Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XXXVI (1931)
- Issue
- Heft 61 (7.8.1931)
- Date
- 1931-08-07
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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Seite 376 JÜDISCHE RUNDSCHAÖ Nr. 61, 7. Vm. 1931 sehr schwer zu leiten war. Sie wollte das Unmögliche, die große Koalition aller Parteien, aber sie hatte zu viel Angtft vor der Linken, um entschlossen eine Leitung im Sinne ihres eigenen Programms zu bilden. Die Unzuverlässigkeit und Un- Sicherheit der Gruppe B zeigte sich in aller Deutlichkeit bei dem Umfall in der Frage der Zielsetzungsresolution, Nicht die ״Realitäten Palästinas“, sondern die innere Unsicherheit und Zerfahrenheit der Gruppe machten es möglich, daß eine hysterische Panikstimmung das Ergebnis zehntägiger Verhandlungen der Politischen Kommission plötzlich umwarf. Die Führer der Gruppe waren nicht stark genug, um ihren Anhängern klarzumachen, daß eine Resolution über das zionistische Ziel, die bereits von der Politischen Kommission angenommen und von den Journalisten hinaustelegraphiert war, die Lage in Palästina nicht unsicherer machen kann, als sie dank der glorreichen britischen Verwaltung schon seit Jahren ist. Im übrigen haben die Araber und die Engländer — mit Ausnähme der von Dr. Weizmann so ausgezeichnet informierten Kolojiial-Bürokratie — ja niemals daran gezweifelt, daß die Juden in Palästina kein neues Ghetto, sondern ein selbständiges jüdisches Gemeinwesen auf beiden Seiten des Jordan schaffen wollen, und daß sie hierzu ab Basis die jüdische Majorität erstreben. Daher konnte die geplante Kongreßresolution vielleicht den ideologischen Verfechtern der Weizmannschen Politik und des Brith Schalom, nicht aber der vom englischen Beamtentum geistig unabhängigen!lichtjüdischen Außenwelt etwas Neues sagen- Wir brauchten diese Resolution, um die politischen Schäden des Weizmannismus wieder gutzumachen — im übrigen wissen alle Leute, die die Bibel gelesen haben, was das Ziel des Zionismus ist. Aber die ״Mitte“ war konsterniert, die Gruppe B kam ins Wanken. So wurde die für uns wichtigste Resolution im Plenum verstümmelt. Die Tendenz blieb, aber die so hart erkämpfte klare Formulierung verschwand. Damit — und mit der Not- Wendigkeit, nunmehr unsere eigene Zielresolution einbringen zu müssen, die dann gegen 58 Stimmen durch Uebergang zur Tagesordnung beseitigt wurde, war für uns der Entschluß gegeben, an einer Koalition mit den anderen Gruppen von Rechts und der Mitte nicht mehr teilzunehmen und in Opposition zu verharren. Hinzu kam, daß der Kongreß unseren Antrag auf Kündigung der Agency ablehntc. Dieses unselige Gebilde wird noch eine Weile vegetieren müssen, bevor es an innerer Entkräftung stirbt. Wir könnten nur dann in eine Exekutive eintreten, wenn diese sich entschließt, die Reform der Agency energisch zu betreiben. Manche deutsche Zionisten erinnern sich vielleicht noch dunkel der feierlichen Zusagen, die bei der Konstituierung der Agency gemacht wurden: Es dürfe keineswegs eine Massenorganisation, d. h. eine Konkurrenz gegen die Zio-■ nistische Organisation geschaffen werden; das Wesen der Agency sei die Repräsentation der Länder durch ihre prominenten Juden. Nun ist von der Prominenz nicht viel übrig geblieben. Wassermann und d’Avigdor Goldsmid — die haben auch vorher schon für den Keren Hajessod gezeichnet und geworben. Die übrige ״Prominenz“ ist verschwunden, die erhofften Gelder sind nicht gekommen und die ganze ״Agency“ besteht nur noch aus einem kleinen Klüngel