Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XXXVI (1931)
- Issue
- Heft 57 (24.7.1931)
- Date
- 1931-07-24
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 354 JÜDISCHE RUNDSCHAU Nr. 57, 24. VE 1931 Achad Haam ״ Nachlese Achad Haam, Pirke sichronoth we-iggroth. Verlag ״Beth- Achad-Haam“, Tel-Awiw 1931. 192 S, Preis 150 Mil. Zu dem vierbändigen Werke der Schrifien Achad Haams und der sechsbändigen Sammlung seiner Briete ist vor kurzem «ne Art Ergänzungsband erschienen, herausgegeben von B. Schoch et mann. Dieser Band enthält von Achad Haam entworfene bruchstückartige Skizzen zu einer Selbstbiographie, kurze Tagebuchnotizen zu seinen verschiedenen Palästinareisen, eine ergänzende Sammlung von Briefen Achad-llaams aus den letzten Jahren seines Lebens (seit seiner Uebersiediung nach Palästina, 1922 -1927), sowie einen spärlichen Anhang von Briefen aus früheren Zeiten. Dies gesamte Material wird hier mit geringen Ausnahmen erstmalig veröffentlicht. Hin großer!Teil der Briefe und der letzte Teil seiner ״Memoiren“ ist seinem Sekretär diktiert (seine schwer erschütterte Gesundheit erlaubte es ihm nicht mehr, selbst zu schreiben). Die Originale Kegen in. dem der Jerusalemer Universitäts- und Nationalbibliothek einverleibten Achad-Haam-Archiv. Achad-Haam hatte, als er nach London tibersiedelte, das gesamte in seinen Händen befindliche Material, das sich auf die Zeit seiner chowewezionistischen Tätigkeit bezog, dem Odessaer Kolonisations- Komitee übergeben in der Meinung, daß es dort am besten aufgehoben sei: Es fiel in die Hände der Bolschewiken und wurde von ihnen zerstört, so daß das Achad-Haam-Archiv nur geringe Reste aus jener Zeit enthält. Diese jetzt veröffentlichte Achad-Haam-Nachlese hinterläßt — alles in allem — beim Leser Gefühle schwerer Bedrückung. Selbst jene noch in frühen Jahren niedergeschriebenen ״Erinnerungen“ aus der Knaben- und Jiinglingszeit lassen keine ungeteilte Freude aufkommen. Sie sind zu verschiedcnen Zeiten autgezcichnet und lassen Konzentration und persönliche Intimität vermissen. Was wir hier hören, so scheint uns, haben wir irgendwo anders, bei Smolenskin oder Lilienbltrni etwa, viel eindrucksvoller erzählt bekommen. Der Verfasscr selbst hat dafür ein feines Gefühl, wenn er bemerkt: ״Dieses Buch der Erinnerungen habe ich zu schreiben begönnen, als ich bereits ein ״berühmter Schriftsteller“ war. Ich dachte, daß es meinem Bedürfnis nachkomme, das ich manchmal fühlte, mich von der Oeffentlichkeit abzuwenden und für mich allein zu sein, um mir selbst, mir allein, Rechenschaff über meine Gedanken und Taten in den Tagen meines nichtigen Lebens abzulegen. Aber nachdem ich die ersten Seiten geschrieben und wiedergelesen hatte, fühlte ich, daß die Gewohnheit, für die Oeffentlichkeit zu schreiben, mir zur zweiten Natur geworden ist, und daß auch hier, wo ich nur für mich allein schreiben wollte, sich tief im Herzen das Bild des hinter mir stehenden ״Lesers“ verbirgt, und ich ganz, unbewußt meinen Worten eine Form gebe, die geeignet ist, später vor die Oeffentlichkeit zu kommen, als ob ich von vornherein wüßte, daß auch diese Aufzeichnungen schließlieh einmal, sei es auch nach meinem Tode, veröffentlicht werden“. Eine spätere Anregung Dubnows, die angetangenen Memoiren fortzusetzen, lehnte er März 1924 unter ähnlicher Begründung ab. Treffender kann die Art dieser ״Erinnerungen“ nicht charakterisiert werden. Stofflich