Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XXXVI (1931)
- Issue
- Heft 67 (28.8.1931)
- Date
- 1931-08-28
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/2651273-2653252-2653314--22544-2680776- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Seite 414 JÜDISCHE RUNDSCHAU Nr. 67, 28. VIII. 1931 das Prinzip der Binationalität ablehnen und dabei bleiben werden, daß Palästina ein arabischer Staat sei, in dem die Juden lediglich Minoritätsrechte haben. Aber auch dann müssen die Juden an dem Prinzip der Binationalität festhalten. Es ist notwendig nicht nur im Hinblick auf einen Ausgleich mit den Arabern, sondern um vor dem Völkerbunde mit aller Deutlichkeit darzutun, daß sie ihre Nationalität nicht auf Kosten einer anderen Nationalität befestigen wollen. Im Falle der Ablehnung durch die Araber bleibt den Juden nichts anderes übrig, als, gestützt auf die Bestimmungen des Mandats, ihre Arbeit in Palästina fortzusetzen und für eine Verständigung mit den Arabern eine spätere Zeit abzuwarten. Die Juden können nicht unter die Forderung des binationalen Gemeinwesens heruntergehen. Würden sie es tun, so würde das heißen, daß sie in Palästina keine andere Rechtsstellung haben als in Osteuropa unter der Herrschaft der Minderheitenschutzverträge und daß sie auch in Palästina in Einwanderung, wirtschaftlicher und kultureller Entwicklung von dem guten willen der Mehrheitsnation abhängig sind. Damit würde der Zionismus das aufgeben, was ihn in den Augen der Juden in der ganzen Welt wertvoll macht: die gesicherte Möglichkeit, nach Palästina einzuwandern und hier jüdisches Leben nach eigenem Willen zu gestalten. Ohne diese Sicherheit muß das Interesse am Zionisraus in den jüdischen Massen in kürzester Zeit absterben. In der letzten Zeit ist der politische Gegensatz zwischen Arabern und Juden hauptsächlich darin zum Ausdruck gekommen, daß die Araber verlangen, daß das jetzige System, bei dem das Land nur von Beamten ohne Anteilnahme der Bevölkerang regiert wird, durch einkonstitutionellesSystem abgelöst wird. Die Araber berufen sich darauf, daß in den anderen ehemals türkischen Ländern wie Irak, Transjordanien, Syrien bereits Volksvertretungen bestehen. Palästina sei kulturell mindestens ebenso entwickelt wie diese Länder und habe deshalb Recht auf eine Volksvertretung. Außerdem sei im Palästinamandat ausdrücklich bestimmt, daß die Regierung allmählich Selbstverwaltungskörper schaffen soll. Die Juden befürchten, daß die Araber, wenn sie in der gesetzgebenden Körperschaft nach ihrem Verhältnis in der Bevölkerung vertreten sind, ihre große Mehrheit benutzen werden, um in Zukunft die jüdische Arbeit in Palästina unmöglich zu machen. Diese Befürchtung ist natürlich bei der gegenwärtigen Stimmung der Araber durchaus begründet. Aus diesem Grunde widersetzen sich die Juden der Forderung nach einer Volksvertretung, obwohl ihnen die Teilnahme der Bevölkerung an der Landesverwaltung lieber wäre als die jetzige Beamtenregierung. Sie machen ihre Zustimmung zu einer Volksvertretung davon abhängig, daß die Araber sich mit der Errichtung einer Nationalen Jüdischen Heimstätte in Palästina abfinden und den Juden gentigend Garantien geben, daß sie ihre Macht in der Volksvertretung nicht zur Erdrosselung der jüdischen Arbeit verwenden werden. Die Araber in Palästina hoffen, daß sie in ähnlicher Weise, wie es andere orientalische Völker schon getan haben, sich in absehbarer Zeit von europäischer Bevormundung befreien und ein selbständiges Staatswesen bilden werden. Darüber hinaus denkt man in manchen arabischen Kreisen an einen Zusammen- Schluß von Irak, Syrien, Palästina, Transjordanien und der Staaten Arabiens zu einem unabhängigen Staatenbunde, obwohl zurzeit einem solchen