Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XXXVI (1931)
- Issue
- Heft 59 (31.7.1931)
- Date
- 1931-07-31
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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Seite 364 JÜDISCHE RUNDSCHAU Nf. SO, 31. VII. 1931 Die Bedeutung des Kongresses Von Dr. M. Soloweitschik. r. Dem Kongreß ist es bezüglich der Beurteilung seiner Erfebnisse in der Presse so gegangen, wie es in der Regel en Tagungen des Völkerbundrates geht: jede der beiden Parteien legt seine Beschlüsse als ihren Erfolg, ab eindeutigen Sieg ihrer These aus. ״Weizmann ist gestürzt, seine Politik hat gesiegt“, sagen die einen; ״die Einsetzung der neuen Exekutive ist eine klare Abkehr von dem bisherigen System“, behaupten di® andern. Es sei daher gestattet, eine kurze allgemeine Charakteristik des Kongresses voranzuschicken. ln der ״Selbstwehr4‘ vom 24. Juli wird dieser Kongreß von Herrn Lichtwitz_ als ein Kongreß ״des Wortes“ wohl im Gegensatz zu den früheren Kongressen ״der Tat“ gekennzeichn?t. Trifft diese Beurteilung zu? Es mag richtig sein, daß die früheren Kongresse sich intensiver mit den Realitäten der Bewegung und des Aufbaus befaßt haben, als es der letzte getan hat; berechtigt aber dieser Tatbestand zu dem Schluß, daß der Kongreß von denjenigen beherrscht war, die von dem Glauben an das ״erlösende Wort“ getragen werden? Es sei zunächst bemerkt, daß der XVII. Kongreß an Resolutionen rein auantitativ nur einen Bruchteil von dem produziert hat, was der Durchschnittsertrag der letzten Kongresse war. Diese Hunderte von Resolutionen der Jahre 1027 und 1929, die fast zu jeder Erscheinung des Palästina-Lebens oder des Partei-Getriebes den ״Willen“ des Kongresses zum Ausdruck brachten, sind sie als ״Worte“ oder als ״Taten“ zu bewerten? Sie bezogen sich zweifelsohne auf ״tatsächliche“ Dinge, auf Siedlungsverträge, auf Lehrfarmen, auf Sanitatsmaßnahmen, auf Nationalfondsbüchsen — auf lauter Realitäten; vom Kongreß aus aber gesehen waren es meistens nur Worte, da sie den Kongreß als solchen zu nichts verpflichteten, ja seine Willens- Sphäre überhaupt nicht tangierten, was bekanntlich nach jedem Kongreß Anlaß zu einer scharfen und oft nicht unberechtigtem Kritik des ganzen Kongreßmechanismus gab. Auf die Formulierung dieser unzähligen Resolutionen beschränkte sich in der Hauptsache die Tätigkeit der Kongresse der - Nachkriegszeit. Vergebens hatte man nach einer Willensäußerung gesucht, die dem Kongreß als solchen eine Verantwortung auferlegen, die ihn in irgendeiner Sphäre innerlich belasten würde: die Kongresse waren, psychologisch gesehen, unbeteiligt an dem, was die Stenographen als ihre Ergebnisse aufzunehmen hatten. Man sprach daher von der Müdigkeit der Kongresse, vom Versagen der zionistischen Demokratie“. Ein vollkommen anderes Bikl bot dieser Kongreß. In seinem Mittelpunkt stand zwar das Problem einer Formulierung, d. h. ״ein Wort“, aber die Pflicht, sich zu diesem ״Wort“ zu bekennen, oder es abztilchnen, bedeutete die höchste Willens- Anstrengung des Kongresses als Gesamtheit und noch mehr eines jeden Delegierten individuell. Die Stellungnahme zu diesem ״Wort“ enthielt in sich eine Wertung eines politischen Regimes, die jeden verpflichtete und mit einer unzweideutigen Verantwortung belastete — daher war der Kampf um dieses ״Wort“ eine Tat, jedenfalls in einem viel höheren Maße, als das wortreiche Getue der früheren Kongresse. Man mag es vielleicht bedauern, daß der Kongreß sich veranlaßt sah, im Kampfe, der ihm aufgezwungen wurde, sich des politisch sicherlieh nicht unbedenklichen Mittels der sogenannten Endzielformulierung zu bedienen; man soll sich aber deswegen nicht vor der Tatsache verschließen, daß dieser Kongreß — 1m Gegensatz zu den letzten drei Kongressen — einen