Mannheim
Compact Memory

Jüdische Rundschau · 1931-08-04 · Heft 60 (4.8.1931) · page 2

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jüdische Rundschau
Volume
XXXVI (1931)
Issue
Heft 60 (4.8.1931)
Date
1931-08-04
Page
– (sequence 2)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/2651273-2653252-2653307--22491-2680716
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

Seite 370 JÜDISCHE RUNDSCHAU Gleichheit zwischen deutschem und jüdischem Schicksal andeutete. Es war damals die schreckliche Zeit der Nachkriegsnot und der immer stärker werdenden Inflation. Erinnerungen an die biblische Schilderung der Leiden des besiegten Jerusalems und Erinnerungen an den Vernichtungskampf Roms gegen Judäa lagen nahe. Auch Deutschland ist eine Mittelmacht Der Hinweis Stapels auf die germanische Vorreit genügt nicht. Die ganze Geschichte hindurch bis heute ist das Volk Luthers, das Volk der Dichter und Denker ebenso eine Mittelmacht gewesen wie das Volk der Propheten. Den Weg des Geistes, der ei ^Leidensweg ist, wählt niemand freiwillig. Er ist ein Schicksalsweg. Trotz dieser Parallelität, der ausführlicher nachzugehen durchaus sinnvoll wäre, bleibt der entscheidende Unterschied: das deutsche Volk ist ein Staatsvolk, das jüdische nicht. Welche Verschiedenheiten ergeben sich daraus? Zunächst sei festgestellt, daß Unterschiede vorhanden sind. Nicht so soll dies festgestellt werden, daß jeder jüdische Literat von politischen Opponenten als Vertreter jüdischen Denkens hingestellt werden darf. Wo liegen die echten, nicht die konstruierten Unterschiede? Um diese echten Unterschiede darzustellen, seien folgende Gedankengänge Franz Rosenzweigs referiert. Im An- Schluß an die Bibel, die den Krieg gegen ein ״sehr fernes Volk“ vom Krieg gegen die ״sieben Völker" Kanaans unterscheidet, deren Bezwingung die von Gott gegebene Verheißung betrifft, ergibt sich die Unterscheidung des nur politischen Krieges vom Glaubenskrieg. Seitdem nun durch das Christentum die Völker ihren Volksbegriff mit dem Erwählungsgedanken verbunden haben, kennt die abendländische Geschichte nur noch Glaubenskriege. Für die Antike gab es den Krieg noch als reinen Ausdruck natürlichen Lebens. Sie kannte auch den politischen Krieg. Seit aber am Wesen eines jeden Volkes die Welt genesen soll, sind alle Kriege Glaubenskriege. Jeanne d’Arc macht am Iranzösischen Nationalismus die religiöse Mächtigkeit des Gedan- Kens der Nation sichtbar und macht dabei nur sichtbar, was seit der Renaissance für alle Nationalismen gilt. Nun das jüdische Volk. ״Gegenüber diesem ständigen Leben im Glaubenskrieg hat nun das jüdische Volk seinen Glaubenskrieg in mythischer Vergangenheit hinter sich liegen. So sind alle Kriege, die es noch erlebt, ihm rein politische Kriege. Und da es doch den Begriff des Glaubenskrieges hat, so kann es sie nicht, wie die antiken Völker, denen dieser Begriff fremd war, ernst nehmen. Ja, der Jude ist eigentlich der einzige Mensch in der Christliehen Welt, der den Krieg nicht ernst nehmen kann, und so ist er der einzige echte ״Pazifist“. (Stern der Erlösung, 3. Teil, S. 90.) Dieser Pazifismus hat aber nichts zu tun mit dem Parifismus des abendländischen liberalen Denkens. Rosenzweig beschreibt hier ein Judentum, das kraft seiner Religion sich jenseits der Weltgeschichte weiß. Das ist religiöse Haltung, wie sie der Psalm II ausdrückt: ״Warum toben die Völker und sinnen die Nationen Eitles?.... Der im Himmel thront, lacht, der Herr spottet ihrer.