Zusammenschluß durch die Verschiedenheit dieser Völker in bezug auf Religion, kulturelle Höhe, poltische Lage große Hindernisse entgegenstehen. Es ist behauptet worden, daß die Juden bei diesem Widerstreit zwischen dem Orient und Europa an einem Scheidewege stehen und daß sie sich entweder für die eine oder für die andere Säte Stschelden müssen. Wie immer aber ihre Entscheidung aussül'^Wurth״ eitweiifr die Araber im ganzen Orient zu dauernden Feinden machen. Diese Auffassung wäre richtig, wenn das England von heute noch die Koloniaipolitik früherer Zeiten führen und die orientafischen Völker beherrschen und ausbeuten wollte. Aber die britische Politik ist in den letzten Jahrzehnten mehr und mehr dazu übergegangen, die Dominions, Kolonien und Schutzgebiete nicht durch Gewalt, sondern durch Interessengemeinschaft mit dem Britischen Imperium zu verbinden. Die Errichtung einer arabischen Federation braucht nicht gegen England, sondern kann im Bunde mit England vor sich gehen. Britische Staatskunst kann Formen finden, um die Forderung der arabischen Länder nach Unabhängigkeit zu befriedigen und sie doch in loser Weise im Gefüge des britischen Reiches zu halten. Die Juden haben ein vitales Interesse an einer zukünftigen friedliehen Festlegung des Verhältnisses Palästinas zu England, falls dadurch ihr Recht auf Errichtung einer Nationalen Heimstätte in Palästina nicht beeinträchtigt wird. Sie können sich weder gegen England wenden, das unter den Bestimmungen des Mandats ihr einziger Beschützer in Palästina ist, noch gegen die Araber, die in aller Zukunft in Palästina und ringsherum in den Nachbarländern wohnen und den Juden an Zahl weit überlegen sein werden. Es scheint, daß zurzeit Juden und Araber ihre Macht- Positionen überschätzen. Die Araber glauben, auf Grund ihrer numerischen Ueberlegenheit in Palästina, der räumliehen Nachbarschaft von fünf Millionen Arabern in Syrien, Arabien und Transjordanien und drei Millionen im Irak und auf Grund der Unterstützung der Mohammedaner in anderen Ländern mit dem kleinen Häuflein Juden in Palästina leicht fertig zu werden. Die Juden ihrerseits fühlen sich trotz ihrer kleinen Zahl in Palästina stark genug, um sich gegen Angriffe zu verleidigen. Sie stützen sich auf die feierlichen Versicherungen, die ihnen vom Völkerbunde und den Großmächten gegeben worden sind, besonders aber auf die materielle Hilfe und die moralische Unterstützung der 16 Millionen Juden in der Welt, unter welchen der Zionismus im letzten Jahrzehnt mehr und mehr Anhänger gewonnen hat. Früher oder später werden beide Parteien zur Einsicht gelangen müssen, daß es keiner von ihnen leicht ist, den Widerstand der andern zu brechen, und daß sie vom Schicksal dazu bestimmt sind, in Palästina nebeneinander und miteinander zu leben. Dann wird die Zeit dafür reif sein, um in Verhandlungen die beiderseitigen Rechte und Pflichten abzugrenzen. Es ist für die Araber, die am Anfang einer großen nationalen Entwicklung stehen, sicherlich kein Vorteil, wenn sie sich mit dem Vorwurfe beladen, daß sie für die nationalen Bestrebungen eines anderen Volkes kein Verständnis haben, das mit ihnen sprachlich verwandt ist, dessen Geschichte und Religion mit Palästina eng verbunden ist und das durch seine äußeren Umstände heute auf die Rückkehr nach Palästina als einziges Mittel zur Erhaltung seiner nationalen Existenz angewiesen ist. Die Juden in der ganzen Welt würden in den Arabern, die bisher in der jüdischen Geschichte aus der Zeit jüdisch-arabischer kultureller Zusammenarbeit im Mittelalter rühmlich bekannt sind, ihre Feinde sehen. Ein solches Resultat würde den Arabern manche Hilfe verschließen, die ihnen sonst bei ihren nationalen und wirtschaftlichen Bestrebungen und besonders bei