von Leuten, die nicht besser und nicht schlechter, aber auch nicht reicher und ״prominenter“ sind, als die Zionisten, die sich so nennen und den Schekel zahlen. < Statt nun mit diesem Spuk endlich Schluß zu machen, sind die Agency-Anhänger auf die Suche nach einem neuen Schlagwort gegangen. Jetzt soll plötzlich die ״Massenorganisation“ der Nichtzionisten geschaffen werden. Natürlich wird auch daraus nichts werden, aber es ist immerhin lehrreich, sich an gewisse Erklärungen von vor zwei Jahren zu erinnern. Ebenso feierlich wurde damals versichert, daß die Zionisten keinerlei ״Sekretärswirtschaft“ der Nichtzionisten dulden würden. Und was geschah? Die Nichtzionisten haben ausschließlich Beamte des Joint in die Exekutive entsandt, weil sie nämlich gar keine anderen Kräfte zur Verfügung haben. Was den Dr. Hexter betrifft, der sich beim Joint so vortrefflich bewährt hat, so können wir nach den im letzten Jahr gemachten Erfahrungen nicht wünschen, daß er sich auch weiter auf dem Gebiet der Politik versucht. Die Herren Dr. Bernhard Kahn und Dr. Senator sind alte Zionisten und Dr. Berkson ist ein Beamter der Zionistischen Exekutive. So sieht die Vertretung der .,Nichtzionisten“ aus. Aber das ist ja ausgezeichnet — sagen die unentwegten Anhänger der Agency. Was will man mehr, als daß die Nichtzionisten zionistische Beamte in die Exekutive senden? Das ist Demoralisation und Unfug — antworten wir Zionisten. Von den genannten Herren gehört nur einer — nämlieh Herr Dr. Kahn — in eine Exekutive, und dieser eine ließ sich als ״auswärtiges Mitglied“ wählen. Hätte der Zionistenkongreß ihn nach London oder Palästina entsandt, so hätte niemand etwas dagegen gehabt. Aber er geht weder nach London noch nach Palästina — die Gründe hierfür kennen wir nicht — und so bleiben die wichtigsten Posten für einige junge Herren vom Joint reserviert. In der Frage der Agency hat die Gruppe B sich noch nicht zu einer uns befriedigenden Haltung durchgerungen. Nun, eines Tages wird hoffentlich die Zionistische Organisation nach Ueberwindung der Aera Weizmann wieder stark genug sein, um auch diesen Teil der Erbschaft zu liquidieren. Bis dahin ist eine Beteiligung der Revisionisten an der Leitung nicht möglich. Aus diesen Zusammenhängen erklärt es sich, daß wir die Mitwirkung an der Leitungsbildüng verweigerten und daß die Gruppe B ein unnatürliches Bündnis mit der Linken schloß, um die Exekutive zustande zu bringen. Es wäre besser gewesen, wenn die Gruppe B zusammen mit dem Misrachi eine Leitung gebildet hätte, die im Sinne der Kongreßbeschlüsse einen einheitlichen politischen Willen besaß. Eine solche Exekutive, an der wir selbst nicht beteiligt waren, hätten wir gern unterstützt. Zu der zusammengestoppelten Koalition, die sicherlich nicht den Willen des Kongresses repräsentiert, haben wir kein Vertrauen, VI. Was schließlich unsere Stellung zur Präsidentschaft Sokoiows betrifft, so sind hierüber sonderbare Mißverständnisse verbreitet worden. Die ״Jüdische Rundschau“ betrachtet unsere Abstimmung für Sokolow als ״Manöver“, das ״einer Vef» spottung des Kongresses und des neuen Präsidenten sehr ähnlich sah.