zeichnen sie das chassidische Milieu, dem Achad-Haam entstammte, seine frühe und ständig fortschreitende Distanzierung und Ablösung von ihm, beschreiben sein Elternhaus und seiner Frau Familie, geben ein Bild der typischen Knabenerziehung jener Tage und der monströsen Formen des Kampfes der!Heren Generation gegen das Recht der ״Jungen“ auf pröfaife Bildung. Einen besonders trüben, ja nfedersclflagentien Eindruck machen die letzten Partien seiner persönlichen Aulzeichmtngen, die als Ergänzung der früheren zu einer Zeit verfaßt sind, als ihn sein Gedächtnis bereits beträchtlich im Stich ließ. Bialik und Rawnitzkv, die sorgenden Freunde, hatten Sun ein ganzes Register von Fragen vorgelegt, um seinem erlahmenden Gedächtnis nachzuhelfen, und in etwas Schematischer, fast schülerhaften Weise diktiert nun Achad-Haam in seinen letzten Lebensjahren seinem Sekretär die häufig recht gequälten Antworten darauf. Von ganz anderem Geiste erfüllt sind die Tagcbuchauf- Zeichnungen aus der Zeit der verschiedenen Palästinareisen. Hier finden wir den frischen, scharfen Geist seiner besten Jahre wieder. Die meisten dieser Reisen geschahen bekanntlieh im Auftrag und Dienste der Chowewe-Zion-Bewegung jener Tage und sind voll von Beobachtungen und Bemerkungen über den jeweiligen Stand der Kolonisations- und Kulturarbeit im Lande. Nur eine Reise nach Palästina war Achad-Haams persönlicher Erholung gewidmet und sie gewährte ihm die nötige Muße, seinen Aufzeichnungen darüber eine viel persönhehere und daher ergreifendere Note zu geben. Es war dies im Jahre 1900. Damals kam er als Privatmann ins Land und wohnte drei Wochen ununterbrochen in voller Ruhe auf dem Gipfel des Karmel und kehrte,, ohne irgendeinen anderen Ort auf gesucht zu haben, nach Odessa zurück. Die Aufzeichnungen über diese Zeit sind besonders anziehend, ja in ihrem poetischen Pathos beinahe überraschend! Er schreibt unter anderem: ״Noch einmal war ich in Erez-jisrael — war und war doch nicht. Diesmal war ich nicht zur Arbeit, sondern nur zur Erholung ins Land gekommen. Daher suchte ich mir.... einen stillen Winkel auf dem Giplel des Karmel.... aus.... Und trotzdem fühlte ich in allen Kammern meines Herzens, daß ich auch diesmal in Erez-Jisrael war, ja es will mir fast scheinen, daß ich nur diesmal in Erez-jisrael war. Und wenn noch jetzt jemand aus der Ciolali, der das Land sehen möchte, fragen würde, was er dort tun solle, um den ״Geschmack Erez-Jisratls“ in seiner ganzen Reinheit, seiner ganzen Süßigkeit und Bitternis in einem aut die Zunge zu bekommen, so würde ich ihm antworten: Laß Jaffa und seine ״Tochter״' mit all dem Lärm der Arbeit dort und steige zum Gipfel des Karmel; dort verweile einige Tage allein mit deinen Gedanken und unterhalte dich flüsternd mit den Lüften, die dir aus der Tiefe der Tage der Vorzeit empor- und entgegenwehen, und niemand wird dies Flüstern stören.... Jch sitze bei einbrechender Dämmerung aut dem Gipfel des Karmel und meine Augen wenden sich dem Westen, der im Meere versinkenden Sonne zu. Wie fremd erscheint mir, was meine Augen ringsum erblicken; von dem ganzen Erbe meiner Väter ist hier nichts übriggeblieben, nicht einmal eine kleine Ruine. Das Haus, irt dem ich wohne, die alten Bäume, in deren Schatten ich mich berge, die prächtigen Weinberge ringsum -.