klaren Willen zum Ausdruck brachte, eine Linie, die seinen Majoritätsverhältnissen entsprach, «inhielt, sich ohne den — fast zum offiziellen Programm unserer Tagungen gewordenen — Schluß-Umfall (unser ״happy end“) vollzog, mit einem Worte eine Tat votibrächte, etwas, wozu kaum Jemand unsere Kongresse noch für fähig hielt. Die wenigen, die diese Tat — die Abkehr von einem Regime — inhaltlich verurteilen, sollten soviel Objektivitit aufbringen, um nicht zu leugnen, daß dieser Kongreß Charakter hatte, und darin — in der Ehrenrettung der zioniatischen Demokratie — liegt seine Hauptbedeutung. Der Augenblick, wo, bei der entscheidenden Abstimmung am Sonntag, — unter dem spähenden Blick Dr. Weizmanns — einer nach dem anderen, viele seiner jahrelangen Anhänger, Ihr Votum gegen sein Regime abgaben, war ein dramatischer, nicht im theatralischen, sondern im politischen, ja im menschliehen Sinn: es war eine — für viele sehr schwere — Ent- Scheidung, eine Tat. Man mag sie verurteilen, man soll sie nicht leugnen. Einige wieder werfen dem Kongreß vor, daß er aus seiner prinzipiellen Stellung nicht die logischen Konsequenzen bei der Wahl der neuen Leitung zog. Aber diese ״Logik“, die man ihm aufzwingen wollte, war nicht die seinige. Er hatte einen bestimmten Willen, der manchem unlogisch erscheinen mag: er wollte seine Auflehnung gegen ein bestimmtes poli* tisenes Regime zum Ausdruck bringen, suchte aber dann für die zukünftige Gestaltung der Dinge eine Mittellösung, vielleicht eine Zwischenlösung. Das war — wie die Dinge auf dem Kongreß und in der Bewegung lagen — keine Schwäche, kein Rückzug, sondern die gegebene Resultante. Die wechselnden Majoritäten — die eine Für das Negative, für den Kampf mit dem scheidenden Regime, die andere für das Positive, für die Richtlinien der Zukunft und für die neue Leitung — waren kein taktisches Spiel, sondern entsprachen dem frei zum Ausdruck kommenden willen des Kongresses. Die zionistische Bewegung als Ganzes hat auf diesem Kongreß sich selbst wiedergefunden; es mögen hie und da Irrwege sein, auf die sie sich begibt, aber sie ist wieder Herr ihrer Beschlüsse, und nichts ist bekanntlich gefährlicher fiir eine Bewegung als das Gefühl der Verantwortungslosigkeit. Ich glaube, daß dieses Gefühl, das wie eine schleichende Krankheit seit Jahren die Organisation lähmte, durch diesen Kongreß überwunden wurde. Sollte es zutreffen, so wäre schon diese Tatsache an sich von entscheidender Bedeutung. Als leeres Gerede wird es denjenigen erscheinen, die über die treibenden Kräfte unseres Gesamtwerkes anderer Meinung sind und die, wie es 1. B. der Autor des Leitartikels der ״Jüdischen Rundschau“ am Vorabend des Kongresses tat, mit dem Gedanken einer fünfjährigen Ausschaltung der Kongresse überhaupt spielten. Grundsätzliche Meinungsverschiedenheiten dieser Art sind selbstredend nicht zu- Überbrücken. II. Als Hauptinhalt des Kongresses wird der Kampf mit dem sog. ״System Weizmann“ angegeben, da man — was vollständig zutrifft — die Zielsetzungsfrage auch unter diesem Gesichtspunkt betrachtet: in dem, was man als ״System Weizmann“ bezeichnet, lag bekanntlich die Veranlassung für die verschärfte Stellungnahme zur Frage des Endziels, durch die Austragung dieses Kampfes suchte die Kongreßmajorität das sog. ״System“ zu treffen. Jetzt, wo dieses Kapitel abgfischlossen ist, wird vielleicht die Zeit gekommen sein, allmlhlieh einzusehen, daß es ein ״System Weizmann“, oder gar einen ״W eizmannismus“ im Sinne einer von seinem Träger zu abstrahierenden und mehr oder minder eindeutig zu formulierenden politischen Doktrin oder auch nur eines Arbeitsprogramms nie gegeben hat und —dem Charakter der Persönlichkeit Dr. weizmanns — auch gar nicht gc'.