“ Ein fürchterliches Wort. Aber ein Wort, das Luther verteidigt hätte, und zwar stärker noch, als es der jüdischen Position entspräche. Man lese das in seiner Einseitiglceit höchst lehrreiche Buch von Ernst Bloch über Thomas Münzer, den Gegenspieler von Luther. Luther ist nicht bei den Bauern. Er ist ein unpolitischer Mensch, für den die Weltgeschichte einen Irrweg, den der Glaubende nicht gehen soll, bedeutet Luther geht hier also noch weiter. Denn nach dem jüdischen Standpunkt ist die Weltgeschichte ein Weg, nicht der Weg, den der Jude geht, aber nicht falscher Weg. Für Luther steht die Weltgeschichte ganz unter der Sünde. Und so können die Ziele der Bauernkriege von 1525 in Deutschland erst im Jahre 1918 verwirklicht werden. Der Pazifismus des abendländischen Liberalismus hat mit dem oben geschilderten nichts zu tun. Dieser entsteht durch eine Staatstheorie, die in ihrer Irrigkeit auf eine Unfähigkeit geschichtlichen Denkens zurückgeht. Der Staat ist Verwalter des Rechts. Und er Ist Verwalter der Macht. Das erste betont, das zweite vergißt der Liberalismus. Da alle Geschichte Staatsbewegung ist, ist Geschichte, weil sie Bewegung der Macht ist, niemals der Friede. Geben wir hier wieder Rosenzweig das Wort: ״So ist Krieg und Revolution die einzige Wirklichkeit, die der Staat kennt, und in einem Augenblick, wo weder das eine noch das andere statt hätte — und sei es auch nur in Gestalt eines Gedankens an Krieg und Revolution — wäre er nicht mehr Staat. Er kann keinen Augenblick das Schwert aus der Hand legen. Diese vom Staat gebannten Augenblicke sind so rechte ״Stunden“ des Volkslebens, das von sich aus keine Stunden kennt; erst der Staat bringt in den unaufhörlichen Abfluß dieses Lebens in der Zeit Stillstände, Haltepunkte, Epochen..... Ohne Staat also keine Weltgeschichte.“ (Stern der Erlösung, 3. Teil, S. 93—94.) Stapel verteidigt den Antisemitismus, weil die Juden Parifisten seien. Was heißt das? Zunächst könnte es heißen, daß die Juden in der gegenwärtigen Situation die pazifistische Entseheidung für die richtige Lösung der deutschen Politik halten. Damit ist aber eine bestimmte politische Meinung gestreift, die nur die heutige konkrete Situation im Auge hat, und über deren Richtigkeit weder Stapel noch irgendein anderer mit Objektivitat etwas aussagen kann. Von diesem opportunistischen Pazifismus soll liier nicht die Rede sein. Sondern es soll von dem prinzipiellen Pazifismus, als deren Träger die Juden Stapel erscheinen, gesprochen werden. Und da gilt nun ganz verschärft die Frage: was heißt das, die Juden sind Pazifisten? Meint Stapel das wirkliche Judentum, das kraft seiner religiösen Position diesen ganz bestimmten Pazifismus kennt, der nur innerhalb jüdischer Religiosität sinnvoll Ist, und der außerhalb dieser Religiosität andern, also einem als Staatsvolk lebenden Volk gar nicht zugemutet werden kann? Oder meint er das jüdische Literatentum, das, außerhalb des Judentums stehend, nicht kraft einer religiösen Haltung, die längst aufgegeben ist, sondern kraft einer säkularen Ideologie, nämlich des Liberalismus, den Pazifismus vertritt? Diese beiden Möglichkeiten sind zu erörtern. Zunächst ist für den Pazifismus des wirklichen Judentums festzustellen, daß er heute nicht aggressiv ist. Das War gewiß nicht immer der Fall. Der Krieg des Bar Kochba gegen Rom bedeutet weltgeschichtlich gesehen: Auflehnung gegen den Staat. Der Krieg wurde als messianischer verstanden. Alle Macht ist an sich böse. Dieser Satz stammt zwar von Jakob Burckhardt. Er bezeichnet aber gut das jüdische Orunderlebnis, das der Anlaß des Krieges gegen Rom war. Nicht einen Kampf einer unterdrückten Provinz gegen Rom stellt der Bar Kochba- Krieg dar, sondern es war damals der Kampf einer religiösen Gemeinschaft gegen den Staat, repräsentiert durch das imperium Romanum. Diese religiöse Auflehnung gegen den Staat, wovon im Neuen Testament nur ein schwacher Nachhall zu finden ist — gebt dem Caesar, was