- all das ist durch Fremde geschaffen, die aus der Ferne gekommen sind, um sich der heiligen Erde anzimehmen, lind ich — was suche ich hier, wen habe ich hier? Und mit stürmendem Herzen wende ich meine Augen von all dem und blicke flehend zur Sonne, die allein noch an diesem Ort auf- und untergeht, so wie sie vor Jahrtausenden auf- und unterging, und sie allein hat meine Väter hier in geruhsamem Dasein gesehen - so sei sie meine Zeugin, daß ich hier kein Fremder bin!... Nicht immer ergeben diese Reiseskizzen einen so unmittelbaren Eindruck. An manchen Stellen leiden sie an Trockenbeit, ja Dürftigkeit. Sic sind häufig erst lange Zeit nach dem Erlebnis rusammengestdtt. Trotzdem gibt es auch hier Interessantes. Große Aufmerksamkeit dürften heute besonders Acbad-Haams Beobachtungen und Bemerkungen zur Frage der jüdisch-arabischen Beziehungen erreg«. Er macht eine große Zahl von Einzelbeobachtungen. Besonders wichtig erscheinen seine Notizen aus dem Jahre 1912. Mitteilungen von Jacobsohn, Kalvariski, Levontin, Smiliansky, Radler-Feldrnann und anderen zur arabisch-jüdischen Frage werden getreulich fixiert. Hier ist nicht der Ort, über diese Dinge im Einzelnen zu berichten, Aber eine zu diesem Fragenkomplex von einem allgemeinen Standpunkt Stellung nehmende Bemerkung soll nicht übergangen werden. Achad-Haam sagt: ״Wie wir im Okzident keine ganzen Okzidenlalen sein können, so können wir im Orient auch keine ganzen Orientalen sein. Der Geist des Orients ist uns fremd. Nicht umsonst haben wir zweitausend Jahre unter okzidentalcn Völkern gelebt. Sowohl hier wie dort sind wir ein Volk, das isoliert lebt, mit einem besonderen oriental-okzidenfalcn Charakter.“ Dieser etwas summarischen und fatalistischen Anschauung steht «in flüchtiges und noch bedenklicheres Resümee über die palästinensi<ehe Arabertrage gegenüber: ״Nachdem wir im Lande eine kulturelle Macht im Geiste des Judentums geworden sind, werden sich die Araber in unserer Mitte möglicherweise assimilieren. Sie sind ja die Bewohner des Landes seit je und manche von ihnen vielleicht Söhne unseres Volkes.“ Ucbrigens wird die Araberfrage auch in dem Briefteil des Bandes einige Male berührt, lind die beiden markantesten Stellen sollen hier vorweg kurz erwähnt werden. In einem der Briefe (an Saul Furie) schreibt er Oktober 1922־: .Audi die allgemeine Lage ist ganz und gar nicht glänzend. Unser Governeincnt ist so objektiv, daß die Araber uns aut der ganzen Front schlagen. Sie erreichen bei der Regierung alles, was sic wollen, und wir trotz unserer großen politischen ״Siege“ — haben in nichts Erfolg. Schuld daran sind freilich vor allem wir selbst. Das Verhalten unseres Volkes zu der Palästinasache nach dem Mandat hat alle schwer enttäuscht, sowohl uns selbst als auch die Regierungen und Völker, die an unseren nationalen F.mcuenmgswillen geglaubt haben.“ Und im Mai 1923 schreibt er an seinen Londoner Freund A. L. Simon: ״Wir befinden uns hier im Lande in einem sehr gedrückten Zustande. Die letzten Sorgen lassen die ersten vergessen. Und die allerletzte Sorge sind die Nachrichten, die in den letzten Tagen über den Bund gekommen sind, der zwischen England und dem arabischen König geschlossen wurde. Wir wissen noch nicht die Einzelheiten, aber im allgemeinen scheint es,.... daß Erez-jisrael irgendwie in die arabischen Länder einbezogen worden ist, die jetzt dabei sind, sich zu vereinigen. Und was tun wir? Zurzeit weift es niemand.... Die Hauptsache ist, daß, wenn wir in der Tat Untertanen des Königs Hussein zu werden