■דוד konnte. Gelegentlich wurde (auch in der #üäischen Rundschau“) von einem politischen ״Stil“ Dr. eiMiami• gesprochen — es ist eigentlich das, was man an präzisesten durch das Wort ״Regimg“ btagichnit. Jeder Letgc wird hoffentlich einsehen, daß es keine nebensächliche Frage der Terminologie ist; es ist im Gegenteil von entscheidender Bedeutung, gerade für.die Bewertung dieses Kongresses. Es bestand seit zehn Jahren ein ״Regime Weizmann“, das sehr ausgesprochene, aber eher im Rahmen eines psychologischen Essays, als dem eines politischen Artikels definierbare Merkmale seiner sehr ausgesprochenen Persönlichkeit trug, und da diese Merkmale das Hauptcharakteristikum dies« Regimes ausmachten, so verdient dieses Regime die Bezeichnung eines ״persönlichen Regimes“. Ich bin mir vollauf dessen bewußt, daß diese apodiktischen Formulierungen für Vertreter anderer Meinung nicht beweiskräftig sind. Die Beweisführung würde den Rahmen dieses Artikels sprengen; ich habe es nur voranschicken müssen, da es die Voraussetzung für die folgende Darlegung bildet. Dem von seinem Träger nicht wegzudenkenden, im Gegenteil, in ihm allein organisch verwurzelten Regime galt dfcr Kampf der Majorität dieses Kongresses. Und das Regime hat — das wird wohl jetzt niemand mehr leugnen —, trotz aller Erklärungen, einen erbitterten Kampf für sein Fortbestehen geführt bis zum letzten Augenblick, ja darüber hinaus. Denn was anderes waren gewisse, fast unüberwindlich scheinende Schwierigkeiten bei der Zusammensetzung der neuen Leitung, wenn nicht Rückzugsgefechte des unterlegenen Regimes, die noch über den. letzten Augenblick hinaus versucht wurden? ln der an sich zweitrangigen Episode mit dem Interview trat dieses Regime mikrokosmisch voll und kraß in Erscheinung. Interviews, seitdem es rührige oder dienstbereite Reporters gibt, spielen bekanntlich eine nicht unerhebliche Rolle bei der Liquidation von persönlichen Regimen. Ob dieses Interview (in dem — neben aen bekannten Aeußerungen zur Majoritätsfrage — ein Jabotinsky-Regime als einzige logische Schlußfolgerung aus der Kongreß-Revolte ״empfohlen“ wurde) ein wohldurchdachter Sehachzug oder ein nonchalanter Stimmungsatisdruck war — in beiden rillen kam in ihm, viel mehr als in irgendwelchen formulierbaren Thesen, das eigentliche Wesen des Regimes zum Vorschein, dasjenige Wesen, das jahrelang der gefügigen zionistischen ״Demokratie“ das Gesetz ihres Handelns vorschrieb und unsere Tagungen über alle Klippen hindurch dem sicheren ״happy end“ zuführte. Es war daher kein Zufall, sondern eine sinnvolle Reaktion des Kongresses, daß dieses Interview zum Brennpunkt der Auseinandersetzung geworden ist. Nach der Entwicklung der letzten zwei Jahre war es nicht mehr derselbe Kongreß, und es kam, wie cs kommen mußte. Es hat daher m. E, wenig Sinn, dfe neue Leitung mit der alten nach ihren einzelnen Bestandteilen zu vergleichen und, wie Llpsky es versucht hat, Identifikationen vorzunehmen, um zum Schluß zu kommen, daß alles beim alten geblieben ist. Es ist ein neues Regime, ein neuer Versuch der zionistischen Gesamtheit, ihre Geschäfte zu leiten, ihr Werk fortzusetzen. Auch die Komponenten der neuen Leitung, die aus d^r alten übernommen wurden, w׳erden sich in der neuen Gruppierung und in der durch den Kongreß geschaffenen Atmosphäre umstellen und neue Wege versuchen. Die Stagnation ist überwunden. Ich hin überzeugt, daß der Kongreß zur Ahschwichung des inneren Kampfes erheblich beitragen wird. Die zionistische Oeffentlichkeit muß Und wird der neuen Leitung eine Chance geben, und kein vernünftiger Mensch wird es zunächst als Belastung der Exekutive betrachten, daß in sie Personen hineingewählt wurden, die mit dem alten Regime verbunden waren, eben weil es nicht ein ״System“, sondern ein ״persönliches Regime“ war, dem der Kampf der Kongreßmajorität