) zeigt die Bedeutung dieses Gegensatzes und die Schwierigkeit seiner Lösung. Noch eine Bemerkung zu dem juristischen Inhalt des Buches: Die Entwicklung Transjordaniens zu einem besonderen Staatswesen ist vom rechtlichen Standpunkt aus nicht einwandfrei mit dem Sinne des Mandats zu begründen, wie der Verfasser meint (S. 22b). Ueberhaupt steht im Mandatssystem keineswegs — wovon Hans Kohn ausgeht — die Verpflichtung im Vordergründe, den Mandats-Völkern mit größter Gescliwindigkeit volle Unabhängigkeit zu verleihen, sondern die Aufgäbe einer wirksamen Hilfe, aber auch Kontrolle ihrer Entwicldung. Gegen die Unabhängigkeitsdeklarationen, die Engfand gegenüber Mandats-Völkern abgegeben hat und die vorn Verfasser besonders lobend hervorgehoben werden, sind gerade vom Standpunkt des Mandatssystems — vielleicht nicht so sehr unter dem rein politischen Gesichtspunkte — manche kritischen Eilvwände möglich. Diese knappen Angaben über den Inhalt des Buches_ werden gezeigt haben, daß es jedem Interessenten an zionistischer Politik eindringlich emnfohlen werden kann. PaMstinix politische Zukunft Von Dr. Arthur Ruppln. In dem soeben erschienenen nmiten Bande der ״Soziologin der Juden“ [Jiidiseher Verlag Berlin) behandelt Buppin den ״Kampf der Juden um ihre Zukunft’'. Der fünfte Abschnitt dieses umfassenden und trichtiffrn Buches ist dern Zionismus gewidmet, denen Geschiehte und Problematik in großen Umrissen dargeiteilt wird. Am End» diese» Abschnittes hat Buppin seine Anschauung über das gegenwärtige poU• tische Problem Palästinas;, insbesondere über das Verhältnis von Juden und Arabern, zusammen gefaßt. Wir geben hier mit Erlmbnis des Verfassers diese» Kapitel teilweite wieder Und werden auf das gant» Buch noch mrilekkommen. Happin bespricht eunächst die der Balfour- Deklaration gegebenen Deutungen, insbesondere die Interpretation ist englischen Weißbuches mn J§33, und fährt darin fort; Die Erklärung der britischen Regierung (sc. das Churchill־ Weißbuch von 1922 — A. d. ״J. R.“) könnte für die Arabet genügen, selbst wenn die Juden selbst mit ihr nicht elnveritan• den wären. Aber die Juden selbst haben sich bemüht, die Be• fürchtungen der Araber vor einer Beherrschung durch die Juden /u zerstreuen. Auf den Zionistischen Kongressen von 1921, 1925 und 1929 ist der Wunsch nach Zusammenarbeit mit den Arabern ausgesprochen und anerkannt worden, daß in Palästina keine Nationalität über die andere herrschen oder von ihr be• herrscht werden darf. In staatsrechtliche termini übertragen, würde das heißen, daß Palästina ein Staatswesen sein soll, in dem Juden und Araber als zwei gleichberechtigte Nationalitäten nebeneinander leben sollen. Beispiele eines solchen friedlichen Zusammenlebens zweier gleichberechtigter Nationalitäten in einem Staate bieten Buren und Engländer In der siklafrikanisehen Union oder Deutsche und Franzosen in gewissen Kantonen der Schweiz. Ein ״b i n a t i 0 n a t e r“ (englisch: bi-racial) Charakter Palästinas bedeutet nicht eine Abkehr von d er Forder 1111g d c r N a t i o ״ a I e n J ü d i g c h e n H e i nv stätte. Wenn die Nationale Heimstätte in Palästina zum Ziele iw?’ (le1" die Entfaltung ihres Eigenlebens in Kultur und Wirtschaft olme_ Abhängigkeit von der Zustimmung einer anderen Nationalität zu sichern, so ist der binationak Charakter I alästinas kein Hindernis. Die Juden werden in Palästina nicht nur wie in Westeuropa bürgerliche Gleichberechtigung genießen, sie werden nicht mir wie in Osteuropa nationale Minderheiten* rechte haben, sondern sie werden als eine Nationalität mit völ- Iiger kultureller Autonomie und mit Zusammenschluß in einer einheitlichen Gemeinschaft (Knesset!! Jisraei) der arabiichen Gemeinschaft völlig glcichgeordnet gegenüberstehen. Sie werden durch die völkerrechtlichen Bestimmungen nach Palästina nicht als Geduldete, sondern kraft ihres Rechtes kommen. Der Unterschied zwischen dem Binationalismus in Palästina und den Mfnderheitcnschutzvcrträgen in Osteuropa besteht darin, daß in den Miiiderheifenschiitzverträgen, die der Völkerbund mit den einzelnen osteuropäischen Staaten abgeschlossen hat, diese Staaten, d, 11. die den Staat tragende Mehrheitsnation, sich