“ Diese unfreundliche Deutung unserer Abstimmutig entsprang wohl dem Aerger darüber, daß wir mit unseren 52 Stimmen die Wahl Sokolows sicherten, in dem wir gewiß nicht unseren Repräsentanten, aber auf diesem Kongreß den einzig möglichen Gegenkandidaten gegen Weizmann. sahen. Es war schon wenige Tage nach Eröffnung des Kongresses klar, daß es nur drei Möglichkeiten gab: Eine revisionistische Leitung, oder die Rückkehr Weizmanns, oder die Präsidentschaft Sokolows mit der oder jener Koalition. Da wir die Leitung nicht übernehmen konnten, so beschlossen wir, für Sokolow als Präsidenten zu stimmen, ohne damit die Exekutive als solche zu akzeptieren. Vor dem Kongreß war verbreitet worden, daß Weizmann als seinen Nachfolger Sokolow vorgeschlagen habe. Auf dem Kongreß kämpfte Weizmann — getrieben von seinen Anhängern und seinem Dämon — noch einmal mit ganzer Kraft um die Präsidentenwürde. Er übte jeden erdenklichen Druck aus, um seine bisherigen Kollegen von der Beteiligung an einer Leitung ohne ihn fernzuhalten; er versuchte mit besonderem! Nachdruck, Sokolow an der Aufstellung seiner Kandidatur zu hindern. Aber Sokolow׳, der jahrelang politisch im Schatten stehen mußte, der auch ausdrücklich die Verantwortung für die Politik der letzten Jahre abgelehnt hat, nahm die Kandidatur an. ln dieser Lage war es für uns das Gegebene, seine Wahl zu unterstützen. Ob wir ihm für die Dauer unser Vertrauen schenken können, wird von seiner Amtsführung abhängen. Er hat die Politik Weizmanns mitgemacht, aber er hat sich nie zu ihr bekannt. Aeußerungen, die er in einem Interview nach dem Kongreß getan hat, zeigen das kluge Bestreben, sich von dem inhaltlosen Verständigungsgerede, von den blutleeren Formeln, mit denen Weizmann das arabische Problem zu meistern suchte, zu distanzieren. Wenn Sokolow die Kraft findet, sich von den Einflüssen dts bisherigen Regimes frcizuhalten, wenn er erkennt, welche Richtung zu wählen ist, so kann seine Präsidentschaft zur Gesundung der Bewegung beitragen. Eine nicht gehaltene Kongregrede Von Dr. Ernst Simon, Haifa. Der Einsender des nachfolgenden Artikels weist darauf hin, daß die Anschauungen, die er vertritt, auf dem Kongreß nicht ru Wort ge• kommen sind, und ersucht daher um Abdruck seiner Ausführungen im Rahmen des an den Kongreß anschließenden Meinungsaustausches. Er fügt hin:u, daß er nur für sich seihst spricht und sprechen will. Red. Der 16. und der 17. Kongreß Es ist höchst bezeichnend für die kurzlebige Atemlosigkeit, die unsere Bewegung leider vielfach aufweist, eine wie geringe Rolle der lehrreiche Vergleich zwischen diesem Kongreß und dem vor zwei Jahren bisher in unseren Erörterungen gespielt hat. Damals schien die außen- und innenpolitische Lage des Zionismus normal zu sein, aber dem war in Wirklichkeit nicht so. Insbesondere die arabische Frage bestand in genau derselben Schärfe wie heute, nur daß es uns leichter gemacht war, unsere Aufmerksamkeit von ihr abzuwenden. Während sie heute eingestandenermaßen im Mittelpunkt unserer politischen Erörterungen und Berechnungen steht, war damals beinahe allgemeine Meinung, was heute nur noch U s s i s c h k i n , der mit so seltsamer und rührender Treue an alten Irrtumern hängt, auszusprechen wagt, und was allerdings auch NaciiumSokolow, ihr jetziger Präsident, noch nach den Augustunruhen zum besten gab: nämlich, daß eine arabische Frage eigentlicn gar nicht existiere. Diese Vogel Strauß-Politik ist nun vorüber; kaum jemand von uns kann den Kopf noch weiter in den Flugsand zionistischer Phrasenpropaganda stecken: dieser Traum ist ausgeträumt. Aber wir sind nur zu einer Art Halbschlaf erwacht. Denn wenn vor zwei Jahren eine Exekutive gewählt wurde, deren Mitglieder im wichtigsten politischen Problem des Zionismus, eben dem arabischen, so weit voneinander abweichende Meinungen hegten, wie Rosen blüth und Kaplansky einerseits und Raw Meir Berlin andererseits, so scheint genau