der Bildung einer großen arabischen Föderation nützlich und notwendig sein kann. Es ist leicht möglich, daß die Araber außerhalb Palästinas diesen Vorteil viel höher einschätzen werden als die von einem lokalen Nationalismus geblendeten Araber Palästinas und die Hand der Juden nicht so leicht zurückweisen werden. Die Juden andererseits können sich zur Behauptung ihrer Stellung in Palästina auf die Dauer weder auf englische noch auf eigene Bajonette verlassen. So wie sie die Anerkennung ihres Rechtes auf Errichtung einer Nationalen Heimstätte In Palästina der Sympathie verdanken, welche die zivilisierte Welt ihrem Streben nach nationaler Selbsterhaltung entgegenbrachte, so werden sie auch bei Verwirklichung ihres Strebe ns und bei Ueberwindung der mannigfachen Hindernisse auf diese Sympathie angewiesen sein. Ihre Tätigkeit in Palästina muß diesem Umstande Rechnung tragen. Je klarer es wird, daß sie nach Palästina nicht kommen, um dort die Araber zu beherrsehen oder zu verdrängen, sondern daß sie mit moderner Technik dem Lande neue, bisher unerschlossene Existenzquellen abringen wollen, um so mehr wird das Hauptargument der Araber, mit dem sie vor dem Völkerbunde den Zionismus bekämpfen, hinfällig. Die Zukunft des Zionismus ist mit der Zukunft des Völkerbundes aufs engste verknüpft. Je reiner der Völkerbund gegenüber nationalistischem Ueberschwang die Gerechtigkeit im Völkerleben verkörpert und je größer seine Autorität wird, um so besser steht es mit den Aussichten des Jüdischen Nationalen Heims. Sache der Juden ist es, vor dem Völkerbunde durch Wort und Tat darzutun, daß sie ihrerseits von nationalem Chauvinismus, der nur die eigenen Interessen verfolgt, frei sind, und daß sie ihre Rückkehr nach Palästina auf dem Wege eines gerechten Ausgleichs ihrer Interessen mit denen der jetzigen Landesbewohner erstreben. Wenn sie dies tun und wenn sie durch ihre Arbeit Palästina auf ein höheres wirtschaftliches und soziales Niveau heben, dann dürfen sie dem Urteil des höchsten Areopags der Menschheit mit Zuversicht entgegensehen. Ein Lehrbuch des liberalen Judentum Der Nestor des liberalen Judentums, Claude Montefiore, gibt sein Buch ״Outlines of Liberal Judaism“ beinahe zwei Jahrzehnte nach seinem Ersterscheinen nunmehr in deutscher Sprache heraus. (״Umrisse des liberalen Judentun s“, übersetzt von Josef Kauffmann, herausgegeben von Rabbiner Dr. Seligmann, Verlag Gustav Engel in Leipzig, M. 6,—.) Montefiore ist eine achtunggebietende Persönlichkeit von persönlichem Charme, die gewiß nicht von politischen Gesichtspunkten beurteilt werden kann. Er ist ein Forscher, der noch in seinem heutigen hohen Alter sich unablässig um jüdische Wissenschaft bemüht, alle Neuerscheinungen der religionswissenschaftlichen Literatur in mehreren Sprachen verfolgt und in ausführlichen Besprechungen in englisch-jüdischen Zeitungen sich temperamentvoll damit auseinanderzusetzen pflegt; zugleich ein Mann von Herzeusfrömmigkeit und religiösem Empfinden, der in seiner Art das Judentum liebt und zu fördern strebt. Er ist der Repräsentant einer vergangenen Epoche, die wenige seinesgleichen aufzuweisen hatte. Aber seine Diktion ist ein wenig geschwätzig und seine Gedanken stammen zum größten Teil aus der Rüstkammer eines etwas flachen Rationalismus. Montefiores Liberalismus ist in entscheidenden Punkten nicht mehr repräsentativ. Sein Wunsch, das liberale Judentum gewissermaßen zu einer ganz neuen selbständigen Religion zu entwickeln, wird heute von entscheidenden Gruppen des überalen Judentums, z. B. gerade von geistigen Führern des deutsehen Liberalismus, nicht mfehr geteilt. Denkerisch und philosophisch reicht Montefiore in keiner Weise an die Spitzenleistungen des deutschen liberalen Judentums (man denke etwa an Herrmann Cohens ״Religion der Vernunft“) heran. Es ist, besonders in den ersten Kapiteln dieses Buches, eine rührende religiöse Innigkeit, vielleicht bewußt etwas kindlich, da das Buch in erster Reihe als Einführungsbuch für die Jugend bestimmt ist. Diese Art der Darlegung ist entwaffnend. Es ist ein Bekenntnisbuch, und gegen Bekenntnisse kann man nicht polemisieren. Montefiore selbst betont, er drücke nur seine perpönjicli» ,Anschauungen.