des Caesar ist — ist der Punkt, an dem die jüdische Geschichte endgültig ihre aktive AnleUnahtne an der Weltgeschichte aufeibt Seit dieser Zeit ist der jüdische Pazifismus nicht mehr aggressiv, sondern passiv. Seit dieser Zeit Ist der zelotische Aufruf gegen Rom keine jüdische Forderung mehr. Wie jene jüdischen Zeloten Rom gegenüberstanden, kann dem abendländischen Verstehen klargemacht werden, wenn man an Spenglers Darstellung des ״Russen“ Dostojewski zum Unterschied vom ״Westler“ Tolstoi erinnert Dem russischen Empfinden ist Moskau heilig, Petersburg — diese Stadtgründung aus dem westlichen Staatswollen Peters des Großen — der Teufel. Dem russischen Volk, das noch nicht bei Europa zur Schule ging, dem ״stadtlosen“ Volk, wie Spengler sagt, — wir würden sagen, dem Volk, das noch nicht das Erbe der Antike angetreten hat und sich mit dem Staat noch nicht auseinandergesetzt hat — ist der Staat das Böse, das zu bekämpfen ist. Für uns Judenist hierdieVersuchung vorüber. Ohne Seitenblicke auf die Weltgeschichte lebt das offizielle Judentum als Gemeinde neben dem Staat, als passives — zn deutsch also als leidendes — Objekt des politischen Lebens. Die Zeit, da Wolf und Lamm beisammen wohnen werden und die Erde voll sein wird von der Erkenntnis des Herrn, wie Wasser die Meere bedecken, diese Zeit — so ernpfindet der religiöse Jude — wird nicht im Schritt der Weltgeschichte erreicht, sondern durch den ״Sprung“ (der Terminus findet sich in der protestantischen dialektischen Theologie) in den Kreis, den der Festkalender des Judentums abschreitet im Wechsel der Sabbate und Feste. In diesem lithurgischen Kreis, in dem die Ewigkeit als Gegenwart gelebt wird, ist die Zeit, da Wolf und Lamm zusammen lagern, im Blickbild bereits vorhanden. Muß der Staat an diesem Frieden, den hier :Menschen leben, während er seinen rauhen Aufgaben obliegen muß, nicht Aergernis nehmen? Ja. Aber dieses Aergernis erregt nicht nur das offizielle Judentum, also das, das sich als religiöses behauptet, sondern erregt auch der Katholizismus, der jenes Christentum darstellt, das seine Gläubigen die Entwicklung zu religiös erlebtem Nationalismus nicht machen ließ und nicht machen lassen wird und noch weniger zu einer durch Wiederbelebung antiker Vorbilder gewonnenen rein heidnischen Politik ihr Einverständnis geben kann. Diesem Christentum ist auch jene Richtung des Protestantismus einzureihen, die unter dem Namen ״dialektische Theologie“ nach dem Krieg, und zwar unter dem Eindruck des Krieges so große Kreise in ihren Bann gezogen hat. Der Pazifismus, der entsteht, wo die Religion ohne Seitenblicke auf die Weltgeschichte im Leben der Gemeinde sich erfüllt, mag und muß dem Staat ärgerlich erscheinen. Er wird sich aber damit abfinden müssen. Schließlich wie sähe die Welt aus, wenn sie nur dem Wollen eines Caesar sich öffnete! Würde aus diesem so gezeichneten Pazifismus des religiösen Judentums der Antisemitismus sich motivieren, so wäre dieser Antisemitismus schlimmste Religionsverfolgung, nicht solche aus Intoleranz zwischen zwei Religionen, sondern solche, wie sie dem abendländischen Gewissen in den Christenverfolgungen der Caesaren vorschwebt, und für die es in der jüdisehen Geschichte allerdings hinlänglich Parallelen gibt. Diesem Antisemitismus können wir keine Konzessionen machen. Aber Stapel motiviert den Antisemitismus anders. Er hat den jüdischen Intellektuellen, besonders eine bestimmte Literatenclique im Auge. Da gilt es für uns festzustellen, daß der dort vertretene Liberalismus keine jüdische Angelegenheit ist. Ob dieser Liberalismus seine Mission innerhalb der heutigen Politik wirklich schon ganz ausgespielt hat, ist wiederum eine spezielle Frage, die nicht hierher