dieselbe unverständige Handlungsweise bei der Bildung der neuen Exekutive wiederholt zu werden: eine Koalition, die von Arlosoroff bis Farbstein, dem Revisionisten des Misrachi, reicht, kann gar keine einheitlichen Beschlüsse fassen, insbesondere, da nun nicht mehr hinter ihr der diktatorische und die Wahrheit doch so oft erahnende Wille Chaim Wcizm a n n s stehen wird, sondern die nach allen Seiten geschmeidige Dipiomatenkunst des alten Sokolow. Die Führer der Arbeiterpartei werden ihre Koalition mit dem reaktionärsten Bürgertum außer mit Argumenten des zionistischen Patriotismus vor allem mit dem Hinweis auf das Regierungsprogramm rechtfertigen, das ihre wesentlichen Forderungen enthalte. Selbst wenn wir annehmen wollten, daß dieses Programm gut und wirklichkeitsgerecht sei, würde diese Koalition es niemals durchführen können und wollen. Man kann aber zeigen, daß es in seinem wesentlichen Leitmotiv, das alle seine Einzelheiten instrumentiert, nämlich in der Resolution über das zionistische Endziel, schlecht und wirklichkeitsfremd ist. Die Endzielreioltttfon Ich gehöre nicht zu denjenigen, die an und für sich gegen jede Endzielresolution wären. Hätte es irgendwelche Aussicht auf Erfolg, so würde ich Ihnen die folgende Resolution zur Ab- Stimmung vorlegen: ״Der XVII. Zionistenkongreß erklärt, daß die Forderung der jüdischen Mehrheit kein integraler Bestandteil der zionistischen Politik ist und daß das Baseler Programm, die ״Errichtung einer öffentlich-rechtlich gesicherten Heimstätte für das jüdische Volk in Palästina“ auch ohne jüdische Mehrheit, in einem binationalen, d. h. arabisch-jüdischen Palästina verwirklicht werden Kann.“ Eine solche Zielsetzung würde erstens der Wirklichkeit gerecht werden und uns zweitens vermutlich die Möglichkeit zu Erfolg versprechenden Verhandlungen mit den Arabern verschaffen. Sie würde diesen ihre Angst vor einer jüdisehen Vergewaltigung nehmen, die ein sehr realer psychologischer Anlaß ihres politischen Widerstrebens gegen den Zionismus und ihrer Aufstände ist, und sie würde jene Wolke des Mißtrauens verscheuchen, von der Dr. Weizmann so richtig gesprochen hat, wenn auch leider nur zum JTA.-Vertreter und nicht, wenigstens nicht mit gleicher Deutlichkeit, nachher zum Kongreß. Die Lösung der ladenfrage Also, wie gesagt, ich gehöre nicht zu den Gegnern jeder Endzielresolution. Der von Ihnen angenommenen hätte ich freilieh ein vollkommenes Schweigen vorgezogen. Ich rede nicht einmal so sehr von jener Polemik gegen die ״Verkleinerer des Zionismus“, mit der Sie die Anhänger des ״Brith Schalom“ und vielleicht auch den bisherigen Präsidenten der Zionistischen Organisation in widerrechtlicher Weise aus deren Reihen ausschließen, sondern vor allem von jener Phrase, die dem armen, so oft schon betrogenen jüdischen Volk ״die Lösung der Judenfrage“ durch den Aufbau Palästinas verheißt. Wieder einmal haben Sie einen Wechsel auf die jüdische Geschichte unterschrieben, den Sie nicht werden einlösen können. Am Tage, da er präsentiert werden wird, an jenem nicht allzu fernen Tage werden Sie sehen, was er uns kostet: den weiteren Verfall der Organisation, fortschreitende Zersplitterung, neue Enttäuschung der Massen und Verstärkung der Assimilation aller Farben, besonders der roten. Dieser zionistische Kongreß hätte die historische Aufgabe gehabt, zu erkennen und zu erklären, daß die ״Judenfrage“ ihrem Wesen nach unlösbar ist- Erst nach dieser Erkenntnis kann es wieder Zionismus geben. Nur ein solcher, von allen pseudomessianischen, sabbatianischen