im Begriffe stehen, das Ende unserer Hoffnungen und Arbeit hier im Lande gekommen ist, und wer weiß, ob und wann sic sich wieder erneuern wird. Was mich selbst angeht, so ist es für mich unvorstellbar, daß ich ein ״Araber“ im politischen Sinne werde, und ich habe die Absicht, in diesem , Falle nach der Golah zurückzukehren. Es ist besser für mich, in der Fremde inmitten der Golah zu sterben, als hier zu sterben und in der Erde meiner Väter begraben zu werden, wenn diese Erde als ״Heimatsland“ der Araber betrachtet wird, und wir in ihr Fremde sind!“ In der Tat erwägt Achad-Haam in diesen Tagen ernstlich, wohl auch unter dem schweren Eindruck der sinkenden Hoffnung auf Besserung seines erschütterten Gesundheitszustandes, den Gedanken, das Land wieder zu verlassen. Der Respekt vor der tragischen Größe, der zuletzt zitierten Worte hätte es verhindern sollen, daß,, sie ■für,, den politische», Tagesbedarf der ׳ Parteien ä*- geschlachtet werden. .... Bei der Lektüre Achad-Haams aus den Jahren 1922 -1927 kommt man fast zu dem Urteil, daß dieser Teil der Edition zu früh kommt. Der Abstand zwischen der lebenden Generation und ihm ist noch zu gering. Für diese Briete seiner letzten Epoche trifft in noch erhöhtem Maße das Prinzip zu, das Achad-Haam, wie wir aus eben diesen Brieten erfahren, bei der Redigierung seiner großen Brietsammlung hat walten lassen. Rücksichten persönlicher und allgemeiner Art hatten ihn bewogen, Briefe an Lebende und Nichtmehrlebende so 7.u kürzen, daß nichts seine Zeitgenossen auch nur im Entfern¬ Ergänzen Sie Jefzf Ihre zionistische BibllolheK! Ein gfinsfiges Angebot der Z.V.LD. 10 aKtaelfe a. interessante Brosdiflren nur 3 Mark * Im Interesse einer umfassenden Information unserer Gesinnung*- genossen und zur Erleichterung der Erziehungsarbeit in den Jugendorganisationen haben wir uns entschlossen, folgende Broschürensammlung zu einem ermäßigten Preise, abzugehen : 1. Dokumente zur Palästina-Politik 1929/1930 fDer Shaw - Bericht I Die Antwort der Exekutive auf den Shaw - Bericht I Neue politische Dokumente) 2. Das englische Weißbuch 1930 3. Dokumente zur zionistischen Politik (Baseler Programm / Balfour- Deklaration / Regierung*- erklärung- / Palästina - Mandat / Weißbuch von 1922 / Verfassung für Palästina) 4. Prof. Julius Guttmann-Berlin: Der Wiederaufbau Palästinas Im Zusammenhang mit der JCldisehen Geschichte 5. Dr. Gerhard Holdheim - Berlin: lieber die Vor« aussetzungen und das politische Ziel des Zionismus 6. 9<-hm*riahu Gorelik - Berlin: Herzl In seinen Tagebüchern 7. Die jüdische Idee und Ihre Träger Beiträge zur Frage des jüdischen Liberalismus und Nationalismus von Kurt Blumenfeld, Leo Baeok, Ismar Elbogen, Robert Weltsch, Max Wiener, Max Gr ü n wald, Ernst Simon, Martin Buber 3. Judentum und Nationalismus von Dr- Felix Weltsch 9. Für das arbeitende Palästina 10. Literaturverzeichnis zum Fragengebiet: Zionismus und Palästina - Aufbau 10er Preis der ganzen Sammlung beträgt 2,60 M. zuzüglich 0,40 M. Porto (Ausland 0.70 M,). Zusendüng erfolgt nur gegen Voreinsendung des Betrages Zionistische VenBinigungiorDoutsclnand Berlin W18, Melnekestr.10 Postscheck ״ Konto: Berlin 8091 testen Kränkendes stehen blieb. Aber trotz aller Vor- und Rücksicht blieben ihm Vorwürfe in dieser Richtung, wie wir ebenfalls aus diesen Briefen entnehmen, nicht erspart. Um wieviel delikater war die Aufgabe der fremden Hand, die Briefe seiner letzten