gehört. Prinzipiell ist festzustellen, daß der aus dem religiösen Judentum stammende Pazifismus des Liberalismus voneinander ganz und gar verschieden sind. Der aus den religiösen Quellen des Judentums stammende Pazifismus erwächst aus der richtigen Einschätzung geschichtlichen Lebens, das vom Staate, der nicht nur Rechts- Staat, sondern auch Machtstaat sein muß, bewegt wird. Der Pazifismus des Liberalismus ist eine die Geschichte verkennende Haltung. Als säkulare Bewegung ist «r der Weltgeschichte ganz und gar verhaftet und glaubt, auf dem Boden der Geschichte Ziele zu erreichen, die die Geschichte aufheben. Die säkulare Bewegung des Liberalimus ist eine Angelegenhcit, die mit dem religiösen Judentum nichts zu tun hat. Sie ist nicht von Juden erdacht, und ihre Mission war eine größere, als etwa nur die Emanzipation des Judentums zu bewirken. Die Emanzipation des Judentums ist eine Teilerscheinung der verschiedenen Emanzipationen, die Bürger, Bauern, Arbeiter, Frauen und Jugend aus falschen Gebundenheiten befreit haben. Heute ist gewiß die Ueberwindung des Liberalismus besonders auf den Gebieten der Religion, der Wirtschaft und der Politik Problem geworden. Aber auch im jüdischen Lager quält man sich damit. Denn hier sieht man, wie einseitig es ist, den Liberalismus nur vom Gesichtspunkt der Befreiung aus dem Ghetto zu betrachten. Der Liberalismus hat uns andererseits durch die dann bei uns eintretende Verweltlichung auch tiefe Wunden geschlagen. Auch in unserer Mitte ist seine Ueberwindung in sich und durch sich selbst — also nicht bloß reaktionäre Negation — ein Problem. Der Kampf gegen den Liberalismus als Geistesbewegung erfordert unsere Aufmerksamkeit, die mitlernen will. Es bleibt uns aber unverständlich, warum dieser Kampf dem Antisemitismus nicht entraten zu können glaubt. Besonders der jüdische Literat wird der Prügelknabe für den Liberalismus. Albrecht Erich Günther, der gleich Stapel die Monatsschrift ״Deutsches Volkstum“ leitet, spricht dort im Juniheft von der ״jüdischen Theologie“, meint aber damit die Juden, die in Soziologie und Politik — doch eben meistens in der passiven Haltung des Literaten, nicht mehr als wirkliche Akteure — den Liberalismus vertreten. Dagegen ist nun vor allem zu sagen, daß der Kampf gegen das liberale Denken würdig und sinnvoll nicht so zu führen ist, daß man die schwächste Menschengruppe unter seinen Vertretern herausgreift und unsachlich befehdet. Noch einmal: der Liberalismus ist keine jüdische Angelegenheit, sondern ein vielleicht heute! zu überwindendes, vielleicht aber nur zurückzustellendes und dadurch richtig einzuordnendes Kapitel des abendländischen Geisteslebens. Auch wenn der Liberalismus nichts anderes sein sollte als die säkularistische Reich-Gottes-ldee, so daß Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit als Verweltlichung des jüdischen Messianismus erscheinen können, ist damit kein Anlaß gegeben, gerade das Judentum zu befehden. Denn dieser auf die Bibel zurückgehende Messianismus wurde auch vom Christentum — mit Unterschieden, die hier nicht zu erörtern sind — in sich aufgenommen und hat dort die gleiche Säkularisierung durchgemacht. Der Liberalismus als säkularer Messianismus kann bekämpft werden nur von der Religion aus und im Namen der Religion. Stapel selbst ist ein Vertreter ■einer säkularen Ideologie. In seiner Staatsvergottung hat der Reichsgedanke bei der Säkularisierung nur einen anderen Weg genommen als im Liberalismus. Sein Kampf gegen den Liberalismus bedeutet den Kampf einer säkularen Ideologie gegen eine andere säkulare Ideologie. Dieser Kampf darf sich religiöser Formeln mit Fug nicht bedienen. Nr, 60, 4, Vm. 1031 Die säkularisierte Reich-Gottes-ldee, als «He