galt. Vor dem Kongreß wurden innerhalb des extremen Flügels der Revisionisten Stimmen laut, daß die Perpetuierung des bekämpften Regimes einen großen Teil der Union zum Austritt aus der Organisation veranlassen würde. Wie sich die Dinge in einen! solchen Fall gestaltet hätten, kann niemand mit Bestimmtheit sagen. Wer aber nicht versteht, daß diese Auseinandersetzung 1m revisionistischen Lager viel eminenter jetzt geworden ist, wo ihnen der Wind aus den Segeln zu einem erhebliehen Teil genommen wurde, dem kann nicht geholfen werden. Nur unter diesem Gesichtspunkt ist auch die Stellungnahme der Schar der Unentwegten unter den Revisionisten, die ״Beurlaubung“ Jabotinskys und insbesondere sein letztes Interview zu verstehen mit dem völlig phantastischen Plan einer ״symbolischen" Verbindung der revisionistischen Union mit. der Zio- «istischen Weltorganisation durch einen numems clausus vom ״Beobachtern“, die in die zionistischen Gremien nicht durch Schekelzahler, sondern durch ״Dinarzahler“ delegiert werden sollen: eine neue Agency zu beiden Ufern des Schekels.... UI. Und noch eine Erscheinung dieses Kongresses möchte ich — neben sicherlich zahlreichen Schattenseiten, und Fehlern — als Aktivum buchen. Zum erstenmal seit Kriegsende, d. h. seitdem unseren Leitungen eine besondere Bedeutung zukommt, hatte der Kongreß eine Exekutive sozusagen im Vacuum zu wählen. Bei allen früheren Nachkriegskongressen stand die Zentralfigur der künftigen Leitung von vornherein oder nach einem kurzen bedeutungslosen Zwischenspiel fest: das ergab einen festen Orientierungspunkt für die Parteien und müßte, wie viele annehmen, die Verhandlungen und die Koalitionsbildüng erleichtern. Was für ein Spiel wird es erst geben, meinten die Anhänger des ״noli me tangere“, wenn einmal dieser ruhende Pol in der Couloire-Flucht verschwinden wird? Zur Ehre unserer jungen ״Demokratie“ muß gesagt werden, daß die Verhandlungen im Permanenz-Ausschuß, dem für die Lösung der Leitungsfrage effektiv kaum mehr als drei Tage zur Vorfügung stand und dessen Arbeiten durch die oben erwähnten Rückzugsgefechte besonders erschwert waren, durchweg sachlieh verliefen und, was das Wichtigste ist, von einem Ödst der Toleranz getragen waren, der von eiriem hohen Maß von Verantwortungsgefühl zeugte. Die Parteien, die sich als die designierten Träger der zu bildenden Koalition fühlten, wußten, daß sie nicht durch die Vermittlung eines persönlichen Willens zu einer Körperschaft zusammengeschmiedet werden, sondern daß ein Zusammenschluß durch Anpassung, durch Zurückstel- Iung separater Forderungen zu erzielen ist — und sowohl in programmatischer Beziehung wie auch in der Frage der persönlichen Besetzung haben sich die Befürchtungen derjenigen, die ein Chaos, ein bellum omnium contra omnes erwartet haben, keinesfalls bewahrheitet. Von rechts und von links wurde der Schwere der Situation viel Verständnis entgegengebracht. Nun hat die Exekutive die Chance. Sie beginnt ihre Arbeit unter überaus schwierigen Verhältnissen. Es ist sicherlich nicht die beste Exekutive, die aus dem Menschenmaterial, das dem Kongreß zur Verfügung steht, gebildet werden konnte. Sie wurde in der Eile, von einem durch einen!1 ervenzerrüttenden Kampf erschöpften Kongreß gewählt, aber sie ist ein Versuch des Kongresses, sich selbst zu regieren, und in diesem Sinne kann sie auf die Unterstützung aff derer rechnen, die die Bewegung, die frei sich entfaltende Bewegung als den Hauptfaktor unseres gesamten Befreiungswerkes werten. Sie wurde in erster Reihe gewählt, um den Kampf für unser Recht auf Palästina zu führen und um unsere Aufbauarbeit unter allen Umständen fortzusefzen. Wird sie auf diesen beiden Gebieten planmäßig und konsequent vergehen und eine Atmosphäre des Vertrauens um sich zu schaffen