verpflichtet, gewisse Rechte der Minderheiten nicht zu beeinträchtigen. Das Recht der Minderheit fließt also aus einer Kon- Zession der ״Mehrheit״. In Palästina dagegen sollen Juden und Araber ihr Recht in gletcher Welse vom Völkerbund ableiten. Das ist gerade der Vorteil des Mandatssystems, daß es die Her- Stellung «Ines politischen Gleichgewichts zwischen zwei Nationalitaten ermöglicht, selbst wenn sie nach Zahl und Macht nicht gleich sind. ״Nicht der kleinste Dienst“, sagt der englische Parlamentarier Norman Angel, ״den das Palästina-Mandat leisten kann, ist der, daß es, wenn es sich bewährt, der Vorläufer einer Art von Regierung werden kann, die in vielen Teilen der Welt mehr und mehr notwendig wird. Die Regierung in Palästina uLlicii «ß?, Ipdtsqbe und nicht eine,ara־. bftöhe Regttrdfig; sie ist eine Regierung schlechthin; eine ,internationale״ Regierung, wenn man ein Beiwort hinzufügen muß; obgleich das Beiwort ,unparteiisch״ vielleicht besser das ausdrückt, wohin sie streben soll.“ . Es ist um so leichter, Palästina zu einem biiiationaten Gemeinwesen auszubauen, als es ohnehin durch seine Verbindung mit den drei monotheistischen Religionen immer ein Gebiet von internationalem Interesse sein wird und sich nicht nationalistisch einkapsehi kann. In dem Palästinamandat sind besondere Bestimmungen enthalten, um die Heiligen Stätten in Palästina zu exferritorialisieren und der Herrschaft der Landesregierung zu entziehen. Schon dieser Eingriff in die Hoheitssphäre des Staates beweist, daß Palästina als Staat nicht dieselbe unbegrenzte Souveränität genießt wie andere Staaten. Es wird, selbst wenn der Völkerbund einmal das Mandat für beendigt erklärt und es der Bevölkerung Palästinas überläßt, sich selbst zu regieren, doch mehr oder weniger einer internationalen Kontrolle unterstehen und wird sich nicht in dem Ueberschwang des Souveränitätsgefühls sonnen können, mit dem andere Staaten einen engstirnigen Chauvinismus verbrämen. In jedem Falle ist aber, solange England nach den Bestimmungen des Mandats Palästina verwaltet, Sicherheit dafür gegeben, daß keine der beiden Nationalitäten, mag sie zahlenmäßig größer oder kleiner sein, die andere vergewaltigt. Damit ist rechtlich Palästina als binational, d. 11. als aas Land zweier glekhberechtigter Nationalitäten, gekennzeichnet. Der binationale Charakter Palästinas kommt schon heute darin zum Ausdruck, daß Arabisch und Hebräisch (neben Englisch) als offizielle Sprachen anerkannt sind, daß hebräische und arabische Schulen gleichberechtigt nebeneinander bestehen, daß die von Juden gewählte und von der Regierung anerkannte ״Knessetli Israel“ Autonomie in kulturellen und Wonlfahrtsangelegenheiten genießt, daß ein Rabbiuat und ein rabbinischer Rat die höchste Autorität für religiöse und Status-(Familienatands■) Fragen sind, und daß nicht nur die jüdische Stadt Tel-Awiw, sondern auch mehrere große jüdische Siedlungen (Petach Tlkwah, Rechoboth, Rischon le Zion, Sichren Jacob usw.) tnunizipale Selbstverwaltung genießen. Diese Selbstverwaltung könnte noch dadurch erweitert werden, daß benachbarte jüdische Siedlungen, von denen jede einzeln für Selbstverwaltung zu klein ist, das Recht erhalten, sich zu Munizipai-Verbänden zusammenzuschließen. Das würde den Juden in diesen Verbänden ein größeres Maß von Selbstverwaltung ermöglichen, ohne daß die Araber dadurch irgendwie beeinträchtigt würden. Es Ist sehr wahrscheinlich, daß in dem jetzigen Zustande hochgradiger Spannung zwischen beiden Völkern die Araber Der AngesfeUtenabbau in der Berliner Gemeinde Wie wir kurz vor Redaktionsschluß erfahren, ist es hauptsächlich den Vertretern der Jüdischen Volkspartei in unermüdlichen Anstrengungen gelungen, den geplanten Massenabbau in der Jüdischen Gemeinde zu Berlin durch ihre energische Intervention und durch ihre Vorschlage zu verhindern. Die Oeffentlichkeit wird diese Nachricht mit Genugtuung zur Kenntnis nehmen, da der geplante Schritt des Gemeindevorstandes in eine große Zahl jüdischer Familien in Berlin schwerste Unruhe und Besorgnis getragen hat. Es ist zu hoffen, daß diese Besorgnis zumindest bis zum Frühjahr nächsten Jahres ge־ bannt bleiben wird.