Jahre der Oeffentlichkeit zu übergeben. Zu allen früheren Rücksichten kam noch die auf ihn selbst und sein Andenken hinzu. Wir haben leider das Gefühl, daß der Meister selbst noch manches hätte gerne gestrichen gesehen, was die vorliegende Edition stehen ließ. Wir haben noch nicht genügend Distanz von ihm, um den schauderhaften Anblick des körperlichen und geistig-seelischen Verfalls eines Mannes zu ertragen, in dem wir einst den großen Genius und Verkünder einer durchgeistigten national-kulturellen Wiedergebürt unseres Volkes verehrten. Dieser stolze, aufrechte Mann von einst erscheint hier als vollkommen gebrochener Greis, dessen Lebensraum sich von Tag zu Tag sichtlich verengert. Bei seiner Ankunft in Tel-Avviw sind es nur die schlaflosen Nächte, in denen er ruhelos von Zimmer zu Zimmer wandert, und der dumpfe Kopf am Tage nachher. Er schreibt die zunehmende Verschlimmerung seines Zustandes dem Umstände zu, daß die Tel-Awiwer Stadtverwaltung ihm ein Wohnhaus in der belebtesten Gegend der Stadt zur Verfügung gestellt hat. Später kommen neuralgische Schmerzen in der rechten Schulter hinzu, die ihm nach kurzer Zeit das Schreiben verbieten. Schließlich versagen noch die Beine. Mit feinem Humor (dem wir übrigens in diesen Briden sehr selten begegnen), schreibt er an Dubnow, daß sich an ihm der Bibelspruch bewahrheitet habe: ״Beine haben sie und können nicht gehen.“ Das körperliche Siechtum begleitet tiefe seelische Depression, so daß selbst die Kraft zum Diktat von Briefen häufig erlahmt. Nur so ist es verständlich, daß der an konzentrierte Arbeit Gewohnte, jetzt tief Unglückliche, den raschen Tod herbeiselint. Nur wenig wirkliche freunde sind ihm geblieben, darunter der getreue, von ihm besonders geliebte A. L. Simon, Dubnow, den er um die ihm erhaltene Arbeitskraft tief beneidet, Bialik, Rawnitzky, Drujanow, Klausner u. a. Mit fast monotoner Gleichmäßigkeit klagt er allen seinen Freunden brieflich sein Leid. Der einzige Lichtblick in diesen schweren Jahren - daß cs ihm vergönnt war, sein Brietarchiv, Kopien vieler Tausender von Brieten aus seiner ״HaschiIoach“-Zeit und weiter zu redigieren. Einige Stunden täglich widmet er dieser Arbeit, seine einzige Ablenkung von seinem trostlosen Zustände. Herzzerreißend sind die Briefe dieser Tage. In! März 1923 schrieb er an Dubnow: ״Und ich in meinem Elend, was soll ich Ihnen über mich erzählen? Gebrochen und kraftlos bin ich und mein geistiger Zustand in hoffnungslosem Sinken. Mir ist das passiert, worüber ich, falls cs mir jemand vor Jahren prophezeit hätte, aus vollem Munde gelacht hätte: ich sitze hier inmitten von Brüdern und nahen Freunden und genieße von allen Seiten Liebe und Verehrung, und auch meine Kinder weiß ich in meiner Nähe, und ich habe zurzeit auch die Möglichkeit, mich in Ruhe Studien zu widmen, und all das in Erez-jisrael, wovon ich Tage und Jahre geträumt habe. Und bei all diesem Guten sitze ich hier und sehne mich .- nach London! Ja, nach London, d. 11. nicht nach den nahen und lieben Freunden, die ich dort zurtickgelassen habe — solche gibt es dort vielleicht drei oder vier —, sondern einfach nach London, nach seinen lärmenden Straßen und Plätzen, nach der dunklen ״City“, in der ich so viele Jahre ohne Licht und Luft zugebracht habe, nach dem drückenden Nebel usf. usf. Aber außer dem Schmerz, den sie mir an sich verursacht, leide ich noch mehr darunter, daß mir eben diese Sehnsucht als ein deutliches Zeichen dafür erscheint, daß irgendeine Krankheit sich in meinem Geiste festgesetzt hat, denn sonst wäre so etwas unmöglich.