«», «bwcrM er glaubt, daß .,diese: mit einem beträchtlichen Teil der allgemeinen liberaljüdischen Anschauung zusammenfallen. Jedem bleibt es daher vorbehalten, Montefiores Theologie je nach dem eigenen religiösen Standpunkt zu bewerten. An dieser Stelle, wo Parteinahme in religiösen Fragen nicht beabsichtigt ist, interessiert vor allem das Kapitel über jüdischen Nationalismus. Auch dieses Kapitel ist in einem ruhigen und gemäßigten Ton geschrieben und der Verfasser möchte gern zeigen, daß er Gerechtigkeit auch dem Gegner zuteil werden Tassen will. Aber auch hier vermag er keineswegs in die Tiefe zu dringen. Er stellt bedauernd fest, daß jüdische Religionsgemeinschaft und jüdische Stammesgemeinschaft heute zusammenfallen. Daraus entstehe der Anschein, als ob das־ Judentum eine nationale Religion wäre. Die Lehre vom ״auserwählten Volk“ sei freilich nicht nur dem konservativen Judentum eigen, sondern auch das liberale Judentum spricht von einer ״Mission Israels“. Dies sei jedoch nicht national zu verstehen, da die Auserwähitheit des Volkes sich nicht auf äußeres Glück, sondern auf Leiden und Schmerzen beziehe. Die Deduktion ist nicht einleuchtend, da auch ein zu Leiden auserwähltes Volk eben doch ein Volk ist. Der Horror vor dem Nationalismus führt manchmal zu fast komischen Exkursen. So z. B. erhalten die Propheten eine Rüge: sie verstehen ihre eigene Lehre nicht. Montefiore schreibt von den Propheten: ״Aber die volle Bedeutung dieser ihnen geoffenbarten Lehre erkannten sie nicht so ganz klar. So kommt es, daß eine Anzahl dieser großen inspirierten Führer, wie es scheint, allgemein den Gedanken mit dieser Lehre verbanden, daß der eine und einzige Gott mehr der Gott Israels sei — ihm näher und in engerer Beziehung zu ihm — als der Gott anderer Völker. Auf diese Weise war gerade die eigentliche Größe ihrer erhabenen Lehre von einem Mangel begleitet.‘' (Die deutsche Uebersetzung des Buches ist übrigens auch nicht gerade mustergültig.) Montefiore schlängelt sich durch viele Widersprüche hindurch, er verwirft z. B. auch die Mischehe, um dann schließlieh in eine offene Polemik mit dem Nationaljudentum einzutreten, das bewußt ein jüdisches Volk wieder aufbauen will. Die liberalen Juden — so betont er — wünschen, außer in bezug auf die Religion, mit den Nationen, unter denen sie wohnen, eins zu sein. Der Verfasser des Buches übersieht, daß dieses von ihm theologisch verfochtene Postulat keineswegs mehr ein Postulat der religiösen Ueberzeugung ist, sondern aus ganz anderen Quellen politischer und geschichtlicher Art fließt. Es enthüllt sich hier die ganze Schwäche der liberal-jüdischen Ideologie, die darin liegt, daß sie (ohne es zu merken?) religiöse Reformgedanken mit politischem Opportunismus vermischt und so gerade diejenigen Begriffe, denen sie in bezug auf das Judentum religiöse Relevanz abspricht, auf der anderen Seite in einer viel illegitimeren Weise in ihre Theologie wieder hineinbringt. Montefiore muß übrigens zugeben, daß Nationaljudentum und liberales Judentum einander nicht ausschließen, denn es gibt liberale Juden, die Zionisten, und Zionisten, die religiös liberal sind. Dennoch glaubt der Verfasser, daß begrifflich ein Widerspruch zwischen den beiden Auffassungen besteht. Diese Erörterung, die nirgends in