verstehen, so wird dieser Kongreß — auch wenn sofortige Erfolge ausbleiben werden -- den Beginn einer neuen Periode zionistischer Entwicklung bedeuten. Zeüsdirifieii - Schau Die liberale und zionistenfreundliche englische Wochenschrift ״The New States man & Nation“ schreibt, der Zionistenkongreß habe mit großem Lärm vor aller Oeffentlichkeit viel schmutzige Wäsch« gewaschen. Weizmann und seine Anhänger hätten der jüdischen Sache mit Klugheit und Mut gedient, während viele ihrer jetzt schärfsten Angreifer triedlieh in Amerika gesessen hätten, — weit ab vom Kamptpl atz. Die revisionistischen Angriffe wegen der Annahme des MacDonald-Briefes seien sinnlos. Bilde man sich etwa ein, den Kopf der Mandatarmacht auf dem Präsentierteller fordern zu können? Wo sei denn der Herodes, der den Revisionisten diesen Wunsch erfüllen könne? Etwa die Mandatskommission? Oder Mr. Bakfwin? Oder die öffentliche Meinung Englands? Die Zionisten hätten gewiß ihre berechtigten Sorgen, aber es sei kindisch, dafür nur die Mandatsmacht verantwortlich zu machen. Der Erfolg des zionistischen Experiments hinge von der Versöhnung und friedlichen Kooperation mit den Arabern ab, und weder Großbritannien noch irgendeine Macht der Wdt könne diese Harmonie zwischen den beiden Partnern e r - zwingen. ״Wir hoffen noch, die Nationale Heimstätte errichtet und von allen Bewohnern des Landes akzeptiert zu sehen. Aber die Aufgabe braucht ungeheure Geduld und Sorgfalt.“ Wenn man aber den Hitzköpfen, die sich in Basel ausgetobt hätten, den Weg freigäbe, so würde Palästina nicht zu einer Nationalen Heimstätte, sondern zu einer internationalen Hölle werden. Der ״Spectator“ begrüßt die (noch vor seiner Wahl zum Präsidenten erfolgte) Erklärting Sokolows über das Verhältnis zu den Arabern und zur Balfour-Dcklaration, und meint, Sokolows Haltung könne dazu beitragen, der Mandatarmacht ihre schwere Aufgabe zu erleichtern. ״Der Deutsche Volkswirt“, der zum Zionismus eine schwankende, aber meistens ablehnende Haltung einnimmt, schreibt in seiner Nummer vom 17. Juli: Die Enthusiasten unter den Zionisten hätten niemals die englisch« Politik in ihrer Gebundenheit richtig eingeschätzt und seien nun tief enttäuscht darüber, daß England ihre Interpretation der Balfour-Deklaration nicht teile. Im Grunde habe sich der ganze Kongreß um die Frage gedreht, ob England mit seiner ausweichenden Politik sein Wort gebrochen und den Ziönismtis dadurch vor eine neue Lage gestellt habe oder nicht. Die Revisionisten — und das seien ״in diesem Fall die Radikalen und logisch Konsequenten“ — seien nach stürmischen Debatten unterlegen, da Weizmanns Arbeitsgenosse Sokolow gewählt worden sei. Aber der Sieg der gemäßigten Richtung sei kein sachlicher Sieg, sondern nur eine Anerkennung ״des zwischen Hoffnungen und Rückschlägen nach diplomatischen Auskünften und Vertagungen ausblickenden Status quo“. Die Engländer wollten zwar an sich den Zionismus fördern, dichten aber natürlich nicht daran, ״um Herzls Lehre wüten ihr orientalisches System des Mächteausgleichs gefährden zu lassen“. Der Weizmannscbe Zionismus, der an ein dauerndes Kondominium mit den Arabern glaube, sei ״manchmal rührend und manchmal grotesk“, wenn er von den hohen Bodenpreisen, der Hygiene und den sonstigen Segnungen erzähle, die der Zionismus den Arabern bringe. Das arabische Volk wende sich aber in seinen Tiefen lieute bereits gegen diejenigen Araber, denen der Zionismus eine erwünschte Gelegenheit zur Bodenspekulation gebe, und wolle für Palästina wie für die anderen arabischen Länder einen eigenen Staat. Palästina sei eben kein ״Land ohne Volk“ für das ״Volk ohne Land“, sondern der Zionismus ein tragischer Irrtum, der sich immer mehr als solcher erweisen müsse. Die ״Zeitschrift für Politik“ (Herausg. Professor Schrni# und Dr. 3d. Grabowsky) bringt in ihrer Juli-Nummer einen Aufsatz des Generalkonsuls Dr. von Wesendonck über den ״Stand der arabischen Frage“, in dem besonders die Schi!