der liberalismus angesprochen werden kann, ist gewiß nicht einfach als Uebertragung aus der religiösen in die weltliche Sphäre anzusehen, wobei die Ideen in ihrem Kern unverändert geblieben wären. Es fanden entscheidende Veränderungen bei diesem Uebergang von der religiösen Hoffnung zur weltlichen Ideologie statt. Mit dem Verlust des religiösen Urgrundes kommt es einerseits zu schroffer Verabsolutierung, andererseits zu Verfiachung. Die Freiheit wird dann zur Konkurrenz aller gegen alle, die Gleichheit sinkt ab zur öden Uniformierung, und die Brüderlichkeit wird zu dem respektlosen ״Wir sind alle Mensehen“, das die Ehrfurcht vor der Einmaligkeit der Menschenseele nicht kennt. Dem Antisemitismus, der uns hier Vorwürfe machen will, sagen wir: Wir sind hier nur Schüler eines Zeitgeistes, den wir nicht geschaffen haben, und der auch in u n s e r n Heiligtümern genug Unheil angerichtet hat. Die Interview- Seuche Die jüdische Bewegung hat wie alle modernen Mittel der Demokratie auch die Instrumente der Presse und Publizität in ihren Dienst gestellt und in vielen Verästelungen ausgebildet. Diese Instrumente bilden einen willkommenen Zusammenhang zwischen den verstreuten Gliedern des jüdischen Organismus und können einen sehr nützlichen Zweck erfüllen, wenn nicht durch eine etwas unbekümmerte Handhabung und kritiklose Verwendung dieser Mittel der dahinterstehende Gedanke ad absurdum geführt und damit auch der Gedanke der Demokratie kompromittiert wird. Wir haben im Zionismus unsere konstitutionellen Einrichtungen, den Kongreß und andere Gremien, wo Gruppen und Führer auftreten und ihre Meinung sagen und wo in bestimmten Formen um Anschauungen gekämpft wird. Es ist etwas seltsam, wenn neben dem Kongreß gewissermaßen eine zweite Arena sich auftut, wo dieselben oder andere Persönlichkeiten mit ihren Ansichten auftreten, und es besteht die große Gefahr, daß durch solche Aeußerungen der Sache nicht immer gedient wird. Wir hatten auf dem Kongreß ein unglückseliges Interview, das für die Entwicklung der Dinge in Basel recht folgenreich war. Aber dieses Interview war, wenn auch deplaciert, immerhin von Rang und Gewicht; nun aber schließt sich eine unübersehbare Menge anderer Interviews an, von denen man nicht dasselbe sagen kann. Die Jüdische Telegraphen-Agentur hat es sich offenbar zur Aufgabe gemacht, von jeder größeren oder kleineren Persönlichkeit Aeußerungen an die jüdische Welt weiterzugeben, auch wenn diese zum Teil nicht sehr vielsagend sind. So ist ein Chorus entstanden, aus dem man die sonderbarsten Stimmen hört, zum Teil auch Interpretationen und nachträgliche Korrekturen der Stellung des Betreffenden auf dem Kongreß. Es liegt fast im Wesen dieser Interview-Spielerei, daß der Ausgefragte zu erkennen gibt, wie wichtig er sich vorkommt und daß jede Proportion und jede Skala des Ranges und der Bedeutung zu verschwinden droht. Es ist schade, daß ein an sich — wenn sparsam gebraucht ללץ nützliches Mittel der Aeußerung auf diese weise hart an die Grenze der Lächerlichkeit herangeführt wird. Für manche Parteien muß übrigens durch diesen Interview- Unfug eine ziemliche Verlegenheit entstanden sein, so z. B. für die Revisionisten, deren Führer, sicher nicht von seiner Partei autorisiert, der erstaunten Oeffentlichkeit mitteilt, daß die Revisionisten, die eben noch der Zionistischen Organisation einen Präsidenten gewählt haben, von nun ab nur mehr eine_ ״lose symbolische Verbindung“ mit der Zionistischen Organisation aufTeehterhalten und sich beim Kongreß durch ״zwei Beobachter“ vertreten lassen wollen. Einen besonders bedauerlichen Zwischenfall bildet ein Interview, das Dr. M. D. E d e r am 16. Juli nach seiner Rückkehr aus London der JTA. gegeben