die Tiefe vorstößt, findet eine interessante Ergänzung in einem Aufsatz über rfudentum und Weltreligion“, den Montefiore in dem Augusteft der Zeitschrift ״Der Morgen“ (Philo-Veriag, Berlin) als Polemik gegen Baecks Auffassung veröffentlicht. Baeck hatte den auch auf das Judentum anwendbaren Begriff der ״Weltreligion“ so definiert, daß er als seinen Gegensatz zwar die ״Staatsreligion“, nicht aber die ״Nationalreligion“ ausschließt. Demgegenüber fordert Montefiore eine stärkere Universalisierung des Judentums, seine völlige Loslösung von den nationalen Zusammenhängen, damit es als echte ״Weltreligion“ dastehen könne, ln sehr feiner Weise erwidert Baeck in demselben Heft der Zeitschrift auf Montefiores Einwendungen. Das Judentum, so legt er dar, kann nicht in Analogie mit anderen Glaubensgemeinschaften gebracht werden. ״Die jüdische Menschengemeinschaft lebt seit Jahrtausenden kraft ihrer Religion und diese Religion lebt seit Jahrtausenden kraft dieser Menschengemeinschaft. Es ist deshalb ein vergebliches und unnützes Bemühen, die jüdische Geschichte, die jüdische Gegenwart und die jüdische Zukunft in den Begriff der bloßen Nation oder nur in den der reinen Glaubensgemeinschaft einfügen zu wollen. Das Judentum ist eben durchaus sui generis, individuell und dabei doch universell, weil es gerade dort, wo es ganz jüdisch ist, auch zugleich alles Menschliche mitträgt und miterlebt.“ — In diesen Sätzen Baecks ist auch das Kapitel über Nationaljudentum in dem Buch Montefiores, bei dem übrigens auch die Begriffe Individualismus und Universalismus völlig im Schablonenhaften stecken bleiben, in der vornehmsten und bestimmtesten Art widerlegt. Uns trennt eine tiefe Kluft von Montefiores Auffassung des Judentums. Diese Beschaulichkeit war vielleicht möglich in einer ruhigen, saturierten Welt, — in der heutigen chaotischen und zerrissenen, innerlich unsicher gewordenen und äußerlich von schwersten Gefahren bedrohten Welt läßt sie sich nicht predigen. Das ist keine wirkliche religiöse Renaissance, sondern süßliche Verflachung. Heute geht ein scharfer Kampf um die Existenz des Judentums, des jüdischen Volkes und jedes einzelnen Juden. Wir bedürfen der stärksten Kräfte, der Konsolidierung und Selbsthilfe, und auch einer stärkeren, tiefer im geschichtlichen Bewußtsein verankerten geistigenF ührung als das liberale Judentum des vorigen Jahrhunderts uns zu bieten hat. So können wir dieses Buch von Montefiore, das verspätet zu uns kommt, nur als Bekenntnisbuch einer interessanten jüdischen Persönlichkeit werten und zugleich als Dokument einer jüdischen Epoche, die zweifellos in der jüdischen Geschichte des letzten Jahrhunderts einen bedeutsamen Platz beanspruchen darf, wenn sie uns auch heute nicht mehr viel zu sagen hat. 1• s. Kleine Nachrichten In J e z i e r n a bei Tarnopoi in Ostgalizien fanden schwere antijüdische Ausschreitungen statt, bei denen jüdische Geschäfte demoliert und 20 Juden verletzt ־ wurden. Da die Polizei zu spät ein schritt, konnte nicht einmal eine einzige Verhaftung von Exzedenten vorgenommen werden. Der Kultusminister des neuen ungarischen Kabin e 11 s, Dr. E r n s z t, kündigte eine Verschärfung des Numerus clausus an, wobei er ausdrücklich hervorhob, daß der Zweck der Maßnahme eine Erschwerung des aussichtslosen Hochschul-Studiums für alle Konfessionen und Berufsstände sein soll. In der Praxis dürfte diese Verschärfung allerdings sich in erster Linie gegen die Juden ausvvirken. In der Tschechoslowakei erregte der Selbstmord des Sozialdemokraten Heinrich Kalmer Aufsehen, der in einem hinterlassenen Briefe erklärte, der Antisemitismus seiner Parteigenossen habe ihn in den Tod getrieben. Die sozialdemokratische Partei hat eine Untersuchung angeordnet und