Hoffnungen und trügerischen Versprechungen gereinigter Zionismus wird denjenigen Kern des Volkes auf die Dauer sammeln können, dem an der Weiterexistenz des Judentums in Wahrheit liegt und der sie nicht von der Erfüllung kollektivassimilatorischer staatspolitischer Hoffnungen abhängig macht. Der Zionismus, der in seinem westeuropäischen Teile von dem unwahren Dogma ausging, wir seien ein Volk wie alle anderen Völker oder müßten cs doch werden, und der dann mit diesem Rausch der Normalität weite Schichten des Ostjudentums, die es einstmals besser wußten, angesteckt hat, der Zionismus hätte aus seiner eigenen kurzen, aber schicksalsschweren Geschichte lernen können, wie unwahr und wie lebensgefährlich für unseren Bestand jenes Dogma ist. Er hat es noch nicht gelernt. Und heute, da ganz klar geworden ist, daß die realen voraussetzungen zu einer ״Lösung der Judenfrage“ nicht vorhanden sind, heute, da selbst ihre eigene Mehrheitsresolution diese realen Voraussetzungen wenn auch nicht geradezu leugnet, so doch verleugnet — darin haben die revisionistischen Kritiker dieser Resolution ganz recht — heute wagt man es, die leere, allen Inhalts beraubte Formel mit heiserem Nachdruck zu wiederholen, oder vielmehr: man wagt nicht, sie nicht zu wiederholen, da man sie allzu häufig unserer Propaganda vorangeschrien hat. Die unselige, freilich zum Teil im Wesen unserer freiwilligen Organisation begründete Mischung von Politik und Propaganda hat auch hier wieder ihre schlimmen Folgen gezeigt: wir sind Gefangene unserer eigenen Phrasen geworden. Wo nur propagandistische Abrüstung, ja: geradezu Gegenpropaganda, den Zionismus in seinem gesunden Kern retten könnte, haben wir leider, wenn auch wohl zum letztenmal, zu dem alten Mittelchen einer propagandistischen Resolution gegriffen. Deswegen soll sich auf diesem Kongreß wenigstens eine Stimme erheben, die in diesem historischen Augenblick Achad Haams alte Erkenntnis wiederholt und es ausspricht: Die Judenfrage istunlösbar. Auch Palästina wird sie nicht lösen. Sein Aufbau ist ein Teil, wohl heute der wichtigste, des ewigen jüdischen Kampfes um das, was normalen Völkern selbstverständlieh Mitgift ist, um die Existenz und um deren Sinn. Wir dürfen diesen Kampf nicht lassen, er ist unser Leben, aber wir wissen, daß er nicht nur in dieser unserer, keineswegs endzeitlichen, keineswegs messianischen Generation geführt werden wird, sondern solange es Juden gibt, also ewig, und daß er keineswegs allein in Palästina geführt wird, sondern wo immer Juden wohnen, also überall. Palästina ohne Jüdische Mehrheit Was aber kann, so werden Sie fragen, Palästina dem jüdisehen Volke sein, wenn es dort keine Mehrheit erringen wird? Darauf gibt es eine Reihe ganz klarer Antworten: 1. Palästina kann, mit seinen Nachbarländern, ein wichtiges Ziel der jüdischen Wanderung werden, wenn wir zu einer Verständigung mit dem arabischen Volke gelangen. 2. Palästina ist heute das einzige Land, in dem die Gefahr der Assimilation verhältnismäßig gering ist, da keine uns als überlegen erscheinende Kultur die Juden anzieht und da berechtigte Aussichten bestehen, der immerhin ihre ersten Spuren zeigenden Assimilation an die englische Zivilisation erfolgreich zu begegnen. 3. Palästina ist zurzeit das einzige Land, in dem eine verhältnismäßig normal geschichtete jüdische Siedlung auf den Grundlagen der selbstarbeitenden Landwirtschaft und des Handwerks besteht. 4. Palästina ist zurzeit das einzige Land, in dem die hebräische Sprache in Leben und Kultur herrscht und wo die Möglichkeit vorhanden ist, diese Herrschaft zu erweitern und zu vertiefen. 