“ Und an Joseph Klausner schreibt er September 1922 (also fast fünf Jahre vor seinem Tode): ״Ueber meinen Gesundheitszustand habe ich Ihnen nichts Ertreuliches mitzuteilen. 111 letzter Zeit hat meine Schlaflosig- ׳keil «(genommen׳ und ich schlafe beinahe gar nfefft, trotzdem ich jede Nacht verschiedene Schlafpulver schlucke. Diese Nächte, so scheint mir, beschleunigen mein Ende. Auch meine Geistesverfassung ist sehr schlecht. Ueberhaupt ist mein Leben zu nichts mehr nutze und im innersten Herzen hoffe ich, daß der ״Erlöser“ komme und meinem Leiden ein Ende mache.“ Das sind nur einige Probe». Es fällt schwer, diesen langen Leidensweg mit ihm zu durchwandern. Das sich steigernde Leid dieses Mannes in seiner zeitlichen Parallelität zu den schweren Erschütterungen, die das jüdische Aufbauwerk erlitten hat und noch heute erleidet, erscheint wie ein Symbol der Zeit. Nur ganz selten ringt sich in diesen Brieten ein tröstliches Wort hindurch. Eines davon — vielleicht das einzige — sei hier an den Schluß gesetzt: ״Ob es mir vergönnt sein wird, Sie noch einmal in Europa zu sehen, weiß ich nicht, aber ich hoffe, daß üie schließlich alle Hindernisse überwinden und hierher kommen.... Es gibt hier etwas zu sehen, mein Lieber, wenn es natürlich auch nur ein kleiner Anfang ist.... pamit will ich selbstverständlich nicht sagen, daß alles schön und gut sei und man sieh über nichts zu beklagen habe. Oh, es gibt genug, worüber man sich beklagen könnte. Aber wenn ich mich des Zustandes hier vor dreißig, vor zwanzig oder sogar vor fünf Jahren erinnere, muß ich gestehen, daß wir nicht umsonst gelebt und gearbeitet haben, und daß die künftige Generation ein betrachtliches Erbe vorfinden wird, das wir uns früher nicht haben träumen lassen.“ Jerusalem. M a x Mayer. Von Simon Dubnows ״Geschichte des Chassidtsmus“ erscheint jetzt im Jüdischen Verlag, Berlin, der zweite Band, mit dem das Werk vollständig vorliegt. Professor Dubnow, der Verfasser der zehnbändigen ״Weltgeschichte des jüdischen Volkes“, gibt in diesem Werk die erste zusammenfassende historische Darstellung des Chassidismus, der wichtigsten religiösen Bewegung im neuzeitliehen Judentum. Er vollendet damit eine in seiner Jugend begonnene Arbeit, für die er ein immenses, meist bandschriftliches, vielfach bisher unzugängliches Urkundenmaterial verwertet hat ״Mit fremden Federn“, das köstliche Parodien-Buch von Robert Neumann (1. Engelhorns Nachf., Stuttgart), ist vielleicht seit Fritz Mauthners ״Nach berühmten Mustern“ die glänzendste Verulkung großer und kleiner Dichter. Es ist interessant, daß beide Versuche, den Stil eines Dichters zu karikieren, von Juden stammen, die hier ihr Einfühlungsvermögen in einer besonderen Weise betätigen. Das kleine Büchlein enthält zirka 70 kleine Stücke, jedes ein Kabinettstück, darunter natürlich auch Parodien jüdischer Autoren wie Karl Kraus, Beer-Hoffmann, Werfel, Döblin, Toller, Lasker- Schüler usw. Wer eine vergnügte Stunde haben will, soll das lesen. Iwri Onancfai. Illustrierte hebräische Fibel von M. Stengel. Verlag Josef Belf, Wien I. 2 M. Diese Fibel stellt gegenüber älteren Erzeugnissen einen merklichen Fortschritt der Methode dar. Leider sind die Bilder nur zum Teil gelungen. Die Aussprache-Bezeichnung ist aschkenasisch.