eine Reihe führender Preßburger Parteifunktionäre ihres Amtes enthoben. Wie JTA. meldet, soll Meyer Grossman demnächst die Führung der revisionistischen Partei Palästinas übernehmen. Im Alter von 63 Jahren verstarb in Antweroen der bekannte Rabbiner und Schriftsteller Dr. Asriel (Israel) G fi n z i g. Er wurde 1868 in Krakau geboren, 1899 wurdp er Rabbiner in Loschwitz; (Mähren)״ Wer gab er;das literariseh-wissenschaft- Hebe Jahrbuch ״ha-Esehkpl“ (gemeuiöm Ä J. S. FuehS) heraus (5 Bände, 1899 Ms 1913). ' Nach den letzten Feststellungen leben heute in Biro* B i d s c h a n 3846 jüdische Seelen, von denen die Mehrzahl in staatlichen Landwirtschaftskollektiven, die übrigen in Handwerkliehen Produktionsgenossenschaften beschäftigt sind. Im Kaukasus sind zwei junge Moskauer jüdische Gelehrte, der 24jährige Goldowsky und der 25jährige Lewin, bei einer Klettertour tödlich verunglückt. Beide hatten sich einen großen Namen als Mathematiker und Statiker erworben. Die antireligiöse Propaganda unter den jüdischeu Massen in Rußland ist in vollem Gange. In Arbeiterklubs und in den Fabriken wird gegen die Beobachtung der jüdischen Feiertage, gegen Schächten, Beschneiden, Lichteranzünden und das Halten anderer jüdisch-religiöser Gebote in der Form von Vorträgen, Zwiegesprächen usw._ Propaganda geführt. Für diejenigen ״Apikorsim-Zirkel“, die auf dem Gebiet der antireligiösen Propaganda die besten Erfolge aufzuweisen haben, sind Prämien ansgesetzt. Die erste Gruppe der vom Vorstandsmitglied der Ozet, J. Raschkes, in Litauen für die jüdische Siedlung in Biro- B i d s c h a n angeworbenen Arbeiter ist am 16. August in Moskau eingetroffen. Die Auswanderergruppe besteht aus 30 Erwachsenen und 25 Kindern. 1$ 000 illegal elngewanderte Araber? Jerusalem, 24. August. (J.T.A.) Entgegen der von der Arabischen Exekutive aufgestellten Behauptung, die anläßlieh der Volkszählung verkündete Amnestie für Ulegal Eingewanderte sei eine ausschließlich zugunsten der Juden getroffene Maßnahme, durch die 25000״ illegal eingewanderte Juden“ nachträglich die gesetzliche Autenthalts- Bewilligung erhalten sollen, erklärte der High Commissioner Sir John Chancellor am Sonnabend, den 22. August, einer arabischen Delegation, unter den 25000 Personen, die für die Amnestie in Betracht kommen, seien 18 000 Araber, die seit der letzten Volkszählung im Jahre 1022 die Grenzen Palästinas illegal überschritten haben. Gerüchte um Weizmann. Ein Teil der englischen Presse beschäftigte sich in den letzten Tagen mit dem Gerücht, daß Dr. Weizmann aufgefordert worden sei, bei den nächsten englischen Wahlen Im Börsenviertel von Manchester als Kandidat der Arbeiterpartei zu fungieren. Dieser Wahlkreis wird jetzt durch einen Konservativen vertreten, der bei den letzten Wahlen 13 600 Stimmen erhielt. Nach ihm kam der Liberale mit über 11000 und dann erst der Arbeiterparteiler mit 9800 Stimmen. Pfiffige Leute dürften auf den Gedanken gekommen sein, mit Hilfe der hier sehr zahlreichen jüdischen Wählerschaft und auf Grund der Popularität, die Dr. Weizmann in Manchester, seinem früheren Wohnort, genießt, der Arbeiterpartei einen Sitz zu gewinnen. Auf diese Weise mag auch diese kuriose Idee in das Tageblatt der Arbeiterpartei, ״Daily Herald“, geraten sein. Es braucht nicht erst betont zu werden, daß an diesem Gerücht nicht die geringste Spur einer tatsächlichen Grundlage vorhanden ist und daß diese Pressenotizen ohne Wissen Weizmanns, der seit dem Kongreß in den Dolomiten sich aufhält, zirkuliert wurden. Dennoch sind auch in den letzten Tagen noch im ״Manchester Guardian“ und im ״Evening Standara“ Kommentare zu diesen Nachrichten erschienen, wobei beide Blätter sich überaus anerkennend über Weizmanns persönliche Qualitäten äußern.