5. Palästina ist zurzeit das einzige Land, das die Juden vor die politische Aufgabe stellt, gemeinsam mit den Arabern ein wirkliches, gleichberechtigtes Staatsvolk zu werden, nicht etwa nur eine ״nationale Minoritat“. Eine geschickte zionistische Politik könnte ein Verhältnis schaffen, in dem Juden und Araber gemeinsam das erst werdende, in seinen Grundlagen noch wenig festgelegte Gemeinwesen aufbauen, das auch in einem etwaigen künftigen arabischen Staatenbund seinen eigenen Status wird wahren können. 6. Aus all diesen Gründen, zu denen für viele von uns noch religiöse und historische treten, stand und steht Palästina im Mittelpunkt der jüdischen öffentlichen Meinung der gesamten Diaspora. Es ist ihr national-kulturelles, ihr geistiges Zentrum; es hilft mit zu ihrem Eigenleben; es ist ein Schutz gegen die Assimilation. All dies ist Palästina auch ohne jüdische Mehrheit; es ist es schon heute. Auch das Argument, nur der Glaube an die spätere jüdische Mehrheit habe diese bisherigen Ergebnisse erzielt, kann nicht stichhalten. Die wesentlichen Grundlagen für jene Erfolge und Aussichten sind von der Bewegung der Chovvewe Zion geiegt worden, die gewiß nicht an Mehrheit dachte. Schon deshalb nicht, weil die staatliche Realität damals klarer zeigte, was heute künstliche und sicher nicht seht dauerhaft« Grenzen verwirren: daß nämlich der Raum des heutigen Palästina doch nur eine kleine Insel im arabischen Meere ist und sicherlich in absehbarer Zeit wieder von ihm überspült werden wircJ- Palästina oder ״Uganda" Angesichts der Tatsachen, die auch manchen früher maximalistischen Zionisten an der Möglichkeit oder am Wert der Erreichung einer jüdischen Mehrheit verzweifeln lassen, hört man häufig argumentieren, daß dann das jüdische Volk sich eben ein anderes Land suchen müsse. Ein neuer Territoriaiismus wächst unterirdisch empor. Schon beim nächsten Kongreß wird er vielleicht sein Haupt erheben, und es mag sein, daß er nun auch unter den alten ״Nein-Sagern“ vom Uganda- Kongreß Anhänger finden wird. Seine Widerlegung ist nicht schwer: zum Teil kann sie mit den alten Waffen, zum Teil mit dem Hinweis geführt werden, daß es auf unserer bewohnten Erde keine leeren Länder mehr gibt. Und es wird dann vielleicht so kommen, daß die ״Defaitisten“ und ״Verräter“ von heute die Kerntruppe derjenigen bilden werden, die an Zion f e s t h a 11 en . Der 17. und der 19. Kongreß Ich biii am Ende. Meine Ausführungen waren auf diesem Kongreß — psychologisch, nicht sachlich! — noch verfrüht; mögen sie auf dem nächsten nicht schon verspätet sein. Wir haben in diesen Tagen viele Ansichten gehört, deretwegen meine Freunde, der Kreis des Brith Schalom, seit Jahr und Tag verketzert worden sind, unter anderen auch von denen, die sie heute als eigene Ueberzeugung, sicher in voller subjektiver Ehrlichkeit, zum besten geben. Leider genügt eine Politik heute nicht mehr, die jetzt von der Uebermacht der Tatsachen erzwungen scheint, während sie freiwilliger gewesen wäre, als wir sie vor Jahren vorschlugen. Auch das heute Gesagte ist in seinen praktischen Teilen an die Zeit gebunden. Wir können auch diese Stunde verpassen, und auch über dieser vielleicht letzten Gelegenheit, die sich zur Verwirklichung eines realen und jüdischen Zionismus bietet, kann, wenn Sie es nicht anders wollen, einst das furchtbare Wort stehen, das über so vielen Kapiteln unserer zionistischen Politik zu lesen ist, das Wort: ״Zu spät!״