hat. Dr. Eder Ist am Mittwoch früh nach dem zermürbenden vergeblichen Warten einer ganzen durchwachten Nacht nach London abgereist, bevor die Exekutivbildung in Basel zustandegekoramen war. Der Verlauf des Kongresses und besonders die letzten Tage mit den nicht immer sehr erfreulichen Verhandlungen über die Exekutivbildung und die evidente Unfähigkeit der Kongreßmajorität, aus ihrer Haitung die Konsequenz zu ziehen, hatten Dr. Eder sehr erbittert, und er äußerte sich schon vor seiner Abreise in Basel sehr abfällig. Als er dann den Ausgang des Kongresses erfuhr, gab er der JTA. ein Interview, worin er sich zunächst höchst ungehalten darüber aussprach, daß Brodetsky in die Ex ckutive eingetreten Ist. ״Brodetsky war — sagte Eder — ebenso wie unsere ganze Gruppe der Ansicht^ daß die Exekutive arbeitsunfähig sei und daß es für den britischen Zionismus keine Ehre wäre, wenn er in eine solche Exekutive einträte. Die Exekutive besteht aus ganz unhomogenen Elementen. Ich war immer der Ansicht - sagte Eder — daß Brodetsky unter keinen Umständen in die Exekutive eintreten, und Sokolow unter allen Umständen eintreten wird. Ich bedaure, daß ich mich in einer dieser Feststellungen geirrt habe. One Exekutive, die nach diesen Kongreßdebatten ins Amt tritt, kann nur als unfreundlich gegenüber der britischen Mandatarmach t und als desinteressiert ander arabischenFrage betrachtet werden. Kein britischer Z10nist hätte an ihr teilnehmen sollen.“ Dr. Brodetsky hat auf diese Kundgebung mit einem Brief an Eder geantwortet, den er gleichfalls der JTA. zur Verfügung stellt, ln seinem Brief erklärt Brodetsky, er könne sich Eders Aeußerungen nur aus einer völligen Nervenkrise erklären. Eder habe durch seine Denunziation der neuen Exekutive als ״unfreundlich gegenüber der britischen Mandatarmacht und desinteressiert an der arabischen Frage“ dem Zionismus keinen Dienst erwiesen. Genau das Gegenteil ist der Fall. Der Kongreß hat mit einer Majorität von 5:2 eine Exekutive gewählt, deren Politik von jedermann als Fortsetzung der sogenannten Weizmann-Politik anerkannt wird und die eine Mehrheit von bekannten Anhängern und Mitarbeitern Weizmanns enthält. Es sei äußerst bedauerlich, daß Dr. Eder, bevor er noch über die Vorgänge, die sich in Basel nach seiner Abreise abgespielt haben, 1m Bilde sein konnte, diese schädliche Aeußerung gemacht hat. Alle Freunde Weizmanns haben bedauert, daß Dr. Eder am Mittwoch früh Basel verlassen hat, dennoch mußten sie auch nach seiner Abreise noch eine Entscheidung treffen, ob sie die Gruppe B zu einer Verbindung mit den Revisionisten zwingen oder aber den Misrachi und die Gruppe B zu einer Koalition mit der Arbeiterpartei bringen sollten. ״Die erste Alternative hätte den politischen Zusammenbruch und sofortigen finanziellen Bankrott zur Folge gehabt. Die zweite Alternative hatte zwar die persönliche Härte für mich selbst, in eine neue Exekutive als Bindeglied zwischen Farbstein und Arlosoroff eintreten zu müssen, aber es stellte sich heraus, daß diese Koalition ohne meinen Eintritt unmöglich gewesen wäre. Daher ist in einer Besprechung führender britischer Zionisten unter Heranziehung der britischen und amerikanischen Nichtzionisten und Allgemeinen Zionisten der Gruppe A beschlossen worden, daß der zweite Weg gegangen werden muß. Wir beide — so schließt Brodetsky — werden noch lange leiden bei der Erinnerung an die Art der Behandlung, die Dr. Weizmann durch den XVu. Kongreß zuteil geworden ist Wir beide sehen seiner Wiederkehr entgegen. Aber den Interessen des jüdischen Volkes muß man zu jeder Zeit und unter allen Bedingungen dienen, selbst wenn es angenehmer wäre, sich zurückzuziehen, Wag

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.