- derung des ״wahabitischen Puritanismus“ und seines Sieges über den von Hussein vertretenen ״Geist mittelalterlicher Komantik“ interessiert. Wesendonck hält lbn Sauds Wahabitenreich wenn auch nicht für gefährdet, so doch für ״nach allen Richtungen hin eingehemmt und nicht entwicklungsfähig“. Am bedenklichsten für lbn Saud sei der Umstand, daß die urislamische Strenge, die den Wahabitenstaat erfülle, nicht geeignet scheine, die Imponderabilien auszuwerten, die auf der Gemeinsamkeit der arabischen Kultur beruhen. Den Schlüssel zum Verständnis des arabischen Problems sieht Wesendonck darin, ״daß die Wahabiten mit ihrem primitiven Purismus der Wüste nicht In der Lage sind, die Führung der arabischen Welt zu übernehmen, ja daß sie das Streben weiter arabischer Kreise geradezu verwerfen“. Infolgedessen entwickelte sich fn vielen Ländern mit arabisches Kultur (in Aegypten, Syrien, Irak, Algier, Tunis, und ln Ansätzen selbst in Marokko) ein fm wesentlichen lokal gebundener Nationalismus, der sich die mehr oder weniger ausgesprochene Loslösung dieser einzelnen Länder von fremder Aufsicht zum Ziele setzte. ״Eine die Gesamtheit der arabischen oder stark arabisierten Völkerschaften umspannende Bewegung ist eine Utopie. Die Entwicklung dürfte dahin gehen, daß sich einzelne Gebiete aus der arabischen Welt im Ringen mit den Kolonial- und Mandatsmichten.... verschieden abgestufte Grade der Selbstbestimmung erringen werden, daß aber die Forderung eines Gebildes nach der Art eines arabischen Staatenbundes mit einheitlicher Spitze angesichts der ticten Unterschiede in kultureller und gesellschaftlicher Hinsicht für absehbare Zelt ausgeschlossen erscheinen muß.“ Obwohl der Verfasser von Palästina kaum spricht, liegt die Bedeutung dieser Ansichten für die zionistischen Probleme auf der Hand. In der englischen ״Quarterly Review“ --־ übrigens der gleichen Zeitschrift, in der Lord Shafte sbur y schon im Jahre 1839 in einem anonymen Artikel jüdische Siedlungen in Palästina vorschlug! — veröffentlicht H. Charles Wood, der häufig zu Palästina-Fragen Stellung nimmt, eine sehr ausführliche Schilderung der Entwicklung der Palästina-Frage seit dem Kriege. Die auf genauester Kenntnis des einschlägigen Materials beruhende Arbeit — 11. a. ist auch schon die 1931 bei Allen & Unwin in London erschienene ״History of Palestine“ von Angeld Rapoport benutzt — Ist objektiv, wenn nicht sogar zionistenfreundlich gehalten. Bemerkenswert ist die offene Anerkennung der ungeheuren Vorteile, die England in verschiedenster Hinsicht durch das Mandat genieße und die auch durch die Schwierigkeiten der Aufgabe ״keineswegs aufgehoben“ würden. Die Haltung der Revisionisten, die unerfüllbare Forderungen stellten, wird von Wood ebenso abf'" .. ' יי''“"* *־. Ueber die Einwanderung(- und Landfragen glaubt Woöd trotz Shaw- und Simpson-Bencht nicht urteilen zu können, solange nicht die Kataster-Arbeiten, die in eine Menge dunkler Fragen Licht bringen würden, abgeschlossen seien. A. P. Jerusalem, 28. Juli. (J.T. A.) Das mysteriöse Verschwinden zweier jüdischer Jugendlicher namens Salia Zohar und Joch an an Stahl, die seit längerer Zeit vermißt werden, hat in jüdischen Kreisen Jerusalems lebhafte Beunruhigung hervorgerufen, im Hinblick darauf, daß es bisher der Polizei noch nicht gelungen ist, eine .!pur der Vermißten zu finden, haben deren Angehörige den polnischen und den deutschen Konsul als die Vertreter der Heimatländer der Vermißten gebeten, bei der Palästina-Regierung *weck( Einleitung verstärkter Nachforschungen seitens der pälärtinens*• schea Polizei zu üntcrvenieita.